Zwerg Nase im Deutschunterricht


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik an der Gesellschaft und Demaskierung der Herrschaft
2.1 Die frühkapitalistische Gesellschaft
2.2 Die herrschenden Adeligen - genusssüchtig und grausam
2.3 Verstand und Solidarität als gesellschaftliche Wegweiser
2.4 Zwerg Nase als Kunstmärchen

3. Didaktisch-methodische Erwägungen
3.1. Didaktische Analyse
3.2 Kapitalismuskritik, Fürstenwillkür und Minderheitenproblematik als Unterrichtsgegenstand
3.2.1 Die Protagonisten, ihr Handeln und dessen Bedeutung - Kompetenz Lesen
3.2.2 Geschichte umschreiben und auf Lebenswelt übertragen - Kompetenz Schreiben
3.2.3 Tabellarische Übersicht über die Unterrichtseinheit

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Figur des Zwerg Nase und seine Abenteuer begegnen uns des Öfteren auf verschiedene Weise. Das Märchen von Wilhelm Hauff wurde verschiedene Male verfilmt.1 Auch in etlichen Hörspielproduktionen lernen wir das Schicksal und die Rettung Zwerg Nases aus seiner misslichen Lage kennen.

In Wien ist die buckelige Gestalt mit der langen Nase und der Gans Mimi in einem Terrakotta- Relief zu bewundern. Eine Kindertagesstätte, in der körperlich behinderte Kinder betreut werden, heißt „Zwerg Nase“.2

Die Popularität dieses Märchens liegt in seiner vieldeutigen Handlung begründet und es ist nicht das einzige Märchen des bereits in jungen Jahren verstorbenen Schriftstellers und Gelehrten Wilhelm Hauffs (1802-1827), das eine große Beliebtheit bei seinen Lesern erreicht hat. Zwerg Nase als Märchen ist Teil einer größeren Erzählung, dem Zyklus „Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven. Hauff verarbeitete in der Erzählung Kritik an den zeitgenössischen politischen Verhältnissen des vorrevolutionären Deutschlands nach dem Wiener Kongress 1815 und an den Lebens- und Wirtschaftsformen, wie sie im Deutschland vor der Industrialisierung vorherrschten. In dem Zusammenhang zeichnet Hauff das Bild einer Gesellschaft, in der für Außenseiter kein Platz ist, sodass wir Zwerg Nase vom inhaltlichen Standpunkt aus betrachtet als sehr progressiv für seine Zeit ansehen können.

Daher bietet das Märchen Zwerg Nase uns die Möglichkeit, im Schulunterricht unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt zu werden.

Die vorliegende Arbeit behandelt zunächst die inhaltlichen Aussagen des Märchens und diskutiert in dem Zusammenhang die Merkmale der literarischen Gattung, der Zwerg Nase in der literaturwissenschaftlichen Diskussion zugerechnet wird, wobei wir an der Stelle keinen Anspruch auf eine vollständige Erklärung der Gattung Kunstmärchen und seiner Merkmale erheben können. Bei der Anwendung des Begriffs auf einzelne literarische Erzeugnisse erweisen sich die Diskussionen um den Gattungsbegriff als komplex. Sie darzustellen und zu erörtern, würde unser Vorhaben, das Märchen unter didaktischen und methodischen Gesichtspunkten für den Deutschunterricht aufzubereiten, erschweren, weil die Kontroversen Gegenstand der literarischen Forschung und nicht des Schulunterrichts der Sekundarstufe I sind.

Nach der Ermittlung und Erläuterung der inhaltlichen Aussagen unterbreiten wir Vorschläge, wie wir das Märchen in einer Unterrichtseinheit den SuS vermittelt werden können und inwiefern der vorliegende Entwurf einen Lernzuwachs für die SuS darstellt. Eine Grundlage hierfür bieten uns die Standards des Berliner Rahmenlehrplans für die Sekundarstufe I, an dessen Forderungen wir uns bei der Erarbeitung unserer Unterrichtsvorschläge orientieren.

2. Kritik an der Gesellschaft und Demaskierung der Herrschaft

2.1 Die frühkapitalistische Gesellschaft

Wie in einigen seiner Märchen schildert Hauff eine Gesellschaft, dessen Dasein beinahe ausschließlich auf Gewinnvermehrung und alltägliches Überleben reduziert ist. Jakobs Eltern, der Barbier Urban und der Markt als Schauplatz des Geschehens entsprechen als erzählerische Gestaltungsmittel Hauffs Konzept einer egoistischen Gesellschaft, in der materielle Werte und das Streben der Menschen danach den einzigen Lebensinhalt darstellen.

Am Tage seiner Verwandlung wird Jakob als gesunder, hübscher und gescheiter Knabe beschrieben. Jeden Tag steht er mit seiner Mutter, der Jungfer Hanne, auf dem Markt und verkauft das beste Gemüse. Sogar der Koch des Herzogs kauft bei Jungfer Hanne, wie es der Junge stolz und vorlaut verkündet. Jakob ist das personifizierte Aushängeschild seiner Mutter. Sein Aussehen und seine Höflichkeit ist neben dem ausgezeichneten Gemüse seiner Mutter ein Kundenfang. Trägt er schwere Lasten von Esswaren den Käufern in ihr Heim, wird er mit Geschenken belohnt und es spricht sich herum, dass die Ware transportiert wird. Für eine Zeit wie die des Vormärz, in der in etlichen Regionen des deutschsprachigen Raumes die Bevölkerung Hunger litt, ist das für eine Gemüseverkäuferin wie Jungfer Hanne ein Vorteil auf dem Markt, auf dem sich die Verkäufer jeden Tag gegenseitig zu überbieten versuchen. An der Jungfer Hanne und an Jakob besteht kein Makel. Sie sind fleißig, ordentlich und sauber und demonstrieren durch diesen Habitus Ehrgeiz und Aufstiegswillen, der ihnen freilich nicht gelingt. Als Jakob bei der alten Fee Kräuterweis die offenen Gemüsekörbe sieht, sind aus den Kohlköpfen vom Stand seiner Mutter Menschenköpfe geworden. Klotz wertet das Enthauptungsmotiv als Existenzangst der Kleinbürger3 und wir stimmen ihm zu. Wie wenig sich Jakobs Eltern in Sicherheit auf der Leiter nach oben, in ein Leben von Wohlstand und ohne Sorgen wiegen können, beweist die Lage von Jakobs Vater. Als sein Sohn in Zwergengestalt die Schusterwerksatt betritt, beklagt dieser den Verlust von Jakob beinahe ausschließlich unter dem Gesichtspunkt rückgängiger Umsatzzahlen und einem eingeschränkten Angebot für seine Kunden:

„Ich hatte einen [Sohn], er hieß Jakob und müßte jetzt ein schlanker, gewandter Bursche […] sein, der mir tüchtig unter die Arme greifen könnte. Ha! Das müßte ein Leben sein; schon als er zwölf Jahre alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt, […] und hübsch und angenehm war er auch, der hätte mir Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, sondern nichts als Neues geliefert hätte! Aber so geht’s in der Welt.“4

Ist die Gesellschaft der Bürger schon ausschließlich auf materiellen Gewinn fixiert, so korreliert Proftgier mit Egosimus, Schadenfreude und Voyerismus. Als Jakob nichtsahnend als verzauberter Zwerg den Marktplatz betritt, schlagen ihm auf dem Weg dahin Hohn und Spott entgegen:

„Ei, sehet den häßlichen Zwerg! […] Ei, was hat er doch für eine lange Nase, und wie ihm der Kopf in den Schultern steckt , und die braunen, hässlichen Hände!“5

Seine Mutter erkennt ihn selbstverständlich nicht, sondern entgegnet ihm gehässig: „Bei mir verdienst du kein Geld [sic!] durch deine Gaukeleien, häßliche Mißgeburt.“6 An der Stelle sei erwähnt, dass Hauff ein realistisches Abbild seiner Zeit beschreibt. Die Menschen des frühen 19. Jahrhunderts kannten weder virtuelle Medienwelten noch Mobilität. Menschen, die durch ihr Äußeres oder auf eine andere Weise auffielen, boten daher nicht selten ihren Mitmenschen als Rarität eine Projektionsfläche zur Ablenkung vom alltäglichen Leben und den alltäglichen Sorgen.7 Sie zogen jedoch auch Spott, Zorn und Ablehnung auf sich, wie Hauff es erzählt. Von seiner Mutter und anderen schimpfenden Marktweibern wird Jakob vom Marktplatz vertrieben. An einem Ort, an dem es um Kauf und Verkauf geht, ist er nicht erwünscht. Auch sein Vater verspottet ihn und denkt daran, die lange Nase in ein ledernes Futteral zu kleiden. Schließlich könnte der kleine Zwerg ein Kunde sein, der die kärgliche Kasse der ärmlichen Schusterwerkstatt aufbessert. Auch er glaubt seinem verzauberten Sohn die Wahrheit nicht, sondern er reagiert auf mit kalter Brutalität und verjagt seinen Sohn mit Schlägen auf den Buckel aus der Werkstatt. Bezeichnend für die Geldgier und Schadenfreude der Gesellschaft, in der wir auch voyeuristische Neigungen erkennen können, ist Jakobs Besuch bei dem Barbier Urban. Der Barbier verspottet ihn und macht ihm zugleich das Angebot, als Gehilfe zu arbeiten. Jakob ist als Zwerg ein Lockvogel für Kundschaft des Friseurs. Hier erweist sich Zwerg Nase abermals als ein realistisches Märchen, denn häufig blieben körperlich verunstalteten Menschen als einzige Überlebensstrategie die Tätigkeit, ihre Behinderung für Geld öffentlich zur Schau zu stellen. So soll es Jakob bei Urban, dem Barbier tun. Dessen Konkurrenz holt sich Kundschaft mit einem zu groß geratenen Menschen heran, sodass Urbans Geschäft nicht floriert:

„Das kommt daher, weil mein Nachbar […], irgendwo einen Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Tretet bei mir in Dienste, kleiner Mann, […] alles sollt ihr haben, dafür stellt Ihr Euch morgens unter meine Türe und ladet die Leute ein hereinzukommen […] und seid versichert, wir stehen uns beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden, als jener mit dem Riesen, [...]“8

Es ist abzusehen, dass der verzauberte Jakob auf den Stufen der Kirche übernachten muss, denn in einer gierigen und verrohten Gesellschaft gibt es „nur wenig mitleidige Seelen, die einen Unglücklichen, der zugleich etwas Lächerliches an sich trägt, unterstützen“.9 Wie absolut Hauff Gewinnstreben und Egoismus in Zwerg Nase verurteilt, beweist er durch die Ausgestaltung der Handlung. Anders als im Märchen „Das kalte Herz“ gibt es kein Ende in Form einer glücklichen Zweisamkeit zwischen Jakob und Mimi. Obwohl die Handlung des Märchens darauf hinauszulaufen scheint, gehen Jakob und Mimi nach Mimis Entzauberung durch ihren Vater Wetterbock getrennte Wege. Jakob wird mit Geschenken beladen und kehrt zu seinen Eltern zurück. Er eröffnet ein Geschäft und wird reich und glücklich. Familie scheint der schöne junge Mann nicht zu haben, auf Mimi als Frau kann er verzichten. Die Hauptsache ist am Ende der Geschichte, dass Jakob reich ist. Für die Aussage bleiben uns die Hintergründe von Mimis Verzauberung verwehrt, wir können lediglich ahnen, dass es auch die Fee Kräuterweis war, die Mimi zur Mastgans werden ließ. Wir erfahren auch nichts über das Schicksal der Hexe Kräuterweis, nachdem Jakob entzaubert wurde. Auch dies ist für Hauffs Märchen nicht typisch. Die bösen Figuren seiner Märchen werden oft für ihr verwerfliches Verhalten abgestraft. So überlistet Peter Munk im Kalten Herz mit Hilfe des Glasmännleins den Holländermichel, der Peter das Herz gestohlen hat. Im Märchen von Kalif Storch muss der Zauberer büßen, weil er die wunderschöne Prinzessin in eine Eule verwandelte. Im Märchen von Zwerg Nase fehlen diese Handlungen.

Aufschlussreich in dem Zusammenhang sind die Hintergründe und einzelnen Etappen von Jakobs Verzauberung zu einem hässlichen Zwerg. Er verspottet die Fee wegen ihrer langen Nase und ihren „garstigen braunen Fingern“10 und als Strafe dafür verzaubert sie ihn. Der Schluss liegt nahe, doch die Szene und Jakobs vermeintlicher Traum von einem Dasein als Eichhörnchen verdienen es, unter dem Aspekt der Kapitalismuskritik genauer untersucht zu werden.

Hauff legt anhand Jakobs Entführung und Verzauberung dar, wie unverhofft der kleinbürgerliche Mittelstand Einbußen hinnehmen muss, die seine Existenz gefährden. An anderer Stelle haben wir bereits erwähnt, dass Jakob ein Kundenfänger seiner Mutter ist. Das von Klotz als Existenzangst gedeutete Enthauptungsmotiv erscheint gerade in der Passage, in der Jakob nicht mehr zu seinen Eltern zurückkehrt und insbesondere der Vater in seiner Schusterwerkstatt ohne Hilfskraft auskommen muss. Jakob hingegen durchläuft als Zwerg Nase eine Bewährungsprobe. Als schöner und geschickter Knabe stünden ihm vielleicht alle Türen zum großen Geld auf dem Marktplatz offen, so hat ihn sein Vater in Erinnerung. Doch als verunstalteter Zwerg ist das schwieriger. Der verzauberte Jakob muss sich in einer Gesellschaft durchsetzen, die ihn verspottet, schlägt und erniedrigt.

[...]


1 Anm. des Verf.: Zwerg Nase wurde in den Jahren 1953, 1978, 1986, 2003, 2006 und 2007 verfilmt. Darunter einmal als Puppenfilm und einmal als russischer Animationsfilm.

2 Siehe www.zwerg-nase.de

3 Klotz, Volker: Das Europäische Kunstmärchen (=Reihe UTB Bd. 2367) München 2002, S. 220.

4 Wilhelm Hauff: Märchen. Berlin 1939, S. 135.

5 Ebd., S. 133. Ebd.

6 Ebd., S. 134.

7 Mehle, Ferdinand: Der Kriminalfall Kaspar Hauser. Kehl, Strasboug, Basel 1994, S. 163.

8 Ebd., S. 138.

9 Siehe dazu Hinz, Ottmar: Hauff. (=Rowohlts Monographien hg.v.: Schröter, Klaus) Hamburg 1989, S. 116: Der verzauberte Jakob ist ein Vertreter aller Außenseiter, die in einer brutalisierten Gesellschaft lediglich erniedrigende Positionen einnehmen. Allein Äußerlichkeiten, Macht und gewinnbringende Fähigkeiten sind gültige gesellschaftliche Werte.

10 Hauff, Wilhelm:...S. 126.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zwerg Nase im Deutschunterricht
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Zentrum für Lehrerbildung)
Veranstaltung
Perspektiven deutschdidaktischer Forschung/Märchen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V197952
ISBN (eBook)
9783656241997
ISBN (Buch)
9783656242680
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit liefert eine Darstellung und Erläuterung der Figuren und der Handlung des Märchens Zwerg Nases. Außerdem wird ein Modell angeboten,wie die ermittelten Befunde SchülerInnen im Deutschunterricht dargeboten werden können.
Schlagworte
Zwer Nase, Deutschunterricht, Märchen, Vormärz, Kapitalismus, Gesellschaftskritik
Arbeit zitieren
Thomas Röhrs (Autor), 2012, Zwerg Nase im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197952

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