Terrorismus - Rote Armee Fraktion

Die Rechtfertigung von Gewalt durch Terrorgruppen am Beispiel der Roten Armee Fraktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terrorismus - das politische Motiv der Gewalt
2.1 Die Bedeutung der Ideologie im sozialrevolutionaren Terrorismus

3. Der historische Entstehungsprozess der Rote Armee Fraktion
3.1 Die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik
3.2 Die Studentenbewegung der 60er Jahre in der Bundesrepublik
3.3 Die Grundung der Roten Armee Fraktion

4. Die Kampfschriften der Rote Armee Fraktion
4.1 Das Konzept Stadtguerilla

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Der Terrorismus ist nicht erst seit dem 11. September 2001 mit dem Anschlag auf das World Trade Center zum Synonym fur Angst und Schrecken in der Bevolkerung geworden. Auf alien Kontinenten dieser Erde kampfen Terrorgruppen teilweise schon seit Jahrzehnten gegen Staat und Gesellschaft. Sie alle eint der Wunsch, die politischen und gesellschaftlichen Verhaltnisse umzuwalzen. Diese Gruppen schrecken bei diesem Versuch nicht davor zuruck, auch Gewalt gegen unschuldige Burger anzuwenden. Sie fuhren etwa Bombenanschlage, Geiselnahmen oder Morde aus, um ihre Ziele zu erreichen.

Auch die Bundesrepublik Deutschland ist vom Terrorismus nicht verschont geblieben. So wurden Anfang der 70er Jahre die Bundesregierung und die deutsche Bevolkerung erstmals mit diesem Phanomen konfrontiert. Die „linksextremistischeu1 Rote Armee Fraktion (RAF) strebte in der Bundesrepublik eine Revolution im „sozialistischen Sinne“2 an. Sie wollte nach dem Vorbild sudamerikanischer Guerillabewegungen den „bewaffneten Kampf“3 in die Metropolen tragen: und zwar durch die Bildung einer „Stadtguerilla“[4]. Ihr Ziel war die Bekampfung der „staatlichen Ordnung“[5] sowie der „gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhaltnisse“[6] in der Bundesrepublik.

Die 60er und 70er Jahre waren in Bundesrepublik gepragt von wachsendem Wohlstand und einer niedrigen Arbeitslosigkeit. Die Anwendung von Gewalt gegen Staat und Burger ist vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die kaum soziale Spannungen barg, aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar. Die Grander der RAF selbst schienen den grundlegenden Widerspruch bemerkt zu haben - namlich zwischen dem Wunsch der Burger nach einem friedlichen Zusammenleben und der von ihnen praktizierten Gewalt. In ihren sogenannten Kampfschriften versuchten sie unter anderem ihre Gewaltanwendungen zu begrunden.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, anhand der ersten Kampfschrift „Das Konzept Stadtguerilla“ von April 1971 der RAF herauszufinden, welcher Begrundungen sich die RAF bediente, um die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele zu rechtfertigen. Meine These ist, dass in den 60er Jahre die theoretischen Auseinandersetzungen der Studentenbewegung uber die politischen, sozialen und okonomischen Verhaltnisse in Deutschland die praktische Umsetzung der Gewalt in der RAF vorbereitet haben.

Die Hausarbeit wird in drei Abschnitte aufgeteilt sein. Im ersten Teil werde ich das heutige Verstandnis von Terrorismus bzw. vom „sozialrevolutionaren“[7] [8] Terrorismus in der wissenschaftlichen Literatur darstellen. Andere Formen des Terrorismus wie etwa der religios motivierte sollen in diesem Zusammenhang unberucksichtigt bleiben. Es soll sichtbar werden, welche Strategien der Terrorismus verfolgt, insbesondere der „sozialrevolutionare“. Anschliefiend werde ich den historischen Entstehungsprozess der RAF aufzeigen. Im letzten Teil werde ich mich, wie oben bereits erwahnt, mit der Kampfschrift „Das Konzept Stadtguerilla“ der RAF beschaftigen. In diesem werden erstmals Argumentationsmuster der RAF zur Anwendung von Gewalt deutlich.

2. Terrorismus - das politische Motiv der Gewalt

Der Terminus „Terrorismus“ hat nicht nur einen politischen und sozialen, sondern auch einen emotionalen Sinngehalt. In der wissenschaftlichen Literatur besteht daher uber den Begriff allenfalls in Grundzugen Einigkeit. Im Folgenden soll nun der Versuch unternommen werden, zu einer Annaherung an das heute vorherrschende Verstandnis des Begriffes zu gelangen.

Die Bezeichnung Terrorismus geht nach den Politikwissenschaftlern Iring Fetscher und Gunter Rohrmoser in ihrem Werk „Ideologien und Strategien“ auf den franzosischen Ausdruck „La Terreur“ wahrend der Franzosischen Revolution ab dem Jahr 1789 zuruck. Die Revolutionstribunale versuchten damals Feinde der neuen Republik durch sogenannte „Bluturteile“ (d.h. Todesstrafen) einzuschuchtern. Mogliche „Konterrevolutionare“ sollten also in „Schrecken“[9] versetzt werden. Der sogenannte „Terror von oben“[10] diente in diesem Sinne der neuen revolutionaren Regierung zur Erhaltung ihrer Herrschaft.

Dieses Verstandnis eines vom Staat ausgehenden Terrors hat sich seitdem grundlegend gewandelt. Im heutigen Sprachgebrauch der Wissenschaft spricht man nun vom „Terror von unten“11 u, das heifit: Die Gewalt geht von einer relativ kleinen Gruppe gegen die herrschende politische Ordnung aus12.

Der Begriff „Terrorismus“ ist nach einer allgemeinen Definition im „Lexikon der Politikwissenschaft“ "eine Strategie der Gewalt, durch die das bestehende Herrschaftssystem ausgehohlt und primar durch die Verbreitung von Furcht und Schrecken (daneben bei einigen Gruppen auch durch das Werben um [...]

Sympathie) eine mehr oder weniger grundlegende politische-gesellschaftliche Umwalzung erreicht werden soil13.

Der gegenwartige Terrorismus in vielen Teilen der Welt unterscheidet sich also von anderen Gewalttaten durch seine vermeintlichen politischen Motive. Er lehnt die vorherrschenden politisch-gesellschaftlichen Verhaltnisse in den jeweiligen Staaten ab. Die Anwendung von Gewalt soll die bestehenden Grundstrukturen eines Herrschaftssystems zerstoren. Die Anschlage dienen dem Zweck der systematischen Erzeugung von Schrecken in der Gesellschaft, aber auch dazu die Unterstutzung potentieller Sympathisanten.

Diese Paradoxie - Verbreitung von Schrecken einerseits und Sympathiegewinnung andererseits - erklart der Soziologe Peter Waldmann in dem Buch „Determinanten des Terrorismus“ mit dem Hinweis, dass Terrorismus auch immer eine „Kommunikationsstrategie“[14] darstellt. Diese Strategie richte sich an vermeintliche Gegner sowie mogliche Sympathisanten.[15]

Ein Element dieser Strategie bilden nach dem Politikwissenschaftler Herfried Munkler in seinem Aufsatz „Guerillakrieg und Terrorismus“ die „psychischen Folgen“[16] der Gewaltanwendungen. So ist er der Auffassung, dass das Ziel von Gewaltanschlagen nicht primar die Gewalt selbst, sondern die „durch die Gewaltanwendung provozierten Reaktionen bei Freund, Feind und zunachst Gleichgultigen“ ist[17].

Fur Terroristen generell ist daher in erster Linie von Bedeutung, durch Anschlage Angst und Schrecken zu verbreiten, aber auch eine moglichst grofie Aufmerksamkeit in der Offentlichkeit zu erreichen. Diese Beobachtung gilt auch fur die RAF. Daruber hinaus aber verfolgte sie auch das Ziel, Anschlage auf wichtige Reprasentanten des Herrschaftssystems zu veruben, um das Systems selbst zu destabilisieren.

Die Massenmedien spielen eine bedeutende Funktion in der Strategie von Terroristen. Die Medien dienen als instrument und Forum zur Verbreitung [der] Ideen und Ziele“[18] von Terroristen. So gewinnen die Aktionen der Terroristen erst durch die Medien an offentlichkeitswirksamer Bedeutung.

Es lasst sich zusammenfassen, dass nach dem heutigen wissenschaftlichen Verstandnis Terrorgruppen bestehende politische Herrschaftsordnungen ablehnen. Die zahlenmafiige Unterlegenheit dieser Gruppen gegenuber der etablierten Macht (in der Regel der Staat) zwingt sie, systematisch aus dem Untergrund heraus zu agieren. Die Gewaltanschlage haben aber keinem Selbstzweck, sondern stellen ein taktisches Mittel dar. Terrorgruppen kommen mit ihren Anschlagen ins Zentrum offentlicher Diskussionen. Ihre Ideen und Ziele werden dadurch einem breiten Publikum vorgestellt. Zugleich sollen die herrschenden Gruppen einer Gesellschaft verunsichert werden.

Gleichzeitig sollen die Massenmedien auch die Kommunikation zu Gegnern (beispielweise zu staatliche Institutionen oder Behorden) sowie zu mogliche Sympathisanten herstellen. Das Ziel von Terroristen ist, die breite Bevolkerung fur ihre Ideen und Ziele zu gewinnen, umso eine grundlegende Veranderung der politischen und gesellschaftlichen Verhaltnisse voranzutreiben.

2.1 Die Bedeutung der Ideologie im sozialrevolutionaren Terrorismus

In der Wissenschaft werden unterschiedliche Formen des Terrorismus beschrieben.[19] Fur das Untersuchungsziel dieser Hausarbeit ist der linksextremistische „sozialrevolutionare“ Terrorismus von Bedeutung. Diese Form von Terrorismus soll nun im Folgenden naher beleuchtet werden.

Der sozialrevolutionare Terrorismus zeichnet sich nach Iring Fetscher und Gunter Rohrmoser durch politisch motivierte Personen und Gruppen aus, die darauf abzielen, den politischen und sozialen Status-quo in einer demokratischen Gesellschaft im Sinne einer sozialistischen Gesellschaft zu verandern.

Die Autoren schreiben weiter, dass die Infragestellung der bestehenden Gesellschaftsordnung, solange sich die Mehrheit der Bevolkerung in dieser Ordnung wohlfuhlt, der Rechtfertigung von Seiten der sozialrevolutionaren Terroristen bedarf. Ideologien spielen aus diesem Grund fur sozialrevolutionare Terroristen eine wesentliche Rolle bei ihrer Argumentation20.

Sozialrevolutionare Terroristen sprechen, wie der Politikwissenschaftler Manfred Funke in seinem Buch „Terrorismus“ schreibt, von einem Machtmissbrauch der Herrschaftseliten und von einer Unterdruckung der Bevolkerung. Das „Repressionssystem“21 soll aus Sicht der Terroristen durch Terroranschlage bestraft werden, die es mit seiner „direkten Gewalt“22 selbst zu verantworten hat. Die Gewalt des Staates rechtfertigt fur Terroristen die eigene Gewaltanschlage: Durch die Anschlage sollen die Repressionsmittel der Herrschenden offenkundig werden. Die Offenlegung soll das Bewusstsein scharfen, den Widerstand gegen das System zu starken und das „institutionalisierte Unrecht“23 zu uberwinden24.

Herfried Munkler schreibt in diesen Zusammenhang, dass Terrorismus unter anderem das Ziel verfolgt,„den Staatsapparat zu MaBnahmen zu provozieren, die mit seiner politischen Legitimation unvereinbar sind und die langfristig einen Prozess politischer Destabilisierung in Gang setzen.“[25]

[...]


[1] Hilker (2006):195.

[2] Pflieger (2011): 7.

[3] Hoffmann (1997):31.

[4] Hoffmann (1997):31.

[5] Pflieger (2011):15.

[6] Pflieger (2011):15.

[7] Hilker (2006):12.

[8] Hoffman (1999):16.

[9] Fetscher/Rohrmoser (1981):17.

[10] Fetscher/Rohrmoser (1981):17.

[11] Fetscher/Rohrmoser (1981):17.

[12] Vgl. Fetscher/Rohrmoser (1981):17

[13] Nohlen/Schultze (2010): 1087.

[14] Waldmann (2005):32.

[15] Vgl. Waldmann (2005):32.

[16] Munkler (2006): 86.

[17] Munkler (2006): 86.

[18] Nohlen/Schultze (2010): 1091.

[19] Vgl. Hilker (2006):12f.

[20] Vgl. Fetscher/Rohrmoser (1981):22.

[21] Funke (1977): 14.

[22] Funke (1977): 14.

[23] Funke (1977): 14.

[24] Vgl. Funke (1977): 14.

[25] Munkler (2006): 87.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Terrorismus - Rote Armee Fraktion
Untertitel
Die Rechtfertigung von Gewalt durch Terrorgruppen am Beispiel der Roten Armee Fraktion
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V194576
ISBN (eBook)
9783656198307
ISBN (Buch)
9783656200222
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RAF, Rote Armee Fraktion, Terrorismus, Sozialrevolutionärer Terrorismus, Kampfschriften, Das Konzept Stadtguerilla
Arbeit zitieren
Christoph Joschko (Autor), 2012, Terrorismus - Rote Armee Fraktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194576

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Titel: Terrorismus - Rote Armee Fraktion



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