Oscar Wilde - Über den Ästhetizismus als moralischer Imperativ


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Über die Schönheit
2.2 Der Ästhetizismus bei Oscar Wilde

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wären die Armen nur nicht so häßlich, dann wäre das Problem der Armut leicht gelöst.

Oscar Wilde in „Formeln und Philosophien zum Gebrauch ihr die Jugend“. Der irische Schriftsteller und Poet Oscar Wilde war in der englischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts als geistreicher Spötter und extravaganter Lebemann bekannt, der in seinen Theaterstücken, Gedichten und Essays mit provokativem Charme und spielerischem Witz unbequeme, gesellschaftliche Wahrheiten offenlegte. Im prüden viktorianischen England galt der 1854 in Dublin geborene Schriftsteller als Skandalautor, auch weil der zweifache Familienvater mit seiner Homosexualität relativ offen umging, obwohl sie zu dieser Zeit per Gesetz untersagt wurde. Später sollte ihm das zum Verhängnis werden. Seine Gesellschaftskomödien wie beispielsweise „Ein idealer Gatte“ und „Ernst sein ist alles“ genossen enorme Popularität. Zu seinem wohl berühmtesten Werk zählt sein einziger Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.

Doch scheint es so, als ständen die Werke von Wilde immer hinter seiner dominierenden Persönlichkeit, welche wie keine zweite so selbstverständlich mit dem Begriff des Dandy assoziiert wird. Parallel gilt Wilde als Vertreter einer radikalen Haltung zur Schönheit-dem Ästhetizismus-welche die Schönheit erstmals auf die moralische Ebene führt und das Leben zur Kunst erklärt. Doch wodurch zeichnet sich diese radikale Lebensphilosophie Wildes genau aus? Was bedeutet Schönheit für Wilde? Und was für eine entscheidende Rolle spielt dabei der Dandyismus?

Diese Fragen sollen nun in der vorliegenden Hausarbeit genauer untersucht werden. In einem ersten Schritt soll es darum gehen, in knapper Form einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Schönheitstheorien zu präsentieren, wobei dabei speziell die Theorien Kants und Schillers näher vorgestellt werden, da diese für die ästhetischen Theorien Wildes eine nachhaltige Rolle spielen. Zentraler Schwerpunkt der Analyse soll anschließend Wildes Position des Ästhetizismus sein, welcher mit dem Begriff des Dandyismus verbunden werden wird. Anhand dieser Grundlage soll geklärt werden, inwiefern Wilde mit diesen Positionen harmoniert und welche spezifischen Abweichungen es gibt. Zugleich sollen mögliche Parallelen mit den Schönheitstheorien Kants und Schillers im Auge behalten werden.

Am Ende der Hausarbeit folgt eine Auswertung der erzielten Ergebnisse, sowie ein Ausblick auf weitere, mögliche Untersuchungen zu dieser Thematik.

2.1 Über die Schönheit

Die Bedeutung des Schönheitsbegriffs wird von der philosophischen Lehre der Ästhetik untersucht, welche laut ihrem Begründer, dem Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten, die Theorie der sinnlichen Erkenntnis darstellt. Aber auch in der Psychologie und Soziologie spielt der Schönheitsbegriff eine zentrale ROlle. Dort wird die Bewertung schön in Abhängigkeit von psychogenetisch bzw. gesellschaftlich geprägten Wertvorstellungen untersucht. Im Hinblick auf die Kunst „galt Schönheit lange Zeit als das entscheidende Ziel menschlicher Kreativität, sogar als Ausdruck des Göttlichen, als Repräsentanz kosmischer Harmonie“[1].

Aufgrund der Tatsache, dass der Begriff der Schönheit über die Jahrhunderte hinweg eine Vielzahl von verschiedenen Definitionen und Theorien genossen hat, lässt er sich anhand dieser facettenreichen Komplexität auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Die ästhetische Analyse bemüht sich dennoch anhand unterschiedlicher philosophischer Beiträge nachzuvollziehen, welche Wertmaßstäbe der Schönheit über die Jahrzehnte hinweg im einzelnen zugrunde liegen. Darüber hinaus wird durch die Analyse der Schönheit „über das reine Sachinteresse hinaus die Hoffnung geknüpft, sich durch sie auch Klarheit über den Menschen und seine Welt machen zu können“[2].

Bei dieser Untersuchung lassen sich philosophische Strömungen erkennen, welche sich mit der Frage beschäftigten, ob Schönheit Gegenstand subjektiver Empfindungen oder objektiven Relationen ist. Die objektive Schönheitstheorie besagt, dass sich Schönheit allein aufgrund symmetrischer und harmonischer Proportionen zueinander rational messen und somit in Gesetzmäßigkeiten festlegen lässt. Schönheit bekommt damit allgemeingültige und beweisbare Eigenschaften zugesprochen, welche vom Verstand und der Vernunft erfasst werden. Berühmte Vertreter dieser Position sind Pythagoras und Thomas v. Aquin.

Erst sehr spät wurde die Theorie von der Schönheit als Objekteigenschaft vehement angezweifelt. Im englischen Empirismus des 18. Jahrhundert kristallisiert sich unter der Führung von David Hume und Edmund Burke die Behauptung heraus, dass Schönheit viel mehr als subjektives Gefühl sui generis fungiert, also eine einzigartige Charakteristika aufweist. Schönheit wird dabei als Qualität eines Körpers angesehen, welcher Liebe und Leidenschaft verursacht.

Von reiner Sinnenlust ist sie aber strikt zu trennen. „Das Schöne erscheint nun nicht mehr [...] als harmonischer Zusammenklang des Verschiedenen nach Gesetzen, die den Kosmos beherrschen“[3], sondern als ästhetische Komponente eines erfahrenden Subjekts. Die Schönheit liegt damit einzig und allein im Auge des Betrachters, der selbst vor die Wahl gestellt wird, unter welchen Kriterien er etwas als schön oder hässlich empfindet. Doch das Problem der subjektiven- wie auch der objektiven Betrachtung der Schönheit ist, dass sie Schönheit lediglich auf eine einzige Perspektive reduzieren. Der Philosoph Immanuel Kant vertritt deswegen in seiner berühmten Schrift „Kritik der Urteilskraft“ von 1790 das Anliegen, beide Positionen zusammenzuführen und begründet gleichzeitig die einflussreichste Definition von Schönheit. In seinem Werk nennt Kant „das Vermögen einer ästhetischen Wahrnehmung, also einer qualifizierten, wertenden Sinnesempfindung (...) Geschmack“[4]. Schönheit wird zum Objekt einer bestimmten Tätigkeit der Urteilskraft: das ästhetische Urteil oder Geschmacksurteil. Ästhetische Urteile basieren laut Kant auf persönlichen, subjektiven Empfindungen des Gefallens oder Nicht-Gefallens. Dabei ist die tatsächliche Existenz des Objekts für das Urteil uninteressant. Insofern könnte angenommen werden, schön sei das, was persönlich angenehm sei. Kant gibtjedoch einen wichtigen Unterschied an: Über das individuell Angenehme lässt sich schwer streiten, da jeder etwas anderes als angenehm empfindet und subjektive Einschätzungen daher außerhalb von allgemein definierbaren Kriterien liegen. Ästhetische Urteile dagegen sind zwar subjektiven Ursprungs, haben jedoch Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Dies bedeutet, dass jeder, der über die Schönheit eines Objekts urteilt, zugleich ein Urteil fällt, dem auch andere zustimmen müssten. Schönheit ist daher ein Anspruch subjektiver Allgemeinheit. Anderes als das Angenehme lässt sich über Schönheit und Geschmack durchaus sinnvoll streiten, da jedes Geschmacksurteil sich anmaßt, über die Empfindungen anderer mit zu urteilen.

Die Argumentation Kants basiert auf der Abgrenzung zwischen dem Guten, dem Angenehmen und dem Schönen. Das Gute ist etwas, an dem ein motiviertes Interesse bekundet wird. Auch am Angenehmen wird Interesse bekundet, da die Empfindung des Angenehmen als begehrenswert angesehen wird. Das Gute, das Angenehme und das Schöne beruhen also allesamt auf den subjektiven Empfindungen des Wohlgefallens. Das Urteil über das Schöne ist allerdings das einzige, welches das persönliche Interesse an dem Gegenstand nicht berücksichtigt, da es sonst verfälscht wird.

Daher definiert Kant Schönheit in einer berühmt gewordenen Formulierung das Zeichen „interessenlosen Wohlgefallens“[5]. Schön ist folglich das, was allgemein gefallt.

Für die Herstellung schöner Kunst ist nach Kant einzig und allein das Genie in der Lage. Das Genie ist nach Kant das Talent, welches der Kunst Regeln und Vorschriften verleiht, die der Betrachter weder inhaltlich nachvollziehen, noch auf bestimmte Begriffe reduzieren kann. Einzig das Genie verfügt über die schöpferische und göttliche Fähigkeit, ästhetische Ideen zu realisieren. In der Dichtkunst gebraucht das Genie Metaphern und rhythmische Struktur. Besonders in der Epoche der Romantik genoss diese Genie-Theorie von Kant einen hohen Stellenwert. Durch die schöpferischen Fähigkeiten eines Genies wirkt jede Kunst wie ein Teil der Natur. Schönheit wird für Kant zu einem Symbol der Sittlichkeit.

Auch Schillers ästhetisches Hauptwerk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ stellt sich in die Tradition von Kants Kunst- bzw. Schönheitstheorien, vermittelt seine Thesen aber in einem weniger theoretischen, sondern mehr in einem pragmatischen und anthropologischen Modell. Was bei Kant theoretisch gedacht wird, wird bei Schiller realistisch. Schönheit betrifft nach Schiller nicht den mentalen, sondern den gesellschaftlichen und politischen Zustand. Er sieht die Schönheit als Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse des Menschen und reagiert damit auf die Erfahrungen der französischen Revolution, welche dem Menschen nicht die erwartete Wende zu mehr Humanität in der Gesellschaft eingebracht hat. Schiller geht davon aus, dass der Mensch in zwei Welten lebt, welche in einem Widerstreit zueinander stehen: „Als ein sinnliches Wesen lebt er im Reich der Erscheinungen, in dem strenge Kausalität waltet, als ein vernünftiges Wesen lebt er im Reich der Moralität, wo Freiheit herrscht.“[6] Der Mensch wird nach Schiller von zwei Trieben, dem Stoff- und dem Formtrieb beherrscht. Während sich der Stofftrieb nach sinnlichen und empfindsamen Reizen sehnt, strebt der Formtrieb nach Vernunft, Erkenntnis und Wissenschaft. Schiller sieht in der Verbindung der beiden Triebe die optimale Voraussetzung für die eigentliche Natur des Menschen. Dabei ist für Schiller wichtig, dass keiner der beiden Triebe eine Dominanz erlangt, da der Mensch in einem solchen Stadium unglücklich sei. Schiller sieht die Aufgabe darin, zwischen diesen Welten zu vermitteln, um der eigentlichen Natur des Menschen gerecht zu werden. Die Lösung des Problems sieht Schiller in der Ästhetik begründet.

[...]


[1] Liessmann, S. 7.

[2] Wiesing, Vorwort, S. IV.

[3] Liessmann, S. 29.

[4] Ebd., S. 33.

[5] Liessmann, S. 34.

[6] Wiesing, S. 134.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Oscar Wilde - Über den Ästhetizismus als moralischer Imperativ
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Schönheit
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V199238
ISBN (eBook)
9783656256717
ISBN (Buch)
9783656258971
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
oscar, wilde, über, ästhetizismus, imperativ, Oscar wilde, Schönheit, Philosophie
Arbeit zitieren
Daniel Kohlstadt (Autor:in), 2010, Oscar Wilde - Über den Ästhetizismus als moralischer Imperativ, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199238

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