Inverse Stresstests: Neue Anforderungen an Banken


Bachelorarbeit, 2012

55 Seiten


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

2 Risiko und Risikotragfähigkeit
2.1 Von der going-concern- zur gone-concern-Prämisse in der Finanzkrise
2.2 Anforderungen der Bankenaufsicht an das Bankrisikomanagement
2.3 Wesentliche Risikoarten im Bankgeschäft
2.3.1 Adressenausfallrisiko
2.3.2 Marktpreisrisiko
2.3.3 Liquiditätsrisiko
2.3.4 Operationelles Risiko

3 Stresstests als Bestandteil des Risikomanagements im Bankensektor
3.1 Grundlagen
3.2 Historische Szenarioanalyse
3.3 Hypothetische Szenarioanalyse
3.4 Schwächen des konventionellen Stresstestings

4 Inverse Stresstests als Ergänzung des konventionellen Risikomanagement- systems
4.1 Grundlagen
4.2 Stand der Umsetzung in den Banken
4.3 Qualitativer Ansatz
4.4 Quantitativer Ansatz

5 Inverse Stresstests an ausgewählten Beispielen
5.1 Anwendung des qualitativen Ansatzes
5.2 Anwendung des quantitativen Ansatzes

6 Stärken und Schwächen inverser Stresstests

7 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der Zusammenbrüche von Mitgliedsinstituten der amerikanischen Einlagensicherung FDIC 2000 - 2012

Abbildung 2: Beispielhafte Verlustverteilungsfunktion

Abbildung 3: Wirkung von makroökonomischen Entwicklungen auf die Risikotragfähigkeit

Abbildung 4: Verarbeitung der Ergebnisse aus Stresstests

Abbildung 5: Überblick über die Methoden des konventionellen Stresstestings

Abbildung 6: Vorgehensweise von konventionellen und inversen Stresstests

Abbildung 7: Klassifikation von Stresstests nach der Vorgehensrichtung

Abbildung 8: Vergleich der möglichen Szenarien Basis-Szenario, Stress-Szenario und Stresskurve eines inversen Stresstests

Abbildung 9: Umfrageergebnisse zur Umsetzung inverser Stresstests in deutschen Kreditinstituten

Abbildung 10: Darstellung des Eigenkapitals in Abhängigkeit zweier Risikofaktoren

Abbildung 11: Darstellung der kombinierten Häufigkeitsdichte

Abbildung 12: Zusammenführung der Wirkungsfunktion mit der Häufigkeitsdichte

Abbildung 13: Anwendung von Porters Fünf-Kräfte-Modell auf den qualitativen inversen Stresstest bei der Bank of Scotland

Abbildung 14: Darstellung der Wirkungsketten des Beispielinstituts in der Baumstruktur

Abbildung 15: Graphische Darstellung des Verlusts in Abhängigkeit der Risikokombinationen

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Das konventionelle Risikomanagement in Kreditinstituten wurde in der Vergangenheit im Wesentlichen über Value-at-Risk-basierte Modelle realisiert. Ihnen liegen oftmals empirisch-historische Verteilungsfunktionen der Risikotreiber zugrunde, die angesichts einer sich beständig wandelnden Institutsumwelt nicht in jedem Fall die jeweilige Risikosituation adäquat widerspiegeln können.[1] Für normale Marktphasen erweist sich das Konzept dabei durchaus geeignet; für extreme Marktphasen leitete sich jedoch die Notwendigkeit eines Instruments ab, das über Situationen Aussagen treffen kann, in denen der erwartete und unerwartete Verlust überschritten wird.[2] Bereits 2005 ist in der ersten Fassung des BaFin-Rundschreibens über die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) mit der Verpflichtung zu vorausschauenden Szenariobetrachtungen die wesentliche Basis heutiger aufsichtsrechtlicher Regelungen in Bezug auf das Stresstesting geschaffen worden (Allgemeiner Teil (AT) 4.3.2 Tz. 3 MaRisk2005). Diese wurden im Jahr 2010 um inverse Stresstests ergänzt (AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk2010; die MaRisk-Angabe bezieht sich im Folgenden auf die Fassung vom Dezember 2010).

Während mittels traditioneller Stresstestmethoden ein Ergebnis unter Berücksichtigung spezifischer Szenarien bestimmt werden soll, besteht der Ansatz der inversen Stresstests darin, für das vorab definierte Stresstestresultat der Nichtfortführbarkeit des Geschäftsmodells die möglichen Szenarien für dessen Erreichung zu ermitteln.[3] Die sich daraus ergebenden Szenarien lassen sich nach AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk sowohl qualitativ wie quantitativ ermitteln und beschreiben. In Kongruenz mit den Zielen der Bankenaufsicht soll durch diese unkonventionelle Durchführungsweise erreicht werden, dass Banken im Rahmen ihres Risikomanagements einen ganzheitlichen Blick auf ihre tatsächliche Risikosituation erhalten, der eine Abschätzung erlaubt, durch welche endogenen und exogenen Veränderungsprozesse die Gefährdung der Unternehmensfortführung erreicht werden kann.[4]

Von Interesse ist daher, welchen Erkenntnisbeitrag inverse Stresstests als Ergänzung des bereits bestehenden Risikomanagements der Banken leisten können. Praktische Erfahrungen gibt es aufgrund der Neuartigkeit des Instruments kaum.[5] Darüber hinaus macht die Branche die anspruchsvolle Umsetzung geltend, die je nach Institut perspektivisch auch eine quantitative Komponente umfasst und die sich insbesondere aus der Komposition und Variation einer Vielzahl verschiedener Risikoparameter ergibt.[6]

1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Daher soll diese Arbeit der Frage nachgehen, welche Bedeutung der Einführung inverser Stresstests beizumessen ist sowie welche Möglichkeiten und Grenzen dieses Instrument bietet. Den Einstieg bildet ein kurzer Abriss über Risiken des Bankgeschäfts und Risikotragfähigkeit, der aufzeigen soll, welchen wesentlichen Risiken Banken – auch im Nachgang der Finanzkrise – ausgesetzt sind und welche Anforderungen die Bankenaufsicht an das Bankrisikomanagement stellt. Anschließend wird auf das konventionelle Stresstesting als Instrument des Risikomanagements sowie dessen wesentliche Methoden und Schwächen eingegangen, um anschließend zum inversen Stresstest überzuleiten. Nach der Vorstellung und einer kritischen Würdigung der aktuell in der Diskussion befindlichen Methoden soll das Konzept an ausgewählten konkreten Beispielen unter Berücksichtigung der wesentlichen Risiken und der vorgestellten Methoden angewandt werden. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse münden abschließend in die Analyse, welche Stärken und Schwächen inverse Stresstests aufweisen und wie diese im Rahmen des Bankrisikomanagements berücksichtigt werden können.

2 Risiko und Risikotragfähigkeit

2.1 Von der going-concern- zur gone-concern-Prämisse in der Finanzkrise

Das existenzbedrohende Ausmaß dieses Zusammenwirkens war von den Banken nicht antizipiert worden: Leistungsstörungen amerikanischer Hypothekenkredite, die ein darauf aufbauendes Geflecht von Forderungsverbriefungen drastisch wertminderten, bis hin zum zugelassenen Zusammenbruch eines größeren Finanzinstituts mit hohem Grad an Interkonnektivität als Initialereignis für die schwerste Finanzmarktkrise seit den dreißiger Jahren. Das globale Finanzsystem wurde in seiner Breite erfasst. Die massive und kombinierte Realisierung verschiedener Risiken spiegelt sich dabei am deutlichsten in der Zahl der Bankinsolvenzen wider (vgl. Abbildung 1).

Die letzte Finanzkrise machte deutlich, dass die Unternehmensfortführungsannahme von Kreditinstituten sehr viel schneller gefährdet sein kann, als es gängige Risikomodelle im Vorfeld vermuten ließen. Es liegt auch im Wesen der z.B. im Marktpreisrisikobereich häufig unterstellten Normalverteilung begründet, dass entsprechende VaR-Konzepte das Risiko an den Verteilungsrändern (sog. „tail“-Risiko) systematisch unterschätzen.[7][8] Alternative Konzepte wie der Expected Shortfall für die Bestimmung des Verlusterwartungswerts im α-Quantil (d.i. das Irrtumswahrscheinlichkeitsniveau) sind ebenfalls nur bedingt hilfreich.[9] Zudem weisen die als konstant unterstellten Varianzen und Kovarianzen keineswegs die angenommene Konstanz auf.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl der Zusammenbrüche von Mitgliedsinstituten der amerikanischen Einlagensicherung FDIC 2000 - 2012

Quelle: Federal Deposit Insurance Corporation (2012), Hauptframe (siehe Internetverzeichnis), eigene Darstellung.

In einer Beurteilung im Nachgang der Finanzkrise haben die Regulatoren die Modelle der Banken für belastungsarme Zeiträume zwar als ausreichend bewertet, für Krisensituationen jedoch als unzureichend.[11] Die Finanzkrise ist deshalb ein sehr anschauliches Beispiel für solche Krisensituationen, da sich praktisch sämtliche Risiken materialisierten, denen Banken in ihrem Geschäftsbetrieb regelmäßig ausgesetzt sind.

Konkret realisierte sich das Adressenausfallrisiko in Gestalt eines Anstiegs der Hypothekenkreditausfälle in den USA, sinkender Schuldnerbonitäten sowie einer gleichzeitig ansteigenden Verlustquote durch drastisch sinkende Immobilienpreise und Sicherheitenwerte. Das Marktpreisrisiko wurde global durch sinkende Marktpreise in diversen Anlageklassen schlagend, was insbesondere bei zum Marktwert zu bilanzierenden Vermögenspositionen zu erheblichem Wertberichtigungsbedarf führte. Das Liquiditätsrisiko stellte sich für viele Banken als die vordringlichste Bestandsgefährdung dar. Der Verlust der Refinanzierungsmöglichkeiten auf dem Interbankenmarkt hatte für primär kurzfristig refinanzierte Institute, die nicht von den zuständigen Gebietskörperschaften gestützt wurden, den Untergang oder die Übernahme durch Wettbewerber zur Folge. Hinsichtlich der operationellen Risiken steigen nun im Nachgang der Finanzkrise auch die Kosten für die Führung und Beilegung von Rechtsstreitigkeiten stark an, da Geschädigte Falschberatung und Interessenkonflikte insbesondere im Hinblick auf Verbriefungen und Weiterverbriefungen geltend machen.[12] Und nicht zuletzt realisierte sich in exorbitantem Ausmaß das Reputationsrisiko. Dem Bankensektor werden heute in oftmals undifferenzierter Weise von Skepsis bis hin zu gewaltsamen Protesten vielfältige Formen der Antipathie entgegengebracht.

In der Gesamtbetrachtung hat das Thema Risiko und das Management der wesentlichen Risiken als zentrale Funktion innerhalb einer Bank in den letzten Jahren massiv an Bedeutung gewonnen. Dieser Sachverhalt ist nicht nur durch einen Erkenntnisprozess innerhalb der Banken begründet, sondern vor allem durch die Aufarbeitung der Krise durch die Bankenaufsicht, weshalb im Folgenden die wesentlichen Anforderungsprinzipien dargestellt werden sollen, die die Aufsicht an das Bankrisikomanagement stellt.

2.2 Anforderungen der Bankenaufsicht an das Bankrisikomanagement

Der derzeit gültige regulatorische Rahmen für Kreditinstitute ergibt sich EU-weit aus den maßgeblichen Richtlinien 2006/48/EG (Bankenrichtlinie) sowie 2006/49/EG (Kapitaladäquanzrichtlinie) zur europarechtlichen Umsetzung von Basel II. Innerhalb dieses Gesamtkonzepts wird die Anforderung an Banken gestellt, ein internes Kapitaladäquanzverfahren (ICAAP) einzurichten, das die beiden Komponenten Risiko und Risikodeckungspotential verbindet. Banken müssen sicherstellen, dass sie ihre wesentlichen Risiken identifizieren und quantifizieren können sowie geeignete Managementsysteme für diese Risiken einsetzen und weiterentwickeln. Außerdem ist für die Risikotragfähigkeit angemessenes internes Kapital vorzuhalten, dessen Höhe aus dem Risikoprofil des einzelnen Kreditinstituts abzuleiten ist (AT 4.1 Tz. 1 MaRisk). Die novellierten MaRisk vom Dezember 2010 beinhalten in AT 4 die grundlegenden Regelungen zum Risikomanagement der Kreditinstitute und speziell in AT 4.3.3 die regulatorischen Anforderungen an Stresstests als Teil des internen Kontrollsystems. Erstmals wird auch die Anforderung an die Banken gestellt, inverse Stresstests durchzuführen (AT 4.3.3 Tz. 3 MaRisk). Die Einführung hatte bis zum 31. Dezember 2011 zu erfolgen.[13]

Die Anforderungen an das Risikomanagement im Allgemeinen und (inverse) Stresstests im Besonderen sind geprägt von der grundsätzlichen Ausrichtung der MaRisk, den Instituten unter Berücksichtigung des Wesentlichkeits- und Proportionalitätsgrundsatzes Methodenfreiheit zu gewähren (AT 4.1 Tz. 8 MaRisk). Danach haben Banken ihr Risikomanagement in Abhängigkeit von Art, Umfang, Komplexität und Risikogehalt ihres Geschäfts einzurichten und Art und Weise der Risikomessung und –steuerung festzulegen (AT 4.3 Tz. 1 und AT 4.3.2 Tz. 1 MaRisk). Weitere Anforderungen der Aufsicht sind das Gebot der Vollständigkeit der Risikoabbildung, der Konsistenz der Verfahren sowie das Vorsichtsprinzip.[14]

Das Risikoprofil einer Bank ist in erheblichem Ausmaß das Resultat der verfolgten Geschäftsstrategie. Der zunehmend ausgeprägte aufsichtsrechtliche Fokus auf die stärkere Verknüpfung von Geschäftsstrategie und Risikostrategie trägt der letzten Finanzkrise Rechnung (AT 4.2 Tz. 2 MaRisk). Größere Bedeutung als zuvor nimmt die Identifikation wesentlicher Risiken innerhalb des Gesamtrisikoprofils eines Kreditinstituts ein. Zur Klassifizierung als wesentliches Risiko eignet sich beispielsweise der Grad der Beeinträchtigung der Vermögens-, Ertrags- und Liquiditätslage (AT 2.2 MaRisk).

Den Banken wird die regelmäßige Ermittlung der wesentlichen Risiken, die Teil des Gesamtrisikoprofils des jeweiligen Instituts sind, im Rahmen einer Risikoinventur vorgeschrieben. Im Folgenden soll daher auf die Risiken eingegangen werden, die nach AT 2.2 Tz. 1 der MaRisk grundsätzlich wesentliche Risiken sind und wie diese im Kontext des Stresstestings berücksichtigt werden können.

2.3 Wesentliche Risikoarten im Bankgeschäft

2.3.1 Adressenausfallrisiko

Die Definition des Adressenausfallrisikos wird in § 4 Abs. 2 Satz 2 SolvV vom Gesetzgeber vorgenommen und bezeichnet das Risiko, dass ein Kreditnehmer den Rückzahlungsanspruch der Bank nicht oder nicht fristgerecht erfüllt oder das Kreditinstitut aufgrund des Ausfalls eines Dritten leistungspflichtig wird. Zusätzlich wird das mit Beteiligungen verbundene Risiko umfasst. Im Zusammenhang mit Stresstests kann die Belastungssituation etwa über die Erhöhung der Ausfallwahrscheinlichkeiten (PD) oder der Verlustquoten (LGD) dargestellt werden.[15] Außerdem ist auch eine Erhöhung der Kredithöhe bei Ausfall (EaD) denkbar, wenn z.B. bei abnehmender Liquidität im Interbankenmarkt und sinkender Bonität der Gegenparteien unwiderruflich abgegebene Kreditzusagen an andere Institute unerwartet in Anspruch genommen werden.

2.3.2 Marktpreisrisiko

Das Marktpreisrisiko umfasst die in den §§ 294 bis 312 SolvV aufgeführten Risiken, mit Ausnahme von aktienkurs- und zinsbezogenen Risiken bei Instituten, die den Befreiungstatbeständen nach § 2 Abs. 11 KWG unterliegen (Nichthandelsbuchinstitute). Das Marktpreisrisiko lässt sich über Minderungen der Marktpreise der relevanten Positionen, Geld/Brief-Spannenausweitungen und Wechselkursänderungen realisieren sowie bei zinsbezogenen Positionen über Zinskurvenverschiebungen und –drehungen.[16] Eine der Herausforderungen im Rahmen von Stresstests besteht in der möglicherweise relativ hohen Inanspruchnahme von Risikodeckungspotential, wenn das Risikomaß auf den im jeweiligen Stresstest betrachteten Zeitraum hochskaliert wird.[17] Änderungen der impliziten Volatilität können Risiken bei nichtlinearen Derivaten realisieren.

2.3.3 Liquiditätsrisiko

Das erst seit 2005 in den aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen als eigenständige Risikoart geführte Liquiditätsrisiko hat sich in den letzten fünf Jahren als sehr realistisches und vor allem existenzielles Risiko erwiesen, das eine Reihe von Instituten an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat. Das Liquiditätsrisiko ergibt sich regelmäßig als Folge eines Schlagendwerdens einer anderen Risikoart. Das in der jüngeren Vergangenheit ausgeprägt erkennbare Marktliquiditätsrisiko realisiert sich, wenn z.B. in Interbankenmärkten aufgrund von Informationsasymmetrien bezüglich der Gegenparteirisiken Dysfunktionen in Form von Marktilliquidität auftreten.[18] Somit können Belastungssituationen über den Ausfall von Gegenparteien oder deren extensives Fernbleiben vom Markt sowie über einen Anstieg der Bonitätsaufschläge simuliert werden.[19]

2.3.4 Operationelles Risiko

Nach der Legaldefinition des § 269 Abs. 1 SolvV umfasst das operationelle Risiko drohende Verluste, die aus unzureichenden internen Verfahren und Systemen resultieren oder durch externe Ereignisse und Rechtsrisiken verursacht werden. Das operationelle Risiko ist im Stresstesting ebenso zu berücksichtigen, wenngleich sich die Quantifizierung bereits im Rahmen der Risikomessung zum Teil diffiziler gestaltet (oder aufgrund fehlender Konzepte kaum durchführbar ist), als bei den vorgenannten Risikoarten, da auch nichtfinanzielle Risiken umfasst werden.[20] Zu stressende Parameter im Bereich der operationellen Risiken sind die Schadenshöhen und –häufigkeiten.[21]

3 Stresstests als Bestandteil des Risikomanagements im Bankensektor

3.1 Grundlagen

Für die aufgezeigten wesentlichen Risiken geben die populären VaR-Konzepte lediglich an, wie hoch der maximale Verlust bei einem gegebenen Konfidenzniveau 1-α ist; sie können aber keine Aussagen darüber treffen, wie hoch die Verluste im Irrtumsbereich α ausfallen können.[22] Außerdem sagt die Eintrittswahrscheinlichkeit nichts über die tatsächliche Eintrittshäufigkeit unwahrscheinlicher Ereignisse aus. Um dieses Defizit zu beheben, wurde dem Stresstesting in den letzten Jahren von Seiten der Regulatoren eine bedeutende Rolle zuerkannt. Die Bankenaufsicht definiert Stresstests als Hyperonym für Analyseverfahren, die die institutsindividuelle Gefährdungssituation unter Berücksichtigung wenig wahrscheinlicher und extremer, aber plausibel möglicher Ereignisse testen (AT 4.3.3 Tz. 1 MaRisk). Darunter werden sowohl Sensitivitätsanalysen, als auch Szenarioanalysen subsumiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Beispielhafte Verlustverteilungsfunktion

Quelle: In Anlehnung an Klaasen / Van Eeghen, S. 4 f.

Aus Abbildung 2 geht hervor, dass Stresstests Randbereiche der Verlustverteilung untersuchen (sog. „tail“-Risiken) und damit jene, über welche der VaR keine Aussagen trifft.[23] Stresstests ergänzen damit die Risikotragfähigkeitsbestimmung der Banken um eine Betrachtung besonders unwahrscheinlicher Ereignisse. Die Bankenaufsicht weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Stresstests zwar auf das vom VaR nicht abgedeckte Quantil der Verlustverteilung abzielen, sich darüber hinaus jedoch auch von der Verteilungskurve zu lösen haben. Insofern sollen zusätzlich Beurteilungen ermöglicht werden, die unabhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit sind.[24] Explizit nicht gefordert ist nach AT 4.3.3 Tz. 5 MaRisk eine zwingende Unterlegung der Stresstestresultate mit Eigenmitteln; gleichwohl sind deren Ergebnisse im Rahmen der Risikotragfähigkeitsbeurteilung ausreichend zu würdigen.

Mittels der in den folgenden Kapiteln 3.2 und 3.3 dargestellten Methoden werden für Stresstestzwecke Wirkungsketten aus Kombinationen adverser Entwicklungen angenommen. Insbesondere sind es exogene Risiken, die sich bspw. aus makroökonomischen Entwicklungen ergeben und die daher in ein konsistentes Stressszenario mit einzubetten sind (vgl. Abbildung 3). Anschließend werden die Auswirkungen auf die finanzielle Lage des Instituts bestimmt. Die Belastung kann sich dabei sowohl als Verschlechterung der Gesamtrisikoposition und damit als Erhöhung des erforderlichen internen Kapitals eines Instituts auswirken, wie auch über eine Reduzierung der Risikodeckungsmasse.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wirkung von makroökonomischen Entwicklungen auf die Risikotragfähigkeit

Quelle: Eigene Darstellung.

Gemäß AT 4.3.3 Tz. 1 MaRisk sind Stresstests für alle wesentlichen Risikoarten durchzuführen und Risikokonzentrationen und Diversifikationseffekte sollen über alle Risikoarten hinweg berücksichtigt werden. Dadurch soll ein erweitertes Verständnis von Rückkopplungs- und Zweitrundeneffekten und nichtlinearem Parameterverhalten geschaffen werden.[26] Risikokonzentrationen können sowohl risikoartenübergreifend (Interrisikokonzentrationen), als auch innerhalb einer Risikoart durch den Gleichlauf mehrerer Risikopositionen (Intrarisikokonzentrationen) entstehen sowie auf Einzelpositionsebene als Klumpenrisiko.[27] Bedingt durch den exzessiven außerbilanziellen Fremdfinanzierungshebel diverser Institute mittels Zweckgesellschaften und Verbriefungen, die als krisenverschärfend in der letzten Finanzkrise gelten, sind auch die daraus resultierenden Risiken zu berücksichtigen.[28] Ferner fordern die MaRisk die regelmäßige Durchführung von Stresstests auf allen Geschäftsebenen (bspw. Portfolio, Geschäftsbereich, Gesamtinstitut).[29]

Das grundsätzliche Ziel ist die Erweiterung der gegenwärtigen Risikoeinschätzung (die zum Teil auf historischen Daten basiert) um eine zukunftsbezogene Analyse der möglichen Entwicklungen der Risikotragfähigkeit.[30] Aus Sicht der Bankenaufsicht wird dabei nicht beabsichtigt, lediglich den Quantifizierungsaufwand innerhalb des Bankrisikomanagements in die Höhe zu treiben, sondern ein konsistentes Stresstest-Programm zu integrieren, durch welches das Institut seine individuelle Risikosituation umfassender beurteilen kann.[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Verarbeitung der Ergebnisse aus Stresstests

Quelle: Ernst & Young (2011a), S. 21.

Von besonderer Bedeutung ist das Risiko-Reporting an die Geschäftsführung im Anschluss an die Durchführung der Stresstests, d.h. eine explizite Ergebnisverwertung, um die Ergebnisse der höchsten Hierarchieebene zugänglich zu machen und die Ableitung von eventuell einzuleitenden Maßnahmen zu ermöglichen (vgl. Abbildung 4). Dies betrifft insbesondere eine ggfs. notwendige Mitigation von Risiken oder eine Erhöhung des Risikodeckungspotentials.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Überblick über die Methoden des konventionellen Stresstestings

Quelle: In Anlehnung an Bühn / Klauck (2006), S. 18.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Hinblick auf AT 4.3.3 Tz. 2 MaRisk lassen sich Stresstests im Wesentlichen in die multivariaten Stresstestvarianten der historischen und hypothetischen Szenarioanalyse gliedern. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden. Unter dem Begriff Stresstests werden zusätzlich weitere Analyseverfahren wie univariate Sensitivitätsanalysen zusammengefasst (vgl. Abbildung 5). Darauf soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da die Belastung nur eines Risikofaktors nicht der realistische Regelfall ist und ihr damit im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung im Rahmen des konventionellen und inversen Stresstests eine geringere Relevanz zuzuschreiben ist.[32][33]

3.2 Historische Szenarioanalyse

Der Ansatz des historischen Stresstests besteht darin, Begebenheiten der Vergangenheit als Szenariobasis zu nutzen und die Auswirkungen auf die Risikofaktoren der Risikoarten zu simulieren. Schließlich kann die Sensitivität der Gesamtbank gegenüber dem Stress gemessen werden.[34] Historische Szenarien folgen damit einer deduktiven Logik.

So sind beispielsweise gravierende Aktienmarkteinbrüche wie der des Oktobers 1987 oder, um ein aktuelles Beispiel zu bemühen, der Börsenkrach infolge der japanischen Fukushima-Katastrophe im März 2011 denkbar. Um relevante Begebenheiten zu identifizieren, lassen sich zusätzlich auch die sogenannten „Schwarzen Schwäne“ nutzen, also gleichermaßen seltene wie verlustintensive Ereignisse, die – auch über größere Zeiträume betrachtet – Zäsurcharakter haben. Als Grundlage sind die großen Krisen der letzten Jahrzehnte denkbar, wie etwa die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die Ölkrisen, die Dot-Com-Krise ab 2000 sowie die akute Finanzmarktkrise ab der Lehman-Brothers-Insolvenz 2008.

Ein konkretes Beispiel für ein historisches Szenario liefert die Konzernleitung des Bereichs Marktrisiko-Controlling der DekaBank für den Oktober 1987. Ein schwacher Dollar und Sorgen vor Inflation sorgten für einen Kursrückgang von rund 23 % innerhalb eines Tages. Da dies an einem Freitag auftrat, konnten die Weltbörsen erst am darauf folgenden Montag reagieren. Die Folge war eine wochenlange Kursschwäche der wichtigsten Indizes von in der Spitze zwischen 20 und 50 %.[35] In diesem Zusammenhang ist jedoch zu beachten, dass nicht jedes Szenario für jedes Institut angemessen ist.[36] So werden bspw. Auswirkungen aktienmarktzentrierter Szenarien nur eine indirekte Relevanz für Pfandbriefbanken aufweisen.

Insgesamt erscheinen aktuellere Ereignisse für die historische Szenarioanalyse geeigneter, da hierfür i.d.R. eine breitere Datenbasis verfügbar ist. Problematisch ist die Übertragung von viele Jahrzehnte zurückliegenden Szenarien auf die derzeitige Institutsverfassung, denn mit der Zeit ist das Leistungsspektrum der Banken komplexer und vielfältiger geworden. Wenn für früher nicht existente Bankprodukte keine oder nur geringe Datenaufzeichnungen vorliegen, ist fraglich, ob die Datengrundlage für den Stresstest in sich von ausreichender Konsistenz ist. Unter dem durch AT 4.3.3 Tz. 2 MaRisk zu berücksichtigenden Plausibilitätskriterium sind historische Szenarien jedoch als besonders geeignet zu beurteilen, da sie ihre praktische Evidenz bereits erwiesen haben. Nachteile historischer Szenarien sind darin zu sehen, dass sich Geschichte in der Regel nicht wiederholt.[37] Diese These wird dadurch gestützt, dass auf jede Krise Reaktionen folgen und Maßnahmen eingeleitet werden, die eine Wiederholung in der Zukunft unwahrscheinlicher machen sollen. Dies ist jedoch eine in erster Linie ursachenbezogene Sichtweise, die das Potential historischer Stresstests nicht einschränkt, die augenscheinlichen Folgen (z.B. Preisverfall an den Börsen, höhere Inflation, höhere Arbeitslosenquote) im Rahmen einer Szenariobetrachtung zu analysieren.

3.3 Hypothetische Szenarioanalyse

Während sich historische Szenarien auf in der Vergangenheit aufgetretene reale Ereignisse beziehen, werden in der hypothetischen Szenarioanalyse vornehmlich ausgehend von den Risikofaktoren mögliche Szenarien abgeleitet und sich damit bei dieser Weise der Szenariobildung einer induktiven Logik bedient.[38] Darüber hinaus können wie bei der historischen Szenarioanalyse makroökonomische Meta-Szenarien erstellt werden, die auf hypothetischen Annahmen basieren.[39]

Eine relativ ausführliche Darstellung dessen, wie hypothetische Stressszenarien in der Praxis umgesetzt werden, findet sich in der externen Berichterstattung der UniCredit Bank. Sie berücksichtigt im Rahmen risikoartenübergreifender Stresstests hochaktuelle makroökonomische Entwicklungen, wie z.B. neben der von Griechenland eine weitere Staatspleite im Euro-Raum oder eine breite Ansteckung mit rezessiven Entwicklungen und Bonitätszweifeln bei größeren Mitgliedern der EU. Zudem wurde eine pessimistische Annahme für das deutsche BIP-Wachstum von minus 2 % für das Jahr 2012 untersucht sowie die Auswirkungen negativer Nachfrageschocks in Deutschland.[40]

[...]


[1] Vgl. Deutsche Bundesbank (2011), S. 34 (siehe Internetverzeichnis).

[2] Vgl. Wolke (2008), S. 59 f.

[3] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2010), S. 15 (siehe Internetverzeichnis).

[4] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2011), S. 137 (siehe Internetverzeichnis).

[5] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2010a), S. 4 (siehe Internetverzeichnis).

[6] Vgl. Zentraler Kreditausschuss (2010), S. 2 f. und S. 15 f. (siehe Internetverzeichnis).

[7] Vgl. Institute of International Finance (2008), S.43 (siehe Internetverzeichnis).

[8] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 19 f.

[9] Vgl. Klug / Liermann (2006), S. 115.

[10] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 19 f.

[11] Vgl. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (2010), S. 26 (siehe Internetverzeichnis).

[12] Vgl. Gratwohl (2010), Hauptframe (siehe Internetverzeichnis).

[13] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2010a), S. 5 (siehe Internetverzeichnis).

[14] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2011a), S. 2, Tz. 4 (siehe Internetverzeichnis).

[15] Vgl. Deutsche Bundesbank (2010), S.18 (siehe Internetverzeichnis).

[16] Vgl. ebenda, S. 13, 21 und 29 (siehe Internetverzeichnis).

[17] Vgl. ebenda, S. 19 f. (siehe Internetverzeichnis).

[18] Vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband (2011), S. 238 (siehe Internetverzeichnis).

[19] Vgl. Deutsche Bundesbank (2010), S.14 (siehe Internetverzeichnis).

[20] Vgl. Füser u.a. (2008), S. 10 ff.

[21] Vgl. Keiner (2006), Hauptframe (siehe Internetverzeichnis).

[22] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 18 f.

[23] Vgl. Isogai (2009), S. 75.

[24] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2011a), S. 14 Tz. 103 und 104 (siehe Internetverzeichnis).

[25] Vgl. Stausberg (2012), S. 308 ff.

[26] Vgl. Committee of European Banking Supervisors (2010), S. 18 Tz. 58 (siehe Internetverzeichnis).

[27] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2010) , S. 6 (siehe Internetverzeichnis).

[28] Vgl. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (2009), S. 1 Tz. 4 (siehe Internetverzeichnis).

[29] Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2010) , S. 14 (siehe Internetverzeichnis).

[30] Vgl. Bundesbank (2011), S. 34 f. (siehe Internetverzeichnis).

[31] Vgl. Stausberg (2012), S. 308.

[32] In Bezug auf die Durchführung inverser Stresstests ist es dem Ausschuss der europäischen Bankaufsichtsbehörden zufolge nicht ausreichend, wenn lediglich einzelne Risikoparameter ins Extreme gesteigert werden, da dies der Zielsetzung der Bankenaufsicht für ein umfassendes Stresstesting nicht gerecht wird. Vgl. Committee of European Banking Supervisors (2010), S. 20 Tz. 67 (siehe Internetverzeichnis).

[33] Vgl. Bühn / Klauck (2007), S. 353.

[34] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 15 f.

[35] Vgl. Wehn (2010), S. 14 (siehe Internetverzeichnis).

[36] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 16.

[37] Vgl. ebenda, S. 16.

[38] Vgl. Bühn / Klauck (2006), S. 16 f.

[39] Vgl. Drüen (2011), S. 10 ff.

[40] Vgl. UniCredit Bank (2012), S. 58 f., 77 (siehe Internetverzeichnis).

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Inverse Stresstests: Neue Anforderungen an Banken
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Autor
Jahr
2012
Seiten
55
Katalognummer
V197236
ISBN (eBook)
9783656232230
ISBN (Buch)
9783656233848
Dateigröße
1443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inverse, stresstests, marisk, antwort, unzulänglichkeiten, bankrisikomanagementsystemen
Arbeit zitieren
Christopher Berg (Autor:in), 2012, Inverse Stresstests: Neue Anforderungen an Banken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197236

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