Über die Figur des Genelun im Rolandslied des Pfaffen Konrad


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Zur Beschreibung des Wesens und der Erscheinung Geneluns

3. Die mehrfache Bedeutung des Verrats

4. Der Kampf zwischen „Gut und Böse“

5. Zum Todesurteil und der Tradition des Zerreißens

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Figur des Genelun erscheint erst auf den zweiten Blick als eine interessante und vielschichtige Persönlichkeit innerhalb des Rolandsliedes des Pfaffen Konrad. Daher werden in dieser Arbeit die Gründe, Umstände und Auswirkungen seines Handelns nä- her untersucht. Erstrebt wird eine Übersicht und Beantwortung der größeren Fragen zur Genelun-Figur.

Während seines Spanien-Kreuzzuges wird Kaiser Karl ein Unterwerfungsangebot von König Marsilie, Anführer der Heiden, unterbreitet. Roland, der Stiefsohn Geneluns und treuer Vasall des Kaisers, schlägt vor, Genelun als Boten für die Aushandlung der Be- dingungen zu König Marsilie zu senden. Genelun ist darüber zutiefst bestürzt und er- bost. Er vermutet, dass Roland ihn und seinen eigenen Sohn um das Erbe bringen möch- te. Daraufhin verbündet er sich mit König Marsilie gegen Karl. Letztendlich führt dies dazu, dass Roland (als Anführer der Nachhut des kaiserlichen Heeres) und seine Ritter durch einen Hinterhalt niedergemetzelt werden. Durch sein Handeln hat Genelun nicht nur dem Heer, sondern auch dem Kaiser und dem Reich der Franken großen Schaden zugefügt. Daher wird er später in Aachen vor Gericht gestellt. Nach einem Zweikampf, der als Gottesurteil dient, wird er zum Tode durch Zerreißen verurteilt.

2. Zur Beschreibung des Wesens und der Erscheinung Geneluns

Genelun verfügt, trotz des ersten Eindrucks eines Verräters, durchaus auch über positive und lobenswerte Eigenschaften. So sieht sein Stiefsohn Roland in ihm einen bestens ge- eigneten Boten für die Verhandlungen mit König Marsilie, er beschreibt Genelun u.a. als c û hn und weise (V. 1364 - 1381)1. Er scheint ein friedliebender Mensch zu sein, der sich statt für einen Krieg lieber für friedlichere Lösungen ausspricht (V. 1132 - 1137). Äußerlich wird er als sehr imposante Erscheinung geschildert, er was dr î er ellen breit und lang gewachsen (V. 1651 - 1654) . Er hat also eine hühnenhafte Statur. Viel mehr erfahren wir über sein Äußeres nicht. Jedoch wird er im direkt nacholgenden Text mit einem Baum verglichen, der auch durchaus schön aussehen kann, der aber im Innern be- reits verfault und voller Gewürm ist (V. 1953 - 1991). Durch diesen Vergleich wird deutlich, dass außen und innen sich widersprechen: Das glänzende Äußere kontrastiert mit dem wahren Wesen Geneluns2.

Ihm fehlt es an einer der wichtigsten Eigenschaften eines Lehnsmannes, wenn nicht der wichtigsten Eigenschaft überhaupt, nämlich der Treue. Er demonstriert stattdessen sehr viel Untreue, was sich beispielhaft daran zeigt, dass er für den Verrat an seinem eigenen König von König Marsilie kostbare Geschenke annimmt (V. 2543-2545: Oliboris hiez ime f ü r tragen / ein helm harte wol beslagen. / diu l î ste was r ô t guld î n. Und V. 2571: si gab ime ain gesm î de). Doch nicht nur der immense Verrat zeigt schlechte Charakterzüge Geneluns auf. In den Augen der Miles Dei orientiert sich Genelun auch an falschen Zie- len. Sie streben nach einem höheren, spirituellen Ziel. Genelun dagegen strebt nach irdi- schen Gütern und materieller Sicherheit. So lässt er sich von König Marsilie die Zu- kunft für seinen Sohn absichern (Vgl. V. 2713-271). Zusätzlich zeigen sich diverse un- christliche Eigenschaften bei Genelun. Diese wären zum Beispiel Infidelitas, die Un- treue zu seinem Lehnsherren; Invidia, Neid; Praesumptio, Überschätzung der Gnade Gottes; und Superbia, Hochmut3.

Fasst man zusammen, dass Genelun sowohl friedliebende als auch verräterische Eigen- schaften hat, so bleibt trotzdem die Frage nach dem Hass zu seinem Stiefsohn. In der Forschung wurde dafür bisher keine befriedigende Antwort gefunden. Es wir eine gene- relle Problematik zwischen Stiefeltern und Stiefkindern als Ursache vermutet4. Meiner Meinung nach wurde nicht genügend berücksichtigt, dass Roland nicht unmit- telbar auf Geneluns Vorwurf reagiert. Man könnte annehmen, dass der Vorwurf eines Hinterhalts oder Mordversuchs Rolands Ehrgefühl so sehr verletzt, dass er empört auf- springt und dem Vorwurf widerspricht. Roland beginnt seine Verteidigung jedoch erst in Vers 1469, 82 Verse nach dem Vorwurf. Diese sind gefüllt mit der Diskussion zwischen Karl und Genelun. So hat Roland theoretisch genug Zeit, sich eine Antwort „zurecht- zulegen“, sollte er tatsächlich nach Geneluns Leben trachten. Zudem war sich Roland, als er Genelun als Boten vorschlägt, darüber im Klaren, welche Gefahren dies mit sich bringt. Er erzählt davon, dass bereits zweien seiner Boten der Kopf abgeschlagen wurde, und dass Marsilie nicht zu trauen sei (V. 1147 - 1148). Im Text werden ansons- ten keine weiteren deutlichen Hinweise zu den tatsächlichen Motiven Rolands oder zur Vorgeschichte der beiden gegeben. Dadurch, dass Roland ein sehr inkonsequentes Verhalten aufweist, erscheint mir Geneluns Befürchtung nicht unbegründet.

[...]


1 Wobei in der Forschung nicht eindeutig geklärt ist, ob Roland Genelun tatsächlich lediglich für den besten Boten hält, oder ob er doch den Hintergedanken hat, Genelun in den sicheren Tod zu schicken.

2 Zur Symbolik des Wurmes für den Teufels siehe Kap. 4.

3 Siehe Ohly,Friedlich: Zum Reichsgedanken des deutschen „Rolandsliedes“. In: Schnell, Rüdiger (Hrsg.): Die Reichsidee in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983 (Wege der Forschung; Bd.589). S. 123. Im Nachfolgenden: „Ohly: Zum Reichsgedanken.“ genannt.

4 Vgl. Spiewok, Wolfgang: Der Verrat des Ganelon/Genelun in der Chanson de Roland und im Rolandslied des Konrad. In: Buschinger, Danielle; Spiewok, Wolfgang: Das „Rolandslied“ des Konrad. Gesammelte Aufsätze von Danielle Buschinger und Wolfgang Spiewok. Greifswald: Reineke 1996 (Reinekes Taschenbuch-Reihe; Bd.15).

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Über die Figur des Genelun im Rolandslied des Pfaffen Konrad
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistik)
Veranstaltung
Das Rolandslied
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V201725
ISBN (eBook)
9783656277361
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, figur, genelun, rolandslied, pfaffen, konrad
Arbeit zitieren
Johanna Labo (Autor), 2012, Über die Figur des Genelun im Rolandslied des Pfaffen Konrad, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201725

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