Intertextualität in Wirnt von Grafenbergs 'Wigalois'


Hausarbeit, 2011
15 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. INTERTEXTUALITÄT

3. INTERTEXTUALITÄT IM MITTELALTERLICHEN AUFSCHREIBESYSTEM

4. INTERTEXTUALITÄT IM WIGALOIS
4.1 INTERTEXTUALITÄT IM WIGALOIS AM BEISPIEL DER KORNTIN-EPISODE
4.2 INTERTEXTUALITÄT IM WIGALOIS AM BEISPIEL DER RUEL - EPISODE
4.3 INTERTEXTUALITÄT IM WIGALOIS AM BEISPIEL DER NAMÛR - EPISODE

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich die Intertextualität in Wirnts von Grafenberg Wigalois untersuchen. Meine Themenwahl liegt darin begründet, dass mich im Seminar das Thema Intertextualität besonders interessiert hat. In einigen von mir besuchten Proseminaren im Modul der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft ist der Themenkreis Intertextualität im Zuge um die Autorschaftsdebatten aktuell stark thematisiert. Mich hat es gereizt zu erfahren, ob es Intertextualität in mittelalterlicher Literatur bereits gibt und wie sie sich äußert. Aus diesem Grund möchte ich hier die Intertextualität im Wigalois zum Gegenstand der Untersuchung machen.

Der Wigalois lässt sich auf mehreren Ebenen analysieren. Neben der Intertextualität können exemplarisch Elemente wie Religion, die Struktur, Protagonisten und der Erzähler untersucht werden. Die Intertextualität reiht sich in eine Kette von untersuchbaren Elementen ein. Da die höfische Literatur, zu der der Artusroman ebenfalls gehört, die erste rein schriftliche Gattung der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters im deutschen Sprachraum ist, findet sie unter Literaturwissenschaftlern hohen Anklang und hat bereits viele Forschungen ausgelöst, die noch immer stattfinden.

Ich werde meine Darstellung beginnen mit einer kurzen Erläuterung über die Herkunft und den Begriff der Intertextualität. Im Anschluss gehe ich auf die Funktionen der Intertextualität ein und werde mich im Folgenden auf die Funktion der Intertextualität, das Erzeugen von Sinn, begrenzen. Sodann thematisiere ich die Intertextualität im mittelalterlichen Aufschreibesystem und prüfe, inwiefern es Intertextualität im Mittelalter überhaupt gibt und ob sich der moderne Intertextualitätsbegriff auf diese Epoche überhaupt anwenden lässt. Darüber hinaus werde ich erläutern, wie Intertextualität funktioniert. Ich werde die Intertextualität anhand von drei Text- beziehungsweise Handlungspassagen aus dem Wigalois prüfen und in einem Fazit die Ergebnisse zusammentragen.

2. Intertextualität

Julia Kristeva entwickelte in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, resultierend aus einer Beschäftigung mit den Schriften Bachtins, das Intertextualitätskonzept.[1] Im Zuge einer allgemeinen Kultursemiotik wird der Textbegriff von ihr radikal verallgemeinert.[2] Kristeva verwendet Michail Bachtins Unterscheidung zwischen einer horizontalen Dimension, dem Text-Wirklichkeits-Bezug und einer vertikalen, dem Text-Text-Bezug.[3] Kristeva wertet zum Nachteil der horizontalen Dimension die vertikale auf, die die eigentliche intertextuelle Dimension darstellt, sodass der Text-Text-Bezug den Text-Wirklichkeits-Bezug mit einschließt. Bachtin setzte also zunächst eine Differenz zwischen der realen Historie und der Gesellschaft und obendrein zwischen den Wörtern und der Sprache. Folglich baut die Ausweitung des Textbegriffs die bislang eindimensionale Methode, Text über das Zeichensystem zu definieren, aus. Kristeva bezieht Phänomene wie Historie und Gesellschaft in ihren Textbegriff mit ein. Demnach stellt alles Text dar. Ausschließlich Einzel- und Intertext lassen sich voneinander abgrenzen.[4] Jeder Text verweist insofern auf den ihn einschließenden intertextuellen Raum.[5]

„[Die Intertextualität] betrachtet Texte als Modelle für die Prozesse der Semiotisierung und Symbolisierung einer Kultur, für die vielfältigen Austauschvorgänge zwischen kulturellem, kollektivem und individuellem Gedächtnis. Deshalb versetzt sie den einzelnen Text zurück in das Gesamt der ihn umgebenden Texte und fragt nach den Lektüren, nach möglichen Lesearten vor dem Hintergrund der anderen Texte. […] [Was] sie sucht, existiert nicht in, sondern zwischen Texten und wird in der kulturellen Dynamik momentan aktualisiert.“[6]

Durch die kristevaische Erweiterung des Textbegriffs hat der Text zudem an Sinngebung verloren. Ist alles Text, so lassen sich aus Texten keine Kenntnisse mehr gewinnen und historische Unterscheidungen bleiben aus.[7]

Einige Literaturwissenschaftler arbeiten an Strategien um Kristevas Intertextualitätsbegriff, der ihrem Verständnis nach zu radikal verstandenen wurde, zu neutralisieren.[8] Andreas Kablitz, ein solcher Vertreter, der die Neutralisierung des kristevaischen Intertextualitätsbegriffs unterstützt, argumentiert mittels der Einschränkung des Gültigkeitsbereichs des Intertextualitätsbegriffs. Kablitz versucht die Grenzen der Intertextualität anhand des Einbezugs epochaler Unterschiede im Umgang mit Literatur festzustecken. Das Fazit laute, daß [sic] Intertextualität je nach historischen Prämissen ganz unterschiedliche Funktionen habe; in der Spätmoderne diene sie zur Erosion von Sinn, im Mittelalter dagegen zu Gewinnung von substanzhaftem Sinn.[9] Da im Folgenden ein Artusroman zum Gegenstand der Beobachtung wird, ist allein die letztere Funktion, der Gewinn von Sinn, brisant.

3. Intertextualität im mittelalterlichen Aufschreibesystem

Im Mittelalter, vor der Innovation durch den Buchdruck, konnte nicht von Text im modernen Sinn gesprochen werden. Texte wurden vorwiegend mündlich überliefert, indes der Begriff Schriftlichkeit, so wie wir ihn heutzutage kennen, mit der Erfindung des Buchdrucks einherging.[10]

In der höfischen Literatur, die als erste rein schriftliche Gattung der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters im deutschen Sprachraum gilt, ist das Erzählen feste Tradition des höfischen Lebens. Erzählen soll die sozialen Werte der Artuswelt weitergeben. Zudem hat Erzählen die Aufgabe im Zuge einer „laudatio temporis acti“ an vorteilhaftere gewesene Zeiten zu erinnern und wiederum die dilettantische Gegenwart zu kritisieren. Erzählen bedeutet folglich Vergangenes zu vergegenwärtigen.[11]

Die mittelalterliche Literalität wird von Paul Zumthor näher definiert durch den Begriff der mouvance, der die eigentümliche Erscheinungsform mittelalterlicher Literatur repräsentieren soll. Dementsprechend sind poetische Werke Erzeugnisse von Abstraktionen.[12] Die separaten Fassungen beziehen sich simultan aufeinander, im Sinne inhaltlicher Affinität und differenzieren sich sogleich voneinander. Auf die Art der Differenzierung geht Zumthor jedoch nicht ein. Robert Jauß sieht die Differenz der Abschriften in den verschiedenartigen Ausführungen der separaten Werke gelegen. Nach Zumthor büßt die Textgestalt, hervorgehend aus der inhaltlichen Konformität der Texte, an Identität mit sich selbst ein. Zumthor bietet jedoch einen Lösungsvorschlag für die geschwundene Identität an. Er verweist auf den zeitgenössischen Analphabetismus, der die mündliche Überlieferung zur geläufigen Tradierungsweise macht. Aus der Gegebenheit der Aufführungssituation folgt eine Verbundenheit zwischen dem Erzähler und seiner Zuhörerschaft, da sie die gleichen Normen und Ideologien vertreten. Die Rezipierbarkeit mittelalterlicher Texte, insofern man von Text, wie man ihn in der Moderne kennt, sprechen kann, machen zwei Bedingungen möglich. Zum einen durch die bereits zur Tradition gewordenen Inhalte der Texte und zum anderen durch die Darstellung beim Erzählen selbst. Diese Gegebenheiten stellen den mittelalterlichen Text grundlegend in ein diskursives Feld, bestehend aus den gemeinsamen Wertevorstellungen von Erzähler und Zuhörer. In Anlehnung an Paul Zumthor nennt Robert Jauß die spezifisch mittelalterliche ästhetische Erfahrung. Dieser zufolge ist für die Rezeption des Textes die Intertextualität ausschlaggebend. Die Charakteristika, die einmaligen Elemente eines Textes, die diesen von allen anderen abgrenzen, desgleichen Einzeltext genannt, muss zum Vorteil der Intertextualität negiert werden. Die Inhalte mittelalterlicher Texte sind den Rezipienten vorwiegend vertraut und in der Regel gibt es mehrere unterschiedliche Fassungen. Somit stellt ein Einzeltext, der einen bestimmten Gehalt aufgreift, Bezug zu allen anderen Einzeltexten her, die dasselbe Thema behandeln. Infolgedessen ist sowohl für die Produktion, also auch für die Rezeption die Intertextualität, die zwischen den Einzeltexten besteht, ein grundlegender Aspekt. Da der Werkcharakter negiert wird und nur die Intertextualität zur Rezeption herangezogen wird, entsteht Bedeutung alsdann durch den Bezug zwischen einem Einzeltext und anderen Texten.[13]

[...]


[1] vgl.: Klinkert 2006, S. 27.

[2] vgl.: Pfinster 1985, S. 7.

[3] vgl.: Fauser 2003, S. 7.

[4] vgl.: Klinkert 2006, S. 29-31.

[5] vgl.: Pfinster 1985, S. 7-9.

[6] s.: Fauser 2003, S. 139.

[7] vgl.: Klinkert 2006, S. 31-33.

[8] ebd.: S. 35.

[9] ebd.: S. 37.

[10] ebd.: S. 42.

[11] vgl.: Butzer 2005, S. 159-160.

[12] vgl.: Klinkert 2006, S. 42.

[13] ebd.: S. 42-44.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Wirnt von Grafenbergs 'Wigalois'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Wigalois
Note
1.3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V201754
ISBN (eBook)
9783656282815
ISBN (Buch)
9783656283461
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Wigalois, Wirnt von Grafenberg
Arbeit zitieren
Sonja Neumann (Autor), 2011, Intertextualität in Wirnt von Grafenbergs 'Wigalois', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201754

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