Die konstruktivistische Wende und ihre Folgen

Sozialkonstruktivismus und Rationalismus im Vergleich


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Der Konstruktivismus ist eine Metatheorie der Internationalen Beziehungen, die auf denselben Grundannahmen wie das Konzept des philosophischen Konstruktivismus beruht. Er bezweifelt die Kausalität des internationalen Staatensystems und betont demgegenüber subjektive Prioritäten, also die soziale Konstruktion der internationalen Politik. Konstruktivistische Perspektiven können also nicht als Theorie als solches angesehen werden, sondern als „Theorie über Theorien“, welche versucht, mittels alternativer Erklärungen, systematisch aber ohne konkrete Aussagen, unterschiedliche Lösungswege aufzuzeigen.

Trotz der Uneinheitlichkeit konstruktivistischer Ansätze ist es möglich, von einem ontologischen Minimalkonsens zu sprechen: Es wird untersucht, wie Strukturen und Akteure der Internationalen Beziehungen sozial konstruiert sind. Zwei zentrale Kernannahmen konstruktivistischer Ansätze lauten, dass soziale Strukturen und Akteure sich gegenseitig konstituieren, indem sie soziale Identität vermitteln und Handlungschancen eröffnen oder einschränken. Dabei wird die materielle Welt nicht völlig negiert, sie kann jedoch nur durch soziale Konstruktion vermittelt wahrgenommen werden. Soziale Identitäten sowie nachgeordnete Interessen müssen aus dieser Perspektive zwingend in jede politikwissenschaftliche Analyse mit einbezogen werden.

Der spezifisch politikwissenschaftliche Konstruktivismus zielt auf die Erklärung von politischen Handlungsmustern. Das Besondere an diesem Erklärungsansatz ist, dass er Handlung immer als Ergebnis vorherrschender sozialer Strukturen versteht. Damit unterscheidet er sich stark von rationalen Erklärungsansätzen wie dem Realismus, dem Neoliberalismus und dem Liberalismus, die davon ausgehen, dass Handlungen objektiv rationalen Mustern und damit Sachzwängen folgen.

Eine eher handlungstheoretisch orientierte Strömung des Konstruktivismus geht davon aus, dass soziale Handlungen auch soziale Strukturen entstehen lassen, reproduzieren oder verändern können. Diese Handlungen sind durch bestimmte Normen und Werte motiviert, die es zu destillieren gilt. Ein Beispiel sind Menschenrechtsorganisationen, die durch ihre Aktivitäten und Kampagnen andere Akteure der internationalen Politik beeinflussen. Aus diesem Grund spielte der Konstruktivismus nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine zunehmend wichtigere Rolle in den Internationalen Beziehungen. Er postulierte, im Gegensatz zum Realismus, Veränderungen erklären zu können.

Bereits die Prämissen des Konstruktivismus unterscheiden sich grundlegend von denen der Rationalisten. So sind aus sozialkonstruktivistischer Sicht Staaten und NGOs die entscheidenden Akteure im internationalen System. Diese stellen stets soziale Akteure dar, weil der Konstruktivismus von der „Logik der Angemessenheit“ ausgeht, gemäß welchem Akteure ihre Handlungsentscheidungen immer nach Maßgabe ihrer Identitäten treffen. Die Akteure interagieren in gewisser Weise automatisch auf Basis von Erwartungen und Wertvorstellungen, da keine Entscheidungen getroffen werden müssen, ob und auf welche Art und Weise sie mit anderen Staaten zu tun haben. Desweiteren gehen Staaten nicht zwingend rational vor und haben vor allem keine festgelegten Identitäten und Interessen. Vielmehr ergeben sich diese aus Interaktionen und reziproken, sprich wechselseitigen Wahrnehmungen.

Eine weitere Grundannahme des Konstruktivismus ist die Tatsache, dass Identitäten und Interessen aus dem Interaktionsprozess entstehen. So senden interagierende Staaten durch ihre jeweiligen Handlungen bestimmte Signale aus, während sie zeitgleich auch die Signale anderer Staaten empfangen und interpretieren müssen. Diese Impulse können letztendlich als feindlich, freundlich oder indifferent interpretiert werden, so dass Staaten sich abhängig von der gegenseitigen Wahrnehmung entweder als Feinde, Freunde oder indifferente Rivalen einordnen. Je nach Rollen- und Selbstverständnis entwickeln Staaten letztendlich Interesse an Selbstverteidigungsmaßnahmen, Zusammenarbeit oder friedlicher Koexistenz. Wiederholte Interaktionen auf der Basis solcher Selbst- und Rollenverständnisse stabilisieren Identitäten und Interessen, erzeugen gegenseitige Verhaltenserwartungen und fördern desweiteren auch noch wechselseitige Verhaltensweisen. Staaten bilden somit soziale Einrichtungen der Selbsthilfe, der Kooperation, oder der harmonischen Koexistenz aus. Dies bedeutet, dass Interaktionen in Institutionen münden.

Die Institutionalisierung von typischen Verhaltensweisen geht einher mit einer Verfestigung der von Staaten geteilten Vorstellungen darüber wer sie sind, welche Rolle sie spielen und welche Verhaltensweisen gegenüber anderen Staaten sie an den Tag legen. Geteilte und nicht mehr hinterfragte Wirklichkeitsvorstellungen verdichten sich zu einer sozialen Struktur. Der strukturelle Einfluss geteilter Vorstellungen und Erwartungen manifestiert sich darin, dass Staaten immer wieder die gleichen Interessen definieren und dieselben Handlungsweisen an den Tag legen. Als Struktur reproduzieren geteilte Vorstellungen die eingeübte Interaktionslogik, allerdings nur solange, bis Staaten die geteilten Vorstellungen hinterfragen und neue entwickeln. Die Struktur des Systems besteht also aus intersubjektiv geteiltem Wissen.

Als letzte Kernhypothese des Konstruktivismus gilt die Annahme, dass das internationale System einem Transformationsprozess unterliegt, da sich die sozialen Institutionen und Strukturen des internationalen Systems ändern, wenn Interaktionsmuster aufgrund eines Wandels der vorherrschenden Identitäten und Interessen zwischen Staaten wechseln. Staaten verändern ihre Identitäten und Interessen unter dem Einfluss neuer Verhaltenserwartungen und aufgrund evolutionär bedingter Lernprozesse oder in der Folge einer kritischen Hinterfragung ihres „Selbst“. Das internationale System bleibt, wie es ist, solange Staaten die bestehenden Interaktionslogiken und die darauf gegründeten Institutionen und Strukturen nicht hinterfragen.

Wie lässt sich nun der Konstruktivismus mit den Ansichten der Rationalisten vergleichen? Wenn man die Ontologie als erstes Vergleichskriterium heranzieht, so lässt sich feststellen, dass Internationale Beziehungen im Rationalismus materielle Tatsachen sind, von denen Akteure unweigerlich betroffen sind. Sozialkonstruktivisten gehen jedoch davon aus, dass es sich bei Internationalen Beziehungen um soziale Tatsachen handelt, die erst durch Kommunikation zwischen Akteuren zu Tatsachen werden. Laut Erkenntnistheorie sind Internationale Beziehungen für die Rationalisten analytisch zugänglich und unvermittelt erkennbar. Es herrscht also eine strikte Trennung von Subjekt und Objekt. Beim Konstruktivismus hingegen gilt die Ansicht, dass Internationale Beziehungen hermeneutisch zugänglich sind und über Interpretationen erschlossen werden können. Somit ist die soziale Welt immer kulturell vermittelt. Ein weiterer drastischer Unterschied der beiden Theorieschulen spiegelt sich im Akteurskonzept wieder.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die konstruktivistische Wende und ihre Folgen
Untertitel
Sozialkonstruktivismus und Rationalismus im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V200008
ISBN (eBook)
9783656262787
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
konstruktivistische wende, sozialkonstruktivismus, rationalismus, realismus, neoliberalismus, liberalismus, internationale beziehungen, konstruktivismus
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2010, Die konstruktivistische Wende und ihre Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200008

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