Die Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung im literarischen Werk Uwe Timms


Magisterarbeit, 2008
72 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Motiv der Studentenbewegung in Uwe Timms frühen Romanen
2.1 Heißer Sommer
2.2 Kerbels Flucht

3. Die jüngsten Werke Uwe Timms
3.1 „Wir wollten doch die Welt aus den Angeln heben“ – die 68er und was aus ihnen wurde am Beispiel von Rot
3.2 Rot – Abgesang oder Andenken an die Studentenbewegung?
3.3 „Der junge Mann der ich war“ – Erinnerung in der autobiografischen Erzählung Der Freund und der Fremde

4. Wie das Trauma der Vätergeneration zum Trauma der 68er wurde: Die Vaterfigur als wiederkehrendes Motiv bei Uwe Timm

5. Ein Blick auf die politische und ästhetische Linie Uwe Timms in seinem Gesamtwerk

6. Was bleibt? Ergebnisse und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1968. Bald 40 Jahre ist es her, dass ein Datum in die Geschichtsbücher einging und mit den Jahren Symbol und Chiffre wurde. Ein Datum, untrennbar verbunden mit der Revolte einer Generation, mit einer Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.[1] Ein Datum wurde zu einem Schlagwort, ein Schlagwort zu einem Mythos – dem Mythos Studentenbewegung. Wie wenig dieser Mythos bis heute an Gewicht verloren hat, offenbarte sich auch in diesem Jahr wieder, als sich zentrale Ereignisse der Studentenbewegung und der RAF jährten: Zeitschriften veröffentlichten Chroniken und in Fernsehsendungen wurde diskutiert: mit Zeitzeugen, Sympathisanten, Gegnern und Experten der antiautoritären Studentenbewegung des Jahres 1968.

Doch nicht allein in den Medien ist die Studentenrevolte, mit all ihren Folgen, noch immer von Bedeutung. Auch in der Literatur war und ist sie Motiv: Viele Autoren der 68er-Generation haben die Studentenbewegung in ihren Werken thematisiert. Einer der sich diesem Thema ganz besonders gewidmet hat, ist der Schriftsteller Uwe Timm.

Das Thema dieser Magisterarbeit ist die Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung im literarischen Werk Uwe Timms. Was dies so reizvoll und spannend macht ist, dass dieses Motiv – wenngleich auch oftmals nur subtil – einen ganz bedeutenden Stellenwert in Timms Gesamtwerk einnimmt.

Warum Timm die Phase der Studentenbewegung, auch in seinem literarischen Schaffen, so sehr prägt, erklärt ein Blick auf seine frühe Biografie. Ohne dieses biografische Wissen, ist es nur schwer möglich einen vollständigen Zugang zu Timms Werk zu bekommen. Hinsichtlich der Themenstellung dieser Arbeit gilt dies ganz besonders, da Timms Erfahrungen mit der antiautoritären Bewegung des Jahres 1968 und seine Erinnerung an sie, in vielerlei Hinsicht Ausgangsposition für sein späteres Schreiben sind.

Eine Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit der Zeit, in der sie angesiedelt ist, denn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der sechziger Jahre sind der Nährboden für die Bewegung, und somit Grundvoraussetzung für ihr Verstehen und das Verstehen der hier zu behandelnden Texte. So sollen nun einige Stationen aus Timms Leben zunächst vor allem vor dem Hintergrund der sechziger Jahre beleuchtet werden.

1961, lange vor Beginn der Studentenrevolte, trifft Uwe Timm im Alter von 21 Jahren an einem Braunschweiger Kolleg auf Benno Ohnesorg, der sechs Jahre später zu einer Ikone der Studentenbewegung werden soll. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft, die Timms Lebensweg und sein Schreiben ganz entscheidend prägen wird. 1963 beginnt Timm sein Philosophie- und Germanistikstudium zu einer Zeit, in der der Staat und seine Institutionen noch in hohem Maße autoritär funktionieren. Die Verbrechen des zweiten Weltkrieges sind noch immer allgegenwärtig: 1963 beginnt in Frankfurt der Auschwitz-Prozess. Noch immer lassen sich im Staat faschistoide Strukturen erkennen und von Entnazifizierung kann in Deutschland keine Rede sein. Ehemalige oder noch bekennende Nazis arbeiten in Wirtschaft, Politik und Universitäten[2] , und selbst der 1966 zum Bundeskanzler ernannte Kurt Georg Kiesinger, war hoher Funktionär des NS-Regimes. All dies führt bei den Studenten der sechziger Jahre zu einem wachsenden Widerstand gegen die Kriegsgeneration und die bestehenden Verhältnisse.

Die 68er leben in einer Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht aufarbeitet und unbelehrbar zu sein scheint: 1966 zieht die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in Hessen und Bayern in den Landtag ein:

„Seit Gründung der Bundesrepublik war das der bedeutendste Erfolg von Rechtsradikalen, das einschneidendste Krisensymptom der bundesdeutschen Demokratie. […] Ihre Programmatik und Propaganda (die der NPD; S. J.) vereinigten noch einmal die Klischees, die für die NSDAP typisch gewesen waren“.[3]

Der Erfolg der NPD und der Eintritt der SPD in die große Koalition 1966, stoßen bei den 68ern auf Unverständnis und führen dazu, dass „[…] das Bedürfnis nach Identifikation, nach klaren sichtbaren politischen Symbolen unbefriedigt [bleibt]“.[4] Doch nicht nur die gesellschaftliche und politische Lage im eigenen Land wird unerträglich: Der Krieg gegen Vietnam, der seit 1964 von den USA geführt und von Deutschland geduldet und unterstützt wird[5] , ruft bei den Studenten eine zunehmende Protesthaltung hervor.

All dies sind Entwicklungen, die für Uwe Timm und seine Generation prägend sind. So wie viele seiner Altersgenossen, leidet auch er unter der politischen und gesellschaftlichen Lage und beginnt sich politisch zu engagieren. Mitte der sechziger Jahre beschränkt sich Timms Engagement zunächst auf die Teilnahme an Sitzungen und Diskussionen, die vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) organisiert werden, und in denen Themen wie die neu verabschiedete Studienreform[6] , soziale Gerechtigkeit, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg zur Sprache kommen.[7]

Am 2. Juni 1967 kommt es dann zu dem für Timm und den Fortgang der Studentenbewegung einschneidenden Erlebnis: Der Student Benno Ohnesorg wird bei einer Demonstration von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Erst von diesem Zeitpunkt an wird Timm, der vom Tod seines Freundes während eines Studienaufenthaltes in Paris erfährt, politisch aktiv. Für Timm und viele andere seiner Generation, markiert der Tod Ohnesorgs „[…] den Übergang von einer theoretischen Beschäftigung mit politischen Fragen zur gemeinsamen, entschlossenen Aktion“.[8]

Timms aktive Zeit in der Studentenbewegung beschränkt sich hauptsächlich auf die Teilnahme an Demonstrationen, Besetzungen oder das Verteilen von Flugblättern. Zu ihren Köpfen und Wortführern gehört er nie:

„[…] [I]ch war überzeugt und habe mich auch an vielen Aktionen beteiligt, aber sonderbarerweise war bei mir auch immer so eine Distanz des Betrachters, des Beobachters, auch Selbstbeobachters da […]“.[9]

Eine Eigenschaft Timms, die sich in seinen späteren Romanen auszahlen sollte.

Im Folgenden soll nun das Motiv der Studentenbewegung in Uwe Timms Werk untersucht werden. Im Fokus dieser Untersuchung, stehen Timms Bücher Heißer Sommer[10] , Kerbels Flucht[11] , Rot[12] und Der Freund und der Fremde.[13] Dies sind die vier Werke, in denen die 68er-Thematik bei Timm den größten Stellenwert einnimmt. Die Bücher werden in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung behandelt, wobei Heißer Sommer und Kerbels Flucht zu den frühen Werken Timms zählen und den ersten Hauptteil der Arbeit ausmachen, während Rot und Der Freund und der Fremde zu Timms jüngsten Werken gehören und den zweiten Hauptteil dieser Arbeit bilden.

Beginnend mit Timms erstem Roman Heißer Sommer soll das Motiv der Studentenbewegung analysiert werden. Wie präsentiert Timm dem Leser die 68er-Bewegung und in wie weit decken sich seine Darstellungen mit der Realität der sechziger Jahre? Wie zu zeigen sein wird, ist der Roman eines der bedeutendsten literarischen Zeugnisse der antiautoritären Bewegung des Jahres 1968. Insbesondere für das Verständnis von Heißer Sommer ist das Hintergrundwissen über das Deutschland der sechziger Jahre unerlässlich.

Mit den gewonnenen Kenntnissen, wird anschließend das Motiv der Studentenbewegung in Timms Kerbels Flucht erarbeitet. Obwohl es in diesem Roman einen ebenso zentralen Stellenwert einnimmt, behandelt Timm das Motiv aus einer völlig anderen Perspektive heraus als noch in Heißer Sommer. In Kerbels Flucht geht es vielmehr um die Jahre nach 1968. In diesem Teil der Arbeit soll gezeigt werden, welche Folgen mit dem Scheitern der Studentenbewegung verbunden sind. Was bedeutet der Zerfall der Bewegung für den Einzelnen? Wie hat sich die Stimmung im Vergleich zu Heißer Sommer verändert, und welche Rolle spielt dabei die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist? Welche Unterschiede oder auch Ähnlichkeiten weisen die beiden Romane auf? All dies sind Fragen, die in dem Kapitel berücksichtigt werden sollen.

Der zweite Hauptteil der Arbeit stellt schließlich Timms jüngste Werke Rot und Der Freund und der Fremde in den Mittelpunkt einer Analyse. Das Besondere an diesen beiden Werken ist die große zeitliche Distanz, aus der heraus Timm die 68er rückblickend betrachtet und die deutlich macht, dass das Motiv der Studentenbewegung für Timm nie an Bedeutung verloren hat. Beginnend mit Rot soll gezeigt werden, was aus den einstigen Anhängern und ‚Helden‘ der Studentenrevolte geworden ist. Wie prägend ist die Zeit auch Jahrzehnte später noch für sie? Wie kann ein Leben vor dem Hintergrund der Bewegung verlaufen, und welches Bild eines Alt-68ers entwirft Timm in seinem Roman? Anhand einiger kontroverser Thesen aus der Forschungsliteratur und der Ergebnisse aus Kapitel 3.3, soll anschließend geprüft werden, in wie fern der Roman ein Abgesang oder ein Andenken Timms an die Studentenbewegung ist.

Das letzte Kapitel des zweiten Hauptteils befasst sich mit Der Freund und der Fremde. Die Besonderheit dieses Textes ist, dass es sich um eine autobiografische Erzählung handelt, und somit um ganz persönliche Erinnerungen Uwe Timms. In diesem Teil der Arbeit soll die große Bedeutung, die die Freundschaft zu Benno Ohnesorg für Timms persönliche und schriftstellerische Entwicklung hat, herausgearbeitet werden.

In Kapitel vier wird anschließend die Vaterfigur in Timms Werk untersucht. Dass eine Arbeit mit dem Schwerpunkt ´68 auch die Vätergeneration der Studenten behandelt, steht keineswegs in Unvereinbarkeit zum Thema. Wie zu zeigen sein wird, ist der Konflikt zwischen den 68ern und ihren Vätern vielmehr ganz entscheidender Movens für die Studentenbewegung. Auch in Timms Texten spielt die Vaterfigur eine ganz wesentliche Rolle. Doch worin liegt der Konflikt zwischen den 68ern und ihren Vätern begründet und welchen Einfluss hat er auf die Revolte? Welchen Stellenwert nimmt die Figur des Vaters bei Timm ein, und welches Bild von der Vätergeneration der um 1940 Geborenen entsteht in seinen Texten? Diese Fragen sollen am Ende des Kapitels beantwortet sein.

Da der Zeitraum von Timms erster Veröffentlichung bis heute über 35 Jahre umfasst, soll im fünften Teil – unter besonderer Berücksichtigung vorheriger Kapitel – sein Gesamtwerk dahingehend überprüft werden, welche politische und ästhetische Linie sich in Timms Texten abzeichnet. Wie haben sich Timms Arbeiten im Laufe der Jahrzehnte verändert? Was ist gleich geblieben? Was ist charakteristisch für sein Schreiben und in wie weit stehen einzelne Texte vielleicht in einem größeren Gesamtzusammenhang?

Zum Schluss dieser Arbeit sollen dann noch einmal die wesentlichen Ergebnisse aller Kapitel zusammenfassend dargestellt werden.

Auf Grund des relativ begrenzten Umfangs der Magisterarbeit, kann nicht jeder Punkt in all seiner Umfassendheit behandelt werden. Viele Aspekte sind von solcher Komplexität und in Timms Texten so zahlreich zu belegen, dass sie bereits für sich allein genommen, Gegenstand einer eigenen Arbeit sein können. Ziel dieser Arbeit soll es vielmehr sein, einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Bedeutung das Motiv der Studentenbewegung innerhalb der Texte Uwe Timms einnimmt, wie es sich auf sein Gesamtwerk auswirkt und wie zuweilen deutlich wird, dass auch, was auf den ersten Blick scheinbar in keinem Zusammenhang zu ´68 steht, manchmal doch wieder auf diese Thematik zurückverweist.

2. Das Motiv der Studentenbewegung in Uwe Timms frühen Romanen

Die antiautoritäre Studentenbewegung des Jahres 1968 ist das zentrale Motiv in Timms frühen Romanen Heißer Sommer und Kerbels Flucht. Obwohl ´68 der thematische Schwerpunkt beider Werke ist, wird das Motiv jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln und von unterschiedlichen Zeitpunkten heraus betrachtet, was eine Gegenüberstellung dieser Texte besonders interessant macht.

Timms erster Roman Heißer Sommer aus dem Jahre 1974, ist eine Chronik der Studentenbewegung und spielt unmittelbar zu Zeiten der Bewegung. An dem Romanprotagonisten Ullrich Krause, schildert Timm den Aufbruch und die Hoffnung einer Generation sowie ihren Versuch, in einer Zeit voll Chaos und Unruhe, zwischen Studium, Revolte und Privatleben, ihren Platz in der Welt zu finden.

Dagegen widmet sich Timm in dem 1980 veröffentlichten Roman Kerbels Flucht zwar ebenfalls der Studentenrevolution, jedoch aus einer völlig anderen Perspektive: Die Aufbruchsstimmung der 68er ist in Kerbels Flucht längst vorüber und die Studenten sind in und mit ihrer Bewegung gescheitert. An der Romanfigur Christian Kerbel zeigt Timm nun vielmehr, welche Auswirkungen dieses Scheitern auch Jahre später noch auf das Individuum haben kann.

Auf den nachfolgenden Seiten soll nun das Motiv der Studentenbewegung in diesen Romanen genauer analysiert werden. Begonnen wird hierbei mit Heißer Sommer. Dies ist nicht nur sinnvoll weil der Roman vor Kerbels Flucht veröffentlicht wurde, sondern auch weil er thematisch die Vorgeschichte zu Kerbels Flucht liefert.

2.1 Heißer Sommer

Timms Roman Heißer Sommer beschreibt in drei Teilen Vorgeschichte, Höhepunkt und Zerfall der antiautoritären Studentenbewegung, bietet Einblick in ihre gesellschaftliche und politische Bedingung, und ermöglicht dem Leser somit, sich in die Situation und Frustration der Studenten der sechziger Jahre einzufühlen. Die Handlung von Heißer Sommer setzt 1967 ein, unmittelbar bevor die Konflikte zwischen Studenten, der Polizei und Teilen der Gesellschaft, durch den Tod Benno Ohnesorgs eskalieren und außer Kontrolle geraten.

Bereits auf den ersten Seiten des Romans wird der Leser mit der Unzufriedenheit Ullrichs konfrontiert, ohne jedoch genau zu erfahren, woher diese entspringt. Deutlich werden zunächst lediglich sein Unmut und seine blinde Wut gegenüber seinem Umfeld. Die Beziehung zu seiner Freundin Ingeborg beendet Ullrich scheinbar grundlos und in bewusst verletzender Weise. Doch die von ihm ersehnte Erleichterung will sich nicht einstellen. Im Gegenteil: Ihm ist „[…] als würde die schräge Mansardenwand auf ihn stürzen“.[14] Ullrich ist voll Groll: „Wie hältst du das nur aus, […] dieses Professorengequatsche über Hölderlin. Mich kotzt das an […]“.[15] Erst im weiteren Romanverlauf löst Timm mehr und mehr die Ursachen für Ullrichs Frustration auf – eine Frustration die ganz wesentlich in seinem gesellschaftlichen Umfeld zu wurzeln scheint:

„[…] [W]ieder einer, der Hitler nachtrauert. […] [D]as sind doch die Typen, die alle Langhaarigen gleich vergasen wollen. […] Ein typischer Altnazi mit einem Kochtopfhaarschnitt und in einer Freizeitjacke“.[16]

Hier beschreibt Timm ganz genau die vorherrschende Frustration der Studenten der sechziger Jahre, sich mit einer noch immer faschistischen Gesellschaft konfrontiert zu sehen. Ein von Timm montiertes Gedicht Friedrich Hölderlins, liest sich im Roman wie ein Appell an Ullrich und ist bezüglich der bevorstehenden Revolte beinahe von prophetischem Charakter: „ Wachs und werde zum Wald! eine [sic] beseeltere, / Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden / Sei die Sprache des Landes, / Ihre Seele der Laut des Volkes! “.[17]

Die Universität erlebt Ullrich als eine hierarchisch funktionierende Institution, in der die Professoren die unangefochtenen Autoritäten sind. Timm karikiert dies, indem er eine biografische Begebenheit[18] schildert, die exemplarisch für die Atmosphäre der Universitäten der sechziger Jahre steht: Ein Professor mit einem Gefolge aus Assistent und wissenschaftlicher Hilfskraft betritt einen Hörsaal.[19] Der Professor bleibt in dieser Szene namenlos – Timm gebraucht ausschließlich das Personalpronomen „Er“. So erhält der Lehrende den Status einer Art mythischen Figur, eines scheinbar unantastbaren und höhergestellten Wesens, dem mit Ehrfurcht zu begegnen ist. Durch die mehrfache Wiederholung der Worte ‚Assistent‘ und ‚wissenschaftliche Hilfskraft‘, werden vermeintlich deutsche Tugenden wie Ordnung, Gewissenhaftigkeit und Obrigkeitsgefühl, von Timm auf die Spitze getrieben, ad Absurdum geführt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Beinahe täglich werden die Studenten in den sechziger Jahren in den Medien mit brutalen Angriffen auf Vietnam konfrontiert, die „[…] allen westlich-demokratischen Idealen […]“[20] , die für sie von Bedeutung sind, widersprechen. Erfahrungen die Timm auch in Heißer Sommer aufgreift :

„Die Amerikaner hatten chemische Mittel über den Dschungel abgeworfen. […] Er (Ullrich; S. J.) las den Artikel von einer südkoreanischen Einheit, die auf seiten der Amerikaner […] kämpfte. Sie hatten einem vietkongverdächtigen Vietnamesen die Haut abgezogen und ihn dann im Dorf an den Armen aufgehängt“.[21]

Entsetzt verfolgen die Studenten das Kriegsgeschehen und die Verbrechen der Amerikaner. Mit den USA, die bis in die sechziger Jahre hinein ein wichtiges Leitbild für die Jugendlichen waren[22] , können sie sich nun nicht mehr identifizieren.

All dies sind Eindrücke, die ihre Spuren hinterlassen und in den Studenten mehr und mehr Spannung und Wut erzeugen. Dies transportiert Timm, indem er in Heißer Sommer eine Stimmung erzeugt, die dem Leser fortwährend das Gefühl vermittelt, etwas liege in der Luft – etwas, das auf seinen Ausbruch wartet. Der Leser erlebt die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, die Ruhe vor dem Tod Benno Ohnesorgs. Timm schafft diese Atmosphäre, indem er wiederholt auf die Hitze des Sommers anspielt: „Ich versteh dich nicht, sagte Ullrich, daß du bei dieser Hitze schreiben kannst“.[23] Oder an anderer Stelle: „Vielleicht gibt es heute doch noch ein Gewitter […]. Ja, es ist schwül“.[24] Die Hitze und die Schwüle, die in der Luft liegen, warten darauf, sich in einem Gewitter entladen zu können. Sie sind Vorboten für das, was mit Ohnesorgs Erschießung an aufgestauten Gefühlen aus den Studenten herausbrechen wird. Im Anschluss an die Unterhaltung zwischen Ullrich und seiner Freundin Gaby, folgt im Radio schließlich die Meldung über Ohnesorgs Erschießung.[25] Dass sein Tod die Gemüter nur noch weiter erhitzt, deutet Timm mit dem darauf folgenden Wortwechsel an: „Gibt es heute noch ein Gewitter, fragte sie (Gaby; S. J.). Ich glaube nicht“.[26] Noch baut sich die Spannung weiter auf und kann sich nicht entladen. Der Tod Ohnesorgs ist nur der Anfang: Er ist die beginnende Ausweitung der 68er Revolte. Am Schluss der Szene macht Timm dies verheißungsvoll, fast prophetisch, deutlich: „Er (Ullrich; S. J.) sah, als er sich umdrehte, auf dem Schreibtisch das leere Blatt.[27] Darauf stand unterstrichen: Einleitung. Nichts weiter“.[28]

Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen in Heißer Sommer. Timm montiert historische Ereignisse der Studentenbewegung in einen fiktionalen Text. So beschreibt er etwa die Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei vor der Berliner Oper am 2. Juni 1967, anlässlich des Schahbesuchs.[29] Auch das Foto von Friederike Hausmann, die neben dem sterbenden Ohnesorg kniet, und das zu einem Symbol für den 2. Juni 1967 geworden ist, gibt Timm in seinem Roman wirklichkeitsgetreu wieder:

„Ullrich sah die Fotos in der Zeitung. Der Student am Boden liegend. Über ihn gebeugt eine junge Frau in einem weiten schwarzen Abendkleid. Sie hält seinen Kopf. Am Hinterkopf und auf dem Boden: Blut“.[30]

Es verhält sich im Roman wie in der damaligen Realität: Auch in Heißer Sommer markiert Ohnesorgs Tod die entscheidende Wende für den Fortgang der Bewegung: Ohnmächtig vor Wut und tief erschüttert, schließen sich die Studenten zusammen und demonstrieren als Antwort auf seine Ermordung. Sie werden zu einer Gemeinschaft und erkennen „[…] daß man aus seiner Isolation […], aus einer Isolation der eigenen Sichtweise, aus einem bedrängenden und beengenden Subjektivismus, aus Ängsten und Schuldgefühlen“[31] herauskommen kann. Diese Erfahrung, die Timm in diesem Zitat beschreibt, und die auch einhergeht mit der Erkenntnis nicht allein zu sein in seinem Leiden[32] , im Kollektiv Halt und Verständnis zu finden, gibt Timm als eine für ihn und seine Generation wichtige Erfahrung in der Studentenbewegung an – eine Erfahrung, die auch in Heißer Sommer Eingang findet:

„Ihm (Ullrich; S. J.) war aufgefallen, daß er mit jedem ohne jede Peinlichkeit reden konnte und sie mit ihm. […] Und neben seiner Wut und Empörung spürte er plötzlich auch so etwas wie Freude […]. Und dann diese ziellose Unruhe, […] seit jener Nacht, als er von dem Tod Benno Ohnesorgs gehört hatte […]. Diese Unruhe spürte er auch in den anderen […]. Erst als sich der Demonstrationszug formierte, legte sich die Unruhe“.[33]

Getragen von diesen Einsichten findet in Ullrich eine Veränderung statt – sowohl in seinem Bewusstsein, als auch in seinem Handeln: „Gleich nach der Demonstration hatte er sich das Buch gekauft und in der folgenden Nacht gelesen. Persien, Modell eines Entwicklungslandes “.[34] Zum ersten Mal investiert Ullrich seine Energie in etwas, wird aktiv, verfolgt etwas mit vollem Herzen und setzt sich für etwas ein: „[…] [I]hm sei heute nacht einiges klar geworden. Ungeheuerlich. Daß es uns hier so gut geht, das liegt daran, daß es den unterentwickelten Ländern so dreckig geht“.[35] Auch hier verweist Timm erneut auf das Herannahen eines Unwetters:

„Das leise Grummeln eines aufziehenden Gewitters war hörbar, und Ullrich sah zum Fenster hinaus. Grauschwarze tiefhängende Wolken zogen über den Himmel, der Wind drückte gegen die Fensterscheiben“.[36]

So hebt Timm zum einen die einsetzende Bewusstseinsveränderung Ullrichs hervor, die hier exemplarisch für die Bewusstseinsveränderung der 68er steht, und zum anderen ist auch hier wieder das Gewitter Symbol und Vorzeichen für den anschwellenden Konflikt und die sich formierende Revolte.

Der Tod Ohnesorgs leitet ein neues Kapitel in der Studentenbewegung ein: Was sich seit Jahren in den Jugendlichen an Wut, Verzweifelung, Aggression und Angst angestaut hat, bricht nun aus ihnen heraus. Ein unaufhaltbarer und gleichzeitig reinigender Prozess – wie bei einem Gewitter. Die Spannung, die sich bei den Studenten entlädt, entlädt sich im Roman schließlich auch symbolträchtig am Himmel: „Die ersten schweren Regentropfen klatschten gegen die Fensterscheiben. Ullrich sah zum Fenster hinaus. […] Ein Blitz zuckte am Himmel, etwas später der Donner […]“.[37]

Nach dem Zwischenfall vor der Berliner Oper breitet sich der Protest wie ein Flächenbrand in ganz Deutschland aus.[38] Der Konflikt zwischen der Studentenbewegung und der Polizei, den Medien und weiten Teilen der Gesellschaft eskaliert. Auch die Spannungen im eigenen Elternhaus nehmen stetig zu, wie an einem beispielhaften Streitgespräch zwischen Ullrich und seinem Vater deutlich wird:

„[…] [W]as sind das für Verwilderungen, gerade an der Uni. Studieren die überhaupt noch oder randalieren die nur noch. Niemand randaliert, ausgenommen die Polizisten, sagte Ullrich […]. Na hör mal, sagte Ullrichs Vater […], man darf doch noch mal fragen, schließlich müssen wir ja zahlen. Ullrich wußte, daß er jetzt einen roten Kopf hatte“.[39]

Timm beschreibt an dieser Textstelle einen ganz essentiellen Zwiespalt, in dem sich ein Großteil der Studenten in dieser Phase der Revolte befindet: Man rebelliert gegen das Elternhaus, verurteilt die Vergangenheit der Väter und verachtet ihre Autorität und Gesinnung, aber ist dennoch vom Geld der Eltern abhängig. Dieser ‚Doppelmoral‘ sind sich die Studenten durchaus bewusst und wissen nur schwer mit ihr umzugehen. Und so leben sie entweder mit dieser Unaufrichtigkeit, was die innere Zerrissenheit und die Auseinandersetzung mit den Eltern nur noch mehr verstärkt, oder aber sie brechen mit ihrem Elternhaus.[40]

Während der erste Teil von Heißer Sommer die Entstehung und Vorgeschichte der Studentenbewegung umfasst, behandelt der zweite Teil den Höhepunkt der Revolte und beschreibt den kollektiven Widerstand und die Protestaktionen der Studenten. Timm schildert Begebenheiten, die in Geschichtsbüchern und Publikationen über die Studentenbewegung stehen, von denen Zeitzeugen noch immer berichten und die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte beinahe mythischen Charakter angenommen haben. Vieles scheint aus gegenwärtiger Sicht betrachtet fast unwirklich, ja wirkt bei der Lektüre des Romans beinahe wie eine Abfolge gängiger und populärer Vorstellungen, die bis heute mit der Studentenbewegung assoziiert werden und zu dem Mythos ´68 beigetragen haben: Besetzte Hörsäle, Vorträge des SDS über Kulturrevolutionen, Gesellschaftssysteme und Dritte Welt, Studenten die ‚Ho-Chi-Minh‘ skandieren, Vorlesungen boykottieren und sich gegen ihre Professoren auflehnen.[41] Tatsächlich spielt Timm in Heißer Sommer ganz bewusst mit diesen Mythen. Er selbst bezeichnet sie als ‚Alltagsmythen‘[42] , anhand derer er den typischen 68er beschreibt: „[…] [D]ie Parka, die Jeans, die Wohngemeinschaft, […] die Beatles, die Bärte, die langen Haare […]“.[43] Charakteristika die Timm wiederholt und mit Ironie in seinen Text montiert:

„Das Rednerpult war von einer Gruppe Studenten umlagert. Bärte: Backenbärte, Kinnbärte, Vollbärte, Schnauzbärte. […] Einer trug schwarze Holzschuhe […]. Er gestikulierte mit der Faust, einer sehr kleinen Faust“.[44]

Oder an anderer Stelle:

„In der ganzen Kneipe gab es nur einen mit kurzem Haarschnitt. […] Ullrichs Haare waren inzwischen wenigstens schon wieder über die Ohren gewachsen. Die Parka, die Petersen trug, erschien ihm besonders praktisch […]. Er nahm sich vor, sofort eine solche Parka zu kaufen […]“.[45]

Was an Textstellen wie diesen immer wieder deutlich wird, ist die bereits in der Einleitung erwähnte Distanz, die Timm stets zur Studentenbewegung hatte und die ihm diesen oftmals ironischen Blick auf diese Zeit überhaupt erst möglich macht.[46] Als ein Beispiel dafür soll hier im Folgenden eine im Roman beschriebene Diskussionsveranstaltung von Studenten[47] dienen, anhand derer Timm die Merkwürdigkeiten und Absurditäten der Studentenbewegung offenbart:

„Jemand ruft: Erst muß abgestimmt werden, ob abgestimmt werden soll. Der zweite Antragsteller beantragt, daß darüber abgestimmt werden soll, ob jetzt weiterdiskutiert wird oder nicht. […] Dem zweiten Antragsteller soll das Wort entzogen werden und der schon gestellte Antrag zurückgezogen werden. Einer behauptet, das sei falsch formuliert, weil der zweite Antragsteller gar keinen Antrag formuliert habe. […] Einer schlägt vor, die Rednerliste aufzulösen und so zu tun, als sei gar kein Antrag gestellt worden“.[48]

Im Versuch demokratisch korrekte Diskussionen zu führen, verstricken sich die Studenten in kleinliche Verhaltensweisen und verhalten sich ähnlich borniert und kleinkariert wie ihre Professoren.

Auch einer der größten Konfliktpunkte in den Sechzigern, findet in diesem zweiten Kapitel des zweiten Teils Eingang: Es ist das Unverständnis der 68er darüber, dass Dozenten mit brauner Vergangenheit nun an Universitäten lehren: „Jemand zitierte aus einem Aufsatz, den Renke (ein Professor; S. J.) 1940 veröffentlicht hat: Der Erzieher müsse in dem Jugendlichen eine reine Liebe zu dem Führer wecken“.[49] Nahezu unvorstellbar für die Studenten, dass ehemalige oder noch bekennende Nazis, nun für die Ausbildung junger Menschen verantwortlich sein sollten. Wie hätten sie sich nicht gegen sie auflehnen können, ohne den bitteren Beigeschmack zu haben, die fatale NS-Ideologie und die Gräueltaten der Vergangenheit zu entschuldigen oder zumindest über sie hinwegzusehen?

Timm vermittelt in Heißer Sommer die vorherrschenden Gefühle der 68er und transportiert sowohl die Atmosphäre dieser Zeit, als auch die enge Verbundenheit die innerhalb der Studentenbewegung besteht. Exemplarisch an Ullrich erlebt der Leser, was Timm immer wieder auch in Essays oder Gesprächen, wie etwa dem mit Manfred Durzak aus dem Jahre 1993[50] , betont:

„Das Wunderbare […] an der Studentenbewegung war gerade, daß sich auch die Emotionen öffneten und sich über Emotionen reden ließ […], und daß man […] versuchte, andere Lebensformen zu entwickeln. Zu diesen anderen Lebensformen gehörte auch der Versuch, eine Sprache zu finden, um das neue Empfinden zu beschreiben“.[51]

Genau dieses ‚Wunderbare‘, dieses ‚neue Empfinden‘, erfährt auch Ullrich in der Bewegung:

„Wie leicht das alles war, dachte Ullrich. Sie hatten über alles geredet. Sie hatten sich berührt. Die Mädchen streichelten ungeniert die Jungen. Ullrich war aufgefallen, daß er plötzlich aussprechen konnte, was er dachte. Sie hörten zu, fragten nach Einzelheiten, interessiert und aufmerksam. […] Er hatte das Gefühl gehabt, als löse sich eine Erstarrung langsam auf […]“.[52]

Eine Besonderheit in Heißer Sommer ist, dass Timm nicht nur die Gefühle und Stimmungen von ´68 beschreibt, sondern diese auch immerzu in Realien der damaligen Zeit bettet. So zitiert er in seinem Text etwa Sprüche des Künstlers Peter Ernst Eiffe, die dieser ende der sechziger Jahre in Form von Graffitis an den Häuserwänden und Mauern Hamburgs hinterlässt.[53] Auch von der bestehenden Kluft zwischen Studenten und Arbeitern, die Timm selbst während seiner politisch aktiven Zeit erfahren muss[54] , erzählt er in Heißer Sommer: Studenten, die meist nie selbst gearbeitet haben, denen nach dem Studium gut bezahlte Jobs in Aussicht gestellt werden[55] , protestieren gegen bestehende Klassenverhältnisse, soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung durch ein kapitalistisches System – und werden dafür von der Arbeiterschaft belächelt und angefeindet: „Ullrich war von einem älteren Mann angeschrien worden. […] Er hatte auf Ullrichs Plakat gezeigt. […] Du kleiner Klugscheißer. Arbeite erst mal“.[56]

Der Roman ist in vielerlei Hinsicht Protokoll einer Zeit. So beschreibt Timm etwa den Sturz des Denkmals des Kolonialisten Hermann von Wissmann vor der Hamburger Universität[57] , die studentischen Proteste gegen Konsumterror und Vietnamkrieg[58] oder zitiert mit dem gleichen Wortlaut die dpa-Meldung[59] über das Attentat auf Rudi Dutschke[60] , der am 11. April 1968 von dem Arbeiter Josef Bachmann angeschossen wurde – ein weiterer Wendepunkt in der Geschichte der Studentenbewegung. Genau wie Timm im ersten Teil durch Spannungsaufbau und Allegorien, die Bedeutung, die Ohnesorgs Tod für die Studentenbewegung hat hervorhebt, werden auch die Bedeutung des Attentats auf Dutschke und die darauf folgenden Protestaktionen mit sprachlichen Mitteln unterstrichen[61] : Immer wieder durchbricht Timm den Fluss seines Textes um einzelne Punkte aus einer „Anleitung für Demonstranten“[62] in seinen Bericht zu montieren. Wie in einem Verlaufsprotokoll schildert Timm den damaligen Polizeieinsatz und die Berichterstattung der Medien. An einigen Textpassagen verändert sich Timms Schreibstil zum Telegrammstil, etwa wenn es heißt:

„Der Stein wandert von Hand zu Hand. […] Die Barrikade wächst. Stein um Stein. […] In Zweierreihe. Dahinter, wie ein großer grauer Panzer, der Wasserwerfer. […] Alle Fenster hell erleuchtet. […] Hier spricht die Polizei. Räumen Sie die Straße. […] Sie singen“.[63]

So macht Timm das Unfassbare deutlich: den Ausnahmezustand und das Chaos, indem sich Deutschland in diesen Stunden befindet, die Ereignisse, die sich verselbstständigen, sich überschlagen und außer Kontrolle geraten. Die Eskalation lässt sich nicht in gewöhnlicher Weise beschreiben, und so spiegelt sich die Unruhe und Hektik dieser Stunden auch in Timms Schreibstil wider: Auch dieser wird unruhiger, hektischer, aufgeregter. Gleichzeitig wird so deutlich, dass sich die Studentenproteste an diesem Punkt auf ihrem Höhepunkt befinden.

Zum Ende des zweiten Teils, als sich die Blockade vor dem Springerverlag bildet, scheint Ullrich nach langer Suche endlich angekommen zu sein – angekommen bei und in sich selbst. Gestärkt durch die Gruppe und sich selbst erkennend in den anderen, erschließt sich für ihn plötzlich sein bisheriges Leben und sein Leidensdruck:

„Er (Ullrich; S. J.) spürt, daß alles anders sein könnte. Daß er keinen Haß haben müßte. Einer, der das verhindert, ist Springer. […] [P]lötzlich kannte er ihn, den Grund für seinen Haß, für seine Einsamkeit, seine Ziellosigkeit, seine Angst, seine Lügen, seine Gehässigkeit, für sein Aufschneiden, seinen Neid und immer wieder für die Lügen. Das war veränderbar“.[64]

Ullrichs Leiden wird hier ganz explizit in Zusammenhang mit den bestehenden Verhältnissen gesetzt und geht gleichzeitig einher mit der Erkenntnis, etwas verändern zu können. An dieser Stelle beschreibt Timm einen wichtigen Bewusstseinswandel, der mit der antiautoritären Bewegung einsetzt:

„Mit 1968 […] beginnt dann eine […] ganz wunderbare und phänomenale Form, wobei man nämlich Politik versteht als eine Veränderung von bestehenden Verhältnissen die Menschen ins Unrecht setzen, […] wo versucht wird, über seine eigene Arbeit mitzubestimmen, insofern nämlich, daß man nicht einfach vor sich hinstudiert […]“.[65]

Timm beschreibt in Heißer Sommer immer wieder auch welche Rolle die Medien für den Verlauf der Bewegung spielen und widmet sich damit einem weiteren großen Thema der 68er[66] , nämlich der Manipulation der Öffentlichkeit durch die Presse, speziell durch den Axel-Springer-Verlag. Auch hier bleibt Timm nahe bei den Fakten: Der damalige Vorwurf der Studenten, der Attentäter Josef Bachmann sei durch die Hetzkampagnen von Parteien und Medien, allen voran der Bild-Zeitung, zu seiner Tat angestachelt worden, findet sich auch in Heißer Sommer wieder: „Der Zusammenhang zwischen dem Attentat auf Rudi und der seit Wochen systematisch geführten Kampagne der Presse, insbesondere der Springer-Presse, sei eindeutig“.[67]

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke kulminiert der Studentenprotest in der Blockade des Springerverlags.[68] In der Realität wie auch im Roman, beginnt mit ihr langsam der Zerfall der Studentenbewegung – und somit der dritte Teil des Buches.

Im dritten und letzten Teil von Heißer Sommer widmet sich Timm dem schleichenden Ende der Studentenbewegung und ihrem langsamen Zerfall. Er beschreibt den Prozess, der sich ab dem Spätsommer 1968 in Deutschland abzeichnet: Der SDS zerfällt in verschiedene Splittergruppen und droht auseinander zu brechen. Die Studenten erkennen, dass sie in ihrem Versuch die Gesellschaft grundlegend zu ändern, gescheitert sind. Sie sind desillusioniert und in ihrem Glauben an Veränderung erschüttert. Ohne ein erkennbares Konzept für die Zukunft entwickelt zu haben, und von Politik und Medien zunehmend als Terroristen diffamiert, stehen die Studenten vor einem Scheideweg, an dem sie wählen müssen ob sie weiterkämpfen oder aufgeben – so resignieren viele, verlieren sich in immer gleiche Diskussionen oder flüchten in Gewalt und politische Extreme. Die Revolutionäre von ´68 ziehen sich zurück und kapitulieren: „Eines Tages war Ullrich aufgefallen, daß er seit Wochen keinen neuen Eiffespruch mehr gefunden hatte. Der letzte […] hieß: Eiffe gibt auf […]“.[69] Ullrich, der während der Springerblockade noch voll Kraft und Stärke ist[70] , erkennt nun beim Blick in den Spiegel nur noch eine Mickymaus.[71] Den Studenten wird bewusst, dass sie sich mit ihrem Widerstand im Kreis drehen: „Wir rotieren. Die Notstandsgesetze. […] [D]a ist jetzt bald die zweite Lesung im Bundestag“.[72] Und erneut demonstrieren sie vergebens – das Gesetz wird am 30. Mai 1968 verabschiedet.

[...]


[1] Anm.: Obwohl sich das Phänomen der Studentenbewegung nicht allein auf Deutschland beschränkt, sondern auch in anderen Ländern auftritt, befasst sich diese Arbeit ausschließlich mit der Studentenbewegung innerhalb Deutschlands.

[2] Vgl. Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF. Bonn: Bouvier Verlag 1998. S. 18.

[3] Thränhardt, Dietrich: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996. S. 168.

[4] Ebd., S. 175-176.

[5] Vgl. Hielscher, Martin: Uwe Timm. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. S. 54.

[6] Anm.: Ein Punkt dieser Reform war etwa die Einführung der Zwangsexmatrikulation bei einer zu langen Studienzeit.

[7] Vgl. Hielscher, Uwe Timm, S. 53-54.

[8] Ebd., S. 62.

[9] Durzak, Manfred: „Die Position des Autors. Ein Werkstattgespräch mit Uwe Timm“. In: Durzak, Manfred/Steinecke, Hartmut/Bullivant, Keith (Hrsg.): Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1995. S. 311-354, hier S. 315.

[10] Timm, Uwe: Heißer Sommer. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1985.

[11] Timm, Uwe: Kerbels Flucht. Roman. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2., ungekürzte, vom Autor neu durchgesehene Ausgabe 2005.

[12] Timm, Uwe: Rot. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2001.

[13] Timm, Uwe: Der Freund und der Fremde. Eine Erzählung. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2005.

[14] Timm, Heißer Sommer, S. 8.

[15] Ebd., S. 11.

[16] Ebd., S. 24-25.

[17] Timm, Heißer Sommer, S. 28.

[18] Vgl. Hielscher, Uwe Timm, S. 50.

[19] Vgl. Timm, Heißer Sommer, S. 33-34.

[20] Thränhardt, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, S. 176.

[21] Timm, Heißer Sommer, S. 44.

[22] Vgl. Thränhardt, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, S. 176.

[23] Timm, Heißer Sommer, S. 45.

[24] Ebd., S. 51.

[25] Vgl. ebd., S. 52. Zunächst wird nur vom Tod eines Studenten gesprochen. Der Name Ohnesorg wir erst auf Seite 53 genannt.

[26] Ebd., S. 52.

[27] Anm.: Auf Seite 42 wird beschrieben wie Ullrich mit einem Referat beginnen möchte, er jedoch nur das Wort ‚Einleitung‘ auf ein Blatt schreibt.

[28] Timm, Heißer Sommer, S. 52.

[29] Vgl. ebd., S. 52.

[30] Ebd., S. 53.

[31] Durzak, „Die Position des Autors“, S. 312.

[32] Ebd., S. 313.

[33] Timm, Heißer Sommer, S.56.

[34] Ebd., S. 54.

[35] Ebd., S. 55.

[36] Ebd., S. 55.

[37] Ebd., S. 56-57.

[38] Vgl. auch Voigt, Lothar: Aktivismus und moralischer Rigorismus. Die politische Romantik der 68er Studentenbewegung. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1991. S. 23-24.

[39] Timm, Heißer Sommer, S. 100.

[40] Vgl. Fels, Der Aufruhr der 68er, S. 170.

[41] Vgl. Timm, Heißer Sommer, S. 107-121.

[42] Vgl. Timm, Uwe: „Mythos“. In: Marx, Friedhelm (Hrsg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms. Göttingen: Wallstein 2007. S. 13-26, hier S. 25.

[43] Ebd., S. 25.

[44] Timm, Heißer Sommer, S. 109-110.

[45] Ebd., S. 127-128.

[46] Vgl. Durzak, „Die Position des Autors“, S. 316.

[47] Vgl. Timm, Heißer Sommer, S. 123-125.

[48] Ebd., S. 125.

[49] Ebd., S. 123.

[50] Anm.: Obwohl Die Archäologie der Wünsche 1995 veröffentlicht wurde, hat Durzak das Gespräch mit Timm bereits im Mai 1993 geführt. Vgl. hierzu Durzak, „Die Position des Autors“, S. 346.

[51] Ebd., S. 317.

[52] Timm, Heißer Sommer, S. 129-130.

[53] Vgl. ebd., S. 118, S. 119, S. 132, S. 136, S. 141, S. 151, S. 154, S. 164, S. 166, S. 173, S. 175,

S. 177 und S. 211.

[54] Vgl. etwa Durzak, „Die Position des Autors“, S. 315-316.

[55] Vgl. Timm, „Mythos“, S. 25.

[56] Timm, Heißer Sommer, S. 156.

[57] Vgl. ebd., S. 136-137.

[58] Vgl. ebd., zum Beispiel S. 149-150.

[59] Vgl. Uesseler, Rolf: Die 68er:„Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“ APO, Marx und freie Liebe. München: Wilhelm Heyne Verlag 1998, S. 288.

[60] Vgl. Timm, Heißer Sommer, S. 187.

[61] Vgl. ebd., S. 187-203.

[62] Ebd., S.187.

[63] Ebd., S. 203.

[64] Ebd., S. 198 und S. 202.

[65] Coury, David/De Vries, Herman J.: „»Das Erzählen muß wie Sand im Getriebe sein«. Gespräch mit Uwe Timm“. In: Focus onLiteratur: a journal for German-language. Bd. 2. Cincinnati u.a.: 1995. S. 101-112, hier S. 104-105.

[66] Vgl. etwa Uesseler, Die 68er, S. 86.

[67] Timm, Heißer Sommer, S. 193.

[68] Vgl. Thränhardt, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, S. 175.

[69] Timm, Heißer Sommer, S. 211.

[70] Vgl. ebd., S. 202.

[71] Vgl. ebd., S. 212.

[72] Ebd., S. 215.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Die Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung im literarischen Werk Uwe Timms
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
72
Katalognummer
V202451
ISBN (eBook)
9783656618805
ISBN (Buch)
9783656618751
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Uwe Timm, Timm, Studentenbewegung, 68er, Literaturwissenschaft, RAF
Arbeit zitieren
Stefanie Jung (Autor), 2008, Die Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung im literarischen Werk Uwe Timms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202451

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