Leibniz´ Monadologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

11 Seiten, Note: befriedigend


Leseprobe

I. Einleitung

In §§ 82 – 90 der Monadologie behandelt Leibniz im Besonderen jene Monaden, welche, dem bis hierher entworfenen Konzept des Monaden-Begriffes zufolge, eine hervorgehobene Stellung in den Beziehungen (rapports) der, das Universum füllenden, einfachen Substanzen haben – die Geister, die vernünftigen Seelen oder die Geistmonaden. Die Prämisse einer Tierseele führt Leibniz zunächst zu einer Unterscheidung jener von der Menschenseele, die durch ihre Begabung zur Vernunft über der ersteren steht. Des weiteren sind die Geister mit der Möglichkeit ausgestattet, das Ich und gleichsam Gott denken zu können. Ein Vorzug, in dem die Fähigkeit zur Vernunft ihre höchsten Blüten treibt. Diese Fähigkeit ermöglicht es den Geistern, „das System des Universums zu erkennen und ... nachzuahmen“[1], in einer Art Vater-Kind-Verhältnis zu Gott stehend, den vollkommensten, moralischen Staat bildend, „diese wahrhafte Universalmonarchie“.[2] In dem besonderen Zugang, den diese Geister aufgrund ihrer hervorgehobenen Stellung zu Gott haben, manifestiert sich also Gottes Güte, die sich zwar überall, im gesamten Universum, zeigt, und trotzdem insbesondere in der «Cité de Dieu» zur Geltung kommt. Denn hier ist Gottes Ruhm in einem wechselseitigen Verhältnis zu den fürstlichen Individuen insofern gewährleistet, als die Geister jenen erkennen und hochschätzen. In diesem Punkte unterscheiden sich also das Reich der Natur und das moralische Reich der Gnade Gottes, ohne dass es zu einer Disharmonie zwischen beiden kommen könnte. Ist doch die Harmonie als unerlässliches Fundament für alles Geschehen zu begreifen. Dem natürlichen Regelwerk gemäß, dessen Schöpfer Gott ist und für dessen Umsetzung die Geister sozusagen als Vollstrecker des Willen Gottes sorgen, verlangt die herausgehobene Position der Geistmonaden, die sich in ihrer Herrschaft offenbart, sogar eine Art Jüngstes Gericht. Gesetzt den Fall, dass eine Annihilation der Erde, und ihre Neuerschaffung «tout d´un coup»[3] angesichts des über alle Maßen zu berücksichtigenden Wohles der Gemeinschaft der Geister unausweichlich werde, diene das zur ausdrücklichen „Züchtigung der einen und zur Belohnung der anderen.“[4] Die Sünden tragen danach ihre Bestrafung bereits in, oder besser, mit sich; eine Auffassung, die ich mir inhaltlich mit dem Satz „praedicatum inest subiecto“ in Verbindung zu bringen erlaube und bei der auch die Annahme mitschwingt, dass die „Gegenwart mit der Zukunft schwanger“ gehe. Diese These findet bereits in Platons Dialog „Theaitetos“ im Zusammenhang mit dem Homo-Mensura-Satz des Protagoras Erwähnung, endet dort jedoch in einer Aporie.[5] Gute Handlungen ziehen sich naturgemäß, und sogar nach den Gesetzen der Mechanik vielmehr maschinell, ihre Belohnungen zu, während für schlechte Verhaltensweisen Strafen zu erwarten sind, auch wenn dieses selbstregulierende System nicht umgehend in Kraft treten kann und darf. Gottes Allmacht garantiert letztlich, dass es keine gute Handlung ohne Belohnung und keine schlechte ohne Strafe geben kann und darf, weil sich alles um das Wohl der Guten dreht. Gut sind nach diesem Verständnis die, welche mit der universalen Monarchie Gottes vollends zufrieden sind, weil sie den Schöpfer der Natur lieben und bewundern, um ihn in ihren Handlungen nachzuahmen, weil seine Allmacht der Natur der wahrhaft reinen Liebe, «pur amour»,[6] entspricht, vermittelst der Freude am Glück dessen, was man liebt. Die weisen und tugendhaften Geister scheinen mit der Richtung des göttlichen Willen überein zustimmen. Sie richten jedes Ziel ihres Willens auf den letzten Grund der Dinge, der mit Gott synonym ist, weil er allein das Glück machen kann. Leibniz nimmt an, dass die Welt in der Form, wie sie ist, die bestmögliche ist, weil sie eben Gottes Güte widerspiegelt sowie die Monaden das Universum repräsentieren. Je deutlicher sie dies in ihren Perzeptionen vermögen, desto umfassender wird die Spiegelung. Es ist in diesem Punkte jedoch keineswegs außer Acht zu lassen, dass selbst den Geistmonaden kein vollkommenes Erkennen des Ganzen möglich ist. Diese absolute Übersicht ist in ihrer Klarheit der Zentralmonade, also Gott, allein vorbehalten.[7]

II. Hauptteil

II.1) Tierseelen, gewöhnliche Seelen und Geister

In § 83 der Monadologie wird der von mir in der Einleitung angeschnittene Unterschied von gewöhnlichen Seelen und Geistern expliziert: Erstere seien im allgemeinen „lebende Spiegel oder Abbilder des Universums der Geschöpfe“[8], analog zum Entwurf jeglicher Monaden als „Spiegel des Universums“, letztlich in der prästabilierten Harmonie mündend, der zufolge alles mit allem verknüpft ist, was dazu führt, dass sich jede Regung der einfachen Substanz auf alle anderen Monaden, die den Raum „voll machen“, auswirkt (agir). Letztere, namentlich Geister, sind „auch noch Abbilder der Gottheit selbst“.[9]

Dem damaligen Stand der Naturwissenschaften entsprechend, spricht Leibniz von „sensitiven Seelen“ und ihrem Vorhandensein in den „Samentierchen“ der vernünftigen Tiere, sprich Menschen.[10] Aristoteles rief den Ausdruck „sensitive“ Seelen ins Leben, die Erklärung der Funktion von Ernährung und Empfindung in der Natur und speziell bei den Tieren intendierend.[11] Man kann also sagen, dass es unter den Spermatozoen auserwählte gibt, die dann „durch wirkliche Empfängnis zur menschlichen Natur gelangen“. Aber auch dann wird nochmals gesiebt - zur menschlichen Natur gelangt, werden die in den Samentierchen präformierten[12] sensitiven Seelen dem Grade ihrer Vernunft nach, d.h. der Klarheit ihrer Perzeptionen gemäß, und nach der sozusagen spirituellen Stellung ihres Geistes erhoben. Somit unterscheidet Leibniz in erster Instanz zwischen Tierseelen und Menschenseelen, wobei die Menschenseelen nochmals in gewöhnliche Seelen und Geister zu unterteilen sind. Entgegen der Annahme Descartes, Tiere seien Automaten, spricht Leibniz den Tieren eine Seele zu, wie es bereits Aristoteles tat. In Anlehnung an das Buch „Von der Lebensordnung“ des Hippokrates, nimmt Leibniz an, dass die Tiere nicht geboren werden und auch nicht sterben. Sie fügen sich vielmehr einer Metamorphose, im Gegensatz zur Metempsychose, Seelenwanderung. Die Tiere sind also eindeutig in das Monadensystem eingegliedert, und werden, wie auch das Universum, mit einem Schlage geschaffen, um ausschließlich durch Annullierung (annihilation) vergehen zu können. All ihr Geborenwerden und Sterben auf Erden ist eher einem Prinzip von Verwandlung unterworfen, denn einer Wanderung ihrer Seelen vom verstorbenen Tier zum neu geborenen Tier hin, wie es insbesondere im Hinduismus angenommen wird, wo sogar davon die Rede ist, dass die Seele des verstorbenen Menschen in den Körper des Tieres hinein wandert.[13] Trotz des Zugeständnisses einer Tierseele geht Leibniz nicht so weit, jene den Menschenseelen als ebenbürtig zu erachten. In seinem Entwurfe sind die Geister eindeutig bevorzugt, da sie eines unmittelbaren Kontaktes zu Gott fähig sind, in einer «société des esprits» lebend, als Bürger im Gottesstaate höchsten moralischen Gesetzen folgend.[14]

[...]


[1] Leibniz, G.W. – Monadologie (1714) in: Krüger, G. – Leibniz. Die Hauptwerke, Stuttgart 1949, S. 130- 150, § 83

[2] ebd.

[3] Vgl. § 6 „So kann man sagen, dass die Monaden nur auf einen Schlag zu beginnen und zu enden vermögen. D.h., sie können nur durch Schöpfung beginnen und durch Annullierung aufhören...“

[4] Vgl. Leibniz, G.W. – Das neue System (Système nouveau de la nature et de la communication des substances, aussi bien que l´union qu´il y a entre l´ame et le corps (1695), in: Holz, H.H. (Hg.) – Kleine Schriften zur Metaphysik, Frankfurt a. M. 1965, S. 209-211 „So haben die Geister ihre besonderen Gesetze, die sie vermöge der Ordnung selbst, die Gott ihnen verliehen hat, über die Umwälzungen der Materie stellen, und man kann sagen, dass alles übrige nur ihretwegen gemacht ist, da diese Umwälzungen selbst der Glückseligkeit der Guten und der Bestrafung der Bösen angepasst sind.“ (§5), „Indessen folgen die vernünftigen Seelen weit höheren Gesetzen und sind von all dem befreit, was sie ihre Eigenschaft als Bürger der Gesellschaft der Geister «la societé des esprits» verlieren lassen könnte...“ (§8)

[5] Platon-Theaitetos, in: Hülser, K. – Platon. Sämtliche Werke Bd. VI, Frankfurt a. M. 1991. Hier wird der Satz des Protagoras, der Mensch sei das Maß aller Dinge, von Sokrates und seinem Schüler Theaitetos auf die Zukunft angewandt. Theaitetos nimmt an, dass, wenn der Mensch das Maß der gegenwärtigen Dinge sei, er auch zutreffende Aussagen über das Künftige tätigen könne. In diesem Zusammenhang fällt der Satz, dass die „Gegenwart mit der Zukunft schwanger gehe“.

[6] Mon. § 90

[7] vgl. Liske, M.-Th. – Descartes und Leibniz, in: Gniffke, F. und N. Herold (Hrsg.) – Münsteraner Einführungen. Klassische Fragen der Philosophiegeschichte Bd. II. Neuzeit und Moderne, Münster 2000, S. 27 „Auch Gott unterscheidet sich als Zentralmonade von den anderen ... nur durch den unendlichen Grad, dass er allumfassend die ganze Fülle positiver Inhalte in sich beschließt, dass er alles klar und deutlich perzipiert.“

[8] Mon. § 83

[9] Ebd.

[10] Ebd. § 82

[11] Aristoteles ging in Anlehnung an die platonische Lehre von den drei Seelenteilen davon aus, dass es a) eine vegetative Seele gibt, die mit dem Wachstum, der Nahrungsaufnahme und der Fortpflanzung gegeben ist und sich rein und vollständig schon in der Pflanzenwelt findet. Des weiteren beschreibt Aristoteles eine, hier wohl von Leibniz gemeinte b) Sinnenseele oder eben sensitive Seele, die im Tier vorhanden ist und alle Fähigkeiten der Pflanzenseele einschließt, darüber hinaus jedoch eine Wirklichkeit darstellt, in der es Sinnesempfindungen, niederes Strebevermögen – vergleichbar mit Leibniz´«appetition» im «principe interne» der einfachen Substanz (vgl. Mon. § 15) - und Ortsbewegung gibt, erstmals im Tierreich auftretend. Hierin sehen sowohl Aristoteles, wie auch später Leibniz, der dem Tier bekanntlich eine Tierseele zugesteht, die Entelechie des Lebewesens. Die c) Menschenseele zeichnet sich zudem dadurch aus, dass sie eine Geistseele ist, den Menschen zum animal rationale machend. (vgl. Hirschberger, J. – Geschichte der Philosophie. Bd. I, Freiburg 1959, S. 211 ff.)

[12] vgl. Mon. § 74 „, dass die organischen Körper der Natur... immer durch Samen (erzeugt werden), in welchem ohne Zweifel irgendeine Präformation vorhanden war, ...“

[13] vgl. Système nouveau, S. 213, § 9

[14] vgl. Système nouveau: «Et on peut dire que tout tend á la perfection non seulement de l´Univers en general, mais encor de ces creatures en particulier, qui sont destinées á un tel degré de bonheur, que l´Univers s´y trouve interessé en vertu de la bonté divine qui se communique á chacun autant que la souveraine Sagesse le peut permettre.» (§8)

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Leibniz´ Monadologie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
WS 2002/03
Note
befriedigend
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V19965
ISBN (eBook)
9783638239813
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leibniz´, Monadologie
Arbeit zitieren
M.A. Jens-Philipp Gründler (Autor), 2003, Leibniz´ Monadologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19965

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Leibniz´ Monadologie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden