Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts - vom traditionellen zum sprachreflexiven


Hausarbeit, 2011

15 Seiten


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Definition - Was versteht man unter Grammatik?

3. Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts
3.1 Der traditionelle Grammatikunterricht
3.2 Der situative Grammatikunterricht
3.3 Der funktionale Grammatikunterricht
3.4 Grammatik-Werkstatt

4. Reflexion über Sprache

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Grammatikunterricht ist einer der umstrittensten und meist diskutierten Lernbereiche im Deutschunterricht und in der Sprachdidaktik.

Grammatikunterricht wird als Element des Deutschunterrichts stark kritisiert und die Notwendigkeit der Durchführung angezweifelt, da er bei Schülern als sehr trocken und ermüdend empfunden wird.

Verwendete Termini der Grammatik finden im alltäglichen Sprachgebrauch der Schüler1 keinerlei Verwendung und stellen somit keinen Gebrauchswert dar. Ein Verfahren, was als überflüssig und demotivierend empfunden wird.

Das Erlernen sprachlicher Fertigkeiten und auch Sprachreflexion sind in den Bildungsstandards fester Bestandteil und ebenso in Lehrplänen der Länder verzeichnet.2 In dieser Arbeit werden verschiedene Konzeptionen von Grammatikunterricht vorgestellt, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte entstanden sind. Darunter sind der traditionelle, der situative, der funktionale Unterricht und die Grammatik- Werkstatt.

Ist eventuell eine Entwicklung zu sehen, die zum sprachreflexiven Unterricht tendiert?

Um dieser Frage nachzukommen, wird im letzten Kapitel dieser Arbeit die Reflexion über Sprache vorgestellt.

Eine Frage, die die gesamte Arbeit begleitet ist, ob Grammatikunterricht eigentlich sinnvoll ist und inwiefern er den Schülern einen Nutzen bringt. Ist es eventuell sogar ratsam, dass Schüler über Sprache reflektieren ohne die Grammatik zu berücksichtigen? Diese Fragen werden in einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung aus meiner Sicht beantwortet.

2. Definition - Was versteht man unter Grammatik?

Um verschiedene Konzeptionen eines schulischen Grammatikunterrichts vorzustellen und zu untersuchen, ist es zwingend erforderlich den Begriff Grammatik zu definieren. Der Terminus Grammatik wird folglich in der neueren Sprachwissenschaft für unterschiedliche Gegenstandsbereiche verwendet.

1. Eine Lehre, die die innere Struktur der Wörter und die Satzlehre einer Sprache untersucht und erforscht. Dabei bleiben die Phonetik und die Semantik jedoch unberücksichtigt. Es geht um formale Eigenschaften der Sprache;
2. Grammatik als Lehr- und Nachschlagewerk über den Bau bzw. die Struktur einer Sprache (Beispiel: Duden- Grammatik);
3. Grammatik als theoretisches Konstrukt, wodurch die Kompetenz des idealen Sprechers/Hörers hergestellt wird;
4. Grammatik als Sprachtheorie oder Metagrammatik (Beispiel: Theorie der Universal- Grammatik von Chomsky).3

Die im Verlauf dieser Arbeit vorgestellten Konzepte von Grammatikunterricht, kann man bezüglich des Verständnisses von Grammatik der ersten Definition zuordnen, wobei sich herauskristallisieren wird, dass diese für einige unzureichend definiert ist. Irrelevant ist für diese Arbeit jedoch die zweite der oben genannten Definitionen, da es sich nicht um erreichbare Kompetenzen handelt, sondern um ein schlichtes Nachschlagewerk. Es sollte dennoch erwähnt werden, dass diese Definition ebenfalls unter dem Begriff Grammatik verstanden wird.

3. Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts

3.1 Der traditionelle Grammatikunterricht

Das folgende Unterrichtskonzept beruht auf die Untersuchung von Boettcher & Sitta 1978, die es als „klassischen Grammatikunterricht“ titulieren. Ursula Bredel hingegen verwendet bei ihren Untersuchungen im Jahre 2007 den Begriff „traditioneller Grammatikunterricht“. Noch heute findet man Elemente dieses Konzepts in der Grammatikdidaktik vor. Es wird daran festgehalten und es wird darauf berufen. Folglich wird in dieser Hausarbeit der Terminus „traditionell“ verwendet, da eine Tradition sich dadurch auszeichnet, das etwas auf ihr beruht und danach gestrebt wird, sie zu erhalten.4

Deutlicher wird dieser Aspekt durch die im Folgenden dargestellten Charakteristika des traditionellen Grammatikunterrichts.

Was zeichnet ihn also aus? Bredels` Definition bringt es auf den Punkt:

„[…] Er thematisiert das Sprachsystem, ist handlungsentlastet, überwiegend präskriptiv, autonom und deduktiv.“5

Thema ist das Sprachsystem mit der Untersuchung und Klassifizierung von Wort-, Form- und Satzlehre.

Substanz ist hier eine Elementargrammatik, die sich auf die lateinische Terminologie stützt.6 Mithilfe dieser werden strukturelle und formale Eigenschaften der Sprache beschrieben. In der Unterrichtspraxis ist dieses Verfahren eine ausschließlich deduktive Vermittlung, die Anwendung von bestimmten Termini und Klassifikation vorschreibt.

Praktisch umgesetzt sollte diese Form des Grammatikunterrichts stets bekannt sein.

Die Schüler werden aufgefordert die Sprache in grammatische Kategorien, unter Verwendung einer lateinischen Terminologie, zu kennzeichnen. Hier wird nicht handlungsorientiert gearbeitet, wodurch keinerlei Realitätsbezug bei Schülern entstehen kann. Haben Schüler dadurch eine Basis um motiviert über Sprache zu reflektieren?

3.2 Der situative Grammatikunterricht

Wie der Name verrät geht es um ein Programm, das streng situationsorientiert konzipiert ist, ein erstes Alternativkonzept im Vergleich zum traditionellen Grammatikunterricht. Schwerpunkt ist die eigene Spracherfahrung der Schülerinnen und Schüler. Es „[…], sollen grammatische Phänomene in Relation zu ihren situativ relevanten Funktionen bearbeitet werden.“7 Deutlich wird hier eine klare Abgrenzung zum traditionellen Grammatikunterricht, da auf eine begrifflich fixierte grammatische Systematik verzichtet und sich vorherrschend auf Prozesse der Sprachverwendung beschränkt wird. Grammatische Strukturen der Sprache erhalten erst in Verbindung mit diesen Prozessen eine Bedeutung.8

Der individuelle Sprachgebrauch soll der Situation angemessen gesteuert und kontrolliert werden. Boettcher & Sitta verweisen auf verschiedene Vermögen, über die verfügt werden soll.

Schüler sollen in ihrem sprachlichen Handeln sensibilisiert werden, indem es als Ziel gilt reflexiv über die eigene Sprache nachzudenken. Dazu gehören das „Bemerken und Korrigieren von sprachlichen Mängeln“9 und das Untersuchen des eigenen Schreibprozesses. Fehler werden selbstständig erkannt und Sprache wird spielerisch ausprobiert und modifiziert. Weiterhin wird sich über auftretende grammatische Phänomene verständigt und das grammatische Wissen als eine Basis für den Schreibprozess genutzt. Diese Dispositionen, so Boettcher & Sitta, stützen sich auf Grundlage von realen Alltagssituationen der Schülerinnen und Schüler.10

Konträr zum traditionellen Konzept dies eine rein induktive Lernmethode. Erfahrungen aus dem Alltag werden generalisiert, stabilisiert und unmittelbar in das Unterrichtsgeschehen mit einbezogen. Ein selbstständiges Erkennen von sprachlichen Komplikationen soll als Frage in den Unterricht verlegt werden.

Wie sieht ein solches Konzept in der Praxis aus?

Boettcher & Sitta liefern hier einige exemplarische Vorschläge:

Schüler sollen beispielsweise ein eigenes Gespräch auf Tonband aufnehmen und dieses dann transkribieren. Bestenfalls sind sie erstaunt über ausgefallene Satzbildungen, Interjektionen, Verzögerungslaute und Partikel. Im Gespräch können diese Phänomene dann erklärt und erläutert werden.11

Eine offene Frage ist nun, welche grammatischen Vorkenntnisse benötigt werden um grammatisch zu reflektieren? Dieses Konzept erfordert ein Betreiben von Sprachreflexion und Grammatikunterricht traditioneller Prägung. Nur so kann einer fehlenden Entwicklung notwendiger, grammatischer Begrifflichkeiten vorgebeugt werden.

Ferner wird eine hohe fachliche Kompetenz von Seiten der Lehrperson verlangt. Sie ist damit beschäftig relevante Situationen der Schüler herauszupräparieren, ein Gespräch zu lenken und beim Erarbeiten von Ergebnissen mit kommunikationsfördernder Kraft zu wirken. Ein Unterrichtsmodell, das genau entgegengesetzt des traditionellen Grammatikunterrichts konzipiert und zusammenfassend „[…], […], deskriptiv, handlungspraktisch, operativ, integriert und induktiv“12 charakterisiert ist.

Operieren mit Sprache, was meist spielerisch geschieht und das Integrieren von sprachlichen Themen in den Gesamtkontext soll dem Realitätsbezug einen Schritt näher kommen.

3.3 Der funktionale Grammatikunterricht

Dieses in den 1980er Jahren erarbeitete Unterrichtskonzept von Köller13, hat im Vergleich zum situativen Grammatikunterricht mehr Wirkung erzielt. Er zeichnet sich durch zwei besondere Schwerpunkte aus; zum einen weist er eine handlungstheoretische und zum anderen eine kognitive Seite auf.

Ein zentraler Punkt ist die Einbettung der sprachlichen Zeichen in kommunikative Kontexte. Sie werden als bewusste Aufforderung vom Sprecher an den Rezipienten, mit dem Zweck des folgernden Handelns verstanden. Insofern haben sprachliche Zeichen konträr zu den bisher vorgestellten Konzepten eine Appellfunktion und keine Repräsentationsaufgabe. Die kognitive Funktion beruht auf der Sprachtheorie von Humboldt. Instruktionspotenzial und kognitiver Differenzierungsgehalt von sprachlichen Ausdrücken soll herausgearbeitet und aufgezeigt werden.14

[...]


1 Wird in dieser Arbeit als Plural verwendet und berücksichtigt Schülerinnen und Schüler.

2 Vgl., Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (Beschluss vom 15.10.2004), Bildungsstandards für den Primarbereich (Luchterland)., S. 13ff.

3 Vgl. Bußmann, H. (2008). Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 241f. 2

4 Vgl. Duden (2007). Deutsches Universalwörterbuch, S. 1694.

5 Bredel, U. (2007). Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht. Paderborn: Schöninch Verlag, S. 227.

6 Vgl. Boettcher & Sitta (1978). Der andere Grammatikunterricht, S. 29.

7 Ebd., S. 229.

8 Vgl., ebd., S. 181.

9 Bredel, U. (2007). Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht. Paderborn: Schöninch Verlag, S. 230.

10 Vgl. Boettcher & Sitta (1978). Der andere Grammatikunterricht, S. 239f.

11 Vgl., ebd., 241ff.

12 Bredel, U. (2007). Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht. Paderborn: Schöninch Verlag, S. 232.

13 Köller, W. (1983). Funktionaler Grammatikunterricht. Tempus, Genus, Modus: Wozu wurde das erfunden. Hannover: Schroedel.

14 Vgl. Bredel, U. (2007). Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht, S. 233. 5

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts - vom traditionellen zum sprachreflexiven
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Germanistik)
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V204380
ISBN (eBook)
9783656309987
ISBN (Buch)
9783656310884
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzepte, grammatikunterrichts
Arbeit zitieren
Kevin Schreiber (Autor:in), 2011, Konzepte des schulischen Grammatikunterrichts - vom traditionellen zum sprachreflexiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204380

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