Die Anwendung visueller Methoden zur Überprüfung sozialwissenschaftlicher Theorien der Partnerwahl

Ein Feldexperiment


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien der Partnerwahl
2.1. Homogamie
2.2. Heterogamie

3. Experiment: Empirische Untersuchung auf Online-Partnerportal
3.1. Theoretischer Hintergrund
3.2. Versuchsaufbau

4. Auswertung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abstract

This paper unexceptionally studies social psychological approaches which try to explain the criteria for human partnership selection. Therefore, the cogency of two established theories, homogamy and heterogamy, will be examined with the help of an experiment based on visual methods. The results show that the homogamy thesis has to be declined while the heterogamy thesis has to be accepted, but it is not sure whether an experiment in this kind of setting can be regarded as significant enough to make such generalizations. The conclusion shows that an online dating network is not the right place to do this kind of research due to many different reasons such as the lack of personal confrontation and a certain level of anonymity. A real life setting would be much more appropriate to consider all the things that contributed to the falsi- fication of this experiment

1. Einleitung

Bereits seit vielen Jahrhunderten versuchen sich Wissenschaftler sämtlicher Disziplinen darin, dem Mysterium der Liebe auf den Grund zu gehen. Im Vordergrund der Forschung steht da- bei meist die Frage, wie das Prinzip der Partnerwahl funktioniert. Auch wenn viele Menschen der Meinung sind, dass sie bei der Entscheidung, mit welcher Person sie zusammen sein möchten, völlig freie Hand hätten, so wird der tatsächliche Umfang an potentiellen Partnern aus soziodemografischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gründen extrem limitiert. Auch das optische Auftreten des Gegenübers hat beim Vorgang der Partnerselektion weitaus weni- ger Bedeutung als man zunächst annehmen möchte. Neben der Attraktivitätsforschung und Forschungen im Bereich der evolutionären Ästhetik haben sich im Laufe der Zeit noch weit- aus renommiertere Ansätze zur Erklärung des Prozesses der Partnerwahl etabliert. Während die evolutionärpsychologische Theorie der sexuellen Strategien davon ausgeht, dass die Wahl des Partners nur der Steigerung von genetischer Fitness dient (vgl. Buss / Schmitt 1993: 206ff), sind Vertreter der sozialpsychologischen Rollentheorie der Ansicht, dass das soziale Umfeld des Menschen als entscheidendes Kriterium für die geschlechtsspezifische Unter- schiede bei der Partnerwahl ausschlaggebend ist. Insbesondere die Art der Arbeitsteilung und daraus resultierende Geschlechterrollen würden in einer Gesellschaft für die Partnerwahlkrite- rien von Männern und Frauen eine entscheidende Rolle spielen (vgl. Eagly 1987: 12). Doch lässt sich die Wahl des Partners wirklich derart rational und trennscharf erklären?

Die folgende Arbeit behandelt ausschließlich sozialpsychologische Ansätze zur Erklärung der Wahl des Partners. Anhand eines auf visueller Methodik basierenden Feldexperiments werden die beiden populären Modelle der Homo- und Heterogamie auf ihre empirische Stichhaltigkeit überprüft. Mit Hilfe von fiktiv konzipierten Userprofilen sollen die optischen Aspekte der Partnerwahl auf einer großen deutschen Online-Dating-Plattform genau analysiert und miteinander verglichen werden. Nach der ausführlichen Besprechung der Ergebnisse wird abschließend diskutiert, in wie weit sich Theorien der Partnerwahl tatsächlich überprüfen lassen und welche Schwierigkeiten derartige Untersuchungen mit sich bringen. Auch Denkanstöße für zukünftige Forschungsexperimente sollen besprochen werden.

2. Theorien der Partnerwahl

Im folgenden Abschnitt sollen mit den Ansätzen der Homo- und Heterogamie zwei der popu- lärsten sozialpsychologischen Erklärungen in Bezug auf die Wahl des Partners vorgestellt werden. Bereits Charles Darwin und Sir Francis Galton beschäftigten sich mit der Frage, ob Ähnlichkeit oder Gegensätzlichkeit die Basis einer funktionierenden Partnerschaft ist. Bei beiden Theorieansätzen spielen neben den Aspekten der physischen Attraktivität vor Allem Kriterien wie Ähnlichkeit, Sympathie und Komplementarität eine entscheidende Rolle. Möch- te man einen Partner, der dieselben Vorlieben und Abneigungen teilt wie man selbst? Oder ist es reizvoller, wenn der Gegenüber sich komplett von einem unterscheidet? Letztendlich stellt sich somit die Frage, ob eine Beziehung allgemein eher auf Gemeinsamkeiten oder auf Ge- gensätzen basiert.

2.1. Homogamie

Das Prinzip der Homogamie besagt, dass Partner nach ähnlichen Kriterien ausgesucht werden, so dass möglichst gleiche Bedingungen in eine Partnerschaft eingebracht werden. Bei besag- ten Kriterien kann es sich um Dinge wie Abstammung, Alter, Bildungsniveau, sozialer Status, finanzielle Lage, Hobbys, politische Neigung oder Religionszugehörigkeit handeln. Darüber hinaus existiert in homoganen Partnerschaften ein Endogamie-Prinzip, nach dem die Partner- wahl auch von Kultur- und Subkulturähnlichkeiten mitbestimmt wird. Empirische Untersu- chungen zeigen, dass die Homogamie-These größtenteils zutrifft. Der renommierte amerika- nische Verhaltensforscher Steven Reiss hat im Jahr 2000 empirisch belegen können, dass Partnereigenschaften zwar im Bereich der existenziellen Wertvorstellungen und sozialen Normen homogam, im Bereich der Hobbys und Interessen jedoch heterogam sind. Mit Hilfe einer umfangreichen Untersuchung durch die Befragung von über 6.000 Männern und Frauen aus den USA, Kanada und Japan entwickelte er eine komplexe Ordnung homogamer Grund- motive des Menschen. Haben Partner bei den untersuchten grundlegenden Normen überwie- gend gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen, ist die Wahrscheinlichkeit für eine stabile Be- ziehung überzufällig hoch.

2.2. Heterogamie

Das Prinzip der Heterogamie vertritt die Meinung, dass sich Gegensätze anziehen. Man sucht also hauptsächlich einen Partner, der entgegen gerichtete Charaktereigenschaften in die Partnerschaft einbringt. Dies lässt sich dementsprechend auch auf soziodemografische Merkmale des Partners übertragen.

Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass der Heterogamie-These im Vergleich zum Homog- amie-Ansatz vor Allem deshalb wenig Akzeptanz geschenkt wird, weil sie einen wichtigen Faktor bei der Partnerwahl völlig außer Acht lässt: Ausschlaggebend dafür, dass sich Partner oft in ihren demografischen Eigenschaften ähneln, ist vor allem der Umstand, dass man Per- sonen, die einem in besagten Merkmalen nicht sonderlich ähnlich sind, mit größerer Wahr- scheinlichkeit gar nicht erst kennenlernen wird (vgl. Hassebrauck 2010: 126). Dies hat zur Folge, dass bereits vor dem selektiven Prozess der Partnersuche eine gewisse unbewusste Vorauswahl getroffen wird, welche die tatsächliche Wahl des Partners enorm beeinträchtigt. Auch wenn man der Meinung ist, dass man grundsätzlich selbst entscheiden kann, welche Personen als potentielle Partner in Frage kommen, so ist man doch gesellschaftlich an einen bestimmten Kreis gebunden. Dementsprechend ist es möglich, dass man dem perfekten Le- benspartner, falls es diesen überhaupt geben sollte, unter Umständen nie begegnen wird.

3. Experiment: Empirische Untersuchung auf Online-Partnerportal

Im Zuge eines Feldexperiments soll nun herausgefunden werden, inwiefern die beiden vorgestellten sozialpsychologischen Theorien der Partnerwahl tatsächlich zutreffen. Zunächst muss jedoch die Methodik der Versuchsanordnung theoretisch begründet werden, da der visuelle Charakter der Untersuchung ohne eine derartige Herleitung nicht sofort deutlich werden kann. Schließlich beziehen sich die Ansätze der Hetero- bzw. Homogamie nicht auf äußere sondern auf innere Werte. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass der soziale Status auch optisch abgelesen werden kann, ist man in der Lage, eine rein qualitative Analyse zu betreiben. Im Anschluss an den Theorieteil findet die genaue Beschreibung des Versuchsaufbaus statt. Es soll klar werden, welche Methodik hinter dem Experiment steht und warum bestimmte Faktoren und Variablen bewusst gewählt und konstant gehalten wurden.

3.1. Theoretischer Hintergrund

Obwohl eine ganze Reihe von Komponenten bei den behandelten Theorien eine Rolle spielt, soll sich unser Experiment einzig und allein auf die visuelle Komponente beider Ansätze stüt- zen. Dies lässt sich mit dem von Pierre Bourdieu geprägten Konzepte des Habitus begründen. Nach Bourdieu sind alle Lebensäußerungen abhängig von der sozialen Zugehörigkeit. Er geht davon aus, dass Geschmack nichts Individuelles darstellt, sondern dass dieser immer als etwas von der Gesellschaft Geprägtes betrachtet werden muss. Geschmack ist somit keine Eigenheit des Menschen, die von Natur aus jeder aus eigenen Stücken besitzt, sondern rührt immer von der Art her, wie jemand sozialisiert wurde und in welchem sozialen Umfeld er sich tatsächlich bewegt (vgl. Bourdieu 1987: 286f). Moderne Gesellschaften zeichnen sich also dadurch aus, dass die Auswahl von Kleidung und Aussehen dem Einzelnen scheinbar selbst überlassen wird, in Wahrheit jedoch sämtliche Trends und Stile von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen produziert und gesteuert werden (vgl. Prahl / Setzwein 1999: 266). Das optische Erscheinungsbild ist daher stets von der jeweiligen Schichtzugehörigkeit abhängig und kann nur in einem sehr engen Rahmen variieren. Innerhalb bestimmter Gruppen bilden sich somit Kleidungsstile heraus, welche als typisch für gewisse Milieus gesehen wer- den können. Auch zur Bildung von sozialer Ordnung ist es wichtig, gewisse Vorurteile be- wusst selbst zu erfüllen. Ohne Vorurteile und Klischees wäre man nicht in der Lage, andere Personen im Alltag richtig einschätzen zu können. Auch Markenkleidung spielt beim Prozess der sozialen Einordnung eine wichtige Rolle. So bleibt teure Kleidung sozial schwächeren Bürgern aufgrund ihres hohen Anschaffungswerts vorenthalten, wohingegen kaufkräftige, sozial besser positionierte Menschen gerne ihren Reichtum in Form von Designerkleidung zur Schau stellen. Eine derartige Kategorisierung ist zwar stets situationsbedingt, im Kontext ei- ner Partnerbörse lässt sich jedoch darauf schließen, dass man sich den potentiellen Flirtkandi- daten so gut wie möglich präsentieren möchte. Dementsprechend ist anzunehmen, dass die dort hochgeladenen Fotos tatsächlich die Schicht- bzw. Milieuzugehörigkeit der entsprechen- den Person widerspiegeln werden.

Es stellt sich nun die Frage, wie man die optischen Eigenheiten bestimmter Milieus verallge- meinert, aber dennoch wahrheitsgetreu wiedergeben kann. Dies geschieht durch die Verwen- dung von Stereotypen. Ein Stereotyp kann als eine griffige Zusammenfassung von Eigen- schaften oder Verhaltensweisen aufgefasst werden, welche häufig einen hohen Wiedererken- nungswert besitzen. Stereotype sind daher kulturell bedingte, nicht hinterfragte, festgefahrene Meinungen einer bestimmten Gruppierung im Hinblick auf Eigenschaften und Besonderheiten einer anderen Gruppe. Es handelt sich um Formen der Wahrnehmung von Fremdem, wobei die komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit drastisch vereinfacht wird. Weiter zeichnen sich Stereotypen dadurch aus, dass sie relativ starr und langlebig sind (vgl. Lüsebrink 2008: 86). Letztendlich findet somit die Verallgemeinerung bestimmter Gruppemerkmale statt, wobei nahezu allen Mitgliedern identische Merkmale zugeordnet werden, ohne Rücksicht auf beste- hende Variationen unter den Mitgliedern zu nehmen. Oft versucht man auch selbst, dem sich zugeordneten Stereotyp zu nähern, indem man sich optisch bewusst den anderen Mitgliedern der Gruppe anpasst. Nichtsdestotrotz ist auch dieser Prozess ein Produkt der sozialen Ord- nung, welche für Berechenbarkeit sorgt und als Hilfe zur Einordnung gesellschaftlicher Sach- verhalte dient.

Als letzte Theorieüberlegung muss geklärt werden, ob es überhaupt möglich ist, Teilaspekte einer Gesellschaft, einer Kultur oder eines gesellschaftlichen Zustands rein visuell verständ- lich und nachvollziehbar für den Betrachter darzustellen ohne sprachliche Erklärungen und Interpretationen in Form von Schrifttexten oder mündlichen Kommentaren nachträglich hin- zuzufügen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hat August Sander mit seinem fotografischen Werk Menschen des 20. Jahrhunderts (1929) das dokumentarische und analytische Potential der Fotografie auf eine Weise zu nutzen verstanden, die auch heute noch richtungsweisend für die fotografische Ethnographie ist. Susan Sontag bezeichnete seine Werke gar als ein perfek- tes Beispiel für Fotografie im wissenschaftlichen Kontext (vgl. Susan Sontag 1999: 61). In einem Brief an Professor Erich Stenger schrieb Sander am 27.01.1925:

„Mit Hilfe der reinen Photographie ist es uns möglich, Bildnisse zu schaffen, die die Betreffenden unbedingt wahrheitsgetreu und in ihrer ganzen Psychologie wiedergeben. Von diesem Grundsatz ging ich aus[,] nachdem ich mir sagte, daß wenn wir wahre Bildnisse von Menschen schaffen kön- nen, wir damit einen Spiegel der Zeit schaffen, in der diese Menschen leben." (Conrath-Scholl / Lange 2004: 2)

Ebenso wie man in einem offenen Interview die Selbstdarstellungen der Informanten auf ver- baler Ebene einfängt, gelingt es Sanders, die Menschen dazu zu bewegen, durch Kleidung, Miene und Geste ein Bild von sich selbst zu entwerfen um somit ein soziales Selbstverständ- nis zu demonstrieren (vgl. Ulrich Keller 1994: 39). Seine Porträtarrangements sind somit ana- lytische Inszenierungen. Er wollte damit weder eine Kritik noch eine Beschreibung der vom ihm fotografierten Menschen geben, sondern lediglich ein Stück Zeitgeschichte kreieren (vgl. Conrath-Scholl / Lange 2004: 9).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Anwendung visueller Methoden zur Überprüfung sozialwissenschaftlicher Theorien der Partnerwahl
Untertitel
Ein Feldexperiment
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Visuelle Methoden in der empirischen Sozialforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V199997
ISBN (eBook)
9783656264064
ISBN (Buch)
9783656265252
Dateigröße
4895 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
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Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2012, Die Anwendung visueller Methoden zur Überprüfung sozialwissenschaftlicher Theorien der Partnerwahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199997

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