Die Idylle als gesellschaftskritisches Instrument der Aufklärung


Hausarbeit, 2012

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung

2. Idylle und Aufklärung
2.1. Europa in der Mitte des 18. Jahrhunderts
2.2. Kulturreflexion und Gesellschaftskritik der Frühaufklärung
2.3. Die Gattungskonventionen der Idylle

3. Kulturreflexion in Idylle und Aufklärung
3.1. Die Idylle bei Gessner (1730 - 1788)
3.2. Das Ideal als gesellschaftskritisches Element
3.3. Verbindungslinien zwischen Idylle und Aufklärung

4. Fazit

Literatur

1. Hinführung

Sucht man im Internet nach dem Wort „Idylle“, so erhält man bei Google knapp 10 Millionen Treffer. Da gibt es Meeresstrände, Streuobstwiesen, Ferienwohnungen, ja sogar Bäder, die einem die Idylle versprechen. Parfüm trägt ihren Namen, sie ist „kriegerisch“, „zerrissen“ oder „zerstört“ - und wird in dieser Arbeit frech nicht einmal mit Zitaten belegt, weil es sich um Platitüden handelt, die jedes Kind kennt oder - noch frecher - die die Spatzen seit Jahrzehnten von den Dächern pfeifen.

Und so kommt außerhalb der Geisteswissenschaften vermutlich niemand auf die Idee, die „Idylle“ als Bestandteil eines fundamentalen Wandels zu sehen, in dem die Gesellschaft Europas auf ihrem Weg in die Moderne geformt wurde. Ähnlich war es auch bei der Verfasserin, und das, obwohl sie sich innerhalb der Geisteswissenschaften befindet. Und das ist der Grund, weshalb diese Arbeit zustandegekommen ist.

In dieser Arbeit sollen zunächst der kulturreflexive Horizont der Aufklärung und deren Gesellschaftsideale vor dem komplexen Hintergrund des Übergangs von der Ständegesellschaft zur funktional differenzierten Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert verortet werden. Begriffe wie Vernunft, Freiheit, aber auch Moral und Tugend werden in völlig neue Zusammenhänge integriert, womit ein neues Denken entsteht, das den Standort des Menschen in der Gesellschaft bewusst, logisch und kritisch hinterfragt. Der Begriff der Gesellschaftskritik tritt dadurch in den Vordergrund.

Deshalb wird in einem weiteren Kapitel versucht, Kulturreflexion und Gesellschaftskritik der Frühaufklärung zu analysieren, indem ein schlaglichtartiger Überblick gegeben wird von den philosophischen über die naturwissenschaftlichen bis hin zu den ästhetischen Bewegungen von Leibniz und Wolff über John Locke und Adam Smith bis hin zu Brockes und Gessner.

Innerhalb dieses Raumes soll anschließend die Idylle als symptomatische Gattung für den Weg in die Europäische Moderne vorgestellt werden. An ihr brechen die Kontraste zwischen Goldenem Zeitalter und Heiler Welt auf der einen, moderner Sozialisation und Kultürlichkeit auf der anderen Seite auf, was etwa bei Gottsched in „Versuch einer critischen Dichtkunst“ deutlich wird. Abgerundet wird dieses Kapitel mit einem kurzen Überblick über die Gattungskonventionen der Idylle, an der deutlich werden soll, dass ihrem Ideal per se ein gesellschaftskritisches Moment immanent ist. Dieses Moment ist immer Bestandteil eines übergeordneten kulturreflexiven Prozesses, in dem sich komplexe und umfangreiche neue Strömungen entfalten.

Im Rahmen einer Analyse der Idyllenpoetik wird versucht, dieses kritische Potenzial herauszuarbeiten, um die Kontraste zur gesellschaftlichen Situation in ihrem übergeordneten kulturellen Kontext sichtbar zu machen.

Die Arbeit wird deshalb die Momente der Kulturreflexion mit ihren Bestandteilen der gesellschaftlichen Realität überhöhen und damit fruchtbar machen für eine Gegenüberstellung von Ideal und Realität.

Um die Überlegungen an konkreten Beispielen zu entfalten, werden hauptsächlich Gessners Idyllen betrachtet, was einen Blick in andere Dichtungen jedoch nicht verhindern soll. Alle dienen sie der Analyse der Verbindungslinien zwischen dem Ideal als kulturreflexivem Moment der Idylle und dem gesellschaftlichen Kontext.

Wie sich zeigen wird, hat John Locke mit den Attributen Natur, Freiheit, Gleichheit und Vernunft die wichtigsten „Kampfbegriffe“ der Aufklärung behandelt. Im Rahmen dieser Arbeit können Frühaufklärung (1680 bis etwa 1730, Neumeister: 7) und Aufklärung nicht in all ihren Widersprüchen erfasst werden, zumal sie kein geschlossenes System darstellen (Fuchs/Raab: 68). Deshalb wird sich in dieser Arbeit zeigen, dass hauptsächlich diese Attribute im Vordergrund stehen und deshalb wird sich die Arbeit auch immer mit diesen ‚im Hinterkopf’ ausrichten. Das impliziert zweierlei: Zum ersten einen relativ schmalen Weg durch einen sehr komplexen Sachverhalt (unter Auslassung alle dessen, was man ‚sonst noch sagen könnte’), weshalb es allerdings zum zweiten möglich sein sollte, diesen Weg im Hinblick auf das Erkenntnisziel einigermaßen gerade gehen zu können, will heißen ohne ausufernde Nebenwege und Sackgassen.

Im Anschluss an eine Übersicht über Gessners „Idyllen“ stehen zwei Leitfragen im Zentrum des Hauptteils: Kapitel 3.2. wird die Frage behandeln: Wie ist das Ideal in der Idylle dargestellt- und wo ist das Gesellschaftskritische darin? In Kapitel 3.3. geht es darum: Welche Verbindungslinien gibt es zwischen dem gesellschaftskritischen Ideal in der Idylle und den Elementen der Aufklärung?

2. Idylle und Aufklärung

2.1. Europa in der Mitte des 18. Jahrhunderts

In einem einzigen Kapitel die Situation Europas um die Mitte des 18. Jahrhunderts beleuchten zu wollen, ist ein komplexes Unterfangen, in Anbetracht der fundamentalen Umwälzungen des ausgehenden 17. und das 18. Jahrhunderts und kann deshalb nur schlaglichtartig geschehen. Zentral ist der Übergang von der vormodernen Ständegesellschaft zur funktional differenzierten Gesellschaft im Zusammenhang mit einer grundlegenden Bewusstseinsänderung der Menschen.

Denn in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geht jene europäische Kultur zu Ende, in der die Gesellschaft auf allen Ebenen kirchlich und theologisch determiniert ist (Fuchs/Raab: 68) und der Mensch als Bestandteil eines größeren Ganzen seinen Platz in der Gesellschaft mit seiner Geburt gottgegeben vorfindet. Stattdessen muss er diesen jetzt ganz bewusst suchen. Dazu ist jetzt subjektive Wahrnehmung gefragt und Instrumente, um die Erkenntnisse dafür zu gewinnen: Der Mensch beginnt, die Welt kritisch zu hinterfragen. Die Naturwissenschaften blühen mit dem beginnenden Empirismus auf, analog dazu fördert die Historiographie die Quellenkritik mit Pierre Bayle (Fuchs/Raab: 68), die Logik, planbare Abläufe, von Vernunft durchdrungenes Denken zum Wohle des Menschen, der Glaube an Fortschritt und an eine optimistische Zukunft bahnen sich ihren Weg in der Gesellschaft.

Das Herrschaftssystem im Übergang zum 18. Jahrhundert ist absolutistisch und hält an seinen Traditionen fest. Hier kann sich das neue Denken nicht entfalten. Auf politischer Ebene entstehen lang andauernde Probleme: Die Staatenbildung ist noch nicht abgeschlossen und die politische Macht in den Händen der Fürsten, die ihren Einfluss über die gewachsenen Abhängigkeitsstrukturen sicheren und ihre maroden Finanzen mit verstärkten Steuereinnahmen auszugleichen suchen (Wehler: 226f.). Der absolutistische Herrschaftsanspruch der Fürsten konkurriert mit dem aufsteigenden Besitzbürgertum der großen Städte, die in dieser Zeit aufgrund des erweiterten Handels im Zuge der Kolonialisierungen, dem Ausbau der Infrastruktur, des Bevölkerungswachstums und der immer differenzierter werdenden Bedürfnisse der Menschen nach Dienstleistungen und Waren größer werden; der Konflikt zwischen zentraler Herrschaft und dem alten Adel wird bis ins 19. Jahrhundert andauern (Wehler: 228).

Die Zeit bringt jedoch noch eine andere Schicht hervor, die zwar keine politischen Einflussmöglichkeiten hat, dessen geistige Dominanz die neue Strömung jedoch durchsetzen kann (Hauser: 628): Das Bildungsbürgertum. In ganz Europa tauschen sich die Gelehrten (in dieser Zeit noch auf Französisch), aber auch zunehmend nichtuniversitäre Bereiche der Gesellschaft (Frauen, der Adel) über die neuen Fragen aus, in Leipzig, Paris und London, um nur einige größere Zentren zu nennen, entstehen gesellschaftliche Tendenzen, die der ausschweifenden höfischen Rokoko-Kultur eine moralische Instanz entgegensetzen.

Zum ersten Mal wird in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland Berufsdichter hervorbringen[1], die nicht mehr, wie noch um 1700, hauptsächlich den klerikalen oder höfischen Schichten angehören, sondern wie Klopstock oder Gottsched zwar von den Höfen unterstützt, nicht aber aus diesen hervorgegangen sind.

Die soziokulturelle Schere in der Gesellschaft ist nach wie vor weit geöffnet: Mehr als vier Fünftel etwa der deutschen Bevölkerung leben im 18. Jahrhundert von der Landwirtschaft; ihre Haushalte sind bäuerlich und grundherrlich organisiert (Wehler: 82). Und auch hier gibt es Veränderungen: Die traditionelle Ökonomie der „Hausväter“ innerhalb der Organisationsform des „ganzen Hauses“ löst sich im Laufe des 18. Jahrhunderts auf, weil die Agrarwirtschaft in das komplexe Netz des kapitalistischen Welthandels verstrickt wird und sich neue wirtschaftliche Strukturen ausbilden (Wehler: 83).

Mit diesen wenigen Beispielen sollte ein Einblick in die Tragweite der Umwälzungen in Europa im 18. Jahrhundert gegeben sein.

2.2. Kulturreflexion und Gesellschaftskritik der Frühaufklärung

Der Umbruch im Übergang zur Moderne mit all seinen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen ist ein krisenhafter, über den sich die europäische Intelligenz Gedanken macht. Wie soll die neue Gesellschaft geordnet sein? Muss eine ordnende Instanz überhaupt in die menschliche Gemeinschaft eingreifen? (Nonnenmacher: 4f.) Oder gibt es einen friedlichen Naturzustand? Wie hat sich der Mensch zu verhalten? Was ist sittlich richtig, wie soll die Erziehung vor sich gehen? (GdL5: 451) In der entstehenden „gelehrte[n] Öffentlichkeit“ (Bödeker: 15) und im neuen Duktus der „Geselligkeit“, diskutieren die Intellektuellen um 1700 in Briefwechseln, Universitäten, Buchhandlungen und im privaten Kreis über dieses Thema (Bödeker: 15) und so entsteht eine Geistesbewegung in Philosophie, Literatur und Kunst, die Troeltsch „Beginn und Grundlage der eigentlich modernen Periode der europäischen Kultur“ nennt (zit.n. Fuchs/Raab: 68): Die Aufklärung. Sie bringt nicht nur neue Konzepte und Denkweisen mit sich, sondern bildet den Boden, auf dem sich eine Vielzahl neuer Denkrichtungen entfalten.

Diese Situation birgt einerseits sowohl Kulturreflexion als auch kulturstiftendes Moment. Reflexiv, weil eine Auseinandersetzung bezüglich geistlicher und weltlicher Traditionen stattfand[2] (Vierhaus: 25), kulturstiftend, weil sie dadurch zur Veränderung und Ausbau der Kultur beitrug, wie etwa durch die Sozietätsbewegung[3] (Vierhaus: 27).

Andererseits ist das neue Denken aber auch als gesellschaftskritisches zu sehen: Mit Thomas Hobbes (1588 - 1679) zeichnet sich bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts der Beginn kontroverser Diskussionen ab. Der englische Philosoph geht - sehr verkürzt gesagt - davon aus, dass die menschliche Natur ohne zentrale Ordnung grundsätzlich von Konkurrenz und damit von Kampf geprägt sei (Nonnenmacher: 35), unerträglich also, weshalb sie überwunden werde müsse. Und zwar durch gesellschaftliche Regeln innerhalb eines Staates (Nonnenmacher: 38).[4] Er argumentierte deshalb für den Absolutismus als Instrument der Friedenssicherung (GdL6: 6).

John Locke[5] (1632 - 1704) dagegen erklärt den ursprünglichen Seinszustand des Menschen als den einer friedlichen Gemeinschaft, die nach den „Gesetzen der Vernunft“ zusammenlebte (Sprute: 203), in grundsätzlicher Freiheit und Gleichheit, mit allen Rechten und Privilegien von Geburt an versehen (Sprute: 205). Er nennt ihn „Naturzustand“ (zit.n. Sprute: 204)[6]. In ihm gilt das „Naturrecht“ (Sprute: 205), das jeder Mensch zu vollstrecken habe. Dazu jedoch bedarf es einen Konsenses, der innerhalb der „öffentlichen Meinung“ gebildet werden soll, weshalb Locke keinen Bedarf für einen Staat sieht (Nonnenmacher: 7). Auch das Verteilungsproblem von Waren, die Armut und die prinzipielle Interessenkollision sieht Locke in den Händen einer „bürgerlichen Regierung“ (Nonnenmacher: 7); der englische Nationalökonom Adam Smith[7] (1723-1790) greift diese Argumentation auf und erklärt den sich bildenden anonymen Markt als Instrument des „Wohlstands der Nation“ (Nonnenmacher: 7), der ohne Eingreifen einer staatlichen Instanz von selbst, quasi mit „unsichtbarer Hand“ (Wehler: 135) geführt werde: Hier scheint auf dem Feld der Wirtschaft der Begriff „Freiheit“ auf.

[...]


[1] Hauser nennt Klopstock den „erste[n] deutsche[n] Berufsdichter im europäischen Sinne“ (626) und spricht von den Dichtern des 17. Jahrhunderts als von den Höfen abhängigen Autoren. England (z.B. Thomas Gray) und Frankreich (wie etwa Rousseau) dagegen hatten bereits früher freie Autoren, die nicht vom Adel abhängig waren.

[2] Dieser Prozess setzte in Deutschland aufgrund der territorialen Zersplitterung und der religiösen Schranken später ein als in England, Frankreich oder Holland, weshalb gerade in Deutschland die kulturelle Entwicklung für den Wandel zunächst im Vordergrund standen (Vierhaus: 25).

[3] Die Sozietätsbewegung des 17. und 18. Jh. folgte dem italienischen, englischen und französischen Beispiel: Gründung gelehrter Gesellschaften und Institutionen, Ausbau der Wissenschaften, den Verlag der frühen „Moralischen Wochenschriften“ u.a. (Vierhaus: 27).

[4] „Leviathan“, 1651 gilt als „Pionierleistung“, die die Basis des politischen Denkens der Übergangszeit bildete (Nonnenmacher: 5).

[5] John Locke gilt als Begründer des Empirismus und der Erkenntniskritik der Aufklärung. Freiheit und Gleichheit des Menschen spielen in seinem „Second Treatise of Government“ eine wichtige Rolle (Sprute: 202).

[6] Locke behauptet diesen Naturzustand als geschichtlich und leitet aus ihm die Notwendigkeit einer Verfassung und einer „moralischen Qualität“ des Staatswesens ab (Sprute: 205).

[7] Adam Smith gilt als Schlüsselfigur der englischen Wirtschaftslehre (Wehler: 59).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Idylle als gesellschaftskritisches Instrument der Aufklärung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Neuere deutsche und europäische Literatur)
Veranstaltung
Kulturelle Muster der Moderne: Literarische Revolution und Ende der Kunstperiode
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V202980
ISBN (eBook)
9783656293859
ISBN (Buch)
9783656294757
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
idylle, instrument, aufklärung
Arbeit zitieren
Sabine Krell (Autor), 2012, Die Idylle als gesellschaftskritisches Instrument der Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202980

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Idylle als gesellschaftskritisches Instrument der Aufklärung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden