Humor - Aspekte einer Soziologie des Alltagshumors


Bachelorarbeit, 2012

43 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Theoretische Basis
2.1 Mead: Symbole und der generalisierte Andere
2.2 Blumer: symbolische Interaktion und Definition der Situation
2.3 Goffman: Rahmen-Konzept und das Selbst

3. Konstruktion von Humor
3.1 Das humoristische Lachen
3.2 Der humoristische Reiz

4. Humoristischer Rahmen

5. Grenzen des Humors
5.1 Soziale Beziehung
5.2 Soziale Anlässe
5.3 Geschlecht

6. Humor und sein Potenzial
6.1 Selbstdarstellung
6.2 Vergesellschaftung
6.3 Kritik und Provokation
6.4 Sozialer Wandel

7. Resümee

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. Einleitung

Humor ist bereits seit fast 3000 Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Überlegungen. Hauptsächlich wurde dieses Phänomen aus psychologischer und philosophischer Perspektive betrachtet und durchdacht, hingegen fehlen soziologische Ansätze fast gänzlich.[1] Der wissenschaftliche Diskurs zum Thema wird bis zum heutigen Tage durch drei traditionelle 'Humortheorien' beherrscht: Inkongruenztheorie, Überlegenheitstheorie und Entspannungstheorie. Im folgenden sollen die eben benannten Modelle skizziert werden, um einen groben Überblick über die verschiedenen, in der Humorforschung bestehenden Ansichten zu verschaffen. (Spieker 1987, S.85ff)

Die Inkongruenztheorie gilt gemeinhin seit dem 18. Jahrhundert als wichtigster Denkansatz der Humorforschung. Die Ursprünge dieser Theorie gehen auf Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer zurück. Nach Schopenhauer resultiert Humor und Lachen aus der Kognition einer Inkongruenz zwischen Entwurf und realen Objekt. Verschiedene Autoren haben diese Überlegung aufgegriffen und den Versuch unternommen sie zu konkretisieren. Henri Bergson versteht darunter die Überschneidung zweier Ideensysteme und bezeichnet diese als „Inferenz“ (zit. nach Tissot, S. 49f). Hingegen spricht Arthur Koestler von „ Bisoziation “(ebd.), die durch das Zusammentreffen mehrerer miteinander unvereinbarer Assoziationen entsteht. Friedrich Theodor Fischer beschreibt hierbei gleichzeitig bestehenden Sinn und Unsinn und benennt dies als „ Contradiction“ (ebd.). Es könnten noch eine Reihe weitere Vertreter der Inkongruenztheorie angeführt werden, jedoch lässt sich die Grundidee dieses Konzepts auch ohne dies erkennen: Die Erfahrung des Komischen basiert auf Nichtübereinstimmungen und damit einhergehenden frustrierten Erwartungen. (ebd.; Kotthoff 2006, S. 9f)

Einen weiteren Ansatz stellt die Überlegenheits- bzw. Degradationstheorie dar. Begründer dieses Modells ist kein geringerer als Platon, der im Allgemeinen als Pionier der Humorforschung gesehen wird. Platon vertritt die Ansicht, dass Humor aus dem Gefühl gegenüber dem Lächerlichen entsteht. Wobei das Lächerliche hier als eine Abweichung vom Guten und das Lachen als eine Geste der Überlegenheit sowie des Triumphs gesehen wird. Humor hat demnach immer einen aggressiven Charakter. Prominente Repräsentanten dieser Theorietradition sind u.a. Aristoteles und Thomas Hobbes. (Tissot, S.29/ Schneider, S,17f)

Die Entspannungstheorie, die auch als Releas-and-Relief-Theory bezeichnet wird, vertritt den Standpunkt, dass Humor Individuen zur Abfuhr innerer Spannungen dient. Der berühmteste Vertreter dieser Erwägung ist Sigmund Freud. Freud geht davon aus, dass unterdrückte Triebe, die durch Aufwendung psychischer Energien gehemmt werden, sich aufsparen und sich in Form des Lachens entladen. Humor hat demnach die Funktion eines Ventils und führt zur inneren Entspannung indem er von Hemmungen befreit. (Kotthoff, S.12f/ Schneider, S.15f)

Die eben dargestellten Erklärungsmodelle nehmen Essentialisierungen des Humors vor. D.h. sie versuchen zu erklären, was Humor grundsätzlich ausmacht und vernachlässigen dabei den sozialen Kontext. Da jedoch bereits eine oberflächliche Betrachtung genügt, um festzustellen, dass Humor ein hochgradig soziales Phänomen ist, müssen soziale Dimensionen für eine hinreichende Erklärung dieses berücksichtigt werden.

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit soll nun der Versuch unternommenen werden Humor soziologisch-theoretisch zu erfassen und zu verstehen. Dieses Phänomen kann aufgrund seiner Vielfalt hier nicht in seiner Gesamtheit thematisiert werden, es sollen daher nur einzelne Aspekte einer Soziologie des Humors herausgearbeitet werden. Im Zentrum des Interesses stehen dabei folgende Fragen: Wie kommt Humor in alltäglichen Situationen zustande? Wie und wodurch ist er dabei bestimmt? Welche Funktionen kann Humor erfüllen?

Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass eine theoretische Erfassung des Humors auf einer empirischen Basis stattfindet, da die Überlegungen sonst allzu leicht in bloßen 'Spielereien' ausarten könnten. Daher werden zur Untersuchung dieses Phänomens alltägliche Beobachtungen[2] herangezogen und die theoretische Darstellung soll durch empirische Beispiele unterstützt werden. Des Weiten soll auch der Zugang zum Thema über die Empirie erfolgen. Es erscheint mir sinnvoll diesen Zugang bereits an dieser Stelle herzustellen:

Da bis zum heutigen Tage keine explizite und eindeutige Definition von Humor existiert (Bertelsmann, S.182), muss bestimmt werden was in dieser Ausarbeitung unter diesem Begriff zu verstehen ist. Es soll jedoch hier zunächst keine vollständige Definition des Humors vorgenommen, sondern nur einige spezifische Ausprägungen aufgezeigt werden. Ein solches Vorgehen ermöglicht es, den Begriff im Verlauf der Untersuchung inhaltlich mit solchen Attributen zu füllen, die sich als charakteristisch erweisen. Die eben erwähnten Ausprägungen können über die Alltagssprache entdeckt werden. So sagt man im alltäglichen Sprachgebrauch, dass jemand „Humor hat“ oder „humorvoll“ sowie „lustig“, „komisch“ oder „witzig ist“. Weiter kann jemand „Witze machen“ sowie sich „über jemanden lustig machen“. Bereits hieraus lässt sich erkennen, dass bestimmte menschliche Handlungen oder Verhaltensweisen von anderen als humoristisch ausgelegt werden und zugleich bestimmte Handlungen von Individuen vorgenommen werden, mit der Motivation humoristisch zu wirken. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass Humor einer wechselseitigen Interpretations- sowie Aushandlungsleistung bedarf und aus diesem Grund in der Interaktion zu suchen ist. Humor kann also als Etwas verstanden werden, das in Interaktionen stattfindet, in denen humoristisches, lustiges oder witziges Verhalten ausgeführt wird. Was genauer darunter zu verstehen ist soll, wie bereits erwähnt, im Rahmen der Analyse herausgearbeitet werden.

Es soll sich dabei aber aus forschungspragmatischen Gründen weitgehend auf die face-to-face-Interaktion[3] beschränkt werden. Ferner interessiert insbesondere alltäglicher[4] Humor, d.h. dass auf den professionellen Humor im Rahmen dieser Untersuchung nicht explizit eingegangen wird. Es muss aber erwähnt werden, dass der professionelle Humor selbstverständlich auch für den alltäglichen Humor bedeutend ist. Vor allem durch seinen gestiegenen sozialen Stellenwert und die zunehmende mediale Verbreitung (Tissot, S.54) ist anzunehmen, dass dieser heutzutage einen besonders starken Einfluss auf den alltäglichen Humor hat. Trotz seiner Relevanz, wird der professionelle Humor zugunsten von Aspekten, die grundlegender für das Verständnis von Humor sind, in dieser Untersuchung vernachlässigt.

Im Ersten Teil dieser Arbeit, soll zunächst die „theoretische Basis “ der Analyse vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um unterschiedliche theoretische Überlegungen dreier Konzepte, die sich als förderlich für die Interpretation der empirischen Daten erwiesen haben. Daraufhin wird der Hauptteil, der in vier Kapitel gegliedert ist, dargestellt. Zunächst wird im Kapitel „Konstruktion von Humor “ der Versuch unternommen Humor in seiner Konstitution sowie seinen charakteristischen Grundzügen darzustellen. Die theoretischen Erwägungen werden dabei etwas abstrakt bleiben. Sodann wird im folgenden Kapitel der Humor als „Humoristischer Rahmen“ genauer beleuchtet werden. In den letzten beiden Kapiteln des Hauptteils sollen zum einen die „ Grenzen “ und zum anderen das „Potenzial“ des Humors beschrieben werden, um abschließend ein „Resümee“ über die gewonnenen Erkenntnis zu fassen.

2. Theoretische Basis

Aufgrund der Mannigfaltigkeit des Humors hat sich die Suche nach einer geeigneten Theorie als äußerst schwierig erwiesen. Es wurden zur Erklärung dieses Phänomens verschiedene Überlegungen von Mead, Blumer und Goffman ausgewählt, die alle in der Theorietradition des Symbolischen Interaktionismus stehen.[5] Der Symbolische Interaktionismus scheint mir eine vielversprechende Grundlage für das Unternehmen dieser Ausarbeitung darzustellen, da diese interpretative Theorie das Individuum und sein Handeln in den Mittelpunkt der soziologischen Analyse stellt. (Abels 2007, S.158; Abels 2009, S.45)

In diesem Kapitel sollen die ausgewählten theoretischen Erwägungen kurz angeführt und im Fortgang der Untersuchung angewendet werden. Als grundlegend für die Analyse wird insbesondere das Rahmen-Konzept von Erving Goffman erachtet.

2.1 Mead: Symbole und der generalisierte Andere

Im Zentrum der anthropologischen Kommunikationstheorie Georg Herbert Meads steht die Annahme, dass Kommunikation zwischen Menschen gelingt, weil diese sich dabei an gemeinsam geteilten Symbolen orientieren. Symbole können nach diesem Konzept als „Manifestationen von Sinn“ (Abels 2007, S.158) verstanden werden.

Im Prozess der Kommunikation interpretieren Individuen anhand von Symbolen reziprok den Sinn ihres Handelns und richten ihr weiteres Handeln danach aus. Dabei übernehmen die Handelnden wechselseitig die Haltung des jeweils anderen (taking the role of the other) und können aus diesem Grund ihr gegenseitiges Verhalten bis zu einem bestimmten Ausmaß antizipieren. Das setzt jedoch voraus, dass die Handelnden die relevanten Symbole übereinstimmend interpretieren. (ebd., S.158ff; Abels 2009, S.40ff)

Interpretationen bzw. Zuweisungen von Sinn erfolgen nach Mead insbesondere auf der Basis von generalisierten Erfahrungen. Aus solchen Erfahrungen ergeben sich generalisierte Erwartungen. Die Summe aller in einer sozialen Gemeinschaft bestehenden verallgemeinerten Erwartungen sowie Erfahrungen bezeichnet Mead als den „generalisierten Anderen“ (the generalized other). Dieser umfasst nach diesem Konzept alle Normen, Werte[6] und bestehende Sinnstrukturen eines gesellschaftlichen Ganzen und kann im weiteren Sinne als eine organisierte Gruppenhaltung verstanden werden. Indem sich Handelnde in der Interaktion am generalisierten Andern orientieren, so Mead, werden ihre einzelnen Haltungen in gewisser Weise miteinander verbunden und ihr Verhalten wird dadurch gewissermaßen organisiert.[7] (ebd.; Miebach, S. 53f; Joas 1991, S.139)

Mead geht davon aus, dass Individuen generalisierte Erwartungen erfahren und internalisieren, indem sie im Rahmen ihrer Sozialisation die Haltungen anderer übernehmen bzw. die Welt aus ihrer Perspektive betrachten, wobei sie parallel zu diesem Prozess ihre Identität (Self) ausbilden. Daher ist diese „[…] Identität, die für sich selbst zum Objekt werden kann, […] im Grunde eine gesellschaftliche Struktur und erwächst aus der gesellschaftlichen Erfahrung“ (Mead 1978, S.182). Mit dem Zunahme an übernommen Perspektiven entwickelt sich die Identität des Einzelnen, die aufgrund der lebensgeschichtlichen Erfahrungen von Individuum zu Individuum anders gestaltet ist. Da jedoch der Einzelne eine Erfahrungen stets im Rahmen eines sozialen Kontextes sammelt, ist Individualität nach diesem theoretischen Ansatz nur im Modus der Gleichartigkeit denkbar. ( ebd.; Schäfers/ Kopp, S.107ff)

2.2 Blumer: symbolische Interaktion und Definition der Situation

Herbert Blumer erweitert Meads Konzept der Kommunikation, indem er annimmt, dass handelnde Individuen im Interaktionsprozess Symbole nicht nur verwenden sowie sich an ihnen orientieren, sondern diese auch zugleich interaktiv produzieren und durch ihr Handeln fortlaufend bestätigen, modifizieren und wieder neu definieren. (Abels 2009, S. 45f / Blume 1969, S.91)

In der Interaktion, so Blumer, definiert jedes anwesende Individuum die Situation und deutet durch sein Handeln an, wie es die Situation versteht und was deshalb gelten soll. Dieses wird von dem jeweils anderen interpretiert sowie mit der eigenen Situationsdefinition abgestimmt. So wird der Sinn der geteilten Situation fortlaufend ausgehandelt und es kann so zu einer gemeinsamen Definition der Situation kommen. (Blumer 1969, S. 90.; Abels 2010, S.339f; Abels 2007, S.41ff)

Gelingt eine übereinstimmende Situationsdefinition, werden in diesem Zusammenhang gemeinsame Handlungsbedingungen geschaffen, die weiteren Interaktionen strukturieren. Wenn also"[…] Menschen Situationen als real definieren, sind [sie] auch ihre Folgen real" (Thomas/ Thomas 1928, S. 572). Demnach wird die gemeinsame Wirklichkeit, ohne dass es den Einzelnen bewusst sein muss, in jeder interaktiven Situation ausgehandelt. (Abels 2009, S.47; Abels 2010, S. 340)

Auf der Annahme des sogenannten Thomas-Theorems baut Blumer seine drei Prämissen der symbolischen Interaktion auf: Erstens, Menschen handeln Dingen[8] gegenüber auf der Grundlage der Bedeutung bzw. des Sinns, den sie ihnen zuschreiben. Zweitens, leiten Individuen die Bedeutung der Dinge aus interaktiven Prozessen ab oder entwickeln diese erst in ihnen. Drittens, Bedeutungen werden in der Interaktion gehandhabt und dadurch bestätigt, modifiziert, verworfen oder neu definiert. (Blumer 1969, S.80f, Abels 2009, S.45f)

Nach Blumer ist „das menschliche Zusammenleben ein Prozess, in dem Objekte geschaffen, bestätigt, umgeformt und verworfen werden“ (1969, S.91). Demnach besteht unsere alltägliche Welt und die in ihr liegenden Dinge nicht an sich, sondern sie werden von Menschen in der Interaktion als solche erzeugt, mit Bedeutungen versehen und fortlaufend gehandhabt. (ebd.; Strübing/ Schnetter, S.326)

2.3 Goffman: Rahmen-Konzept und das Selbst

Auch Goffman vertritt die Ansicht, dass in Interaktionen Aushandlungsprozesse stattfinden, die zu einer gemeinsamen Situationsdefinition führen können. Jedoch verdeutlicht er, dass Individuen zwar die Situation definieren, doch für „gewöhnlich die Situation nicht [neu erschaffen]; gewöhnlich stellen sie lediglich ganz richtig fest, was für sie die Situation sein soll, und verhalten sich entsprechend“ (1977, S.9). (Willems, S.26f)

Goffman geht davon aus, dass Menschen sobald sie in den Wirkungsbereich eines anderen eintreten, sich fragen „Was geht hier eigentlich vor?“ (1977, S.16). Zur Beantwortung dieser Frage interpretieren sie wechselseitig die Situation und ordnen sie in bestehende Erfahrungsschemata ein. Das heißt, die Situation wird zum einen innerhalb eines bereits vorgegebenen Rahmens wahrgenommen und erhält vor diesem Hintergrund einen gewissen Sinn, zum anderen bedarf jedoch dieser Sinn einer interaktiven Aushandlung in der konkreten Interaktion. Das Wechselverhältnis zwischen dem Vorgegebenen und dem neu Hergestellten innerhalb einer Situation erklärt Goffman mit seinen Begriffen des 'Rahmen' und der 'Rahmung' (frame and framing). Unter Rahmen sind dabei „sozial vorgegebene Singstrukturen“ (Willems 1997, S.444) bzw. Regelsysteme entsprechend einer Interaktionsordnung zu verstehen, die dem Einzelnen bei der Definition der Situation helfen oder diese sogar vorgeben. Primäre Rahmen sind dabei solche, durch die der Alltag vornehmlich bestimmt ist. Sie werden von den Akteuren als natürlich erlebt und gewährleisten eine gewisse Vorstellung von Normalität. Bei der Rahmung[9] handelt es sich hingegen um die aktive Ausgestaltung dieser Rahmen im Integrationsprozess, die immer wieder Neues und Unbeständiges hervorbringt. Erst durch die Rahmung durch konkrete Individuen wird soziale Realität innerhalb einer Situation erzeugt. (Miebach, S. 129f; Willems, S. 442ff; Goffman 1977, S.19f)

Bei der Rahmung bzw. Herstellung einer Ordnung innerhalb einer bestimmten Situation hat nach Goffman „der Einzelne, wenn er vor anderen erscheint, zahlreiche Motive [...], den Eindruck den sie von der Situation empfangen, unter Kontrolle zu bringen“ (Goffman 1959, S.17). Das zentrale Motiv ist dabei, so Goffman, die Vermittlung oder Wahrung eines bestimmten Gesichts (face). Dieses ist einerseits das Selbstbild (Self) und andererseits das Bild, von dem der Einzelne annimmt, das es andere von ihm haben (Image). Bei der wechselseitigen Definition der Situation zeigen sich Individuen insofern nicht nur an was gelten soll, sondern sie zeigen sich zugleich auch an wie sie wahrgenommen werden sollen. Somit versucht der Einzelne in einer gemeinsamen Situation zum einen diese zu ordnen und zum anderen dabei einen guten Eindruck, den er zu machen glaubt, aufrecht zu erhalten sowie einen schlechten Eindruck zu korrigieren. (Abels 2001, S.153f ; Miebach, S.103ff).

Nach Goffman sind Interaktionsteilnehmer in der Regel daran interessiert die Ordnung aufrechtzuerhalten und Regelverletzungen zu vermeiden. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, dass Individuen in einer gemeinsamen Situation den gleichen Rahmen verwenden, um „eine hinlänglich richtige Vorstellung von der Vorstellung der anderen, einschließlich der Vorstellung von seiner eigenen Vorstellung“(Goffman, 1977,S.369) zu haben.

Verletzungen von Regeln, die in einer sozialen Situation entstehen, betreffen nach Goffman immer Eingriffe in die ' Territorien des Selbst '. Unter solchen Territorien sind symbolische Bereiche zu verstehen, die Individuen für sich beanspruchen und die dazu dienen das Selbst vor anderen zu erzeugen sowie es vor anderen zu schützen. In der Interaktion, so Goffman, ist das Selbst des Einzelnen stets in der Gefahr, von anderen falsch definiert zu werden. Um dies zu vermeiden versucht der Einzelne alles, was nicht mit seinem gewünschten Bild vereinbar ist, zu kaschieren. (Goffman 1974, S.93; Abels 2001, S.154ff, 157f; Oswald 1984, S.210f)

3. Konstruktion von Humor

In diesem Kapitel wird zunächst das Ziel angestrebt, aufzuzeigen wie die Konstruktion von Humor in einer konkreten Situation erfolgt und wie eine solche gestaltet ist. In Anlehnung an den symbolischen Interaktionismus wird angenommen, dass Humor zur Wirklichkeit wird, indem er von Individuen im Interaktionsprozess produziert wird. Insofern interessiert, wie Humor interaktionell erzeugt wird, welche Arten von Handeln für diesen konstitutiv sind und welche situativen Elemente für einen solchen Interaktionsprozess charakteristisch sind.

Um der Konstitution des Humors auf die Sprünge zu kommen scheint es sinnvoll gleich zu Beginn ein alltagsnahes Beispiel heranzuziehen. Stellen wir uns folgende Situation vor: Zwei befreundete Arbeitskollegen begegnen sich auf dem Firmenparkplatz und definieren diese Situation wechselseitig als Anlass einander zu begrüßen und vielleicht noch ein wenig über die Familie zu plaudern. Nehmen wir des Weiteren an, dass einer der beiden Männer sein Hemd in der morgendlichen Eile mit der Naht nach außen angezogen hat. Der Andere wird auf diesen Umstand, sobald er diesen wahrgenommen und innerlich verfolgt hat, höchstwahrscheinlich mit einem Lachen[10] reagieren. Durch das Lachen definiert er seinerseits die Situation als humoristisch und diese Situationsdefinition ist damit zunächst die reale Folge bzw. Konsequenz des Verhaltens des Anderen. Jedoch kann der Einzelne die Beschaffenheit einer Situation nicht allen durch sein Handeln bzw. durch seine Definition bestimmen (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologie, S.98). Das heißt, dass das Lachen und damit die einseitige Definition der Situation als humoristisch nicht die gemeinsame Situationsdefinition und Wirklichkeit antizipiert. So kann es z.B. passieren, dass der etwas unkonventionell angekleidete Mann, nachdem er den Grund des Lachens erkannt und sich in die Haltung seines Kollegen begeben hat, beleidigt oder beschämt reagiert und damit die Situation völlig anders bestimmt. Damit würde kein Humor in dieser Situation entstehen. Es könnte aber auch sein, dass er auf das humoristische Lachen seines Gegenübers ebenfalls mit einem Lachen reagiert und somit seine Situationsdefinition bestätigt. Die beiden Männer gelangen so zu einer gemeinsamen Definition der Situation, nach der ein derartiges Erscheinen am Arbeitsplatz einen humoristischen Vorfall darstellt. Humor wird damit zu ihrer gemeinsamen Wirklichkeit und zum Rahmen ihres weiteren Handelns.

Wie aus dem Beispiel hervorgeht, ist das Lachen von entscheidender Bedeutung für die Herstellung von Humor innerhalb einer Situation. Es ist sogar ein essenzieller Bestandteil der humoristischen Interaktion, wie wir später sehen werden. Jedoch darf diese Aussage nicht dahingehend missverstanden werden, dass das wechselseitige Lachen für die Herstellung von Humor notwendig ist. Wichtig hierfür ist in diesem Zusammenhang nur, dass der Sinn der Situation durch mindestens zwei Handelnde wechselseitig als humoristisch definiert wird. Eine solche Definition kann zum einen durch ein Lachen gesetzt werden, zum anderen aber auch durch jedes andere Handeln, das seinen gemeinten Sinn nach humoristisch ist. Dies ist z.B. der Fall, wenn der Mann bewusst sein Hemd verkehrtherum angezogen hat um seinen Kollegen zu belustigen. Indem er mit der Absicht handelt Humor zu erzeugen, definiert er seinerseits die Situation bereits als humoristisch. Ob also Humor bereits mit dem ersten Lacher real wird oder nicht, hängt davon ab, ob das Verhalten, das das Lachen auslöst, dem gemeinten Sinn nach humoristisch ist oder nicht. Ist dem aber nicht so, trägt z.B. der Mann das Hemd aus einem anderen Grund auf diese Weise, ist ein bestätigendes Lachen eines weiteren anwesenden Individuums von Nöten, das die Situation endgültig als humoristisch rahmt.

Jedoch ist es nicht erforderlich, dass das zweite Lachen von der Person kommt, die das Gelächter auslösende Verhalten an den Tag gelegt hat. Nehmen wir an, dass bei der Begegnung auf dem Firmenparkplatz nicht nur die beiden Männer anwesend sind, sondern auch ihr Chef und dieser das optische Auftreten seines Angestellten gleichermaßen wie der Andere, dem sich dieses Bild bietet, mit einem Lachen als humoristisch definiert. In diesen Fall haben die beiden lachenden Männer, unabhängig von der Definition des dritten Mannes, Humor innerhalb der Situation geschaffen. Es ist also möglich, dass Personen als Zuschauer eine wahrgenommene Situation gemeinsam als humoristisch erfahren und dass einzelne oder mehrere Individuen dabei außerhalb dieser situativen Interaktion bleiben.

Ein wesentliches Element der humoristische Interaktion, so wurde deutlich, ist das Lachen. Ein solches Lachen, das zur Erzeugung von Humor innerhalb einer Situation beiträgt, wird im weiteren Verlauf als humoristisches Lachen bezeichnet. Des Weiteren lässt sich aus den Beispielen erkennen, dass das humoristische Lachen stets die Reaktion auf einen Reiz ist, den wir humoristischen Reiz nennen wollen. Dieser Reiz ist ebenfalls ein elementarer Bestandteil der Humorinteraktion. Im Folgenden soll zunächst das humoristische Lachen etwas genauer beleuchtet werden, bevor anschließend die Aufmerksamkeit auf den humoristischen Reiz gelenkt wird.

3.1 Das humoristische Lachen

Das humoristische Lachen ist keine bloße Reaktion auf bereits bestehenden Humor, so lässt sich aus dem letzten Kapitel entnehmen, sondern ist für diesen konstitutiv. Das humoristische Lachen ist an sich keine instinktive Reaktion auf einen Sinnesreiz, wie Sigmund Freud es darstellt, denn es ist immer mit einem bestimmten Sinn verbunden und selbst Sinn setzend. Es ist ein Symbol im Meadschen Sinne, das in einem sozialen Kontext allgemein verständlich ist und ohne die Verwendung von Worten aussagt „das ist lustig, witzig oder humoristisch“. (Abels 2007, 159f)

Anton Zijderveld ist sogar der Meinung, dass Lachen die „Sprache des Humors“ (S.61) ist. Tatsächlich ist das Lachen in bestimmter Hinsicht mit der Sprache vergleichbar. Genauso wie der Einsatz der Sprache erfolgt auch das Lachen nicht willkürlich, sondern ist sozial geregelt. Das Lachen, so behauptet Helge Kotthoff, wird immer „regelgebunden“ eingesetzt, dies „verläuft ähnlich unbewusst wie unser Grammatikeinsatz“ (1996, S.124). Mit einem Lachen kann, wie auch mit Worten, vielerlei mitgeteilt werden: So kann z.B. mit einem Lachen der Gesprächspartner unterstützt werden. Kotthoff schreibt hierzu, dass mit einem Lachen häufig folgendes zum Ausdruck gebracht wird: „Rede weiter, ich höre dir zu“(S.129). Des Weiteren kann auch jemand durch ein Lachen abgewertet werden. Dies ist der Fall, wenn zum einen über Personen gelacht wird mit der Absicht sie abzuwehren oder zum anderen ein anders motiviertes Lachen als Auslachen missverstanden wird. Insofern stellt das Lachen nicht nur die „Sprache des Humors“ dar, es kann u.a. auch die „Sprache der Aufmerksamkeit“ oder die „Sprache der Degradierung“ sein. Daher kann ein Lachen grundsätzlich mehrere Bedeutungen haben und ist aus diesem Grund interpretationsbedürftig. Ein Lachen zeigt zwar stets einen Zusammenhang der Situation auf, d.h. es informiert automatisch über die vergangene Handlung, den Kontext und auch die mögliche Entwicklung der Situation. Jedoch ist die Information die es liefert nicht gänzlich festgesetzt, sie grenzt den möglichen Sinn der Situation nur um ein Vielfaches ein und damit auch die relevanten Verhaltensoptionen. (Abels 2007, S.159f)

So wird der Mann aus unserem Beispiel, dem der Fauxpas beim morgendlichen Ankleiden passiert ist, sobald er das Lachen seines Kollegen wahrnimmt dieses interpretieren. Es werden ihm dabei eine begrenzte Anzahl an Bedeutungen in den Kopf kommen: möglich ist, dass sein Kollege sich einfach unwahrscheinlich freut ihn zu sehen oder dass dieser über Nacht verrückt geworden ist oder aber auch, dass er etwas Witziges entdeckt hat. Auf der Suche nach der richtigen Deutung dieses Lachens wird der Mann mit dem Hemd gedanklich auf seine alltäglichen Erfahrungen zurückgreifen, vielleicht wird er auch an sich herunter schauen, und aus dem Kontext der Situation das Lachen als humoristisch erkennen. Nachdem er nun den Sinn des Lachens seines Kollegen erschlossen hat, wird er sein weiteres Handeln nach diesem ausrichten. Aus allen Handlungsoptionen die sich ihm bieten, wird er am wahrscheinlichsten die des Mitlachens auswählen.

[...]


[1] Die Arbeiten die der Soziologie zugeordnet werden können sollen an dieser Stelle kurz angeführt werden. Dabei handelt es sich zum einen um das von Anton Zijderveld veröffentliche Werk „Humor und Gesellschaft. Eine Soziologie des Humors und des Lachens“ (1976) und zum andern um die von Peter L. Berger Arbeit „Erlösendes Lachen: Das Komische in der menschlichen Erfahrung“ (1998). Beide Autoren thematisieren Humor, jedoch gehen sie dabei sehr diffus vor und nehmen kaum eine soziologisch-theoretische Fundierungen vor. Des Weiteren hat sich Helge Kotthoff u.a.in ihren Aufsetzen „Vom Lächeln der Mona Lisa zum Lachen der Hyänen“ (1996) und „Witzige Darbietungen als Talk-Shows“ (2006) eingehend mit dem Thema Lachen und Scherzkommunikation beschäftigt. Sie interessiert sich dabei insbesondere aus linguistischer Blickrichtung für diese Phänomene und untersucht Strukturen der Konversation. Eine weitere Ausarbeitung zum Humor wurde von Jörg Räwel vorgelegt, in „Humor als Kommunikationsmedium“ (2005) nähert er sich diesem Thema aus systemtheoretischer Sicht.

[2] Bei diesen Beobachtungen handelt es sich zum einem um Daten, die im Rahmen der Analysen zur Scherzkommunikation von verschieden Autoren erhoben wurden, zum andern um teilnehmende Beobachtungen, die von mir selbst vorgenommen wurden. Ferner wurden Daten aus unterschiedlichen Internetforen entnommen. Das empirische Material wurde nach dem Forschungsstiel der „Grounded Theory“ (vgl. Strübing 2010), zur Erlangung eines vorläufigen Verständnisses von Humor, kodiert. In einen Teil der verwendeten Daten kann im Anhang eingesehen werden (siehe S. 30ff).

[3] Interaktion liegt vor, wenn sich Individuen in ihrem Handeln auf das Verhalten anderer beziehen. Face-to-face-Interaktion soll nun solche Interaktion heißen, bei der sich mindestens zwei Individuen in einer konkreten Situation wechselseitig wahrnehmen und ihre Handeln jeweils am Handeln des anderen orientieren. ( Abels, S.158/ Schäfers/ Kopp, S.117) Unter Verhalten ist jede als physischer Vorgang, beobachtbare Aktivität zu versteh. Handeln wird in Anknüpfung an Weber als ein menschliches Verhalten, dass mit einen subjektiven Sinn verbunden ist definiert.(Miebach, 2010, S.20; Schäfers/Kopp, S.254, 292)

[4] Unter Alltag ist hier eine intersubjektiv geteilte und von den Einzelnen als natürlich sowie selbst verständlich gegeben vorausgesetzte vornehmliche Wirklichkeit zu verstehen, die durch ein gewis­se Routine, Regelmäßigkeit und Unausweichlichkeit gekennzeichnet ist. (Schwietring, S.97ff/ Schäfers/Kopp, S.17f)

[5] Georg Herbert Mead gilt gemeinhin als ’Vater’ des Symbolischen Interaktionismus. Herbert Blumer, der Meads Schüler war, hat diesen Ansatz ausgearbeitet, weiterentwickelt und ihm seinen Namen gegeben. Obwohl bis zum heutigen Tage Uneinigkeit darüber besteht zu welcher Theorietradition Erving Goffmans Arbeit zuzuordnen sind, ist die Verortung dieser ist im Symbolischen Interaktionismus am geläufigsten.(Abels 2007, S.; Abels, 2001, S.41)

[6] Wertes sind sowohl bewusste als auch unbewusste sozial geteilte Vorstellungen von Wünschenswerten, die eine Einfluss auf das menschliche Handeln haben. Im Gegensatz zu Normen geben Werte keine direkten Handlungsanweisungen vor. Normen sind mehr oder minder verbindliche, allgemeingültige Handlungsregelungen. (Schäfers, S.352f, S.213)

[7] Der generalisierte Andere kann sich auf verschiedenen Ebenen von Gemeinschaft beziehen, etwa auf spezifische Gruppen oder auch ganze Gesellschaften, und kann daher verschieden Grade der Verallgemeinerung aufweisen (Miebach, S.55)

[8] Darunter ist alles zu verstehe, was Menschen wahrnehmen oder worauf sie sich beziehen können.(ebd.)

[9] Rahmung und der Prozess der Situationsdefinition sind synonym zu verstehe. (Miebach, S.130)

[10] Es wir in dieser Ausarbeitung zwischen Lachen, Kichern, Grinsen, Schmunzeln, lachendes Sprechen, unterdrücken Gelächter etc. weitgehend nicht unterschieden, da eine ausführliche Themati­sierung des Lachens den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Somit wird Lachen als ein Sammel­begriff der oben erwähnten Arten des mimischen Ausdrucks verwendet. Kotthoff hat sich mit den verschiedenen Formen des Lachens und ihre Bedeutungen beschäftigt (vgl.1996, S. 121ff)

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Details

Titel
Humor - Aspekte einer Soziologie des Alltagshumors
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
43
Katalognummer
V198177
ISBN (eBook)
9783656249566
ISBN (Buch)
9783656250340
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Humor Soziologie Komik Witz Handllungstheorie handlungstheoretisch Lachen Inkongruenz
Arbeit zitieren
Katharina Kibjakova (Autor), 2012, Humor - Aspekte einer Soziologie des Alltagshumors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198177

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