Demokratie in Afghanistan?

Eine Analyse der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Afghanistan im Hinblick auf die Erfolgsmöglichkeiten der internationalen Demokratisierungspolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Was bedeutet Demokratie?
1.1 Kriterien für eine Demokratie
1.2 Begünstigende Faktoren
1.3 Staatstransformation

2. Der Petersberger Prozess und seine Folgen
2.1 Beschlüsse und Pläne
2.2 Exkurs: light footprint und afghan ownership
2.3 Die Security Sector Reform
2.3.1 Die Militärreform
2.3.2 Die Polizeireform
2.3.3 Das DDR-Programm
2.3.4 Die Bekämpfung der Drogenwirtschaft
2.3.5 Justizwesen
2.4 Wahlen 2005 – frei und fair?
2.5 Kritiken am Petersberger Prozess

3. Wie erfolgreich verläuft die Demokratisierung in Afghanistan?

Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

Nach einem mehr als 20jährigen (Bürger-)Krieg in dem nahezu die gesamte staatliche Infrastruktur des Landes verwüstet worden ist, galt Afghanistan zu Beginn des 21. Jahrhunderts als „failed state“.[1] Angesichts der extremen Destabilisierung des afghanischen Staates musste der Einmarsch der NATO im Herbst 2001 zur Befriedung und vor allem Demokratisierung des Landes als wahnsinniges Unterfangen erscheinen. In kaum einem Land der Welt ist es nach einem so langen Krieg geglückt, in einer relativ kurzen Zeitspanne demokratische Strukturen zu implementieren, man denke nur an Somalia oder die mehr als fragilen Friedensabkommen in den verschiedenen Bürgerkriegsgebieten Westafrikas. Doch in Afghanistan vollzieht sich seit nunmehr 6 Jahren ein politischer Wandel, welcher in der Geschichte des Landes und wohl auch weltweit einzigartig ist.

Noch im Herbst 2001 startete der Friedensprozess auf dem Petersberg bei Bonn und allgemein wurden hohe Erwartungen in ihn gesetzt. Doch nach sechs Jahren und einer sich stetig verschlechternden Sicherheitslage, muss man sich die Frage stellen: Wohin geht Afghanistan? Die Durchführung erfolgreicher Wahlen im Sommer 2005 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Land noch lange nicht vom langen Krieg erholt hat und ein Scheitern der Demokratisierung noch immer sehr gut möglich ist.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, anhand der politischen und auch wirtschaftlichen Entwicklung im Land den bisherigen Verlauf des Transformationsprozesses zu analysieren und mögliche Fehler aufzuzeigen. Dabei wird der Fokus auf den Entwicklungen im Rahmen des Petersberger Prozesses liegen, der zwar offiziell mit den Parlamentswahlen 2005 endete, aber dennoch wichtige Weichenentscheidungen für Afghanistan getroffen hat. Natürlich werden dennoch auch neuere Entwicklungen mit einbezogen werden, die sich nicht mehr im Rahmen des Petersberger Prozesses ereigneten. Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, den Petersberger Prozess in seiner Gesamtheit darzustellen, werde ich mich auf einige zentrale Aspekte konzentrieren. Hierzu gehören die konstitutiven Grundentscheidungen der Petersberger Konferenz ebenso wie die Security Sector Reform (SSR), aber auch wirtschaftliche Aspekte und die Arbeit internationaler Hilfsorganisationen.

Zuallererst soll jedoch geklärt werden, was genau unter einer Demokratie zu verstehen ist und wie eine Staatstransformation abläuft um dann anschließend anhand dieses theoretischen Rahmens die Einordnung Afghanistans vornehmen zu können.

In den vergangenen 6 Jahren ist eine Vielzahl an Literatur zu Afghanistan veröffentlicht worden, die nicht immer besonders qualitativ ist. Vieles ist inzwischen durch die Ereignisse auch schon wieder überholt. Die Veröffentlichungen von Frau Dr. Citha Maaß zählen dabei sicherlich zu den bedeutenderen, ebenso die Publikationen von Conrad Schetter, der bereits seit längerem zu Afghanistan forscht. Im ersten Teil stütze ich mich überwiegend auf die Theorien und Konzepte von Robert Dahl und Wolfgang Merkel.

1. Wie entstehen Demokratien?

Ehe es sich lohnt der Frage nach dem Erfolg, beziehungsweise dem bislang erfolgreichen Verlauf des Transformationsprozesses in Afghanistan nachzugehen, muss zunächst geklärt werden, ab wann anerkanntermaßen von einer Demokratie gesprochen werden kann und wodurch sie sich konsolidiert.

1.1 Kriterien für eine Demokratie

Innerhalb der Politikwissenschaft ist umstritten, ab wann man von einem demokratischen System sprechen kann. Durch die Existenz einer Vielzahl unterschiedlicher Demokratien weltweit – parlamentarisch, semi-präsidentiell, präsidentiell, direktdemokratisch etc. – erhält dieses eher theoretische Problem eine praktische Brisanz. Gerade in Zeiten, in denen zumindest westliche Entwicklungshilfe an die Förderung demokratischer Strukturen gekoppelt ist, ist es wichtig genau zwischen „echten“ und „falschen“ oder defekten Demokratien unterscheiden zu können.

Robert Dahl formulierte in verschiedenen Publikationen ein sehr minimalistisches Demokratiekonzept. Demnach müsse eine Demokratie, oder wie er es nennt Polyarchie, d.h. real existierende Demokratie[2], sechs unerlässliche politische Institutionen vorweisen können. Im Einzelnen sind diese

1. gewählte Volksvertreter
2. freie, faire und regelmäßige Wahlen
3. Meinungsfreiheit
4. alternative, d.h. nichtsstaatliche Informationsquellen
5. Versammlungs- und Vereinigungsrecht sowie
6. inklusive Staatsbürgerschaft.[3]

Hierbei handelt es sich um die institutionelle Manifestierung seiner 5 Minimalkriterien. Unter anderem nennt er hier gleiches aktives und passives Wahlrecht, politische Partizipation und Regierungskontrolle.[4] Seine hieraus abgeleiteten institutionellen Kriterien erscheinen sinnvoll. Geht man von der Wortwurzel aus, so kann eine Demokratie oder „Polyarchie“ nicht ohne vom Volk legitimierte Vertreter existieren. Damit es hierzu überhaupt kommen kann, bedarf es auch freier und fairer Wahlen. Gleichzeitig impliziert dies aber die Existenz eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses über die Möglichkeit eines Regierungswechsels, oder anders formuliert über „die prinzipielle Unbestimmtheit der Ergebnisse politischer Entscheidungen“.[5]

Im Übrigen hängen auch die anderen vier Punkte damit zusammen, da sich politischer Wille nur dann formulieren kann, wenn sich hieraus keine negativen Konsequenzen ergeben. Meinungsfreiheit, die Existenz alternativer Informationsquellen und Versammlungs- bzw. Vereinigungsrecht sind notwendige Kriterien für die Durchführung von fairen Wahlen. Der letzte Punkt erscheint bloß insofern relevant, als das auch in einer Demokratie klar sein muss, wer das Recht zur Wahl hat.[6]

Es fehlt hier jedoch ein wichtiger Punkt, der nach meiner Auffassung ebenfalls als Minimalkriterien zu gelten hat. Hierbei handelt es sich um die Rechtsstaatlichkeit, und zwar sowohl formelle als auch materielle. Die von Dahl formulierten institutionellen Kriterien mögen an sich ausreichend und hinreichend sein. Allerdings erscheint es mir notwendig auch den Schutz dieser Institutionen vor Machtmissbrauch als ein eigenes Kriterium zu formulieren. Natürlich sieht Dahl selber seine Kriterien als idealisiert an[7], doch ein Verzicht auf die Rechtsstaatlichkeit als Kontrollmechanismus bei der Formulierung praktikabler Kriterien, erscheint mir allzu realitätsfremd.

In seiner Erweiterung der Dahl’schen Kriterien nennt Merkel dann auch neben der Gewaltenteilung die Rechtsstaatlichkeit als wichtigen Punkt.[8] Ihm zufolge liegt gerade für junge Demokratien die größte Gefahr in der Suspendierung ziviler Rechte und Kontrollinstitutionen als Mittel einer schleichenden Reautokratisierung.[9] Eine Erweiterung um Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung ist meines Erachtens daher nur umso sinnvoller, da beide einander bedingen und schwerlich alleine existieren können. Hierfür spricht auch, dass laut Merkel und Puhle in defekten Demokratien der Defekt häufig im Bereich der Menschen- und Bürgerrechte, oder der horizontalen Gewaltenteilung zu finden ist.[10]

Weiterhin nennt Merkel 6 Klassifikationskriterien, über welche politische Systeme grob in Demokratie, Autokratie und totalitäres System eingeteilt werden können.[11] Hierbei handelt es sich um die Herrschaftslegitimation, der Herrschaftszugang, das Herrschaftsmonopol, die Herrschaftsstruktur, den Herrschaftsanspruch und die Herrschaftsweise. Nach seiner Darstellung kann also eine Demokratie auch anhand dieser Punkte überprüft werden. Eine echte Demokratie muss einen offenen Herrschaftszugang, eine pluralistische Struktur und eine begrenzte Herrschaftsweise aufweisen. Begrenzt deshalb, weil der Staat nicht total herrschen darf, sondern seine Macht beschränkt ist. Weiterhin muss sich der Herrschaftsanspruch auf das Prinzip der Volkssouveränität gründen.[12]

1.2. Begünstigende Faktoren

Politische Systeme und Institutionen entstehen nicht im leeren Raum. Vielmehr werden sie durch eine Vielzahl komplexer Faktoren positiv und negativ beeinträchtigt. Daher ist es notwendig auch die Frage nach den begünstigenden Faktoren zu stellen. Wie bereits erwähnt handelt es sich bei Afghanistan um einen Staat, dessen Transformationsprozess unmittelbare Folge einer NATO-Militärintervention ist. Es erübrigt sich also, begünstigende Faktoren für einen Regimewechsel darzustellen. Vielmehr soll an dieser Stelle versucht werden, einen kurzen Überblick über die vielen Theorien und Ansätze zu geben, welche sich mit diesem Thema befassen. Ganz konkret geht es hier also schlicht um die Frage, aus welchem Grund einige Transformationen erfolgreich sind und andere nicht. Immerhin fallen laut einem UN-Bericht 40 – 60% der weltweiten post conflict-societys in gewalttätige Konflikte zurück.[13]

Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts formulierte der Politikwissenschaftler Przeworski die so genannte „Modernisierungstheorie“. Er ging davon aus, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auch auf das politische System auswirken würde. Stark vereinfacht bedeutet dies: Je ärmer ein Staat gemessen an Bruttoinlandsprodukt ist, umso unwahrscheinlicher ist die Entwicklung eines demokratischen Systems. Empirische Untersuchungen bestätigten dann auch, dass Demokratien mit einem BIP von weniger als 1000 US-$ pro Kopf extrem instabil sind.[14] Erst ab einem BIP pro Kopf von mehr als 6000 US-$ wäre eine Demokratie ihm zu Folge so stabil, dass ein Rückfall in autoritärere Systeme praktisch ausgeschlossen werden könne.[15] Dabei ist der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und politischer Stabilität auf den ersten Blick nicht so genau zu erkennen. Lipset schrieb hierzu, dass mit dem Anstieg des Einkommens in der Regel auch ein Anstieg des Bildungsniveaus verbunden sei. Dies würde dazu führen, dass es zu einer allgemeinen politischen Mäßigung und zu einem sozialen Wandel kommt. Außerdem würde durch das wirtschaftliche Wachstum auch die Zivilgesellschaft gefördert werden.[16] Wirtschaftliches Wachstum muss nicht zwangsläufig zu einer Demokratisierung des Systems führen, man schaue nur auf die Arabische Halbinsel oder nach Singapur, doch begünstigt es scheinbar die Stabilisierung.[17]

Ein weiterer Politikwissenschaftler der versuchte, die Frage nach dem Grund für das Scheitern mancher Transformationen zu ergründen, ist der Finne Vanhannen. In seinem „Machtressourcen – Ansatz“ geht er davon aus, dass eine Demokratie durch eine möglichst breite Verteilung der Machtressourcen – Kapital, Rohstoffe, Sicherheit u.ä. - begünstigt wird. Dies würde nämlich dazu führen, dass keine Gruppe stark genug wäre, die anderen von der Macht auszuschließen, so dass sich ein demokratischer Konsens entwickeln würde.[18]

Weiterhin gibt es den strukturalistischen Ansatz. Die Strukturalisten gehen davon aus, dass sich demokratische Systeme in erster Linie über die ihnen zugrunde liegenden Strukturen stabilisieren. Hierbei seien besonders eine starke Arbeiterschaft, eine starke und modern eingestellte Mittelschicht und ein starkes Bürgertum wichtig. Ferner müsse der Staat stark genug sein um nicht in die Abhängigkeit von einer bestimmten sozialen Gruppe zu gelangen, aber zu schwach um eine von ihnen zu unterdrücken.[19]

Neben diesen drei Ansätzen existieren noch andere, die an dieser Stelle keine Erwähnung finden können. Auf den ersten Blick scheint es so, als würden die hier dargestellten Ansätze einfache Antworten auf eine komplexe Thematik bieten, doch dem ist nicht so. Alle drei gehen prinzipiell von der gleichen Grundannahme aus, dass wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand ein besonderer Stabilisator für eine Demokratie seien, doch legen sie den Fokus jeweils anders. Dabei erheben sie dennoch den Anspruch auf universelle Anwendbarkeit ihrer Theorie. Zu Recht betonen Merkel und Puhle, dass es so einfach nicht ist und vielmehr individuelle Lösungen gefunden werden müssen, die aus einer Kombination von mehreren Theorien bestehen können.[20]

Merkel geht weiter davon aus, dass ein stabiles System in der Lage sein muss, besondere an sich gestellte Aufgaben zu erfüllen. Dabei hängt in seinen Augen die Stabilität in sehr hohem Maße von der Unterstützung der Bevölkerung ab. Im Gegenzug muss der Staat jedoch in der Lage sein, die politischen und materiellen Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen.[21]

Um nun aber sicherzugehen, dass post conflict- oder failed-state-societys nicht wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückfallen, bedarf es auch einiger institutioneller Faktoren. So schreibt Dahl, dass der Staat und seine gewählten Vertreter in einer stabilen Demokratie die Kontrolle über die bewaffneten Kräfte, also Militär und Polizei, besitzen muss.[22] Im Rahmen der failed-states-Diskussionen wird dann auch das Vorhandensein eines Gewaltmonopols als „zentrales Kriterium für die Funktionstüchtigkeit eines Staates“[23] angesehen.

1.3 Staatstransformation

Die politische Transformationsforschung unterteilt sich in drei Phasen. Zunächst die Ablösung des alten Systems, dann die Phase der Institutionalisierung und schließlich die Konsolidierung.[24] Da im afghanischen Fall der Systemwechsel durch eine externe Militärintervention herbeigeführt worden ist, kann die erste Phase an dieser Stelle wieder vernachlässigt werden.

Wie aber sieht es mit den anderen beiden Phasen aus? Afghanistan befindet sich noch immer in einem Transformationsprozess. Angesichts der anhaltenden Gewalt und schlechten Sicherheitslage außerhalb der großen Städte wird sich hieran in den nächsten Jahren voraussichtlich auch nichts ändern. Um nun jedoch eine Antwort auf die Frage nach den bisherigen Ergebnissen der Transformation zu erlangen, bedarf es auch einer näheren Bestimmung der momentanen Position des Landes in diesem Transformationsprozess. Obwohl die Grenzen zwischen der Institutionalisierung- und der Konsolidierungsphasen fließend verlaufen und sich beide nicht gänzlich voneinander abtrennen lassen[25], soll dennoch im weiteren Verlauf dieser Arbeit eine tendenzielle Einordnung versucht werden. Hierfür muss jedoch zunächst geklärt werden, wodurch sich diese Phasen auszeichnen.

Innerhalb der Staatstransformation folgt die Institutionalisierung direkt auf die Ablösung des alten Systems. Dieser Umstand hat zur Folge, dass bis dahin gültige Normen und Institutionen für sich nur noch bedingt Gültigkeit in Anspruch nehmen können. Oftmals sind staatliche Institutionen auch durch den Machtmissbrauch der alten Eliten so stark in Verruf gekommen, dass sie mit diesen beseitigt werden.[26] Als eine Folge dieser Entwicklung entstehen dann neue Institutionen, welche zum Teil noch parallel zu den alten existieren und funktionieren. Für die neuen politischen Eliten bedeutet dies nach Merkel einen größeren Handlungsspielraum, der anschließend in der Konsolidierungsphase wieder eingeschränkt wird. Entscheidend ist in dieser Phase, dass es gelingt einen Interessenausgleich zwischen verschiedenen mächtigen Gruppen im Land herzustellen.[27] Dies setzt natürlich die Existenz von „demokratiefähigen Akteuren“[28] voraus und zwar nicht alleine auf der Elitenebene.[29]

Ein erfolgreicher Verlauf der Institutionalisierungsphase hängt nach Ansicht von Merkel und Puhle auch mit den ersten Wahlen, bzw. dem Ablauf derselben zusammen. Hier kommt es zum Beispiel darauf an, wie frei und fair sie sind, ob das Ergebnis anerkannt wird oder wer sie zu welchem Zeitpunkt ankündigt und ob sie dann auch tatsächlich zu diesem angesetzten Zeitpunkt stattfinden.[30]

Während sich also zumindest der Beginn der Institutionalisierung klar definieren lässt, ist dies bei der Konsolidierungsphase wesentlich schwieriger. Tatsächlich ist der Übergang fließend.[31] Im Allgemeinen wird der Beginn der Konsolidierungsphase mit der Abhaltung der ersten Wahlen nach dem Regierungswechsel angesetzt. Jedoch sieht Merkel vielmehr den Zeitpunkt als Beginn der Konsolidierung an, an dem eine neue Verfassung ratifiziert wird oder die alte revidiert wird.[32] Dieser Zeitpunkt erscheint sinnvoller, da mit dem Inkrafttreten einer Verfassung, sei es nun eine gänzlich neue oder lediglich die alte in revidierter Form, auch ein allgemein gültiger Rahmen in dem sich die Staatsmacht zu bewegen hat, festgelegt wird. Wenn man die Existenz eines solchen staatsrechtlichen Handlungsrahmens als Vorbedingung für den Beginn der Konsolidierung nimmt, dann ist es notwendig auch die Existenz entsprechender Kontrollmechanismen vorauszusetzen. Ebendies tut auch Merkel, der schreibt, dass die Existenz funktionsfähiger rechtstaatlicher Institutionen natürlich gegeben sein muss, damit man vom Beginn der Konsolidierungsphase sprechen kann.[33]

Die Konsolidierung findet laut Merkel auf vier Ebenen statt. Zunächst auf der konstitutionellen Ebene. Sie beinhaltet die Errichtung einer Regierung, eines Parlaments und der Judikative und ist laut Merkel am ehesten abgeschlossen. Es folgt die repräsentative Konsolidierung, Parteien und Interessenverbände entstehen. Anschließend folgt die Verhaltenskonsolidierung, die nach Merkel nur dann erfolgreich sein kann, wenn auch die vorhergehenden erfolgreich verlaufen sind. Denn hier beginnen die so genannten „informellen Akteure“[34] - das Militär, das Finanzbürgertum u.a. – damit, ihre Interessen hinter diejenigen des Staates zurückzustellen und diesen zu akzeptieren. Zuletzt folgt die Konsolidierung der Bürgergesellschaft.[35] Merkel gibt dabei selber zu, dass er hiermit einen maximalistischen Ansatz verfolgt und manche Forscher auch nur die konstitutionelle Konsolidierung und die Verhaltenskonsolidierung als entscheidend ansehen.[36]

[...]


[1] Malek, Martin o. J.: Restjugoslawien, Moldova, Afghanistan und die Erklärungsreichweite von „failed-states“-Teorien, Baden-Baden; S. 73.

[2] Merkel, Wolfgang 1999: Systemtransformation – Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Augsburg; S. 33.

[3] Dahl, Robert A. 1998: On Democracy, New Haven/London; pp. 83-85.

[4] Dahl ebd.; pp. 36-38.

[5] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 32.

[6] Dahl selber erläutert und begründet diese Punkte ausführlich in Dahl 1998: On Democracy; pp. 93-99.

[7] Dahl ebd; p. 40.

[8] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 32; Merkel, Wolfgang/ Puhle, Hans-Jürgen 1999: Von der Diktatur zur Demokratie – Transformationen, Erfolgsbedingungen, Entwicklungspfade, Wiesbaden; S. 12.

[9] Merkel, Puhle ebd.; S. 14f.

[10] Merkle, Puhle ebd.; S. 18f.

[11] Merkle 1999: Systemtransformation; S. 24f.

[12] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 26f.

[13] Wieland-Karimi, Almut 2005: Friedenskonsolidierung und Demokratisierung in Afghanistan - Die Rolle der Zivilgesellschaft, Berlin; S. 264.

[14] Merkel/Puhle 1999: Demokratie, S. 22ff.

[15] Merkel/Puhle ebd.

[16] Merkel/Puhle 1999: Demokratie; S. 28f.

[17] siehe hierzu genauer Merkel/Puhle ebd.; S. 21-33.

[18] Merkel/Puhle ebd.; S. 34ff.

[19] Merkel/Puhle ebd.; S. 44-48.

[20] Merkel/Puhle ebd.; S. 57.

[21] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 60.

[22] Dahl 1998: On Democracy; pp. 146-147.

[23] Malek 2006: „failed-states“-Theorien; S. 53.

[24] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 120.

[25] Merkel ebd.

[26] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 137f.

[27] Merkel ebd.

[28] Merkel/Puhle 1999: Demokratie; S. 106.

[29] Merkel/Puhle ebd. Merkel unterscheidet zwischen positiv und negativ motivierten Eliten. Während die positiv motivierten an das demokratische System glauben, lehnen es die negativ motivierten prinzipiell ab, sehen jedoch temporär keine „attraktive Alternative“ dazu. Nach Pridham spielt es für die Institutionalisierungsphase keine Rolle, ob die Eliten positiv oder negativ motiviert sind. Merkel 1999: Systemtransformation; S. 144.

[30] Merkel/Puhle 1999: Demokratie; S. 118.

[31] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 143.

[32] Merkel ebd.

[33] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 143.

[34] Merkel 1999: Systemtransformation; S. 147.

[35] Merkel ebd.; S. 146f.

[36] Merkel ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Demokratie in Afghanistan?
Untertitel
Eine Analyse der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Afghanistan im Hinblick auf die Erfolgsmöglichkeiten der internationalen Demokratisierungspolitik
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V196469
ISBN (eBook)
9783656225928
ISBN (Buch)
9783656226963
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
demokratie, afghanistan, eine, analyse, entwicklung, hinblick, erfolgsmöglichkeiten, demokratisierungspolitik
Arbeit zitieren
Jannina Wielke (Autor), 2008, Demokratie in Afghanistan?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196469

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Demokratie in Afghanistan?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden