Qualitative Sozialforschung – das Erhebungsverfahren der Gruppendiskussion


Hausarbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition: Gruppendiskussion

3. Geschichtlicher Diskurs

4. Unterschied zum narrativen Interview

5. Anwendungsgebiete und Relevanz

6. Beschreibung/ Verlauf der Methode

7. Rolle vom/ der ModeratorIn/ ForscherIn

8. Ausblick/ Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang
10.1. Tabellarisch aufgeführte Vor- und Nachteile im Vergleich zum Einzelinterview
10.2. Tabellarisch aufgeführte Vor- und Nachteile von Gruppen-diskussionen
10.3. Punkteplan einer Durchführung
10.4. Beispiele für das Gruppendiskussionsverfahren in der

1. Einleitung

In der heutigen kommerziellen Markt- und Meinungsforschung, „insbesondere bei den Marktforschern in Industrieunternehmen, gewinnt die Gruppendiskussion zunehmend an Beliebtheit, weil es eine kostengünstige und (..) leichte Methode ist, an wichtige, entscheidungsrelevante Informationen zu kommen“ (Lamnek 2005a, S. 411). So ist der Begriff „focus group“ in der Marktforschung in den USA beinahe zu einem Synonym für qualitative Methoden geworden. Der methodologischen Bedeutung des Gruppendiskussionsverfahrens wird in der Marktforschung allerdings im Gegensatz zum Individualinterview kaum Rechnung getragen (vgl. Bohnsack 2010, S. 105). Vergleicht man die Anwendung anderer kommunikativer Verfahren der Informationsgewinnung im empirischen Sektor mit der Gruppendiskussion, hat diese Methode eher ein „Schattendasein“ (vgl. ebd. S. 408), „obwohl sozialwissenschaftliche Sätze und Aussagen sich zumeist auf kollektive Sachverhalte beziehen bzw. auf Sachverhalte, die nur in ihrer Eingebundenheit in kollektive Strukturen zu erfassen sind, dominieren in der Forschungspraxis zumeist individualisierende Zugriffsweisen“ (Loos/Schäffer 2001, S. 9). Mittels des Gruppendiskussionsverfahrens kann ein empirisch überprüfbarer Zugang zu kollektiven Phänomenen, anhand einzelner Fälle von Gruppen gefunden werden, ohne sich dabei in deren Individualität zu verlieren (vgl. ebd. S. 10).

Anfangs gibt es in dieser Arbeit die Definition und einen geschichtlichen Einstieg in die Thematik. Anschließend sollen Differenzen zu einer anderen Methode, die Anwendungsgebiete und die Beschreibung des Verfahrens benannt werden. Abschließend werde ich auf die Rolle der Moderation eingehen und mit einem Fazit enden.

2. Definition: Gruppendiskussion

Es existiert hinsichtlich der Terminologie keine Einigkeit und Einheitlichkeit in den Vorstellunginhalten, die mit der Begrifflichkeit der Gruppendiskussion assoziiert wird. Dies ist nicht nur den Differenzierungen der jeweiligen Erkenntnissinteressen verschuldet, sondern es handelt sich um Begrifflichkeiten, die eher verwirrend als klärend sind (vgl. Lamnek 2005b, S. 26). Beispielsweise kann der Terminus „Diskussion“ in die Irre leiten, diskutiert wird ja zumeist mittels des Austausches von Argumenten, dies ist aber auch bei natürlichen Gesprächen nicht durchgängig der Fall (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 13). „In ihnen wird auch biografisch oder handlungsbezogen erzählt, es wird sich gemeinsam erinnert, Beschreibungen werden wechselseitig ergänzt“ (ebd. S. 13). Egal welche dieser Gesprächsformen in einer Gruppendiskussion auch auftauchen, es wird keine von vornherein ausgeschlossen (vgl. ebd.).

Morgan definiert die Gruppendiskussion wie folgt: „Die Gruppendiskussion ist eine Erhebungsmethode, die Daten durch die Interaktionen der Gruppenmitglieder gewinnt, wobei die Thematik durch das Interesse des Forschers bestimmt wird“ (Morgan 1997 zit. n. Lamnek 2005b, S. 27). Dieser Begriffsbestimmung ähnelt der von Lamnek, bei ihm ist „die Gruppendiskussion (..) ein Gespräch mehrerer Teilnehmer zu einem Thema, das der Diskussionsleiter benennt, und [sie] dient dazu, Informationen zu sammeln“ (Lamnek 2005a, S. 408). Loos und Schäfer charakterisieren die Gruppendiskussion zudem noch als ein von außen initiiertes Zustandekommen einer Gruppe, meist eine Realgruppe die auch außerhalb der Erhebungssituation existiert (z.B. Clique) (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 13): „Oder eine Gruppe, deren Mitglieder über strukturidentische sozialisationsgeschichtliche Hintergründe verfügen (z.B. denselben Beruf ausüben)“ (ebd.). Desweiteren ist die Gruppendiskussion eng mit der Methode der Befragung verwandt, „schließlich ist sie als Kritik an der standardisierten Einzelbefragung entwickelt worden. Sie kann als spezifische Form eines Gruppeninterviews bezeichnet werden“ (Lamnek 2005a, S. 408).

Die genannten Definitionen sind relativ weit gehalten, dies erscheint angesichts der differenzierten Variationen und Modifikationen von Gruppendiskussionen aber auch notwendig (vgl. Lamnek 2005b, S. 27).

3. Geschichtlicher Diskurs

Die Gruppendiskussion ist im Vergleich zu anderen Methoden der empirischen Sozialforschung eine relative junge Technik. Sie wurde erstmals von Kurt Lewin und seinen Schülern in den vierziger Jahren eingesetzt (vgl. Lamnek 2005b, S. 18) und wurde dann in den USA und Großbritannien zunächst als Erhebungsinstrument ab Ende der vierziger Jahre benutzt. Dort bildete sich im angelsächsischen Sprachraum mit dem Begriff „focus group“ eine eigene Traditionslinie heraus, die eher eine marginale Stellung im Forschungsgefüge hatte. Zu Beginn wurden die Gruppendiskussionen als entdeckendes Verfahren innerhalb der Umfrageforschung eingesetzt. Innerhalb dieser Orientierung am qualitativen Paradigma wurden die Gruppen dann nach soziodemografischen Kriterien zusammengestellt und anschließend zunehmend auch Verfahrensweisen entgegengestellt, die sich mit Realgruppen beschäftigten. Eine andere Bezeichnung: „Group discussions“ mit einer anderen Akzentuierung des Verfahrens, finden sich vor allem im Zusammenhang mit den „cultural studies“ im Gebiet der Jugend-, Frauen- und Medienforschung wieder (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 15-16).

Das Gruppendiskussionsverfahren wurde in Deutschland Mitte der fünfziger Jahre zum ersten Mal im Kontext des Frankfurter Instituts für Sozialforschung verwendet (vgl. Bohnsack 2010, S. 105). Es ist im zusammengestellten Band von Pollock (1955) dokumentiert und einer breiteren Öffentlichkeit dadurch bekannt gemacht worden. Damit stellt das Buch den Ausgangspunkt der Diskussion in der Bundesrepublik dar (vgl. Lamnek 2005a, S. 411). Die Veröffentlichung des Frankfurter Instituts löste einen ersten „Boom“ aus, was sich Mitte bis Ende der fünfziger Jahre zeigte. Es entstanden im Bereich der Bildungsforschung sowie in der Marktforschung einflussreiche Studien (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 21). In Bezug auf die Weiterentwicklung des damaligen Erkenntnisstandes und eine gleichzeitige konzeptionelle Fortentwicklung bildet zunächst Mangolds Dissertation (1960) einen Abschluss der umfangreichen methodologischen Diskussion um die Gruppendiskussion in den fünfziger Jahren (Lamnek 2005a, S. 411). Sein Konzept beinhaltete informelle Gruppenmeinungen, die sich in sozialen Großgruppen ausbilden. Bis dahin wurden Gruppendiskussionen als Gruppenkontrolle nur unter dem Aspekt der Auffassungen und Einstellungen Einzelner gesehen. Nun begann die Erforschung des Kollektives und gemeinschaftlicher feststehender Ausrichtungen. Die Gruppenmeinung stand im Vordergrund, jedoch ohne grundlagentheoretische Begründung (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 21-23, Bohnsack 2010, S. 106-107). Mangolds Dissertation bildet zunächst einen Abschluss der umfangreichen methodologischen Diskussion um die Gruppendiskussion in den 50er Jahren und gleichzeitig eine konzeptionelle Fortentwicklung des damaligen Erkenntnisstandes“ (Lamnek 2005a, S. 411). Bis weit in die siebziger Jahre stellte diese Arbeit unter methodologisch-methodischen Gesichtspunkten den Höhepunkt der Entwicklung dar, bis die Gruppendiskussion in einer interaktionistischen Variante neu entdeckt wurde und eine Wiederaufnahme der methodisch-methodologischen Bemühungen in Angriff genommen wurde (vgl. Loos/Schäffer 2001, S. 21, Lamnek 2005a, S. 412). Mitte der achtziger Jahre wurde das Gruppendiskussionsverfahren dann zunehmend von der Jugendforschung aufgegriffen, parallel dazu entwickelte Bohnsack zusammen mit Mangold das Verfahren weiter (Loos/Schäffer 2001, S. 26). „Um die letzte Jahrhundertwende treten in den Arbeiten um Bohnsack neue Überlegungen zum Zwecke der Ermittlung kollektiver Orientierungsmuster durch Gruppendiskussionen hinzu“ (Lamnek 2005a, S. 412).

4. Unterschied zum narrativem Interview

Das Erzählprinzip im narrativen Interview beinhaltet implizit eine retrospektive Interpretation des erzählenden Individuums. Damit ist es als Methode der Datenerhebung prädestiniert dafür, als Biografie- und Lebenslaufforschung eingesetzt zu werden (vgl. Lamnek 2005a, S. 357-358). In der Gruppendiskussion wird aber die kollektive Vernetzung der Interviewten berücksichtigt und im Bezug auf die Fragestellung eingebunden. Damit werden Konturen herausgearbeitet, welche auf die konstitutiven milieuspezifischen und lageabhängigen Erlebnisse hinterfragt werden können. Im Gegensatz dazu steht im narrativen Interview, der/ die Interviewte im Schnittpunkt unterschiedlicher Bezugsgruppen oder abstrakter formuliert: unterschiedlicher sozialer Welten, Subkulturen und Milieus. Dadurch hat er/ sie Partizipation an unterschiedlichen Wirklichkeiten. Autobiografische Erzählungen in einem narrativen Interview bspw. haben keine so starke Bindung an eine bezugsgruppen- oder milieuspezifische Wirklichkeit. Das wird alleine dadurch deutlich, dass im narrativen Interview in der Regel mit der Ausgangsfragestellung (vgl. Bohnsack 2010, S. 114-116), „die Zeitspanne der gesamten bisherigen Lebensgeschichte vorgegeben ist; und im Gegensatz zum Gruppendiskussionsverfahren darf der Interviewer als interaktives gegenüber des Erzählers nicht zum Kreis der (alltags-)relevanten anderen (also nicht zu einer der Bezugsgruppen) gehören“ (ebd. S. 116).

Mittels der Gruppendiskussion sollen tiefer liegende Haltungen, Werte und Meinungen herauskristallisiert werden, die erst zu dem Zeitpunkt in Erscheinung treten, wenn das Individuum innerhalb einer Gruppe dazu angeregt wird, einen gemeinsamen Standpunkt zu artikulieren. Der Mensch verhält sich als Einzelner anders als in einer Gruppe, da verschiedene Erfahrungen auf den Einzelnen wirken. Demnach können Texte produziert werden, deren primärer Erfahrungsrahmen ein kollektiver ist (vgl. Bohnsack 2010, S. 116-121). Ein narratives Interview und die Gruppendiskussion sind demnach Methoden zur Informationsgewinnung. Während beim Interview der/ die ForscherIn eine Person befragt, geschieht dies in der Gruppendiskussion mit mehreren, welche in die Untersuchung einbezogen werden. Dabei ist seltener die individuelle Meinung der Befragten von Interesse, sondern vielmehr die kollektive Meinung. Infolgedessen eignet sich die Gruppendiskussion auch nicht zur Analyse individueller Erfahrungen.[1]

[...]


[1] Siehe Anhang 10.1. tabellarisch aufgeführte Vor- und Nachteile im Vergleich zum Einzelinterview

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Qualitative Sozialforschung – das Erhebungsverfahren der Gruppendiskussion
Veranstaltung
Qualitative Sozialforschung in der Sozialen Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V202197
ISBN (eBook)
9783656283034
ISBN (Buch)
9783656283447
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
10 Seiten ohne Deckblatt/Inhaltsverzeichnis/Quellenangabe/Anhang
Schlagworte
Gruppendiskussion, qualitativ, quantitativ, soziale arbeit, sozialarbeit
Arbeit zitieren
B.A. Erik Theuerkauf (Autor), 2011, Qualitative Sozialforschung – das Erhebungsverfahren der Gruppendiskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202197

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