Bergmänner, Glasmacher und Drechsler – Historische und aktuelle Wirtschaftsstrukturen in Seiffen: Mit einem geographischen Überblick über das Erzgebirge


Bachelorarbeit, 2012

68 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielstellung
1.3 Methoden und Forschungsstand

2 Überblick über das Erzgebirge
2.1 Lagekennzeichnung und Gliederung
2.2 Naturräumliche Ausstattung
2.3 Bevölkerungs- und Wirtschaftsstrukturen

3 Geschichte der Wirtschaft in Seiffen
3.1 Erschließung des Raumes um Seiften und frühe Siedlungen
3.2 Seiffener Bergbau
3.3 Seiffener Glashütten
3.4 Seiffener Drechselhandwerk
3.5 Seiffen im 20. Jahrhundert

4 Aktuelle Wirtschaftsstruktur
4.1 Überblick über die Gemeinde Seiffen
4.2 Arbeitsplätze und Pendler
4.3 Gewerbestruktur

5 Problemfelder und Handlungsmöglichkeiten
5.1 Herausforderungen und Potenziale im Holzgewerbe
5.2 Herausforderungen und Potenziale im Tourismus

6 Zusammenfassung
6.1 Überblick über die Arbeit
6.2 Ergebnisse der Arbeit

Literaturverzeichnis

Danksagung

Diese Arbeit wäre ohne den Gedankenaustausch mit mehreren Personen ganz anders und nicht so umfangreich geworden. Viele Ideen zur Arbeit sind erst während der Gespräche entstanden. Eine Arbeit über einen Ort kann nur dann ihr Ziel erreichen und realistische Ergebnisse aufweisen, wenn sie im Kontakt mit Einwohnern entsteht und wenn Einblick in die Lebensweise gewährt wird. Ich danke deshalb für die Offenheit, die Ideen und das Entgegenkommen meiner Gesprächspartner:

Christian Werner, Rainer Bieber, Helfried Dietel, Gerlinde Einbock, Christina und Stephan Kaden, Johanna Bieber, Dr. Konrad Auerbach und Gunter Bieber

In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei den Sachverständigen der Industrie- und Handelskammer Chemnitz, Region Erzgebirge und der Handwerkskammer Chemnitz für die freundliche Bereitstellung von Daten bedanken. Danken möchte ich auch für die Unterstützung durch:

Walli und Johannes Bieber, Elisabeth Bittmann, Kerstin und Hartmut Bittmann, Michael Kaden und Pfarrer Michael Harzer

Für die entgegen kommende und dennoch Freiheiten lassende Betreuung soll an dieser Stelle Prof. Dr. Hartmut Kowalke gedankt sein. Ich war positiv überrascht, wie groß sich die Freiheit bei der Wahl des Themas und der Schwerpunkte meiner Bachelor-Arbeit gestaltete.

Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1: Jahresniederschlagssummen in Sachsen 1995-2005 in mm

Abbildung 2.2: Einwohnerzahlen von Chemnitz 1834 bis 1939

Abbildung 2.3: Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen ausgewählter Wirtschaftsbereiche in Sachsen von 1989 bis 1992

Abbildung 2.4: Flächennutzung der Landwirtschaft in ausgewählten Landkreisen von Sachsen 2007 in ha

Abbildung 2.5: Altersstruktur in den Landkreisen Erzgebirgskreis, Mittelsachsen und Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge 2010

Abbildung 2.6: Anteil der Ausländer bezüglich der Altersgruppen in den Landkreisen Erz­gebirgskreis, Mittelsachsen und Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge 2010

Abbildung 3.1: Umgebungsskizze von Seiften zu wichtigen Niederlassungen und Wegen bezüglich der Siedlungsgenese des Raumes um Seiften

Abbildung 3.2: Bergbautechnische Anlagen während der zweiten Hauptperiode des Berg­baus in Seiften

Abbildung 3.3: Zusammenhang der Entwicklung von Zinnbergbau, Drechselhandwerk und Glasproduktion in Seiften von 1658 bis 1829

Abbildung 3.4: Entwicklung der Einwohnerzahl in Seiften im 20. Jahrhundert

Abbildung 4.1: Pendlerbewegung der Gemeinde Seiften 2007

Abbildung 4.2: Gewerbestruktur in Seiften 2012

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2.1: Monats- und Jahresmittel der durchschnittlichen Lufttemperatur in den

Stationen Chemnitz und Fichtelberg in °C

Tabelle 2.2: Summe der Monats- und Jahresniederschläge in den Stationen Chemnitz und Fichtelberg in mm

Tabelle 2.3: Abflüsse der Pegel Pockau 1 an der Flöha und Rothenthal an der Natzschung 2009

Tabelle 2.4: Entwicklung der Beschäftigtenzahlen der Industrie im Erzgebirgsraum 1992 zu 1991 in Prozent

Tabelle 3.1: Transportvolumen an Glas aus der Heideibacher Hütte

Tabelle 3.2: Einwohnerzahlen SeifFens und Umgebung von 1834 bis 1946

Tabelle 4.1 : Altersstruktur in der Gemeinde SeifFen 2010

Tabelle 4.2: Art der Flächennutzung 2012 in der Gemeinde SeifFen

Tabelle 4.3: Arbeitslosigkeit in ausgewählten Altersklassen in SeifFen 2012

Tabelle 4.4: Arbeitslosigkeit in SeifFen bezüglich des Geschlechts 2012

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Der Luftkurort SeifFen im Erzgebirge genießt einen ausgesprochen gefestigten Ruf als „Weihnachts- und Spielzeugland“. Seiffener Holzkunst prägte und prägt häufig die Vor­stellung von „richtigen Weihnachten“ in sächsischen Familien. Seit Jahrzehnten sind Handwerksprodukte aus dem Ort nahe Olbemhau und Neuhausen als Geschenke beliebt. SeifFen kann auf Außenstehende verträumt, romantisch und harmonisch wirken, als ob an diesem Ort die Hektik des Alltags vorbei geht, auch wenn in der Advents- und Weih­nachtszeit das Dorf Hunderte Parkplätze für Besucher ausweisen muss und die Hauptstraße sich in einen Weihnachtsmarkt verwandelt. Der eine oder andere mag sich in dieser Atmo­sphäre aber vielleicht auch fragen, ob es ein SeifFen nach Weihnachten gibt. Was machen Seiffener, wenn sie nicht drechseln? Ortsfremde mögen sich wohl mancher Zeit fragen, ob denn alle Bewohner des „Weihnachtslandes“ in der Spielzeugproduktion und im Holz­kunsthandwerk tätig sind und ob es in SeifFen auch Dinge gibt, die sich nicht um die Drechselbank oder um die Pyramide drehen.

Bei genauerem Hinschauen werden in der von Touristen bewunderten Spielzeugmacher­branche Probleme sichtbar. Viele Handwerker arbeiten am Existenzminimum. Die Nach­frage und somit die Umsatzzahlen sind rückläufig. Viele Betriebe haben keine Nachfolger und die Konkurrenz aus östlichen Regionen, wo Quantität über Qualität steht, ist groß. Zerbricht die Spielzeugmacherbranche unter diesem wirtschaftlichen Druck? Gibt es Alternativen? Welche Zukunftspläne sind tragfähig und welche Potenziale bietet die Wirt­schaftsstruktur in SeifFen? Wie ist sie überhaupt entstanden?

1.2 Zielstellung

Ausgehend von der Problemstellung kristallisieren sich drei Fragen heraus:

-Wie sind die Wirtschaftsstrukturen in SeifFen entstanden?
-Nimmt das Holzkunsthandwerk eine dominante Rolle in der Wirtschaft Seiffens ein und wie groß sind die Anteile anderer Wirtschaftsbranchen?
-Welche Potenziale und Zukunftsstrategien gibt es, um Problemen zu begegnen und entgegen zu wirken?

Insgesamt ist festzustellen, dass ausführliche Arbeiten zur Geschichte des Erzgebirges existieren, jedoch keine zur Gegenwart gefunden werden konnten, die über die physische Geographie hinaus gehen. Ähnlich verhält es sich mit Literatur über Seiffen. Aspekte der Geschichte sind detailliert dokumentiert. Dazu gehören Besiedlung, Bergbau, Glashütten und das Drechselhandwerk. Jedoch konnte keine Arbeit ausgemacht werden, die die aktuellen Strukturen auf Basis der Geschichte betrachtet. Zudem sind noch keine Hand­lungskonzepte für die Zukunft von der Gemeinde erarbeitet worden, die demografischen Wandel und wirtschaftlichen Problemen entgegen wirken. Aus diesem Grund ist für diese Arbeit nach einem Überblick über das Erzgebirge eine Dreiteilung vorgenommen worden. Ausgangspunkt ist die wirtschaftliche Geschichte des Ortes. Darauf basiert die aktuelle Struktur. Aus dieser leiten sich Handlungsmöglichkeiten und Potenziale ab. Intention die­ser Arbeit ist es, die genannten drei Punkte in einen Zusammenhang zu stellen, um Poten­ziale auszumachen, die dem Charakter und der Atmosphäre Seiffens entsprechen. Die Arbeit richtet sich demnach vor allem an die Gemeinde Seiffen und an die Akteure der Wirtschaft im Ort.

1.3 Methoden und Forschungsstand

Steht eine einzelne Gemeinde im Blickpunkt einer Arbeit, so muss diese zuerst eingeordnet werden. Aus diesem Grund wurde das Kapitel 2 Überblick über das Erzgebirge eingefugt. Die Arbeit erfolgte dabei hauptsächlich durch Auswertung von Literatur. Die physische Geographie, die Besiedlung und Geschichte des Erzgebirges ist sehr gut mit wissenschaft­lichen Arbeiten abgedeckt, weshalb sich diesbezüglich keine Schwierigkeiten bei der Recherche ergaben. Problematischer war die Analyse aktueller Wirtschafts- und Bevölkerungsstrukturen im Erzgebirge. Dazu wurden vor allem Angaben über Sachsen gefunden. Die Übertragung auf das Erzgebirge musste erst hergestellt werden. Die Aus­wahl der Inhalte gestaltete sich schwierig, da nicht immer Zahlen Vorlagen, die sich auf das Erzgebirge beschränkten. Zudem ist die Abgrenzung des Gebirges ungenau. Soll die heu­tige Wirtschaft und Bevölkerungsstruktur des Erzgebirges charakterisiert werden, ist die Auswertung einzelner Gemeinden aufgrund der hohen Anzahl zu umfangreich. Eine Analyse der Landkreise gestaltet sich hingegen als sehr ungenau, da die Landkreise auch Räume einschließen, die nicht zum Erzgebirge gezählt werden können. Gleichwohl musste an einigen Stellen auf Zahlen von Landkreisen zurückgegriffen werden, da das Angebot von Daten entsprechend eingeschränkt war. Als Methoden wurden für das erwähnte Kapitel die Literaturrecherche und die Auswertung von Daten gewählt.

Aktuelle Wirtschaftsstrukturen sind immer Ergebnisse von Geschehnissen der Geschichte. Für die Betrachtung der Wirtschaft in Seiffen war also eine ausführliche Analyse der Geschichte von Seiffen notwendig. Diese ist bisher sehr gut untersucht und dokumentiert worden, vor allem die Bereiche Besiedlung, Bergbau, Glashütten und Spielzeugherstellung bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die Inhalte des Kapitels 3 Geschichte der Wirtschaft in Seiffen wurden demnach hauptsächlich mit Literatur erarbeitet, wobei nur eine Auswahl wichtiger Punkte wieder gegeben werden konnte.

Zur aktuellen Wirtschaftsstruktur (4 Aktuelle Wirtschaftsstruktur) liegen keine wissen­schaftlichen Veröffentlichungen vor, die speziell die Gemeinde Seiffen behandeln. Bei der Arbeit wurden deshalb Daten des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen über GENESIS-online analysiert. Auch die Gemeindestatistik Seiffens, die ebenfalls vom Sta­tistischen Landesamt des Freistaates Sachsen zur Verfügung gestellt wird, wurde zur Untersuchung herangezogen. Ursprünglich war eine Gliederung des Kapitels in folgende

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während der Arbeit stellte sich jedoch heraus, dass eine solche Gliederung für Untersu­chungen auf Gemeindeebene nicht sinnvoll ist, da in einer einzelnen Gemeinde nicht alle Wirtschaftssektoren auftreten oder Bedeutung haben. Zudem standen nicht immer die gewünschten Daten zur Verfügung. Aus diesem Grund wurden Schwerpunkte gewählt, sodass die in dieser Arbeit vorliegende Gliederung des Kapitels 4 Aktuelle Wirtschaftsstruktur entstand. Die Suche nach Daten zur Betriebszahl gestaltete sich anfangs schwierig. Nach telefonischer Anfrage und schriftlichem Kontakt standen Daten auf Gemeindeebene zur Verfügung, die von der Industrie- und Handelskammer Chemnitz, Region Erzgebirge, und der Handwerkskammer Chemnitz erhoben worden waren. Daten zu Umsätzen bestimmter Branchen und zum BIP beziehungsweise BSP der Gemeinde lagen nicht vor. Lediglich zum verarbeitenden Gewerbe konnten Zahlen zu den Umsätzen in Erfahrung gebracht werden.

Zu den Punkten in Kapitel 5 Problemfelder und Handlungsmöglichkeiten lagen ebenfalls keine wissenschaftlichen Arbeiten vor. Die Handlungsmöglichkeiten wurden aus der Ana­lyse der Wirtschaftsstruktur und aus Gesprächen mit Akteuren in Seiffen abgeleitet. Es wurde bei Beispielen bewusst darauf verzichtet, Namen von Betrieben zu nennen, um keine einseitige Sicht, keine Einschränkung und keine Bevorteilung entstehen zu lassen.

2 Überblick über das Erzgebirge

2.1 Lagekennzeichnung und Gliederung

Das Erzgebirge ist ein Mittelgebirge im Süden von Sachsen. Es ist von Südwest nach Nordost ausgerichtet und steigt von Nordwest nach Südost allmählich an, bevor es vom Kamm nach Südost steil abfallt. Über den Kamm verläuft die Grenze zwischen der Bun­desrepublik Deutschland und der Tschechischen Republik. Im Süden wird das Gebirge nach dem Steilabfall von dem Tal der Eger begrenzt, im Osten vom Elbtal. Im Norden schließt sich das Erzgebirgsvorland an. Die Grenze dazwischen ist nicht allgemein defi­nierbar und vom Auswahlkriterium abhängig. Gleiches gilt für die Grenze nach Westen, wo sich das Vogtland anschließt. Der höchste Berg auf deutschem Territorium im Erzgebirge ist der Fichtelberg mit 1214 m NN. Die höchste Erhebung im gesamten Gebirge ist der auf tschechischer Seite gelegene Keilberg mit 1244 m NN (Höhenangaben nach: Altemüller et al. (Konzeption und Bearbeitung) 2003: Alexander-Schulatlas: 25). Die Landschaft der Kammlagen wird durch den Naturpark Erzgebirge/ Vogtland geschützt. Dieser umfasst 1.495 km2 und weist eine Flächennutzung auf, der 9% Siedlungsgebiet, 30% Landwirt­schaftsfläche und 61% Wälder entsprechen (Zweckverband Naturpark "Erzgebirge/ Vogt­land" (Hrsg.) 2012. URL).

Der kontinuierliche Anstieg des Erzgebirges von Nord nach Süd lässt eine regelmäßige Einteilung des Erzgebirges in drei Höhenstufenbereiche zu, die durch oroklimatische Ver­hältnisse determiniert werden (Kaulfuß & Kramer 2000: 73):

-Untere Berglagen bis 500 m NN
-Mittlere Berglagen 500-750 m NN
-Obere Berglagen oberhalb von 750 m NN

Außerdem ist eine Gliederung in West-, Mittel- und Osterzgebirge möglich, wobei die Grenzen je nach Auswahlkriterium unterschiedlich sein können und sich nicht allgemein festlegen lassen.

2.2 Naturräumliche Ausstattung

Geologie und Tektogenese

Während der Variskischen Gebirgsbildung im Karbon war das Gebiet zwischen Leipzig und Fichtelberg, welches nach Wagenbreth & Steiner (1990: 134) vereinfacht als einheit­liche Erdkrustenscholle angesehen werden kann, zu Mulden und Sätteln gefaltet worden. Dabei wurden im Erzgebirgssattel Gesteine aus Ordovizium und Präkambrium gefaltet, gepresst und metamorph umgewandelt (Wagenbreth & Steiner 1990: 134; Ber­ger et al. 2008: 3lf). Nach Berger et al. (2008: 32) erreichten die Drücke bei der Meta­morphose 6-7 kbar und die Temperaturen 400-650 °C. So entstanden Gneise, die Müller 1850 (nach Berger et al. 2008: 31) erstmals in Rotgneise und Graugneise unterteilte, wobei angenommen wird, dass die Rotgneise magmatischen und die Graugneise sedimentären Ursprungs sind. Während der Gebirgsbildung drangen auch magmatische Gesteine wie Granit in das Gebiet ein (Wagenbreth & Steiner 1990: 136). In diesen granitischen Gängen kristallisierten reiche Vorkommen an Erzen aus, welche dem Gebirge schließlich ihren Namen gaben und für viele Jahrhunderte die Wirtschaft von Sachsen prägten. So fanden und finden sich in den Gängen Erze von Zinn, Eisen, Silber, Nickel, Kobalt, Zink, Uran, Blei, Wismut und anderen Metallen (Wagenbreth & Steiner 1990: 136).

Die Variskische Gebirgsbildung konsolidierte im Perm. Bis zur Kreidezeit und zum Tertiär wurde das Gebirge eingeebnet. Im Zuge der alpidischen Gebirgsbildung im Tertiär wurde das Erzgebirge gekippt und im Süden angehoben. Richter (2002: 522) beziffert die Nord­abdachung der Scholle mit 35-40 km und die Südabdachung mit nur 5 km, weshalb das Gebirge als „ideale Pultscholle“ (Richter 2002: 522) betrachtet werden kann. Der Anstieg der Landoberfläche verläuft von 350 m NN am Nordrand auf 900-1.000 m NN in den Kammregionen im Süden (Kaulfuß & Kramer 2000: 73). Der flache Anstieg von Nordwest nach Südost und der starke Steilabfall nach Böhmen sind deutlich ausgeprägt.

Während des Tertiärs kam es im Erzgebirge zu Basaltvulkanismus. Durch Reliefumkehr sind einzelne Basaltberge, wie zum Beispiel der Bärenstein oder der Pöhlberg, als Zeugen von Basaltdecken stehen geblieben (Richter 2002: 524).

Auf Grundlage dieser Vorgänge sind Gneise und Phyllite die Gesteine, die am häufigsten im Erzgebirge anzutreffen sind. Daneben kommen Basalte, Granite und Schiefer vor. Ver­einzelt haben sich Sedimentgesteine erhalten.

Klimatische Verhältnisse

Dem Erzgebirge, das durch die Lage in den Mittelbreiten ein thermisches Jah­reszeitenklima aufweist (Kaulfuß & Kramer 2000: 74), ist eine ausgeprägte klimatische Höhenstufung eigen, die ihren Ausdruck in der Lufttemperatur und im Niederschlagsverhalten findet (Kaul- fuß & Kramer 2000: 79). In der untersten Höhenstufe (500-750 m NN) liegen die Jahresmitteltemperaturen bei 7,0-7,6 °C. Die Niederschlagssummen erreichen 720-850 mm. In mittleren Lagen bis 750 m NN kann die Jahresmitteltempera­tur der Luft auf 5,5 °C absinken und die Niederschlagssumme auf 1.000 mm ansteigen. Die höchsten Lagen des Gebirges weisen Jahresmitteltemperatu­ren zwischen 2,8 °C und 5,5 °C auf. Die Niederschlagssumme kann über 1.000 mm erreichen (Kaulfuß & Kramer 2000: 79f).

Die Änderung der Klimaverhältnisse mit der Höhe wird an den Stationen Chemnitz und Fichtelberg beispielhaft deutlich. Die Station Chemnitz liegt auf 418 m NN, die Station Fichtelberg auf 1.213 mNN. Auf dem Fichtelberg sind die Mittelwerte der Lufttemperatur jeden Monat geringer als in Chemnitz. Der Unterschied zwischen Maximal- und Minimaltemperatur ist bei beiden Stationen annähernd gleich (Tabelle 2.1). Dabei sind auf dem Fich­telberg jeden Monat höhere Nieder­schlagssummen zu beobachten (Tabelle 2.2).

Tabelle 2.1: Monats- und Jahresmittel der durch­schnittlichen Lufttemperatur in den Stationen Chemnitz und Fichtelberg in °C

Bezugszeitraum 1951-1980 Stationsdaten:

Chemnitz: 50°48'n.B., 10°37'ö.L., 418 mNN Fichtelberg: 50° 26' n.B., 12° 57' Ö.L., 1213 mNN Datenquelle: Hendl 2002: 74f

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.2: Summe der Monats- und Jahresnie­derschläge in den Stationen Chemnitz und Fich­telberg in mm

Bezugszeitraum 1951-1980 Stationsdaten:

Chemnitz: 50°48'n.B., 10° 37' ö.L., 418 mNN Fichtelberg: 50° 26' n.B., 12° 57' ö.L., 1213 mNN Datenquelle: Hendl 2002: 82f

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit der Lage zwischen 50° n.B. und 51° n.B. ist das Erzgebirge den klimatischen Strö­mungen der Westwindzone ausgesetzt. So liegt zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass die Windrichtung an der Station Fichtelberg den Gruppen Südwest, West oder Nordwest zugeordnet werden kann, bei 59% (Kaulfuß &Kramer 2000: 75). Im Erzgebirge sind die Niederschlagsereignisse damit vorwiegend an Zyklonendurchgänge gebunden. Durch die lang gestreckte Form von Südwest nach Nordost nimmt der ozeanische Charakter des Klimas von West nach Ost ab und der kontinentale Einfluss zu. Aus diesem Grund sind die Niederschläge im Erzgebirge nicht gleichmäßig verteilt, sondern nehmen von West nach Ost ab (Abbildung 2.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Jahresniederschlagssummen in Sachsen 1995-2005 in mm

Bearbeitung: TU Dresden, Professur Meteorologie

Ausgangsdaten: Deutscher Wetterdienst; Grundlage: Digitales Höhenmodell 500 m; Bearbeitungs­stand: 03/2008

Quelle: Technische Universität Dresden, Institut für Hydrologie und Meteorologie 2012. URL

Im gesamten Erzgebirge ist im Sommer ein Niederschlagsmaximum zu verzeichnen, wie auch bei den Stationen Chemnitz und Fichtelberg deutlich wird (Tabelle 2.2). Büttner (o.D.: 2) interpretiert dies als Hinweis auf kontinentale Verhältnisse und bezeichnet das Erzgebirge „aus hygrischer Sicht“ (Büttner o.D.: 2) als eine „Enklave im weitgehend maritim geprägten Mitteleuropa“ (Büttner o.D.: 2).

Aufgrund des Anstauens und Aufsteigens von Luftmassen sind Steigungsregen und Föhnwetterlagen im Erzgebirge häufige Phänomene (Kaulfuß & Kramer 2000: 81).

Relief und Gewässer

Die flache Abdachung des Gebirges nach Norden hat dazu geführt, dass die meisten Flüsse dieser Richtung folgen und weitgehend parallel zueinander verlaufen. Dies trifft vor allem auf die Gewässer des Osterzgebirges zu. Im Mittel- und Westerzgebirge sind tektonische Störungen dafür verantwortlich, dass viele Flüsse westlich der Flöha „spitzwinklig (Zschopau) oder voll subsequent, senkrecht zur Abdachung (Zwickauer Mulde, Zwönitz, Würschnitz, oberes Schwarzwasser)“ (Richter 2002: 523) verlaufen. Nach Richter (2002: 523) haben einige Hochflächen im Westerzgebirge dadurch radiale Entwässerungssysteme entwickelt. Im Osterzgebirge hingegen werden die Hochflächen selten durchschnitten und verlaufen häufig ungestört vom Kamm bis zum Gebirgsrand. Hinzu kommen die höheren Niederschlagssummen im Westerzgebirge, die zu erhöhtem Erosionspotenzial der Gewäs­ser und höheren Reliefenergien geführt haben. Die Täler sind damit oftmals tiefer ausge­schnitten und steiler. Unterhalb der Hochflächen finden sich in den Tälern Flussterrassen. So können nach Richter (2002: 525) beispielsweise im Zschopautal drei Terrassen identi­fiziert werden, wobei die Hochterrasse einen Talboden mit drei Kilometer Breite hat und sich die unterste Terrasse auf einen Kilometer verengt.

Die Abflussmengen der Flüsse schwanken im Erzgebirge sehr stark. Trotz hoher Nieder­schlagswerte, gerade im Sommer, sind die Grundwasserspeicher aufgrund kristalliner Gesteine mit geringer Kapazität ausgestattet. Die Abflüsse reagieren nach einem Nieder­schlagsereignis deshalb intensiv und zeitnah zum Ereignis. Ebenso rasch nimmt die Abflussspende jedoch auch wieder ab, da die Grundwasserspeicher schnell erschöpft sind (Rother 1997: 50).

Rother (1997: 50) macht diese Zusammenhänge mithilfe der Extremstände deutlich. So betragen in langen Beobachtungszeiträumen die Verhältnisse zwischen höchsten und niedrigsten Abflüssen in Fließgewässem ostdeutscher Mittelgebirge 40: 1 bis 70: 1. In Gewässern des Tieflandes postuliert Rother (1997: 50) Werte von 5: 1 bis 10: 1. Die Werte von zwei ausgewählten Pegeln belegen diese Angaben im Erzgebirge (Tabelle 2.3).

Tabelle 2.3: Abflüsse der Pegel Pockau 1 an der Flöha und Rothenthal an der Natzschung 2009

Datenquellen: Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie 2012a. URL; Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie 2012b. URL

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Böden und Vegetation

Die Nordausläufer des Erzgebirges ziehen sich teilweise bis in den mitteldeutschen Löss­gürtel hinein, sodass in diesen Gebieten fruchtbare Parabraunerden mit hohem Lössanteil Vorkommen können. Zum Kamm hin nimmt der Lössanteil jedoch ab (Schmidt 2002: 79f). Nach Schmidt (2002: 281) ist es für die Betrachtung von Böden in deutschen Mittelgebir­gen notwendig, eine Unterscheidung in Schichtstufenlandschaften, Rumpfflächenland­schaften und Vulkanlandschaften vorzunehmen. Das Erzgebirge lässt sich, bedingt durch die Tektogenese, den Rumpfflächenlandschaften zuordnen. In diesen haben sich großflä­chig Braunerdetypen entwickelt. Schmidt (2002: 283f) unterscheidet diese in zwei Gesell­schaften:

-Zum einen liegen hauptsächlich in den unteren Lagen Braunerde-Pseudogley-Gesell- schaften mit Lösseinlagerungen vor. Auf den Resten tertiärer oder älterer Verwitterungsdecken, die Staunässe aufweisen, kann der Pseudogley jedoch auch auf Hochflächen Vorkommen, wo sich unter dafür günstigen Bedingungen sogar Hoch­moore entwickeln können. Diese können in den Kammlagen des Erzgebirges häufiger angetroffen werden.

-Zum anderen werden Braunerde-Podsol-Gesellschaften genannt. Diese sind häufig in höheren Lagen auf grobschuttreichen Decken zu finden. Die Podsolierung wird im Erzgebirge durch das feucht-kühle Klima und Nadelwäldern, teils künstlich aufge­forstet, begünstigt.

Zu vergleichbaren Aussagen kommen Kaulfuß & Kramer (2000: 87).

Die Böden im Erzgebirge können nicht immer den oben genannten Gesellschaften zuge­ordnet werden. Große Heterogenität der Ausgangssubstrate und unterschiedliche Nieder­schlagsverhältnisse können zu stark differenzierten Bodenabfolgen fuhren. Hinzu kommt, dass durch den Jahrhunderte langen Bergbau die Landschaft nachhaltig verändert wurde. Viele Böden sind abgetragen oder durch Halden versiegelt worden, auf denen, abhängig vom Substrat und anderen Bedingungen, neue Bodenbildungsprozesse einsetzten.

Als natürliche Vegationsgesellschaft nennt Rother (1997: 53) für die niedriger gelegenen Lagen einen Bergmischwald aus Buchen, Tannen und Fichten und in den höheren Kamm­lagen eine Fichtenstufe. Die Forstwirtschaft der letzten Jahrhunderte hat diesen „urtümli­chen Bergmischwald weithin durch Fichten-Reinbestände ersetzt“ (Rother 1997: 54). Durch übermäßige Rodung und den Einfluss von saurem Regen sind viele Gebiete, vor allem in den Kammlagen, völlig entwaldet worden. Erst in den letzten Jahrzehnten konnten neue Bestände angesiedelt werden.

2.3 Bevölkerungs- und Wirtschaftsstrukturen

Besiedlung Sachsens und des Erzgebirges im 12. und 13. Jahrhundert Für die Besiedlung des Erzgebirges, und damit auch für die Gründung von Seiffen, war die deutsche Ostbewegung im 12. und 13. Jahrhundert ausschlaggebend. Diese wurde durch eine dynamische Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens in West- und Mitteleuropa ausgelöst, die sich durch starke Bevölkerungszunahme und „qualitative Veränderungen in Gesellschaft, Herrschaft und Kirche bemerkbar machte“ (Blaschke 2000: 11). Dies führte unter anderem zur Besiedlung des heutigen Sachsens durch deutsche Bauern aus Flandern, Thüringen, Niedersachsen und Franken (Blaschke 2000: 11 ff). Nach Angaben von Blaschke (2000: 11) kamen auf 40.000 in Sachsen siedelnde Slawen 200.000 Siedler aus westlich gelegenen deutschen Stammländem. Zu den neu besiedelten Bereichen gehörte auch der bis dahin unerschlossene und unbewohnte Wald, der das Erzgebirge bedeckte und den Namen Miriquidi trug, was mit Dunkelwald übersetzt werden kann (Kowalke 2000a: 104). Wichtige Zugänge in das Erzgebirge waren die Flusstäler, die von Nord nach Süd kolonisiert wurden. Von der Obrigkeit eingesetzte Locatoren legten nach Erkundungen Plätze für Siedlungen fest, die dann gerodet und bevölkert wurden (Kowalke 2000a: 104). Dabei entstanden Dörfer mit planmäßigem Grundriss. Im Erzge­birge sind aus dieser Zeit die charakteristischen Waldhufendörfer erhalten geblieben, die an das Gelände angepasste Reihendörfer darstellen (Kowalke 2000a: 104ff). Trotz häufig ungünstiger Bedingungen war in den ersten Jahren Landwirtschaft vorrangig.

Die Kolonisten brachten in die neu besiedelten Gebiete höher entwickelte Arbeitsmethoden und verbesserte Wirtschaftsproduktivität mit. Dadurch wurden Überschüsse erwirtschaftet, die auf Märkten verkauft werden konnten. Die Beziehung zwischen Ware und Geld verur­sachte eine erhöhte und ausdifferenzierte Arbeitsteilung und die Entstehung von Hand­werksberufen (Blaschke 2000: 11). Aus dieser Entwicklung heraus resultierte die Entstehung von Städten. Dieser Hergang war auch im Erzgebirge zu beobachten. Militärische Stützpunkte, Burgen und Vorwerke, die im Gebirge an den wenigen Han­delswegen zum Schutz errichtet worden waren, übten eine anziehende Wirkung auf Siedler aus und generierten dadurch ebenfalls die Entstehung von Städten. Beispiel hierfür ist die Stadt Frauenstein (Müller o.D. URL).

Im Jahr 1168 wurde in Christiansdorf an der Freiberger Mulde, ein Dorf, aus dem sich später die Stadt Freiberg entwickelte und das auf Geheiß des Markgrafen Otto von Meißen gegründet worden war, Silbererz gefunden, was zum explosionsartigen Ausbau und Auf­blühen des Erzbergbaus im Erzgebirge und damit zu weiteren Siedlungsgründungen führte (Wagenbreth & Wächtler 1990: 22). Der Bergbau verschaffte dem Markgrafen erhöhte Einkünfte und stärkte die Wirtschaft maßgeblich. Die Stadt Freiberg, die das erste Berg­recht erstellte, wurde zu einem Zentrum der Handelsbeziehungen und des Münzwesens in Mitteleuropa (Blaschke 2000: 13). Zur Landwirtschaft und zum städtisch-bürgerlichen Gewerbe kam neben Silbererzen auch durch Kupfer-, Eisen-, Blei- und Zinnerze die Bergwirtschaft als „dritte tragende Säule“ (Blaschke 2000: 13) hinzu. Bald wurde der Bergbau zur dominanten Wirtschaftsbranche, was auch durch das Freiberger Bergrecht gefordert wurde. Dieses beinhaltete zum Beispiel, dass die Bauern gezwungen waren, , jedem Bergbauwilligen das Schürfen auf seinem Acker zu gestatten“ (Blaschke 2000: 13).

Bevölkerungsrückgang im 14. Jahrhundert und Bürgerliche Bewegung vom 15. Jahrhundert bis zum 17. Jahrhundert Das 14. Jahrhundert war von ungünstigen Witterungsverhältnissen geprägt. Kälteperioden und Starkniederschläge in ungewöhnlichen Ausmaßen führten zu Emteausfällen. Folgen waren Hungersnöte. Hinzu kamen Krankheiten, wie die Ruhr und Pestpandemien (Borketal. 1998: 165f). Die Ereignisse führten zu erhöhter Sterblichkeit. Nach Bork et al. (1998: 165) verlor in Europa und Deutschland ein Drittel der Bevölkerung ihr Leben. Ortschaften fielen wüst und landwirtschaftliche Nutzfläche wurde brach gelegt. Immer wieder wird von den Autoren besonders die missliche Lage in höheren Regionen, also in den deutschen Mittelgebirgen betont (Bork et al. 1998: 165ff). Die Vorfälle werden an Sachsen und im Erzgebirge nicht spurlos vorbei gezogen sein. Auch im sächsischen Raum und vor allem in Mittelgebirgsregionen mit ungünstigen landwirtschaftlichen Vor­aussetzungen stagnierte die Bevölkerungszahl bzw. ging in weiten Landesteilen zurück.

Nach dieser Stagnation folgte im 15. Jahrhundert ein gesellschaftlicher Aufschwung, der durch Bevölkerungszunahme gekennzeichnet war (Blaschke 2000: 14).

Die dynamische Entwicklung im 15. Jahrhundert im Erzgebirge wurde durch einen Sil­bererzfund in der Nähe der heutigen Stadt Schneeberg im Jahr 1470 eingeleitet. Der Sil­berbergbau blühte auf. Städte wie Marienberg oder Annaberg entstanden. Die Städtedichte nahm zu. Der Bedarf an Arbeitskräften generierte eine Bevölkerungszunahme. Die Berg­bautechnik entwickelte sich rasant weiter, es entstanden Pferdegöpel, Nasspochwerke, Pumpwerke, Kehrräder und Hochöfen. Ein weitläufiges Kunstwassemetz wurde aufgebaut. Negative Folgen waren erste Schäden des Waldes durch massiven Holzeinschlag und erste Rauchschäden in Hüttennähe (Blaschke 2000: 14). Der Silberbergbau im Erzgebirge ver- half Sachsen zu Reichtum. Die Wirtschaft erhielt starke Impulse. Die Einkünfte des Landesherren wurde 1537 zu 72% von erzgebirgischem Silber gedeckt. Die Förderung des Silbererzes erreichte in diesem Jahr mit 34.000 kg ihren Höhepunkt im Westerzgebirge (Blaschke 2000: 14). Die Bergwirtschaft entwickelte sich zu einer frühen Form des Kapi­talismus, bei dem kapitalkräftige Eigner der Gruben Lohnarbeiter als Häuer anstellten (Blaschke 2000: 14).

Die Bevölkerungszunahme und die wirtschaftliche Expansion führten zu einem Erstarken der Städte. Dabei kam es zu einer zunehmenden Arbeitsteilung und Bedeutung für das Umland als Zulieferer gewerblicher Produkte (Blaschke 2000: 15). Die Städte wuchsen aufgrund begrenzender Stadtmauern in die Höhe. Auf die Häuser wurden mehrere Stock­werke aufgesetzt. Es wurde üblich, dass gut gestellte Bürgerfamilien andere Familien als Mieter aufiiahmen, womit „der mittelalterliche Grundsatz 'Ein Haus - eine Familie'“ (Blaschke 2000: 15) dahin schwand. Das Bürgertum gewann in den Städten immer mehr an Geltung. Der Adel konnte in seiner endgültigen Verwaltungsfunktion jedoch noch nicht abgelöst werden. Dennoch spricht Blaschke (2000: 16) von „frühbürgerliche [r] Bewegung“. Diese wurde durch eine „geistige und religiöse“ (Blaschke 2000: 16) Bewe­gung verstärkt, welche von der Reformation ausgelöst worden war.

Krise des 17. Jahrhunderts und Industrialisierung vom 18. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts Die bürgerliche Bewegung flaute Mitte des 17. Jahrhunderts ab (Blaschke 2000: 16). Ein „Tiefstand aller Lebensverhältnisse“ (Blaschke 2000: 16) wurde in Sachsen mit dem Dreißigjährigen Krieg erreicht. Impulse erhielt das Erzgebirge in dieser Zeit durch den Zuzug von 150.000 Exulanten, die aus Böhmen vertrieben worden waren. Die Ansiedlung dieser Flüchtlinge führte zur Gründung weiterer Ortschaften und Entstehung beziehungs­weise zum Ausbau von Gewerken (Kowalke 2000a: 11 Iff). Dazu gehörte beispielsweise der Instrumentenbau.

Ende des 17. Jahrhunderts war das Erzgebirge durch ungünstige Witterungsverhältnisse von Emteausfällen, starker Teuerung, Armut und extremer Hungersnot geprägt. Hinzu kam der Siebenjährige Krieg, sodass die Bevölkerungszahl stagnierte beziehungsweise in einigen Regionen des Erzgebirges sank (Bork et al. 1998: 257f; Sewart 1994). Ein Auf­schwung konnte erst mit der Industrialisierung umgesetzt werden. Die vorhandenen Ver­arbeitungsstrukturen in den Städten des Erzgebirges begünstigten diese. Zum Aufschwung beigetragen hat auch die Gründung der ersten Bergakademie für Montanwissenschaften in Freiberg, die durch Bildung und Wissenschaft qualifizierte Arbeiter und Förderungstechniken hervorbrachte, die Bergbau und Industrialisierung verbanden (Blaschke 2000: 17; Zemmrich 1991: 11 Of). Folgende Faktoren bedingten laut Blaschke (2000: 17ff) den schnellen Einzug der Industrialisierung im Erzgebirge:

-Die Industrialisierung konnte an traditionsreiche, vorindustrielle Gewerbegebiete anknüpfen.
-Die aus England eingeführten Spinnmaschinen stießen im Erzgebirge und im Erzge­birgsvorland auf Regionen, in denen Textilgewerbe schon angesiedelt war, zum Bei­spiel in Zwickau. An diesen Standorten fanden die neuen Maschinen in ihrer ursprünglichen Form rasche Aufnahme und Weiterentwicklung.
-Außerdem verfügte das Erzgebirge über viele Flüsse mit ausreichend Gefälle, um Fabriken mit Wasserkraft anzutreiben. Dieser Vorteil war bis mindestens 1830, als die Dampfmaschine in Sachsen eingeführt wurde, von großer Bedeutung. Die Wasserkraft konnte auch deshalb effektiv genutzt werden, weil durch die Bergwirtschaft weitrei­chende Wasserwirtschaftssysteme entstanden waren.
-Erfahrung mit Textilmaschinen und mit Metallverarbeitung aus Erzen ebneten den Weg für den Maschinenbau, welcher sich vor allem in Chemnitz etablierte. Dieser Schwerpunkt entwickelte sich im Raum Zwickau-Chemnitz-Zschopau zur Kraftfahr­zeugindustrie weiter. Im Jahr 1826 wurde die erste Maschinenfabrik in Betrieb genommen.
-Der Holzreichtum des Erzgebirges diente der Erzeugung von Holzkohle, die für Dampfmaschinen genutzt werden konnte, und der Lieferung von Rohstoffen für die Papierherstellung. So konnten sich zusätzlich Maschinen der Papierindustrie etablieren.

Durch verstärkte Förderung von Erzen im Ausland und fallende Preise von Metallen war der Bergbau im Erzgebirge bald nicht mehr ohne Zubuße rentabel. Nach und nach wurden deshalb die Gruben aufgegeben. Der Silberbergbau kam 1913 zum Erliegen (Zemm- rich 1991: 111). Erhalten blieben einige Steinbrüche auf Festge­stein.

In allen Phasen der Geschichte des Erzgebirges entwickelten sich in Krisenzeiten bestimmter Gewerbe traditionsreiche Pro­duktionszweige des Handwerks als Nebenerwerb. Dazu gehören beispielsweise Klöppeln, Nagel- schmiederei, Posamentenferti­gung, Instrumentenbau, Spielzeugherstellung oder Schnitzen (Kowalke 2000a: 107).

Die Bevölkerungszahlen nahmen während der Industrialisierung im Erzgebirge zu. Die Tendenz zieht sich bis ins 20. Jahrhundert hinein. Stellvertretend dafür ist in Abbildung 2.2 die Entwick­lung der Einwohnerzahl von Chemnitz dargestellt. Damit einher ging eine Erhöhung der Bevölkerungs- und Siedlungsdichte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Bergmänner, Glasmacher und Drechsler – Historische und aktuelle Wirtschaftsstrukturen in Seiffen: Mit einem geographischen Überblick über das Erzgebirge
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
68
Katalognummer
V199709
ISBN (eBook)
9783656275862
ISBN (Buch)
9783656276265
Dateigröße
18855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzgebirge, Seiffen (Erzgeb.), Bergbau, Drechseln, Glashütten
Arbeit zitieren
Carsten Bittmann (Autor), 2012, Bergmänner, Glasmacher und Drechsler – Historische und aktuelle Wirtschaftsstrukturen in Seiffen: Mit einem geographischen Überblick über das Erzgebirge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199709

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