Die Amerikanisierungsthese im innerpolitischen Vergleich

Eine qualitative Analyse der Online-Präsenzen bundesdeutscher Parteivorsitzender


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Amerikanisierungsthese

3. Empirischer Vergleich
3.1. Personalisierung
3.2. Mediatisierung
3.3. Professionalisierung
3.4. Negative Campaigning

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abstract

This paper examines the official websites of five German party leaders and compares their differences and similarities in consideration of the Americanization thesis. At first, a quick overview about several definitions of this term is given. It shows that many specifications overlap and a definite depiction can’t be given. The next step is to conduct four predetermined criteria in terms of a qualitative empirical analysis. Results show that the stage of “Americanization” is well advanced, due to the fact that a lot of characteristics already apply to German policy. Finally, a discussion of the usefulness of the whole progress takes place. In this cohesion, advantages and disadvantages are pointed out. It becomes obvious that americanized election campaigns can be helpful to reach new voters, but it can also happen that insignificant private incidents destroy the whole political career

"Die ‚Amerikanisierung‘ der politischen Kommunikation ist nicht wie Möllemann vom Himmel gefallen. Sie begleitet uns schon länger"

- Süddeutsche Zeitung vom 20. Mai

1. Einleitung

Als Gerhard Schröder 1998 im Rahmen eines perfekt durchgeplanten SPD-Parteitages zum sozialdemokratischen Spitzenkandidaten und Herausforderer des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl gekürt wurde, war sich die Presse einig, dass es sich bei dem Event in Leipzig weniger um eine politische Veranstaltung, sondern vielmehr um eine gigantische medien- wirksame Inszenierung gehandelt hat. So kommentierte die Süddeutsche Zeitung noch am selben Tag: „Der Leipziger SPD-Parteitag war kein Parteitag, sondern eine Show, ein Kunst- produkt für einen Medienhelden“ (Prantl 1998: 4). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung be- hauptete sogar: „Noch nie hat man erlebt, dass sich ein sozialdemokratischer Parteitag so be- reitwillig den Regeln der Mediendemokratie unterworfen hat.“ (Fuhr 1998: 1). Heutzutage sind derart medienwirksame Auftritte von deutschen Spitzenpolitikern keine Seltenheit mehr. Vielen Beobachtern ist dieser Umstand Beweis genug, um zu behaupten, dass die Bundesre- publik Deutschland in fortgeschrittenem Maße einen Prozess der „Amerikanisierung“ durch- läuft. Diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf den Akt des Wahlkampfs, sondern auch auf generelle Entwicklungen der politischen Kommunikation, welche sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks mit dem Begriff der Mediendemokratie verbunden sind (vgl. Pfetsch 2001: 27). Doch lässt sich der Terminus der „Amerikanisierung“ unter Berücksichtigung sei- ner Komponenten überhaupt vollständig operationalisieren?

Diese Arbeit soll eine qualitative Analyse der Online-Präsenzen bundesdeutscher Parteivor- sitzender im Hinblick auf verschiedene Aspekte der „Amerikanisierung“ liefern. Im ersten Schritt muss jedoch zunächst geklärt werden, wie man diesen Begriff definieren kann und welche Kriterien bei seiner Beschreibung eine Rolle spielen. Im Anschluss daran findet die Anwendung besagter Merkmale im Zuge eines empirischen Vergleichs statt. Die offiziellen Webseiten von fünf deutschen Parteivorsitzenden sollen auf sämtliche hier thematisierten Kriterien überprüft werden. Ziel der Gegenüberstellung ist es, das Ausmaß der „Amerikani- sierung“ sichtbar werden zu lassen. Abschließend wird geklärt, wessen Internetauftritt sich am ehesten dem Modell der „Amerikanisierung“ anpasst und welche Vor- oder Nachteile dies mit sich bringen kann. Auch Vorschläge für weitere Forschungsarbeiten sollen in diesem Zu- sammenhang besprochen werden.

2. Amerikanisierungsthese

Wie bereits erwähnt geht das Konzept der „Amerikanisierung“ auf die Annahme zurück, dass sich der Wahlkampf in Deutschland zunehmend dem Modell der Vereinigten Staaten von Amerika anpasst. Diese Behauptung bezieht sich primär auf die gesamte Führung des Wahlkampfs sowie auf dessen unterschiedlichen Methoden. In diesem Zusammenhang etablierte sich vor Allem in der Politikwissenschaft der Begriff der Amerikanisierungsthese. Im Mittelpunkt steht dabei die Behauptung, dass sich die gesamte politische Kommunikation eines Landes dem Diktat der Massenmedien unterwirft (vgl. Orren 1986: 1).

Versucht man nun den Begriff der „Amerikanisierung“ zu definieren, so findet man in der Literatur eine Vielzahl von Ansätzen zur Begriffsklärung. Für Albrecht Müller, seines Zei- chens Publizist und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, sind vor Allem fünf Merkmale für den Terminus der „Amerikanisierung“ von essentieller Bedeutung: Die Perso- nalisierung und zunehmende Inszenierung der Politik, steigende Emotionalisierung, Entideo- logisierung und Professionalisierung, Negative Campaigning sowie die Tatsache, dass die Darstellungsformen der Politik wichtiger sind als ihre tatsächlichen Inhalte (vgl. Müller 1999: 40). Der Sozialwissenschaftler Winfried Schulz fügt den genannten Aspekten noch die Ge- staltung moderner Wahlkämpfe als Wettstreit zwischen den Kandidaten hinzu. So ist er der Meinung, dass es viel mehr darauf ankommt, den Gegenüber verbal auszustechen, als sich einzig und allein auf seine eigenen Stärken zu besinnen (Schulz 1997: 186). Peter Radunski, ehemaliger Wahlkampfmanager der CDU, beschreibt den Begriff der „Amerikanisierung“ durch eine zunehmend professioneller werdende Wahlkampfsteuerung, den gezielten Einsatz von Marketing-Maßnahmen, die Verlagerung des ursprünglichen Interessenschwerpunkts1 sowie den wachsenden Stellenwert von Rundfunk und Internet (vgl. Radunski 1996: 34f).

Es wird deutlich, dass sich bei den hier vorgestellten Definitionsversuchen zwangsläufig einige Überschneidungen ergeben. Oft lassen sich auch mehrere Charakteristiken der „Amerikanisierung“ auf verschiedene Stadien des Wahlkampfs anwenden. Da jedoch viele der genannten Aspekte nicht auf rein visueller Ebene greifbar sind, soll im Zuge dieser Arbeit ausschließlich auf die Punkte Professionalisierung, Personalisierung, Mediatisierung, sowie Negative Campaigning eingegangen werden.

3. Empirischer Vergleich

Mit Hilfe einer qualitativen Analyse sollen nun die ausgewählten Merkmale in Bezug auf die offiziellen Webauftritte deutscher Parteivorsitzender miteinander verglichen werden. Es wird sich bei den untersuchten Online-Präsenzen um die persönlichen Seiten von Angela Merkel (CSU), Sigmar Gabriel (SPD), Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen), Philipp Rösler (FDP) sowie Klaus Ernst (Die Linke) handeln. Die getroffene Auswahl erfolgte aufgrund der Tatsa- che, dass sich die Amerikanisierungsthese nur bestätigen lassen kann, wenn die Medien auch Interesse an der Berichterstattung über eine bestimmte Person zeigen. Dies ist aufgrund der hochrangigen Funktion und dem damit verbundenen Stellenwert eines jeden genannten Politi- kers von vornherein gegeben.

3.1. Professionalisierung

Unter dem Begriff der Professionalisierung versteht man in der Politik den zunehmend stärker werdenden Einfluss von professionellen Beratern und PR-Managern, welche extern herbeige- zogen werden und somit außerhalb des politischen Systems stehen. Häufig wird die Professi- onalisierung der Politik erst durch die Inszenierung von Ereignissen sichtbar, welche gezielt für die Presse arrangiert werden. Dabei wird sich letztendlich die Wirksamkeit der Medien zunutze gemacht (vgl. Pfetsch/Schmitt-Beck 1994: 231). Derartige Auftritte können sowohl im Rahmen von Pressekonferenzen als auch fernab jeglicher politischer Inhalten erfolgen. Oft reicht es schon aus, wenn bei besagten Ereignissen auf den ersten Blick kein direkter Zusam- menhang zwischen politischer Funktion und dem Grund des öffentlichen Auftritts hergestellt werden kann.

Angela Merkel wirbt auf ihrer Website beispielsweise mit der Teilnahme an der Preisverlei- hung "Großer Stern des Sports". Es handelt sich dabei um einen Event, welcher Sportvereine mit großem sozialem Engagement auszeichnet. Zwar hat Merkel in ihrer Rolle als Bundes- kanzlerin teilweise andere Funktionen als der Rest der hier behandelten Parteivorsitzenden, dennoch kommt bei derart repräsentativen Veranstaltungen im Normalfall der Bundespräsi- dent zum Einsatz.2 Es kann nur angenommen werden, dass sie mit ihrer Teilnahme den zu- rückgetretenen ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff vertritt, welcher bis zur Wahl seines Nachfolgers am 18. März 2012 von Horst Seehofer ersetzt wird. Ein direkter Zusam- menhang zwischen der Veranstaltung und Merkels politischen Zielen ist daher auf den ersten Blick nicht gegeben. Sigmar Gabriel wirbt auf seiner Website mit der Teilnahme und Eröff- nung der Foto-Ausstellung des Künstlers Jim Rakete. Die Relation zwischen politischer Funk- tion und dem Grund des Auftritts ist auch hier für den Durchschnittsbürger kaum erkennbar. Claudia Roth berichtet auf ihrer Homepage von ihrem Gastkommentar im Rahmen des Bay- ern-Derbys zwischen dem FC Augsburg und dem FC Bayern München. Sie resümierte dabei das Spiel und die bisherigen Leistungen der Augsburger Erstliga-Mannschaft. Nur den we- nigsten deutschen Mitbürgern dürften bekannt sein, dass Claudia Roth seit 2006 Vereinsmit- glied des FC Augsburg ist. Diese Tatsache wird jedoch ein wenig verständlicher, wenn man bedenkt, dass Roth den Wahlkreis Augsburg-Stadt / Königsbrunn seit 1998 im Bundestag vertritt. Und dennoch ist auch in diesem Fall für die breite Masse zunächst keine unmittelbare Verbindung zwischen Fußball und Politik zu erkennen. Die Online-Präsenz von Klaus Ernst ist enorm umfangreich und liefert einen detaillierten Einblick über sämtliche politikbezogene Auftritte und Ereignisse. Außerpolitische Aktivitäten werden hier nicht propagiert. Philipp Röslers Website besticht durch ihren spartanischen Charakter: Lediglich ein einziges State- ment zur Energiewende mit zusätzlichem Verweis auf die FDP-Homepage lassen keine weite- ren Rückschlüsse über mögliche Auftritte abseits der Politik zu.

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, wie sehr sich die einzelnen Internetauftritte voneinander unterscheiden. Während manche Politiker versuchen, durch öffentliche Präsenz einen gewis- sen Grad an Volksnähe zu symbolisieren, legen andere nur Wert auf ihre politische Kompe- tenzen. Dass viele der genannten Auftritte bewusst von externen Beratern und PR- Spezialisten arrangiert wurden, steht dabei größtenteils außer Diskussion. Primär scheint es darum zu gehen, den höchstmöglichen Grad an Publicity zu bekommen, um sich selbst so vielen Wählern wie möglich präsentieren zu können. Selbstverständlich kommt es heutzutage vor Allem durch außerpolitische Aktivitäten zum Gewinn von neuen Wählerstimmen. Da das Vertrauen des Durchschnittsbürgers in die Politik aufgrund einer Vielzahl von Skandalen und nicht eingehaltenen Wahlversprechen entsprechend niedrig ist, muss versucht werden, dem Volk auf menschlicher Ebene wieder näher zu kommen. Auch neue Gruppen von potentiellen Stimmberechtigten sollen letztendlich durch Aktivitäten außerhalb des politischen Rahmens erschlossen werden.

3.2. Personalisierung

Im nächsten Schritt soll auf den Aspekt der Personalisierung eingegangen werden. Bei der Personalisierung handelt es sich um einen Prozess, bei dem politischen Ansichten und Mei- nungen in Form von bestimmten Personen ein Gesicht gegeben wird (vgl. Schönbach 1996: 94). Wo früher noch politische Ideologien und bestimmte Themen vermittelt wurden, werden heutzutage ganze Kampagnen auf den Kandidaten zugeschnitten. Als wichtiger Bestandteil des Personalisierungsprozesses ist hier die Komponente der Privatisierung zu nennen, welche die politische Einbeziehung der ganzen Persönlichkeit beschreibt. Somit spielt nicht nur der Kandidat selbst, sondern auch sein familiäres Umfeld eine entscheidende Rolle beim Wähler- fang. Da es schwierig ist, sich im Rahmen dieser visuellen Analyse auf die komplette Band- breite des Begriffs zu stürzen, soll einzig und allein der Aspekt der Privatisierung betrachtet werden.

Angela Merkel hat eine eigens für das Privatleben vorgesehene Sektion auf ihrer Website, welche einige Details über sie und die Beziehung zu ihrem Mann Joachim Sauer preisgibt. Namentliche Erwähnung findet der Ehegatte dabei übrigens nicht. Es werden vor Allem die vielen gemeinsamen Hobbies und Unternehmungen in der Natur hervorgehoben. Private Fo- tos sucht man jedoch vergebens. Von Sigmar Gabriel erfährt man in seinem Steckbrief ledig- lich, dass er eine Tochter hat. Weder seine Lebensgefährtin Anke Stadleron noch die anste- henden Geburt seines zweiten Kindes werden auf seiner Homepage thematisiert. Fotos aus dem Privatleben lassen sich auch auf seiner Website nicht finden. Anders bei Claudia Roth: Sie hat ihren Lebenslauf mit reichlich Bildern aus ihrer Kindheit und Jugend aufgepeppt. Da sie weder im Besitz von Mann noch Kind ist, sucht man logischerweise erfolglos nach derar- tigen Informationen. Auch Klaus Ernst ist nicht verheiratet und hat keine Kinder, doch auch sonst hält er sein Privatleben zumindest von offizieller Seite aus geheim. Private Fotos sind auch auf seiner Website nicht vorhanden. Eine gewisse Volksnähe wird im allerbesten Fall durch die Bilder eines geschäftlichen Ausflugs zum Münchner Oktoberfest symbolisiert. Phi- lipp Röslers spartanischer Webauftritt lässt von vornherein keinen Zugang zu privaten Infor- mationen zu. Es fehlen sowohl ein beruflicher Lebenslauf als auch weitere Informationen zu seiner familiären Situation. Erstaunlicherweise wird man in den Medien dennoch des Öfteren bewusst mit Ereignissen aus seinem Privatleben versorgt. So ist es kein Geheimnis, dass Rös- ler seit 2002 mit seiner Frau Wiebke verheiratet ist und 2008 sogar Vater von Zwillingstöch- tern wurde.

[...]


1 Nicht das politische Ziel der Partei, sondern die Persönlichkeit des Kandidaten soll im Mittelpunkt stehen.

2 Im Grundgesetz sind keine Details bezüglich rein repräsentativer Funktionen des Bundeskanzlers gegeben. Der Bundespräsident hingegen ist laut Art. 54 bis 61 GG vor Allem im Inland zu Repräsentations- und Integrationszwecken verpflichtet.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Amerikanisierungsthese im innerpolitischen Vergleich
Untertitel
Eine qualitative Analyse der Online-Präsenzen bundesdeutscher Parteivorsitzender
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Darstellungspolitik und Medienmacht
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V199995
ISBN (eBook)
9783656262824
ISBN (Buch)
9783656263265
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
amerikanisierung, medien, social media, twitter, facebook, studivz, xing, amerika, usa, wahlkampf, barack obama, obama, amerikanisierungsthese, personalisierung, mediatisierung, professionalisierung, negative campaigning, youtube, massenmedien
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2012, Die Amerikanisierungsthese im innerpolitischen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199995

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