Die Relevanz des Transnationalismus-Konzepts für den europäischen Spitzensport


Seminararbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Transnationalismus-Konzept nach Ludger Pries
2.1. Idealtypen der Migrationssoziologie
2.2. Transmigranten
2.3. Raumverständnis
2.4. Transnationalismus: Ursachen und Implikationen

3. Zur Kritik am Transnationalismus-Konzept

4. Bisherige sportsoziologische Studien zu Migration und Integration

5. Transnationalismus und Spitzensport
5.1. Politische und gesellschaftliche Gegebenheiten im europäischen Spitzensport
5.2. Transnationale Inklusions- und Exklusionsprozesse
5.3. Identitätsbildung im Spitzensport heute
5.4. Methodologische Implikationen

6. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Debatte um das Transnationalismus-Konzept hat in den 90er-Jahren eine ähnliche Dis- kussion entfacht, wie ein Jahrzehnt zuvor Ulrich Becks Individualisierungsthese in der Un- gleichheitsforschung. Manche erkannten mit der Loslösung vom vermeintlich althergebrach- ten Konzept „nationalstaatlicher Container“ bereits einen Paradigmenwechsel in der internati- onalen Migrationsforschung am Horizont. Andere erachteten die Aufkündigung von Begriffen wie „Nation“ und „Assimilation“ als verfrüht, empirisch unhaltbar oder theoretisch schlecht begründet.

In einem Teilbereich der Gesellschaft sind transnationale Lebensentwürfe schon seit Jahren Realität und beobachtbar: im Sport. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trat 2006 bei der WM im eigenen Land bunter als je zuvor auf, zudem bevölkern immer mehr deutsche Spieler Mannschaften in internationalen Topligen, was früher eher die Ausnahme war. Da Fußball die populärste Sportart in Europa ist, sind diese Entwicklungen hier besonders deut- lich sichtbar.

In dieser Hausarbeit soll erörtert werden, wie relevant das Transnationalismus-Konzept für den europäischen Spitzensport ist. Es stellt sich die Frage, ob es für internationale Wanderun- gen von Spitzensportlern überhaupt das richtige Konzept ist, oder ob traditionelle Modelle Spotler-Migration nicht doch besser erfassen können. Dazu soll das Transnationalismus-Kon- zept nach Ludger Pries dargestellt werden. Nach einem kurzen Abriss darüber, mit welchen Kritikpunkten daran angeschlossen wurde, soll ein Überblick über bisherige migrationssotio- logische Orientierungen in der Sportsoziologie geboten werden. Anschließend werden mögli- che Forschungsansätze diskutiert. Dabei wird auf Themen und Spannungsfelder im internati- onalen Spitzensport eingegangen, die mit dem Transnationalismus-Ansatz untersucht werden könnten.

Ziel dieser Hausarbeit soll es auch sein, die Kritik am Transnationalismus-Konzept für den Bereich des Spitzensports auszuräumen und darzustellen, dass hier mit traditionellen Konzepten der Migrationssoziologie tatsächlich Teilaspekte unterbelichtet bleiben.

2. Das Transnationalismus-Konzept nach Ludger Pries

Das Transnationalismus-Konzept lässt sich nicht leicht auf einen Autor zurückführen, mehrere Theoretiker formulierten in den 90er-Jahren Hypothesen und Ansätze, die wir heute unter „Transnationalismus“ zusammenfassen. Ein Autor, der jedoch besonders viel und ausführlich zu diesem Thema publiziert und geforscht hat, ist Ludger Pries, dessen Verständnis von Transnationalismus im Folgenden dargelegt wird.

2.1. Klassische Idealtypen der Migrationssoziologie

Pries entwickelt seinen Ansatz auf der individuellen Ebene der Migranten selbst und in Abgrenzung zu verschiedenen Idealtypen der klassischen Migrationsforschung. Er beschreibt den Transmigranten als neuen Typus, der sich von den klassischen Typen des Emigranten/ Immigranten, des Rückkehr-Migranten und des Diaspora-Migranten unterscheidet (Pries 2003: 28ff.). Diese Typen sollen zunächst kurz erläutert werden.

Unter Emigration/Immigration versteht Pries Migration, die auf Dauer angelegt ist und für den Migranten selbst stark von dem Bedürfnis nach Integration und Assimilation geprägt ist. Kontakte zum Heimatland seien jedoch nicht komplett ausgeschlossen (vgl. Pries 2003: 28). Rückkehr-Migration ist währenddessen zeitlich befristet, eine Rückkehr in das Herkunftsland ist fest geplant und wird angestrebt. Oft sei das primäre Ziel dieser Art von Migration der Gelderwerb (Pries 2003: 28), darunter würden also auch die Gastarbeiter in Deutschland fal- len, jedenfalls nach der ursprünglichen Konzeption der damaligen Bundesregierung.

Interessant für die Abgrenzung zur transnationalen Migration ist vor allem die Diaspora-Mi- gration. Diese sei durch religiöse oder sonstige Abhängigkeitsbeziehungen (beispielsweise zu international organisierten Unternehmen und Stiftungen) gekennzeichnet (vgl. Pries 2003: 28). Während sich ein Diaspora-Migrant räumlich durchaus integriert, geschieht dies im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereich meist nur teilweise. Ein Grund dafür sei, dass diese Art von Migration nicht primär durch Gelderwerb motiviert, sondern eher durch Flucht und Vertreibung gekennzeichnet sei (vgl. Pries 2003: 28f.). Noch deutlicher wird dieser Typus anhand der folgenden Definition der Diaspora:

»Eine Diaspora in diesem Sinne ist auf die Aufrechterhaltung von Differenz zu dem Verge- sellschaftungsgefüge der Ankunftsregion durch Betonung der Nicht-Differenz zum realen, überlieferten oder imaginierten Herkunftsland bzw. Zentrum des Diasporanetzes gegrün- det.« (Pries 2003: 29)

Es besteht also im Empfinden des Diaspora-Migranten eine klare Unterscheidung zwischen Heimat- und Ankunftsland. Der Diaspora-Migrant sieht das Ankunftsland nicht als neue Heimat, oft nicht einmal als Ersatzheimat.

2.2. Transmigranten

Ein wesentliches Charakteristikum des Transmigranten ist die Tatsache, dass hier internationale Migration nicht nur einmal, sondern regelmäßig und immer wieder geschieht:

»Für Transmigranten ist das Wechseln von Orten in unterschiedlichen Nationalgesellschaf- ten kein auf einen Zeitpunkt begrenztes einmaliges Ereignis als Ausnahmeerscheinung, sondern ein normaler Bestandteil von transnationalen Lebens- bzw. häufig Überlebensstra- tegien.« (Pries 2003: 25)

Während bei den klassischen Typen also klar zwischen Herkunfts- und Ankunftsland unter- schieden werden kann, ist dies bei Transmigranten nicht mehr so einfach. Dies liege daran, so Pries, dass Transmigranten an mehreren Orten gleichzeitig eingebunden seien, zwischen de- nen nationalstaatliche Grenzen lägen (vgl. Pries 2003: 31). Vor dem Hintergrund eines steti- gen Wohnortwechsels kann also folglich gar nicht mehr von einem Ankunfts land die Rede sein. Daraus ergeben sich methodologische Probleme für die Migrationsforschung, die weiter unten erörtert werden sollen. Zusammenfassend lässt sich bis hierhin sagen, dass Pries trans- nationale Migration als wiederkehrende Wohnortswechsel über nationalstaatliche Grenzen hinweg begreift.

Um den Begriff der transnationalen Migration noch etwas genauer zu bestimmen, ist eine ex- plizite Abgrenzung zu den anderen drei Idealtypen hilfreich. Der primäre Unterschied zur klassischen Emigration/Immigration dürfte bereits klar geworden sein: Der Transmigrant wechselt regelmäßig und immer wieder seinen Wohnort - und zwar über nationalstaatliche Grenzen hinweg - während für den Emigranten/Immigranten die Wanderung der „Ausnahme- fall eines normalerweise sesshaften Lebens“ (Pries 2003: 23) darstellt. Auch die Abgrenzung zur Rückkehr-Migration dürfte klar sein: Der Transmigrant hegt keine Pläne, in sein Heimat- land dauerhaft zurückzukehren, sondern befindet sich sozusagen ständig auf Auswanderung und Rückkehr zugleich. Nun darf transnationale Migration aber auch nicht als Mittelweg zwi- schen Emigration/Immigration und Rückkehr-Migration verstanden werden (vgl. Pries 2003: 30). Im Gegensatz zu den Migranten dieser Typen zeichnen sich Transmigranten nämlich da- durch aus, dass sie „Elemente der Herkunfts- und der Ankunftsregion aufnehmen und zu et- was Eigenem und Neuen transformieren“ (Pries 2003: 29), während bei den obengenannten Arten von Migration immer eine klare Dichotomie zwischen Herkunfts- und Ankunftsland und der Zeit vor und nach der Wanderung aufrecht erhalten wird (ähnlich Kraler/Parnreiter 2005: 330).

Die Abgrenzung zur Diaspora-Migration ist auf den ersten Blick etwas unscharf, Pries geht aber ausführlich darauf ein und argumentiert ähnlich wie oben:

»Während Diasporas gerade von der sozialen, zumindest aber kulturellen Schließung ge- genüber der Ankunftsgesellschaft leben, bilden sich im Falle der Transmigration neue sozi- al-kulturelle Muster und Formen der Vergesellschaftung heraus, die Elemente der Ankunfts- und der Herkunftsgesellschaft beinhalten und diesen gleichzeitig gerade durch die Neumi- schung und Vermischung einen qualitativ anderen Gehalt geben.« (Pries 2003: 29f.; Her- vorhebung im Original)

Auch bei der Diaspora-Migration findet also eine klare (oft qualitativ erhebliche) Unterscheidung zwischen Herkunfts- und Ankunftsland statt. Im Gegensatz zur Rückkehr-Migration ist hier eine Rückkehr aber oft nicht möglich oder wird zumindest als mittelfristig unmöglich wahrgenommen und daher nicht in Betracht gezogen. Dieses „Verharren“ in einem bestimmten Land stellt einen klaren Unterschied zur transnationalen Migration dar, die eben gerade durch häufige, grenzüberschreitende Wohnortswechsel gekennzeichnet ist.

2.3. Raumverständnis

In den vorangegangenen Ausführungen war immer wieder von Orten, Herkunfts- und Ankunftsländern die Rede, ohne diese Begriffe explizit zu definieren. Es folgt daher ein kleiner Exkurs zu Pries‘ verschiedenen Konzepten des Raumverständnisses, die für das Erfassen des Transnationalismus-Konzepts nicht unwesentlich sind.

Zum einen benennt er ein absolutes Raumverständnis mit einer „doppelt exklusiven Vers- chachtelung von geographisch-physischen Flächenräumen […] mit Sozialräumen“ (Pries 2003: 26), wobei der Sozialraum (kulturelle, sozialstrukturelle und andere Gegebenheiten) mit dem Flächenraum (dem nationalstaatlichen Territorium) deckungsgleich ist (vgl. Pries 2003: 26). Pries meint zu erkennen, dass sich diese Kongruenz von Flächen- und Sozialraum allmählich lockere (vgl. Pries 1997: 35). Mit anderen Worten: Ein zentraler Gedanke seines Ansatzes ist, dass sich Sozialräume bilden, die nationalstaatliche Grenzen überschreiten und nicht dort aufhören, wo ein neuer Nationalstaat beginnt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Relevanz des Transnationalismus-Konzepts für den europäischen Spitzensport
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Angewandte Soziologie: Migration und Integration in Europa
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V196529
ISBN (eBook)
9783656225355
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
relevanz, transnationalismus-konzepts, spitzensport
Arbeit zitieren
Filipp Münst (Autor), 2012, Die Relevanz des Transnationalismus-Konzepts für den europäischen Spitzensport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196529

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