Faul oder nicht faul - Wollen Arbeitslose arbeiten?

Eine Literaturanalyse


Referat (Ausarbeitung), 2011

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) IAB-Kurzbericht: Arbeitsmotivation und Konzessionsbereitschaft

3) Die Ökonomisierung der Lebenswelt - Arbeitslose als Störfaktor

4) Die Faulheitsdebatten

5) Fazit

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

„Was immer der Staat noch für ihn tun wird – in einem Büro arbeiten wird Marcel Meyer nie. Das gehe nicht, sagt er. Er brauche die Freiheit, die Bewegung, draußen an der Luft, er müsse den Regen spüren und so. Und wenn das alle sagen würden? Das sei ihm egal.“ Das schreibt Christian Schüle in seinem Artikel „Kein Bock“[1] über den 19-jährigen Marcel Meyer. In seinem Artikel begleitet er Jugendliche die die Schule oder eine Ausbildung abgebrochen haben, seit Jahren arbeitslos sind und die der Staat mit Betreuern versucht wieder in die Arbeitswelt zu integrieren. Bereits seit mehr als dreißig Jahren ist auch Arno Dübel aus Hamburg arbeitslos. Der 55-jährige hat ebenfalls eine Ausbildung abgebrochen und lebt seit dem vom Staat. Er zahlt ihm die Miete für seine Wohnung, Strom, Nahrung. „Ich will doch nicht arbeiten“[2], sagte er in der Fernsehtalkshow „Menschen bei Meischberger“. Arno Dübel gilt bei der BILD Zeitung sogar als „frechster Arbeitsloser Deutschlands“[3]. Aber warum gibt es sie, die Marcels Meyers oder Arno Dübels? Menschen, die Jahre oder sogar Jahrzehnte lang arbeitslos sind. Sie alle sind nicht hoffnungslos verloren. Der Staat kümmert sich um sie, bietet ihnen Trainings und Maßnahmen an um zurück (oder auch überhaupt ins) Berufsleben zu finden und kann die Arbeitslosen sogar sanktionieren, wenn diese nicht kooperieren. Selbstverständlich gibt es viele Arbeitslose in unserem Land die nicht arbeiten können, aufgrund von körperlichen Beeinträchtigungen oder ähnlichem. Es gibt aber auch Arbeitslose, die keine Lust haben zu arbeiten – heißt es immer wieder in den Medien. Die Kernfrage ist: Wollen Arbeitslose arbeiten? Oder sind sie zu faul? Wie geht die Gesellschaft mit Menschen um, die keine Motivation haben zu arbeiten und damit allen auf der Tasche liegen? Welche Vorurteile resultieren daraus, vielleicht geschürt durch die Medien? Studien zeigen übrigens, dass Arbeitslose ein ähnlich schlechtes Ansehen in der Gesellschaft haben wie behinderte, Zuwanderer oder Obdachlose - woher kommt das? Oder gibt es einfach nicht genügend passende Jobs für die Arbeitslosen? Diesen Fragen werde ich nachgehen und zunächst den IAB-Kurzbericht präsentieren, wo die Arbeitsmotivation von Arbeitslosen untersucht wurde. Daraufhin werde ich darauf eingehen, wieso Langzeitarbeitslose als Störfaktor in der Gesellschaft gesehen werden und wieso Politiker „faule Arbeitslose“ als Wahlkampfinstrument nutzen.

2) IAB-Kurzbericht: Arbeitsmotivation und Konzessionsbereitschaft

Was für Tätigkeiten gehen die Menschen, die Leistungen vom Staat beziehen, den ganzen Tag nach? Denn wenn jemand Leistungen, zum Beispiel das Arbeitslosengeld II / Hartz IV, bezieht, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Person auch arbeitslos ist. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) analysiert dies in ihrem Kurzbericht 15/2010 und nimmt dafür eine Datengrundlage aus dem Jahr 2008. Insgesamt gab es in diesem Jahr 5,24 Millionen Menschen, die Leistungen vom Staat bezogen haben und im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren waren. Diese 5,24 Millionen Bezieher lassen sich in folgende Gruppen einteilen[4]. Die größte Gruppe bilden mit fast 30% die so genannten „Aufstocker“. Sie gehen einer Erwerbsarbeit nach, verdienen aber nicht genug und werden deswegen trotzdem vom Staat finanziell unterstützt. 28,8%, also etwas weniger als ein Drittel der Leistungsbezieher, betreuen Kinder unter 15 Jahren (diese Tätigkeit wird viel häufiger von Frauen, als von Männern verrichtet), 10% der Leistungsbezieher machen eine Ausbildung und nochmal 10% absolvieren Fördermaßnahmen, Kurse oder Programme. 8,9% der Frauen, sowie 4,7% der Männer gehen außerdem einer Tätigkeit nach, die zu den pflegenden Aktivitäten gezählt werden. Aus diesen Zahlen lässt sich folgendes erkennen: Circa 65,5 % der Leistungsbezieher gehen mindestens einer Tätigkeit, zum Beispiel Erwerbstätigkeit, Ausbildung, Fördermaßnahme, Kindererziehung oder Pflege nach. Bei 65,5% der Leistungsbezieher heißt also Leistung vom Staat beziehen, nicht gleichzeitig „nichts tun“.

Das IAB hat 2008 eine Panelerhebung[5] durchgeführt, um herauszufinden wie es um die Arbeitsmotivation und die Konzessionsbereitschaft von Leistungsbeziehern im Gegensatz zu Nicht-Beziehern aussieht. Zum Thema Arbeitsmotivation wurden folgende Fragen gestellt: „Arbeit ist nur ein Mittel, um Geld zu verdienen“, „Arbeit zu haben ist das Wichtigste im Leben“, „Arbeit ist wichtig, weil sie einem das Gefühl gibt, dazuzugehören“ und „Ich würde auch dann gerne arbeiten, wenn ich das Geld nicht brauchen würde“. Das Befragung zeigt: Die Leistungsbezieher stimmten allen Fragen mehr zu, als die Nicht-Bezieher. Besonders bei der Frage „Arbeit ist nur ein Mittel, um Geld zu verdienen“ stimmten fast 10% mehr Leistungsbezieher als Nicht-Bezieher zu. Insgesamt kann man festhalten, dass die Arbeitslosen, zumindest nach eigenen Angaben, eine höhere Arbeitsmotivation haben, als der Rest der Bevölkerung, der keine Leistungen vom Staat bezieht.

Außerdem wurde eine Befragung zur Konzessionsbereitschaft durchgeführt, um herauszufinden wie hoch die Bereitschaft der Leistungsbezieher wäre, eine neue Arbeitsstelle auch unter schlechteren Bedingungen anzunehmen. Die Faktoren waren: Ein Arbeitsweg von einer Stunde oder mehr, geringeres Einkommen, ungünstige Arbeitszeiten, Arbeit, die unter dem fachlichen Können liegt, Belastungen am Arbeitsplatz wie Lärm und Schmutz oder körperliche Anstrengung. Im Ergebnis der Befragung sieht man, dass die Leistungsbezieher in fast allen Fragen zur Konzessionsbereitschaft mehr Zustimmung aufwiesen als Nicht-Bezieher und Arbeitslose Nicht-Bezieher. Allerdings muss in Frage gestellt werden, ob bei dieser Studie eine geeignete wissenschaftliche Methode angewendet wurde. Schließlich beruhen die Schlussfolgerungen rein auf den Selbsteinschätzungen der Untersuchungsgruppe. Wie ehrlich die Antworten sind, kann man nicht heraus finden. Im IAB-Kurzbericht wird deswegen vorgeschlagen noch einen weiteren Indikator zu Rate zu ziehen um herauszufinden, wie hoch die Arbeitsbereitschaft wirklich ist. Wie oft haben die Leistungsbezieher, in den letzten vier Wochen, aktiv nach Arbeit gesucht? Dafür müssen wir allerdings wissen, dass bei dieser Fragestellung die Grundgesamtheit der Befragung nicht automatisch alle Leistungsbezieher sind. Denn die Leistungsbezieher, die eine Ausbildung machen oder sich um die Pflege von Menschen kümmern, stehen dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung und sind dadurch auch rechtlich nicht verpflichtet nach Arbeit zu suchen. Insgesamt sind es 3,03 Millionen Menschen, die erwerbsfähig und zur Arbeitssuche verpflichtet sind. Knapp zwei Drittel (63,7 %, fast zwei Millionen Menschen) haben, nach eigenen Aussagen, in den letzten vier Wochen nach einer Arbeit gesucht. 60,5 % haben sogar auf mindestens auf eine Stellenanzeige geantwortet und etwas mehr als ein Viertel (27,9%) haben sogar an einem Bewerbungsgespräch teilgenommen. Fehlende Motivation kann also kein Grund dafür sein, dass diese Menschen immer noch Leistungen vom Staat beziehen, da die Studie belegt, dass ein Großteil von ihnen in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht hat. Die Leistungsbezieher verfügen sogar über eine größere Arbeitsmotivation als die Nicht-Bezieher. Das IAB schlägt zudem vor, dass eine härtere Gangart mit den Leistungsbeziehern niemanden voranbringt, stattdessen sei ein noch individuelleres Eingehen auf die Situation der Leistungsempfängern gefordert.

[...]


[1] Schüle, Christian 2010: „Kein Bock“, in: DIE ZEIT, Ausgabe 47

[2] Siehe: http://www.altona.info/2010/01/13/arno-dubel-hamburger-hartz-iv-empfanger-emport-bei-maischberger/ Letzer Abruf: 17.02.2011

[3] Siehe:http://www.bild.de/BILD/news/2010/02/01/deutschlands-frechster-arbeitsloser-arno-duebel/so-gammelt-der-hartz-iv-empfaenger-sich-durch-den-tag.html - Letzter Abruf: 22.02.2011

[4] Siehe Abbildung 1in: Beste, Jonas /Bethmann, Arne/Trappmann, Mark (2010): Arbeitsmotivation und Konzessionsbereitschaft: ALG-II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen. In: IAB-Kurzbericht 15/2010, S. 3

[5] Siehe Tabelle 1 in: ebd. S. 4

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Faul oder nicht faul - Wollen Arbeitslose arbeiten?
Untertitel
Eine Literaturanalyse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Arbeit und Arbeitslosigkeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V197296
ISBN (eBook)
9783656279952
ISBN (Buch)
9783656280668
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeit, arbeitslosigkeit, faul, faulheitsdebatten, IAB-Kurzbericht, Arbeitslose, Motivation, Faulheit
Arbeit zitieren
Karsten Uwe Schmehl (Autor), 2011, Faul oder nicht faul - Wollen Arbeitslose arbeiten? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197296

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