Die Theodizee-Frage in Leibniz' 'Discours de mètaphysique'


Hausarbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Allgemeine Vorstellung der Theodizee-Frage

2 Grundlagen für die Theodizee-Frage bei Leibniz
2.1 Konzeption individueller Substanzen und prästabilierte Harmonie der Substanzen
2.2 Definition menschlicher Freiheit

3 Darstellung der ”RechtfertigungenGottes“durchLeibniz
3.1 Theorie der Bestmöglichen aller Welten
3.2 Behauptung, dass Gott nicht die Ursache des Übels in der Welt ist
3.3 Bestreitung einer ungerechtfertigten Vorherbestimmung des Menschen zu falschem Handeln
3.4 Bestreitung einer ungerechten Verteilung der göttlichen Gnade

4 Analyse und Kritik
4.1 Kritik einzelner Thesen und Argumentationen
4.2 Darstellung des Zusammenhangs der einzelnen Argumente
4.3 Vergleich von Leibniz’ Lösungsansatz mit der traditionellen Theodizee Frage

1 Allgemeine Vorstellung der Theodizee-Frage

”EntwederwillGottdieÜbelbeseitigen,kannesabernicht.(Dannisterschwach,alsokein Gott.)

Oder er kann es und will es nicht. (Dann ist er mißgünstig, also kein Gott.) Oder er kann es nicht und will es nicht.

Oder er kann es und will es (wie es sich allein für einen Gott gehört) woher kommen dann die Übel in der Welt?“

(Epikur (um 341-270 v.Chr.))1

Das obige Zitat beschreibt die Fragestellung, ob ein Glaube an einen allmächtigen und allgütigen Gott angesichts des Leids in der Welt gerechtfertigt sein bzw. werden kann - die Theodizeefrage.

Diese Fragestellung, seit Epikur in der Geschichte der Philosophie immer wieder von neuem gestellt, ist eine der bedeutendsten Zweifel, die sich gegenüber einem Gottes- glauben ergeben können. In einer anderen Formulierung ergibt sich die Frage als die Schwierigkeit, folgende drei Prämissen miteinander in Einklang zu bringen: 1. Gott ist allgütig. 2. Gott ist allmächtig. 3. Es gibt Übel in der Welt. Für die Anhänger der meisten theistischen Religionen, insbesondere des Christentums, scheinen auf der einen Seite alle diese Prämissen wahr zu sein, die ersten beiden als Glaubensaussa- gen, die dritte als eine grundlegende Erfahrung in der Welt, aber auf der anderen Seite scheinen sie einen Widerspruch zu enthalten, wie Epikurs Formulieung veranschaulicht. Während Epikur diese Frage stellte, um das Gottesbild fragwüdig zu machen, stellt sich für Theologen als auch Philosophen die Frage, wie sich diese Annahmen miteinander in Einklang bringen lassen. Dabei wurden über die Jahrhunderte hinweg verschiedenste Wege eingeschlagen, die jeweils eine der Prämissen abschwächten bzw. ablehnten.

Für Leibniz2 war die Rechtfertigung Gottes eines der zentralen Anliegen seines philo sophischen Wirkens. Er widmete sich ihr ausführlich in seinem Werk ”DieTheodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels“(1710 ), das der Theodizee-Frage auch ihren Namen verlieh. Hergeleitet ist der Begriff von den altgriechischen Wörtern ”theos“Gottund ”dike“Gerechtigkeit.ImvorderTheodizeeverfasstenDiscoursdemétaphysique(1686 ) beschäftigt sich Leibniz vor allem zu Beginn und gegen Ende mit dieser Fragestellung, wenn auch zum Teil unter anderen Gesichtspunkten als der oben erläuterten ”tradi- tionellen“ Theodizeefrage- was ich unter anderem im weiteren Verlauf der Hausarbeit erläutern werde.

2 Grundlagen für die Theodizee-Frage bei Leibniz

2.1 Konzeption individueller Substanzen und prästabilierte Harmonie der Substanzen

Der Begriff der individuellen Substanz, der in diesem Abschnitt skizziert wird, ist zum Verständnis von Leibniz’ Lösungsansatz zur Theodizeefrage unerlässlich: Da ein ein- zelner Mensch nach Leibniz eine individuelle Substanz ist, vermittelt einem diese Defi- nition zusammen mit seiner Freiheitskonzeption die Grundlage seines Welt- und Men- schenbildes.

Ausgangspunkt von Leibniz‘ Substanzdefinition ist zunächst die traditionelle Substanz definition des Aristoteles:

”WennmehrerePrädikatedemselbenSubjektzugesprochen werden, und wenn dieses Subjekt selbst keinem anderern mehr zugesprochen wird, [nennt] man es eine individuelle Substanz.“3 Von der Frage ausgehend, was es bedeu- tet, ein Prädikat wahrhaft zuzusprechen, und unter Hinzunahme seiner Wahrheitsdefi- nition präzisiert und modifiziert4 Leibniz diese Definition dahin, ”dassdieNatureiner individuellen Substanz oder eines vollständigen Seienden darin besteht, einen derart vollständigen Begriff zu haben, dass er zureicht, alle Prädikate des Subjekts, dem dieser Begriff zugesprochen wird, zu enthalten und daraus herleiten zu lassen.“5 Eine Sub- stanz ist also nach Leibniz ein Wesen, das einen individuellen Begriff besitzt, der alle gegenwärtigen Eigenschaften und alles, was diesem Wesen je passiert ist und passieren wird, bestimmt. Daraus folgen mehrere Eigenschaften individueller Substanzen, wo- von die wichtigsten sind, dass jede Substanz ein Spiegel des ganzen Universums ist, dass eine Substanz unteilbar ist und nur durch Vernichtung vergehen kann. Auf welche Geschöpfe diese Definition zutrifft, also z.B. ob Tiere, Pflanzen, Steine etc. individuelle Substanzen sind, wird von Leibniz offengelassen; sicher äußert er nur, dass es sich bei Menschen um individuelle Substanzen handelt.

Wichtig zum Verständnis ist außerdem, dass die Substanzen ihre Substanzbegriffe bei ihrer Erschaffung von Gott erhielten; dass nur Gott diesen individuellen Begriff der Substanz kennt und damit schon durch Betrachtung ihres Begriffs weiß, was der jeweiligen Substanz geschehen wird.

Eine zweite entscheidende direkt mit der Substanzdefinition verbundene These im Discours ist die der prästabilierten Harmonie der Substanzen, die erklärt, inwieweit Substanzen aufeinander einwirken. Da der individuelle Begriff auch die Zukunft der Substanz mit einschließt, kann keine andere Substanz beeinflussen, was einer jeweils anderen Substanz geschehen wird. Daher ist nach dieser Theorie nicht die Einwirkung der anderen Substanz der Grund für etwas, was mit einer Substanz passiert, sondern allein deren individueller Begriff. Eine Kausalitätsbeziehung zwischen den Substanzen wird von Leibniz somit abgelehnt. Dass dennoch die Ereignisse in den Begriffen ver- schiedener Substanzen zusammenpassen - dass also z.B. in Brutus’ individuellem Begriff steht, dass er Cäsar ermordet und in Cäsars, dass er von Brutus ermordet wird- liegt

Leibniz zu Folge an der Harmonie der Substanzen: Gott wählte unter verschiedenen möglichen Welten eine aus, in der alle Substanzbegriffe in Einklang miteinander stehen und erschuf die Substanzen entsprechend. Dies ist aber nur Folge einer Entscheidung Gottes und stellt keineswegs eine logische Notwendigkeit dar.

2.2 Definition menschlicher Freiheit

In Theodizee 288 bis 304 äußert sich Leibniz zu seiner Vorstellung von menschlicher6 Freiheit: Danach sind Einsicht, Spontanität und Gleichgültigkeit einzeln notwendige und gemeinsam hinreichende Bedingungen für Freiheit. Dabei benutzt er diese Begriffe in folgender (vom normalen Sprachgebrauch abweichenden) Bedeutung:

Einsicht: Sie ist gleichbedeutend mit ”deutlichemWissen“und ”beimwahrenVer- nunftgebrauch angesiedelt“7. Jemand handelt mit Einsicht, wenn er sämtliche Zusam- menhänge mit der Vernunft überblickt, wohingegen die Sinneseindrücke nur zu verworrener Erkenntnis führen können. Damit ist Einsicht kein absoluter, sonden ein relativer bzw. gradueller Begriff; mit dem Maß an Einsicht, das ein Mensch in einer bestimmten Situation hat, variiert auch sein Maß an Freiheit.

Spontanität: Sie bedeutet nach Leibniz, dass die jeweilige Substanz ”beiihrenHandlun- gen nur von sich selbst und von Gott abhängt.“8 Da nach der Theorie der prästabilierten Harmonie Menschen als Substanzen niemals kausal von außen beeinflusst werden, ist die Spontanität also bei jedem Menschen in jeder Situation gegeben.

Gleichgültigkeit: Sie meint die Abwesenheit ”logischerodermetaphysischerNotwen- digkeit“9. Synonym dazu ist ”Zufälligkeit“10 ; keinenfalls jedoch in dem Sinne, dass die handelnde Person keine sie bei der Wahl leitenden Vorlieben, Neigungen etc. besitzt und ohne Gründe entscheidet. Nach Leibniz wäre in so einer Situation kein Zusammenhang mehr zwischen dem Willen der Substanz und ihrem Handeln vorhanden und damit keine Freiheit mehr gegeben.

Aber auch die Abwesenheit der logischen oder metaphysischen Notwendigkeit scheint hier zunächst ein Problem aufzuwerfen: Da der individuelle Begriff einer Substanz alles mit einschließt, was sie jemals tun wird, scheint alles, was sie tut, logisch/metaphysisch notwendig zu sein:

Sei A eine im Substanzbegriff einer Substanz s enthaltene Aussage über das Handeln von s der allgemeinen Form ”s tut a.“ Die Aussage ”EsistnichtderFall,dasssatut“ wäre damit unter Voraussetzung der Existenz der Substanz s analytisch falsch, denn die Aussage könnte durch Hinzunahme des Substanzbegriffs genauso auch als ”Esist nicht der Fall, dass die Substanz, die ... und die a tut, a tut“ geschrieben werden. Das Nicht-Tun von a wäre damit für s nicht möglich (die entsprechende Aussage würde einen logischen Widerspruch implizieren) und das Tun von a wäre somit für s logisch notwendig. Da metaphysisch notwendig alles was s tut, in ihrem Substanzbegriff steht, es also keine Handlung von ihr gibt, die nicht in ihrem Substanzbegriff steht, wäre damit jede ihrer Handlungen logisch/metaphysisch notwendig.

Leibniz reagiert auf diese Schwierigkeit in Abschnitt13 des DM11, indem er innerhalb der notwendigen Tatsachen eine weitere Unterscheidung trifft. In diesem Fall z.B. wäre damit A erst logisch notwendig, sobald sich Gott für eine Welt entscheidet, in der s a tut und damit in Leibniz Terminologie nur akzidentell (d.h. unter einer bestimmten Voraussetzung), nicht absolut notwendig. Vermutlich meint er hier mit ”Abwesenheit logischer Notwendigkeit“ nur die Abwesenheit absoluter logischer Notwendigkeit unter Zulassung akzidenteller als Bedingung für Gleichgültigkeit. Insgesamt erklärt Leibniz in den betreffenden Abschnitten der Theodizee, Menschen würden prinzipiell in jeder Situation frei handeln, wenn auch nur zu einem bestimmten Grad, was die obere Deutung der Abwesenheit logischer/metaphysischer Notwendigkeit stützt.

Zusammenfasssend schreibt Leibniz zu seiner Freiheitsvorstellung:

”DiefreieSubstanz entscheidet sich durch sich selbst, und zwar gemäß dem Motiv des vom Verstand erkannten Guten, das sie anreizt, ohne sie zu zwingen.“12

3 Darstellung der Leibniz ”RechtfertigungenGottes“durch

3.1 Theorie der Bestmöglichen aller Welten

Das erste Argument zur Rechtfertigung Gottes im Discours ist, dass unsere Welt die bestmögliche aller möglichen Welten darstellt, womit die vollkommenste aller möglichen Welten gemeint ist. Möglich ist eine Welt, wenn ihre Existenz keinen logischen Wider- spruch impliziert, da Leibniz zufolge auch Gott an die logischen Gesetze gebunden ist. Gott betrachtete zunächst alle möglichen Welten und schuf dann die bestmögli- che unter ihnen. Um diese Theorie aber nicht misszuverstehen, muss man wissen, was Leibniz unter der vollkommensten Welt versteht: In ihr stehen Wirkungen und Auf- wand an Prinzipien im günstigsten Verhältnis. Vergleichbar mit dem Prinzip einer Kosten-Nutzen-Rechnung ist damit eine Welt mit einfachen Gesetzen anderen Welten vorzuziehen, die unter großem Mehraufwand (d.h. mit einer Vielzahl an zusätzlichen Prinzipien) nur eine geringe Verbesserung der Wirkungen hervorbringen würden. Um diese Theorie etwas plausibler zu machen, verweist Leibniz hier auf Beispiele aus dem alltäglichen Leben wie auf einen Baumeister.

[...]


1 Epikur, Von der Überwindung der Furcht S. 136.

2 Leibniz war Protestant.

3 DM 8.

4 Leibniz’ Meinung nach war seine Definition keine Modifikation, sondern nur eine Präzisierung.

5 DM 8.

6 Auch wenn Leibniz zufolge die menschliche Freiheit in gewisser Weise die göttliche widerspie- gelt, unterscheidet er genau zwischen menschlicher und göttlicher Freiheit. Im weiteren Text sei zur Verkürzung der Schreibweise mit Freiheit, wenn nicht anders gekennzeichnet, immer menschliche Frei- heit gemeint.

7 Theodizee 289.

8 Theodizee 291.

9 Theodizee 288.

10 Theodizee 288.

11 Allerdings unter einem anderen Gesichtspunkt, die Freiheitsdefinition findet sich in der Theodizee, die Entkräftung der Schwierigkeit dagegen im früher verfassten Discours.

12 Theodizee 288.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Theodizee-Frage in Leibniz' 'Discours de mètaphysique'
Hochschule
Universität Konstanz  (Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: Leibniz, Discours de metaphysique
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V194409
ISBN (eBook)
9783656223306
ISBN (Buch)
9783656237471
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Leibniz, Theodizee, Discours de metaphysique, Metaphysische Abhandlung
Arbeit zitieren
Lisa Vogt (Autor), 2008, Die Theodizee-Frage in Leibniz' 'Discours de mètaphysique', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194409

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