Der Ethnolekt und seine mediale Verbreitung

Jugendliche Kontrasprache oder Wandelerscheinung?


Bachelorarbeit, 2012
57 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ethnolekt und Kiezdeutsch
2.1. Der primäre Ethnolekt
2.1.1. Die Merkmale des primären Ethnolekts
2.1.2. Die soziale Funktion des primären Ethnolekts
2.2. Der sekundäre Ethnolekt
2.2.1. Popularität, Erfolgsgeschichten und Verbreitung
2.2.2. Die Merkmale des sekundären Ethnolekts
2.3. Der tertiäre Ethnolekt
2.3.1. Personal Quotation
2.3.2. Category Animation
2.3.3. Playful Assessment

3. Der Ethnolekt als neue Varietät des Deutschen
3.1. Der Sprachwandel und seine ethnolektalen Erscheinungsformen
3.1.1. Ortsangaben
3.1.2. Funktionsverbgefüge
3.1.3. Partikel
3.1.4. Wortstellung
3.1.5. Grammatikalisierung von so
3.2. Die soziale Bewertung des Ethnolekts
3.3. Der Topos des Sprachverfalls

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Webseiten

1. Einleitung

Derzeit lässt sich in vielen Städten sowie Film und Fernsehen eine ungewöhnliche Art zu sprechen beobachten, welche von der Journalistin Hadija Haruna in ihrem Artikel Ethnolekt: Mussu lernen als jugendsprachlicher Kauderwelsch bezeichnet wird:

Güldem, Simone und Samira sind hier geboren, sie sind Kinder türkischer, deutscher und ghanaischer Eltern. Die Schülerinnen sprechen fließend Deutsch. Eigentlich. Doch wenn sie zusammen sind, unterhalten sie sich in einem Kauderwelsch, das Sprachwissen­schaftler als Ethnolekt bezeichnen.[1]

Der Ethnolekt hat viele Namen: Kanak Sprak, Türkendeutsch, Ghettoslang, Stadtteilsprache und Kiezdeutsch sind nur einige Bezeichnungen, die sich für ein und dasselbe linguistische Forschungsobjekt finden lassen. Jedoch setzen sich nicht nur Linguisten mit dem Ethnolekt auseinander, auch selbst ernannte Sprachkritiker, ohne einen wissenschaftlichen biographischen Hintergrund, führen wieder einmal den öffentlichen Diskurs an. Das allge­meine Interesse an sprachwissenschaftlichen Themen ist groß – man denke an Debatten über Anglizismen, Rechtschreibreformen und Jugendsprache. In einer bundesweiten Repräsentativumfrage der Projektgruppe Spracheinstellungen[2] „geben mehr als ein Drittel (35%) der Befragten an, sich ‚stark’ oder ‚sehr stark’ für sprachliche Fragen zu interessie­ren.“[3] Dieses Interesse ist ebenso beim Thema Ethnolekt vorhanden, auch wenn die genutzten Benennungen des Objekts meist stereotypisierend und pejorativ wirken. Das wissenschaftliche Hintergrundwissen ist in diesen Debatten dagegen immer noch gering – man denke an den großen kommerziellen Erfolg von Laienlinguist Bastian Sick mit seiner Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod oder an TV-Formate wie Der große Deutsch-Test auf RTL mit Moderator Hape Kerkeling. Thorsten Griesbach stellt fest, dass die Linguistik keinen guten Ruf in der Gesellschaft genießt und nennt als Beispiel zur Veran­schaulichung dieses Rufes eine Ausgabe „[…] der quotenträchtigen Talk-Show ‚Sabine Christiansen’, bei der zum Thema ‚Rechtschreibreform und Anglizismen’ kein einziger Linguist eingeladen war.“[4] In Anbetracht dieser Tatsachen ist es selten, dass Harunas Artikel in Der Tagesspiegel das Thema Ethnolekt explizit so benennt und sich mit linguistischen Forschungen dazu auseinandersetzt. Ein großer Teil der Rezeption in den Medien findet leider immer noch unter sprachideologischen Perspektiven statt, so dass Ethnolekte mit starken Vorwürfen konfrontiert sind und ihre Sprecher mit massiven Vorurteilen umgehen müssen. Ob dies gerechtfertigt ist, wird im Laufe der vorliegenden Arbeit erläutert werden.

Der medialen Rezeption stehen reale Alltagsgegebenheiten gegenüber. Städtische Gesell­schaften in Deutschland, vor allem in industriell geprägten Regionen, erfuhren in den letzen 50 Jahren strukturelle Veränderungen: „Die Entwicklung von der Arbeitsmigration der 60er Jahre zur mehrethnischen Gesellschaft der 90er konfrontiert die Mehrheitsgesellschaft mit neuen Lebenswelten und sozialen Typen.“[5] Diese Konfrontation ist zusätzlich geprägt vom sozialen Status der Fremdheit, wobei „nicht nur die ‚aufnehmende Gruppe’, sondern auch die Fremden selbst sich als ‚Fremde’ definieren.“[6] Der Status der Fremdheit beinhaltet das Risiko von Konflikten und besitzt das Potential sich in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Die gegenseitige Akzeptanz ist vorübergehend „weil man auf Assimilation und somit Aufhe­bung der Fremdheit hofft oder aber – wie häufig im Fall der Immigration – die Anerkennung nur mißmutige Duldung, Vorstufe künftiger Verfolgung, Vertreibung […] ist.“[7] Auch in Deutschland wird das Thema Migration und Fremdheit viel diskutiert. Publikationen wie Deutschland schafft sich ab von Autor Thilo Sarrazin schlagen hohe Wellen und laden den Diskurs emotional auf – Integration, Parallelgesellschaften und Islamisierung sind nur einige Stichworte in betreffendem Kontext. Die bundesweite Repräsentativumfrage der Pro­jektgruppe Spracheinstellungen ergab beispielsweise auch, dass 44% der Befragten es als schlecht bis sehr schlecht bewerten, wenn Zugewanderte in bestimmten Bereichen ihre ersterlernte Sprache sprechen.[8]

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden einige Mythen um den Ethnolekt benannt und anschließend aufgeklärt. Erkenntnisinteresse ist die Frage nach der aktuellen und zukünftigen Verbreitung des Ethnolekts. Das betrifft nicht nur die Dimension seiner Expansion auf unter­schiedliche Sprechergruppen und unterschiedliche soziale Milieus, sondern ebenso die Frage nach der Chance auf einen langfristigen und übergreifenden Sprachwandel auf ethnolektaler Basis.

In einem ersten Schritt wird das Geflecht der Begriffe und Benennungen für den Ethnolekt entwirrt. Der Fokus des ersten Teils der Arbeit liegt darauf, die linguistische Erscheinung im Ganzen mit ihren verschiedenen Ausprägungen zu erfassen. Als Grundlage hierfür wird eine Modellierung von Peter Auer dienen, die den Ethnolekt in seine primäre, sekundäre und ter-tiäre Form unterteilt. Für alle Formen werden einzelsprachliche Merkmale gesammelt und anhand von Beispielen realitätsgerecht in Kürze dargestellt. Für den primären Ethnolekt wer­den vor allem Belege aus der Sekundärliteratur angeführt. Im Falle des sekundären Ethnolekts werden eigene Beobachtungen und Beispiele aus den Medien analysiert. Für den tertiären Ethnolekt stützt sich die Darstellung ebenfalls auf Belege aus der herangezogenen Sekundär­literatur. Der Fokus liegt hierbei auf der reinen Beschreibung der Eigenschaften. Bewertungen sind im wissenschaftlichen Bereich immer mit höchster Vorsicht zu genießen und werden im zweiten Teil der Arbeit diskutiert. Zusätzlich zur Beschreibung der Merkmale wird auch die Funktion des verwendeten Sprachgebrauchs erläutert, die meist mit sozialsprachlichen As-pekten in Zusammenhang steht.

In der zweiten Hälfte der Arbeit wird gezeigt, wie der Ethnolekt ins Varietätengefüge des Deutschen eingeordnet werden kann. Dafür werden einzelne Merkmale des Ethnolekts aus der ersten Hälfte der Arbeit erneut aufgegriffen. Im Gegensatz zur ersten Hälfte der Arbeit wird hier aber mehr vorgenommen als eine reine Beobachtung und Beschreibung dieser Merkmale, denn sie werden zusätzlich auf ihre grammatikalischen Funktionen und ihren linguistischen Zweck hin untersucht werden. Die Argumentationen stützen sich weitestgehend auf eine Pu-b­likation der Linguistin Heike Wiese, in der sie die These verteidigt mit dem Ethnolekt – in ihren Worten Kiezdeutsch – entwickele sich ein neuer Dialekt im deutschen Varietätengefüge. Darüber hinaus sollen aber auch Beispiele aus privaten Chatgesprächen und Internetfunde herangezogen werden.

Das übergreifende Thema der Arbeit – die Frage nach dem Grad der Verbreitung ethnolekta­ler Sprache und der Chance auf einen dauerhaften Sprachwandel – führt beide Hälften der Arbeit zusammen. Es wird geklärt werden, welche Ereignisse für einen erfolgreichen Sprach­wandel maßgeblich sind, in welchem Maße der Ethnolekt und seine Ausprägungen Voraus­setzungen schaffen und welche Schritte möglicherweise schon abgeschlossen sind. Gleichzei­tig wird auch die Gegenseite beleuchtet werden. Dabei geht es darum, wie sprachliche My­then und Vorurteile gegenüber dem Ethnolekt und der Sprache generell potentielle Hürden für eine breite Expansion darstellen können.

2. Ethnolekt und Kiezdeutsch

Als Basis der vorliegenden Arbeit muss zunächst der Begriff des Ethnolekts eingeordnet und geklärt werden. Dazu ist zu sagen, dass im Metzler-Lexikon Sprache noch keine Ein­tragung dazu zu finden ist. Auch in der Forschungsliteratur ist der Begriff des Ethnolekts nicht einheitlich beschrieben. Für die vorliegende Arbeit werden aus diesem Grund die un­problematischen Kernelemente des Begriffs gesammelt und Umstrittenes außer Acht ge-lassen oder explizit markiert.

Als Ethnolekt werden alle sprachlichen Varianten bezeichnet, die von Angehörigen eth-nischer Minderheiten verwendet werden. Ethnolektale Sprecher nichtdeutscher Herkunft bilden auf Basis der Mehrheitssprache im deutschen Sprachraum eigene neue Sprachformen und Stile: „Ethnolects’ are varieties of a language that mark speakers as members of ethnic groups who originally used another language or distinctive variety.“[9] Die so entstehende Sprechweise wird „von den Sprechern selbst und/oder von anderen mit einer oder mehreren nicht-deutschen ethnischen Gruppe assoziiert [...].“[10] Laienlinguistisch werden bestimmte Ethnolekte unter anderem als Türkendeutsch, Kanak Sprak, Ghetto- und Türkenslang bezeichnet. Daneben kursieren noch viele weitere umgangssprachliche Be­zeichnungen für Ethnolekte. Diese Begriffsvielfalt weist bereits darauf hin, „dass wir es eher mit einer Varietätenfamilie als mit einer homogenen Varietät zu tun haben [...].“[11]

Zusätzlich kann zwischen den beiden Ausprägungen Einzelethnolekt und Multiethnolekt unterschieden werden. Ein Einzelethnolekt „is characteristic of a specific [Hervorhebung im Original] group.“[12] Die Herkunft eines Sprechers ist in diesem Fall „an lautlichen, grammatischen oder auch lexikalischen Merkmalen ablesbar.“[13] Multiethnolekte dagegen werden so genannt, „because several minority groups use it collectively to express their minority status and/or as a reaction to that status to upgrade it.“[14] Ein Multiethnolekt wird also „von Sprechern mit unterschiedlichen Herkunftssprachen verwendet [...].“[15] Die Her­kunft des Sprechers ist hier nicht eindeutig auf eine spezifische ersterlernte Sprache zurückzuführen. Ethnische Sprechergruppen sind also nicht nur Sprecher mit türkischem Migrationshintergrund, auch andere Varietäten fallen unter den Begriff des Ethnolekts. Deshalb ist auch eine geographische Komponente als Beschreibung brauchbar: „Der pro­totypische ‚Nährboden’ solcher Varietäten sind Stadtteile mit multiethnischer Zusammen­setzung und hohen Ausländeranteilen.“[16] In der Forschungsliteratur setzen sich analog zu dieser Erkenntnis auch die Begriffe Stadtteilsprache (Inken Keim) und Kiezsprache bzw. Kiezdeutsch (Heike Wiese) durch. Dieses

tritt überall dort in Deutschland auf, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erst- und/oder Zweitsprachen zusammenleben, das heißt grundsätzlich in multiethnischen Wohngebieten. Interessanterweise besitzt Kiezdeutsch sprachliche Gemeinsamkeiten über unterschiedliche Regionen hinweg [...].[17]

Hierbei ist anzumerken, dass auch in anderen europäischen urbanen und multiethnischen Sprachräumen Varietäten beobachtet werden, die Parallelen zum Kiezdeutsch aufweisen, wie die Straattaal (Straßensprache) im niederländischen Amsterdam, das Rinkebysvenska (Rinkeby-Schwedisch) im schwedischen Stockholm und der Københavnsk Multetnolekt (Kopenhagener Multiethnolekt) in Dänemark.[18] Im Gegensatz zum Begriff des primären Ethnolekts (siehe Kapitel 2.1.) betont Kiezdeutsch den jugend- und kontaktsprachlichen Aspekt:

Kiez-Sprache unterscheidet sich von anderen Jugendsprachen darin, dass sie zum einen einen Hintergrund im ungesteuerten Zweitspracherwerb hat und in Beziehung zu ethno­lektalen Varietäten steht [...], zum anderen über solche Ethnolekte jedoch hinausgeht und grammatische Merkmale einer Kontaktsprache aufweist, die sich in multi-ethnischen und multi-lingualen Kontexten entwickelt hat.[19]

Kiezdeutsch ist in der Logik der vorliegenden Arbeit als Weiterentwicklung des primären Ethnolektes zu verstehen, der die Entstehungsbasis für Kiezdeutsch bildet. Der Begriff des primären Ethnolekts geht auf Peter Auer zurück, der zwischen drei verschiedenen Unter-arten des Ethnolekts differenziert: dem primären Ethnolekt, dem sekundären Ethno­lekt sowie dem tertiären Ethnolekt.

2.1. Der primäre Ethnolekt

Der primäre Ethnolekt stammt aus den Ghettos deutscher Großstädte, wobei Ghetto in diesem Kontext eine geographische Zuschreibung ist. Es sind Stadtteile mit multiethnischer Zusammensetzung und hohen Ausländeranteilen gemeint, wie beispiels­weise Berlin-Neukölln, Mannheim-Jungbusch und Köln-Kalk. Hierbei bilden Jugendliche türkischer Herkunft meist den größten Anteil, gefolgt von Italienern, Spaniern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Balkanländern.[20] Der primäre Ethnolekt wird „vor allem von männlichen Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund verwendet [...], die in Deutschland aufgewachsen sind.“[21] Inken Keim und Jannis Androutsopoulos identifizierten für „auf das Ghetto hin“[22] orientierte Jugendliche ein geringes Interesse an Schule als typisch und diverse Eigenschaften wie Härte, Coolness und Macho-Sein als Ideale.[23] Sie gehören der zweiten oder dritten Generation nach der Migration an und „be­zeichnen sich oft selbst als ‚Kanaken’ [...].“[24]

Ursprünglich kommt das Wort Kanake aus dem Polynesischen und bezeichnet einen Ur­einwohner der Südseeinseln.[25] In Deutschland ist Kanake momentan für die Öffentlichkeit ein diskriminierendes Schimpfwort für Menschen mit Migrationshintergrund, Angehörige einer fremden Ethnie oder verachtens- und hassenswerte Menschen.[26] Dieser pejorative Begriff wurde allerdings von jugendlichen, meist männlichen Migranten aufgenommen und in eine intern positiv konnotierte Selbstbezeichnung umgewandelt. Im Mittelpunkt stehen dabei der Stolz auf die eigene Herkunft und Kultur im Gegensatz zu einheimischen Mitbürgern, die keinen Migrationshintergrund in den vorangegangenen Generationen auf­weisen können. Das stellte auch Feridun Zaimoglu vor etwa 15 Jahren schon fest: „Ka­nake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den ‚Gastarbeiterkinder’ der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.“[27]

Aus einem Vergleich unterschiedlicher Hörbelege und Tonaufnahmen von Rosemarie Füglein aus dem Jahr 2000 und von Hermann Tertilt aus den Jahren 1990-1992 folgerte Auer, „dass der primäre Ethnolekt in seinem Kern [im Jahr 2002] mindestens 10 Jahre alt und unabhängig vom sekundären Ethnolekt entstanden ist.“[28] Unabhängig vom Aufnahme­zeitpunkt und der Variabilität der Sprecher weisen beide Datensätze übereinstimmende Merkmale auf. Der primäre Ethnolekt kann also als Ursprungsform des Ethnolekts angese­hen werden. Das Gastarbeitderdeutsch ist als Lernersprache mit „grammatischen und lexi­kalischen Unsicherheiten, Fehlern und Interferenzen“[29] strikt außen vor zu lassen. Wie später noch aufgezeigt wird, handelt es sich beim primären Ethnolekt und bei Kiezdeutsch nicht um gebrochenes oder schlechtes Deutsch: „Alle ‚aus dem Ghetto hinaus’ orientierten Jugendlichen beherrschen das Standarddeutsche sowie meistens auch das Standard-türkische. Dabei werden die beiden Sprachen in der Regel scharf getrennt.“[30]

2.1.1. Die Merkmale des primären Ethnolekts

Für den primären Ethnolekt lassen sich diverse Merkmale auf unterschiedlichen Ebenen identifizieren. Im Folgenden wird eine reine Beschreibung dieser Merkmale vorgenommen. Die Beispielsätze stammen, wenn nicht anders angegeben, aus den Hörbelegen von Tertilt, dokumentiert in seiner Ethnographie Turkish Power Boys, zitiert nach Auer.

Auf phonetischer Ebene ist die Koronalisierung des stimmlosen palatalen Frikativen wie in ich > isch und sich > sisch, die Reduktion des /ts/ Komplexes zu /s/ wie in zwei > swei und erzählen > ersählen, die Nicht-Vokalisierung von auslautendem /r/, das Fehlen von Glottalverschlüssen sowie die Kürzung langer Vokale typisch.[31]

Auf morphosyntaktischer Ebene sind besonders die Auslassungen bestimmter Satzteile auf­fällig: Dazu zählen Artikel, egal ob definit oder indefinit, (da wird Messer gezogen, wenn ich Jacke abgenommen hab, sonst bist du toter Mann) und anaphorische sowie suppletive Pronomen (als ich kennengelernt hab, wenn ich Jacke abgenommen hab). Auch Prä-positionen werden in lokalen Präpositionalphrasen weggelassen oder nach Standard­reglementierungen in unzulässigen Kombinationen verwendet (sich von anderen Leuten wehren).[32] Wenn in „Kiezdeutsch-Sätzen wie ‚Wir gehen Görlitzer Park’ [...] eine Ortsan­gabe ohne Artikel und Präposition, also nicht ‚in den Görlitzer Park’, sondern nur ‚Görlitzer Park’ [steht]“, wird diese Konstruktion sprachwissenschaftlich als „eine soge­nannte bloße Nominalphrase“ beschrieben.[33] Sie treten im primären Ethnolekt oder Kiez­deutsch meist in zwei Formen auf: „ Bare NPs occurring with semantically reduced verbs [Hervorhebung im Original]“[34] und „[b] are NPs used as local expressions [Hervorhebung im Original]“[35]. Für ersteres nennen die Autorinnen Heike Wiese, Ulrike Freywald und Katharina Mayr als Beispiel den Satz Hast du Problem?, für letzteres Die muss Bahnhof gehen.[36] Bloße Nominalphrasen mit semantisch reduzierten Verben „finden sich in Kiez-Sprache insbesondere bei den Verben machen, haben und sein.“[37] Als Beispiele führt Wiese an:

(13a) Ich mach dich Messer.

(13b) Machst du rote Ampel. [= Du gehst bei Rot über die Straße. ]

(13c) Hast du U-Bahn? Nee, ich hab Fahrrad.

[= Nimmst du die U-Bahn? Nein, das Fahrrad.]

(13d) Was guckst du; bin ich Kino?

(13e) Wir sind jetzt neues Thema.[38]

Genera werden nach abweichendem Muster gebildet (son großer Plakat, gutes Gewinn, der ganse Dorf, ein Ohrfeige geben), genauso wie die Kongruenz in komplexen Nominalphrasen (keine richtige Gruppen, schlechten Gewissen gehabt, steht einer Deutscher). In den letzten Beispielen – vermutet Auer – „werden offenbar die Flexionssuffixe (teilweise) ikonisch parallelisiert.“[39] Charakteristisch ist auch die Durchsetzung der SVO-Satzstellung in Sätzen, in denen am Satzanfang ein bestimmtes Element steht (jetz ich bin 18). Diese funktionale Reduktion ist bei Sätzen mit adverbialem Erstglied und dem Finitum an dritter Stelle, nicht an zweiter Stelle, ersichtlich.[40]

Für die Organisation des Diskurses werden auf lexikalischer Ebene Diskursmarker mit bei­spielsweise emphatischer oder auffordernder Funktion wie verstehsdu, (h)ey Alter, krass und korrekt in sehr hohen Frequenzen eingesetzt.[41] Einige dieser Partikeln sind aus komplexen Phrasen entstanden, wie ischwör < ich schwöre, weißtu < weißt du, lassma < lass uns mal.[42] Das zuletzt genannte Beispiel ist besonders interessant, da es zusammen mit musstu < musst du Teil eines „ Development of a new system of directive particles [Hervorhebungen im Original]“[43] zu sein scheint. Hierauf wird in Kapitel 3.1.3. der vorliegenden Arbeit noch detailliert eingegangen werden. Auch der übermäßige Gebrauch der Partikel so ist beim primären Ethnolekt und der Kiezsprache hervorstechend:

From a purely syntactic point of view, the behaviour of so seems erratic: it combines with bare nouns, where it occupies the canonical position of a determiner (so club, so billiardraum, so naturtyp [...] ), with prepositional phrases (so im grünen, so aus schöne­berg, für jugendliche so), and with adjective phrases (so blond so), and it can precede its argument (so naturtyp) as well as follow it (für jugendliche so, mein dings so), and it even occasionally brackets it (so blond so).[44]

Ob der Gebrauch der Partikel so im primären Ethnolekt und der Kiezsprache wirklich so unregelmäßig und ziellos ist, wie er auf den ersten Blick erscheint, wird ebenfalls im Ka­pitel 3.1.5. der vorliegenden Arbeit geklärt werden.

Ein Bezug zu Herkunftssprachen der Sprecher findet sich teilweise im phonologischen Be­reich, besonders signifikant ist er aber auf lexikalischer Ebene. Hier liefern die Migrantensprachen einen umfassenden Pool, aus dem Sprecher Material entnehmen, das sich ins Deutsche integrieren lässt. Analog zur multiethnischen Zusammensetzung der Stadtteile, in denen primärer Ethnolekt und Kiezsprache verbreitet sind, haben die meisten Neuzugänge im Wortschatz ihren Ursprung im Türkischen oder Arabischen, wobei „[n]eue Fremdwörter und Wendungen [...] sich typischerweise in Bereichen wie Anrede, Redebe­ginn und Redeabschluss, Bekräftigung und, ganz typisch für Jugendsprache, als zum Teil ritualisierte Flüche und Beleidigungen [finden].“[45] Folgende Tabelle dokumentiert die häufigsten Fremdwörter aus den Migrantensprachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Passend dazu werden auch hohe Anteile von Sprachwechseln als Merkmal des primären Ethnolekts angeführt, z. B. von Jannis K. Androutsopoulos im Jahr 2000[47] und 2002[48]. Aller­dings ist das kein allgemeingültiges Merkmal, bezieht man Sprechergruppen mit ein, die keinen Migrationshintergrund aufweisen und nicht zweisprachig aufwuchsen. Auch bei Sprechern mit Migrationshintergrund, die zweisprachig aufwachsen, ist das Kriterium des Sprachwechsels nicht immer anwendbar. Der Sprachwechsel ist vom Kontext der Situation abhängig, in der sich ein ethnolektaler Sprecher befindet. Wenn die Interaktionspartner die Zweitsprache nicht beherrschen, ist aus kommunikativer Sicht ein Code-Switching nicht sinnvoll und findet daher in diesen Situationen auch keine Anwendung: „Kriterien für uni­linguales oder bilinguales Sprechen sind die vermutete Kompetenz des Gesprächspartners, der Grad der Formalität der Situation, normative Vorstellungen der Gesprächspartner usw.“[49] Einzelne lexikalische Einheiten, wie sie sich in Wieses Tabelle befinden, bedürfen für ihre Verwendung keiner bilingualen Kompetenz. Ihre Bedeutungen und vor allem ihre Funktionen stimmen nicht mehr mit denen in der Herkunftssprache überein, sie sind in einen neuen Sprachgebrauch integriert.

2.1.2. Die soziale Funktion des primären Ethnolekts

Der folgende Abschnitt wird sich mit der Frage beschäftigen, welche Funktionen der pri­märe Ethnolekt im Sprachgebrauch einnimmt. Auf grammatische Funktionen einzelner ethnolektaler Phänomene wird in Kapitel 3.1. eingegangen werden. Die wichtigste Er­kenntnis wird jedoch vorweggenommen, da sie für eine wissenschaftliche Betrachtungs­weise des Themas unabdingbar ist. Primärer Ethnolekt und Kiezsprache sind kein falscher Sprachgebrauch und nicht auf die Unwissenheit der Sprecher über grammatikalische Rich­tigkeit der deutschen Sprache zurückzuführen. Sie bilden eine Varietät des Deutschen:

Kiez-deutsch constitutes a multiethnolect [Hervorhebung im Original]: a variety that forms a system that can be distinguished from others, and is characterised by a linguistic dynamics that derives from the multitude of its speakers’ ethnic and linguistic back­grounds and is particularly well suited to support new developments.[50]

Hier soll nun zunächst in erster Linie die sozialsprachliche Ebene des Gebrauchs beleuchtet werden.

Da Kiezsprache nicht einfach aus Fehlern entsteht, erfüllt sie als Varietät des Deutschen im Sprachgebrauch soziale Funktionen. Als Varietät ist sie Teil eines Repertoires des Sprechers, der sich bewusst für die Nutzung dieser Varietät entscheidet: „Using Kiez­deutsch reflects a choice, a self-positioning of its speaker within a complex multiethnic ur­ban setting.“[51] Die Entscheidung für eine Varietät ist hierbei von unterschiedlichen Kontext­faktoren abhängig, „der situative Anlass und die Gesprächspartner, das Ge­sprächsthema und die Art seiner Durchführung (z. B. witzig oder ernst), die Gesprächsdynamik und das vorausgesetzte kulturelle Wissen [...]“[52] spielen eine Rolle Diese Situation ist für ein Gespräch jedoch nicht einfach nur vorgegeben, sondern wird erst durch die Interaktion und Interpretation der beteiligten Sprecher immer wieder neu konsti­tuiert. Die Auswahl bestimmter Varietäten ist daher kein Zufall und auch

keine einfache Resultierende von Bündeln von situationellen Faktoren, sondern ein – gewichtiges – Instrument, welches den Gesprächspartnern zur Verfügung steht, um die Situation in einer bestimmten Weise zu definieren, wobei der Spielraum der Gesprächs­partner sehr variabel ist.[53]

Außerdem ist Sprache nicht nur ein Instrument zur Definition einer Situation, sie ist zu­sätzlich ein Mittel, das eng mit der eigenen sozialen Identität eines Sprechers verwoben ist. Sprache bildet die soziale Identität eines Sprechers in einer bestimmten Situation nach außen hin ab. Mit ihr kann die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ausgedrückt werden. Die Wahl einer Varietät signalisiert partizipierenden Interaktionspartnern immer auch Kriterien zur sozialen Einordnung und ist „an integrated part of social practices that serve to position the speaker in a peer-group context in multiethnic urban settings.“[54] Gemeinsam mit kulturellen Einflüssen kann die Identität einer Gruppe als Stil bezeichnet werden. Dieser Stil ist „the product of the adjustment of human communities to their ecological, social, and economic conditions.“[55] Zu diesen Bedingungen zählen das Streben nach sozialer Integration und das Streben nach sozialer Differenzierung gleichermaßen.[56]

Die Ambivalenz von Integration und Differenzierung ist bei der sozialen und kulturellen Positionierung in Migrationssituationen wohl weit gewichtiger als sie es in stabileren Posi­tionierungsprozessen ist, die frei von Variablen der Fremdheit sind. Der Einfluss der Mi-grationssituation spielt bei der Entstehung von Ethnolekt und Kiezdeutsch somit eine bedeutende Rolle. Die Entwicklung eines individuellen Stils und einer eigenen Sprache, um die eigene ethnische, kulturelle und soziale Zugehörigkeit darzustellen, stellen für ethno­lektale Sprecher verstärkt „eigentliche ‚Identitätsakte’ [...] dar, mittels welcher Migranten mehr oder weniger bewußt und willentlich ihre Zugehörigkeiten wählen und kundtun.“[57] Dies gilt jedoch weniger für Migranten selbst, als für deren Kinder und Kindeskinder.

Wiese, Freywald und Mayr illustrieren den Aspekt der Integration in eine Gruppe oder der Differenzierung von einer Gruppe, indem sie Sprechern aus kiezsprachlichen Gegenden und Sprechern aus anderen sprachlichen Umfeldern ethnolektale Sätze kommentieren ließen und damit deren Akzeptanz für Kiezdeutsch testeten:

participants from the multiethnic neighbourhoods volunteering comments like “Some­times I say this, but not that often, my friends as well. Not to everyone, not to adults, but to my friends I do.” This awareness is also reflected in a comment from the monoethnic group, by a participant who commented on a ‘kiezdeutsch’ sentence: “Typical youth language at a lot of schools.”, while distancing himself from such schools, however, and rejecting the sentence.[58]

Hier wird der jugendsprachliche Aspekt von Kiezdeutsch sehr deutlich. Jugendliche wählen diese Varietät für die Kommunikation untereinander. Sie verwenden Kiezdeutsch nicht in sprachlichen Interaktionen mit Erwachsenen. Die Zugehörigkeit zu einer Peer-Group, einer Bezugsgruppe, wird nicht nur durch äußerliche Mode, bestimmte Ideale und Werte ausge­drückt, sondern ebenso durch Sprache.

[...]


[1] Haruna 2010, http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/werbinich/jugendsprache-ethnolekt-mussu-lernen/2819608.html (zul. bes. 13.08.2012).

[2] Die Projektgruppe besteht in einer Kooperation des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim mit dem Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Mannheim.

[3] Eichinger/Gärtig/Plewnia/Roessel/Rothe/Rudert/Schoel/Stahlberg/Stickel 2009, S. 7.

[4] Griesbach 2006, S. 4.

[5] Androutsopoulos 2000, S. 18.

[6] Hahn 1994, S. 151.

[7] Hahn 1994, S. 151.

[8] Eichinger/Gärtig/Plewnia/Roessel/Rothe Rudert/Schoel/Stahlberg/Stickel 2009, S. 33.

[9] Clyne 2000, S. 86.

[10] Auer 2002, S. 256.

[11] Androutsopoulos 2000, S. 3.

[12] Clyne 2000, S. 86.

[13] Androutoupolos 2007, S. 117.

[14] Clyne 2000, S. 87.

[15] Androutoupolos 2007, S. 118.

[16] Androutsoupolos 2000, S. 3.

[17] Wiese 2012, S. 13.

[18] Vgl. Wiese 2006, S. 8.

[19] Wiese 2006, S. 6.

[20] Vgl. Keim/Androutsopoulos 2000, S. 2.

[21] Auer 2002, S. 256.

[22] Keim/Androutsopoulos 2000, S. 2.

[23] Vgl. Keim/Androutsopoulos 2000, S. 2.

[24] Keim/Androutsopoulos 2000, S. 2.

[25] Vgl. Bibliographisches Institut GmbH, http://www.duden.de/rechtschreibung/Kanake (zul. bes. 13.08.2012).

[26] Vgl. Bibliographisches Institut GmbH, http://www.duden.de/rechtschreibung/Kanake (zul. bes. 13.08.2012).

[27] Zaimoglu 1995, S. 9.

[28] Auer 2002, S. 257.

[29] Keim/Androutsopoulos 2000, S. 3.

[30] Keim/Androutsopoulos 2000, S. 3.

[31] Vgl. Androutsopoulos 2000, S. 3.

[32] Vgl. Auer 2002, S. 258f.

[33] Wiese 2012, S. 53.

[34] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 16.

[35] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 16.

[36] Vgl. Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 12.

[37] Wiese 2006, S. 17.

[38] Wiese 2006, S. 17.

[39] Auer 2002, S. 258.

[40] Vgl. Wiese 2006, S. 16.

[41] Vgl. Auer 2002, S. 259.

[42] Vgl. Wiese 2006, S. 15.

[43] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 16.

[44] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 22.

[45] Wiese 2012, S. 39.

[46] Vgl. Wiese 2012, S. 39.

[47] Vgl. Androutsopoulos 2000, S. 3.

[48] Vgl. Androutsopoulos 2002, S. 258.

[49] Lüdi 1996a, S. 241.

[50] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 23f.

[51] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 46.

[52] Keim/Androutsopoulos 2000, S. 3.

[53] Lüdi 1996a, S. 240.

[54] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 49.

[55] Keim 2007, S. 160.

[56] Vgl. Keim 2007, S. 160.

[57] Lüdi 1996b, S. 324.

[58] Wiese/Freywald/Mayr 2009, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Der Ethnolekt und seine mediale Verbreitung
Untertitel
Jugendliche Kontrasprache oder Wandelerscheinung?
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
57
Katalognummer
V204552
ISBN (eBook)
9783656349419
ISBN (Buch)
9783656350217
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnolekt, verbreitung, jugendliche, kontrasprache, wandelerscheinung
Arbeit zitieren
Jasmin Liese (Autor), 2012, Der Ethnolekt und seine mediale Verbreitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204552

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Ethnolekt und seine mediale Verbreitung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden