Welche Gründe für das Nichteintreten des von Otto Kirchheimer entwickelten Catch-All Party Konzept gibt es?


Hausarbeit, 2011
16 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Catch-All Party Konzept: Eine Analyse der grundlegenden Merkmale

3 Analyse der jetzigen Deutschen Volksparteien

4 Offenlegung der Fehlprognosen Kirchheimers und daraus abgeleitete Gründe für das Nichteintreten des Catch-All Party Ansatzes

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Einen beachtlichen Wandel haben die Deutschen Volksparteien CDU/CSU und SPD in der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik erlebt. Erzielten sie bei den Bundestagswahlen 1976 noch ca. 94% aller Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von knapp über 91% so erreichten sie 2009 nur noch knapp über 62%.[1] Auch andere Indikatoren wie die sinkenden Parteimitgliederzahlen und die nachlassende Wahlbeteiligung lassen die Zukunft der Volksparteien, welche bis heute ein zentrales Merkmal der Politischen Kultur der Bundesrepublik darstellten, schwierig erscheinen.

Der konstante Wandel des Deutschen Parteiensystems ist in der Politikwissenschaft ein hochaktuelles Thema. Gerade jetzt, in einer Zeit der zunehmenden Fragmentierung und nachlassender Wahlbeteiligung ist dies auffallend. Das Themengebiet der Erforschung des Parteiensystems hat eine große politikwissenschaftliche Tradition. Ein Beispiel dafür ist der schon 1965/66 von Otto Kirchheimer erarbeitete Aufsatz über den „Wandel des Westeuropäischen Parteiensystems“, ein Beitrag, welcher zu den am meist diskutierten Werken des sozialistisch geprägten Deutschen Staats- und Verfassungsrechtlers gezählt wird. Kirchheimer, welcher 1905 in Heilbronn geboren wurde[2] und in Deutschland, Amerika und Frankreich wirkte, konzipierte zu dieser Zeit das so genannte Catch-All Party Konzept. Ein Konzept, welches die Verwandlung der damaligen Volksparteien in „Catch-All-Parties“ (übersetzt mit „Allerweltspartei“, oder auch „echte Volkspartei“) beschreibt. Auch wenn Kirchheimers Theorien aus heutiger Betrachtungsweise als überwiegend widerlegt angesehen werden können und seine Prognosen nicht eingetreten sind handelt es sich bei dem Catch-All Party-Konzept um ein höchst interessantes Modell, welches das politikwissenschaftliche Denken entscheidend prägen konnte.

Gerade durch die schlüssigen Erklärungen und der Glaubwürdigkeit seiner Thesen stellt sich die Frage, warum Kirchheimers Überlegungen sich als falsch erwiesen haben. Eben diese Frage zu klären ist das Ziel meiner Hausarbeit.

1.2 Aufbau

Meine Ausarbeitungen beginnen mit einer Analyse des Catch-All Modells. Hierbei wurden auf grundlegende Merkmale eingegangen, sowie die historischen Gründe erläutert. Diese Vorstellung des Konzepts dient dem allgemeinen Verständnis der Kapitel der Hausarbeit. Im zweiten Abschnitt gehe ich auf die Deutschen Volksparteien CDU/CSU, sowie SPD ein. Anhand der vorher ausgearbeiteten Merkmale wird untersucht, inwiefern unsere jetzigen Volksparteien Merkmale der Catch-All-Parteien aufweisen. Auch soll untersucht werden welche eventuellen Unterschiede es gibt. Das dritte Kapitel dient dann dem Beantworten der Fragestellung: Warum ist das Konzept Kirchheimers nicht aufgegangen? Außerdem gehe ich auf grundlegende Denkfehler Kirchheimers ein. Abschließend fasse ich das Erarbeitete zusammen und erstelle dabei einen Überblick über die wesentlichen Schlussfolgerungen.

Als Grundlage für meine Ausarbeitungen zum Catch-All Konzept verwende ich zum einen Kirchheimers Aufsatz „Wandel des westeuropäischen Parteiensystems“, sowie Seundärliteratur zum gleichen Thema. Zur Analyse der Deutschen Volksparteien nutze ich Artikel aus kürzlich erschienenen politikwissenschaftlichen Zeitschriften, sowie Analysen zu Wahlergebnissen und aktuelle Literatur zu den Deutschen Volksparteien.

Die Hausarbeit basiert somit auf aktuellen Forschungsergebnissen. Ich versuche dadurch eine möglichst große Aktualität, welche, gerade im Hinblick auf das sich stetig wandelnde Parteisystem, von großer Bedeutung ist, zu gewährleisten.

2. Das Catch-All Party Konzept von Otto Kirchheimer: Eine Analyse

Das von Otto Kirchheimer erstellte Catch-All Party Konzept wurde über mehr als zehn Jahre hinweg entwickelt. Das Konzept hat dabei keine eigenständige Basis, sondern ist Teil einer allgemeinen Theorie, welche 1965/66 in Aufsätzen zum „Wandel des westeuropäischen Parteiensystems“ veröffentlicht wurde. Auffallend ist hierbei vor allem der unabgeschlossene Charakter, welcher hinsichtlich der zwei unterschiedlichen Textfassungen die in den Jahren 1965 und 1966 erschienen sind, deutlich wird. Kirchheimers Beitrag zur Catch-All Party ist einer der am meisten diskutierten Beiträge Kirchheimers zur Soziologie und Staatstheorie. Der Grund hierfür ist sicherlich die noch immer vorhandene Aktualität des Themas: der Transformation von Parteien und Parteiensystemen.

Der Ausgangspunkt für die Erstellung des Konzeptes ist für Kirchheimer die Massenintegrationspartei (vor allem Sozialistische Arbeiterparteien).[3] Diese Parteien hatten zum Ziel, ihre Mitglieder in das politische System zu integrieren, scheiterten aber in ihrem Versuch. Als Gründe dafür sieht Kirchheimer, dass die Integration der Massenparteien in das politische System davon abhängt inwiefern diese die anderen politischen Kräfte zulassen. Laut Kirchheimer war diese Haltung „in einigen Fällen […] so negativ, daß sie zur Verzögerung der Integration in das politische System führte oder zu seiner Auflösung beitrug“[4] Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich die politische Landschaft jedoch entscheidend, nicht nur steigt der Lebensstandard der Menschen, auch wird eine politische Demokratisierung etabliert. In Folge dessen schwinden die historisch-traditionellen gesellschaftlichen Trennlinien (Cleavages) und sozialistische Parteien verlieren große Teile ihrer Anhängerschaft. Auch verändert sich die Natur der Wahlen entscheidend. Waren Parteien in der Vergangenheit strikt darauf bedacht, ihre Anhängerschaft am Wahltag zu mobilisieren, gibt es nun auch die Möglichkeit, Menschen anderer gesellschaftlicher Gruppen, die eigentlich keine Anhänger der Partei sind, zu überzeugen für die Partei zu wählen. Begründen lässt sich dieser Wandel wiederum durch das Verschwinden der gesellschaftlichen Cleavages. Auf Grund diesen Wandels stehen laut Kirchheimer die traditionellen Massenintegrationsparteien vor einem Problem: es reicht nicht mehr sich als Vertreter für eine bestimmte Klasse zu sehen. Als Folge dessen und auf Grund der schwächer werdenden „Klassenunterschiede“ sehen sich die Massenintegrationsparteien gezwungen, ihre klaren Ideologischen Überzeugungen zu vernachlässigen, um eine breitere Wählerschicht anzusprechen.[5]

Aus diesen Entwicklungen konzipiert Otto Kirchheimer nun einen neuen Parteientyp, die „Catch-All Party“. Als deutschsprachige Begriffe nutzt Kirchheimer die etwas unglückliche Bezeichnungen der „Allerweltspartei“, sowie die Bezeichnungen „Sammelpartei“ oder „echte Volkspartei“.[6] Eine treffende deutsche Übersetzung gibt es auch im heutigen Sprachgebrauch nicht. Auch wenn Politikwissenschaftler Volksparteien als Vorstufe zur Catch-All Party sehen ist der Begriff der „echten Volkspartei“ nicht zutreffend, da im Gegensatz zur Catch- All Party ein erkennbarer Kern an Überzeugungen und Ideologien bestehen bleibt.

Die Entideologisierung der Catch-All Party ist das entscheidende Merkmal dieses neuen Parteien-Typs und unterscheidet sie damit grundlegend von den vorher existierenden Massenintegrationsparteien. Ideologische Auffassungen spielen nun nur noch als strategisches Element zur Wählergewinnung eine Rolle.[7]

Die Parteien verfolgen eine Strategie die sich primär auf den Wahlerfolg konzentriert. Eine tiefere ideologische Durchdringung wird geopfert, um eine große Wählerschaft anzusprechen. Ehemalige Klassen oder Konfessionen werden so mit nicht mehr adressiert. Auf Grund dieser fehlenden Klassenbezogenheit ist die Catch-All Party dazu gezwungen, Beziehungen zu den verschiedenen Interessenverbänden aufzubauen. Sie dient damit sowohl als Sammelstelle für verschiedenste Meinungen als auch als Vermittlungsinstanz. Zusammenfassend ist zu sagen, das der niedrige Grad an Ideologisierung ein zentrales und wichtiges Kriterium einer Catch-All Party ist.

[...]


[1] Zicht, Wilko: Ergebnisse der Bundestagswahlen, in: http://www.wahlrecht.de/ergebnisse/bundestag.htm am: 03.08.2011.

[2] Lindsay, Jo-Ann M.: Otto Kirchheimer Papers - Biographical Sketch, in:

http://library.albany.edu/speccoll/findaids/ger006.htm am: 03.08.2011.

[3] Kirchheimer, Otto: Wandel des westeuropäischen Parteiensystems. Xyxy S. 24.

[4] Ebd., S. 25.

[5] Ebd., S. 28.

[6] Ebd., S. 27.

[7] Ebd., S. 29.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Welche Gründe für das Nichteintreten des von Otto Kirchheimer entwickelten Catch-All Party Konzept gibt es?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Politikwissenschaft)
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V203619
ISBN (eBook)
9783656308805
ISBN (Buch)
9783656309659
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, gründe, nichteintreten, otto, kirchheimer, catch-all, party, konzept
Arbeit zitieren
Martin Mehner (Autor), 2011, Welche Gründe für das Nichteintreten des von Otto Kirchheimer entwickelten Catch-All Party Konzept gibt es?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203619

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