Die RAWA als Stimme der afghanischen Frauen

Entstehungsgeschichte, Vorgehensweise und Akzeptanz im Land


Bachelorarbeit, 2012
52 Seiten, Note: 1,3
Maria Müller (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund

3. Die Situation der afghanischen Frauen im Wandel der Geschichte
3.1 Die Begriffe des Patriarchismus und des Paschtunwali
3.1.1 Patriarchismus
3.1.2 Paschtunwali
3.2 Reformierungsversuche
3.2.1 Reformen von 1900 bis 1929
3.2.2 Reformen von 1929 bis 1978
3.2.3 Blütezeit unter kommunistischer Herrschaft
3.3 Der Anfang des Leidens
3.4 Gegenwart und Zukunft

4. Die RAWA als Stimme der afghanischen Frauen
4.1 Biografischer Abriss von Meena
4.2 Die Gründung der RAWA 1977
4.3 Die Vorgehens- und Arbeitsweise der RAWA
4.3.1 Förderung von Bildung
4.3.2 Errichtung des Malalai Krankenhauseses
4.3.3 Propagandamittel
4.4 Die Arbeit der RAWA am Beispiel von Zoya
4.5 Zukunftsaussichten für Frauen

5. Zusammenfassung und Fazit

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Das Wort Afghanistan ist ein beinah alltäglicher Begriff. Es vergeht kein Tag, an dem man nichts über das Land am Hindukusch und die dortigen Geschehnisse aus den Nachrichten erfährt. Dieses Land erschüttern seit Jahrzehnten Krisensituationen, aber welche Folgen das für die Zivilbevölkerung Afghanistans hatte und immer noch hat, wissen nur die Wenigsten. Vielleicht wird dies auch dadurch bedingt, dass die Nachrichten, besonders seit dem Terroranschlag auf die Twin-Towers in New York am 11. September 2001, sich ständig zu wiederholen scheinen und damit das Interesse an dieser Thematik automatisch abnimmt. Beschäftigt man sich jedoch näher mit der Situation in Afghanistan, weiß man, dass unter den dortigen katastrophalen Zuständen seit jeher die weibliche Bevölkerung besonders stark zu leiden hat. Oft musste sie die schlimmsten Lebensbedingungen ertragen, die für die westliche Welt kaum vorstellbar sind.

Mein persönliches Interesse an diesem Thema wurde dadurch geweckt, dass ich vor einiger Zeit den Roman „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“[1] der iranisch-deutschen Autorin Siba Shakib las. Siba Shakib begegnet auf einer Reise nach Afghanistan der Afghanin Shirin Gol, die bereit ist ihr ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sehr bewegend wird geschildert, wie Shirin Gol in einer ländlichen Region Afghanistans aufwächst, in ihrer Jugend den Einmarsch der Russen erlebt, wie sich ihre Familie schließlich dem Widerstandskampf der Mudschahid anschließt, und die darauf folgende Gewaltherrschaft der Taliban. Dabei steht Shirin Gols Lebensodyssee exemplarisch für viele andere Frauenschicksale in Afghanistan.

Ich bin nicht die Einzige, die diesen Roman gelesen hat und sehr erschütternd fand, aber wo für viele mit Ende des Buches auch das Thema erledigt war, begann bei mir erst das richtige Interesse an dieser Problematik. Ich wollte mehr erfahren über die Frauen in Afghanistan, über ihr Leben, und vor allem welche Möglichkeiten es gab und aktuell gibt, ihre Situation zu verbessern. Bei meinen Recherchen stieß ich wiederholt auf den Namen einer Organisation: RAWA. RAWA steht für Revolutionary Association of the Women of Afghanistan, eine frauenrechtliche Organisation, die 1977 in Kabul von einer Afghanin namens Meena Keshwar Kamal (1957 – 1987) gegründet wurde und sich seitdem für Frauenrechte und soziale Gerechtigkeit in Afghanistan einsetzt. Dabei versucht RAWA sich auf friedvolle Art und Weise aktiv in der Frauenbildung, im Gesundheitswesen und in der Politik zu engagieren.[2] Es gibt noch eine Vielzahl von anderen Organisationen, die sich ähnlichen Themengebieten widmen, aber RAWA gehört sicherlich zu den Bedeutendsten und auch zu den Aktivsten. Sie leistet damit einen großen Beitrag, die Lebenssituation der Zivilbevölkerung zumindest in kleinen Schritten zu verbessern.

In meiner Bachelorarbeit gehe ich zunächst kurz auf die jüngere Geschichte Afghanistans ein. Afghanistan hat eine äußerst bewegte Geschichte, geprägt durch zahlreiche Regierungswechsel und damit verbundenen Kriegen, daher beschränke ich mich auf grundlegende Daten. Als besonders hilfreich erwies sich dabei die „Kleine Geschichte Afghanistans“ von Conrad Schetter[3] , in der man alle relevanten Informationen und Daten findet, die man braucht um die komplizierten historischen Zusammenhänge zu verstehen.

Die wechselnden Machtverhältnisse der letzten Jahrzehnte haben natürlich auch die Situation der Frau massiv beeinflusst, dieser widme ich folglich ein eigenes Kapitel. Es fanden im Laufe der Jahre einige Reformierungsversuche statt, die den Status der Frau verbessern sollten. Frauen erlebten besonders während der Sowjetbesatzung des Landes in den achtziger Jahren eine Blütezeit, die von den kriegerischen Auseinandersetzungen der Mudschahid und dem darauf folgenden Talibanregime abrupt beendet wurde. Lesenswert zu diesem Thema ist die Biografie „Das verbotene Gesicht – Mein Leben unter den Taliban“ der Afghanin Latifa[4] , die eindrucksvoll ihr Martyrium als Frau unter dem Taliban Regime schildert und die viel zu meinem Verständnis beigetragen hat, wie grauenvoll für die Frauen in Afghanistan diese Gewaltherrschaft gewesen sein muss.

Der Fokus meiner Bachelorarbeit liegt auf der Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA). Ich gehe dabei zuerst auf ihre Entstehungsgeschichte ein, und die Motive der Afghanin Meena, die RAWA 1977 in Kabul zu gründen. Danach schildere ich die eigentliche Arbeit der Organisation und die Bereiche des öffentlichen Lebens, in denen sie sich engagiert. Damit verbunden sind auch viele Gefahren, denen sich die Mitglieder tagtäglich aussetzen müssen, um mit ihrer Arbeit Erfolg zu haben. Besonders war dies während des Talibanregimes der Fall. Mein besonderes Interesse hat eine RAWA Aktivistin geweckt, Zoya genannt, die sich auch aktuell noch enthusiastisch für die Organisation einsetzt. Durch ihre Autobiografie, „Mein Schicksal heißt Afghanistan“[5] , erhält man einen guten Einblick in die Arbeit von RAWA, ebenso wie in die Beweggründe einer Frau, diese sehr gefährliche Arbeit aufzunehmen und der Organisation voller Leidenschaft das eigene Leben zu widmen. Außer der Biografie von Zoya existieren unter anderem drei weitere prägnante Werke, die die Arbeit von RAWA gut beschreiben: „With all our strength“ von Anne E. Brodsky[6] , „Veiled courage – Inside the Afghan women’s resistance“ von Cheryl Benard[7] und „Meena – Heroine of Afghanistan“ von Melody Ermachild Chavis.[8] Das zuletzt genannte Werk ist eine Biografie über die RAWA-Gründerin Meena.

Meine Schlussbetrachtung wird eine Zusammenfassung über die Arbeit der RAWA sein: Wie ist die Organisation entstanden und mit welchen Mitteln versuchen die Aktivistinnen die Menschen in Afghanistan und überall auf der Welt zu erreichen? Abschließend werde ich versuchen ein Fazit zu ziehen, inwieweit die Arbeit der RAWA in Afghanistan etwas bewirkt. Es ist sicherlich interessant zu hinterfragen, ob die RAWA es überhaupt schaffen kann in einer von Männern dominierten Welt genügend Einfluss zu entwickeln, um somit der Bevölkerung von Nutzen zu sein.

2. Geschichtlicher Hintergrund

Afghanistan schaut auf eine äußerst bewegte Geschichte zurück, es scheint, als sei das Land stets ein Spielball der Großmächte gewesen. Dabei ist es eins der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. „Das hängt zum Teil mit seiner Topografie zusammen, die es lange Zeit sehr unzugänglich machte“ (GOODWIN 1994: 103). Bedingt durch seine geografische Lage, strategisch günstig gelegen zwischen Zentral- und Südasien und umringt von zahlreichen Nachbarstaaten wie u.a. dem Iran, Pakistan und der Volksrepublik China, stand Afghanistan zudem oft unter starkem Fremdeinfluss.

Dies war schon im 19. Jahrhundert der Fall, als Großbritannien seine Kolonien in Indien schützen wollte, während Russlands Interesse dem Zugang zum Indischen Ozean galt (SCHETTER 2010: 55). Afghanistan lag somit geografisch im Zentrum des Konfliktes, der auch als „Great Game“ der Weltmächte Russland und Großbritannien bezeichnet wird. Diese Auseinandersetzungen gipfelten in insgesamt drei anglo-afghanischen-Kriege, in denen die Briten versuchten ihre Vormachtsstellung in Afghanistan zu sichern. Im ersten anglo-afghanischen-Krieg (1839-1842) scheiterten sie mit ihrer Mission gänzlich, was für die Briten eine der verheerendsten Niederlagen ihrer Geschichte werden sollte (SCHETTER 2010: 60). Doch bereits im zweiten anglo-afghanischen-Krieg (1878-1880) konnte die britische Armee in der Schlacht von Maiwand am 27. Juli 1880 ihre Überlegenheit gegenüber den afghanischen Aufständischen demonstrieren, und herrschte fortan über Kandahar (SCHETTER 2010: 67-68). Diese Fremdherrschaft sollte bis 1919 anhalten, als es zum dritten anglo-afghanischen-Krieg kam. „Jedoch wurden die Kämpfe bald eingestellt: Großbritannien war durch den Ersten Weltkrieg kriegsmüde, und das afghanische Militär zeigte sich unfähig, die Briten ernsthaft herauszufordern“ (SCHETTER 2010: 74). Damit erlangte Afghanistan am 8. August 1919 nach fast 40 Jahren britischer Besetzung völlige Unabhängigkeit. Herrscher über Kabul war zu jener Zeit Amanullah[9] . Dieser setzte zahlreiche Modernisierungsprogramme durch, bis er sich schließlich 1926 selber zum König ernannte, weil er sich „als Herrscher über ein weltliches Königreich und nicht über ein religiöses Emirat verstand“ (SCHETTER 2010: 74-75). Die Monarchie in Afghanistan wurde erst durch die Machtübernahme von Mohammad Daud Khan im Jahre 1973 beendet, als dieser die Republik ausrief. Nach Amanullah gab es noch einige andere Herrscher, es würde jedoch zu weit führen, auf jeden einzeln einzugehen. Am längsten regierte jedoch Mohammad Zahir Shah[10] .

Laut SCHETTER (2010:84) wurde Afghanistan in den dreißiger Jahren erstmalig finanziell vom Ausland unterstützt, nachdem das Land 1934 dem Völkerbund beigetreten war. Insbesondere Deutschland, Frankreich, Japan und Italien investierten in den Aufbau des Bildungs- und Wirtschaftssystems. Besonders intensiven Kontakt pflegte Afghanistan dabei zur Sowjetunion: „Afghanistan wurde zum Paradefall der ‚friedlichen Koexistenz’: 1955 ratifizierte die loya jirga[11] eine militärische Kooperation mit der Sowjetunion, und 1956 erhielt Afghanistan bereits Militärhilfe in Höhe von 32,5 Millionen US-Dollar“ (SCHETTER 2010: 85). Dadurch wurde die Beziehung zur Sowjetunion so eng, dass die USA umgehend handelten, in dem sie Afghanistan in Bereichen unterstützten, die von der Sowjetunion nicht ausreichend abgedeckt waren, wie beispielsweise das Bildungswesen (SCHETTER 2010: 85). So profitierte Afghanistan vom Ost-West-Konflikt nach dem 2. Weltkrieg und bezog großzügige Entwicklungshilfen von beiden Seiten, den USA und der Sowjetunion (CHIARI 2009: 40). Dies führte unweigerlich zu Afghanistans Abhängigkeit von finanzieller Unterstützung aus dem Ausland.

Die Sowjetunion machte sich dies zu Nutze, und als Afghanistan sich in einem besonders schlechten wirtschaftlichen Zustand befand, kam durch einen Staatsstreich Mohammad Daud Khan[12] am 17. Juli 1973 an die Macht, dies mit Hilfe von sowjettreuen Armeeoffizieren (DIETL 1984: 46). Mohammad Daud putschte sich selbst gegen seinen Vetter Zahir Shah (1914 – 2007) an die Macht, und beendete damit die Monarchie in Afghanistan (SCHETTER / KLUßMANN 2011: 11). „Unter Daud setzte ein drastischer Politikwechsel ein, der mit der Etablierung einer autoritären, repressiven Herrschaft einherging. […] Obgleich Daud die ‚Republik Afghanistan’ ausrief, führte er keine demokratischen Prinzipien ein“ (SCHETTER 2010: 92). Mohammad Daud konnte seine großen Pläne, die er für die Modernisierung Afghanistans hegte, nie umsetzen, da sich weder die Innen-, noch die Außenpolitik nach seiner Vorstellung entwickelte. Dies hatte zur Folge, dass die damals führende Partei DVPA (Demokratische Volkspartei Afghanistan) ihn im Jahre 1978 im Zuge der Saur-Revolution stürzte und Daud mitsamt seinen Familienangehörigen erschoss (SCHETTER 2007: 95).

Mit der Ermordung von Mohammad Daud schlug die große Stunde von Mohammad Taraki[13] und Hafizullah Amin[14] . Sie vertraten die beiden Flügel der DVPA, die khalq (Volk) und die parcham (Fahne). Die sich feindlich gegenüberstehenden Flügel nutzten unterschiedliche Netzwerke. Parcham galt als der gemäßigte Zweig und setzte sich überwiegend aus der Führungsschicht Kabuls zusammen, während der größere Zweig khalq ideologisch radikaler ausgerichtet war und vorzugsweise aus paschtunischen Studenten bestand (SCHETTER 2010: 90). „Anfangs war die Ämteraufteilung zwischen parcham und khalq ausgewogen. Jedoch drängte khalq parcham bereits nach sechs Wochen aus der Regierung“ (SCHETTER 2010: 96). Hafizullah Amin konnte sich dabei gegen seinen Gegner Taraki durchsetzen, womit die khalq mit Amin an der Spitze die alleinige Macht wurde. Vom Moment seiner Machtergreifung machte sich Amin im Volk äußerst unbeliebt, seine Herrschaft war geprägt von Gewalt, willkürlichen Verhaftungen, Hinrichtungen und Unterdrückung jeglicher Opposition. Dies hatte zur Folge, dass der Widerstand ihm gegenüber im ganzen Land kontinuierlich zunahm (BUCHERER-DIETSCHI 1986: 278).

Gewarnt durch die politische Lage entsandte die Sowjetunion immer mehr Militär nach Kabul, bis die Regierung sich in Moskau nicht mehr anders zu helfen wusste und entschied, Amin vom Zentrum der Macht gewaltsam zu entfernen (SCHWARZ 2002: 102). Die größte Befürchtung seitens der Sowjetunion war wohl, dass Amin innerhalb kürzester Zeit die Bindung Afghanistans an die Sowjetunion zunichte machen könnte, die sie in den Jahren durch die großzügige Unterstützung in Form von Wirtschafts-, Ausbildungs- und Waffenhilfen mühevoll aufgebaut hatte (SCHWARZ 2002: 102). So stürmten die sowjetischen Streitmächte am 27. Dezember 1979 Kabul, Hafizullah Amin wurde festgenommen und schließlich erschossen. Neuer Regierungschef wurde Babrak Karmal.[15]

Der Einmarsch und die Okkupation Kabuls am 27. Dezember 1979 durch die Sowjetunion überraschte die Welt. Niemand hätte mit solch drastischen Maßnahmen als Reaktion auf die Unruhen in Afghanistan gerechnet. Besonders die USA reagierten empört über den plötzlichen Einfall der Sowjetunion. Der amerikanische Präsident Carter[16] wandte sich sogar persönlich an den sowjetischen Parteichef Breschnew[17] , um zum Ausdruck zu bringen, „dass die Welt diese Intervention als größte Bedrohung des Friedens seit dem 2. Weltkrieg empfinde, und die USA somit nicht zurückschrecke selbst militärische Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Frieden zu wahren“, so zitiert BUCHERER-DIETSCHI (1986: 285) Präsident Carter. Auch im Land selbst bildete sich militanter Widerstand gegen die sowjetische Intervention, zu den bekanntesten Guerilla Gruppen gehörten die Mudschahid.

Vornehmlich lieferten die USA […] dem Widerstand Waffen und Geld […]. Dem pakistanischen militärischen Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI) fiel die Aufgabe zu, den Widerstand zu organisieren. Anfang der achtziger Jahre schuf der ISI aus über achtzig Widerstandsgruppen sieben Parteien, die so genannten Peschawar-Parteien, und festigte deren Stellung als politische Aushängeschilder des afghanischen Widerstands durch massive finanzielle Zuwendungen. (SCHETTER 2010: 108)

Ende der 80er Jahre hatte sich der Afghanistan-Konflikt von einem anfänglichen Widerstandskampf in einen Stellvertreterkrieg der Supermächte USA und Sowjetunion gewandelt. Während die Sowjetunion militärisch vorging, beruhte der Kriegsbeitrag der USA auf finanzieller Basis. So schafften es die Mudschahid laut SCHETTER (2007: 112) 1987 mit Hilfe amerikanischer Waffenunterstützung die Sowjetunion aus militärischer Sicht empfindlich zu verletzen. Dies führte dazu, dass der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow[18] , den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan einzuleiten begann. Am 14. April 1988 unterzeichneten in Genf die afghanische und die pakistanische Regierung, sowie die Sowjetunion und die USA einen Friedensvertrag, der den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan beschloss.

Bis zu diesem Moment hatte der knapp zehnjährige Widerstandskampf, der von 1979 bis 1988 andauerte, Unmengen an Menschenleben gekostet, eine unglaubliche Massenflucht der überlebenden Afghanen nach Pakistan oder dem Iran ausgelöst, ganz zu schweigen von der Zerstörung Afghanistans: „Ziel der sowjetischen Kriegsführung war es, dem Widerstand die Basis durch eine Politik der ‚verbrannten Erde’ zu nehmen. Die Bevölkerung sollte durch die Bombardierung ihrer Dörfer sowie die Zerstörung ihrer Bewässerungssysteme und landwirtschaftlichen Flächen zur Flucht in die Städte oder zur Abwanderung aus Afghanistan gezwungen werden“ (SCHETTER 2010: 103).

Die Hoffnung, dass Afghanistan nach Ende der sowjetischen Vorherrschaft im Jahre 1989 Frieden finden sollte, wurde schnell zerstört. Afghanistan war nach Ende des Krieges in dermaßen viele Provinzen und Gruppierungen zersplittert, dass die verschiedenen Mudschahid und die Warlords sich weiter bekämpften. „Mit dem Zerfall Afghanistans ging auch jegliche Sicherheit verloren: Willkürliche Gewaltanwendungen, die Erhebung von Wegezöllen, Überfälle und Enteignungen waren überall im Land an der Tagesordnung“ (SCHETTER 2010: 119). Unter den Kämpfen, die größtenteils vom schwelenden Konflikt zwischen Paschtunen und Nicht-Paschtunen ausgelöst wurden, musste die Zivilbevölkerung großes Leid ertragen.

Konflikte entstanden oft dadurch, dass die afghanische Gesellschaft ein Mosaik verschiedener Ethnien und damit auch kulturell und traditionell, je nach Region, sehr unterschiedlich ist: „In Afghanistan findet sich eine Vielzahl von Sprachen, Ethnien, Religionen und anderen kulturellen Mustern“ (SCHETTER 2010: 21). In dieser Ethnienvielfalt bilden die Paschtunen die größte Bevölkerungsgruppe, sie sprechen Paschtunisch und sind Sunniten. Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe besteht aus den sunnitischen Tadschiken, die auf Persisch kommunizieren. Die Hazara, welche eine benachteiligte Außenseiterrolle in Afghanistan einnehmen, sind schiitisch geprägt und sprechen ihre eigene Sprache Hazaragi, welches eine Mischung aus Persisch und Mongolisch ist. Daneben gibt es noch viele weitere Volksgruppen, wie die sunnitischen Usbeken im Norden Afghanistans, die das zentraltürkische Usbaki sprechen, die Qizilbach, eine schiitische Minderheit, die in Zentralafghanistan beheimatet ist und Persisch spricht, und noch weitere Gruppierungen, die im Hindukusch wohnen (SCHETTER 2010: 23-27).

Städte, die von der Besatzung der Sowjetunion unversehrt geblieben waren, fielen spätestens jetzt durch Dauerbombadierungen dem Krieg zum Opfer. Von Hazaras bewohnte Viertel wurden beschossen und auf den Straßen wurde gefoltert und vergewaltigt. „Insgesamt forderten die Kämpfe in Kabul 60 000 bis 80 000 Menschenleben. Die permanente Bombardierung der Stadt löste eine neue Massenflucht aus“ (SCHETTER 2010: 120). Die meisten Flüchtlinge flohen über die Grenzen Pakistans und des Irans, so dass die Länder schließlich ihre Grenzen dicht machten und keine neuen Flüchtlinge mehr aufnahmen.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Taliban, welche eine besonders konservative Form des Islam vertreten, so schnell an die Macht kommen konnten. So hatten sie laut SCHETTER (2010: 125) finanziell gut situierte Unterstützer aus dem Ausland, zu denen vor allem Pakistan, Saudi-Arabien und die USA gehörten. Die Taliban wurden 1994 gegründet, und Hauptinitiator soll der pakistanische Geheimdienst gewesen sein (WOHLGUT 2010: 85). Vor allem Mullahs und Koranschüler der einfachen Deoband-Schule[19] wurden rekrutiert, der ISI[20] bildete diese dann zu einer Armee aus (SCHETTER 2010: 125).

Die Taliban nutzen die völlig auswegslose Situation des zerstörten Landes und der traumatisierten Bevölkerung geschickt aus. Auch wurde „ihr rasches Ausgreifen […] durch das dortige Machtvakuum begünstigt“ (SCHETTER 2010: 126). Im September 1995 eroberten die Taliban die Stadt Herat, bis sie es Ende 1996 letztlich schafften Kabul einzunehmen. Am Tag des Einmarschs wurde der damalige Präsident Najibullah[21] hingerichtet, und die Taliban umgehend von Pakistan und Saudi-Arabien als neue Regierung anerkannt, während die USA eher verhalten reagierten (SCHETTER 2007: 126). Es ist weitgehend bekannt, dass die Taliban Afghanistan in einen neuen Gottesstaat nach Vorbild islamischer Frühzeit verwandeln wollten. Um dies durchzusetzen führten sie die Scharia als Rechtsgrundlage ein, allerdings in einer grausamen Eigeninterpretation. Dabei entsprach die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben, die Steinigung befleckter Frauen und die Aufnahme von Blutrache in den Rechtskanon der Taliban weniger der traditionellen Scharia selbst, vielmehr nahm das Paschtunwali Einfluss auf den Rechtskanon. Das Paschtunwali ist der ungeschriebene Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen, ein Regelwerk, welches vorgibt wie sich die Paschtunen angemessen zu verhalten haben, um ihre Ehre zu schützen. Mullah Omar[22] , der Führer der Taliban, versinnbildlicht diese Verbindung von tribalen Werten und religiösen Vorstellungen (SCHETTER / KLUßMANN 2011: 15). Fortan wurde alles Moderne verboten, wie Fernseher, Tanzen und Musik, aber auch beispielsweise Rasierer. Darüber hinaus wurden Bestrafungen (wie Steinigung bei Ehebruch) nach den Gesetzen der Scharia entschieden angewandt (SCHETTER 2010: 131-132). Am Schlimmsten traf es die weibliche Bevölkerung. Die Ganzkörperverschleierung durch die Burkha[23] wurde Pflicht und den Frauen wurde jedes Recht auf Bildung und Arbeit abgesprochen, sie hatten sich vielmehr im Haus aufzuhalten und aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Weiterhin wurden Schmuggel und Drogenhandel unter dieser Schreckensherrschaft üblich (SCHETTER 2007: 133). Es ist nicht weiter erstaunlich, dass dies die Entstehung vieler islamistischer Netzwerke begünstigte, das Bekannteste unter ihnen dürfte wohl Al-Quaida sein.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die Twin-Towers in New York begann die USA in ihrer Operation Enduring Freedom massiv gegen die Taliban vorzugehen. Der Erfolg stellte sich relativ schnell ein. Die Taliban ergaben sich kampflos am 25. November 2001 (SCHETTER 2007: 136). Am 5. Dezember 2001 wurde im so genannten Petersberg-Prozess, der in Bonn stattfand, der systematische Aufbau Afghanistans beschlossen. Als neuer Präsident wurde Hamed Karzei[24] ernannt. Der Sturz des Talibanregimes konnte jedoch nicht das Land stabilisieren oder befrieden. Es gab immer noch zu viele Einzelinteressen unzähliger Machthaber, eine blühende Drogenökonomie, sowie weit verbreitete Korruption. Dies erschwerte ungemein den Wiederaufbau Afghanistans (SCHETTER 2007: 139).

Die politische Situation im Land hat über die Jahre hinweg den sozialen Status der Frauen beeinflusst. Die jeweilige Lage der weiblichen Bevölkerung unterlag stets den amtierenden Herrscher. Davon wird das nächste Kapitel handeln.

3. Die Situation der afghanischen Frauen im Wandel der Geschichte

Würde man spontan Passanten auf der Straße bitten zu beschreiben, wie sie sich afghanische Frauen vorstellen, die meisten würden wohl mit „verschleiert“, „vermummt“, „in der Öffentlichkeit unsichtbar“ oder ähnlichem antworten. Dies mag besonders auf die Zeit während der Schreckensherrschaft der Taliban zutreffen, wo es Frauen praktisch untersagt war, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Wenn sie mal das Haus verließen, dann nur eingehüllt in einen Ganzkörperschleier, der so genannten Burkha. Das war jedoch nicht immer so. Vor dem Talibanregime gab es bereits Zeiten, wo Frauen Schulbildung genossen, arbeiteten und somit ein insgesamt freieres Leben führten. Man kann sagen, dass sich der Status der Frau in Afghanistan immer dann änderte, wenn ein neues Regime an die Macht kam und dies in extremerer Form, als es in anderen Ländern der Fall war. So formulierte GOODWIN (1994: 41) es treffend: „Im Grunde sind die muslimischen Frauen der Windsack, an dem sich ablesen lässt, aus welcher Richtung der Wind in der islamischen Welt weht“.

3.1 Die Begriffe des Patriarchismus und des Paschtunwali

Dabei ist die Unterdrückung der Frau in den islamischen Ländern kein rein religiöses Phänomen. Laut NADIM (2002: 37) waren es zu Zeiten des Propheten Muhammad alte Stammesrituale, die das Leben der Frauen prägten und sie als Untermenschen erscheinen ließen. Der Islam brachte sogar im Gegenteil zur landläufigen Meinung erst die ersehnte Freiheit und half der weiblichen Bevölkerung ihre Rollen und Pflichten genau zu definieren, ohne sie als Ausgestoßene zu behandeln. Erst durch den Islam wurden sie vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Auch ist der Islam vermutlich die einzige Religion, „die die Rechte von Frauen formal definiert hat und Möglichkeiten gesucht hat, sie zu schützen“ (GOODWIN 1994: 43).

Vielmehr ist die Unterdrückung der Frau ein Problem, welches von seit Jahrhunderten währenden Traditionen geprägt wird. Zudem gibt es große Unterschiede zwischen Frauen, die auf dem Land wohnen und Frauen aus der Stadt. In Städten, wie beispielsweise Kabul, ist das Leben eher moderner und westlicher orientiert. Dagegen findet man in Dörfern vorwiegend die traditionelle Arbeitsteilung von Frau und Mann, es ist ein Leben in Stammesgesellschaften, die seit Jahrzehnten bestehen und sich von Region zu Region in ihren Sitten und Bräuchen unterscheiden können. Beispielsweise das Melken von Tieren oder die Herstellung von Kleidung war und ist Angelegenheit der Frauen (MITTRA / KUMAR 2004: 4). Um diese traditionelle Denkweise zu verstehen, muss man die Begriffe des Patriarchismus und des Paschtunwali kennen.

3.1.1 Patriarchismus

Das Leben Afghanistans wird stark geprägt von der vorherrschenden Gesellschaftsform des Patriarchats. Selbst Ende des 20. Jahrhunderts ist es immer noch der nächste männliche Verwandte, der über das Leben der Mehrheit der muslimischen Frauen bestimmt (GOODWIN 1994: 46). Es spielt dabei auch keine Rolle ob Frauen evtl. außerhalb des Hauses arbeiten und damit zum Haushaltseinkommen beitragen, der Mann gilt trotzdem als der Ernährer und der Beschützer der Familie (EMADI 2002: 30).

Die ethnische Vielfalt Afghanistans wirkt sich ebenfalls auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft aus. Auch wenn die Stämme stets ihre eigenen Regeln pflegen, ist es doch so, dass die patriarchalische Struktur der Gesellschaft den Frauen bestimmte moralische Regeln diktiert (EMADI 2002: 30). Der Mann steht dabei als das Haupt der Familie bzw. als Beschützer und Ernährer an oberster Stelle, die Frau steht in der Hierarchie unter ihm. Man kann sogar so weit gehen, dass man die Frauen auch auf intellektueller Ebene den Männern gegenüber unterwürfig sieht. Frauen werden von Geburt an diskriminiert. Wird ein Sohn geboren, ist dies ein Grund zur großen Freude und wird dementsprechend zelebriert, die Geburt eines Mädchens dagegen findet kaum Beachtung. Schließlich wird sie mit ihrer Heirat Eigentum einer anderen Familie werden (EMADI 2002: 31) und hat für ihre Familie bis dahin höchstens Nutzen als Haushaltshilfe oder als Aufsichtsperson für jüngere Geschwister. „Sogar heutzutage schlägt sich das in der arabischen Welt noch in alltäglichen Redensarten nieder. So sagt man zum Beispiel, wenn bei einer Gesellschaft plötzlich niemand mehr etwas sagt, yat bint, was soviel heißt wie ‚ein Mädchen wird geboren’“ (GOODWIN 1994: 60). Dies könnte auch beispielhaft auch für Afghanistan gelten, wo der Patriarchismus nach wie vor stark verankert ist.

[...]


[1] SHAKIB, Siba (2001): Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. München: C. Bertelsmann.

[2] Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA), http://www.rawa.org/rawa.html, 20.06.2012.

[3] SCHETTER, Conrad (2007 / 2010): Kleine Geschichte Afghanistans. München: C.H. Beck.

[4] LATIFA (2001): Das verbotene Gesicht – Mein Leben unter den Taliban. München: Econ Ullstein List.

[5] ZOYA (2002): Mein Schicksal heißt Afghanistan. Bergisch Gladbach: Lübbe.

[6] BRODSKY, Anne E. (2003): With all our strength. New York, London: Routledge.

[7] BENARD, Cheryl (2002): Veiled courage–Inside the Afghan women’s resistance. New York: Broadway Books.

[8] CHAVIS, Melody Ermachild (2003): Meena – Heroine of Afghanistan. New York: St. Martin’s Press.

[9] Amanullah Khan, 1892 – 1960, von 1919 bis 1926 Emir und von 1926 bis 1929 König von Afghanistan.

[10] Mohammad Zahir Shah, 1914 – 2007, von 1933 bis 1973 Shah (König) von Afghanistan.

[11] loya jirga = traditionelle Versammlung in Afghanistan, wo auch heute noch Fragen geklärt werden, welche die Ethik und tribalen Werte betreffen.

[12] Mohammad Daud Khan, 1909 – 1978, Präsident der Republik Afghanistan von 1973 bis 1978.

[13] Mohammad Taraki, 1917 – 1979, Mitgründer der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA), vertrat die khalq Fraktion der Partei.

[14] Hafizullah Amin, 1929 – 1979, war 1979 für zwei Monate Präsident von Afghanistan, er vertrat die parcham Fraktion der DVPA.

[15] Babrak Karmal, 1929 – 1996, von 1979 bis 1986 Präsident von Afghanistan.

[16] James „Jimmy“ Earl Carter Jr., geboren 1924, Präsident der USA von 1977 bis 1981.

[17] Leonid Iljitsch Breschnew, 1906 - 1982, Präsident der Sowjetunion von 1964 bis 1982.

[18] Michail Sergejewitsch Gorbatschow, geboren 1931, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) von 1985 bis 1991 und Präsident der Sowjetunion von 1990 bis 1991.

[19] Schule von Deoband: vertritt die strenge Auslegung des sunnitisch-hanafitischen Islam.

[20] ISI = Inter-Services Intelligence, pakistanischer Geheimdienst.

[21] Mohammad Najibullah, 1947 – 1996, Präsident von Afghanistan von 1986 bis 1992.

[22] Mohammad Omar, bekannt als Mullah Omar, geboren 1959, von 1996 – 2001 Anführer der Taliban und damit Staatschef des Islamischen Emirats Afghanistan.

[23] Vgl. Abb. 1.

[24] Hamed Karzei, geboren 1957, Präsident von Afghanistan seit 2001.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Die RAWA als Stimme der afghanischen Frauen
Untertitel
Entstehungsgeschichte, Vorgehensweise und Akzeptanz im Land
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
52
Katalognummer
V202318
ISBN (eBook)
9783656283904
ISBN (Buch)
9783656284239
Dateigröße
2088 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rawa, stimme, frauen, entstehungsgeschichte, vorgehensweise, akzeptanz, land
Arbeit zitieren
Maria Müller (Autor), 2012, Die RAWA als Stimme der afghanischen Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202318

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