Caravaggio - Amor als Sieger


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Der mythologische - und philosophische Ansatz
2.2 Amor als Sieger: Der naturalistische Ansatz
2.3 Giovanni Baglione und der Amore divinio

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Amors Pfeil hat Widerspitzen. Wen er traf, der lass ’ ihn sitzen Und erduld ’ ein wenig Schmerz!

Wer geprÜften Rath verachtet Und ihn auszureißen trachtet, Der zerfleischet ganz sein Herz.

Gottfried August Bürger

Der italienische Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio lebte von 1573 bis 1610 und wird generell zu den Hauptvertretern des früheren Barock gezählt. Er galt als der Begründer einer Malerei, die besonders an natürlicher Darstellungsweise orientiert war und welche dem bis dahin üblichen Symbolismus Einhalt gebot. Den Kunstwerken wurde eine eigene Sprache verliehen, die sich in der unmittelbaren Direktheit der Thematik äußerte. Der Betrachter sollte die Bilder weniger durch seinen Intellekt, sondern mehr durch die Sinne erfahren. Damit dieses Ziel erreicht werden konnte, waren die naturalistische Wirkung klarer Formen und der innovative Umgang mit der Technik des Chiaroscuro, welche miteinander kontrastierende Licht- und Schattenflächen hervorbrachte, von großer Bedeutung. Aufgrund seiner überaus realistischen Darstellungsweise, die auch vor religiöser Thematik nicht Halt machte, sah sich Caravaggio schon bald scharfer Kritik ausgesetzt, die ihm mangelnden Respekt für die Heiligen der Kirche und fehlendes Talent unterstellte. Doch schon zu Lebzeiten sollte seine Malerei überaus ruhmreich werden. Caravaggio verlieh seinen Figuren eine faszinierende Würde und Tiefe, die es vorher in dieser Form nicht gegeben hatte. Seinen Bewunderern erschien es so, als habe er die Kraft und die Überzeugung der Hochrenaissance verinnerlicht, ohne aber ihre Idealisierung fortzusetzen. Es lässt sich durchaus die Behauptung aufstellen, dass Caravaggio den Künsten Roms damit eine völlig neue Richtung gab. Der oft kopierte Stil seiner dramatischen Hell-Dunkel- Malerei breitete sich innerhalb eines Jahrzehnts über Italien bis nach Spanien, Frankreich und den Niederlanden aus und machte ihn zu einem wegweisenden Künstler in der Malerei des 17. Jahrhunderts.

Auf dem Höhepunkt seines Erfolges und seines Ruhmes schuf Caravaggio das Werk Amor als Sieger, welches auf das Jahr 1602 datiert wird. Auf dieser Komposition lässt Caravaggio seinen Amor mit der Welt spielen und legt ihm verschiedene Requisiten der menschlichen Künste zu Füßen. Da durch die Figur des Amor sowohl philosophische, als auch mythologische wie literarische Bereiche berührt werden, ermöglicht das Bild von Caravaggio eine breite Palette an Diskussionen und Deutungsansätzen. Mit dem Werk Amor als Sieger wird sich die vorliegende Hausarbeit deshalb nun genauer auseinandersetzen. Um einen angemessenen Einstieg in die Thematik zu gewährleisten, soll im Hauptteil zunächst ein kurzer Überblick über den mythologischen und philosophiegeschichtlichen Hintergrund des Amor stattfinden. Anschließend wird der Fokus auf das Bild selbst gelenkt. Dabei soll die genaue Analyse der Darstellung eine ebenso wichtige Rolle einnehmen wie die Relation des Bildes zur naturalistischen Malerei von Caravaggio. Aufgrund der Tatsache, dass das Werk heutzutage in unmittelbarer Nähe zum Gemälde des römischen Malers Giovanni Baglione mit dem Titel Der himmlische Amor besiegt den irdischen Amor platziert ist und die beiden Werke seit jeher in Rivalität zueinander standen, bietet sich abschließend ein ausführlicher Vergleich der beiden Amor -Versionen an. Dabei sollen ebenso die unterschiedlichen Dogmen und Ziele beider Künstler näher veranschaulicht werden. Am Ende dieser Hausarbeit folgen eine Auswertung der erzielten Ergebnisse, sowie ein Ausblick auf weitere, mögliche Untersuchungen zu dieser Thematik.

2.1 Der mythologische - und philosophische Ansatz

Für die Kunstgeschichte ist die Beschäftigung mit der Mythologie generell von großer Bedeutung, denn neben „der Bibel ist die antike Mythologie, die griechische zumal, der entscheidende und wirkungsmächtigste Ausgangspunkt für die Entwicklung der europäischen Kulturgeschichte.“1 Im Hinblick auf die Götter des Olymp ist der Eros der Sohn von Aphrodite und Ares. Aphrodite, als Göttin der Liebe und der Schönheit, wird in späterer Bewertung in Urania, die Himmlische, und Pandemos, die Gemein-Sinnliche, aufgeteilt. Ursprünglich mit dem Schmiedegott Hephaistos vermählt, betrügt sie diesen aber seit jeher mit Ares, dem römischen Gott des Krieges. Dieser kann nur im Kampf und in der Gewalt Lust und Freude empfinden. Durch ihr gemeinsames Verhältnis kommt es zu einer Verbindung ihrer unterschiedlichen Eigenschaften. Auf der einen Seite steht die unbändige Kriegslust des Ares, auf der anderen Seite die Sanftheit der Aphrodite. Als Hephaistos die beiden auf frischer Tat ertappt, fängt er sie in einem unzerstörbaren, künstlerisch angefertigten Netz, ruft die anderen Göttern herbei und gibt sie unter schallendem Gelächter der Lächerlichkeit preis. Dennoch soll es schon bald Nachwuchs bei den beiden geben: So gehen aus der Verbindung Harmonia und Phobos, Deimos, Anteros und auch der Liebesgott Eros hervor. Der „Eros als verspielter Knabe in Gesellschaft seiner Mutter A. ist ein in der bildenden Kunst der Antike überaus beliebtes Motiv.“2

Dem griechischen Eros entsprechen der römische Amor bzw. Cupido. Dieser ist in den Augen der griechischen Orphikern das „kosmisch zeugende und verbindende Prinzip schlechthin“3 Mit seinen ungestümen Handlungen, die die Liebe als Ziel haben, vereint Eros die Eigenschaften seiner Eltern. Pfeil und Bogen nutzt er nur dazu, die Herzen der Menschen in Flammen zu setzen, wobei es ihm gleich ist, ob er damit Ehen zerstört oder anderes Unheil anrichtet. So entfacht er sowohl die Zuneigung zwischen Mann und Frau als auch die Liebe zwischen Mann und Knaben. Menschen und Götter müssen sich ihm gleichsam beugen. Nach den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid löst der goldene Pfeil das Gefühl für die Liebe aus, der schwarze Pfeil dagegen löscht sie wieder. Trotz seines knabenhaften Äußeren ist Eros deshalb ein gefährlicher Gott, der jeden, der sich ihm entgegen stellt, nach Belieben beherrschen vermag. Dabei sieht er mit seinen goldenen Locken, der zarten Haut und den rosigen Wangen auf den ersten Blick wie ein unschuldiger Engel aus. Doch diese Unschuld ist lediglich äußerer Schein.

Im Mittelalter wurde der Eros deshalb oftmals auch mit dem Teufel gleichgesetzt. Auch der Maler Giovanni Baglione sollte ihn mit seinem Bildnis in die Nähe des Teufels rücken. Auf dieses soll zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit noch genauer eingegangen werden.

In der Philosophie spielt Eros eine ebenso entscheidende Rolle. So hat vor allem das berühmte Symposion des griechischen Philosophen Platon von 380 v. Chr. die Vorstellungen der Europäer von der Liebe und des Eros für die kommenden zwei Jahrtausende stark beeinflusst. Im Symposion haben sich Sokrates, Aristophanes und weitere Philosophen und Dichter zu einem Gastmahl - manche Quellen bezeichnen es auch als Trinkgelage - zusammengefunden und halten nacheinander eine Rede. Das Symposion ist jedes Mal einem bestimmten Thema gewidmet; bei diesem steht nun das Wesen der Eros zur Debatte. So preist der Athener Phaidros zu Beginn den Eros als den ältesten aller Götter und stellt einen Bezug zur Theogonie des griechischen Dichters Hesiod her, bei dem die Entstehung der Welt und der Götter geschildert wird. Nach Hesoid nimmt der Kosmos seinen Anfang mit der Geburt des Chaos, aus dem weitere Ur-Kräfte entstehen, darunter die Erde Gaia und die Liebe Eros. Während Gaia den Himmel, die Berge und das Meer zur Welt bringt, zeigt sich Eros mit schöpferischer Kraft für die Entwicklung des Chaos zum Kosmos verantwortlich. Als der Schönste unter den Unsterblichen ist er der Anstifter und Erzeuger des Neuen, während er gleichzeitig Bestehendes zusammenhält.

Der Adlige Pausanias stellt die Homerische Fassung des Eros dagegen und führt dessen Wesen auf seine Mutter, die Liebesgöttin Aphrodite zurück. Er „unterscheidet in diesem Sinne zwischen dem guten Eros, Sohn der Aphrodite Urania, und dem schlechten, Sohn der Aphrodite Pandemos.“4 Da es zwei Versionen der Aphrodite gebe - also eine gewöhnliche und eine himmlische - gebe es auch den Eros in zweierlei Hinsicht. Der gewöhnliche Eros suche nur nach körperlicher Sinnenlust, während der himmlische hingegen nach den geistigen und damit höheren Werten der Liebe strebe. Laut Pausanias sei einzig dieser Eros es wert, gelobt zu werden.

Sokrates indes möchte als der letzte Redner nicht in seinem eigenem Namen sprechen, sondern beruft sich stattdessen auf das, was er von Diotima, der Priesterin aus Mantineia, in einem gemeinsamen Dialog gelernt habe. Die Liebe (und so auch der personifizierte Eros) sei demnach generell nicht denkbar ohne das, worauf sie sich bezieht. Begehren lasse sich indes nur das, woran ein Mangel herrsche. Wenn nun Eros das Schöne und das Gute begehre, so folgt daraus, dass er selbst weder schön noch gut sein könne. Nach dieser Definition wäre Eros kein eigentlicher Gott, sondern ein Mittelwesen, das zwischen Gott und den Menschen steht. Er ist zwischen gut und schlecht, zwischen hässlich und schön, zwischen töricht und weise. Der Eros sei, um die generelle Bestimmung für ihn in dieser Hinsicht zu veranschaulichen, das allen Menschen gemeinsame Verlangen nach dem Besitz des Guten. Sein Wirkungsfeld ist die Zeugung des Schönen, sowohl körperlich wie geistig. Darin werde das Verlangen nach Unsterblichkeit verinnerlicht, das sich gleichsam bei allen Geschöpfen in dem Streben nach Ruhm und Ehre offenbare. Die höchste Betätigung des Eros in dieser Beziehung sei die stufenweise Erweckung des Menschen zur philosophischen Betrachtungsweise, die sich von der Liebe zu einem schönen Körper bis hinauf zum Schauen des Unvergänglichen erstrecke und damit die wahre Glückseligkeit und Unsterblichkeit erreiche. Der Eros sei der Teil der Seele des Menschen, die ihn über das Menschliche hinaus zum Göttlichen führe. Und diese Kraft sei im Grunde lustvolles Begehren. Eros erhält somit eine doppelte Identität: Auf der einen Seite stellt er die Liebe zur Vollkommenheit der reinen Ideen dar, auf der anderen Seite personifiziert er die Liebe zum Irdischen und sinnlichen Körperwelten. Dieser Dualismus wurde fortan vor allem in der Renaissance bildlich dargestellt, welcher die im Symposion veranschaulichte Theorie über die Liebe als Ideal diente. „Durch Plotin und die Kirchenväter war sie zu einer auf die Vollkommenheit der Ideen und Gottes gerichteten Liebe verwandelt worden.“5 Allein der Hochsinn sei der Schlüssel aller Tugenden; die Erkenntnis Gottes und der Unendlichkeit der Welt die höchste aller Erkenntnisse. Die geistige Liebe zu Gott sei das edelste aller Gefühle. „Beide Amori traten in einen Wettkampf um die Seele des Menschen“6, wobei gerade zweiter als Symbol für Anmut und Tugendhaftigkeit galt. Seine Werte wurden als die höheren von beiden verstanden. In der akademischen Kunst der Renaissance wurde deshalb stets die Unterwerfung bzw. die Läuterung des irdischen Amors durch den himmlischen erwartet. Im folgenden Teil der Hausarbeit soll nun das Bildnis Amor als Sieger von Caravaggio analysiert werden, das eine Verbindung zur Geschichte des Amor herstellt. Sein geflügelter Jüngling gibt sich bereits anhand seiner zwei Pfeile als Pandemos zu erkennen. Seine dunkelbraunen Flügel und Augen unterstreichen das Dämonische seines Charakters.

[...]


1 Abenstein, S. 13.

2 Hunger, S. 36.

3 Röttgen, S. 25.

4 Röttgen, S. 25.

5 Röttgen, S. 26.

6 Ebd., S. 26.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Caravaggio - Amor als Sieger
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Gemäldegalerie Berlin: Übungen vor Originalen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V199058
ISBN (eBook)
9783656254300
ISBN (Buch)
9783656256915
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
caravaggio, amor, sieger
Arbeit zitieren
Daniel Kohlstadt (Autor), 2011, Caravaggio - Amor als Sieger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199058

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