Vom Ethos der Musik in Platons Musiklehre: Musik als Teil der Erziehung und Formung des Wesens des Menschen

Ein kurzer Vergleich von antiker und moderner Auffassung von der Musik als pädagogisch und ethisch wertvollem Einflussfaktor auf die Bildung


Essay, 2012

9 Seiten, Note: 1,0

Antonia Krihl (Autor:in)


Leseprobe

Die frühesten Auswirkungen von akustischer Wahrnehmung - Ursprung und Weiterentwicklung einer Theorie

Im modernen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, das besonders durch Schnelllebigkeit glänzt, haben wir bereits fast alles gesehen. Die Möglichkeiten, die sich dem Menschen in diversen wissenschaftlichen Arbeitsgebieten eröffnen, sind schier unendlich, ihrer Entwicklung beinahe keine Grenzen gesetzt. Längst vergessen sind in den Köpfen vieler die wertvollen philosophischen Hinterlassenschaften antiker Hochkulturen. Oder die ehemals bahnbrechenden Ideen eines frühneuzeitlichen da Vinci oder Galilei. Und doch obwohl uns Jahrhunderte, ja teilweise sogar Jahrtausende von diesen Zeiten trennen, sind die Ideen von damals längst nicht so antiquiert oder gar falsch wie wir womöglich manchmal vermuten.

Nehmen wir das Gebiet der Musik als Beispiel. Musik ist aus dem menschlichen Leben kaum wegzudenken. Sogar ein Mensch, der sich selbst nicht unbedingt als musikalisch oder Musikliebhaber bezeichnen würde, könnte musikalische Einflüsse auf sein eigenes Leben schwerlich abstreiten. Musik löst Gefühle aus, positive wie negative. Sie ist mit Erinnerungen verbunden und regt bestimmte Hirnareale zu bestimmten Reaktionen an. Sie kann Lern- und Arbeitsprozesse positiv steuern. Oder aber auch Aggressionen fördern und zum Ausbruch bringen. Musik ist ein Kommunikationsmittel, das nachweislich auch ohne Sprache funktioniert. Schon im Mutterleib kann ein Säugling Geräusche und somit auch Musik wahrnehmen und darauf unterschiedlich reagieren. Möglich ist sogar eine Prägung des Kindes in Bezug auf musikalische Reize, wie Studien zum Erinnerungsvermögen von Ungeborenen, beispielsweise von Catheline van Heteren aus dem Jahr 2000, zeigen. Spätere Reaktionen auf bestimmte Geräusche oder Musikformen können mitunter mit dieser Prägung in Verbindung gebracht werden. Interessanterweise jedoch setzt sich diese Erkenntnis erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tatsächlich durch und wird erst da auch medizinisch anerkannt. Der eigentliche Ursprung dieser Theorie jedoch liegt zeitlich sehr viel weiter zurück - und lässt sich bis in die Antike verfolgen. Manfred Spitzer thematisiert in „Musik im Kopf“ die Aussagen des griechischen Philosophen Empedokles zu der Abhängigkeit des ungeborenen Kindes von den Erlebnissen der Mutter. Empedokles stellte zwischen beiden einen Zusammenhang her und beschrieb, dass die äußeren Einflüsse auf die Mutter sowie auch ihre Gedanken den Fötus in seiner Entwicklung beeinflussen würden. Aus moderner Sicht erscheinen diese Theorien in der antiken Formulierung ihrer Schöpfer noch unausgereift, oft kann davon ausgegangen werden, dass sie mit damals weit verbreiteten abergläubischen Tendenzen durchsetzt sind. Trotzdem sind frappierende Grundtendenzen, die in die richtige Richtung wiesen, kaum von der Hand zu weisen - erstaunlich, wenn man den noch eher eingeschränkten universalen Wissensstand antiker Gesellschaften berücksichtigt.

Beobachtungen wurden angestellt und gerade der Mensch war bereits von jeher aufgrund seiner Selbstbestimmtheit und seines wachen Bewusstseins ein beliebtes Objekt diverser Experimente. Man beobachtete also und konstatierte bestimmte Ergebnisse anhand dieser Beobachtungen. Jedoch fehlte schlichtweg der nötige wissenschaftliche Hintergrund, über den unsere aufgeklärte Gesellschaft mehr als 2000 Jahre später verfügen kann um diese Beobachtungen auch tatsächlich richtig zu interpretieren und zu begründen. Ein Zeitgenosse Empodokles' war der berühmte Philosoph Platon. Dieser verfasste mehrere Schriften, in welchen auch die Rolle der Musik im Leben des Menschen ausgiebig thematisiert und definiert wurde. Schon kurze Zeit nach Platons Tod jedoch wurde Kritik an dessen Ideen laut. Und auch aus heutiger Sicht beurteilen viele Forscher die Vorstellungen des Philosophen als zu rigide und daraus folgend als zu unrealistisch um sich tatsächlich an ihnen orientieren zu können. Vermutlich ließe sich Platon heute als eine Art verbissener Idealist mit romantischer Veranlagung bezeichnen. Die Größe und Bedeutung seiner philosophischen Verdienstejedoch stehen nach wie vor außer Frage.

Platon und seine Musiklehre im politischen Kontext

„Darum ist die Musik der wichtigste Teil der Erziehung. Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten. Sie machen bei richtiger Erziehung den Menschen gut, andernfalls schlecht.“1 ', so beschreibt Platon in seiner Schrift über den idealen Staat die Wirkung der Musik auf den Menschen. Trotzdem muss bei dieser zunächst sehr modern anmutenden Aussage beachtet werden, dass der Philosoph die Musik und ihr Wesen für sich selbst streng definierte. Nur bestimmte Tonarten und einstimmige Melodien deklarierte er als vollkommen und rein und somit der positiven Entwicklung des Menschen zuträglich. Weiterhin ist nach Platon die Kunst als solche und als Oberbegriff für die Musik lediglich eine Mimesis, die Nachahmung dessen, was der Mensch in seiner natürlichen Umwelt wahrnimmt. Auch hier unterscheidet er wieder zwischen zwei Arten der Nachahmung: der guten und der schlechten. Als „gut“ kann Musik verstanden werden, die zur Tugendhaftigkeit, Tapferkeit und zur moralischen Verfestigung des menschlichen Wesens beiträgt. Als „schlecht“ hingegen gilt Musik, die Platon als sittlich fragwürdig und nur auf hedonistische Ziele ausgelegt betrachtet. Musik muss nach ihm außerdem mit Sprache gekoppelt sein, Sprache, die die positive Entwicklung der Persönlichkeit unterstützen soll, denn Instrumentalmusik vermittelt, so auch erwähnt bei Stefan Lorenz Sorgner, nur unspezifische Gefühlsregungen und verhindert so das Ausbilden expliziter, für das harmonische Miteinander im Staat lebender Individuen erforderlichen Eigenschaften.

So fortschrittlich Platons Ethoslehre, bezogen auf die Musik, heute auch noch erscheinen mag, so sehr ist man doch gerade hier stets dazu angehalten, den historischen Kontext nicht außer Acht zu [1] Vgl. Platon „Der Staat“, Buch III, Absatz 401.

lassen. Platon verfasste seine Schriften unter Berücksichtigung des Gedankens vom Schaffen einer idealen Gesellschaft bzw. eines idealen Staatssystems. Und in diesem System war die Musik neben weiteren Bestandteilen der persönlichen Entwicklung, wie beispielsweise die Gymnastik, nur ein Instrument, von dessen mächtigem Einfluss man bei „richtigem Gebrauch“ profitieren konnte - jedoch immer gemessen an dem, was einen Bürger zu einem vollwertigen, „gut funktionierenden“ und damit sittlich vorbildlichen Mitglied der Polis machte. Gerade vom Einfluss der Musik, einem Instrument zur Formung des Wesens, das schon früh als sehr mächtig erkannt wurde, versprach sich Platon dabei ganz besondere Ergebnisse. Die strenge Unterteilung verschiedener musikalischer Gattungen und das Vermeiden des Mischens derselben ist für ihn von höchster Bedeutung, denn alles andere konnte mit Anarchie gleichgesetzt werden. Eben diese vermehrt aufkommende „musikalische Gesetzlosigkeit“, wie sie Annemarie Neubecker bezeichnet, würde sich auch negativ auf andere Lebensbereiche auswirken und damit wäre in logischer Konsequenz auch das reibungslose Funktionieren des Staates gefährdet - eine Aussicht, gegen die sich der Philosoph verständlicherweise auflehnt. Diese Klage bzw. dieses Beharren auf zum einen der Weiterverfolgung traditioneller musikalischer Erziehungsansätze und zum anderen der Betonung der Wichtigkeit von der Musiklehre überhaupt sind jedoch durchaus begründet. Karl Heinrich Ehrenfort beschreibt diesen Sachverhalt in seiner „Geschichte der musikalischen Bildung“ folgendermaßen: „Weil die stabilisierende Funktion der Musikerziehung im griechischen Stadtstaat zur Zeit Platons nicht mehr selbstverständlich war, hat der Philosoph sie mit Nachdruck eingefordert. Der konservative Grundzug seiner Mahnung ist unverkennbar und lässt auch eine nachhaltig positive Tradition der musikalischen Erziehung schließen, die jedoch bereits an ihr Ende gekommen war.“[2]. Betrachtet man Platons Schriften und seine damit verbundenen teils recht starren Auffassungen von Musiklehre unter eben diesem von Ehrenfort genannten Aspekt der Vergänglichkeit, dessen sich der Philosoph stark bewusst gewesen zu sein schien, erscheint sein Festhalten an traditionellen Vorstellungen der Musikerziehung und die Furcht vor Veränderung, die möglicherweise schlechte Einflüsse auf die Gesellschaft haben könnte, nachvollziehbar und vielmehr schlicht menschlich als dogmatisch oder altmodisch.

Ebenfalls sehr wichtig in der modernen Beurteilung von Platons Schriften ist der Einfluss des Staatsmannes, Musiktheoretikers und Musiklehrers Damon von Athen. Nach Damon bedeuteten Veränderungen, beispielsweise bei der Jugenderziehung mit Musik, auch tiefgreifende Veränderungen im politischen Geschehen - eine Ansicht, die Platon von Damon übernahm und eine Aussicht, die ihn, obwohl man nicht direkt auf die Natur einer etwaigen Veränderung schließen konnte, verständlicherweise eher ängstigte und vorsichtig werden ließ als optimistisch stimmte.

Musik als pädagogisches, psychologisches und politisches Instrument?

Ist die Musik heute auch ein Einflussfaktor, der in vielerlei Hinsicht große Auswirkungen auf die menschliche Entwicklung und damit also auch eine nicht zu unterschätzende psychologische Wirkung haben mag, wird ihr doch zumindest in Bezug auf die politische Meinungsbildung oder Ausrichtung in die „richtige“ oder „falsche“ Richtung ein zu großer Einfluss abgesprochen. Zu Platons Zeiten war die Musik etwas, das zusammen mit anderen Elementen zunächst in der Entwicklung des Einzelnen, dann aber vor allem auch in politischer Hinsicht eine große Rolle spielte. Die Politik selbst nahm noch einen sehr viel größeren Raum ein im Leben des Einzelnen als das vermutlich heute der Fall ist und ebenso verhielt es sich mit der Musik, die sowohl im kultischen als auch im politischen Lebensumfeld, aber auch im Alltagsleben stets präsent war. Zwar kann Musik auch heute noch politisch wirken - Propaganda-Lieder beispielsweise sind sicherlich jedem ein Begriff und ganz besonders in totalitären Systemen wie zur Zeit des Nationalsozialismus weit verbreitet gewesen. Jedoch kann man im 21. Jahrhundert, ganz besonders in westlichen Gebieten, kaum noch von einem derartig hohen Bewusstsein im Leben des Einzelnen für politische Belange sprechen, wie es noch zur Zeit des Philosophen Platon der Fall war. Eine Zeit, wo tatsächlich fast jeder Bürger direkt oder indirekt in die Politik involviert war und wo die Demokratie als moderne und beliebte Staatsform gerade erst im Entstehen begriffen war. Wiederholt scheinen Platons Aversionen gegen eine Veränderung funktionierender Elemente innerhalb eines Systems, das gerade erst zu funktionieren begann, in hohem Maße nachvollziehbar.

Ein auffälliger Unterschied zu Platons Idealvorstellung des Gebrauchs von Musik im pädagogischen Bereich im Gegensatz zu heute ist das persönliche Hörerlebnis bzw. stellen die Emotionen dar, die beim Rezipienten während des Hörens ausgelöst werden. Der Philosoph vertrat neben seinem unverrückbaren Bild von Musik als pädagogisch-politischem Erfolgsrezept - bei gut dosiertem Einsatz der erforderlichen Zutaten - auch die Überzeugung, dass Genuss beim Hören oder Musizieren der moralisch einwandfreien Entwicklung im Wege stünde und, schlimmer noch, die Persönlichkeit in die Abgründe des sittlichen Verfalls leiten würde. Dass genau dieser Genuss bei kultischen Handlungen - ganz besonders im Zusammenhang mit dionysischen Zeremonien - zelebriert und praktiziert wurde und die Überlieferungen zu den ausgelassenen Handlungen während dieser Rituale, lieferte Platon vermutlich genau den Beweis, den er für die Belegung seiner Theorie und die Weiterverfolgung seiner Ideen benötigte.

Wer also die Musiklehre Platons aus heutiger Sicht als progressive Lernmethode für Körper, Geist und Seele für gut befindet, muss dabei bedenken, dass die Schüler im antiken Griechenland 400 v. Chr. zum einen vermutlich sehr selten selbst bei der Auswahl der von ihnen gespielten Musikstücke mitwirken durften und zum anderen das Absolvieren musikalischer Übungen eher als Pflicht denn als Erfüllung ansahen.

[...]


[1] Vgl. Platon ,,Der Staat",Buch III, Absatz.401.

[2] Vgl. Karl Heinrich Ehrenfort: „Geschichte der musikalischen Bildung. Eine Kultur-, Sozial- und Ideengeschichte in 40 Stationen. Von den antiken Hochkulturen bis zur Gegenwart.“. Mainz 2005. S. 41 f.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Vom Ethos der Musik in Platons Musiklehre: Musik als Teil der Erziehung und Formung des Wesens des Menschen
Untertitel
Ein kurzer Vergleich von antiker und moderner Auffassung von der Musik als pädagogisch und ethisch wertvollem Einflussfaktor auf die Bildung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Musikwissenschaften)
Veranstaltung
SE Einführung in die Musikarchäologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V196479
ISBN (eBook)
9783656257516
ISBN (Buch)
9783656258179
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musiklehre, Ethos, Platon, Antike
Arbeit zitieren
Antonia Krihl (Autor:in), 2012, Vom Ethos der Musik in Platons Musiklehre: Musik als Teil der Erziehung und Formung des Wesens des Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196479

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