Globale Gerechtigkeit

Das Verständnis von Gerechtigkeit im Kontraktualismus


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

I. INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Gerechtigkeit - der zentrale Begriff im Kontraktualismus
2.1 Kontraktualismus - Geschichte und Entwicklung in der Neuzeit

3. Thomas Hobbes - Der Wegbereiter in der Neuzeit
3.1 John Locke - sein Gegenentwurf
3.2 Immanuel Kant - seine Weiterentwicklung
3.3 John Rawls - sein neuer Ansatz
3.4 Zusammenfassung

4. Fazit

III. Literaturverzeichnis

l. Einleitung

Ein zentrales Thema der politischen Philosophie ist die Legimitation politischer Grundordnung. Sie heben den Anspruch, dass diese Ordnung gerecht sein muss.[1] Es gibt verschiedene wissenschaftliche Positionen, wie etwa den Kommunitarismus, Utilitarismus oder aber auch die Vertragstheorie bzw. den Kontraktualismus. Die Vertragstheorie setzt sich unter anderem mit dem Spannungsverhaltnis zwischen der individuellen Freiheit des Einzelnen und der politischen Ordnung einer Gesellschaft auseinander. Herrschaftsordnungen schranken immer die Freiheit des Individuums ein. Die Theorie des Kontraktualismus beschaftigt sich daher unter anderem mit der Frage, wie sich diese Einschrankung durch eine politische Grundordnung rechtfertigen lasst.

Ein bedeutender Vertreter der Vertragstheorie ist unter anderem der US-amerikanischen Philosoph John Rawls (1921-2002). Sein vielbeachtetes Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ aus dem Jahr 1971 stellte in Anlehnung an den englischen Philosophen John Locke (1632-1704) und den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) eine Alternative zu deren Vertragstheorien vor. Er loste mit seinem Buch eine neue Debatte uber den Grundsatz der Gerechtigkeit in der politischen Philosophie aus.

An diesem Punkt setzt die Hausarbeit an. Sie wird sich mit der Frage beschaftigen, wie sich das Verstandnis von Gerechtigkeit bei klassischen Vertretern der Vertragstheorien unterscheidet. Meine These ist, dass das Verstandnis politische Gerechtigkeit sich von der Ebene innerhalb eines Staates hin zu einer globalen Dimension entwickelt hat.

Beim Versuch, Antworten auf meine Fragestellung zu bekommen, werde ich mich den Werken von vier Philosophen beschaftigen, und zwar mit dem Englander Thomas Hobbes (1588-1679) und seinem Werk „Leviathan“, mit dem bereits erwahnten John Locke und seinem „Zwei Abhandlungen uber die Regierungen“ und mit Immanuel Kant und seinem Hauptwerk „Zum ewigen Frieden“; und schliefilich mit John Rawls als zeitgenossischen Vertreter des Kontraktualismus und seinen Buchern „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und „Das Recht der Volker“.

2. Gerechtigkeit - der zentrale Begriff im Kontraktualismus

Der Begriff „Gerechtigkeit“ beinhaltet einen emotionalen Sinngehalt. In der wissenschaftlichen Literatur besteht daher uber den Begriff allenfalls in Grundzugen eine Einigkeit. Im Folgenden soll nun der Versuch unternommen werden, zu einer Annaherung an das heute vorherrschende Verstandnisse des Begriffes zu gelangen.

Der deutsche Philosoph Otfried Hoffe definiert im „Lexikon der Ethik“ aus dem Jahr 2008 Gerechtigkeit wie folgt:

„In einem «objektiven» (institutionellen, polit.-sozialen) Verstandnis ist Gerechtigkeit das grundlegende normative Prinzip des auderen Zusammenlebens in seinen Kooperations- und Konfliktaspekten. Gerechtigkeit ist das sittliche Ideal und Kriterium von individuellen Handlungen, von Institutionen, selbst der Grundordnung einer politischen Gemeinschaft. Diese Gerechtigkeit betrifft vor allem den Bereich Recht und Staat: die Gesetzgebung, Rechtsprechung und vollziehende Gewalt (die polit.-soziale Gerechtigkeit als normative Idee von Recht und Staat), dabei - als internationale Gerechtigkeit - auch die Beziehung der Staaten untereiander.“[2]

Nach dieser Definition wird dem Begriff von Gerechtigkeit demnach ein sittliches Ideal zugeschrieben, das die normativen Verhaltensregeln der sozialen Interaktion von Individuen und Gruppen, aber auch von Staaten bestimmen soll. Insbesondere der Rechtsstaat wird bei Hoffe explizit erwahnt. So soll der Staat bei seinen Entscheidungen und Handlungen nach den Kriterien der Gerechtigkeit verfahren.

Nach einer anderen Definition vom deutschen Politikwissenschaftler Klaus Schubert scheint Gerechtigkeit keine konstante Grode zu sein, sondern ein sich immer wieder verandernder Wert:

„Gerechtigkeit ist ein zentraler Grundwert und oberstes Ziel des Rechtsstaates, das als Ordnungs- und Verteilungsprinzip immer wieder neu bestatigt und angewandt werden muss.“[3]

Zusammenfassend kann man also sagen: Nach dem heutigen Verstandnis beeinflusst Gerechtigkeit also die normativen Prinzipien des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Als Ausgangspunkt wird der Rechtstaat genannt. Seine Funktion besteht demnach in der Bildung,Einhaltung und Durchsetzung von Gerechtigkeit. Das sind alles zentrale Begriffe, die in der Vertragstheorie bzw. im Kontraktualismus eine wesentliche Rolle spielen. Und weiter lasst sich festhalten, dass die Rolle der Gerechtigkeit in jeder politischen Gemeinschaft anders definiert wird.

2.1 Kontraktualismus - Geschichte und Entwicklung in der Neuzeit

Im Folgenden soll nun die Vertragstheorie bzw. der Kontraktualismus genauer vorgestellt werden. Anschliefiend sollen die vier bereits erwahnten Theoretiker der Vertragstheorien unter dem besonderen Aspekt der politischen Gerechtigkeit untersucht werden.

Der bis in das 17. Jahrhundert vorherrschende Autoritatsglauben verlor als Herrschaftsordnung in den damaligen Glaubenskriegen seine allgemeine Verbindlichkeit.[4] Im Zuge dieser Entwicklung entwarfen Philosophen eine neue Theorie. Sie fuhrte weg vom Glauben an eine autoritare Herrschaft hin zu einer Theorie, die eine zwangsbefugte Gesellschaftsordnung legitimierte: die Vertragstheorie. Sie ist zunachst mal ein„Gedankenexperiment“, so Otfried Hoffe, das dazu dienen soll, Recht und Staat zu legitimieren[5], und zwar moralisch und institutionell.

Nach dem Philosophen Henning Hahn ist ein Vertrag „eine rechtsverbindliche Ubereinkunft, in der sich unterschiedliche, auf ihren Vorteil bedachte Parteien auf ihr zukunftiges Verhalten festlegen.“[6]

Die Vertragstheorie besteht nach Otfried Hoffe aus drei Elementen:

1. „Im Naturzustand, also im rechts- und staatsfreien Zustand besitzen die Menschen keinerlei Rechte oder Sicherheit, daher befinden sich im latenten Kriegszustand von jedem gegen jeden.
2. Um diesen Zustand zu entkommen, verzichten die Menschen freiwillig auf ihre individuelle Handlungsfreiheit, die den Kriegszustand erst hervorbringt, und schliefien einen gemeinsamen Vertrag.
3. Da die Gefahr des Ausnutzens droht, benotigt man eine offentliche Gewalt, die die Einhaltung der Vertrage durchsetzt, also die des Staates.“[7]

Die Vertragstheorie ist demnach der Versuch rechts-staatliche Verhaltnisse zu legitimieren. Ausgangspunkt aller staatlichen Legitimitat ist das freie Individuum. Politische Ordnungen bedeuten, dass sie den einzelnen Menschen in ihrer Handlungsfreiheit einschranken. Folglich muss jede politische Ordnung sich gegenuber jedem einzelnem Individuum rechtfertigen. Der Staat verspricht seinen Burgern, Recht und Ordnung zu sichern, im Gegenzug verzichten sie freiwillig auf Teile ihrer Autonomie.

3. Thomas Hobbes - Der Wegbereiter in der Neuzeit

Als einer der ersten Vertreter der Vertragstheorie gilt Thomas Hobbes. Im Jahr 1651 schrieb er das Werk „Leviathan“. In seiner Theorie geht Hobbes von einem Naturzustand der Menschen aus. In diesem Zustand lebt der Mensch ohne Gesetz und Staat in Anarchie. Er hat ein Naturrecht auf Selbsterhaltung, notfalls auch gegen die Existenz seiner Mitmenschen. Die Menschen befinden sich also, laut Hobbes, „in einen Krieg eines jeden gegen jeden“[8]. Thomas Hobbes ist der Ansicht, dass es im Krieg, der im Naturzustand fortwahrend herrscht, keine Gerechtigkeit geben kann:

„Die Begriffe von Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit haben hier keinen Platz. Wo keine allgemeine Gewalt ist, ist kein Gesetz, und wo kein Gesetz, keine Gerechtigkeit.“[9]

Um aber Sicherheit und Schutz zu erlangen, schliefien sich die Menschen in einem Gesellschaftsvertrag zusammen. Sie verzichten auf Freiheitsrechte, die sie im Naturzustand besitzen, und unterordnen sich einem Gesetz, das sie im Gesellschaftsvertrag vereinbart haben. Erst wenn der Naturzustand durch den Zusammenschluss der Individuen mittels eines gemeinsamen Vertrages uberwunden ist, kann Hobbes zufolge Gerechtigkeit herrschen:

„Und in diesem naturlichen Gesetz liegen Quelle und Ursprung der Gerechtigkeit. Denn wo kein Vertrag vorausging, wurde auch kein Recht ubertragen, und jedermann hat ein Recht auf alles; folglich kann keine Handlung ungerecht sein. Wurde aber ein Vertrag abgeschlossen, so ist es ungerecht, ihn zu brechen, und die Definition der Ungerechtigkeit lautet nichts anderes als > die Nichterfullung eines Vertrages <. Und alles, was nicht ungerecht ist, ist gerecht.“[10]

Zur Einhaltung des abgeschlossenen „kunstlichen“11u Vertrages ist nach Hobbes eine ubergeordnete, absolute Gewalt notig; namlich der Staat, den Hobbes als „Leviathan“ bezeichnet. Er vertritt den Willen der Untertanen und gewahrleistet mit seiner Macht die Sicherheit der Menschen.

Der Gesellschaftsvertrag ist demnach die wesentliche Voraussetzung fur Gerechtigkeit. Aber, so der Autor, nur die formale Einhaltung des Vertrages ist Kriterium fur Gerechtigkeit, nicht aber sein Inhalt:

„Der Wert aller Gegenstande eines Vertrags bemiht sich nach dem Verlangen der Vertragspartner, und deshalb ist der gerechte Wert der, den sie zu zahlen bereit sind.“[12]

Im hypothetischen Naturzustand von Thomas Hobbes gibt es demnach keine Gerechtigkeit. Erst durch den Zusammenschluss von Individuen mittels eines Vertrages zu einer politischen Gemeinschaft konne Gerechtigkeit herrschen. Gerecht ist demzufolge, wer sich an die Gesetze halt. Diese gehen immer vom Leviathan aus. Daher kann keinerlei Ungerechtigkeit vom absoluten Souveran ausgehen, da dieser immer den Willen der Untertanen vertritt. Folglich ist alles gerecht, was zur Sicherheit und Schutz der Untertanen dient. Dies bedeutet aber auch, dass der Leviathan dem Gesetz nicht unterworfen ist. Umgekehrt hangt das Vertrauen der Untertanen in dem Gesellschaftsvertrag ab von der Rolle des Leviathans, des Souverans.

[...]


[1] Vgl. Hoffe (1979):195.

[2] Hoffe (2008):96.

[3] Schubert (2006):120f.

[4] Hofmann (2007):58.

[5] Vgl. Hoffe (2001):63.

[6] Hahn (2009):65.

[7] Vgl. Hoffe (2008):106f.

[8] Hobbes (1991):96.

[9] Ebd.:98.

[10] Hobbes (1991):110.

[11] Ebd.:134.

[12] Ebd.:115.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Globale Gerechtigkeit
Untertitel
Das Verständnis von Gerechtigkeit im Kontraktualismus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V194570
ISBN (eBook)
9783656198369
ISBN (Buch)
9783656200178
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerechtigkeit, Globale Gerechtigkeit, Kontraktualismus, Thomas Hobbes, Leviathan, John Locke, Zwei Abhandlungen über die Regierungen, Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Das Recht der Völker
Arbeit zitieren
Christoph Joschko (Autor), 2011, Globale Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194570

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