Tradition vs. Moderne?

Karlheinz Stockhausens HELIKOPTER-STREICHQUARTETT im Spiegel der Gattungsgeschichte


Hausarbeit, 2011

28 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichis

1. Einleitung

2. Das Streichquartett im 20. Jahrhundert - ein musikhistorischer Abriss

3. Karlheinz Stockhausen: MITTWOCH aus LICHT
3.1. Der LICHT -Zyklus (1977-2002) - Entstehungsgeschichte und Inhalt
3.2. MITTWOCH - eine inhaltliche Einordnung in den LICHT-Zyklus

4. Das HELIKOPTER-STREICHQUARTETT aus MITTWOCH aus LICHT (1992/93)
4.1. Historie der Entstehung und Uraufführung
4.2. Aufführungspraktische Aspekte des HELIKOPTER-STREICHQUARTETTES

5. Tradition und Moderne - eine grobe Analyse des HELIKOPTER- STREICHQUARTETTES

6. Zusammenfassung

7. Abbildungen

8. Literatur- und Abbildungsverzeichnis
8.1. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gattungsgeschichte des Streichquartettes ist seit den Anfängen im 18. Jahrhundert stets mit dem Begriff der Tradition verbunden. Nicht zuletzt deswegen gilt es als eine eher archaische Gattung instrumentaler Musik. Im Laufe des 20. Jahrhundert ändern sich jedoch Umgang und Denken in Bezug auf das Streichquartett als musikalische Gattung und Möglichkeiten der musikalischen Arbeit mit eben dieser. Wege der Umwandlung, Ablehnung oder Fortsetzung der traditionellen Komposition sind die Folge. Doch inwieweit ist ein Werk wie das HELIKOPTER-STREICHQUARTETT von Karlheinz Stockhausen (1928-2007) noch traditionell? Und wenn nicht, was ist es dann? Eine Transformation des traditionellen Gattungsbegriffes, gar seine Auflösung? Oder ist es am Ende beides zugleich?

Diese Fragen werden Bestandteile meiner Hausarbeit sein. Zunächst soll ein äußerst komprimierter Abriss der Entwicklung des Streichquartettes im 20. Jahrhundert Aufschluss über die herrschenden Tendenzen der Musikgeschichte geben. Daran anschließend möchte ich näher auf den Opernzyklus LICHT von Stockhausen eingehen, speziell auf dessen Entstehung sowie Grundzüge des Inhalts. Nach einer Darlegung des inhaltlichen Konzeptes des MITTWOCH aus dem LICHT-Zyklus sowie seiner thematischen Einordnung in den Zyklus selbst, soll die Entstehungshistorie des HELIKOPTER-STREICHQUARTETTES anhand von Aussagen des Komponisten näher beleuchtet werden, ebenso die Komplikationen im Zuge der Uraufführung. Es folgen schließlich Erläuterungen bezüglich der Besetzung und aufführungspraktischer Aspekte sowie eine grobe musikalische Analyse des Werkes. Hierbei soll besonders das mögliche Spannungsfeld von Tradition, Transformation und Moderne erläutert werden. Erkenntnisse aus der Analyse und anderen Abschnitten der Hausarbeit werden abschließend in Kurzform noch einmal gerafft in einer Zusammenfassung dargelegt.

2. Das Streichquartett im 20. Jahrhundert - ein musikhistorischer Abriss

War das Streichquartett in vorherigen Jahrhunderten eine der führenden Gattungen der Instrumentalmusik gewesen, so verliert es im 20. Jahrhundert seine besondere Stellung als komplexeste und auch komplizierteste Form der Kammermusik. Auch der Status als angenehme Hausmusik geht nicht zuletzt durch größere Kompliziertheit und Komplexität verloren.

Zudem scheint eine Art Lagerbildung im 20. Jahrhundert zu existieren. Während einige Komponisten die Tradition des Streichquartettes nach Beethovens ästhetischen beibehalten (Bsp.: Luigi Nono: ‚ Stille - an Diotima ‘), so kann man, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, ein allmähliches Aufbrechen der traditionellen Kompositionsschemata des Streichquartettes beobachten. Seinen Anfang findet dieser Aufbruch jedoch schon zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Sei es in Form vom Aufbrechen der Tonalität durch Vertreter der Zweiten Wiener Schule bis hin zu Veränderungen in der Besetzung wie in Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-moll, in welchem zu der traditionalen Streichquartett-Besetzung im dritten und vierten Satz durch eine Sopranstimme ergänzt werden - ein ähnliches Novum in der Musikhistorie wie die Verwendung von Chor und Gesangssolisten in Beethovens neunter Sinfonie. Eine ‚Tradition im Kleinformat‘ stellt Anton Webern in seinen Sechs Bagatellen für Streichquartett her. Jedoch werden nicht nur Besetzungsformen oder Anlagen der Kompositionstechnik verändert, auch die Satzanzahl wandelt sich im Laufe des 20. Jahrhunderts. Bestand ein Streichquartett im klassischen Sinne stets aus 4 Sätzen, so wird diese Zahl im 20. Jahrhundert keinesfalls als Norm beibehalten. Anton Webern weist auf diesen Umstand demonstrativ hin, als er seine Fünf Stücke für Streichquartett mit einem Hinweis auf die nicht-traditionelle Zahl betitelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich das Verhältnis zum Streichquartett noch stärker. Für die Hausmusik ist es zu komplex in seiner Struktur und seinem Aufbau wird das Streichquartett immer vielfältiger, vielschichtiger. Waren es in den Hochzeiten des Streichquartettes als musikalischer Gattung Bestandteile wie durchbrochene Arbeit und musikalische Verarbeitungen von (erkennbarem analysierbarem) thematischen Material, so scheinen eben diese Bestandteile besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzubrechen, zu verschwinden, geradezu verdrängt zu werden. Hierbei muss jedoch erwähnt werden, dass zum Beispiel Komponisten wie Wolfgang Rihm versuchten, die traditionalen Formen der Beethovenschen Quartette mit Fortschritten und den Neuerungen des Jahrhunderts innerhalb der Gattung zu verbinden. Ein Versuch, den Geist der Tradition mit dem des Fortschritts zu verbinden. So lässt sich zusammenfassend sagen, dass das Streichquartett im 20. Jahrhundert sowohl traditionelle Bestandteile negiert und durch neue Kompositionsformen und musikalischen Umsetzungen ersetzt, als auch, dass die Tradition von einzelnen Komponisten erhalten wird bzw. versucht wird, eine Verbindung zwischen Tradition und Transformation zu finden. Einen eben solchen Versuch unternimmt auch Karlheinz Stockhausen in seinem Helikopter-Streichquartett aus seiner Heptalogie LICHT.

3. Karlheinz Stockhausen: MITTWOCH aus LICHT

3.1. Der LICHT-Zyklus (1977-2002) - Entstehungsgeschichte und Inhalt

Die folgende Aussage Ludwig Finschers in Bezug auf den Stellenwert des LICHT -Zyklus im Schaffen Stockhausens scheint treffender kaum formulierbar zu sein:

„ In diesem Kontext ist seit 1977 seinem LICHT-Projekt eineähnliche Schlüsselrolle in seinem Gesamtwerk zugefallen wie dem Ringprojekt im Oeuvre Wagners [ … ] . “ (1 )

Ebenso wie das Ring-Projekt der Wagnerschen Werke, welches immensen Zeit- aufwand mit sich brachte, ist auch die Heptalogie LICHT von Karlheinz Stock- hausen mit immanentem zeitlichen Aufwand und Abstand entstanden. Begonnen im Jahr 1977 und letztlich vollendet im Jahr 2002 stellt das LICHT-Projekt einen Meilenstein im Schaffen Stockhausens dar, wenn nicht sogar sein Lebenswerk. Wenngleich bis heute keine Gesamtaufführung der Heptalogie erfolgte, wahr- scheinlich aufgrund der expansiven Gesamtspielzeit des Werkes von rund 29 Stunden. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Wagner und Stockhausen besteht in ihrer Mehrfachfunktion. Genau wie Wagner verkörpert Stockhausen in seiner Heptalogie sowohl Komponist, als auch Librettist und Dramaturg und erweitert seine Funktionen teilweise durch technische Aufgaben Leitung der Aufnahme- und Tontechnik.

Wiederholt verbindet Stockhausen in seinem Zyklus sowohl elektronische, als auch instrumentale und vokale Musik und gestaltet sie zudem durch szenische Anweisungen oder (unter anderem) bildliche Imaginationen. So soll die Verwen- dung von bestimmten Düften benutzt werden, um den Zyklus der Entstehung der Welt mit allen Sinnen erlebbar zu gestalten. Das Werk soll für den Betrachter mehr sein, nicht allein musikalisches Erlebnis. Vielmehr ein Ergebnis der Additi- on aller verfügbaren Sinne. Die Darstellung der Entstehung der Welt in sieben Tagen, dargestellt durch die Hauptfiguren Michael, Eva und Luzifer. Ein Engel, ein gefallener Engel und schließlich Eva als menschliche Figur zwischen ihnen. Ursprünglich, so Stockhausen im Gespräch, sei auch eine vierte Person konzipiert gewesen. auch Adam sollte im Zyklus eine Rolle übernehmen, jedoch wurde die vierte Rolle letztlich gestrichen, da Stockhausen in ihr lediglich eine Dopplung der Eva gesehen habe (Frisius, 292). Drei Personen als Verkörperung der Entste- hung der Welt. Der MGG-Artikel zu Stockhausen von Friederike Wissmann for- muliert den Inhalt des Zyklus wie folgt:

„ Jedem der drei Protagonisten ist ein Wochentag zugeordnet: Donnerstag: Michael (Tag des Lernens); Samstag: Luzifer (Tag des Todes); Montag: Eva (Tag der Geburt). An drei weiteren Ta- gen stehen unterschiedliche Konstellationen im Vordergrund: Dienstag: Michael und Luzifer (Tag des Krieges); Freitag: Eva und Luzifer (Tag der Versuchung); Sonntag: Michael und Eva (Tag der mystischen Hochzeit). Der Mittwoch ist der Tag der Kommunikation zwischen allen Protagonisten. “ (2 )

Interessant hierbei scheinen auf den ersten Blick zwei Tatsachen: Zunächst scheint es seltsam, dass Stockhausen seinen Zyklus nicht mit dem MONTAG oder SONNTAG beginnt, sondern den DONNERSTAG als Beginn seiner Schöp- fungs- und Weltgeschichte auswählt. Für die Auseinandersetzung mit dem Heli- kopterquartett aus MITTWOCH ist jedoch vielmehr entscheidend, dass dieser Tag als Kommunikation unter allen Protagonisten verstanden wird. Es sei an die- ser Stelle erwähnt, dass der MITTWOCH ebenso als Tag der „Versöhnung“ (Bandur, 249) bzw. der „Vereinigung aller drei“ (Frisius, 293) bezeichnet wird. Die Verwendung eines Streichquartettes in der hier konzipierten Form für einen Tag der Versöhnung und Kommunikation soll im späteren Teil der Arbeit noch einmal aufgegriffen und erörtert werden.

Neben elektronischer und konkreter instrumentaler wie vokaler Musik verwendet Stockhausen in seinem Opernzyklus sämtliche musikalische wie technische Er- neuerungen, so werden in einigen Passagen die Protagonisten mehrfach besetzt, so wird Eva an einem Tag von gleich drei Sopranstimmen verkörpert. Im MITTWOCH erreichen die Einsätze von Technik sicherlich eine Art Kulminati- onspunkt.

Die Uraufführung von Teilen des LICHT-Zyklus (DONNERSTAG, MONTAG und SAMSTAG) fanden an der Mailänder Scala statt. Als letzter Teil des Zyklus wurde der SONNTAG in diesem Jahr in Köln szenisch aufgeführt (3 ). Letztlich sei noch erwähnenswert, dass Stockhausen zu Lebzeiten nach geeigne- ten Orten für eine Gesamtaufführung des Zyklus suchte. Unter anderem stand die Stadt Aix-en-Provence zur Debatte. Jedoch scheiterte dieses Vorhaben. Zudem verhinderten finanzielle, kulturpolitische oder institutionelle Probleme Auffüh- rungen einzelner Bestandteile des Zyklus in Deutschland, Italien und den USA (4 ).

3.2. MITTWOCH - eine inhaltliche Einordnung in den LICHT-Zyklus

Der MITTWOCH als Tag, welcher die Hälfte der Woche das umgangssprachliche ‚Bergfest‘) markiert, nimmt innerhalb des Zyklus von Stockhausen einen immanenten Platz ein. Nach dem Krieg zwischen Michael und Luzifer am DIENSTAG, dem „Tag des Krieges“ (5 ) folgt schließlich die Kommunikation innerhalb der agierenden Protagonisten der Opern-Heptalogie. Somit stellt der MITTWOCH den einzigen Tag innerhalb des Großwerkes dar, an dem nicht nur einzelne Akteure agieren bzw. Handlungen zwischen zwei Figuren dargestellt werden, beispielsweise die Versuchung Evas durch Luzifer am FREITAG oder die bereits erwähnte kriegerische Auseinandersetzung am DIENSTAG. Der MITTWOCH stellt somit nicht nur eine Besonderheit innerhalb der Handlung des Werkes dar, vielmehr ist er auch eine Kontrastierung zur vorangegangenen Handlung. Von Einzelhandlungen und dialogischen thematischen Verläufen hin zu einem Tag, an dem die Kommunikation uns Zentrum der Handlung gestellt wird. Nach Versuchung und Krieg (und damit verbundener Aggression) erfolgt nur eine Art Aussöhnung durch die Sprache, den Austausch von Informationen.

Im Gespräch mit Rudolph Frisius äußert sich Stockhausen wie folgt über die Konzeption des MITTWOCH:

„ Im MITTWOCH zum Beispiel sind die Klangmittel wieder sehr stark getrennt: Der erste Teil ist ein Werk für Chor a capella, etwa 40 Minuten lang, und hei ß t WELT-PARLAMENT. Der zweite Teil hei ß t ORCHESTER-FINALISTEN. Der dritte Teil ist ein HELIKOPTER-STREICHQUARTETT. [ … ] Der vierte Teil MICHAELION ist eine Verbindung von Chor und Solisten und Kurzwellenklängen. Jeder Teil vom MITTWOCH ist stark kontrastierend mit den anderen Teilen [ … ] [Ich] will, da[ss] die Grundkonzeptionen in den sieben Tagen sehr pers ö nlich, sehr unterschieden sind. “ (6 )

Interessant erscheint der vom Komponisten gewählte Titel des ersten Teils. WELT-PARLAMENT offenbart zum einen gewisser politische Gedanken der Partizipation am Weltgeschehen, wenn nicht gar ihrer eigenen Entstehung. Weiterhin wird durch diesen Titel der kommunikative Aspekt verstärkt, da hinreichend bekannt ist, dass Parlamente nur durch kommunikativen Austausch entstehen und bestehen können. Die zentrale Themenstellung des MITTWOCH wird somit von Stockhausen nicht nur musikalisch ausgedrückt, sondern auch durch die Betitelung bekräftigt. Eine erneute Intensivierung erfährt die Handlung durch die szenischen Anweisungen des Komponisten für die einzelnen Szenen.

[...]


1 Finscher, MGG , 1474

2 Wissmann, MGG, 1501

3 Wikipedia, Artikel: Karlheinz Stockhausen

4 Wissmann, MGG, 1474 f.

5 Wissmann, MGG, 1501

6 Frisius, 352

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Tradition vs. Moderne?
Untertitel
Karlheinz Stockhausens HELIKOPTER-STREICHQUARTETT im Spiegel der Gattungsgeschichte
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Kirchenmusik & Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar "Streichquartett im 20. Jahrhundert"
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V194496
ISBN (eBook)
9783656201229
ISBN (Buch)
9783656202127
Dateigröße
982 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikwissenschaft, Streichquartett, Stockhausen, Musikgeschichte, Gattungsgeschichte, Helikopterquartett, Musik des 20. Jahrhunderts, Elektronische Musik
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2011, Tradition vs. Moderne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194496

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