Von der Freizeitpädagogik zur Freizeitwissenschaft?


Diplomarbeit, 2003
78 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

DANKSAGUNG

1. EINLEITUNG

2. ARBEIT + FREIZEIT = MENSCH?

3. KLÄRT DIE GESCHICHTE DEN DUNSTKREIS DER BEGRIFFLICHKEITEN?
3.1 Urgesellschaft - Kulturtechnik und Religion
3.2 Antike - scholé und ascholía, otium und negotium
3.3 Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert
3.3.1 Restzeit (Reformation)
3.3.2 Rüstzeit (Protestantische Seelsorge)
3.3.3 Mußezeit (Schulpädagogik)
3.3.4 Freiheit (Aufklärung)
3.3.5 Feierabend (19. Jahrhundert)
3.3.6 Schlaf und Essen (Industrialisierung)
3.3.7 Urlaub und Amüsement (spätindustrielle Gesellschaft)
3.3.8 Kraft durch Freude (Nationalsozialismus)
3.3.9 Freizeit (Deutschland nach 1945)
3.4 Der Blick auf die „Freizeit“ im Laufe der Gesellschaften
3.5 Zusammenfassung

4. FREIZEITPÄDAGOGIK - PROFESSIONALITÄT - PROFESSIONALISIERUNG - ZUKUNFT?
4.1 Freizeitpädagogik - kein pädagogisch-soziologisches Urknall-Phänomen
4.1.1 Der Weg ins 20. Jahrhundert
Stichwort: Freizeitproblematik
4.1.2 Die 20er Jahre und Folgejahre
Stichwort: Freizeittheorie
4.1.3 Die 60er Jahre und Folgejahre
Stichwort: qualitative und quantitative Freizeitforschung
4.1.4 Der Weg ins 21. Jahrhundert
Stichwort: Freizeiterziehung
4.2 Berufsfeld „Freizeit“
4.3 Wohin führt der Weg der „Freizeitpädagogik“?
Stichwort: Pädagogische Freizeitforschung
4.4 Gibt es ein Berufsfeld „Freizeitpädagogik“ und wie sieht dieses aus?
Stichwort: Freizeitwissenschaft
4.5 Steht der Schritt zur „Freizeitwissenschaft“ bevor, wird er gerade vollzogen oder ist er schon abgeschlossen?

5. ABSCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

Danksagung

Mein Dank gilt insbesondere Frau Prof. Dr. Zeuner (Universität Flensburg), die mir durch das gestellte Thema der schriftlichen Hausarbeit für die Diplomprüfung die Möglichkeit geschaffen hat ein interessantes und aktuelles Thema zu bearbeiten. Gerade zu Beginn der Publikationssichtungen und der Gliederung der Hausarbeit stand mir Frau Zeuner mit Rat zur Seite.

Mein weiterer Dank gilt Frau Reimer (Universität Flensburg), deren Angebot, bei administrativen und organisatorischen Fragen immer erreichbar zu sein eine große Hilfe für mich bedeutete.

Zusätzlich möchte ich mich bei Prof. Dr. Opaschowski (Universität Hamburg) für den fruchtbareren schriftlichen Meinungsaustausch bedanken, sowie für das Gespräch, das ich mit ihm am 15. Mai dieses Jahr führen durfte.

Weiterer Dank geht an Dr. habil. Jütte (Universität Krems/ Österreich), der mich durch Anregungen und fachlichen Gedankenaustausch vieles klarer sehen ließ. Auch Dr. Maaßen (Universität Flensburg) möchte ich für die zahlreichen Tipps und Literaturhinweise danken. Nicht vergessen werden sollen Marc Wehmeyer und Wübbe Tiemann, die mir als Freunde und Manuskriptprüfer die schärfsten Kritiker waren ebenso wie meine liebe Freundin Etta Habeck.

Schließlich möchte ich meinen Eltern, Carsten und Margrit Boehm danken, die mich nicht nur zur Arbeit, sondern im besonderen Maße zur Muße erzogen haben.

Flensburg, im Juni 2003

1. Einleitung

Der prägendste Paradigmenwechsel von „Arbeit“ und „Freizeit“ ist durch die Reformation bedingt. Das konstruktiv-kreative otium wurde als Müßiggang klassifiziert. Das Berufsethos „Arbeit“, kam einer Leibeigenschaft gleich und öffnete Unterwerfung und Ausbeutung Tür und Tor (Opaschowski 1997, 111). Das zeigt Martin Luther deutlich, wenn er sagt:

„Also muß die Oberkeit den Pöbel (...) treiben, schlagen, würgen, henken, brennen, köpfen und radebrechen, dass man sie fürchte und das Volk also in einem Zaume gehalten werde.“ (Luther, Band 33, 389 f).

Aus diesem Kontext heraus ist unsere „moderne“ Arbeits- und Freizeitgesellschaft aufgebaut. Schleichend verfolgt uns ein enormes Trauma, das selbst mit dem Freiheitsgedanken der Aufklärung und Französischen Revolution nicht negiert werden konnte, wie die kapitalistische Ausbeutung der industriearbeiter in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts zeigt.

Zusätzlich ist die deutsche Geschichte mit einer weiteren Erschütterung belastet, die gerade erst einige Jahrzehnte zurückliegt. Die Auswirkungen der Freizeitorganisation im Nationalsozialismus, namentlich die Bewegung „Kraft durch Freude“, gestaltet auch heute noch die objektive Auseinandersetzung mit einer Pädagogik der freien Zeit schwierig. Sie ist ein Hauptgrund warum es zu einer monokausalen, kaum innovativen Freizeitforschung und Freizeitpädagogik in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kam. Bis heute besteht die Befürchtung, dass durch ein Bildungsangebot die arbeitsfreie Zeit organisiert wird und somit einen Weg zum Despotismus ebnet. Dass jedoch die Rolle des beeinflussenden, unreflektierten Organisators durch die Modernen Medien - insbesondere Fernsehen und internet - längst belegt ist, wird in der fachlichen Diskussion scheinbar nicht beachtet. Auch dass ein Gegenpol zur wirtschaftlich geprägten Konsummaschinerie benötigt wird, scheint nicht zur Debatte zu stehen.

Studien wie PiSA[1] bewegen Bevölkerung und Politik, doch sind die wahren Gründe für die Ergebnisse nicht bzw. nur unzureichend erfasst. Politische Panikhandlungen und Herumstochern in der Schulpädagogik sind die Folge; dies verursacht dem Staat enorme Kosten, kehrt den Trend jedoch nicht um. Die Jugend hat die Gestaltung, das bewusste sinnvolle Nutzen von Arbeit befreiter Zeit nicht gelernt. Durch Fernsehen und Computer sind die jungen Menschen auf diversen Gebieten unmündige und unreflektierende Konsumopfer der Freizeit, die nicht aus ihrer derzeitigen Situation ausbrechen können, da es keinen Rettungsring der Freizeitpädagogik im Konsumsumpf gibt, der sie trägt. Aristoteles hat dies in „Politik“ (1338a) bereits treffend beschrieben: „Und so leuchtet denn ein, dass man auch für den würdigen Genuss der Muße erzogen werden und manches lernen muss (...)“

Selbst wenn der Ruf nach Ganztagsschulen laut wird, ließe sich kritisch anführen, dass bisher scheinbar der vornehmliche Sinn darin besteht, die Freizeit der Kinder und Jugendlichen zu kürzen um diese besser zu kontrollieren. Doch müsste vielmehr ein grundlegendes Konzept für eine neue Form von Ganztagsschulen entwickelt werden, welche Unterricht und Freizeit kombinieren.[2] Doch wer soll in den „neuen“ Ganztagsschulen die „Freizeitbildung“ durchführen? Professor Wassilios E. Fthenakis aus München sagte gegenüber der Welt am Sonntag am 11.05.2003, dass er sich hierfür Lehrer und Sozialpädagogen vorstellen könne. Sicherlich könnten mit Hilfe von Zusatzqualifikationen im Bereich der Freizeitpädagogik Lehrer wie auch Sozialpädagogen weitergebildet werden. Das ist derzeitig die Zielvorgabe der universitären Freizeitpädagogik als Querschnittswissenschaft. Mittelfristig wäre jedoch das Berufsbild eines akademischen Freizeitpädagogen, der Querschnittkompetenzen in den Bereichen Schul- und Sozialpädagogik besitzt wünschenswert, um diese Lücke zwischen Schule, Familie und Jugendhilfe zu schließen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, denn derzeit existieren weder ein echtes Berufsbild des Freizeitpädagogen noch eine einheitliche Definition desselben. Selbst durch Werke, wie von Sabine de HAËN „Der Beruf des Freizeitpädagogen“ (1994) ist dies nicht gelungen. Bis zum heutigen Tag vermischen sich begrifflich die „praktische Freizeitpädagogik“, also der pädagogische Umgang in außerschulischen Jugendmaßnahmen und Vereinen, in der Tradition der Freizeitpädagogik der 20er Jahre (Jugendbewegung) mit der „wissenschaftlichen Freizeitpädagogik“, beginnend mit einer Differenzierung in den 60er Jahren. Damit wird die „wissenschaftliche Freizeitpädagogik“ oft als nicht professionell arbeitend angesehen. Nicht ohne Grund wurde im Bonner Positionspapier vom Vorstand und Sachverständigen­Beirat der DGfE-Kommission Pädagogische Freizeitforschung am 18. November 1998 einstimmig der Begriff „Pädagogische Freizeitforschung“ gewählt, der den der „Freizeitpädagogik“ ablösen soll und sich somit von der „anderen“ Freizeitpädagogik abgrenzt, sie aber nicht ignoriert Die vorliegende Abhandlung möchte den Weg der Begrifflichkeit rund um „Arbeit“ und „Freizeit“ in den Kapiteln 2 und 3 chronologisch aufzeigen um die Geschichte und Fragestellung der „Freizeitpädagogik“ leichter verständlich werden zu lassen. Dazu wird insbesondere der Blick auf die derzeitigen Aufgaben der Freizeitpädagogik und die möglichen Veränderungen der Aufgabenstellung in der Zukunft im Gesamtgefüge der Gesellschaft gerichtet. Dies geschieht in zirkulären Collagen mit Einschüben zur Vertiefung der Themenbereiche im Kapitel 4. Es wird dort zu einer Klärung der Frage kommen, ob der Weg von der Freizeitpädagogik zur Freizeitwissenschaft führt und welche Definitionen hinter den Begriffen stehen. Eine Abschlussbetrachtung (Kapitel 5) möchte die Arbeit reflektieren und zusammenfassen.

2. Arbeit + Freizeit = Mensch?

Definition und chronologische Standortbestimmung

Ist ein Großteil der Gesellschaft nicht darauf ausgelegt wie die Menschen möglichst genau ihre Lebenszeit beschreiben - und dann (aus-)nutzen - können und wie die Wissenschaft möglichst präzise Disziplinen definieren kann?

Mit den Begriffen „Arbeit“ und „Freizeit“ hat man zunächst eine scheinbare Zweiteilung des Lebens erreicht. Dieses bipolare Bild formulierte in der industriellen Zeit so deutlich erstmals KARL MARX - wobei er selbst nicht von Freizeit sprach, sondern von disponibler Zeit[3]. Er gab an, dass die Summe der eben disponiblen Zeit und die notwendige Arbeitszeit die gesamte dem Menschen zur Verfügung stehende Zeit ergibt. (Tokarski u. Schmitz-Scherzer 1985, 20 f.).[4]

Der Versuch die beiden Begriffe „Arbeit“ und „Freizeit“ „von außen“ zu klären führt also keinesfalls zu einer starren Abgrenzung, sondern vielmehr zu einer dynamisch fließenden Auffassung, da beide Begriffe tatsächlich immer in Beziehung zueinander und mit weiteren persönlich-gesellschaftlichen Begriffen miteinander gesehen werden müssen (Opaschowski 1970, 13).

Sicherlich hat jeder Mensch eine eigene Meinung darüber was Arbeit und was Freizeit ist, doch selbst bei ein und demselben Individuum kann die Definition je nach Situation beträchtlich variieren. Schließt man nun das Alter, das Geschlecht, den persönlichen Werdegang, den Kulturkreis und den historischen Kontext in die Betrachtung mit ein, so entsteht eine Definitions-Grauzone zwischen Arbeit und Freizeit, in der diese Begriffe fast vollends gegeneinander ausgetauscht werden könnten. Fixpunkte jedoch helfen weiter. So ist der astronomisch berechnete Sonnenuntergang die Scheidegrenze zwischen Tag und Nacht auf dem Papier. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Freizeit-Definition kann das Verhältnis „Freizeit - Arbeit“ deutlicher skizzieren. Doch das Spektrum der

Erklärungsansätze reicht durch alle Sparten der Wissenschaften, sei es die ökonomische, soziologische oder psychologische Betrachtung, bis hin zu Aspekten der Philosophie und Pädagogik (Tokarski u. Schmitz-Scherzer 1985, 224).

Die ,,Freizeit“, so definiert Meyers Taschenlexikon 1998 dagegen sehr pragmatisch, „[ist] der (im Einzelnen unterschiedlich definierte) Zeitraum, der dem arbeitenden Menschen neben seinen beruflichen oder berufsähnlichen Verpflichtungen verbleibt. Freizeit wird entweder als Gesamtheit dieser ,Nicht- Arbeitszeit’ oder nur als die darin enthaltene ,Mußezeit’ definiert; häufig wird Freizeit auch in reproduktive oder regenerative (Ernährung, Schlaf, Körperpflege) und frei disponible, ,verhaltensbeliebige’ Zeit (z.B. Vergnügen, Tätigkeiten zur Selbstverwirklichung) unterteilt."

So allgemein diese Begriffsbildung auch ist, trifft sie den Kern der derzeitigen Freizeit-Definition sehr gut.

Im Brockhaus von 1938 ist zu lesen, dass Freizeit „(...) die arbeitsfreie Zeit der Berufstätigen [ist].“ Aber die nationalsozialistische Ideologie schrieb vor, dass „die Ausgestaltung der Freizeit innerhalb des Deutschen Reiches mit dem Ziel körperlicher und seelischer Förderung der Schaffenden [durch] die R.- Gemeinschaft - Kraft durch Freude - übernommen [wurde].“

Ende der 20er Jahre war laut Brockhaus-Enzyklopädie unter „Freizeit“ ein starker Bezug zur Jugendbewegung und der protestantischen Rüstzeit zu erkennen, während im Brockhaus (4 Bände - Handbuch des Wissens) aus dem Jahre 1923 sich der Begriff gar nicht wieder findet.

Eine konkrete Definition fällt aber nicht nur durch den Wandel der Begriffsauslegungen und -werte in den letzten Jahrzehnten und den unterschiedlichen Ausdrücken der letzten Jahrhunderte schwer, sondern auch wegen der unterschiedlichen Herangehensweise der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen

Vielleicht lässt sich deshalb, selbst in wissenschaftlichen Kreisen, zuweilen eine Ignoranz oder Hilflosigkeit feststellen. So berichtet HERZFELD über eine nicht weiter definierte freizeitbezogene Erhebung in der Bundesrepublik Deutschland, die eine Begriffserörterung mit den Worten: „(...) was Freizeit ist, weiß jeder (...)“ ablehnt und von „logischer Begriffsakrobatik“ spricht (Herzfeld 1970, 11).

Doch eingehende Auseinandersetzungen mit dem Thema „freie Zeit“ und „arbeitsreiche Zeit“ gibt es durch alle Zeiten der menschlichen Geschichte.

Laut Artikel 24 der Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948 hat jeder Mensch Anspruch auf Erholung und Freizeit, aber nicht jeder Mensch hat auch Anspruch auf Arbeit. Wenn man davon ausgeht, dass das Leben nur aus Arbeit oder Freizeit bestehen kann (natürlich weiter ausdifferenziert), ist die Frage: Muss also der Mensch vor der Arbeit geschützt werden? Ist damit die Arbeit negativ und die Freizeit positiv besetzt? Können Menschen mit Arbeit gequält werden, nicht aber mit Freizeit? Hat ein Arbeitsloser rund um die Uhr Freizeit und genießt die arbeitsfreie Zeit? Arbeitet ein Bildender Künstler immer, da er zu jeder Zeit denkt und damit sein Gesamtkunstwerk voran treibt? Wie definieren sich denn nun Arbeit und Freizeit um letztlich zu fragen: Was war zuerst da, die Arbeit oder die Freizeit? Durch einige dieser Fragen und insbesondere der „Henne-Ei­Fragestellung“ - so lapidar sie erscheint - wird erst der Kern der Problematik greifbar, wenngleich bei Weitem kein Königsweg der Herangehensweise vorgegeben noch ein Hinweis auf die Lösung der Frage bereitgehalten wird.

Es darf der Blick vor sinnverwandten Begriffen, sei es „Schaffen“ und „Muße“, „negotium“ und „otium“, „scholé“ und „ascholía“ nicht abgewandt werden, was uns, wie bei einem Abstieg in eine unerforschte Höhle, zunächst jeden Schritt erkennen lässt und uns sicher tiefer in der Zeit hinab führt.

Doch die Aufgabe des Höhlenforschers, wenn mir diese Metapher noch ein wenig länger gestattet ist, sucht nicht nur einen sicheren Weg der Begrifflichkeit in die Tiefen der Höhle, sondern er möchte sie mit ihren Einzelheiten kartographisieren, möchte die Besonderheiten und das Ganze erkennen. Außerdem führen die behauenen Stufen der Begrifflichkeit nur einen kleinen Teil weit in die Höhle. Deshalb muss sich bald von den Begriffen getrennt werden um die Gefüge dahinter in ihren geschichtlichen Zeiten erkennen zu können. Die geschichtliche Betrachtung der Dinge halte ich für unabdingbar um die Gegenwart und die Zukunft deuten und interpretieren zu können. Doch ein historischer Ansatz ist weder eine Stärke der Erziehungswissenschaften noch der Soziologie, da historischen Ansätzen oft eine „Flucht in die Vergangenheit“ als Negativum angelastet wird (Timm 1970, 14). Giesecke schreibt andererseits zu dieser Problematik 1964 in einer Buchrezension:

„Obwohl zahlreiche Menschen Freizeitpädagogik betreiben (...), gibt es bisher keine pädagogische Freizeittheorie. Eine solche Theorie müsste vor allem klären, aus welchen historischen Situationen die heute herrschende Vorstellung über Arbeit und Freizeitgestaltung stammen, was sie in diesen Situationen leisteten und inwiefern sie heute noch gültig sein können.“ (Giesecke 1964, 379.)

Fast 40 Jahre später ist der zweite Teil der Aussage noch immer haltbar. Obgleich es bereits diverse Definitionen einer Freizeittheorie - unter anderem von Giesecke selbst - gibt und sich die Freizeitpädagogik nach dem pädagogisch­soziologischen Interesse und den fachlichen Diskussionen seit den 1960er Jahren. in gewisser Weise auf dem Sektor der Pädagogik und Soziologie etabliert hat, fand eine eingehende Auseinandersetzung mit geschichtlichen Vorstellungen rund um Arbeit und Freizeit in der einschlägigen Literatur nie statt. Dies kann aus zeitlichen und thematischen Gründen auch diese Abhandlung nicht leisten, doch um das Kernthema dieser Arbeit - von der Freizeitpädagogik zur Freizeitwissenschaft - mit genügend Objektivität beleuchten zu können, führt der Weg zwangsläufig über die Geschichte ihrer Wurzeln und damit zur Chronologie der Freizeit und Arbeit.

Derzeit stellen lediglich die Definitionen der Enzyklopädien und Fachbücher erste Fixpunkte dar. Grenzen verlaufen verwischt und werden zusätzlich von Individuum zu Individuum und Gesellschaft zu Gesellschaft anders festgelegt. Doch die Gesellschaft zu jeder Zeit in ihrer Gesellschaftsgeschichte prägte jeweils unterschiedliche Vorstellungen zu den Begriffen. Aus diesem Grund ist die geschichtliche Betrachtung von eminent wichtiger Bedeutung für das Verständnis, die Rolle und die Gewichtung der Freizeitpädagogik heutzutage und in der näheren Zukunft. Denn unbestritten befindet sich unsere Gesellschaft (die der „1. Welt“) durch die „mikrotechnisch-automatisierte Revolution“ im Umbruch. Die Werte „Arbeit“ und „Freizeit“ werden derzeit regelmäßig sozial neu definiert.

Es muss von einem fließenden Prozess gesprochen werden, dennoch ist durch Arbeitszeitverkürzung, weitere Technisierung, Arbeitsfeldverlegung, veränderte Freizeitgestaltung, Medien und Globalisierung ein neues Verständnis rund um Arbeit und Freizeit vonnöten. Dies sollte keinesfalls von der Wirtschaft, durch Werbung und Konsum-PR oktroyiert, sondern vielmehr in eine wissenschaftlich geführte Diskussion geleitet werden.

Opaschowski setzt sich für die heute gemeinhin anerkannten Oberthemen

- Determinationszeit (auferlegte Zeit),
- Obligationszeit (verpflichtete Zeit) und
- Dispositionszeit (verfügbare Zeit) ein, die im Groben der Aufteilung der Aufklärung folgen (Opaschowski 1977, 16).

Im nun folgenden Kapitel wird durch den historischen Blickwinkel zur „Arbeit“ und „Freizeit“ das Sichtspektrum erweitert um stichhaltig die Vergangenheit und Zukunft der Freizeitpädagogik definieren zu können.

3. Klärt die Geschichte den Dunstkreis der Begrifflichkeiten?

3.1 Urgesellschaft - Kulturtechnik und Religion

Die Urgeschichte der Menschheit war bedingt durch die Sicherung des Überlebens. Es gab keine produktiv-abstrakten Arbeitsprozesse. Das Leben bestand aus der Suche nach Nahrungsmitteln, aus der Fortpflanzung und der Aufzucht des Nachwuchses. Hinzu kam ein nicht nachweisbarer Anteil an extrafamiliären Sozialverhalten. Bestimmt wurde der Tagesablauf (wie bis ins letzte Jahrhundert) durch die Sonne bzw. den Tag. Jedoch ist hierbei eine komplett flexible Zeitstruktur anzunehmen, wie an rezenten Kulturen nachzuvollziehen ist (Nahrstedt 1990, 86). Die Sippe gab Sicherheit. Sie ist der ausschlaggebende Faktor für den Erfolg des Menschen. Das gemeinsame Jagen und Sammeln[5] bescherte der gesamten Gruppe ein Überleben, obwohl lediglich genutzt wurde, was die Natur hergab. Jedoch ermöglichte die Stärke der Gruppe teilweise erst eine Machbarkeit sowie eine Erhöhung der (Arbeits-) Effektivität und somit eine Lebens- und Altersabsicherung trotz geringerem Aufwand des Einzelnen, also das Prinzip von Teamarbeit und Arbeitsteilung.

Daraus ergab sich mehr disponible Zeit für jedes Mitglied der Sippe. Komfortableres Leben und die Möglichkeit sich selbst zu beschäftigen, zu denken, zu abstrahieren und zu erfinden waren der Lohn dieser gemeinschaftlichen Methode. NAHRSTEDT nennt es die Entwicklung der Kulturtechniken und -güter (Nahrstedt 1990, 86).

Kunst und Religion entstanden und damit die ersten archäologisch fassbaren Spezialisierungen von einzelnen Menschen durch Zeichnungen, Figuren/ Idole sowie Bestattungsriten.

In diesem Punkt muss ich Nahrstedt widersprechen, der nach einem Zitat von Alfred Rust, einem bedeutenden norddeutschen Ur- und Frühgeschichtler des 20. Jahrhunderts (trotz nationalsozialistischer Vergangenheit), die Kunst auf eine Stufe mit Freizeit setzt (Nahrstedt 1990, 87). Ein deutliches Beispiel dafür, dass Nahrstedt mit einer Sichtweise des ausgehenden 20. Jahrhunderts die Welt des 15. vorchristlichen Jahrtausends zu erklären versucht. Die Fels- und Höhlenmalereien waren keinesfalls Übungen zur Erbauungen, Entspannungstherapien oder Malkurse zur Selbstfindung, sondern vielmehr ernste „Arbeit“ oder möglicherweise mit dem antiken Begriff der „Muße“ vergleichbar. Natürlich möchte ich die „produktive pädagogische Kraft“ (Nahrstedt 1990, 87.) der frühen Kunst nicht absprechen, aber einerlei ob rituell-religiöse Symbolik oder profane Jagdanweisungen, die Einordnung in den Bereich Freizeit halte ich für falsch bis gefährlich.

Die Fertigung von Werkzeugen, Waffen, Schmuck und Kleidung kommen hinzu. Durch den hohen Grad an Perfektion und Handschriften kann auch hier von Spezialisierung ausgegangen werden. Jedes Mitglied einer Sippe hatte Aufgaben, die er/ sie besonders gern oder gut erfüllen konnte. Erst die Loslösung vom direkten Überlebenskampf brachte das geistige Potential der Menschheit voran. Für die Entwicklung der Menschheit halte ich in der frühen Zeit folgende These für geltend: „Nur über Muße und Freizeit entwickelt sich die menschliche Kultur.“ (Nahrstedt 1990, 85 f). Nahrstedt selbst zeigt lediglich drei mögliche Positionen auf, wobei er sich für eine andere entscheidet, die da lautet:

„Arbeit und Muße, Arbeitszeit und Freizeit im historischen wie biographisch wechselnden Zusammenspiel erst ermöglichen eine volle Entwicklung von Menschlichkeit und die Realisierung aller individuellen wie gesellschaftlichen Lernpotentiale.“ (Nahrstedt 1990, 86.)

Diese „pädagogische Gleichgewichtsthese“ halte ich durchaus für zutreffend ab der frühgeschichtlichen[6] Gesellschaft, doch in der urgeschichtlichen[7] Gesellschaft halte ich Muße und freie Zeit für den entscheidenden Stein, der die Entwicklung der Menschheit ins Rollen gebracht hat. Im Bezug auf das klassische Griechenland nennt Toynbee die Muße die „Amme der Kultur“ (Timm 1970, 14). Diesen Begriff finde ich gerade in Hinsicht auf die Urgesellschaft für sehr passend.

Meines Erachtens liegt vermutlich der Erfolg des Cro-Magnon Menschen gegenüber dem Neandertaler darin, dass der Cro-Magnon durch mehr freie Zeit mehr Kulturtechniken erwarb, diese verfeinerte und somit einen Vorsprung gegenüber dem Neandertaler besaß. Mehr Kulturtechniken bedeutete mehr freie Zeit, mehr freie Zeit bedeutete weitere Verfeinerungen der Kulturtechniken. Dieser Kreislauf reichte aus, um den Neandertaler in die eigene in allem Punkten fortschrittlichere Kultur zu integrieren und ihn damit geschichtlich unsichtbar werden zu lassen, ihn zu eliminieren/ aussterben zu lassen.[8]

Um etwas polemisch die Diskussion zu eröffnen, worauf sich der Drang zur Freizeit begründet, weise ich den ältesten Ansatz vor. Wir existieren nur in unserer heutigen Form, weil wir - homo sapiens sapiens - mehr Freizeit als andere Hominiden besaßen. Dieser Vorteil war und ist Macht, insbesondere eine Macht des Wissens, und damit umgesetzt ein Fortschritt an Technik. Vielleicht sollten wir sogar vor dem spielenden Homo ludens vom Homo otii sprechen.

Nun, da der Mensch auf die Natur blickte, folgte die endgültige Trennung vom gemeinen Tier. Die Natur wurde nicht nur genutzt, sondern bearbeitet und geformt um mehr Erträge zu erbringen. Ackerbau und Viehzucht des Neolithikums bedeuteten mehr Sicherheit und dennoch weniger Aufwand, da die Menschen die Nahrungsmittel, die sie zuvor lange suchen oder jagen mussten, wobei viel Zeit und Energie verschwendet wurde, nun quasi vor der Tür hatten.

Denn „die Domestikation von Tieren und die Kultivierung der Pflanzenzüchtung ermöglichte die Sesshaftigkeit der Menschen in dauerhaften Siedlungen. Die technische Weiterentwicklung durch Erfindungen wie das Rad, den Pflug und die Bewässerung erleichterte die Ausbildung des Handwerks und die Produktion von Mehrwert. (Nahrstedt 1990, 87.)

Die Menschen verfügten über mehr Zeit, die dazu genutzt wurde um das Leben weiter zu erleichtern und effizienter zu machen. Längst gab es Sprache, die die Kommunikation präzise und Zeit sparend werden ließ. Komplexe Gedanken konnten durch die Sprache von einem Menschen zu einem anderen weitergegeben werden.

Nicht nur ein körperliches Netzwerk, sondern vielmehr ein geistiges Netzwerk von Gemeinschaften entstand. Das Potential war enorm. Ein komplexes Gesellschaftssystem keimte mit Schrift, Herrschaft und Gesetzgebung, Krieg und Handel, Städten und Staaten auf.

Bereits in den frühen Kulturen muss erstmalig ein differenzierter Blick auf die Arbeitsweise und Freizeitweise der eigenen Gemeinschaft/ Gesellschaft geworfen worden sein. Dies belegen Zeichnungen, Formulierungen und Funde, die insbesondere im religiösen oder kultischen Zusammenhang zu sehen sind. Opaschowski geht sogar davon aus, dass die Ruhetage oft die Hälfte des Jahres ausgemacht haben (Opaschowski 1997a, 25).

Opaschowski spricht dabei von der Antike und den primitiven Agrarvölkern, die diese hohe Anzahl von jährlichen Ruhestunden besaßen. Er führt weiter an, dass tabu- oder unheilvolle Tage zu Feier-, Fasten- und Festtagen wurden (Opaschowski 1997a, 25). Die Aussage ist durchaus für die Antike belegt, jedoch nicht für die Urgeschichte anzunehmen. Es wäre einfach logistisch nicht durchführbar gewesen so viele Tage nicht zu arbeiten, da ein Überleben nicht mehr gesichert gewesen wäre. Dennoch meine ich - wie bereits erwähnt - und hier noch einmal pointiert dargestellt: Durch eine Religion entstanden Feiertage, die durch den klassischen Mußegedanken die Kultur voran brachten um damit einen Vorsprung an wissen und Technik zu erzeugen.

3.2 Antike - scholé und ascholía, otium und negotium

in den letzten neun Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung liegen drei Gesellschaftsschichten der Arbeit und Freizeit vor;

- die, welche mit ihrem Körper der Notdurft des Lebens dienten,
- die, welche beim Volk in der Öffentlichkeit zur Arbeit gingen und
- die herrschende Schicht (Arendt 1983, 99 f.; Timm 1970, 14).

Tatsächlich waren die sklaven in der Arbeitsdefinition auf einer stufe mit den Wirtschaftstieren, nicht ohne Grund bezeichnet Aristoteles diejenigen als die Niedrigsten, deren Körper sich am meisten abnutzten (Arendt 1983, 101). Dennoch wurden ihre Aufgaben als Notwendigkeit des Lebens erkannt und damit waren auch die sklaven nicht im mittelalterlichen sinne billige Arbeitskräfte ohne Recht und Ehre, sondern verrichteten in gewisser Anerkennung die notwendigen Beschäftigungen der Menschen, die ihrer Natur nach sklavisch waren.

Gänzlich kann davon gesprochen werden, dass alle Beschäftigungen Arbeit waren, die nicht um ihrer selbst, sondern um ihrer Notwendigkeit willen unternommen wurden. Als Ideal der Zeit galt es, sich von den Bedingungen zu befreien, die zu den Lebensnotwendigkeiten gehörten, um sich somit von den

Tieren zu distanzieren. Aristoteles formuliert es folgendermaßen: „Mögen andere arbeiten, wir nutzen unsere Muße zum Menschsein“. Arbeiten hieß somit Sklave der Notwendigkeit zu sein (negotium). Muße wurde zum höchsten Lebensziel (otium).

Dabei hatte der Herrscher - und selbst ein Hausherr -, teilweise inklusive seines vielschichtigen Kreises an Beratern (Philosophen, Künstler, Wissenschaftler, Richter) ein Mußemonopol (Timm 1970, 14). Jedoch ist der Begriff Muße keinesfalls mit untätiger freier Zeit zu übersetzen. Vielmehr meint Muße (in der Antike) die Kunst des Verhandelns, die Rhetorik des Philosophierens, das Interesse an Politik, die Präsenz im Volk, der Abschluss von Geschäften, die Annahme von Ehrenaufgaben etc. „Hier liegen wesentliche Wurzeln der Diplomatie.“ (Timm 1970, 14.) Baltrusch beschreibt eine Szene im „Stadtstaat“ sparta wie folgt:

„Einen Beruf im heutigen Sinne hatte der Hausherr nicht, denn Bauer brauchte er nicht zu sein, weil die Ländereien von Heloten bearbeitet wurden, und Händler und Handwerker durfte er nicht sein, weil angeblich Lykurg dieses verfügt hatte. Er hatte also viel ,Freizeit’, und diese musste er den Mitbürgern und dem Staat auf Übungsplätzen, beim Gemeinschaftsmahl oder in der sprechhalle zur Verfügung stellen. Zu Hause bei seiner Frau dürfte er dagegen, auch in Friedenszeiten, selten gewesen sein, und so oblag seiner Ehefrau die Führung des Hauses mit allem, was dazu gehörte, wie der Beaufsichtigung des Personals, der Verfügung über die Abgaben der Heloten und überhaupt der ökonomischen Planung.“ (Baltrusch 1998, 64.)

Ein zweiter wichtiger Ansatz ist der religiöse Ansatz der Feiertage, eingebettet in ein zyklisches Zeitsystem, namentlich die siebentägige Planetenwoche (Nahrstedt 1990, 87). Bereits in der Urgeschichte werden, wie bereits erwähnt, religiöse Feiertage einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Leben der Menschen gehabt haben. Als Fixpunkte und regelmäßig wiederkehrende Festivitäten boten sie insbesondere dem gemeinen Volk einen großen Halt, gesellschaftlich, wie familiär, da sie zur Erholung und Besinnung dienten (Nahrstedt 1990, 87). Die Gemeinschaft fand unter einem theologisch-pädagogischen Motto zusammen.

Aus den kultischen, religiösen Feiertagen, häufig mit angehängten „Freizeiten“ (Nahrstedt 1990, 87 f.) entwickeln sich größere, nicht arbeitsmäßig gebundene Feste und Veranstaltungen. Pohl geht sogar so weit und behauptet, dass „das

Leben zwischen Freizeit und Feier oszillierte“ (Pohl 1970, 45). Als Beweis führt er den Sabbat-Begriff an, auf den der Emst des Lebens mit Ge- und Verboten projiziert war und somit für ihn ein klarer Hinweis für eine otium-Gesellschaft ist, da der Ernst des Lebens auf die Feier fallt und somit der Alltag den weniger ernsthaften Lebensraum darstellt (Pohl 1970, 45). Im Gegensatz dazu antwortet Timm auf die selbst gestellte Frage, ob diese Versammlungen die Anfänge der „Freizeitgesellschaft“ des 20. Jahrhunderts seien mit einer Bejahung (Timm 1970, 15). Und Nahrstedt hält fest: „Sport, Unterhaltung, Schauspiel, Spiele, Tierkämpfe, Feste (...) wurden Elemente einer neuen Mußekultur“ (Nahrstedt 1990, 87). Diese mit Genuss gekoppelte Muße, der abgewandelte artes liberales im Römischen Reich, verliert seine schöpferische, reflektierende Seite und wird „Konsumenten-Kultur“ (Timm 1970, 15).

Timm bringt es im Weiteren auf den Punkt:

„In Rom eröffnen sich damit, etwa im Circus Maximus, erste Möglichkeiten für eine ,Freizeitgestaltung von Massen’. Dort sind Menschen verschiedener Herkunft zeitweilig zusammengefasst, aber kaum zusammengefügt, lassen sich durch Attraktionen oder Sensationen auf Zeit fesseln, aber doch nicht eigentlich ansprechen. Dabei wird das von Juvenal in seinen Satiren am Ende des ersten Jahrhunderts nach Chr. geprägte Wort: ,Panem et circenses’ zu einer Devise, über die sich freilich alle diejenigen erheben, die weiterhin selbst Muße pflegen oder genießen wollen, otium dem negotium vorziehen.“ (Timm 1970, 15.)

Es scheint also zwei Stränge der „Empfindung der freien Zeit“ zu geben: die feine, reflektierte, profane Muße, die den Menschen zum Denken und Geistigen anleitet[9] und die vulgäre, hysterische, klerikale Muße, die der Mensch konsumiert und damit für Suggestionen offen steht[10]. Beide, so unterschiedlich sie sind, werden später unter dem Begriff „Freizeit“ zusammengefasst. Das liegt an der komplementären Herangehensweise über den Begriff „Arbeit“ des Protestantismus. Probleme sind somit vorprogrammiert.

3.3 Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Mit der Taufe Chlodwigs I. etwa im Jahre 498 begann der Aufstieg der römisch­katholischen Kirche in Europa. Zusätzlich ist ein Rationalisierungsprozess der Zeitmessung zu spüren (Nahrstedt 1990, 88). Die Herausbildung neuer Zeitformen, insbesondere durch die städtischen mechanischen schlaguhren rationalisierte die Arbeitszeiten und das Gesamtleben nach Stunden. Die moderne Stadt (ab ca. 1000 n. Chr.) entsteht mit einem Stadtbürgertum durch Gilden und überregionalen Handel. Langfristig angelegte Investitionen, akkumulierendes Kapital und überregionale Infrastrukturen ließen das lineare Zeitsystem durch die Uhren festigen. Zusätzlich präzisierte der Kalender das Sonnenjahr und machte langfristige Planung damit möglich.

Die „frey zeyt“ bezeichnete das freie Geleit von Reisenden in Städten. Der „Marktfrieden“ gewährte einen persönlichen (königlichen) Schutzbann und bedeutete somit Feier und Muße für einen gewissen Zeitraum, sowie ungestörte Arbeit und freier Handel. Somit hat der Begriff seit dem 14. Jahrhundert eine erste strukturierende Funktion (Opaschowski 1970, 21; Nahrstedt 1990, 89).

Die ersten Wörterbücher der deutschen Sprache geben den Begriff „freye zeyt“ als das Lateinische „otium“ (Stieler 1691) oder als „tempus liberum“ (Maaler 1561; Henisch 1616) wieder. Außerdem taucht die humanistische Beschreibung „daran einer thun mag nach seim willen und gefallen“ (Maaler 1561; Henisch 1616) mehrfach auf (Nahrstedt 1990, 89 [auch alle zitierten Quellen in diesem Absatz]).

3.3.1 Restzeit (Reformation)

Als wesentlich bedeutender und weitreichender muss jedoch der Einfluss der christlichen Kirche angesehen werden. Ganz im Gegensatz zum „otium“ verlangte das benediktinische „ora et labora“, wobei laborare in etwa leiden oder schwer arbeiten bedeutet, alles andere als eine auf Muße angelegte Gesellschaft.

Insbesondere durch die Reformation findet ein Paradigmenwechsel statt. Das hohe Maß der Muße wurde zum Müßiggang deklassiert, zu einer „Restzeit“ (Opaschowski 1987, 102) und diese sollte nun „aller Laster Anfang“ sein. Die 1517 durch den Augustinermönch Martin Luther ausgelöste kirchlich-religiöse Bewegung - die Reformation - hatte einen großen Einfluss auf das geistig­religiöse Leben. Doch im weiteren Schritt dienten die Ideen dieses einen (letzten) Eckpunktes im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auch für einen allgemeinen Kulturwandel im wirtschaftlich-sozialen wie politischen Leben in West- und Nordeuropa (Opaschowski 1987, 102).

Mit dem asketischen Protestantismus und der damit verbreiteten rationalen Ethik folgte eine strenge Lebensreglementierung und Lebenseinteilung (Tokarski u. Schmitz-Scherzer 1985, 18). Die Folge war, dass das Arbeiten und Erwerben nicht mehr als Mittel zum Zweck der Befriedigung von Lebensbedürfnissen galt, sondern vielmehr zum (Selbst-)Zweck des Lebens schlechthin wurde (Opaschowski 1987, 102). Die Arbeit wurde zum Sinn des Lebens, wobei sich auf die religiöse Verpflichtung, die jeder Einzelne seiner Arbeitstätigkeit gegenüber empfinden sollte, berufen wurde (Tokarski u. Schmitz-Scherzer 1985, 18).

Der Soziologe Max Weber führt an, dass die Reformation eine höchst effektive und schlichte Art war in alle Sphären des öffentlichen und privaten Lebens einzudringen um die propagierte Reglementierung der Lebensführung herbeizuführen und zu halten (Weber 1973, 32). Etwas später führt er noch einmal pointiert an:

„Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient nach dem Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhmes. Zeitvergeudung ist demnach die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.“ (Weber 1973, 166.)

Auf diese Folgen aufbauend entwickelte Weber die sog. „Protestantismus­These“, die besagt, dass der Protestantismus die Wurzel der „Sozialethik“ des modernen Kapitalismus ist, hervorgerufen durch das besondere Arbeits­verständnis, der Pflichterfüllung als Selbstzweck des Lebens und dieses als kapitalistisch-kollektive Wertorientierung angesehen werden kann (Tokarski u. Schmitz-Scherzer 1985, 18 f.). Damit wiederum muss gleichzeitig der Beginn des modernen Verständnisses von „Freizeit“ in diese Zeit gesetzt werden, denn es trat erstmals eine Kluft zwischen

- öffentlich „verpflichteter“ Zeit und (übriger)
- privater „freier“ Zeit

auf (Opaschowski 1987, 102).

[...]


[1] Die internationale Schulleistungsstudie PISA (Programme for International Student Assessment) ist ein Projekt der OECD (Organization for Economic Co-operation and Development). Ziel des Programms ist es, in den beteiligten Ländern die Fähigkeiten und Fertigkeiten von 15-jährigen Jugendlichen zu messen. Dabei kommt es weniger darauf an herauszufinden, wie gut sie die schulischen Anforderungen des jeweiligen Bildungssystems meistern. Es interessiert vielmehr, wie gut sie darauf vorbereitet sind, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.

[2] An dieser Stelle wird ein weiteres Problem deutlich, die Wortwahl „Freizeit“. Dieser Begriff fügt die klassische Muße, den Wettbewerb und das Spiel, sowie die freie verfügbare Zeit zusammen und kann damit nicht klar definieren, was verlangt wird oder gemeint ist.

[3] auch: disposable Zeit und freie Zeit

[4] Jedoch ist das menschliche Dasein nicht einfach in Schwarz oder Weiß einzuteilen. Sicherlich, Arbeit und Freizeit gehören in eine gemeinsame Betrachtung wie Tag und Nacht und dürfen nicht, wie so oft versucht, separat diskutiert und beleuchtet werden. Wann jedoch die Nacht beginnt und wann der Tag endet, ist eine Frage der Betrachtung und wird im Zwielicht der Dämmerung nie eindeutig geklärt werden können.

[5] da keine Differenzierung vorlag, kann es nicht uneingeschränkt mit dem modernen Begriff Arbeiten äquivalent gesetzt werden

[6] Frühgeschichte: Eine Kultur wird frühgeschichtlich genannt, wenn schriftliche Quellen existieren (und damit ein recht hoher Stand der menschlichen Entwicklung gewährleistet ist).

[7] Urgeschichte: Der Zeitraum von der Entstehung der ersten Menschen bis zu schriftlichen Quellen in einem bestimmten Kulturgebiet.

[8] Der Hinweis auf ein weiteres Henne-Ei-Problem sei hier kurz angemerkt, denn: Was war zuerst da, die Freizeit oder das Potential des Wissens?

[9] klassische Muße; Philosophie

[10] Sport und Spiel; Religion

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Von der Freizeitpädagogik zur Freizeitwissenschaft?
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Erziehungswissenschaften )
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
78
Katalognummer
V198164
ISBN (eBook)
9783656247616
ISBN (Buch)
9783656248620
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nahrstedt, Opaschowsi, ottium, Schule, Freizeit, Arbeit
Arbeit zitieren
Dr. phil. Marco Boehm (Autor), 2003, Von der Freizeitpädagogik zur Freizeitwissenschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198164

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