Der Kulturkampf - eine religiöse oder machtpolitische Debatte?


Hausarbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,3

Felix Silvester (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. These: Der Kulturkampf war eine machtpolitische und keine religiöse Debatte

2. Unterscheidung durch die Zeitgenossen
2.1. „Jesuitisch“ nicht immer gleichbedeutend mit „katholisch“
2.2. „Gläubige Katholiken“ nicht immer gleichbedeutend mit „den Anhängern / Mitgliedern des Zentrums“
2.3. „Katholisch“ bedeutet nicht immer die „päpstlichen Dogmen zu unterstützen“

3. Der Kulturkampf als neuer Investiturstreit
3.1. Rückbezug auf das Mittelalter und den Investiturstreit
3.2. Die Zwei Schwerter Lehre und das Unam sanctam
3.3. Problem der Umsetzbarkeit im neuen, protestantischen Kaiserreich

4. Die Jesuiten und deren Rolle
4.1. Die Jesuiten und die Altkatholiken
4.2. Die Jesuiten und der Papst
4.3. Die Jesuiten und die Freimaurer

5. Das Kaiserreich und der Kulturkampf
5.1. Die Vormachtstellung Preußens
5.2. Die Rolle Bismarcks
5.3. Das Kaiserreich als moderner Staat

6. Fazit: Der Kulturkampf war eine überwiegend machtpolitische Debatte

7. Quellennachweis

8. Literaturnachweis

1. Der Kulturkampf war eine machtpolitische und keine religiöse Debatte

Diese Arbeit mit dem Titel „Der Kulturkampf- Eine religiöse oder machtpolitische Debatte“ soll dazu beitragen die Frage, ob der so genannte „Kulturkampf“ (1871-1878/79) eine Auseinandersetzung zwischen dem Königreich Preußen zuerst, bzw. dem Deutschen Kaiserreich folgend und der katholischen Kirche im Kern eher einer Debatte um die Machtverteilung zwischen Staat und Kirche, oder vielmehr ein Konflikt, dem theologische Argumente zu Grunde liegen, ist, zu klären. Mit dieser Fragestellung eng verbunden ist das unterschiedliche Verständnis des Kulturkampfes, wonach die Zeitgenossen den Kulturkampf als eine Art neuen Investiturstreit sahen, was die moderne Forschung wiederum jedoch ablehnt[1]. Es soll der Vermutung nachgegangen werden, dass der „Kulturkampf“ weniger ein Konflikt zwischen gläubigen Katholiken und Protestanten, als viel mehr ein Konflikt zwischen zwei großen Machtgefügen, der katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze auf der einen, dem preußischen Herrscherhaus der Hohenzollern auf der anderen Seite ist, bei dem Dinge von theologischen Belangen eher zweitrangig waren.

Hierzu wurden neben der Stellungnahme anerkannter moderner Historikern wie z.B. Michael Stürmer auch Flugschriften, Briefe, wissenschaftliche Arbeiten von Zeitzeugen als auch die stenographischen Berichte des Deutschen Reichstages verglichen und analysiert. Die Quellenlage ist sehr gut, da viele Sammlungen von Flugblätter, Briefen und ähnlichen Schriften existieren, die im Laufe der Jahre auch immer überarbeitet wurden. Somit ist der Forschungsstand zu diesem Thema auch weitestgehend erschlossen und es lassen sich durchaus Belege für die aufgestellte These, wie z.B. durch den bereits erwähnten Historiker Michael Stürmer, finden.

Im Folgenden werden nun zum einen die Protokolle des Reichstages im Bezug zu der Debatte um das so genannte Jesuitengesetzt als auch jene, die im Bezug zu der Einführung der Zivilehe stehen, eingebracht. Ersteres wurde ausgewählt, da es das am längsten gültige Kulturkampfgesetzt war, zweiteres wurde gewählt, da der Beschluss dieses Gesetztes bis in die heutige Zeit Wirkung hat. Es werden verschiedene Argumente aus den Reichstagsreden aufgegriffen und zur Bestätigung bzw. Widerlegung der obigen These in den Kontext gebracht. Am Ende dieser Arbeit soll ein Fazit stehen, dass die angenommene Behauptung, der Kulturkampf sei eine machtpolitische Debatte gewesen belegt oder gegebenenfalls widerlegt.

2. Unterscheidungen durch die Zeitgenossen

2.1 „Jesuitisch“ nicht immer gleichbedeutend mit „katholisch“

Zuerst muss wohl einmal darauf hingewiesen werden, dass für die Zeitgenossen, insbesondere denen katholischen Glaubens, durchaus ein bedeutender Unterschied zwischen „Jesuiten“, „Katholiken“, „Papst“ und „Zentrum[2] “ bestand. Folglich richteten sich Gesetze und Erlasse aus zeitgenössischer Sicht nicht immer gegen die Gläubigen katholischen Glaubens im Ganzen, sondern vielmehr gegen einzelne Gruppierungen.

Der Reichstagsabgeordnete Dr. Ewald[3] ließ in seiner Rede vor dem Reichstage am 15. Mai 1872 im Bezug auf die Stadt Passau den Satz „die Stadt sei von je her gut katholisch, aber nie jesuitlich gesinnt gewesen.“[4] fallen, aus dem deutlich hervorgeht, dass „katholisch“ nicht gleichbedeutend mit „jesuitlich“ war.

2.2 „Gläubige Katholiken“ nicht immer gleichbedeutend mit „den Anhängern//Mitgliedern des Zentrums“

Auch der Reichskanzler Otto von Bismarck unterschied z.B. zwischen der katholischen Kirche und deren politische Vertretung, der Zentrumspartei, welches er vornehmlich bekämpfen wollte.[5] Ebenso war der Reichskanzler bis 1871 mit dem katholischen Bischof Ketteler[6] in einem durchaus freundschaftlichen Verhältnis gestanden[7] Dem zu folge wurde besonders zu Beginn des Konfliktes durchaus zwischen den politischen Gegnern und den Vertretern des Glaubens unterschieden.

2.3 „Katholisch“ bedeutet nicht immer die „päpstlichen Dogmen zu unterstützen“

Die letzte wichtige Unterscheidung ist die zwischen Katholiken und denen, die das umstrittene Unfehlbarkeitsdogma des Papstes[8] - einen der Hauptstreitpunkte des Konfliktes- annehmen oder sogar propagandieren. So berichtete der Reichstagsabgeordnete Dr. Bölk[9] in der Sitzung vom 24. März 1874 während der Debatte um das Gesetz zur Einführung der Zivilehe

„(…) es ist für diejenigen, welche sich nicht entschließen können, das Dogma der Infallibilität anzunehmen, ein gewisser Nothstand in Bezug auf die Eheschließung gegeben, weil man bei uns in Bayern und auch anderwärts die kirchliche Trauung verweigert, wenn man nicht vorher schriftlich oder mündlich bekannt hat, daß man sich dem Dogma unterwerfe“[10]

Es ist folglich klar erkennbar, dass es durchaus Bürger katholischen Glaubens gab, die sich weigerten die Unfehlbarkeit des Papstes anzuerkennen. Demnach ist katholisch nicht gleich päpstlich-dogmatisch. Insofern ist es schwer von einer religiösen Debatte zu spreche, wenn sich die Gesetzgebung nie gegen die breite gläubige, katholische Masse, als vielmehr gegen einzelne, kleinere Gruppen richtet.

Was an dieser Stelle aber erwähnt werden muss, ist die Tatsache, dass auch wenn gerade viele der katholischen Zeitgenossen und viele der damaligen Politiker diese Unterscheidungen trafen,

„die große Masse der Nichtkatholiken in Deutschland gab sich nicht immer die Mühe, einen Unterschied zwischen ultramontan und katholisch zu machen, und so kam es, daß sich der „furor protestanticus“ bisweilen gegen die katholische Kirche ganz allgemein richtete. Die Abneigung galt nicht mit Unrecht denjenigen, die offenbar die Urheber alles Übels waren, den Jesuiten.“[11]

Nichts desto trotz bleibt das Argument, dass sich Gesetze und Vorschriften sich nie explizit nur gegen Anhänger einer Glaubensrichtung- wie es z.B. Jahrzehnte später im Nationalsozialismus der Fall war- richteten erhalten.

3 Der Kulturkampf als neuer Investiturstreit?

3.1 Rückbezug auf das Mittelalter und den Investiturstreit

Eine weitere Besonderheit der Sichtweise der Zeitgenossen war, dass Parallelen zwischen dem Kulturkampf und dem mittelalterlichen Investiturstreit gezogen wurden, wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde. Und auch, wenn die moderne Forschung mittlerweile anders darüber denkt, ist es unabdinglich, dass diese Sichtweise hier dargelegt wird.

3.2 Die Zwei Schwerter Lehre und das Unam sanctam

Denn es ist durchaus verständlich, dass diese Parallelen gezogen wurden, erinnert der Kulturkampf in mancherlei Hinsicht durchaus an den mittelalterlichen Konflikt zwischen Papst und Kaiser. Das nachfolgende Zitat des Abgeordneten Kieser, welches aus seiner Reichstagsrede vom 16. Mai 1872 stammt, zeigt deutlich auf, dass zumindest die Kirche sich bewusst auf diesen mittelalterlichen Konflikt bezog, denn die Bulle „Unam Sanctam“ gilt als eines der bedeutendsten Dokumente des Investiturstreites, da in ihr der Papst die Unterordnung des römisch-deutschen Kaisers forderte und legitimierte. Zudem wird auch die Symbolik der Zwei-Schwerterlehre, wonach Gott der Welt zwei Schwerter welche die geistliche und weltliche Macht symbolisieren, aufgegriffen.[12] Aber auch die Abgeordneten des Reichstages waren sich dieser Parallelen und Symboliken durchaus bewusst, wie das folgende aufzeigt:

„Die deutschen Bischöfe (…) haben erklärt, daß die Bulle Unam sanctam eine ex. Cathedra erlassene Erklärung des Papstes sei, daß sie somit als Glaubenssatz das Gewissen jedes Katholiken binde. Was ist nun die Grundlage jener Bulle? Sie sagt, in erster Reihe, daß es zum Heile jedes Menschen geboten und notwendig sei, dem römischen Pontifex untertänig zu sein; sie sagt ganz einfach, daß jede Staatsordnung ihre Legitimation erst empfange aus der Hand der Kirche und daß das Schwert, welche der Staat führe, geführt werden müsse im Dienste der Kirche,(…) Mit einem Worte: jene Bulle umschließt das moderne Staatsrecht des Jesuitenthuns, welches erklärt: es gibt keine anderen Rechte als die, welche die Kirche gutheißt (…).“[13]

Es somit durchaus legitim anzunehmen, dass der Kulturkampf in einer gewissen Art und Weise artverwandt mit dem Investiturstreit ist, zumindest wenn man sich nach obigen Zitat richtet muss man annehmen, dass der Papst versucht hat sich über den deutschen Kaiser Wilhelm I. zu stellen.

3.3 Problem der Umsetzbarkeit im neuen, protestantischen Kaiserreich

Jedoch muss im Auge behalten werden, dass aus naheliegenden Gründen ein „echter“ zweiter Investiturstreit nicht möglich war. Zum einen ist es schwer realisierbar den katholischen Papst über ein protestantisches weltliches Oberhaupt zu stellen. Zum anderen wäre bei einer solchen Überordnung des geistigen Herrschers über den Weltlichen auch ein Problem der Durchsetzung des päpstlichen Willens vorhanden gewesen, da die mittelalterliche Androhung einer Exkommunikation und der Lösung aller Eide zwar im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in dem es zu der Zeit nur Katholiken gab zwar möglich war und ein durchaus wirksames Mittel der päpstlichen Durchsetzung war. Jedoch in einem modernen, multikonfessionellen Staat mit einem, wie bereits erwähnten, Protestanten an der Spitze waren diese Androhungen gänzlich wirkungslos.

Das Kaiserreich war bereits zu modern, als dass sich die mittelalterlichen Ansprüche einer universellen Führung der Christenheit und die untrennbare Verbindung zwischen Kaisertitel und Patronat Roms- und des Papstes im Besonderen- wieder einführen ließen.

Aus obigen geht hervor, dass es auch hier legitim ist, von einer machtpolitischen Debatte zu sprechen, denn obwohl das obig genannte Unam Sanctam durchaus als theologisches Argument gelten kann, war auch der Kern des mittelalterlichen Konfliktes, nämlich welche Macht letzen Endes am höchsten steht, ein größtenteils machtpolitischer Aspekt, dessen einziger religiöser Aspekt die theologische Begründung des kirchlichen Anspruches war.

4 Die Rolle der Jesuiten

Dieser Zwiespalt zwischen modernem Staat und an alter Macht anknüpfen wollende katholischer Kirche führte zu dem nächsten wichtigen Punkt Es stellt sich nämlich die Frage: Warum ausgerechnet die Jesuiten?

Der bereits viel erwähnte Orden der Gesellschaft Jesu hat in den deutschen Gebieten eine lange Geschichte, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Es soll nur so viel erwähnt werden, dass es im Laufe der Zeit durchaus zu Konflikten zwischen den Jesuiten und z.B. aufklärerischen Kräften kam.

[...]


[1] Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte1866-1918; Band II Machtstaat vor der Demokratie; broschierte Sonderausgabe München 1998; S. 364.

[2] Eigentlich „Deutsche Zentrumspartei“

[3] 1803-1875; ev. Theologe und Mitbegründer des Deutschen Protestantenvereins.

[4] Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages; I. Legislatur-Periode.- III. Session 1872; Erster Band; Von der Eröffnungssitzung am 8. April und der Ersten bis Dreißigsten Sitzung am 28. Mai 1872; Berlin 1872; S. 368.

[5] Dr. Zuchardt, Karl: Der Kulturkampf und Bismarck; in: Flugschriften des Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen (Nr. 330/331); Halle (Saale) 1912; S. 17.

[6] 1811-1877; kath. Theologe und Mitglieder der deutschen Zentrumspartei.

[7] Vgl. Ebd.; S.12f.

[8] Auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1870 unter Papst Pius IX verabschiedet.

[9] Entwickler des Gesetztes zur Einführung der Zivilehe.

[10] Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages; 2. Legislatur-Periode.- I. Session 1874; Erster Band; Von der Eröffnungs-Sitzung am 5. Februar bis Sechsundzwanzigsten Sitzung am 28. März 1874; Berlin 1874; S. 538.

[11] Vgl. Dr. Zuchardt, Karl: Der Kulturkampf und Bismarck;S. 14.

[12] Die eine Auslegung besagt, dass der Papst beide Schwerter von Gott erhält und eines weiterreicht, womit der Papst faktisch über den weltlichen Fürsten steht. Die andere Auslegung besagt, dass beide Schwerter gottunmittelbar sind und damit Papst und Kaiser auf gleicher Stufe stehen.

[13] Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages; I. Legislatur-Periode.- III. Session 1872; Zweiter Band; Von der Einunddreißigsten bis Achtundvierzigsten Sitzung am 19. Juni 1872; Berlin 1872; S. 395f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Kulturkampf - eine religiöse oder machtpolitische Debatte?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
König von Preußen und Deutscher Kaiser: Wilhelm I. (1897-1888)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V197719
ISBN (eBook)
9783656237211
ISBN (Buch)
9783656240396
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturkampf, Kaiserreich, Bismarck, Windthorst, Zentrum, Zentrumspartei, Reichstag
Arbeit zitieren
Felix Silvester (Autor), 2012, Der Kulturkampf - eine religiöse oder machtpolitische Debatte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197719

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