Franz Kafka: Das Urteil

Eine Psychoanalyse nach Sigmund Freud


Seminararbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,0

Michelle-Christin Wendelmuth (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traumtheorie nach Freud
2.1 Der Traum
2.2 Die Traumarbeit
2.2.1 Die Zensur
2.2.2 Die Verdichtungsarbeit
2.2..3 Die Verschiebungsarbeit
2.2.4 .Darstellungsformen des Traumes
2.3 Die Traumdeutung

3. „Das Urteil“ wirft Fragen auf

4. „Das Urteil“ analysiert als Traum 11
4.1. Reflexion über den Freund
4.2. Erinnerung an das Gespräch mit der Verlobten
4.3 Gespräch mit dem Vater
4.4. Urteil und Vollstreckung

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

7. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

„Findest Du im „Urteil“ irgendeinen Sinn, ich meine irgendeinen geraden zusammenhängenden, verfolgbaren Sinn?“[1]

Diese Frage richtete Kafka in einem Brief an Felice und auch manch ein Leser wird sich diesselbe beim Lesen des Werkes stellen. Um den Sinn dieses Textes zu erfassen, der selbst Kafka nicht offensichtlich zu sein schien, bedarf es einer ausführlichen Analyse.

Zur Analyse des „Urteils“ von Franz Kafka”, welches 1912 erschien, stehen eine Vielzahl von Methoden, Theorien und leitenden Fragestellungen zur Verfügung. Diese sind stets ergebnisorientiert. Unterschiedlich gewählte Methodenarbeit zur Analyse von Textbefunden führt hier zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Daher gilt zur Erarbeitungen eines erwünschten Verständnisziels eine Methode, unter Betrachtung ihrer Eignung, zu wählen.

Ich habe mich für die Methode der Psychoanalyse entschieden, welche auf den Wiener Neurologen Sigmund Freud zurückgeht. Aus „ Gedanken an Freud“ und weiteren Schriften Kafka's, geht hervor, dass dieser sich zu Lebzeiten selbst mit den Theorien Freuds auseinandergesetzt hat.[2] Die Psychoanalyse stellt in der Interpretation des Werkes einen Lebenszug zum Autor her und versteht den Text als „Inkarnation seiner seelischen Probleme“[3]. Als besonders geeignet erachte ich diese Methode, aufgrund der Tatsache, dass die im Werk dominierende Thematik des Vater-Sohn Konflikts, einen Lebensweltbezug zu Kafka herstellt und „die Traum-, die Signifikantenlogik, die für Kafkas Texte so bezeichnend ist“[4], in Freuds Werk „Die Traumdeutung“ beschrieben ist. Dadurch ergibt sich ein möglicher Deutungsansatz. Um diesen Lebensweltbezug aufzuweisen, werde ich die Psychoanalyse auf den Aspekt der Traumdeutung nach Sigmund Freud begrenzen. Die Traumdeutung befasst sich unter anderem mit der Interpretation von „Traumbildern und Traum“ und bringt Informationen über Unbewusstes, Träume und Sehnsüchte hervor[5].

Zunächst werde ich die Freudsche Traumtheorie in ihren Grundzügen vorstellen und erläutern, was wir träumen, warum uns Träume verwirrend und unlogisch erscheinen und wie man diese deuten kann. Eine erste Deutung des Werkes, die hierauf folgt, werde ich ohne ergänzende Literatur erarbeiten und so gezielt relevante Thematiken herausarbeiten, die es im nächsten Schritt anhand der Traumtheorie zu deuten gilt. Dazu ist zunächst eine Verwendbarkeit der Traumtheorie am Werk zu beweisen und die Leistungen eines Traumes mit diesem zu vergleichen. Die neu gewonnenen Interpretationsansätze werden auf ihren Lebensweltbezug in Kafkas Briefen und Ereignissen im Leben überprüft, denn „Freud hat seine Deutung als Konstruktionen aufgewiesen, die Überprüfung brauchen“.[6] Durch dieses Vorgehen ist es möglich, sich in den Autor hinzuversetzen und eine verständliche Deutung des Textes hervorzubringen.

2. Traumtheorie nach Freud

2.1. Der Traum

In seinem Werk „Die Traumdeutung“ gibt Freud an, dass es eine Technik gibt, die es möglich macht, einen Traum zu deuten und als „sinnvolles psychisches Gebilde“[7] herauszustellen. Dazu lässt sich anmerken, dass sich Freud bewusst ist, dass Träume als somantisches, körperliches Werk gelten, aber fordert, sich in seinen Vorlesungen der Annahme hinzugeben, dass der Traum ein psychisches Problem ist und damit eine „Leistung und Äußerung“[8] des Träumers. Als Hauptleistung des Traumes bezeichnet Freud die Darstellung eines Wunsches. Ein Traum stellt demnach laut Freud eine Wunscherfüllung dar, jedoch wird dies nicht sofort deutlich. Die Träumer empfinden ihren Traum oft als nicht zutreffend und unpassend, daher bedarf es einer Deutung, die den unbewussten Wunsch hervorbringt.[9] Kinderträume hingegen stellen sich als reine Wunscherfüllungen dar und bestärken die Annahme, dass es sich bei allen Träumen um Wunschträume handelt.[10]

Die Schwierigkeit der Deutung eines Traumes besteht nun darin, dass Träume zunächst nichts auszusagen scheinen und unlogische Aneinanderreihung von Handlungen und Eindrücken sind. Die Psychoanalyse benutzt die Technik, sich an den Patienten zu wenden und das Rätsel vom Befragten selbst lösen zu lassen. Natürlich besteht die Möglichkeit den Träumer zu befragen auch, jedoch wird hierbei die Problematik deutlich: Soweit ein Traumgedächtnis vorhanden ist, so weiß der Träumer oftmals nicht, die Elemente in Verbindung zu bringen: „nur weiß er es nicht, daß er es weiß, und glaubt darum, daß er es nicht weiß“[11]. Der Träumer besitzt also ein Wissen, welches ihm nicht zugänglich ist. Natürlich ist es denkbar, durch unerbitterliches Drängen zum Nachdenken, den Träumer Assoziationen zu den geträumten Elementen anstellen zu lassen und somit Stück für Stück zu erkennen, wofür die einzelnen Elemente seines Traumes stehen. Denn ein Traumelement ist nicht das, als was es sich darstellt, sondern lediglich der Ersatz für das Eigentliche und dieser Ersatz soll durch anknüpfende Assoziationen zuänglich gemacht werden.[12] Die Frage, was wir denn eigentlich träumen und woher wir die Quelle unserer Träume nehmen, rückt nun immermehr in den Vordergrund. Der Trauminhalt nährt sich in erster Linie am Erlebtem und stellt eine Reproduktion dar. Dabei sind unterschiedliche Zeitspannen der verarbeiteten Thematiken des Alltags zu beobachten. Uns erscheint gerade erst Erlebtes im Traum, jedoch auch Erinnerungen an die Kind- und Jugendzeit.Wer träumte nicht eines Nachts von Orten, die er als Kind besucht hat. Der Träumer mag sich im wachen Zustand nicht an diese Orte und das Erlebte dort erinnern, jedoch kommt dieses entzogene Wissen im Traum hervor. Nichts, was wir einmal erlebt oder gelernt haben, geht in der Fülle an gewonnenen Eindrücken unseres Lebens verloren. Überwiegend erscheint uns im Traum das eher Unwichtige, das Unbedeutsame und dies als Bruchstücke, die uns ohne Zusammenhang erscheinen.[13] Neben der Verarbeitung von Erlebtem, können sich Traumelemente aus anderen Quellen, wie zum Beispiel von Störungen nähren. Ein bestimmter Trauminhalt kann als Folge eines äußeren Reizes entstehen, denn auch im Schlaf sind wir für Sinneseindrücke empfänglich. So kann ein klingelnder Wecker im Traum als Sirene verarbeitet werden, eine Berührung durch den Partner kann im Traum als eben diese verarbeitet werden. Innere Sinneserregungen, wie Durst und Hunger lassen Elemente hervorrufen, die eben diesen stillen wollen. Der innere organische Liebreiz, also von den Organen ausgehend, kann eine anstehende Krankheit im Traum verarbeiten. Diese Traumquellen tragen jedoch in einer bescheidenen und, in Gegenüberstellung zur Reproduktion vom Erlebten, kleinen Rolle zur Traumgestaltung bei.

2.2. Die Traumarbeit

Wir sind nun zu der Erkenntnis gelangt, dass Träume Wünscherfüllungen sind, die sich an verschiedenen Quellen bedienen können und zum größten Teil, die Reproduktion von Erlebtem aus naher oder vergessen geglaubter Vergangenheit darstellen.

Warum also erkennen wir dieses nicht sofort? Warum kommen uns Träume selten logisch vor, sondern zum größten Teil verwirrend und absurd? Wie wird der Traumgedanke, der zu verarbeitende Inhalt, in einen Trauminhalt, den Traum den wir tatsächlich träumen, verwandelt.

Die Umwandlung von einem latenten, versteckten Traumgedanken in einen manifesten, handgreiflichen Traum beschreibt die Traumarbeit.[14] Der Traum wird entstellt und steht als Ersatz für etwas anderes, den latenten Traumgedanken. Die Entstellung erfolgt in der Traumarbeit durch Zensur, Verdichtung und Verschiebung. Diese Traumentstellungen lässt uns Träume unverständlich erscheinen und ist für die Deutungsarbeit sehr wichtig.

2.2.1 Die Zensur

Oftmals erscheint uns ein Traum lückenhaft. Zum Beispiel sind Gesprächsanteile im Traum durch Wörter gefüllt, die unpassend erscheinen, sie fehlen vollkommen oder werden durch unverständliches Gemurmel laut. Dies lässt sich keineswegs nur auf die Rede im Traum anwenden, jedoch ist sie das beste Beispiel. An einer Stellen, die schwach ausgebilde und, zweifelhaft wirkt oder gar ausgelassen wird, liegt eine Zensur vor, die nach dem Prinzip der Abschwächung und Anspielung funktioniert.[15] Das Material wird also ausgelassen, modifiziert oder umgruppiert. Doch gegen welche Stellen im Traum richtet sich diese Zensur? Wir finden diese an Stellen, an denen etwas Anstößiges vorzufinden wäre. An Stellen, die der Träumer im Wachzustand nicht mit seinen ethischen, moralischen und ästhetischen Werten vereinbaren könnte.[16] Das eigene Ich, das in jedem Traum anwesend ist, beschreibt Freud als das „aller ethischen Fesseln entledigte Ich“[17]. Die Enstellung des Traumes erfolgt dann anhand der Zensur, die anstößige Wünsche im Traum vernebelt. Daher ist anzunehmen, dass die Zensur in Abhängigkeit der Werte der Gesellschaft auftritt, in welcher der Träumer lebt. Wie in einem Zeitungsartikel werden bestimmte Wörter zensiert, die unsittlich erscheinen. Der Träumer ist dann nicht selten von der Deutung seines Traumes beschämt, nachdem die Zensur aufgedackt wurde und streitet ab, derartig anstößige Dinge zu verarbeiten. Dies verstärkt die Annahme, ,,daß es im Seelenleben Vorgänge, Tendenzen gibt, von denen man überhaupt nichts weiß“[18], die dann zur Enstellung eines Traumes beitragen können.

2.2.2 Verdichtungsarbeit

Sich nun der Annahme hinzugeben ein Traum sei nur deshalb unlogisch, da in ihm verborgene Gelüste und Wünsche zum Vorschein kommen, die zensiert werden, wäre Unsinn. Es ist feststellbar, dass der manifeste Traum weniger Inhalt aufweist, als der latente.

Der eigentliche Trauminhalt könnte nach Freud auf einer halben Seite aufgeschrieben werden, jedoch der Traumgedanke und die Deutung füllen mehrere Seiten.[19] Dies geschieht dadurch, dass bestimmte latente Elemente ausgelassen werden, einige Komplexe nur als Brocken übergehen und gemeinsame Elemente zueinander verschmolzen werden. So können Mischbildungen aus verschiedenen Menschen, Gegenständen und Orten entstehen. Eine Zahl von Personen kann als Mischform in Form einer Person erscheinen.[20] Man könnte die Verdichtungsarbeit demnach auch als Verschmelzung von Gedanken und Vorgängen bezeichnen.

[...]


[1] Alt, Peter-André, Franz Kafka. Der ewige Sohn. S.322

[2] Kafka verfasste den Tagebucheintrag „Gedanken an Freud“, in dem er auf die Theorien Freuds einging

[3] Jeßing/Köhnen.. Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft S.303

[4] Anz/Kanz:Pschoanalyse in der modernen Literatur. S.135

[5] Jeßing/Köhnen.. Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft S.302

[6] Jeßing/Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. S.286

[7] Freud: Die Traumdeutung. S.29

[8] Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. S. 93

[9] Vgl. Freud: Die Traumdeutung.S. 141-145

[10] Vgl. Freud: Die Traumdeutung. S. 145

[11] Freud: Vorlesungen zur Einführung- in die Psychoanalyse. S. 94

[12] Vgl. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse S. 93-103

[13] Vgl. Freud: Die Traumdeutung. S. 38-45

[14] Vgl. Freud: Die Traumdeutung S. 280-281

[15] Vgl. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse S. 133

[16] Vgl. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse S. 133-136

[17] Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse S. 135

[18] Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse S. 140

[19] Vgl. Freud: Die Traumdeutung S. 282

[20] Vgl. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. S.162

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka: Das Urteil
Untertitel
Eine Psychoanalyse nach Sigmund Freud
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V197744
ISBN (eBook)
9783656239666
ISBN (Buch)
9783656240341
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Urteil, Traumanalyse, Freud
Arbeit zitieren
Michelle-Christin Wendelmuth (Autor), 2012, Franz Kafka: Das Urteil , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197744

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