Die Funktion der Frauenfiguren für die Entwicklung von Florio in der Erzählung "Das Marmorbild" von Joseph von Eichendorff


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Einleitung

Verführung - ein Thema, das schon Adam und Eva, den aus Sicht der biblischen Schöpfungsgeschichte ersten menschlichen Lebewesen, zum Verhängnis wurde.[1] Dieses Thema greift Joseph von Eichendorff in seiner Erzählung Das Marmorbild[2] auf. Hier steht der junge, adlige Florio zwischen zwei Frauenfiguren - der phantastischen Venus und der realen Bianka - und weitergehend zwischen einer erotisch-sexuellen und einer sittlichen Liebe.

In der Forschung wird unter anderem die These vertreten, dass Florio durch die Verführung der Venus einen Reifeprozess erlebt, durch den er einen Ausgang aus seiner Adoleszenzphase finden soll.[3] Gegenstand dieser Hausarbeit ist ein Vergleich der beiden Frauenfiguren, um anhand dessen diese These näher zu betrachten. Im ersten Teil der Hausarbeit sollen demnach folgende Fragestellungen berücksichtigt werden: Wie werden die Frauenfiguren in der Erzählung dargestellt? In welchem Umfeld treten sie auf? Bei Venus spielen hier vor allem mythische Vorstellungen und Gestalten eine wichtige Rolle, sodass zudem auf die Verwendung von antiken Mythen in Eichendorffs Erzählung eingegangen wird. Auch sprachliche und stilistische Merkmale, wie die Naturbeschreibung im Umfeld der Frauenfiguren, werden aufgezeigt. Nach der Beantwortung dieser ersten Fragestellungen soll dann im zweiten Teil der Hausarbeit die Wirkung der Frauenfiguren auf Florio im Hinblick auf seine Entwicklung näher analysiert werden, um anhand dessen die Funktion der Frauenfiguren in der Erzählung herauszuarbeiten. Florio gerät durch die Bekanntschaft der beiden Frauenfiguren in eine tiefe Verwirrung. Wodurch wird diese Verwirrung ausgelöst? Kann man bei der Entwicklung von Florio schlussendlich wirklich von einem Reifeprozess sprechen?

1. Die Darstellung der Frauenfiguren

Zwei Frauenfiguren prägen die Erzählung Das Marmorbild', die dem phantastischen Raum zugeordnete Venus und das dem realen Bereich angehörige schüchterne und sittsame Mädchen mit dem Namen Bianka. Winfried Woesler zufolge handelt es sich hierbei um eine kontrastierende Darstellung „zwischen dem gelegentlich zum Leben erwachenden Marmorbild der antiken Göttin und der Bianka aus Fleisch und Blut“[4].

1.1. Venus

Das Venusmotiv ist ein Motiv aus der antiken Mythologie. Venus verkörpert hier Schönheit und geschlechtliche Liebe. Außerdem wird sie als Vegetationsgöttin und als die Göttin des Frühlings dargestellt.[5] In der Romantik wurde die antike Mythologie vielfach verwendet. Man sah in ihr nicht eine bloße Tatsachenbeschreibung, sondern man versuchte, die Mythologie umzudeuten. Schon in der Antike selbst versuchte man, durch Allegorese in den mythologischen Vorstellungen und Gestalten einen tieferen Sinn zu erkennen.[6] Manfred Beller bezeichnet die Mythologie „als Kernstück der romantischen Poesie [...] und zwar in Beziehung auf ihre charakteristischen Ausdrucksformen“[7]. Beim Venusmotiv handelt es sich um ein vom Christentum dämonisiertes, heidnisches Götterbild, in dessen Innern bösartige und magische Kräfte weiterleben.[8]

In der ersten Szene entdeckt Florio bei einem nächtlichen Spaziergang eine marmorne Statue am Ufer eines Weihers (MB, S. 45). Hier wird die sich in der Realität befindliche marmorne Venusstatue zum ersten Mal durch das Wunschbild Florios zu einer fiktiven, lebendigen Gestalt. Venus erscheint dem Leser hier immer aus der Perspektive von Florio, da es Eichendorff nicht um Venus als Eigenperson geht. Aus diesem Grund ist die Darstellung der Venus abhängig von Florios Gefühlen und Gedanken.[9] Venus ist demnach eine Figur, die dem phantastischen Raum zugeordnet werden muss. Dies wird zudem an der Verwendung des Konjunktivs deutlich: „als wäre die Göttin so eben erst aus den Wellen aufgetaucht“ (MB, S. 45) oder „Je länger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schlüge es die seelenvollen Augen langsam auf“ (MB, S. 45).[10] Die Nacht und der Traum sind weitere Kennzeichen für den phantastischen Raum. Immer wieder taucht Venus in der Nacht und im Traum Florios auf, sodass Winfried Freund diese Atmosphäre der Venus folgendermaßen beschreibt: „Abgedrängt in den Traum, in das Unbewußte und in die Nacht, gehört sie in das Reich der Schatten und des heimlichen Grauens“[11]. Die Nacht und der Traum sind demnach negativ konnotiert und werden als Gefahr dargestellt. Winfried Freund stellt außerdem fest, dass vor allem die schwülen Mondnächte und analog dazu die Mittgasschwüle eine „verführerische Macht“[12] ausstrahlen würde. Venus wird demnach mit negativen Elementen in Verbindung gebracht. Sie ist die dämonische Verführerin. Ihre erotische Ausstrahlung wird unter anderem durch die „schönen Glieder“ (MB, S. 46) oder „den schönen Leib“ (MB, S. 50), die „blendendweißen Achseln“ (MB, S. 50) und durch „ihr langes goldenes Haar“ (MB, S. 50) beschrieben. Diese erotische Ausstrahlung gilt als bedrohlich - als „unwiderstehliche^..] Gewalt“ (MB, S. 49). Theresia Sauter Bailliet bezeichnet diese verführerische Anziehung als „erotische Saugkraft“[13]. Klaus Köhnke deutet zudem einen Falken, den Venus mit einer goldenen Schnur an sich bindet, als Ausdruck der „durch die Erotik gefesselte[n] Seele“[14], da es sich um eine Anspielung auf den Kürenberger handeln könnte.[15] In der Erzählung selbst wird Venus sogar als „teuflisches Blendwerk“ (MB, S. 79) bezeichnet. Für Florio ist die Venus ein Schönheitsideal, das in seinem Unterbewusstsein schlummert, denn „ihm kam jenes Bild wie eine lang gesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte vor, wie eine Wunderblume, aus der Frühlingsdämmerung und träumerischen Stille seiner frühesten Jugend“ (MB, S. 45). Demnach verkörpert Venus das in der Romantik typische Sehnsuchtsmotiv und hier explizit die Sehnsucht nach Florios Triebwünschen. Venus wird als „hohe schlanke Dame von wundersamer Schönheit“ (MB, S. 50) beschrieben und demnach als eine reife Frau, die erfahren und überlegen ist. Unterstützt wird diese Charakterisierung durch die genannten Eigenschaften „reich und gewaltig“ (MB, S. 52). Negativ zu beurteilen ist die wiederholte Anspielung auf den Tod im Umfeld der Venus. Die „steinernen Augenhöhlen“ (MB, S. 46) der Venus deuten zum Beispiel auf diesen hin. Zudem wird Venus als „bleich und regungslos“ (MB, S. 62f.) bezeichnet. Auch die „blendendweißen Achseln“ (MB, S. 50) kennzeichnen den weißen Marmor und damit die tote, steinerne Venusfigur. Doch die Venus verkörpert nicht nur den Tod, sondern auch das Leben. Sie ist gefangen in einem ständigen Kreislauf von Erwachen und Erstarren. Symbolhaft hierfür ist das Kreismotiv. So ziehen im Umfeld der Venus „Schwäne [...] ihre einförmigen Kreise“ (MB, S. 45) oder „zu ihren Füßen war ein Kreis von Jungfrauen auf dem Rasen gelagert“ (MB, S. 68). Theresia Sauter Bailliet stellt außerdem fest, dass sie als Göttin des Frühlings dem „monotonen Kreislauf des Blühenmüssens“[16] unterliege. Diese Monotonie wird zudem am Objekt des Springbrunnens und dessen immer wiederkehrenden Wasserlaufs deutlich, der oft im Umfeld der Venus genannt wird.[17]

[...]


[1] Vgl. Elisabeth Frenzel: Verführerin, Die dämonische, in: Ders., Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 51999, S. 774-788, hier S. 774.

[2] Vgl. Joseph von Eichendorff: Das Marmorbild. Eine Novelle, in: Karl Konrad Pohlheim (Hg.), Sämtliche Werke des Freiherrn von Eichendorff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. V/1. Erzählungen. Erster Teil, Tübingen 1998, S. 29-82 (Diese Anmerkung wird künftig mit Angabe der Seitenzahl unter der Sigel MB zitiert).

[3] Vgl. Judith Domány: Semantische Räume und Rollen in Eichendorffs Erzählung Das Marmorbild, in: Jahrbuch der ungarischen Germanistik, 1995, S. 325-335, hier S. 325.

[4] Winfried Woesler: Frau Venus und das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze. Zu Eichendorffs »Marmorbild«, in: Aurora 45, 1985, S. 33-48, hier S. 39 (nachfolgend abgekürzt durch: Woesler: Frau Venus).

[5] Vgl. Winfried Woesler: Eichendorff und die antike Mythologie, in: Michael Kessler und Helmut Koopmann (Hg.), Eichendorffs Modernität, Tübingen 1989, S. 203-221, hier S. 203f. (nachfolgend abgekürzt durch: Woesler: Mythologie).

[6] Vgl. ebd., S. 206f

[7] Beller, Manfred: Narziß und Venus. Klassische Mythologie und romantische Allegorie in Eichendorffs Novelle Das Marmorbild, in: Euphorion 62, 1968, S. 117-142, hier S. 119 (nachfolgend abgekürzt durch: Beller: Narziss und Venus).

[8] Vgl. Theresia Sauter Bailliet: Die Frauen im Werk Eichendorffs. Verkörperungen heidnischen und christlichen Geistes, Bonn 1972, hier: S. 148 (nachfolgend abgekürzt durch: Sauter Bailliet: Die Frauen).

[9] Vgl. Sauter Bailliet: Die Frauen, S. 137.

[10] Vgl. hierzu auch: Klaus Köhnke: Hieroglyphenschrift. Untersuchungen zu Eichendorffs Erzählungen, Sigmaringen 1986, hier: S. 67 (nachfolgend abgekürzt durch: Köhnke: Hieroglyphenschrift).

[11] Winfried Freund: Venerischer Spuk - Joseph von Eichendorff: »Das Marmorbild« (1819), in: Ders. (Hg.), Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Storm, Stuttgart u.a. 1990, S. 99-110, hier: S. 104 (nachfolgend abgekürzt durch: Freund: Venerischer Spuk).

[12] Ebd., S. 107.

[13] Sauter Bailliet: Die Frauen, S. 105.

[14] Köhnke: Hieroglyphenschrift, S. 69.

[15] Vgl. hierzu auch: Freund: Venerischer Spuk, S. 107.

[16] Sauter-Bailliet: Die Frauen, S. 155.

[17] Vgl. ebd., S. 153.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Frauenfiguren für die Entwicklung von Florio in der Erzählung "Das Marmorbild" von Joseph von Eichendorff
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V198156
ISBN (eBook)
9783656241799
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, frauenfiguren, entwicklung, florio, erzählung, marmorbild, joseph, eichendorff
Arbeit zitieren
Julia Potthast (Autor), 2012, Die Funktion der Frauenfiguren für die Entwicklung von Florio in der Erzählung "Das Marmorbild" von Joseph von Eichendorff , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198156

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