Aufstand im Osten - Die Abbasidische Revolution


Hausarbeit, 2006

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Untergang einer Dynastie, Aufstieg einer Neuen – Einleitung

II. Von der Hāšimīya bis zu Marwāns Ende – Chronik der Ereignisse

III. Die Stammlinie ʿAbbās` – Religiöse Legitimation und die Ideologie der Abbāsiden

IV. Die stärkste Armee der muslimischen Welt – Abū Muslim und seine Truppen

V. Erfolgreicher Umsturz – Ein Fazit

VI. Quellenlage zur Abbasidischen Revolution

VII. Literatur

Bemerkung zu den Datumsangaben:

Die erste Angabe bezieht sich jeweils auf die muslimische Zeitrechnung, i.e. ist ab der Hiğrā gerechnet und mondkalendarisch; die zweite Angabe bezieht sich auf den abendländischen Sonnenkalender.

Bemerkung zur Umschrift:

Für die Wiedergabe arabischer Namen und Fachbegriffe wird die Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) verwendet. Davon ausgenommen sind Begriffe, die das Deutsche angenommen hat (zum Beispiel Islam).

I. Untergang einer Dynastie, Aufstieg einer Neuen – Einleitung

Als im Jahr 132/750 der letzte Umayyadenkalif Marwān II. in Oberägypten von seinen abbasidischen Verfolgern gestellt und ermordet worden war,[1] vollzog sich damit die letzte Konsequenz einer Entwicklung, die gerade einmal drei Jahre früher mit der Entfaltung der schwarzen Fahnen der Abbasiden in Ḫurāsān ihren Anfang genommen hatte[2] und spätestens seit der Schlacht am Zāb 132/750 – die in den Kämpfen gegen die Türken erprobten Truppen der Abbasiden schlugen dort Marwāns letztes Aufgebot – nicht mehr aufzuhalten war.[3] Die Umayyaden, die beinahe ein Jahrhundert die Geschicke der jungen islamischen umma gelenkt hatten und die arabischen Eroberungen bis nach Spanien im Westen und Indien im Osten vorangetrieben hatten, waren besiegt. Auch die vorangegangen Jahre waren herausfordernd gewesen, doch dank ihrer starken syrischen Truppen war es ihnen bis zu diesem Zeitpunkt immer geglückt, Aufstände niederzuschlagen und ihre Gegner im Äußeren in Schach zu halten. Letztendlich sollte ein unterschätzter Aufstand aus Zentralasien sie Macht und Kalifat kosten; nur noch in der für das gesamte Reich unbedeutenden Randprovinz al-Andalus in Spanien konnte sich ein Spross des Herrscherhauses halten.

Mit den Umayyaden endete in vielen Bereichen eine Epoche; die Umwälzung, die von Wissenschaftlern heute „die abbasidische Revolution“ genannt wird, brachte einen sozialen, kulturellen und religiösen Umschwung mit sich und zog tief greifende Veränderungen nach sich. Aus dem arabischen Reich[4] wurde ein islamisches, i.e. die nichtarabischen Muslime hatten nun die Möglichkeit, sich am Staatswesen zu beteiligen; insbesondere die Perser, die an dem Umsturz beteiligt waren, gewannen an Einfluss, was sich unter anderem literarisch und architektonisch bemerkbar machen sollte. Auch geographisch wurde dieser Wandel sichtbar durch die Verlegung der Hauptstadt nach Osten, nämlich von Damaskus nach Bagdad: Das Zentrum der islamischen Welt wurde nun – nach dem Ḥiğāz und der Levante – das Zweistromland.

Doch wer waren diese Abbasiden? Wie schafften sie es, sich einer derartig großen Anhängerschaft und kampfstarker Soldaten zu versichern? Es handelte sich bei der Revolution offensichtlich nicht um einen spontanen Aufstand unzufriedener Dorfbewohner; Werbung und Vorarbeiten für diese Erhebung reichen viel weiter zurück und waren auch nicht auf die Provinz Ḫurāsān beschränkt; die Kräfte die hier zusammenarbeiteten, hatten im gesamten Reich ihre Verbindungen und Unterstützer. Damit ergeben sich als zentrale Aufgabenstellung dieser Hausarbeit die Fragen Wie wurde die abbasidische Revolution ideologisch, religiös und militärisch vorbereitet? und Was waren die Gründe des durchschlagenden Erfolges? Den Anfang wird eine Abhandlung der Ereignisse bilden, dann wird auf die Hintergründe der Propagandabewegung eingegangen werden; anschließend werden die beiden Schwerpunkte Religion, respektive religiöse Legitimation der Abbasidenkalifen, und Militär, also Herkunft und Zusammensetzung der erfolgreichen Truppen und Charakteristik des wichtigsten Generals Abū Muslim besprochen, abschließend noch die Quellenlage zu dieser Epoche abgehandelt und ein Fazit hinsichtlich ausgelöster Veränderungen und Ausblick auf die Zukunft der abbasidischen Dynastie gezogen werden.

II. Von der Hāšimīya bis zu Marwāns Ende – Chronik der Ereignisse

Eine schlüssige Betrachtung der Ereignisse, die schließlich zum Sturz der Umayyaden führten, muss lange vor dem Jahr 132/750 einsetzen: der enorme Umfang des Widerstandes basierte auf einem geheimen Wachstumsprozess, der sich über die gesamte Herrschaftszeit der Umayyaden hinzog, und eine Bewegung schuf, die schlussendlich mächtig genug war, die Herrschaft an sich zu reißen. Das wiederum bedeutet, dass der größere Teil der Geschichte der abbasidischen Revolution sich um die Propagandabewegung dreht und nicht die militärischen Auseinandersetzungen mit den Umayyaden zum Thema hat. Moshe Sharon legt in seinem Buch „Black Banners from the East“ dar, dass sich die abbasidische Revolution in zwei Schritten vollzog:

1. daʿwa, die Propagandaphase, aber auch die Bewegung, die die Propaganda durchführt. Das Wort daʿwa hatte ursprünglich zwei Bedeutungen, deren Kontext sich zu Nutzen gemacht wurde, nämlich einmal die Mission des Propheten (dāʿī allāh), das heißt die Bekehrung der Araber zum Islam und zum zweiten auch „wahrer Islam“. Ideologisch bedeutete dies, dass die Umayyaden als in Opposition stehend zum wahren Glauben gesehen wurden und als Quelle alles Bösen in der islamischen Gemeinde galten. Die abbasidische daʿwa stellte also eine Wiederhohlung der prophetischen Aufforderung, sich zum Islam zu bekehren, dar
2. daula, der militärische Umsturz. daula bedeutete „Wende“ und bezeichnete die vom Propheten herbeigeführte Wende im Lauf der Weltgeschichte, später fand bei dem Wort daula ein Bedeutungswandel statt, dann wurde es im Sinne von „Staat“ oder „Dynastie“ verwendet; auch hier wurde impliziert, prophetische Handlung nachzuvollziehen. Gleichzeitig versicherten die Abbasiden, ihre daula sei die letzte Wende, die die Geschichte beendet und alles zum Guten bringt.[5]

Gemeinhin gilt als Gründer der daʿwa Muḥammad b. ʿAlī, der Urenkel von ʿAbbās b. ʿAbd al-Muṭṭalib, dem Onkel des Propheten. Er wollte die abbasidische Linie zum Kalifat führen und entwarf daher das Gerüst einer genealogischen Rechtfertigung seines Anspruchs, ein Ziel, zu dessen Durchsetzung er die Grundlagen einer Allianz mit den `Alīden legte.[6] Diese waren genau wie die Abbasiden der Meinung, von den Umayyaden um ihren gerechtfertigten Anspruch auf das Kalifat gebracht worden zu sein, ihre Forderungen reichen jedoch weiter zurück.

Die Ursprünge des Zwists liegen in der ersten fitna,[7] in der sich die zwei Hauptrichtungen des Islam, die Sunniten und die Schiiten – zwar noch nicht unter diesen Namen, aber ideologisch – trennten.

Vom Zeitpunkt der Niederlage ʿAlīs waren die Schiiten immer in Opposition zur jeweiligen Herrschaft und wurden verfolgt und bekämpft, wehrten sich allerdings auch und waren nie völlig besiegt. In der Unzufriedenheit mit diesen Verhältnissen liegt die Wurzel zum Verständnis des Erfolgs der abbasidischen Revoltution, da der entscheidende Schritt der Abbasiden die Übernahme der ʿalīdischen Hāšimīya-Bewegung war. Dieses Bündnis, benannt nach Abū Hāšim, vereinte verschiedene alīdische Splittergruppen unter seinem Dach, stützte sich aber nicht nur auf die üblichen Anhänger der Familie Alīs in Kūfa, sondern besaß eine eigene Organisationsbasis und wird mit vielen fehlgeschlagenen Revolten gegen die Umayyaden in Verbindung gebracht, die die Hāšimmiyya jedoch nicht in ihrer Existenz gefährdeten.[8] Nach dem fehlgeschlagenen Aufstand von Muḫtār b. Abū `Ubaid[9] hingegen ist der Hāšimīya zwar ihre Organisationsbasis geblieben, aber sie wurde militärisch so erschüttert, das sich die Abbasiden an die Spitze drängen konnten.[10] Die Abbasiden begannen systematisch, die Hāšimīya zu unterwandern und für ihre Zwecke einzuspannen, da ihnen dies drei wichtige Vorteile einbrachte:

[...]


[1] Hawting, G. R.: Marwān II. In: Bosworth, C. E. u.a. (Hrsg.): The Encyclopedia of Islam. Volume VI. Leiden 1991. S. 624.

[2] Wellhausen, Julius: Das arabische Reich und sein Sturz. Berlin 1902. S.325f.

[3] Sharon, Moshe: Black Banners from the East. The Establishment of the ʿAbbāsid State – Incubation of a Revolt. Jerusalem 1983. S. 13.

[4] Julius Wellhausens bedeutendes Buch zu den Umayyaden trug diesen Begriff im Titel und stieß damit eine umfangreiche Forschungsdiskussion an. Wellhausen, Julius: Das arabische Reich und sein Sturz. Berlin 1902.

[5] Sharon : Black Banners from the East. S. 19-24.

[6] Dasselbe S. 84.

[7] Die Auseinandersetzungen zwischen ʿAlī, Schwiegersohn des Propheten und vierter Kalif, und Muʿāwiya, der nach seinem Sieg als fünfter Kalif die Umayyadendynastie begründen sollte. Fitna bedeutet allerdings weder Krieg noch Bürgerkrieg, vielmehr (gottgesandte) Prüfung. Vgl. Halm, Heinz: Der Islam. Geschichte und Gegenwart. 5.Aufl. München 2004. S. 23f.

[8] Sharon : Black Banners from the East. S. 84.

[9] Muḫtār b. Abū ʿUbaid war der Anführer eines der vielen Versuche, Ḥusain zu rächen, hatte aber auch politische Ambitionen (z. B. die Gleichstellung arabischer und nichtarabischer Muslime und die Einsetzung eines ʿalīdischen Kalifen). Vgl. Sharon: Black Banners from the East. 1983. S.104 -106.

[10] Im Gegensatz zu Ḥusains Aufstand, bei dem alle Anhänger sich zentral versammelten und der dadurch mit einem Schlag („das Massaker von Kerbalā“) ausgelöscht werden konnte, sicherte das weite Netzwerk der Hāšimīya das Überleben der Bewegung. Vgl. Halm: Der Islam. S. 46 und Sharon: Black Banners from the East. S. 85.

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Details

Titel
Aufstand im Osten - Die Abbasidische Revolution
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Orientalisches Seminar)
Veranstaltung
PS Grundzüge der Geschichte der islamischen Welt
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V204626
ISBN (eBook)
9783656307464
ISBN (Buch)
9783656308270
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abbasiden, Revolution, Umayyaden, Islamische Geschichte, Legitimation, Mawali
Arbeit zitieren
Wolfgang Baum (Autor), 2006, Aufstand im Osten - Die Abbasidische Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204626

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