Wirtschaftliche Gestaltung ohne staatliche Interventionen

Liberalismus und Neoliberalismus im direkten Vergleich


Essay, 2010
7 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Das Gebiet der internationalen Beziehungen ist aufgrund seiner Komplexität und Vielschichtigkeit einer der umfangreichsten Gegenstandsbereiche der modernen Politikwissenschaft. Ihr Dasein als eigenständige Teildisziplin fristet die sozialwissenschaftliche Erforschung der internationalen Politik seit dem Ende des Ersten Weltkrieges, dessen verheerende Auswirkungen vor allem in Nordamerika und Europa zu einem Nachdenken über die damals herrschende internationale Ordnung führten. Jeder der sich in egal welcher Art und Weise mit der Thematik der internationalen Beziehungen auseinandersetzt wird der Deutung von Geschehnissen einen mehr oder weniger anerkannten Theorieansatz zu Grunde legen müssen.

Zwei der am meisten etablierten Theorien des mainstreams sind der Neoliberalismus und der Liberalismus. Erstere hat sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zum einen aus liberalen Prämissen und zum anderen in Anlehnung an den Realismus bzw. Neorealismus entwickelt. Der neue Liberalismus stellt schließlich eine Weiterentwicklung liberaler Theorien in Abgrenzung zum liberalen Institutionalismus dar.

Im Folgenden soll nun genauer erörtert werden, inwiefern sich die Theorien des Neoliberalismus und des Liberalismus in ihren Annahmen, Vorstellungen und Konzepten voneinander unterscheiden. Als Basis der aufgeführten Grundannahmen dienen die Arbeiten von Robert O. Keohane und Andrew Moravcsik, welche zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Theorie im Bereich der Internationalen Beziehungen zählen.

Bereits in seinem Theorieverständnis differiert der Neoliberalismus ganz wesentlich vom Liberalismus. So betont Keohane, seines Zeichens Verfechter der neoliberalistischen Theorie, die Blickwinkel-Funktion seiner Theorie, während Moravcsik, welcher einen liberalistischen Standpunkt vertritt, sozialwissenschaftliche Ansichten in den Vordergrund stellt. Diese Sichtweisen werden vor Allem im argumentativen Ausgangspunkt deutlich, welcher sich beim Neoliberalismus in der Struktur des internationalen Systems befindet, beim Liberalismus jedoch in der Formation innerstaatlicher Gruppen liegt. So fragen sich Vertreter des Neoliberalismus, warum es in der internationalen Politik zwischen egoistischen Staaten zu Kooperationen kommen kann und welche Konsequenzen dieses Verhalten auf die teilnehmenden Akteure hat. Beim Liberalismus hingegen beschäftigt man sich mit dem zentralen Sachverhalt, dass Staaten bzw. politische Systeme in ihrem Agieren stark von den Interessen und Zielen einflussreicher Gruppen und Individuen geprägt werden. Dies bedeutet, dass Staaten keine festen nationalen Interessen verfolgen, sondern die Regierungsentscheidungen deutlich vom Einfluss der Gesellschaft geprägt sind und im Endeffekt eine Konstellation aus Präferenzen unter dem Einfluss transnationaler Netzwerke und internationaler Organisationen geformt wird. Letztendlich stellen politische Systeme und repräsentative Institutionen des Staates Mechanismen dar, mit deren Hilfe schließlich gesellschaftliche Akteure ihre Interessen verwirklichen wollen. Dies hat zur Folge, dass sowohl die Innen- als auch die Außenpolitik immer auch im Dienste einflussreicher Gruppen und Individuen mit bestimmten Wohlfahrtsinteressen steht. Regierungshandeln besteht also darin, einflussreichen gesellschaftlichen Akteuren bei der Realisierung ihrer Interessen behilflich zu sein, indem sie die Interessen bündeln und Präferenzen verfolgen. Es muss jedoch auch erwähnt werden, dass Regierungen durchaus eigene politische Interessen wie Machterhalt oder ökonomischen Gewinn anstreben. Aus dieser Prämisse lässt sich ableiten, dass der Grad politischer Macht im internationalen System erst daran erkennbar wird, wie entschlossen eine Regierung ihre Präferenzen auf internationalem Terrain durchsetzen kann, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Der Liberalismus nimmt an, dass Macht eine Funktion von Präferenzen, und nicht von militärischen Fähigkeiten ist. Je mehr die politischen Präferenzen eines Staates im Interesse der innerstaatlichen Individuen und Gruppen verankert sind, umso effektiver kann die Regierung auf internationaler Ebene agieren und Ressourcen für die Umsetzung ihrer Außenpolitik verwenden.

Obwohl für beide Theorien Interdependenz, sprich kostenverursachende wechselseitige Abhängigkeit, eine elementare Rolle spielt, ist das internationale System für den Neoliberalismus im Gegensatz zum Liberalismus zusätzlich noch von einer anarchischen Struktur in einem eher technischen Sinn geprägt. Dies bedeutet, dass zwar keine Instanz mit gesetzgebender Funktion im internationalen System vorhanden ist und somit auch keine Weltregierung existiert, die Staaten jedoch trotzdem Mittel und Wege finden um sich gegenseitig regieren und kontrollieren zu können. Auf diese Art und Weise werden Kooperationen gefördert und zwischenstaatlicher Verkehr geordnet. Es muss jedoch auch deutlich gemacht werden, dass die bereits erwähnten vorherrschenden Interdependenzbeziehungen unterschiedlicher Natur sind. Nach Keohane befinden sich die politischen Akteure in Interdependenzbeziehungen, die nicht selten von Asymmetrie geprägt werden. Aufgrund unterschiedlicher Spezialisierungen sind Staaten wechselseitig voneinander abhängig. Hierbei ist zwischen unterschiedlichen Formen von Interdependenz zu unterscheiden. Kann ein Staat entstehende Kosten mit geringem Aufwand regulieren, gilt er als empfindlich. Ist ein Staat nur in der Lage, die entstehenden Kosten mit relativ hohem Aufwand zu regulieren, bezeichnet man ihn als verwundbar. Aufgrund der Tatsache, dass einige Staaten empfindlich und andere wiederrum verwundbar sind kommt es zu einem asymmetrischen Kräftegleichgewicht. In der Regel sind Staaten, welche in einem Politikfeld nur verwundbar sind, in einem anderen empfindlich. Diese Tatsache lässt sich selbstverständlich auch umgekehrt beobachten. Aufgrund ihrer Verwundbarkeit sind Staaten damit überfordert, die entstehenden Kosten ohne fremde Hilfe zu regulieren. Deshalb müssen Staaten durch Verhandlungsgeschick dauerhafte Kooperationen realisieren, welche es den Staaten erlaubt sich ihre gegenseitige Abhängigkeit zum eigenen Nutzen zu machen. Die liberalistische Theorie hingegen besagt, dass das internationale System von einer Interdependenz politischer Präferenzen geprägt ist. So bilden sich laut Moravcsik aus verschiedenen Präferenzen, die eine Regierung in ihrer Außenpolitik verfolgt, Präferenzstrukturen. Diese sind wiederrum höchst relevant für jegliche zwischenstaatliche Beziehung, denn je inkompatibler Präferenzen zwischen den einzelnen Regierungen sind, desto höher ist das jeweilige Konfliktpotential. Erst wenn sich die Präferenzen zumindest teilweise überschneiden signalisieren Regierungen ihre Verhandlungsbereitschaft und Streben schließlich eine Kooperation an. Somit liefern letztendlich gemischte Präferenzordnungen Anreize für zwischenstaatliche Kooperation durch Verhandlungen und Politikkoordination. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass Interdependenzen auch eine Vielzahl von Problemen mit sich bringen. So herrscht nicht nur wie bereits erwähnt eine gewisse Asymmetrie, es werden auch die Probleme anderer Staaten importiert. Obendrein wird die Anzahl der politischen Akteure immer unüberschaubarer und kurze Amtsperioden der Regierungen verhindern oft groß angelegte Handlungsstrategien.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftliche Gestaltung ohne staatliche Interventionen
Untertitel
Liberalismus und Neoliberalismus im direkten Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V200009
ISBN (eBook)
9783656262770
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
liberalismus, neoliberalismus, keohane, moravcsik
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2010, Wirtschaftliche Gestaltung ohne staatliche Interventionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200009

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