Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse


Studienarbeit, 2009

39 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Usability Grundlagen
2.1 Usability Engineering Definition
2.2 Der Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse
2.3 Die Rolle von Usability bei der Softwareentwicklung
2.4 Das Zusammenwirken von Usability Methoden und Software Engineering
2.4.1 Analyse
2.4.2 Modellierung
2.4.3 Spezifikation
2.4.4 Realisierung
2.4.5 Evaluation
2.4.6 Erkenntnis

3 Vorstellung der wichtigsten Usability Methoden
3.1 Szenarien und Personas
3.2 Storyboards
3.3 User Interface Prototyping
3.4 Guidelines und Styleguides
3.5 UsabilityTesting

4 Usability und Eyetracking

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Ausprägungen der Sachbearbeiter

2 Systemgrenzen und Abläufe

3 Benutzerorientierter Gestaltungsprozess

4 USE-Case Anwendungsfalldiagramm

5 Verschiedene Darstellungen eines User Interface Prototypen

6 Clickdummy mit Erklärungen für die Anwender (1)

7 Clickdummy mit Erklärungen für die Anwender (2)

8 Storyboard

9 Dokument Storyboard

10 Styleguide Beispiel 1

11 Styleguide Beispiel 2

12 Usability Lab

13 Eyetracking Hardware

14 Eyetracking Beispiel

15 Layout Überarbeitung

1 Einleitung

In Zeiten zunehmender Verbreitung von Softwarenutzung in vielen Bereichen des tägli­chen Lebens gewinnt Usability Engineering, dessen Gegenstand die Überprüfung der Be­nutzbarkeit von Computerprogrammen ist, immer mehr an Bedeutung. Doch die steigen­den Anforderungen an anwenderfreundlichen Programmen stellen Wissenschaftler und Entwickler stets vor neue Herausforderungen, wenn es darum geht, ein breites Publikum, das vom IT-Spezialisten bis hin zum Amateur ohne Computerkenntnisse reicht, zu bedie­nen.

Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Usability Enginee­ring eine entscheidende Rolle bei der Softwareentwicklung spielt, Unternehmensprozesse beeinflusst und das Fundament für ein erfolgreiches Produkt bildet, widmet sich diese Semesterarbeit dem Thema IT-Usability. Demzufolge wird der Frage nachgegangen, wie sinnvoll der Einsatz der Usability Methoden in Kombination mit den Vorgehensmodellen im Software Engineering ist.

Schwerpunkt dabei ist IT-Usability in der Softwareentwicklung für Unternehmenssoft­ware, weil hierdurch die vorhandenen Probleme bei der Entwicklung von Software sich am besten aufzeigen lassen, da im Unternehmen die Software von mehreren Personen bedient wird. Darüber hinaus sind die zu entstehenden Kosten bei fehlerhafter Software wirtschaftlich nicht zu vertreten. Ziel ist es, über das Software Engineering und die Prog­rammierung hinaus Verständnis und Signifikanz von Usability Engineering beim Leser zu wecken. Anhand einiger Beispiele aus der Praxis werden diese dem Leser anschaulich dargestellt.

Der Fragestellung entsprechend gliedert sich die Untersuchung wie folgt: Im zweiten Ka­pitel werden die Grundlagen und der Einfluss von Usability Engineering dargestellt. Hier wird auf die Bedeutung und die Rolle von Usability Engineering bei der Entwicklung von Software eingegangen. Dabei wird erläutert, wie sich Methoden des Software Enginee­rings durch Usability Methoden erweitern lassen. Im darauffolgenden dritten Kapitel werden die einzelnen Usability Methoden für die Softwareentwicklung genauer beleuch­tet. Es wird anhand einiger Beispiele verdeutlicht, wie wichtig Usability ist. Das letzte Ka­pitel schließt die Untersuchung mit einem Usability Beispiel aus der Praxis ab.

Aufgrund der Komplexität des Themas kann hier nur exemplarisch vorgegangen, demzu­folge nur auf einige Verfahren und Methoden eingegangen werden. Deshalb wurden für diese Untersuchung die für Usability gängigen Methoden herangezogen, die eine beson­dere Rolle bei der Entwicklung von Unternehmenssoftware einnehmen.

2 Usability Grundlagen

2.1 Usability Engineering Definition

Der Begriff Usability wird unterschiedlich definiert und ist eng mit der Software Ergono­mie verzahnt. Die Software Ergonomie definiert Usability Engineering als „die Arbeit hin zu leicht verständlicher und schnell benutzbarer Software unter den gebotenen techni­schen Möglichkeiten."[1] Umgangssprachlich hat sich der geläufige Ausdruck „Benutzer­freundlichkeit" durchgesetzt. Doch der Ausdruck „ist nicht ganz befriedigend, da der Grad der Freundlichkeit eines Systems gegenüber dem Benutzer ein eher diffuses Konzept dar­stellt."[2] Deshalb sprechen Usability Wissenschaftler lieber von „Benutzbarkeit eines Sys­tems."[3] Laut ISO-Norm 9241-11 ist Usability „das Ausmaß, in dem ein Produkt durch be­stimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um be­stimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen."[4] Darunter ist zu ver­stehen, wie gut der Benutzer ein Werkzeug in seinem Umfeld zur Bewältigung der Aufga­ben einsetzt. Dies wird an den folgenden Beispielen veranschaulicht:

Ein Werkzeug steht beispielsweise für einen Schraubenzieher oder eine Softwareanwen­dung. Die Usability eines Schraubenziehers zum Befestigen von Schrauben kann gut sein, wenn das Werkzeug sich in seiner Form von der menschlichen Hand sehr gut greifen und festhalten lässt. Ein Hammer kann ebenfalls eine gute Usability aufweisen, wenn sich da­mit die Nägel gut in die Wand schlagen lassen.

Eine Softwareanwendung kann ihrerseits eine schlechte Usability haben, wenn die Abläu­fe und Dialoge sehr komplex und kaum durchschaubar für den Anwender gestaltet sind. Beispiel hierfür ist die SAP Software. Ohne intensive Trainingsmaßnahmen können An­wender die Software nicht richtig benutzen. Ein weiteres Beispiel für eine negative Usabi­lity sind Sprachdialoge, sogenannte Sprachroboter mit schlechter Spracherkennung und Menüführung, die von vornherein bestimmte Nutzergruppen ausschließen. Ältere Men­schen oder Schwerhörige sind damit meist überfordert. Diese Form der Automatisierung bewirkt das Gegenteil von Effizienz, da sich auch beim durchschnittlichen Benutzer eine Überforderung herauskristallisiert hat. Es können nie alle Themenbereiche auf die Vielfalt der Anfragen vollständig abgedeckt werden. Als Folge davon hat das Telekommunikati­onsunternehmen Telefonica 02 Germany die Sprachroboter abgeschafft und setzt statt- dessen wieder menschliche Kundenberater ein. Dadurch wurde erreicht, dass das Unter­nehmen zum Testsieger für Kundenhotlines wurde und insgesamt wieder eine bessere Usability für Anfragen besitzt als das Interactive Voice Response System.[5] [6] Aus den Beispie­len lässt sich schlussfolgern, dass Usability auch mit dem Wort „Benutzbarkeit" übersetzt werden kann. Diese Aussage ist aber als reine Hypothese zu verstehen.

Usability begegnet uns aber auch in weiteren Bereichen des Lebens. Beispiele sind unter anderem der Fahrkartenautomat, die Elektronik- und Haushaltsgeräte, das Cockpit im Auto sowie Anwendungen bei Telefonen, wie zum Beispiel die Bedienbarkeit des Short Message Services (SMS). Usability findet also in vielen interaktiven Systemen Anwendung. Ist die Usability aber eine schlechte, wird diese von den meisten Unternehmen immer noch zu spät erkannt. Die negativen Absatzzahlen versucht ein Konzern meistens durch eine Verstärkung des Marketingaufwands auszugleichen. Dabei sollten sich die Verant­wortlichen die Frage stellen, ob es an der Qualität oder an der Usability mangelt. Trotz­dem sind gute Usability und ein gutes Produkt aber auch kein Garant für einen Verkaufs­erfolg.

Ein Beispiel für einen revolutionären Usability Entwicklungsschritt war die Einführung der graphischen Webbrowser wie MOSAIC und Pei Weis für die Internetbenutzung. Diese unterstützten das Hypertextsystem und eine einfache Navigation zwischen den Doku­menten. Später kamen die Anzeigemöglichkeit von Bildern und die Darstellung von weite­ren Multimediainhalten hinzu. Das Ziel war es, einen einfachen universellen Zugriff zu einer großen Anzahl von Dokumenten zu ermöglichen. Der Erfinder Tim Berners Lee kommentierte es folgendermaßen: „The WorldWideWeb (W3) is a wide-area hypermedia information retrieval initiative aiming to give universal access to a large universe of documents. "B Zuvor waren es nur technikaffine User von Universitäten, welche im Text­modus durch Eingabe von umständlichen Kommandos Dokumente anzeigen lassen konn­ten. Die Navigation zwischen den Dokumenten der älteren Textbrowser wie „Lynx" war sehr umständlich und unübersichtlich. Erst durch die neuen Webbrowser wurde das Internet für fast Jedermann benutzbar.

Barrierefreiheit zur Anzeige der Dokumente ist aber in den aktuellen Browserversionen noch nicht ausgereift. Integrierte Komponenten oder Zusatzhardware für die vollständige barrierefreie Betrachtung von Dokumenten könnte aber der nächste große Usability Ent­wicklungsschritt für das World Wide Web werden.

2.2 Der Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse

Dass Usability die Unternehmensprozesse beeinflusst, wird anhand des folgenden Bei­spiels „Umstellung von SAP R/2 auf SAP R/3 mit dem Modul FI/CO“ veranschaulicht. FI/CO steht hierbei für Finanzen und Controlling und „R“ für Release.

Der Unterschied zwischen SAP R/2 und SAP R/3 war enorm. Bei R/2 musste der Nutzer noch Transaktionscodes auswendig lernen. Beispielhaft veranschaulicht dies der folgende Bereich:

Im Controlling bei der Kostenstellenrechnung ist der Transaktionscode TK31 für eine Kos­tenstellenauswertung. Bei Eingabe von TK31 wird die Kostenstelle angezeigt, die der Be­nutzer eingibt bzw. die entsprechende Kostenstellenhierachie.

Der Releasewechsel von R/2 zu R/3 bedeutete, das dem Benutzer nun eine webbasierte Oberfläche angezeigt wurde. Durch die webbasierte Oberflächengestaltung kann sich ein ungeübter User durch das Programm FI/CO bis zum einzelnen Geschäftsvorfall über die neue Oberfläche durchnavigieren. Bei einer IT-Lösung kommt es immer darauf an, alle Mitarbeitergruppen in Entwicklungsprozess einzubinden. Es gibt in einem Unternehmen verschiedene Mitarbeitergruppen. Es gibt beispielsweise IT-affine, geschäftsaffine, neue und konservative Mitarbeiter. Wichtig hierbei ist, dass dabei wirklich alle Mitarbeiter­gruppen integriert werden und sich darin wiederfinden. Die Gruppen teilen sich haupt­sächlich in zwei Bereiche auf: es gibt die betriebswirtschaftlich und technisch orientierten Mitarbeiter. Bei SAP bedeutet es, dass die IT-Lösung so gestaltet werden muss, dass der IT-affine Mitarbeiter, welcher wenige Kenntnisse von Geschäftsprozessen hat, durch das Programm einfach und mit wenig Klicks zum Ziel geleitet wird. Der geschäftsaffine und konservative Mitarbeiter mussauf die bewährten und bekannten Lösungen zurückgreifen können. In folgender Zeichnung sind die Ausprägungen der Sachbearbeiter zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ausprägungen der Sachbearbeiter

In unserem Beispiel bei SAP bedeutet es, dass der konservative und geschäftsaffine Mi­tarbeiter seine eingeübten Transaktionscodes eingeben kann und so direkt zu dem ent­sprechenden Geschäftsvorfall geführt wird. Das bedeutet, dass es im Release R/3 noch die Möglichkeit geben muss, Transaktionscodes einzugeben. Der Mitarbeiter muss zu dem Geschäftsvorfall so geführt werden, dass er bekannte IT-Oberflächen in SAP wiede­rerkennt. Deshalb hat SAP ein webbasiertes SAP Release veröffentlicht (Internet SAP Re­lease). Die beiden wichtigsten Gruppen bei einer Softwareimplementierung müssen dem­zufolge unbedingt berücksichtigt werden und deren Wünsche antizipiert werden. Folgen­des Beispiel veranschaulicht dies besonders deutlich:

In dem Unternehmen gibt es einen erfahrenden Buchhalter, der gewöhnt ist, mit dem bisherigen Release zu arbeiten. Dieser wird mit einem Update konfrontiert. Das würde er sehr gern ablehnen. Ein IT-affiner Mitarbeiter würde sich dafür interessieren, da er die Oberflächen aus dem Internet-Alltag kennt und sich für die neuen Techniken und Oberflä­chen begeistert. Dazu wird auch im folgenden Kapitel Bezug genommen.

Die Lösung für das Zusammenführen der unterschiedlichen Gruppen schaut fol­gendermaßen aus: In SAP R/3 sind die tiefsten Stufen die Kostenstelle (vertikal), sowie die Kostenart (horizontal) und dort wiederum befindet sich der Beleg. Das ist gleichzeitig die Systemgrenze von R/3, somit gibt es eine tiefere Ebene nicht. Bei einer Systemimplemen­tierung muss diese Systemgrenze den Usern (IT-affin und/oder geschäftsaffin) vermittelt werden. Die Vermittlung erfolgt durch Projektgruppen. Darüber hinaus ist ein Argument zur Überzeugung der betriebswirtschaftlich orientierten Gruppe, dass eventuelle ältere Releases systemtechnisch nicht mehr unterstützt und demnächst eingestellt werden. Das bedeutet auch die Einstellung der Pflege des IT-Systems durch SAP, wenn keine Service Packages mehr veröffentlicht werden. Dieses nimmt auch der geschäftsaffine Mitarbeiter zur Kenntnis.

In Projekteams müssen die Customizing-Ansprüche der Mitarbeitergruppen gleichsam eingefangen und aufgegriffen werden. Betriebswirtschaftliches Stichwort ist es, betroffe­ne Mitarbeiter zu Beteiligten machen. Ziel ist die gemeinsame Entwicklung eines User­Interface unter Berücksichtigung der Systemgrenzen von SAP. Es gibt zwei Systemgren­zen. Die betriebswirtschaftliche Anforderung und die IT-Möglichkeit. Zwischen diesen beiden Teilmengen müssen Schnittstellen gefunden und vermittelt werden. In unserem Beispiel wäre es das Interface-Customizing, welches die betriebswirtschaftlichen Ziele in der Kostenstellenrechnung abbildet. Des Weiteren gehört die Etablierung einer entspre­chenden Testorganisation zur nächsten Aufgabe der Verantwortlichen, nachdem die be­triebswirtschaftlichen Prozesse aufgenommen und dokumentiert sind, das Customizing erfolgt ist und innerbetrieblich für den Test freigegeben wurde.

Der Ablauf einer IT-Implementierung sieht folgendermaßen aus:

- Aufnahme der betriebswirtschaftlichen IST-Prozesse
- Eventuell SOLL-Design Modulation nach Vorgabe des Unternehmens umsetzen
- Wenn SAP-Lösung bei FI/CO funktioniert, dann betriebswirtschaftliche Anforderun­gen und IT-Grenzen ermitteln
- Customizing auf Wunsch des Kunden (Anwender) anpassen (hierbei ist zu berück­sichtigen, dass den Mitarbeitern entgegenkommen wird, Schnittmengen hergestellt werden, die der IT und den betriebswirtschaftlichen Anforderungen gerecht wer­den)
- Customizing freigeben und testen (die geschäftsaffinen Mitarbeiter müssen einge­bunden werden)

In unserem Beispiel wurden Belege gebucht und anschließend geprüft, ob diese auf der richtigen Kostenart gebucht wurden, sowie ob der Beleg im DMS[7] hinterlegt wurde.[8]

Anhand der folgenden Zeichnung werden die Systemgrenzen grafisch dargestellt, sowie ein Ablauf der Aufnahme der Prozesse bis hin zur Testphase.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Systemgrenzen und Abläufe

2.3 Die Rolle von Usability bei der Softwareentwicklung

Im Bereich der Softwareentwicklung wird unter Usability die Gestaltung einer Benutzer­oberfläche verstanden. Usability-Kriterien sind beispielsweise die Anordnung von Objek­ten auf einem Formular in einer Anwendung und die Anzahl der Klicks, die zur Zielerrei­chung der Aufgabe vom jeweiligen Anwender benötigt werden. Eine hohe Usability ist gegeben, wenn die Anwendung oder das Produkt vom Benutzer einfach erlernt werden kann und die Zielerreichung durch möglichst wenig Klicks gegeben ist. Im Idealfall braucht der Benutzer keine Schulung oder Bedienungsanleitung, weil das Produkt selbsterklärend ist. Eine hohe Usability wird durch die Einhaltung von Usability Methoden erreicht.[9] Für eine gute Usability reicht die Optimierung der Benutzeroberfläche aber allein nicht aus. Es ist erforderlich, die Benutzer und ihre Aufgaben vor Beginn genau zu analysieren: Sind die Benutzer beispielsweise Mitarbeiter in einem Technologieunternehmen oder in einem Zeitungsarchiv? Aber auch Alter, Technikaffinität, Akzeptanz und Aufgeschlossenheit ge­genüber Neuem sind wichtige Faktoren für die Usability bei der Entwicklung einer Soft­ware, die der Softwarearchitekt unbedingt berücksichtigen sollte. Bei den besonders technikaffinen Nutzern wirken lange und ausführliche Dialoge ermüdend, während für eine nicht technikbegeisterte ältere Dame im Zeitungsarchiv die benutzerfreundlichste Software schon überfordernd sein kann. Der Softwarearchitekt sollte beachten, dass er bei der Analyse der einzelnen Abläufe im Prozess nicht vergisst, die Abläufe aus Benutzer­sicht zu definieren. Oftmals werden die Benutzer zu selten oder gar nicht in den Entwick­lungsprozess eingebunden, was dann fatale Folgen haben kann, wenn die neue Anwen­dung in das Unternehmen integriert wird. Es könnte sein, dass die Benutzer die neue Software ablehnen und die alte Software zur Erledigung ihrer Aufgaben vorziehen.

Bei der Neuentwicklung von Software in Behörden oder im öffentlichen Dienst ist unbe­dingt die Barrierefreiheit zu beachten, da dort auch prozentual mehr Menschen mit einer Behinderung beschäftigt sind als in einem privaten Unternehmen. Ein weiterer besonders wichtiger Grund für die Beachtung von Usability sind aber die Bürger, welche die öffentli­chen Anwendungen eines Tages vollständig nutzen sollen. Barrierefreiheit in der Informa­tionstechnik ist vom Gesetzgeber seit 2002 gesetzlich vorgeschrieben.[10] Das Ziel der E- Government-Initiativen in Europa ist es, dass Anwendungen der Informationsverarbei­tung der öffentlichen Hand für jeden Nutzer zugänglich gemacht werden sollen.[11] Der Grad der Behinderung darf dabei keine Rolle mehr spielen. Auch für Schwerstbehinderte soll die Usability zur Zielerreichung genauso ergiebig sein wie für Menschen ohne Behin­derung. Das bedeutet, dass auch Menschen, die eine Tastatur oder Maus wegen fehlen­der Gliedmaßen nicht benutzen können, nicht ausgeschlossen werden sollten. Diese Menschen können das Internet nur nutzen, wenn die Seiten barrierefrei gestaltet sind. Die Barrierefreiheit steht jedoch erst am Anfang, und bürgerliches Engagement bleibt dabei nicht aus. Die „Aktion Mensch" beispielweise veranstaltet zur Förderung der Barrie­refreiheit Wettbewerbe.12

Daraus lässt sich erkennen, dass Usability Engineering zunehmend eine bedeutende Rolle in der Softwareentwicklung einnehmen wird, da sich unsere Gesellschaft immer mehr zur Informationsgesellschaft wandelt. Zukünftig werden viele alltägliche Dinge des Lebens ohne Anwendungen aus der Informationsverarbeitung nicht mehr zu bewältigen sein. Dabei wird Usability Engineering ein wichtiger Bestandteil bei der Entwicklung von Benut­zerschnittstellen im Software Engineering werden.

Eine große Herausforderung stellt nach wie vor die Einführung einer neuen Software in einem Unternehmen da. Bei Einführung der Unternehmenssoftware sollte unbedingt auf eine gute Usability und den Einbezug von Anwendern bei der Entwicklung Wert gelegt werden, da die Software meistens sehr lange genutzt werden soll und zudem eine teure Investition ist. In der Praxis scheitern jedoch viele Softwareprojekte weiterhin.13 Das be­legt eine Studie der Standish Group, welche „unvollständige Anforderungen und man­gelnder Einbezug der Benutzer" als die zwei führenden Gründe für das Scheiten von Soft­ware-Projekte sieht.14

Daraus lässt sich erkennen, dass eine positive Usability nur durch eine gute Anforde­rungsanalyse erreicht werden kann. Deshalb ist nochmals zu unterstreichen, wie wichtig in einem Softwareentwicklungsprozess die Klärung der Anforderungen der Benutzer für eine positive Usability ist. Die Klärung der Anforderungen von verschiedenen Interessen­gruppen wird als Requirements Engineering bezeichnet. Das bedeutet Analysetätigkeiten wie beispielsweise Interviews, moderierte Workshops sowie die Analyse von älteren Sys­temen und Dokumentationen. Es werden die Bedürfnisse der Benutzer, Auftraggeber und weiterer Interessengruppen erfasst, damit eine passende Lösung erarbeitet werden kann. Alle Interessengruppen sollen dabei ein gemeinsames Ziel erarbeiten.

Umgekehrt lassen folgende Punkte nach der Einführung einer Unternehmenssoftware auf eine negative Usability schließen, welche aus einer negativen Anforderungsanalyse resul­tiert:

1. Mit der neuen Software arbeiten die Mitarbeiter nicht so schnell.
2. Die Einarbeitungszeit und Schulung von Benutzern kostet viel Zeit.
3. Die Arbeitsqualität der Mitarbeiter sinkt stark.
4. Oftmals ist die Telefonhotline beim Anwendersupport überlastet.
5. Die Benutzer arbeiten weniger mit dem System. Die Arbeit wird mit dem alten Sys­tem oder anders gelöst.
6. Umgehung von Prozessvorgaben.
7. Ignorieren von Sicherheitsmaßnahmen.
8. Die Anwendung wurde nicht hinreichend auf falsche Benutzereingaben getestet. Die Folgen der Benutzerfehler sind Datenverluste und andere Schäden.

Bei der Softwareentwicklung wird das User Interface nach wie vor in den meisten Fällen vom Entwickler allein ohne Einbeziehung der Benutzer entwickelt. Die Programmierer der Software bekommen wenig Unterstützung für Usability bzw. sind betriebsblind oder ha­ben den Blick für das Wesentliche verloren, nämlich den Blick auf die Anwender ihrer programmierten Anwendung. Entwickler sind durch die tägliche Routine bei ihrer Arbeit viel geübter im Umgang mit Programmen, Tools, Oberflächen bzw. begreifen diese schneller aufgrund ihrer Berufserfahrung. Zudem sind sie technikbegeistert, haben oft­mals ihr Hobby zum Beruf gemacht und programmieren meistens 40 Stunden pro Woche am PC. Der Durchschnittsuser braucht deshalb aufgrund seiner Erfahrung und Interessen viel länger, um sich in eine Anwendung einarbeiten zu können als ein technikbegeisterter Programmierer. Entwicklern fehlt zudem meist das Feingefühl, sich in einen Anwender hineinzuversetzen und reagieren zum Teil bei wiederholten Nachfragen im Anwender­support gereizt. Dafür wissen sie beispielsweise, was in der Klasse XYZ in Zeile 289 im Quelltext passiert und könnten so schnell technische Fehler beheben.[12] Der Anwender aber sieht die Softwareapplikation nur als reines Werkzeug, welches einfach zu bedienen sein soll. Diese Erkenntnis sollte bei der Softwareplanung unbedingt berücksichtigt wer­den, denn oftmals kommt es zu Missverständnissen zwischen Anwendern und Entwick­lern. Die Folge sind zahlreiche Nachbesserungen in der Software sowie neue Einspielun­gen von Updates. Das führt zu einer Überforderung der Anwender, Mehrarbeit für die Programmierer und letztlich zu einer Verschlechterung der Software.

In nur 14% aller User Interface Entwicklungen für Software werden die eigentlichen Be­nutzer mit einbezogen.[13] Des Weiteren haben Entwickler nur unzureichende Kenntnisse im Bereich Mensch-Computer-Interaktion bzw. haben dort wenig Erfahrung. Ein Grund dafür könnte sein, dass viele Projektleiter die Einbeziehung von Benutzern als einen zu­sätzlichen Aufwand betrachten, der nicht mit dem Budget abgedeckt werden kann. Dabei

[...]


[1] Jansen 2007.

[2] Richter 2007, S. 3.

[3] Richter 2007, S. 3.

[4] DIN EN ISO 9241-11, 1998.

[5] O2 2009.

[6] Wikipedia 2009a.

[7] Dokumentmanagementsystem

[8] Vorstellung eines praktischen SAP-Beispiels im Unternehmen.

[9] Diese werden im folgenden Kapitel ausführlich erläutert.

[10] Vgl. Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV).

[11] Vgl. Europa.

[12] Vgl. Einfach-Für-Alle 2009.

[13] Vgl. Vigenschow 2007.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse
Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Veranstaltung
Information Engeneering
Note
2,0
Autoren
Jahr
2009
Seiten
39
Katalognummer
V203121
ISBN (eBook)
9783656296300
ISBN (Buch)
9783656297215
Dateigröße
2442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Usability, IT, Unternehmen, Prozesse, Methoden
Arbeit zitieren
Marcus Behrens (Autor)Robert Galanty (Autor)Gabriel Vanderpuye (Autor), 2009, Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203121

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Einfluss von IT-Usability auf Unternehmensprozesse



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden