Das Prinzip der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem am Beispiel der sozialen Herkunft


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Der Elementarbereich
2.2 Der Primarbereich
2.3 Der Sekundarbereich
2.4 Der Hochschulbereich
2.5 Das Leistungsprinzip im deutschen Bildungssystem

3. Die Funktion des Bildungssystems

4. Schulabschluss und soziale Herkunft in der Statistik

5. Pierre Bourdieu - sein bildungs-theoretischer Ansatz
5.1 Der (Klassen-) Habitus
5.2 Die drei Formen des Kapitals
5.3 Die Illusion der Chancengleichheit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

In einer demokratischen Gesellschaft wie in der Bundesrepublik Deutschland ist das Prinzip der Chancengleichheit eine wesentliche Grundlage. So legt der Artikel 3 im Grundgesetz fest, dass „niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiosen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden (darf)[1].‘a Dieses Prinzip verfolgt auch die Bildungspolitik. Im Artikel 10 der Verfassung von Nordrhein-Westfalen steht beispielweise, dass „fur die Aufnahme in eine Schule Anlage und Neigung des Kindes mafigebend (sind), 2 nicht die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stellung der Eltern.“2

Das deutsche Bildungssystem spielt daher eine wesentliche Rolle in der heutigen Gesellschaft. So wurden in der Bundesrepublik im Jahr 2011 etwa 106 Milliarden Euro far 3 das Bildungswesen ausgegeben[3]. Im Schuljahr 2010/11 besuchten ca. 11,5 Millionen Schuler die allgemein bildenden sowie die berufsbildenden Schulen in Deutschland.[4] Diese Schuler werden von rund 800.000 Lehrern unterrichtet.[5] In keiner Institution verbringen Kinder und Jugendliche mehr Zeit als in der Schule: bis zum Mittleren Bildungsabschluss sind es durchschnittlich 10.000 Stunden.[6]

Das Bildungssystem dient in unserer heutigen Gesellschaft vor allem zur sogenannten Allokation, d.h. zur Zuordnung einer begrenzten Anzahl von Arbeitsplatzen. Durch das Prinzip der Chancengleichheit soll jeder Schuler die Moglichkeit bekommen, aufgrund seiner Anlagen und Leistungen einen der knappen Platze auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten. Denn die Berufswahl sichert spater nicht nur den Lebensunterhalt, sondern der Beruf teilt gleichzeitig die Menschen in soziale Klassen in der Leistungsgesellschaft ein. Die schulische Ausbildung entscheidet daher wesentlich uber die weitere soziale und berufliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Das Prinzip der Chancengleichheit in der Bildungspolitik wurde insbesondere durch die PISA-Studien, aber auch durch andere wissenschaftliche Studien grundlegend in Frage gestellt. Die Studien belegen unter anderem, dass der Schulerfolg nicht nur von den Anlagen und Leistungen, sondern vielmehr von der sozialen Herkunft abhangt.

An diesem Punkt setzt die Hausarbeit an. Sie wird sich mit der Frage beschaftigen, welche moglichen Ursachen es haben konnte, dass der Erfolg im Bildungssystem so stark von der sozialen Herkunft abhangig ist. Meine These ist, dass das deutsche Bildungssystem nicht soziale Gleichheit herstellt, sondern vielmehr Ungleichheit reproduziert.

Beim Versuch, Antworten auf meine Fragestellung zu bekommen, werde ich vor allem auf das Werk „Die Illusion der Chancengleichheit“ vom franzosischen Soziologen Pierre Bourdieu zuruckgreifen. In Zusammenarbeit mit seinem Landsmann, dem Soziologen Jean- Claude Passeron, veroffentlichte er das Buch im Jahr 1964. In diesem Buch beschaftigt er sich unter anderem mit der Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Bildungssystem in Frankreich. Dabei werden Parallelen zur Situation in der Bundesrepublik sichtbar.

Die Hausarbeit wird in vier Abschnitte aufgeteilt sein. Im ersten Teil stelle ich das deutsche Bildungssystem bis zum Hochschulbereich vor. Es soll sichtbar werden, nach welchem Strukturprinzip der Bildungsweg verlauft. Im zweiten Teil werde ich naher auf die Funktion des Bildungssystems in der modernen Gesellschaft eingehen. Anschliefiend setze ich mit zwei Datenerhebungen auseinander, die den Zusammenhang zwischen dem schulischen Erfolg und der sozialen Herkunft aufzeigen. Im letzten Teil werde ich, wie oben bereits erwahnt, mit Pierre Bourdieus Werk „Die Illusion der Chancengleichheit“ beschaftigen.

2. Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland

Im Folgenden soll eine schematische Darstellung des deutschen Bildungssystems erfolgen. Es soll drauf hingewiesen werden, dass in einigen Bundeslandern Teile des Bildungswegs recht unterschiedlich gestaltet sein konnen. Das Grundgerust des Bildungssystems folgt jedoch bundesweit den gleichen Regeln.

Das Bildungssystem in Deutschland klassifiziert sich in

- „den Elementarbereich,
- den Primarbereich,
- den Sekundarbereich,
- den Hochschulbereich [Tertiarbereich] und
- den Bereich der Weiterbildung [Quartarbereich].“7

2.1 Der Elementarbereich

Der Elementarbereich oder auch der Bereich der Vorschulischen Erziehung umfasst alle „Erziehungsvorgange [...], die sich von der Geburt bis zur Einschulung ereignen[8].“ Darunter wird vor allem der Besuch des Kindergartens verstanden. Der Besuch dieser Einrichtung geschieht in der Regel auf freiwilliger Basis.

2.2 Der Primarbereich

Die allgemeine Schulpflicht tritt nach Vollendung des sechsten Lebensjahrs eines Kindes in Kraft und beginnt fur die meisten mit der obligatorischen Grundschule. Diese geht in der Regel von der ersten bis zur vierten Jahrgangstufe.[9] Nach Beendigung der Grundschule steht der Ubergang in dem Sekundarbereich an. Der weitere Bildungsgang wird je nach Landesrecht von der abgebenden Schule, den Eltern oder beiden gemeinsam entschieden. Entscheidungskriterium fur die weitere Schulform sind vor allem die schulischen Leistungen der Schuler wahrend der Grundschule.[10]

2.3 Der Sekundarbereich

Der Entscheidung der abgebenden Grundschule bzw. den Eltern bestimmt die weitere schulische Laufbahn des Schulers wahrend des Sekundarbereichs. Dieser Bereich gliedert sich in zwei Stufen: Sekundarstufe I und II. In der ersten Stufe konnen die Schuler in den meisten Bundeslandern in folgende Schulformen versetzt werden:

- „die Hauptschule
- die Realschule
- das Gymnasium
- die Gesamtschule“[11]

Mit dem Ende der Sekundarstufe I endet auch meistens die allgemeine Schulpflicht far die Jugendlichen. Die Erfullung bestimmter Leistungsanforderungen der Schuler am Ende einer Jahrgangsstufe (in der Regel von der 5. bis zur 10. Jahrgangstufe) entscheidet uber die Versetzung in die nachsthohere Stufe[12]. „Der Ubergang in den Sekundarbereich II (erfolgt) entsprechend den Abschlussen und Berechtigungen, die am Ende der Sekundarstufe I [(in der Regel die 10. Jahrgangstufe)] erlangt werden.13 “ Die weiterfuhrenden Schulformen sind im Allgemeinen wie folgt:

- „die Berufsschule
- die Berufsfachschule
- die Fachoberschule
- das Berufliche Gymnasium/Fachgymnasium
- die Fachschule“[14]
- die „gymnasiale Oberstufe“[15]

2.4 Der Hochschulbereich

Die Schuler konnen in der Sekundarstufe II die allgemeine bzw. fachgebundene Hochschulreife erlangen. Anschliefiend besteht fur die Schulabganger je nach Schulabschluss die Moglichkeit, mit der allgemeinen Hochschulreife alle Hochschulen ohne Beschrankung zu besuchen oder mit einer fachgebundenen Hochschulreife nur bestimmte Studiengange zu belegen.[16] Der Hochschulbereich umfasst dabei folgende Formen:

- „Universitaten und gleichgestellte Hochschulen (Technische Hochschulen/Technische Universitaten, Universitaten-Gesamthochschulen, Padagogische Hochschulen);
- Kunst-und Musikhochschulen;17 Fachhochschulen und Verwaltungsfachhochschulen.“

Diese Aufzahlung insgesamt zeigt, wie breit gefachert das Bildungssystem in Deutschland ist. Bereits die Versetzung in die Sekundarstufe I bietet viele unterschiedliche Schulwahlmoglichkeiten an. In diesem Stadium sind daher fruhe Entscheidungen notwendig. Vor allem dem Elternhaus kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Spater entscheiden vor allem die Schulleistungen.

2.5 Das Leistungsprinzip im deutschen Bildungssystem

Es soll in der skizzenhaften Darstellung des deutschen Bildungssystems sichtbar werden, dass Schuler fur die Versetzung in die nachsthohere Schulform einen bestimmten Schulabschluss vorweisen mussen. Der jeweilige Schulabschluss setzt vor allem die Erreichung bestimmter Leistungskriterien der Schuler im Unterricht voraus. Diese Kriterien orientieren sich hauptsachlich an „schriftliche Arbeiten, mundliche Beitrage und praktische Leistungen“[18]. Am Ende eines jeweiligen Schuljahres werden die gesamten Schulleistungen der Schuler in Form von Zeugnissen zusammengefasst. Die Beurteilungen der Leistungen erfolgen nach einem „vereinbarten Notensystem“[19] bzw. „Punktesystem“[20] durch die Lehrer.

Das Bildungssystem agiert demzufolge nach einem strengen Leistungssystem, dem sogenannten „meritokratischen“ Prinzip. Es stellt sich daher die Frage, welche Funktion die Bewertung von Leistungen im deutschen Bildungswesen fur die Gesellschaft hat. Bei der Suche nach einer Antwort kann der Bildungsforscher Helmut Fend weiter helfen.

3. Die Funktion des Bildungssystems

Helmut Fend pragt bis heute mit seinen Werken die Entwicklung in der Bildungssoziologie. Er beschaftigt sich unter anderem mit der Wechselbeziehung zwischen Bildungssystem und Gesellschaft. Die folgenden Aufzahlungen stammen aus dem Werk „Neue Theorie der Schule“, das Fend im Jahr 2006 veroffentlichte.

[...]


[1] Deutscher Bundestag.

[2] NRW Landtag.

[3] Statistisches Bundesamt Deutschland (Dezember 2011).

[4] Statistisches Bundesamt Deutschland (Marz 2011).

[5] Statistisches Bundesamt Deutschland (Oktober 2007).

[6] Vgl. Ackeren/Klemm (2011):181.

[7] 1 Sekretariat der Standigen Konferenz der Kultusminister der Lander in der Bundesrepublik Deutschland (1995):19f.

[8] Baumert/Cortina/Leschinsky (2008):283.

[9] Vgl. Sekretariat der Standigen Konferenz der Kultusminister der Lander in der Bundesrepublik Deutschland (1995):20.

[10] Vgl. ebd.:20.

[11] Sekretariat der Standigen Konferenz der Kultusminister der Lander in der Bundesrepublik Deutschland (1995):20f.

[12] Vgl. ebd. :111.

[13] Ebd.:22.

[14] Ebd.

[15] Ebd.:116.

[16] Vgl. ebd.:150.

[17] Sekretariat der Standigen Konferenz der Kultusminister der Lander in der Bundesrepublik Deutschland (1995):22.

[18] Ebd.:110.

[19] Ebd.

[20] Ebd.:124.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Prinzip der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem am Beispiel der sozialen Herkunft
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V194575
ISBN (eBook)
9783656198314
ISBN (Buch)
9783656199786
Dateigröße
1528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chancengleichheit, Bildungssystem, soziale Herkunft, Pierre Bourdieu, Die Illusion der Chancengleichheit
Arbeit zitieren
Christoph Joschko (Autor), 2012, Das Prinzip der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem am Beispiel der sozialen Herkunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194575

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