Leben auf der Straße. Scheitern oder aktive Bewältigung?

Eine geschlechtersensible Analyse von Ursachen, Bewältigungsstrategien und Belastungen wohnungsloser Jugendlicher und junger Erwachsener


Bachelorarbeit, 2012

53 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis:

1. Einleitung

2. Grundlagen zur Thematik
2.1. »Straßenkinder« oder »Straßenjugendliche«?
2.2. Definition: »Straßenjugendliche«
2.3. Zahlen & Geschlechterverteilung von »Straßenjugendlichen«
2.4. Rechtliche Situation

3. Wege auf die »Straße«: Differenzen bei den Geschlechtern?
3.1. Familienflucht & Verstoßung aus der Familie
3.2. Ausbruch aus Erziehungseinrichtungen & Abbruch von ssssslJugendhilfemaßnahme
3.3. Subkulturelle Orientierung
3.4. Fazit

4. Annäherung an die Lebenswelt auf der »Straße«: Belastungen & Bewältigungsstrategien
4.1. Organisation von Schlafplätzen
4.2. Finanzielle Situation
4.2.1. Betteln
4.2.2. Delinquenz
4.2.3. Prostitution
4.2.4. Fazit
4.3. Die »Straßenszene«: Ersatzfamilie oder Notgemeinschaft
4.4. Funktionalität & Risiko von Rauschmitteln
4.5. Belastungsfaktor: Stigmatisierung & Etikettierung
4.6. Fazit

5. Das Hilfesystem: Kritik, ein lebensweltorientierter Ansatz & Herausforderungen
5.1. Kritik am Hilfesystem
5.2. Streetwork als lebensweltorientierter Hilfeansatz
5.3. Herausforderungen an Soziale Arbeit & Politik
5.4. Fazit

6. Ausblick

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang
8.1. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Sie leben mitten unter uns und sind trotzdem eine marginalisierte Gruppe: »Straßen-kinder«. Ihr Lebensmittelpunkt ist die »Straße«, was bedeutet in einer existenziellen Notlage zu sein. Alltägliches wie Schlafen, Hygiene oder Nahrungsmittel sind schwer erreichbar. Sie erfahren Stigmatisierung, Diskriminierung und es mangelt oft an sozialen Ressourcen. Trotz allem entscheiden sich Jugendliche dort zu leben, da es erträglicher scheint als das vorherige Leben. Wobei sich die Jugendlichen hier „eine „Freiheit“[nehmen], die in unserer Gesellschaft kaum mehr gelebt werden kann“ (Bodenmüller 2010: 137).

Seit über 20 Jahren wurde eine Fülle von Fachliteratur zu »Straßenkinder« verfasst. Ein Teil befasst sich mit Mädchen und jungen Frauen, wobei die spezifische Lebenswelt von männlichen Wohnungslosen zumeist vernachlässigt wird und demnach konkrete geschlechtsspezifische Analysen ausbleiben. Eine Vergleichende empirische Analyse der Geschlechter ist nicht zu finden. Es fehlt zwar in kaum einer Veröffentlichung der Hinweis darauf, dass das Geschlecht bedeutsam für Problemlagen und Bewältigungsmuster ist, jedoch bleibt diese Erkenntnis zumeist folgenlos. Spätestens seit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ist es aber für alle Handlungsfelder der Jugendhilfe verpflichtend, die geschlechtsspezifische Prägung von Lebenslagen zu berücksichtigen und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts entgegenzuwirken (s. § 9, 3 SGB VIII). Gerade angesichts dieser gesetzlichen Grundlage befremdet es, dass in der Forschung mit »Straßenkindern« die Strukturkategorie Geschlecht noch unzureichend und unsystematisch Berücksichtigung findet.

Bei dieser Thesis stehen Fragen nach Differenzen bei den Geschlechtern von »Straßen-kindern« im Vordergrund: Gibt es geschlechterabhängige Ursachen für die Wohnungs-losigkeit (Kapitel Drei)? Können verschiedene Belastungen sowie Bewältigungsmuster von Jungen und Mädchen (Kapitel Vier) ausgemacht werden? Ferner wird darauf aufbauend ein lebensweltorientierter Handlungsansatz vorgestellt, Kritik am Hilfesystem geübt sowie Herausforderungen für die Soziale Arbeit und Politik herausgearbeitet (Kapitel Fünf). Vorerst sollen die Grundlagen der Thematik im zweiten Kapitel bearbeitet werden.

2. Grundlagen zur Thematik

»Trebegänger_in, Ausreißer_in, Penner_in, Obdachlose, Nichtsesshafte« sind eine Vielzahl von Bezeichnungen, die in der Problematik der »Straßenkinder« oftmals synonym verwendet werden. Einige Termini sind stark diskriminierend, etikettierend sowie stigmatisierend, andere beschreiben in ihrer Definition den falschen Personenkreis.[1]

Im Folgenden Kapitel soll der Versuch unternommen werden einen Terminus und eine Definition abzuleiten, die Aufschluss über die Zielgruppe dieser Arbeit gibt. Anschließend wird die Geschlechterverteilung fokussiert und die Situation der Zielgruppe rechtlich eingeordnet.

2.1. »Straßenkinder« oder »Straßenjugendliche«?

Am häufigsten ist die Rede von »Straßenkindern«. Dieser Terminus dient nach Pfennig (1996), Permien/Zink (1998), Sand (2001), Röhnsch (2003), Metje (2005), Thomas (2010) et al. unter verschiedenen Aspekten eher dem plakativen Skandalisierungsbedürfnis der »Massenmedien«, als einer angemessenen Erfassung des Phänomens. Darüber hinaus weisen sie darauf hin, dass der Analogie zur Situation der »Straßenkinder« in Lateinamerika verwendete Begriff, die gravierenden Unterschiede zwischen lateinamerikanischen und deutschen Kindern auf unzulässige Weise verwische.

Es lassen sich zwar Parallelen hinsichtlich möglicher Fluchtursachen der »Straßenkinder« in Deutschland und Lateinamerika festmachen, es darf aber nicht von einer Vergleichbarkeit der Verhältnisse in den Ländern der »Dritten Welt« und den Industriestaaten ausgegangen werden. „Ein Vergleich (…) würde die eine Seite verharmlosen und die andere dramatisieren“ (Buchholz 1998: 24).

Des Weiteren spiegelt der Begriff eine „komplexe inhaltliche Fehleinschätzung der spezi-fischen Altersgruppe der Betroffenen wieder“ (ebd.: 26)[2] . Bei den Mädchen und Jungen in der »Straßenszene«[3] handelt es sich zumeist nicht um »Kinder« im eigentlichen Sinne, sondern um Jugendliche und junge Erwachsene die ihren Lebensmittelpunkt ganz oder zumindest zeitweise auf die »Straße« verlegt haben (vgl. Röhnsch 2003: 5).

Im Zuge dessen wird in dieser Arbeit der Terminus »Straßenjugendliche«[4] verwendet. Deren Konnotation umgeht die Analogie zu »Dritte-Welt-Ländern« und hebt die auf sozio-logischer Ebene bedeutende Differenz zwischen dem Status eines Kindes und eines Jugendlichen hervor. Ferner verhindert der Begriff eine Stigmatisierung des Personenkreises als kriminelle oder »abweichende« Jugendliche. Dies hat den Vorteil, dass im Gegensatz zu den von den Medien häufig genutzten stigmatisierenden Attributen: »sich prostituierende oder delinquente« Jugendliche sowie »Stricher und Junkie« kein eigenes Verschulden der Betroffenen zu ihrer Problemlage suggeriert wird (vgl. auch Pfennig 1996: 13).

2.2. Definition: »Straßenjugendliche«

Jede Praxiseinrichtung grenzt den Personenkreis der »Straßenjugendlichen« auf unterschiedlichste Weise ein und somit gibt es eine Vielzahl von Definitionen. Aufgrund dessen, dass es sich um keine homogene soziale Gruppe von Jugendlichen handelt, ist die Fülle an Begriffsbestimmungen kein Wunder, „zu heterogen ist die Zielgruppe in ihrer komplexen Lebens- und Problemlage“ (Malyssek/Störch 2009: 38). Deren Mitglieder weisen einzig die Gemeinsamkeit auf, dass sie sich in größerer Zahl an bestimmten öffentlichen Orten aufhalten und in ähnlicher Weise von zentralen gesellschaftlichen Normalitätsstandards abweichen (vgl. Röhnsch 2003: 5).

Das Deutsche Jugendinstitut (vgl. 1995: 138) formulierte zu dem Begriff »Straßenjugendliche« folgende Merkmale:

- weitgehende Abkehr von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen (Familie bzw. Jugendhilfeeinrichtungen; Schule bzw. Ausbildung)
- Hinwendung zur »Straße«, die zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz und zum Lebensmittelpunkt wird
- Hinwendung zum Gelderwerb auf der »Straße« durch Vorwegnahme abweichenden, teils delinquenten Erwachsenenverhaltens (Betteln, Raub, Prostitution, Drogenhandel)
- Faktische Obdachlosigkeit.

»Straßenjungendliche« sind demnach junge Erwachsene oder Jugendliche, für die die »Straßenszene« „eine, wichtige´ Rolle spielt“ (Romahn 2000: 10).

Ab welchem Moment nimmt das »Straßenleben« eine wichtige Rolle bei den Jugendlichen ein, bzw. wie viel Zeit muss ein/-e Jugendliche_r auf der »Straße« verbringen, damit er/sie als »Straßenjugendliche_r« »kategorisiert« werden kann? Die Grenzen sind oft fließend (vgl. ebd.).

Romahn hat drei »Kategorien« eingegrenzt, die fließend ineinander übergehen können:

- Jugendliche und junge Erwachsene, die »halb« auf der »Straße« leben und noch eine Beziehung zu ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten haben. Die »Straße« ist für sie ein Rückzugsort. Sie flüchten nur für eine begrenzte Zeit in die Szene, schweben dennoch in der Gefahr sich von der Familie, Schule sowie dem Aus-bildungsort weiter zu distanzieren oder auszugrenzen. Sie sind tagsüber in der »Straßenszene« anzutreffen und schlafen nachts zu Hause. Zumeist ist diese Phase nur vorübergehend, wenn sich die Lage zuspitzt und unerträglich wird, verlässt der/die Jugendliche endgültig das Elternhaus.
- Der Kontakt zur Familie ist abgebrochen, die Jugendlichen kommen bei Freund_innen aus dem Milieu unter, welche die Familie ersetzen. Diese Situation ist oftmals nicht von Dauer, die Beziehungen unter »Straßenjugendlichen« sind selten zuverlässig und der/die Jugendliche verlässt die »Ersatzfamilie«.
- In der dritten Kategorie sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen komplett ausgegrenzt und leben ganz auf der »Straße«. Diese finden zwar oftmals sporadisch Unterkunft bei Bekannten oder in Jugendhilfeeinrichtungen, aber landen zumeist wieder auf der »Straße« (vgl. 2000: 10f).

In der hiesigen Fachliteratur gibt es immer wieder neue Ansätze für eine Definition von »Straßenjugendlichen«, bislang war es aber nicht möglich eine zweckmäßige Begriffsbestimmung zu finden. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit der Begriff »Straßenjugend-liche«[5] als Oberbegriff für einen Personenkreis verstanden werden, dessen Heterogenität hinsichtlich vielfältiger Lebensbelastungen in Anlehnung an die Merkmale vom Deutschen Jugendinstitut und den »Kategorien« von Romahn in diesem Terminus zusammengefasst werden.

2.3. Zahlen & Geschlechterverteilung von »Straßenjugendlichen«

Aufgrund der schwierigen Zielgruppenbestimmung, einer „starken Fluktuation“ (Metje 2005: 32) innerhalb des Personenkreises und der Gegebenheit, dass einige Jugendliche und junge Erwachsene ihren Lebensmittelpunkt für mehrere Jahre auf der »Straße« haben und andere nur einige Tage in der Szene verbringen (vgl. ebd.), ist eine quantitative Erfassung unmöglich. Ein weiterer Grund ist, dass in den Statistiken über verschwundene Minderjährige offiziell nur vermisste Kinder und Jugendliche erwähnt werden und somit diejenigen fehlen, die nicht polizeilich gesucht werden. Es ist aber die Tendenz zu verzeichnen, dass die Zahl der Jugendlichen auf der »Straße« in ungesicherten und prekären Wohnverhält-nissen „in den letzten Jahren besorgniserregend angestiegen “ (Schruth in Müller/ S chulz/Thien 2010: 289; vgl. auch Malyssek/Störch 2009: 23) ist.

Wenn Medien und Forschungsberichte scheinbar geschlechtsneutral mit den Begriffen »Crash-Kids« und »S-Bahn-Surfern« über »Straßenjugendliche« berichten, denken viele vorerst an männliche Jugendliche. Und tatsächlich scheinen sie im »Straßenbild« auch mehr aufzufallen. Ein differenzierter Blick in die Lebenswelt dieser Personengruppe er-öffnet jedoch ein anderes Bild (vgl. Bodenmüller in Retza/Weber 2001: 77). „Je jünger die Kinder und Jugendlichen sind, desto stärker überwiegen sogar die Mädchen“ (Weber in Retza/Weber 2001: 41). Somit ist das Geschlechterverhältnis im Jugendbereich eher ausgeglichen, im Gegensatz zur Wohnungslosigkeit im Erwachsenenalter, wo nach Schätzungen der Frauenanteil mit circa 20 % angegeben werden kann (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 14; Weber in Retza/Weber 2001: 41).

2.4. Rechtliche Situation

Das Hilfesystem für wohnungslose Jugendliche und junge Erwachsene kann in zwei Säulen dargestellt werden: Hilfe zum Wohnen im Rahmen der Jugendhilfe für unter 18-Jährige und der Wohnungslosenhilfe, welche die volljährigen Menschen erreichen soll.

Die Jugendhilfe legt den Schwerpunkt hauptsächlich auf die individuelle Förderung zur eigenständigen Persönlichkeitsentwicklung. Die Wohnungslosenhilfe reagiert auf situative Ursachen und legt ihren Fokus auf die Hilfen zur Sicherung der Wohnung und des Lebensunterhaltes, mit dem Ziel der gesellschaftlichen Partizipation (vgl. Kolb/Braun in Rosenke 2006: 142).

Minderjährige Jugendliche, die ohne festen Wohnsitz auf der »Straße« oder in anderen Zusammenhängen leben, führen rein rechtlich eine illegale Existenz. Nach dem Bürger-lichen Gesetzbuch (BGB) muss ein Kind den Wohnsitz mit seinen Eltern teilen und darf seinen Aufenthalt nicht selbst bestimmen (s. § 11 BGB). Wenn minderjährige Jugendliche aber Hilfe suchen und um Inobhutnahme bitten, sind die Jugendämter nach § 42 Sozial-gesetzbuch (SGB) VIII verpflichtet, sie vorübergehend aufzunehmen. Zu diesem Zweck gibt es Jugendschutzstellen, Kinder-, Mädchen- und Jugendnotdienste. Ihre Aufgaben bestehen darin, die Klient_innen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, sie zu beraten, ihnen einen Schlafplatz anzubieten und längerfristige Perspektiven mit ihnen auszuarbeiten (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 40).

Der Kern der professionellen Wohnungslosenhilfe ist die Hilfe nach §§ 67ff SGB XII – Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten. Ergänzend wird die Hilfe für Volljährige in SGB II bzw. SGB XII geregelt. In den Kommunen (Amt für Arbeit und Soziales, Sozialamt etc.) stehen finanzielle Mittel des Arbeitslosengeldes II und der Grundsicherung zur Verfügung. Ausgezahlt wird das Geld meist für den Lebensunterhalt, wenn die bürokratischen Hürden für die wohnungslosen Menschen nicht zu hoch sind (vgl. Malyssek/Störch 2009: 22).

3. Wege auf die »Straße«: Differenzen bei den Geschlechtern?

Um die Probleme und Bewältigungsstrategien der Jugendlichen auf der »Straße« analysieren zu können, sollten vorerst die Ursachen für den Weg in diese prekäre Lage beleuchtet werden.

Der Weg in die »Straßenszene« führt meist über „Konflikte in und Verluste von sozialen Beziehungen wie Trennungen, Scheidungen, Verstoßungen sowie Todesfälle oder die Unterbringung (…) in Heimen oder Pflegefamilien“ (Sellach/Enders-Dragässer in Reuschke 2010: 200). Des Weiteren kann ein hohes Maß an Gewalterfahrungen der Auslöser für den Beginn einer »Straßenkarriere«[6] sein.

Das Ausbrechen aus den traditionellen Lebensbezügen wird dadurch begünstigt, dass die Pluralisierung von Werten und Normen, ebenso wie die Erosion sozialer und kultureller Traditionen eine Destandardisierung der Jugendphase bedingt (vgl. Bozenhardt/Lindenthal 2002: 11). Die veränderten, härteren Gangarten in der Gesellschaft und die Fragilität familiärer Strukturen – die die fortschreitende Modernisierung und Flexibilisierung mit sich gebracht hat – fördert eine Orientierungslosigkeit (vgl. Malyssek/Störch 2009: 23), die in der »Straßenszene« münden kann.[7] Demnach können diese Faktoren in letzter Konsequenz Wohnungslosigkeit verursachen, „weil dem Einzelnen normorientiertes Verhalten nicht möglich ist“ (ebd.: 32).

3.1. Familienflucht & Verstoßung aus der Familie

Probleme und Krisen zwischen den Eltern, Drogen- und Alkoholabhängigkeiten, psy-chische Probleme wie Depressionen, Krankheit und Tod von Familienangehörigen gehören zu den alltäglichen Belastungen, die für die/den Heranwachsende_n eine einschneidende bis traumatische Bedeutung haben (vgl. Thomas 2010: 54) und zur Familienflucht bzw. Verstoßung aus dem Familiensystem führen können.

Vernachlässigung und Gewalt innerhalb der Familie sind dann ausschlaggebende Fluchtgründe (vgl. Sand 2001: 38; Schruth in Müller/Schulz/Thien 2010: 289), „dabei berichten die Jugendlichen nicht von gelegentlichen Ohrfeigen, sondern von brutalen Schlägen“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 17). Innerhalb der Familie wird die Gewalt häufig nicht als Norm- oder Regelverletzung bewertet, „ sondern konstituiert normale Verhältnisse“ (Steckelberg in BAG W 2010: 60). Infolge dessen können sich Dauerkonflikte in verbalen Entgleisungen, psychischen Erniedrigungen, unverhältnismäßigen Sanktionen, Verboten und Hausarresten, körperlichen Bestrafungen, bis hin zu sadistischer Gewaltanwendung und sexuellem Missbrauch manifestieren (vgl. Thomas 2010: 54). Insbesondere Mädchen und junge Frauen sind verstärkt körperlicher und seelischer Gewalt in sozialen Nahräumen ausgesetzt. Sie haben keine sichere Privat- und Intimsphäre, sondern erleben genau dort Grenzüberschreitungen (vgl. Wesselmann 2009: 25). Bspw. in Form von sexuellem Missbrauch, wobei die engsten Familienangehörigen im Zuge dieser Übergriffe Mädchen in „die Rolle der Sexualpartnerin“ (Weber in Retza/Weber 2001: 53; vgl. auch Bodenmüller/Piepel 2003: 21) drängen. Diese Missbrauchserfahrungen gehen einher mit Isolation, deshalb unternehmen die Mädchen meist Schlichtungsversuche innerhalb der Familie. Schlagen diese fehl und sind andere Widerstandsformen nicht verfügbar (vgl. Trauernicht 1992: 157ff; Bozenhardt/Lindenthal 2002: 110), bleibt ihnen nur die Flucht aus dem Familiensystem.[8]

Konfliktverschärfend kann sich das Zusammenleben mit einem Stiefvater oder Freund der Mutter auswirken, wenn dieser versucht in die Erziehung mit einzugreifen und über das Mädchen oder den Jungen Bestimmungsrechte geltend macht. Damit können sexuelle Übergriffe einhergehen, was sich in der Praxis als ein kaum lösbares Problem darstellt: Die Jugendlichen lehnen das Zusammenleben mit dem Stiefvater oder dem neuen Partner ab, möchten aber zugleich bei der Mutter leben. Während Jungen eher in Rivalitäten mit dem Stiefvater verwickelt werden, müssen Mädchen vorwiegend darunter leiden, dass dieser ihre Eigenständigkeit nicht akzeptiert, Vorschriften macht und strenge Erziehungsmaßnahmen ergreift. Insbesondere wenn das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit für Mädchen noch eine Rolle spielt und durch den Stiefvater oder neuen Partner der Mutter vertreten wird. Diese Konstellation ist für die Jugendlichen auf Dauer nicht zu ertragen und sie flüchten in die »Straßenszene« (vgl. Bodenmüller/Pieper 2003: 18f; Trauernicht 1992: 55, 146f).

Ausbildungsabbrüche sind nach Bodenmüller und Piepel ein weiterer Auslöser dafür, dass die Jugendlichen aus der Familie verstoßen werden (vgl. 2003: 17). Insbesondere das Schul- und Ausbildungsverhalten bei Jungen ist ein Konfliktthema mit den Eltern (vgl. Permien/Zink 1998: 161; Weber in Retza/Weber 2001: 53).

Ein weiterer Belastungsfaktor sind Suchtprobleme der Eltern(-teile)[9] , wenn diese die Verantwortung für den Lebensalltag nicht mehr übernehmen (können). Insbesondere Mädchen werden infolgedessen mit der gesamten Haushaltsführung, der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister oder dem Zuverdienst zum Lebensunterhalt durch Arbeit belastet und somit in Erwachsenenrollen gedrängt (vgl. Weber in Retza/Weber 2001: 53; Bodenmüller/Piepel 2003: 21).

Bozenhardt und Lindenthal beobachteten in ihrer Freiburger Studie, „dass sich die weiblichen Befragten mehrheitlich in der Gruppe derjenigen befinden, die das Erziehungs-verhältnis aktiv beenden, wohingegen die männlichen Jugendlichen eher von ihren Eltern an andere Erziehungsinstanzen überwiesen werden“ (2002: 109). Im Zuge dessen lässt sich vermuten, dass die Reaktionsmuster von Jungen „innerhalb häuslicher Konflikte mit den Eltern eher als unerträglich und nicht kontrollierbar erlebt“ (ebd.: 110) werden und die Eltern die Jungen früher und häufiger in Jugendhilfeeinrichtungen unterbringen (vgl. auch Schruth in Müller/Schulz/Thien 2010: 289).

Daraus ergibt sich die Geschlechterverteilung (vgl. Kapitel 2.3.), dass Mädchen eher auf die »Straße« flüchten und das Geschlechterverhältnis in jungen Jahren noch relativ aus-geglichen ist, wohingegen Jungen erst nach dem Scheitern der Jugendhilfemaßnahmen den Weg in die »Straßenszene« einschlagen.

Mit der Flucht aus der ursprünglichen Lebenswelt wollen sich die Jugendlichen primär einer unhaltbaren Belastungssituation entziehen, was als „aktives Handeln zur Bewältigung bzw. Vermeidung von vielfältigen Mangelerfahrungen zu interpretieren“ (Bozenhardt/Lindenthal 2002: 132) ist. Sie hoffen auf diese Art eine Veränderung in der Familie herbeizuführen und Aufmerksamkeit sowie Verständnis zu erhalten. Erst in Folge mehrerer Fluchten realisieren sie, dass die Aussicht auf Veränderung gering ist (vgl. Permien/Zink 1998: 165f).

Dazu kommt bei vielen die »Hiobsbotschaft«, dass die Eltern „auf erste Fluchten häufig nicht emotional betroffen und nachdenklich reagieren, sondern vielmehr gleichgültig oder aggressiv. Dies wird besonders deutlich daran, ob die Eltern Vermißtenmeldungen aufgeben oder nicht“ (ebd.). Die Erziehungsberechtigten sind so intensiv mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und mit der Erziehung überfordert, „dass sie das Interesse an ihrem Kind verlieren“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 17).[10]

3.2. Ausbruch aus Erziehungseinrichtungen & Abbruch von Jugendhilfemaßnahme

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der eine »Straßenkarriere« begünstigen kann, ist die Ausgrenzung von Mädchen und Jungen aus Jugendhilfeeinrichtungen.

Kommen Jugendliche nach einer längeren Periode des absoluten Selbstbestimmtsein auf der »Straße« in eine Einrichtung, können sie sich kaum in die bestehenden Konzepte einfügen, da diese wenig Raum für die erworbene Autonomie bieten. Interessenkollisionen sind in der Regel vorprogrammiert und stehen an erster Stelle der Abbruchursachen (vgl. Bozenhardt/Lindenthal 2002: 113f). Insbesondere Mädchen, die „auf Grund von Einschränkungen und Bevormundungen ausgerissen sind“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 20f) fällt es schwer „sich an neue Regeln und Grenzen in Hilfeeinrichtungen zu halten“ (ebd.).

[...]


[1] In dieser Arbeit wird auf umgangssprachliche Begriffe bewusst nicht weiter eingegangen, darüber hinaus werden diese Termini eher mit wohnungslosen Jungen und Männern in Verbindung gebracht. Für die Beschreibung von »Straßenjugendlichen« haben sie deshalb nur marginale Bedeutung.

[2] Nach dem KJHG sind »Kinder« Minderjährige unter 14 Jahren. Jugendliche werden als 14-, aber noch nicht als 18-jährige definiert und junge Volljährige als bereits 18, aber noch nicht 27 Jahre alt beschrieben (s. § 7 Abs. 1 Nr. 1-4 SGB VIII).

[3] Die Begriffe »Straßenszene« oder »Straße« beschreiben in dieser Arbeit sowohl Straßen und Plätze als auch weitere öffentliche Orte wie Fußgängerzonen, Passagen, Bahnhöfe, Parkanlagen, Hauseingänge, Abbruchhäuser, Bauwagenplätze etc., an denen sich die Jugendlichen aufhalten.

[4] Der Terminus »Straßenjugendliche« schließt im Folgenden stets auch den Personenkreis der jungen Erwachsenen mit ein. »Straßenjugendliche« ist zwar auch eine weitgefasste Begriffswahl, nicht in Anlehnung an gesetzliche Definitionen und frei von definitorischen Dilemmata hinsichtlich der Heterogenität der Altersstruktur, aber notwendiger ist das Vermeiden der Verfälschung von der Zielgruppe durch den Terminus »Straßenkinder«. Ebenfalls würde eine zu eng gefasste Begriffswahl große Teile der Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der »Straße« ausgrenzen.

[5] Aufgrund der Vielfalt der Definitionsmöglichkeiten wird in dieser Arbeit der Terminus immer gesondert hervorgehoben.

[6] Der Begriff »Straßenkarriere« soll den Fokus nicht nur auf die gegenwärtige Situation der Jugendlichen lenken, sondern auch die Vergangenheit und Zukunft mit einbeziehen. Demnach werden Wechselwirkungen mit der Vorgeschichte der Jugendlichen, ihre biografischen Entwicklungen und der Aspekt, dass sie die »Straße« wieder verlassen können mit berücksichtigt (vgl. Permien/Zink 1998: 11).

[7] Weitere Ursachen können ökonomische Gründe sein (vgl. ebd.), die Wohnungslosigkeit resultiert aber eher selten in der Jugendphase – im Gegensatz zur Erwachsenenproblematik – aus Wohnungsverlust durch Arbeitslosigkeit, Mietschulden etc., sondern begründet sich meist in Problemen in der Herkunftsfamilie (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 11).

[8] Belastend kommt hinzu, dass oftmals nicht die Täter_innen den Familienverband verlassen müssen, sondern die Opfer, um sich vor den Übergriffen und Konflikten zu schützen (vgl. Permien/Zink 1998: 152). Viele Jungen und Mädchen, die Missbrauch erleben, machen die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird, insbesondere wenn sich der Missbrauch innerhalb des Familienverbands zuträgt. Dies erschüttert das Vertrauen in die Elternteile zutiefst (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 17; Napolitano 2005: 55).

[9] Nach einer Studie von Sand war etwa bei der Hälfte der befragten Jugendlichen zumindest ein Elternteil alkoholabhängig (vgl. 2001: 38).

[10] Es ist zu vermuten, dass den Ausstoßungsprozessen ähnliche Konfliktlagen und Verschärfungszusammenhänge zugrunde liegen wie beim Ausreißen. „Die Übergänge zwischen Ausreißen gegen den Willen der Eltern, Weglaufen mit stiller Duldung der Eltern und „Hinausgeworfenwerden“ sind fließend. Zugrunde liegt jeweils eine konfliktträchtige, für eine/n oder alle InteraktionspartnerInnen unerträglich gewordene Situation“ (Bodenmüller 2010: 38).

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Leben auf der Straße. Scheitern oder aktive Bewältigung?
Untertitel
Eine geschlechtersensible Analyse von Ursachen, Bewältigungsstrategien und Belastungen wohnungsloser Jugendlicher und junger Erwachsener
Veranstaltung
Bachelorthesis
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
53
Katalognummer
V201586
ISBN (eBook)
9783656296423
ISBN (Buch)
9783656296126
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Insgesamt 53 Seiten
Schlagworte
Straßenkinder, Straßenjugendliche, Gender, Geschlecht, Soziales, Bewältigungsstrategien, Belastungen, Adoleszenz, Street, Wohnungslos, Obdachlos, Trebe, Ausreißer, Geschlechterbewusst
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts in Social Work Erik Theuerkauf (Autor), 2012, Leben auf der Straße. Scheitern oder aktive Bewältigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201586

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