Soziale Distinktion durch Konsum

Welche Auswirkungen hatte die steigende Produktvielfalt auf die individuelle soziale Distinktion?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen und Definitionen
2.1. Konsum
2.2. Distinktion
2.3. Habitus

3. Gesellschaftlicher Wandel und Konsum
3.1. Demografische und sozioökonomische Entwicklungen des 19. Jahrhunderts
3.2. Klassen, Subkulturen und Milieus

4. Soziale Distinktion am Beispiel zentraler Konsumfelder
4.1. Kleidung
4.2. Ernährung

5. Resümee und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungen und Statistiken

Abb.1 Bedürfnispyramide nach Maslow

Abb. 2 Die Verstädterung im 19. Und 20. Jahrhundert (Anteil der Bevölkerung in Orten über 5000 Einwohnern in %)

Abb. 3 Entwicklung des Reallohneinkommens in Deutschland (1810-1912)

Abb. 4 Durchschnittliche jährliche Arbeitseinkommen in Industrie und Handwerk Deutschlands (1850-1913) in Mark

Abb. 5 Die Sinus-Milieus in Deutschland

Abb. 6 Schichtstruktur Deutschlands 1920er, 1960er und 1990er Jahre

Abb. 7 Die Gewichte für den Index der Produktion des Vereinigten Königreichs von 1740 bis 1924: Baumwolle und Woll-/Strickwaren im Vergleich

Abb. 8 Erwerbstätigkeit von Frauen (1882-1980)

Abb. 9 Die Preisentwicklung ausgewählter Nahrungsmittel sowie landwirtschaftlicher Erzeugnisse gesamt in Deutschland zwischen 1841 und 1934

1. Einleitung

„Früher dienten materielle Güter zunächst hauptsächlich der Befriedigung von Grundbedürfnissen, dann wurden sie zu Symbolen verschiedener sozialer Positionen und in den heutigen Konsumgesellschaften können sie sogar Stützen idealistischer Vorstellungen und Träume sein.“1

Konsum ist ein alltägliches Phänomen. Wir müssen konsumieren um zu überleben. Gleichzeitig ruft der Begriff „Konsum“ eine Reihe an negativen Konnotationen hervor. „Konsumwelt“, Konsumgesellschaft“ und „Massenkonsum“ sind nur einige wenige Beispiele moderner Schlagwörter, welche uns die eindringliche Präsenz des Konsums in unserer heutigen, westlich geprägten Gesellschaft vor Augen führen. Dabei konsumieren wir weit über unsere Grundbedürfnisse hinaus. Während vor 150 Jahren ein normaler Haushalt mit rund 150 Dingen auskam, befinden sich heute oft mehr als 10.000 Gegenständen in unserem Besitz.2 Warum kaufen wir so viel, obwohl wir doch eigentlich genug haben? Durch die Akkumulation von Konsumgütern versprechen wir uns ein erfülltes, glückliches Leben. Der individuelle Gebrauch von Dingen stiftet gleichzeitig Identität.3 Durch bestimmte Konsumformen signalisieren wir unserer sozialen Umwelt, wo wir uns innerhalb der Gesellschaft selbst verorten beziehungsweise gerne verorten würden. Neben der Gebrauchsfunktion besitzt Konsum folglich einen Emotionswert.4 Dass Menschen nicht nur konsumieren, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, formulierte bereits Thorstein Veblen im Jahre 1899. In seinem Buch „Theorie der feinen Leute“ übte der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Kritik an dem gesellschaftlichen Phänomen des „demonstrativen Verbrauchs“5 der Oberschicht. Vor diesem Hintergrund kann Konsum als Kommunikationssystem verstanden werden, welches bei der Ausdifferenzierung der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt. Nach der Maxime „Ich konsumiere, also bin ich“6 ist Konsum ein wichtiges Mittel sozialer Distinktion.

Konsumgeschichte gehört zu jenen Bereichen der historischen Forschung, die in den vergangenen Jahren an Umfang und Einfluss gewonnen haben, wie Datenbanken und Bibliographien zeigen. Zugleich ist festzustellen, dass bislang weder eine zureichende theoretische Verknüpfung stattgefunden hat, noch der Konsum als ein zentrales Thema der soziologischen Theorie betrachtet wird.7 Dies kann unter anderem auf die hohe interdisziplinäre Komplexität dieser heterogenen Forschungsrichtung zurückgeführt werden. So beeinflusst eine Vielzahl an wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Faktoren das individuelles Konsumverhalten.

In meiner Arbeit möchte ich die Frage diskutieren, welche Auswirkungen die steigende Produktvielfalt im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts auf die individuelle soziale Distinktion hatte. Geografisch konzentriert sich die Arbeit auf Deutschland und den westeuropäischen Raum, da hierzu am meisten empirische Daten vorliegen. Hinsichtlich der Literaturlage zur Bearbeitung dieses Themas werden bestimmte Autoren immer wieder zitiert. Dazu gehören insbesondere Pierre Bourdieu, Thorstein Veblen und Gerhard Schulze. Neben ihnen bilden des weiteren Konsumforscher wie Gerhard Haupt, Ariane Stihler, Wolfgang König und Hannes Siegrist das theoretische Grundgerüst der vorliegenden Arbeit.

Im zweiten Kapitel wird unter Rückgriff auf ausgewählte soziologische Literatur analysiert, was unter Distinktion, Konsum und Habitus zu verstehen ist und inwiefern Konsum differenzierend wirken kann. Gegenstand des dritten Kapitels ist eine grundlegende Darstellung des gesellschaftlichen Wandels im 19. und 20. Jahrhundert, welcher insbesondere in der zweiten Hälfte die Grundlagen der heutigen „Konsumgesellschaft“ schuf. Dabei werden zunächst die demografischen und sozioökonomischen Entwicklungen betrachtet. Anschließend wird der Zusammenhang von symbolischem Konsum und sozialstrukturbildender Wirkung anhand der Ansätze von Bourdieu und Schulze untersucht. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung zweier zentraler Konsumfelder: Kleidung und Ernährung. Exemplarisch für die steigende Produktvielfalt kristallisierten sich in beiden Sektoren im Zuge des industriellen Fortschritts neuartige Formen der sozialen Distinktionsmöglichkeiten heraus. Abschließend werden zentrale Aussagen und Erkenntnisse resümiert und die zukünftige Relevanz des Forschungsgebiets erläutert. Ziel der Arbeit ist es, die Voraussetzungen zur Entstehung einer zunehmenden Produktvielfalt zu analysieren und die daraus resultierenden Konsequenzen auf das individuelle Distinktionsverhalten darzustellen.

2. Grundlagen und Definitionen

2.1.Konsum

Konsumforschung umfasst einerseits Ernährung, Wohnen, Kleidung und Freizeit, auf der anderen Seite auch die Institutionen des Konsums (Geschäfte, Kaufhäuser) und übergeordnete Bereiche (Marketing, Werbung).8 Insbesondere in den Bereichen Werbung und Marketing erfährt die Konsumforschung in den letzten Jahrzehnten einen starken Auswärtstrend. Dabei war unter dem Begriff „konsumieren“ zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Strukturen, Prozesse, Handlungen und Vorstellungen gemeint. Ökonomisch betrachtet versteht man unter Konsum den Erwerb und die private Nutzung wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen.9 Er bezieht sich auf die „Einkommensverwendung, die Marktentnahme und Nutzung von Konsumgütern“.10 Dabei wird Konsum für die Soziologie als eigenständiges Phänomen erst interessant, wenn er nicht mehr nur technisch-funktionalen Zwecken dient, sondern weitere Funktionen, als die alleinige Befriedigung der Grundbedürfnisse erfüllt.11 In diesem Zusammenhang spielen die Kultur- und Luxusbedürfnisse12 eine wichtige und motivierende Rolle: Entsprechend der Maslowschen Bedürfnispyramide wird grundlegend zwischen Defizit- und Wachstumsmotiven unterschieden (siehe Anhang: Abbildung 1). Konsummotive unterliegen einer hierarchischen Ordnung. Sind die fundamentalen physiologischen Bedürfnisse des Menschen gedeckt, widmet er sich der individuellen Selbstverwirklichung. Konsum kann sowohl der Inklusion („Mitläufer-Effekt“), als auch der Exklusion („Snob-Effekt“) zu einer bestimmten Gruppe dienen. Mit anderen Worten: Konsum dient, in Abgrenzung zum Mainstream, sowohl zur Demonstration der eigenen Individualität, als auch zur Schaffung von Zugehörigkeitsmerkmalen zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung.

2.2.Distinktion

Nach Bourdieu bezeichnet Distinktion die, im Laufe des Sozialisierungsprozesses angeeignete, kulturelle Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen.13 Dabei kann das Distinktionsstreben unterschiedlich motiviert sein und sich in kognitiver, evaluativer und expressiver Form äußern.14 Unter kognitiver Distinktion versteht man die Abgrenzung eines Geschmacks von anderen Geschmäckern. Evaluative Distinktion bezeichnet das strategische Bedürfnis nach Anders-, Besser-, und Höhersein. Expressive Distinktion beschreibt die unbewusste Abgrenzung, die sich indirekt aus der Ausgestaltung des „Lebensstils“ ergibt. Unter Lebensstil versteht man „die für eine Person oder eine Personengruppe kennzeichnende Kombination von Verhaltensweisen. Diese Kombination stellt ein Muster dar, das die Person oder Personengruppe von anderen sichtbar unterscheidet. Der Lebensstil repräsentiert kulturelle oder subkulturelle Orientierungswerte. Das Konzept des Lebensstils wurde v.a. in die Marktpsychologie aufgenommen, um zu analysieren, welche Verhaltensmuster mit welchen Konsumneigungen verbunden sind.“15

Zur Distinktion eigenen sich insbesondere Güter und Verhaltensweisen.16 Ferner wird je nach Auffälligkeit der Distinktionseigenschaft zwischen offensichtlichen und subtilen Distinktionsmerkmalen differenziert.17 Im Laufe der Zeit unterliegen Distinktionsmerkmale oftmals einem Werteverlust. So verliert beispielsweise Mode zunehmend an Exklusivität, je mehr Personen an ihr partizipieren. Folglich müssen Distinktionsmerkmale ständig ersetzt oder präzisiert werden.

2.3.Habitus

In der Soziologie wurde der Begriff „Habitus“ maßgeblich von Norbert Elias und Pierre Bourdieu geprägt. Elias versteht darunter Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln, welche Mitglieder einer bestimmten Gruppe gemeinsam aufweisen. Der soziale Habitus

„bildet [seiner Meinung nach] gewissermaßen den Mutterboden, aus dem diejenigen persönlichen Merkmale herauswachsen, durch die sich ein einzelner Mensch von anderen Mitgliedern seiner Gesellschaft unterscheidet.“18

Der Habitus kann also als inkorporierte Kultur gesehen werden, welche das Verhalten und Auftreten eines Individuums durch die Gesamtheit seiner Erfahrungen und Erlebnisse festlegen. Bourdieu bezeichnet den Habitus als ein „System von dauerhaften Dispositionen, welches alles historischen Erfahrungen integrierend, als Denk-, Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsmatrix fungiert.“19 Der Habitus setzt sich aus Lebensstil, Sprache, Kleidung und Geschmack zusammen. Laut Bourdieu können Menschen anhand ihres jeweiligen Habitus unterschiedlichen sozialen Schichten zugeordnet werden, d.h. objektiv kategorisiert werden.20 Dabei ist es laut Bourdieu möglich, durch Strukturveränderungen, biografische Erfahrungen und Formen der Selbstreflexion sozial aufbeziehungsweise abzusteigen.21

3. Gesellschaftlicher Wandel und Konsum im 19./20. Jahrhundert

Die Herausbildung einer Konsumgesellschaft hatte viele Ursachen. Als wichtigste Faktoren können die Industrielle Revolution und das zunehmende Wohlstandsniveau gesehen werden. Sie ermöglichten eine stetige Expansion der Produktvielfalt. König fasst die historischen Entwicklungen des 19. Und 20. Jahrhunderts anhand folgender Begriffe zusammen: „Industrialisierung, Technisierung, Globalisierung, Externalisierung und Marktversorgung [anstelle von Selbstversorgung].“22

Im Folgenden werden zunächst die demografischen und sozioökonomischen Entwicklungen des 19. Und 20. Jahrhunderts beschrieben und im Anschluss der Zusammenhang von Konsum und sozialstrukturbildender Wirkung untersucht. Auch wenn beide Entwicklungen miteinander verflochten sind und nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können, wurde diese imaginäre Grenzziehung dennoch vorgenommen, um dem Leser die wesentlichen Entwicklungsperioden verständlicher darlegen zu können.

3.1.Demografische und sozioökonomische Entwicklungen

Als die meisten Menschen noch weitgehend auf dem Land lebten und arbeiteten, erfüllten sie ihre Bedürfnisse überwiegend durch Eigenproduktion.23 Mangel gehörte zum bürgerlichen Alltag.24 Ein Großteil der Bevölkerung war primär damit beschäftigt, für die Existenzsicherung zu sorgen. Die meisten hatten wenig oder gar kein Einkommen für Käufe, die über den lebensnotwendigen Bedarf hinausgingen.25

Die Industrielle Revolution leitete ab dem 19. Jahrhundert nachhaltige Veränderungen der Lebenssituation der Menschen ein. Die Verlagerung der Produktion vom Haushalt in die Fabriken führte zu einem rapiden Bevölkerungswachstum der Städte, wo die Nachfrage nach Arbeitskräften stark zunahm.26 Die höhere Entlohnung in den Städten war neben dem wachsenden Arbeitsangebot ein weiterer Pull-Faktor, welcher zu zahlreichen Land-Stadt- Migrationen führte.27 Gleichzeitig kam es, insbesondere in der Übergangsphase von der Agrar- zur sich urbanisierenden Gesellschaft, zu einer strukturellen Verarmung breiter Bevölkerungsteile, welche in den 1830er und 1840 Jahren in Deutschland ihren Höhepunkt fanden und als „Pauperismus“28 in die Geschichte einging. Die sozialen Herausforderungen, welche mit dem - durch medizinische und hygienische Fortschritte verursachten - starken Bevölkerungswachstum29 verbunden waren, warfen die Auseinandersetzung mit der „Soziale[n] Frage“30 auf. Die unterschiedlichen Wachstumsraten von Bevölkerung und Nahrungsmittel führten im 19. Jahrhundert immer wieder zu Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung und zur „Verelendung der Massen.“31

In den europäischen Ländern verlief der Verstädterungsprozess sehr unterschiedlich. England war dabei der industrielle Vorreiter in Europa: 1911 lebten bereits 15,8 Millionen Einwohner von England und Wales in Großstädten, das waren 34,6 % der Gesamtbevölkerung (siehe Anhang: Abbildung 2).32 Von England aus entwickelten sich bereits ab 1800 wichtige Handelszentren wie Liverpool, Manchester, Birmingham, Bristol, Sheffield, und London. Aufgrund ihrer Funktion als finanzielle, politische, industrielle und vor allem kommerzielle Zentren waren sie für die weitere Entwicklung Europas von großer Bedeutung.33

Das Reallohneinkommen34 in Deutschland stieg ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich an, auch wenn es besonders zwischen 1875 und 1885 immer wieder zu Lohneinbrüchen kam (siehe Anhang: Abbildung 3). Effizientere Produktionsmethoden und die Ausweitung des Handels führten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. So wuchs das durchschnittliche jährliche Arbeitseinkommen in Industrie und Handwerk von 329 Mark im Jahr 1850 auf 1210 Mark im Jahr 1913 (siehe Anhang: Abbildung 4).

Die Massenproduktion ermöglichte den Kauf von Gütern zu niedrigeren Preisen, welche somit von immer größeren Teilen der Bevölkerung erworben werden konnten. Besonders in England und den Niederlanden wurden schon früh Waren von Bevölkerungsteilen konsumiert, welche jahrhundertelang das Privileg der reichen Oberschicht gewesen waren: Tee, Tabak und Zucker35. Infolge von Arbeitskämpfen und staatlichen Regulierungen kam es zu Arbeitsverkürzungen und mehr Freizeit, einer wichtigen Voraussetzung für die steigende Konsumfähigkeit der Bevölkerung. Die Selbstversorgung wurde als Distributionssystem von der Marktversorgung sukzessive abgelöst. Dabei etablierten sich auf der Angebotsseite ab der Mitte des 19. Jahrhunderts neuartige Vertriebsformen und Verkaufsstrategien wie beispielsweise das von Paris ausgehende Großwarenhaus. Diese Großvertriebsform bot durch ein breites und international ausgerichtetes Sortiment, Fixpreise, ein großzügiges Umtauschrecht, freien Eintritt und zentrale Lage eine Verkaufsbasis, welche bald einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich war. Erweiterte Finanzierungmöglichkeiten, wie Kredite und Ratenzahlungen, trugen ferner zu einer wachsenden Konsummöglichkeit der Gesellschaft bei.36

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war in Deutschland zwar ein beträchtliches Konsumniveau erreicht worden, doch prägten weiterhin große finanzielle Disparitäten die verschiedenen Bevölkerungsschichten.37 Bürgerliche Schichten nutzten ihr disponibles Einkommen zunehmende für neue Unterhaltungsangebote wie Kino, Tanzveranstaltungen, Jahrmärkte, Pferderennen oder Volksfeste.38 In der Zwischenkriegszeit stagnierte die Expansion des Konsums aufgrund der „wirtschaftlichen Wechsellagen“39 weitgehend. Langlebige Konsumgüter wie Waschmaschinen, Automobile oder Kühlschränke standen nach wie vor für den größten Teil der Bevölkerung außer Reichweite. Die Konsumpolitik der Nationalsozialisten zielte auf den Erwerb von sogenannten „Volksprodukten“ wie Volkswagen und Volksempfänger ab, die in Serienproduktion hergestellt wurden. Damit sollte es jeder Familie möglich sein, die nationalsozialistische Propaganda zu empfangen. Die Produktivitätssteigerung wurde zum größten Teil für Investitionen in Rüstung genutzt.40

Eine konsumgesellschaftliche Dynamik, welche sich auf einen Großteil der Bevölkerung erstreckte, entwickelte sich in der Bundesrepublik erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 1948 durchgeführten Wirtschafts- und Währungsreformen trugen maßgeblich zu einer Verbesserung der ökonomischen Lage bei. Das „Wirtschaftswunder“ der 1950er und 1960er Jahre wird oft als eigentlicher Beginn der Konsumgesellschaft gesehen. Das im Vergleich zu den wirtschaftlichen Entwicklungen überproportional steigende Einkommen der Familien ermöglichte nun den Erwerb von langlebigen Gütern, die mit hohen Investitionen verbunden waren. Immer mehr Familien verfügten über ein Auto, eine Waschmaschine, einen Elektroherd, einen Plattenspieler und ein Fernsehergerät.41

So war es Ende des 20. Jahrhunderts durch Massenproduktion, Arbeitsteilung und einer entstandenen Konsumgüterindustrie zu einem materiellen Wohlstand gekommen, der einen Konsum über die Grundbedürfnisse hinaus ermöglichte und sich keineswegs mehr auf die höheren Schichten der Gesellschaft beschränkte42. Heutige Wirtschaftshistoriker nennen neben der ökonomisch erlangten Konsumfähigkeit eine veränderte Einstellung und Wertehaltung als weiteres wichtiges Motiv für die rapide Nachfragesteigerung.43 In diesem Kontext spielte die Mode eine wichtige Rolle, welche den Lebenszyklus der Güter deutlich verringerte. Auf diesen Aspekt werde ich im Abschnitt 3.1 genauer eingehen.

Dabei war, wie zu Beginn bereits angedeutet, die Entwicklung der Städte von zentraler Bedeutung. Neben wirtschaftlichen trugen sie auch zu zahlreichen kulturellen Veränderungen bei. In ihnen brachen traditionelle Verhaltens- und Konsummuster auf und es entwickelten sich neue Ideen, Moden und Lebensstile.44 Auch Veblen beschreibt in seinem 1899 publizierten Werk „Theorie der feinen Leute“, dass Statusbewusstsein und demonstrativer Konsum generell in urbanem Umfeld eine bedeutendere Rolle spielen als auf dem Land.45 Es bildete sich eine neue Klasse von Konsumenten heraus, welche sich besonders auch durch ihre geistige Einstellung von den alten Konsummustern unterschied.

[...]


1 Stihler (1998): S. 175.

2 Vgl. Ullrich (2007): S. 8.

3 Vgl. Reith (2003): S. 43.

4 Vgl. Ullrich (2007): S. 19.

5 Veblen (1986): S. 154.

6 http://www.zeit.de/2008/16/ST-Kapitalismus

7 Vgl. Hellmann (2011): S. 9.

8 Vgl. Haupt (2003): S. 12.

9 Vgl. Bpb (2008): S. 46.

10 Ebd. S. 46.

11 Vgl. König (2008): 96.

12 Nach der Dringlichkeit unterscheidet man Grundbedürfnisse, Kultur- und Luxusbedürfnisse. Kulturbedürfnisse sind Bedürfnisse des Menschen, die er als geistiges Wesen empfindet (z. B. Bücher lesen oder Musikkonzerte hören). Luxusbedürfnisse müssen nicht unbedingt befriedigt werden, sie verbessern jedoch die Lebensqualität und erhöhen das soziale Ansehen (z. B. ein exklusives Auto fahren, eine teure Armbanduhr tragen).

13 Fuchs-Heinritz (1994): S. 148.

14 Vgl. Müller (1989): S. 64.

15 Wirtschafslexikon Gabler; online abgerufen am 22.04.2012

16 Vgl. Müller (1989): S. 64.

17 Richter (1989): S.52.

18 Elias (1987): S. 244.

19 Vgl. Bourdieu (1976): S. 169.

20 Vgl. Ebd. S. 170.

21 Vgl. Ebd. S. 173.

22 Vgl. König (2008): 98.

23 Diese Wirtschaftsform wird auch als Subsistenz- oder Bedarfswirtschaft bezeichnet.

24 Vgl. Bpb (2008): S. 6.

25 Vgl. Stihler (1998): S. 18.

26 Auf demographischer Ebene lagen dem Wachsen der städtischen Bevölkerungen zwei Basisprozesse zugrunde: das natürliche Bevölkerungswachstum und umfangreiche Wanderungsbewegungen.

27 Vgl. Stihler (1998): S. 20.

28 „Der Pauperismus ist, will man ihn durch ein einziges Wort definieren, die Epidemie der Armut“ (Émile Laurent, 1865)

29 Höhere Lebenserwartung und niedrigere Kindersterblichkeitsrate führten zu einem explosionsartigen Anstieg der Bevölkerung.

30 Frage nach ausgewogenen Verhältnissen zwischen verschiedenen Berufsgruppen (z.B. Agrarbeschäftigte, Handwerker, Industriearbeiter) innerhalb der Gesellschafts- und Wirtschaftordnung. Im 19. (und frühen 20.) Jh. galt als Soziale Frage die Integration der „neuzeitlich entstandenen“ Arbeiterklasse ("Arbeiterfrage") und die Bekämpfung der ökonomischen Verelendung breiter Bevölkerungsschichten.

31 Vgl. Stihler (1998): S. 135.

32 Zimmermann (1996): S.14.

33 Entstehung des modernen Konsums S.139.

34 Indikator für die reale Kaufkraft des Nominallohns, also bereinigt um Preisniveausteigerungen. Ergibt sich als Verhältnis zwischen dem Nominallohn (in Geldeinheiten pro Stunde) und dem Preisindex (Geldeinheiten für einen Warenkorb) und stellt somit den Warenkorb dar, der in einer Stunde Arbeit verdient worden ist.

35 Vgl. Haupt (2003): S. 29.

36 Vgl. König (2008): S. 45.

37 Vgl. Ebd. S. 37.

38 Vgl. Ebd. S. 37.

39 Vgl. Ebd. S. 37.

40 Vgl. König (2008), S. 37.

41 Vgl. Ebd. S. 39.

42 Vgl. Stihler (1998), S.20.

43 Vgl. Ebd. S. 21.

44 Vgl. König (2008), S. 139.

45 Veblen S. 95.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Soziale Distinktion durch Konsum
Untertitel
Welche Auswirkungen hatte die steigende Produktvielfalt auf die individuelle soziale Distinktion?
Hochschule
Universität Regensburg  (Wirtschaft- und Sozialgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
34
Katalognummer
V203939
ISBN (eBook)
9783656305330
ISBN (Buch)
9783656306399
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, distinktion, konsum, welche, auswirkungen, produktvielfalt
Arbeit zitieren
Lars Oehler (Autor), 2012, Soziale Distinktion durch Konsum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203939

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