Der Senat und Octavian im Jahr 43 v. Chr.

Ende einer Kooperation, Zerfall einer Ordnung


Hausarbeit, 2009

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Exposition: Die Situation nach den Iden des März
1.1 Octavian betritt die Bühne der Politik
1.2 Ein unwahrscheinliches Bündnis

2 Der Wendepunkt: Die Undankbarkeit des Senats
2.1 Eine Reihe falscher Entscheidungen
2.2 Ein unterschätzter junger Mann
2.3 Weitere Aspekte und Entwicklungen der senatorischen Politik
2.4 Beweggründe und Ziele Octavians

3 Ein Zwischenspiel: Die Allianzen

4 Das Ultimatum: Octavians Forderung nach dem Konsulat

5 Die Eskalation: Der Marsch auf Rom

6 Untergang und Neubeginn: Octavian als Konsul

7 Mögliche Ursachen einer Usurpation Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In den Monaten April bis September des Jahres 43 v. Chr. vollzogen sich in der römischen Republik mehrere Umwälzungen, die kurzfristig zu einer Neuordnung der Allianzen und einer Verschiebung der Macht führten, langfristig jedoch den endgültigen Niedergang der res publica in ihrer ursprünglichen Form zur Folge hatten.

In weitgehend chronologischer Reihenfolge soll in dieser Arbeit ein Bild der damaligen Zeit entworfen werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei das wechselhafte Verhältnis des Caesarerben Octavian zum römischen Senat und insbesondere zu Cicero, seinem zeitweiligen Mentor, der das Jahr nicht überleben sollte. Um das Verständnis der komplexen Geschehnisse und ihrer Hintergründe zu erhöhen, soll aufgezeigt werden, welcher Art die Zusammenarbeit des Senats bzw. Ciceros mit Octavian war, welche Beweggründe beiden Parteien zugrunde lagen und welche Fehler sie begingen.

Zur Beantwortung dieser Fragen soll in erster Linie auf die antiken Quellen zurückgegriffen werden. Ciceros umfangreicher Briefwechsel mit zahlreichen Persönlichkeiten der späten Republik zählt zu den wenigen zeitgenössischen Zeugnissen und erlaubt einen detaillierten Einblick in das Innenleben seines Verfassers. Von Octavian sind dagegen fast keine Aufzeichnungen erhalten. Neben einigen Fragmenten seiner Autobiographie ist vor allem der Tatenbericht, die „Res Gestae divi Augusti“, zu nennen. Diese knappe und propagandistisch gefärbte Schilderung seiner Regierungszeit gibt Auskunft darüber, welches Bild seiner selbst der Herrscher dem römischen Volk und der Nachwelt zu vermitteln beabsichtigte.

Weitere wichtige schriftliche Quellen für die Zeit nach Caesars Tod sind die „Römische Geschichte“ des Cassius Dio und Appians Geschichtswerk „Rhomaika“. Beide sind fragmentarisch erhalten, in griechischer Sprache verfasst und entstanden rund 150 bis 200 Jahre nach dem Tod des Augustus. Daneben existieren die apologetisch gefärbten Aufzeichnungen des Velleius Paterculus. Bedeutende biographische Werke über Augustus verfassten Sueton im Rahmen seiner „Caesarenviten“ sowie Nikolaos von Damaskus. Hinzu kommen zahlreiche nichtschriftliche Quellen, wie beispielsweise Münzen, Bauwerke und Statuen.

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen und da der Fokus auf den beiden Hauptakteuren jener Zeit, Octavian und Cicero, liegen soll, kann auf Entwicklungen, die lediglich Antonius, M. Brutus und Cassius betreffen, an dieser Stelle nur insofern eingegangen werden, als sie für das Verständnis der weiteren Ausführungen hilfreich oder unerlässlich erscheinen.

1 Exposition: Die Situation nach den Iden des März

1.1 Octavian betritt die Bühne der Politik

Am 15. März des Jahres 44 v. Chr. wurde C. Iulius Caesar von senatorischen Verschwörern im Theater des Pompeius ermordet. Die beiden Anführer des Komplotts, M. Iunius Brutus und C. Cassius Longinus gingen nach dem Attentat in die oströmischen Provinzen Makedonien und Syrien. D. Brutus, ein weiterer Caesarmörder, floh nach Mutina in Gallia cisalpina, wo er Statthalter wurde.

C. Octavius hielt sich in Apollonia auf, als er vom Tode seines Ziehvaters erfuhr. Schon damals zeigte der Neunzehnjährige erstaunliche politische Reife, einen starken Willen und schien, bei aller verständlichen Vorsicht, bereits genau zu wissen, was er wollte.1 So wies er sämtliche Ratschläge seiner Eltern und seiner Freunde, das Testament, mit dem Caesar ihn adoptierte, nicht anzunehmen, zurück und folgte seinen eigenen Vorstellungen;2 er nahm die schwere Bürde des Erbe Caesars auf sich.

Nach seiner Ankunft in Rom konnte er sich die verworrenen Umstände nach dem Tod des Diktators und die zeitweilige Abwesenheit des Konsuls M. Antonius durch sein geschicktes Vorgehen zunutze machen. Trotz seiner Jugend verstand er es, das Volk mit Spielen und Geldgeschenken für sich zu gewinnen und eine Privatarmee aus Caesars Veteranen aufzubauen; diese betrachteten ihn als den legitimen Nachfolger ihres verstorbenen Feldherren.

Die folgenden Monate waren von Konflikten Octavians mit Antonius geprägt. Dieser weigerte sich, die Adoption durch Caesar anzuerkennen und das Geld aus dessen Testament auszuzahlen. Ein im Herbst von Octavian unternommener Versuch, Antonius auszuschalten, scheiterte am Widerstand der Soldaten. Aus diesem Grund versuchte Octavian nunmehr, seine Sache mit der des Staates zu verbinden und seine politische Position mithilfe des Senats zu legitimieren und zu festigen.3

1.2 Ein unwahrscheinliches Bündnis

Octavian knüpfte erste Kontakte zu Cicero und lockte den alternden Staatsmann der republikanischen Partei mit dem Vorschlag, er könne bei der Rettung der Republik (erneut) die Führung übernehmen.4 Cicero, der sich gerne als Schutzherr der „libera res publica“ gerierte, betrachtete Antonius und die Seinen als Feinde des Staates. Obwohl ihn daher das Angebot geschmeichelt haben dürfte - und genau darauf spekulierte Octavian -, verhielt er sich zunächst abwartend, da ihm die Vorstellung einer Koalition mit dem Erben Caesars nicht geheuer zu sein schien.5 Erst als Antonius die Stadt Mutina belagerte und D. Brutus zur Auslieferung der Provinz Gallia cisalpina drängte, willigte Cicero, in Ermangelung echter Alternativen, in das Bündnis mit Octavian ein.6 In seinen berühmt gewordenen Philippicae griff Cicero den noch amtierenden Konsul Antonius scharf an und erklärte gleichzeitig Octavian zum Hoffnungsträger der Republik. Dies war seine Art, den Senat von der Richtigkeit seines Handelns zu überzeugen. Derselbe Mann, der noch im Juni 46 v. Chr. an Atticus geschrieben hatte, dass er kein Schmeichler sei,7 umgarnte den Erben Caesars - zumindest öffentlich - mit allen ihm zur Verfügung stehenden rhetorischen Mitteln. Als Resultat dieses unermüdlichen Einsatzes erhielt Octavian am 3. Januar 43 v. Chr. ein propraetorisches Imperium und zahlreiche weitere Ehrungen. Seine Position war nachträglich legalisiert worden; wenig später zog er gegen Antonius in den Krieg.

Befasst man sich mit Ciceros Motiven, so reizte ihn, neben ganz pragmatischen Gründen - Octavian war zu dieser Zeit der einzige, dessen Armee es mit Antonius aufnehmen konnte -, wohl vor allem der Gedanke, zwei der prominentesten Vertreter der caesarianischen Partei gegeneinander auszuspielen. Er traute zwar beiden nicht über den Weg, schätzte jedoch Octavian als harmloser ein und ging aufgrund dessen Alter und geringen Erfahrung davon aus, ihn leicht kontrollieren zu können. Er betrachtete den jungen Caesar als eine Schachfigur, als eine Marionette des Senats, die man für dessen Zwecke einsetzen könne, um ihr zu gegebener Zeit die Fäden zu durchtrennen. Syme vermutet darüber hinaus, Ciceros habe durch einen neuerlichen Einsatz für die Republik versuchen wollen, sein politisches Erbe, „ das mehr von Niederlagen als Heldentaten gekennzeichnet war “ , aufzuwerten.8 Sein Hang zur Selbstüberschätzung und die damit verbundene sträfliche Unterschätzung des Octavian sollten sich schon bald bitter rächen.

2 Der Wendepunkt: Die Undankbarkeit des Senats

2.1 Eine Reihe falscher Entscheidungen

Der Mutinensische Krieg verlief zunächst ganz im Sinne Ciceros. Antonius wurde in den Schlachten von Forum Gallorum und Mutina besiegt und suchte sein Heil in der Flucht. Doch auch die republikanische Seite musste einen Rückschlag hinnehmen: Der befehlshabende Konsul A. Hirtius starb auf dem Schlachtfeld, sein Kollege C. Vibius Pansa erlag wenige Tage später einer Verwundung.9

Etwa eine Woche nach dem Sieg bei Mutina richtete D. Brutus in einem Brief mahnende Worte an Cicero:

„ Jetzt mu ß t Du mit Deinem Ansehen und Deiner Klugheit dafür sorgen, da ß nach dem Ausfall der Konsuln unsere Gegner sich nicht der Hoffnung hingeben, sie könnten wieder zu Kräften kommen. [...] Vor allem aber bitte ich Dich, den Windhund10 Lepidus zu bearbeiten; sonst könnte er sich mit Antonius verbünden und den Krieg gegen uns wiederaufnehmen. “11

Angesichts der weiteren Entwicklungen muten diese Zeilen beinahe prophetisch an, denn bereits kurze Zeit später sollten sich sämtliche Befürchtungen des Brutus bewahrheitet haben. Am 26. und 27. April wurde in zwei Senatssitzung darüber entschieden, wie mit den siegreichen Soldaten und Feldherren zu verfahren sei. D. Brutus erhielt den Oberbefehl gegen Antonius, die Flotte wurde Sex. Pompeius, einem der gefährlichsten Gegner des jungen Caesars, unterstellt. Octavian wurde indessen bei der Verteilung der Ämter und Ehren fast vollkommen übergangen;12 Lediglich eine Ovation gestand man ihm auf Betreiben des Cicero zu. Dieser scheint geahnt zu haben, dass der Zeitpunkt, den Erben Caesars endgültig und mit aller Deutlichkeit fallen zu lassen, vom Senat etwas verfrüht gewählt worden war. Der Grund für das rigorose Vorgehen gegenüber Octavian, das rückblickend sicherlich als entscheidender Fehler bewertet werden kann, ist vielleicht in dem Umstand zu suchen, dass man in Rom zu dieser Zeit offenbar davon ausging, Octavian habe die Verfolgung des Antonius bereits aufgenommen und stehe somit immer noch „treu ergeben“ auf Seiten der Republik;13 ein Irrglaube, wie sich bald zeigen würde.

In Anbetracht dessen wäre eine gemäßigtere Politik, wie Cicero sie mit seiner neuen Strategie der graduellen Entmachtung zu verfolgen schien, in jedem Falle eine weisere Entscheidung gewesen. Sich dessen bewusst, bezeichnete Cicero seine Initiative für die Ovation Octavians in einem Brief an M. Brutus als den besten Gedanken des ganzen Krieges.14 Dennoch ließ auch er damals den Weitblick oder zumindest die Durchsetzungsfähigkeit vermissen, die auch D. Brutus von ihm erwartet haben dürfte, als er von „ Ansehen “ und „ Klugheit “ schrieb.

Cicero lag mit seiner Selbsteinschätzung sicher nicht ganz falsch, wenn er von sich behauptete: „ Denn wen jemand bei schweren, gefahrvollen Entscheidungenängstlich ist und stets mehr geneigt, ein schlimmes Ergebnis zu fürchten als ein gutes zu erhoffen, so bin ich es, [...]. “15 Nach der Schlacht bei Forum Gallorum aber ließ er sich im Siegestaumel zu verfrühtem Optimismus hinreißen, da er die Republik bereits gerettet wähnte. Die Hoffnung auf ein „gutes Ergebnis“ äußerte sich in Leichtsinn und Übermut. Der berühmte Ausspruch „ Laudandum adulescentem, ornandum, tollendum “16 legt, so er denn tatsächlich von Cicero stammt, Zeugnis davon ab. Eines ist sicher: Vorsicht und Zurückhaltung, insbesondere im Umgang mit Worten, einer Disziplin, in der sich Cicero ohnehin den meisten seiner Mitmenschen überlegen gefühlt haben mag, gehörte noch nie zu seinen starken Seiten.17 Diesmal war sein Gegner jedoch nicht Catilina, den er mit Senatsreden zu Fall bringen konnte. Sein jetziger Kontrahent verfügte über acht Legionen, und Cicero, der Geistesmensch, sollte bald erfahren, dass in der Praxis das Schwert häufig mächtiger ist als die Feder.18 Der romantische Idealist Cicero war anscheinend viel zu sehr in seinen eigenen Vorstellungen behaftet, wohingegen Octavians Handeln „ niemals eine Spur von theoretischer Befangenheit “19 habe erkennen lassen.

[...]


1 Vgl. Nik. XVIII, 53-55.

2 Vgl. SYME: The Roman Revolution, S. 119.

3 Vgl. GOTTER: Der Diktator ist tot!, S. 100.

4 Vgl. Cic. Att. 16, 11, 6.

5 Gegenüber Atticus machte er keinen Hehl aus seinem Unbehagen und seiner Ratlosigkeit. (Vgl. ebd. 16, 9, 2. Vgl. auch SYME: a.a.O., S. 120)

6 Für die Natur dieser sonderbaren Zusammenarbeit wurden im Laufe der Zeit vielfältige Begriffe gefunden. Gotter bezeichnet sie als „unheilige Allianz“ (GOTTER: a.a.O., S. 103), Syme als „unnatürliches Bündnis“ (SYME: a.a.O., S. 183), H.-D. MEYER als „absurdeste Koalition, die sich denken läßt.“ (zitiert nach ORTMANN: Cicero, Brutus und Octavian, S. 524) und Christ schreibt, Ciceros Plan sei auf den ersten Blick paradox. (Vgl. CHRIST: Geschichte der römischen Kaiserzeit, S. 430) Allerdings mutet auch Octavians Verhalten, bei oberflächlicher Betrachtung einigermaßen paradox an.

7 Vgl. Cic. Att. 12, 3.

8 SYME: a.a.O., S. 151.

9 Die Gerüchte, Octavian habe beide auf dem Gewissen (vgl. Suet. Aug. 11) entbehren jeder beweisbaren Grundlage.

10 Bei Hönn ebenfalls treffend mit „Wetterfahne“ übersetzt. (Vgl. HÖNN: Augustus und seine Zeit, S. 33)

11 Cic. fam. 11, 10, 1.

12 Vgl. Cass. Dio 45, 40, 3.

13 Vgl. ORTMANN: a.a.O., S. 354 und Cic. Brut. 10 (1, 3a).

14 Vgl. Cic. Brut. 23, 9 (1, 15, 9) bzw. BOTERMANN: Die Soldaten und die römische Politik, S. 135.

15 Cic. fam. 6, 14, 1.

16 Ebd. 11, 28, 1.

17 „[...] daß er im Stolz auf seine Rednergabe das Gefühl verlor für das, was sich schickte.“ (Plut. Cic. 25)

18 Vgl. SCHALL: Augustus. Kaiser, Rächer, Komödiant, S. 81 f.

19 SYME: a.a.O., S. 126.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Senat und Octavian im Jahr 43 v. Chr.
Untertitel
Ende einer Kooperation, Zerfall einer Ordnung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V197998
ISBN (eBook)
9783656240457
ISBN (Buch)
9783656240518
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Octavian, Augustus, Cicero, Brutus, Antonius, Cassius, Senat, Rom, Mutinensischer Krieg, Proskriptionen, Caesar
Arbeit zitieren
Andreas Thum (Autor), 2009, Der Senat und Octavian im Jahr 43 v. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197998

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