Vornamen und Vorurteile - Wie Namen unser Leben beeinflussen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einflussfaktoren der Namensgebung

3. Auswirkungen der Namensgebung
3.1. Diskriminierung im Schulsystem
3.2. Diskriminierung im Berufsleben
3.3. Diskriminierung im Privatleben

4. Präventionsmaßnahmen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abstract

This paper studies the correlation between forenames and prejudices in many of its values. First, there is a general summary of some relevant theory approaches as well as a short basic explanation on why names play such an important role in our social community. The main part of this paper examines the existence of name discrimination in the areas of school, work and private life on the basis of various surveys. The common result of all mentioned studies is the correlation of negative associations towards particular first names, which can be interpreted as a cause of an indirect linkage between names and certain social attributes. There are several ways to prevent this kind of discrimination, which are also discussed in this thesis. Finally, the conclusion contains an outlook and miscellaneous rec- ommendations for further studies

1. Einleitung

Seit mehr als 40 Jahren zählt Kinder-Schokolade, ein bekanntes Süßwarenprodukt der ita- lienischen Firma Ferrero, zu den populärsten Konsumgütern der deutschen Bevölkerung. 1973 wurde der damals zehnjährige Günter Euringer als Werbefigur für das beliebte Pro- dukt auserkoren und zierte über Jahrzehnte hinweg dessen Verpackung. Nachdem Eurin- gers Frisur aus modischen Gründen in unregelmäßigen Abständen durch diverse Retuschen abgeändert wurde, entschloss man sich 2005 zu einer drastischeren Generalüberholung des Markenauftritts in Form eines neuen Werbeträgers. Günter Euringers zeitloses Antlitz wurde durch ein frisches, moderner wirkendes Kindergesicht ersetzt. Mit Haargel und orangefarbenem Polohemd versuchte Ferrero, die heutige Jugend vom Kauf ihres Produk- tes zu überzeugen. Der Großkonzern hatte seine Rechnung jedoch ohne Euringers treue Fangemeinde gemacht, welche kurzerhand eine Petition gegen den neuen Jungen startete. Auf einer eigens dafür eingerichteten Website fanden sich sofort viele Anhänger der alten Verpackung zum gemeinsamen Widerstand gegen Ferreros Imagewandel.

Für das neue Feindbild wurde schnell ein Name gefunden: „Kevin“, so erklärt der Seitenbetreiber, sehe aus, als ob er in Anlehnung an den Zeitgeist von seinen Eltern mit eben diesem Namen bestraft worden sei. Und auch wenn der Anführer der Petition nicht wisse, ob das Kind tatsächlich Kevin heißt, ist er der Meinung, dass es aufgrund seines neumodischen Auftretens diesen Namen definitiv verdient hätte (vgl. Tzschucke 2005). Doch warum eilt dem Namen Kevin ein derart negativ behafteter Ruf voraus?

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche gesellschaftliche Relevanz der ei- gene Name in unserem Leben tatsächlich besitzt. Im ersten Schritt werden zunächst die Einflussfaktoren der Namensgebung genauer betrachtet, um zu verdeutlichen, welchen Entscheidungsspielraum den Eltern bei der Benennung ihres Nachwuchses wirklich zuge- standen wird. Anschließend sollen verschiedene Dimensionen der Auswirkung von Namen in Verbindung mit Vorurteilen beleuchtet werden. Berücksichtigung finden hierbei ver- schiedene Bereiche des Alltags. Anhand diverser Studien soll gezeigt werden, welch wich- tige Rolle der eigene Name im Laufe des Lebens, sei es in schulischen, beruflichen oder privaten Kontext, tatsächlich spielt. Abschließend sollen mögliche Lösungsansätze zur Vermeidung namensbedingter Diskriminierung und ein Ausblick auf zukünftige For- schungsansätze diskutiert werden.

2. Einflussfaktoren der Namensgebung

Im ersten Moment möchte man meinen, dass einem Individuum selten soviel Freiheit zu- gestanden wird, wie bei der Wahl des Vornamens für den eigenen Nachwuchs. Doch weit gefehlt: Bei vielen Optionen des Lebens, beispielsweise der Berufs- oder Partnerwahl, er- fährt der Mensch eine unsichtbare Begrenzung seines Entscheidungsspielraums. So wurde soziologisch bereits des Öfteren nachgewiesen, dass zukünftige Partner mehrheitlich aus der eigenen Sozialschicht genommen werden. Dementsprechend heiraten Frauen häufiger in die höhere Sozialschicht und nur in Ausnahmefällen in die niedrigere hinein. Auch die Wahl des Berufs ist primär abhängig vom eigenen Schulabschluss, welcher wiederrum durch den eigenen sozialen Hintergrund bedingt ist (vgl. Kaiser 2010: 26). Wohingegen beim erst genannten Beispiel sicher ein evolutionsbedingter Kontext berücksichtigt werden muss, lässt sich bei letztgenanntem Aspekt ein direkter Einfluss beider Faktoren nicht ver- leugnen. So haben etliche Studien längst bewiesen, dass Kinder aus Akademikerfamilien ungleich mehr Chancen auf eine Studienberechtigung haben als Nachwuchs aus sozial schwächeren Kreisen, in denen bislang noch niemand aus vorangegangenen Generationen studiert hat.

Wie in den eben genannten Beispielen ist auch die Wahl des Vornamens für das eigene Kind von bestimmten Faktoren abhängig. Obwohl es so scheint, dass Eltern bei der Na- mensgebung einzig und allein von individuellen Gesichtspunkten beeinflusst werden, so folgen sie in Wahrheit oftmals einem latent vorherrschenden Trend. Sichtbar wird dies durch sich im Laufe der Jahre verändernde Standesamtsstatistiken, welche bestimmte Na- menshäufigkeiten erfassen und dementsprechend Modeerscheinungen widerspiegeln kön- nen. Wo vor über 100 Jahren noch Vornamen wie Karl, Anna, Wilhelm und Frieda an der Spitze der Beliebtheitsskala standen, gelten heutzutage Namen wie Lukas, Hannah, Finn und Emma als besonders populär. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass man anhand der modebedingten Vornamen die jeweiligen Altersgruppen von Menschen relativ präzise erkennen kann (vgl. Rudolph u.a. 2007: 21). Bei Familien mit Migrationshinter- grund können derartige Statistiken sogar zum Ablesen der kulturellen Integration dienen (vgl. Gerhards / Hans 2008: 465).

Dass sich die meisten Menschen viele Gedanken über die Benennung ihres Sprösslings machen, zeigt nicht zuletzt der blühende Markt an Ratgebern und Lexika zur Thematik der Namensgebung. In der Forschung ist man sich jedoch einig, dass man nicht nur zeitlich bedingte Geschmacksveränderungen zur Herausbildung bestimmter Vornamensvorlieben verantwortlich machen kann. So sind Thomas Brechenmacher und Michael Wolffsohn der Ansicht, dass jedes Elternpaar in seiner Zeit stehe und sich nie vollkommen unabhängig und frei von Werten, Strömungen, Tendenzen und Bezügen auf die Um- und Mitwelt be- wegen kann (vgl. Wolffsohn / Brechenmacher 1999: 313). Rolf Hackenbroch ist gar der Meinung, dass die Namensgebung generelle kulturelle Entwicklungen widerspiegelt. Er stellt die These auf, dass sich „im Mikrophänomen der Vergabe von Vornamen Makrokul- turentwicklungen spiegeln“ (Gerhards / Hackenbroch 1997: 411). Jürgen Gerhards führt fort, dass die Namensvergabe auch innerhalb einer Gesellschaft differenziert ist. Vor Al- lem in verschiedenen Sozialschichten seien unterschiedliche Muster deutlich zu erkennen (vgl. Gerhards 2003: 103).

Derartige Trends laufen laut Georg Simmel nach einem bestimmten Schema ab. So werden Namen zunächst in den oberen Schichten populär, ehe sie nach einigen Jahren letztendlich in der Unterschicht ankommen. Simmel betitelt dieses Phänomen als „trickle-down- Effekt“1. Er sieht die Ursache für gewisse Trendverbreitungen bei hierarchisch gegliederten Gesellschaften in vorherrschenden Distinktions- und Imitationsprozessen begründet, welche sich insbesondere durch die Bedürfnisse nach Sicherheit und Orientierung sowie Individualität und Besonderheit auszeichnen (vgl. Simmel 1919: 25ff).

Es lässt sich an dieser Stelle also festhalten, dass man aufgrund gesellschaftlicher Normen weit weniger Entscheidungsspielraum bei der Benennung des eigenen Nachwuchses hat als im ersten Moment anzunehmen ist. So spielen nicht nur subjektive Präferenzen bei der Vergabe von Namen eine wichtige Rolle, auch Schichtzugehörigkeit, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Erwartungshaltungen beeinflussen die Entscheidung maßgeblich. Man könnte daher die These aufstellen, dass das eigene Leben sich im Vornamen des Nachwuchses widerspiegelt, und nicht der Name des Kindes dessen späteres Schicksal determinieren wird.

3. Auswirkungen der Namensgebung

Aufgrund der Tatsache, dass der eigene Name viel stärker in unserem sozialen Gefüge ge- wichtet wird, als man zunächst annehmen mag, wundert es kaum, dass sich die Auswir- kungen der Namensgebung durch alle Bereiche des Lebens ziehen. So finden bereits im Kindesalter namensbedingte Diskriminierungsprozesse statt, welche sich vor Allem bei der subjektiven Leistungsbeurteilung von Schülerinnen und Schüler bemerkbar machen. Doch auch im weiteren Verlauf des Lebens kann man sich derart willkürlichen Bewertungsver- fahren nicht entziehen. Diverse Untersuchungen im Bezug auf Job-Einstellungschancen beweisen, dass trotz gleicher Qualifikationen eine Bevorzugung aufgrund des Namens und der damit verbundenen Ethnologie oder Schichtzugehörig an der Tagesordnung sind. Zu guter Letzt bleibt man auch im Privatleben nicht von gewissen namensbedingten Vorurtei- len verschont, da sich im Laufe der Zeit oftmals weniger charmante Attribute im Bezug auf bestimmte Vornamen in den Köpfen der Gesellschaft manifestiert haben.

3.1. Diskriminierung im Schulsystem

Bereits im Grundschulalter wird deutlich, welch drastischen Einfluss Vornamen auf die subjektive Beurteilung des Leistungsvermögens von Schülerinnen und Schülern haben. Ergebnisse einer Studie der Arbeitsstelle für Kinderforschung der Universität Oldenburg unter der Leitung von Astrid Kaiser (2010) bestätigen diese Annahme. Mit Hilfe eines On- line-Fragebogens, welchen Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Deutschland beantworten konnten, sollte der Grad an Ablehnung gegenüber bestimmten Vornamen gemessen wer- den. Insgesamt füllten 2000 Personen den Bogen aus, zusätzlich wurden 25% aller Teil- nehmer in eine anschließende qualitative Untersuchung mit aufgenommen.

Schon bei der Frage, welche Vornamen eine Assoziation zum Adjektiv „verhaltensauffäl- lig“ hervorrufen, nannten die befragten Lehrkräfte ohne vorherige Auswahlmöglichkeiten die Namen Kevin (54,4%) und Justin (21,0%). Diese Tatsache demonstriert eindrucksvoll, wie sehr bestimmte Namen mit negativ behafteten Attributen verknüpft werden können. Bei weiteren Items des Forschungsprojekts wurde deutlich, dass trotz des Mangels an per- sönlichem Bezug zu den jeweiligen Schülerinnen und Schülern sehr schnell bestimmte Einschätzung hinsichtlich Leistungsstärke, Verhaltensauffälligkeit und Höflichkeit zu den vom Forscherteam vorgegebenen Namen gemacht wurden. So glaubten über 84% der teil- nehmenden Lehrkräfte, dass mit dem Vornamen Kevin auch Leistungsschwäche verbun- den sei, wohingegen 75% der Befragten beim Namen Simon eine Leistungsstärke vermutet hätten. Auch bei den anderen abgefragten Items gab es klare Tendenzen, welche entweder einheitlich positiv oder negativ ausfielen.

Die Studie zeigt auf, dass Kinder mit Vornamen wie Hannah, Jakob und Sophie als beson- ders leistungsstark gelten. Statistiken zeigen, dass diese Namen bevorzugt von Familien aus der Mittelschicht vergeben werden. Als Leistungsschwach gelten hingehen Kinder mit den Namen Mandy, Kevin und Justin, allesamt mit Vornamen aus der Unterschicht ausge- stattet.

Es stellt sich nun die Frage, ob derartige theoretische Assoziationen auch reale Konse- quenzen im Verhalten der Lehrkräfte mit sich bringen. Untersuchungen von Rudolf Weiss (1965; 1966) haben experimentell bewiesen, dass subjektive Vorannahmen definitiv Ein- fluss auf die Benotung der Schülerinnen und Schüler haben. So sollten Lehrkräfte diesel- ben Aufsätze korrigieren, nachdem sie vom Forscherteam unterschiedliche Vorinformatio- nen zu den einzelnen Schülern erhalten haben. Das Resultat dieser Untersuchung war, dass je nach dem Informationsstand der Lehrerinnen und Lehrer die Benotung trotz der qualita- tiv gleichwertigen Aufsätze unterschiedlich ausfiel. Hierbei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass der Lehrkraft bei Aufsätzen im Gegensatz zu geschlossenen Fragen ein enormer Spielraum an subjektiver Leistungsbewertung zugestanden wird, was die Ergeb- nisse der Studie verzerrt und die Aussagekraft der Resultate deutlich abschwächen lässt.

In der Arbeitsstelle für Kinderforschung wurde letztendlich eine weitere Studie zum The- ma Vornamen und Notengebung unter der Leitung von Astrid Kaiser (2010) durchgeführt, welche anhand diverser Modifikationen die Signifikanz der ersten Untersuchung verbes- sern sollte. In über 200 Fragebögen, welche erneut über das Internet verbreitet wurden, haben Lehrerinnen und Lehrer schriftliche Arbeiten von Kindern bewertet. Dieselben Auf- gabenlösungen wurden teilweise mit positiv behafteten Vornamen und teilweise mit nega- tiv behafteten Vornamen beschriftet. Primäre Erkenntnis aus den Ergebnissen der zweiten Untersuchung war die Tatsache, dass derartige Tests scheinbar nicht objektiv zu bewerten sind, da bei derselben Aufgabe auf einer Punkteskala von 1 bis 10 nahezu jede Bewer- tungsmöglichkeit mindestens einmal ausgewählt wurde.

[...]


1 to trickle down = heruntertröpfeln.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vornamen und Vorurteile - Wie Namen unser Leben beeinflussen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Diskriminierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V199993
ISBN (eBook)
9783656262831
ISBN (Buch)
9783656263197
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
namen, vorname, vornamen, diskriminierung, vorurteil, vorurteile, kevinismus, schwarze, weiße, rassismus, schichtzugehörigkeit, rassenfrage, rasse, unterschicht, mittelschicht, oberschicht
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2011, Vornamen und Vorurteile - Wie Namen unser Leben beeinflussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199993

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