Verständnis und Antizipation der Work-Life-Balance von Studenten der DHBW Ravensburg im Übergangszeitraum von Studiumsende und Berufseinstieg


Bachelorarbeit, 2011

100 Seiten


Leseprobe

2
Inga
In pride and grace - we rise with the sun
With the morning light - we just run and run
The good old days - that imaginary place
With the rising sun - we forget and we embrace
Eskil Simonsson

3
Abbildungsverzeichnis ... 5
Einleitende Worte ... 6
1. Die Arbeit und das Leben ­ Elemente der Work-Life-Balance ... 7
1.1 Arbeit ­ Wesen und Zweck ... 9
1.2 Arbeit und Freizeit in der Geschichte des Menschen ­ untrennbar verzahnt? .. 11
1.2.1 Antike bis Mittelalter ... 12
1.2.2 Industrielle Revolution bis Nationalsozialismus ... 13
1.2.3 Seit 1945 ... 14
1.3 Freizeit ­ Wesen und Zweck ... 15
1.4 Tacheles ­ Die Rolle von Arbeit und Freizeit in der Work-Life-Balance... 16
2. Work-Life-Balance ­ universelles Konzept mit individuellen Konsequenzen ... 18
2.1 Work-Life-Balance ­ Facetten eines Konzepts ... 18
2.2 Gesellschaftliche Prozesse ­ Motor oder Folge der Work-Life-Balance? ... 20
2.2.1 Globalisierung und Informationstechnologien ... 21
2.2.2 Gesellschaftlicher Wertewandel ... 22
2.2.3 Demographische Entwicklung ... 24
2.2.4 Mann und Frau ­ Arbeit und Familie ... 25
2.3 Work-Life-Balance ­ Maßnahmen und Intentionen... 26
2.3.1 Arbeitszeitdisposition ... 27
2.3.2 Chronologie und Chronometrie ... 29
2.3.3 Unternehmensorganisatorische und staatliche WLB-Tools... 30
2.4 Die Bemühungen fruchten ­ Wirkung der Work-Life-Balance-Tools... 31
3. Die persönliche Work-Life-Balance... 34
3.1 Sinn ­ Voraussetzung für individuelle Balance... 34
3.2 Motivation im Allgemeinen ­ Ausgesuchte Theorien... 36
3.2.1 Flow ­ Spezialfall der intrinsischen Motivation ... 38
3.2.2 Maslow'sche Bedürfnispyramide ... 39
3.3 Arbeitsmotivation im Speziellen ­ ausgesuchte Theorien... 40
3.3.1 Theory X und Y nach McGregor ... 42
3.3.2 Zwei-Faktoren-Theorie nach Herzberg... 43
3.4 Work-Life-Balance ­ flexibles Lebensmodell oder Karrierekiller? ... 45
3.5 Dysbalance ­ Konfliktpotentiale mangelnder Work-Life-Balance ... 48
3.5.1 Guter Stress ­ schlechter Stress ... 49
Inhaltsverzeichnis

4
3.5.2 Wirkweise von Stress ­ Konsequenzen von Dauerstress ... 50
3.6 Coping ­ Methoden der Stressbewältigung ... 51
4. Die Work-Life-Balance der Studenten der DHBW Ravensburg... 54
4.1 Merging Generations ­ Das Verschwimmen der Generationengrenzen ... 54
4.1.1 Junge Erwachsene heute ­ Selbst- und Fremdbild im Vergleich ... 56
4.1.2 Generation Praktikum ­ Version 2.0?... 58
4.2 Qualitative Befragung ­ theoretische Grundlagen... 59
4.3 Einführung in die eigene Forschung... 60
4.3.1 Resultate der schriftlichen Befragung... 63
4.3.2 Resultate des Leitfrageninterviews ... 66
4.4 Interpretationen und Fazit... 74
4.5 Abschließende Betrachtung ­ persönliche Meinung zur WLB-Thematik... 78
Literaturverzeichnis ... 81
Abkürzungsverzeichnis... 100

5
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Der Flow-Korridor ... 38
Abbildung 2: Die Bedürfnispyramide nach Maslow ... 40
Abbildung 3: Hygiene- und Motivationsfaktoren im Überblick ... 44
Abbildung 4: Der Verlauf des stellenbezogenen Lebenszyklus ... 46
Abbildung 5: Der Verlauf des betrieblichen Lebenszyklus ... 46
Abbildung 6: Eustress als U-förmige Funktionskurve von Leistung und Aktivierung ... 49
Abbildung 7: Leistungshochpunkte als Variable der Bekanntheit der Aufgabenstellung. 49
Abbildung 8: WLB-Maßnahmen zur Burnout-Reduktion ... 51
Abbildung 9: Entstehung und Verschiebung der Lebensphasen... 56
Abbildung 10: Einstellung Jugendlicher zu Fleiß und Hedonismus im Vergleich... 57
Abbildung 11: Qualitative Forschung als induktiver Forschungsansatz ... 62
Abbildung 12: Herkunftsorte der befragten Studenten... 64
Abbildung 13: Aktuell anfallende, unbezahlte Überstunden (l.);
potentielle Überstundentoleranz (r.)... 64
Abbildung 14: Übernahmetendenz bei aktuellem Arbeitgeber (l.);
Reaktion auf Praktikumsangebot (r.)... 65
Abbildung 15: Erwartungen bzgl. Arbeitsverträgen (l.);
Vereinbarkeit von AZ und FZ als Bewerbungskriterium (r.)... 66

6
Einleitende Worte
In seiner ursprünglichen Bedeutung stand der Anglizismus ,,Work-Life-Balance" (im Folgen-
den: WLB) für Maßnahmen zur Steigerung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Heute
bezeichnet WLB ein gesamtes Konzept zur Vereinbarkeit von Leben und Arbeit auf Individu-
alebene im Kontext einer an Komplexität stets zunehmenden Umwelt. Dominiert wird die
gesamte Thematik von der Frage: Leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben?
Zur Beantwortung dieser Urfrage muss sich jeder Einzelne von uns um Klarheit über sei-
ne/ihre persönlichen Wünsche und Ziele im Leben bemühen. In Kombination mit dem Wissen
um die Selbstwirksamkeit, aber auch um die Endlichkeit des Lebens ergibt sich der Drang
nach einem aktiv gestalteten, sinnvoll geführten Leben. Die Mittel zur Erkenntnisgewinnung,
Selbstreflexion und das Hinterfragen nach dem ,,Zweck" des täglichen Handelns, sind in un-
serer schnelllebigen Zeit nicht populär - doch steigt die Empfänglichkeit für das Thema bei
persönlichem Bedarf und Betroffenheit schlagartig an.
Im Zeitraum des Verfassens dieser Bachelor-Thesis befinden sich die für meine eige-
nen Forschungen zur WLB befragten Personen sowie ich mich im Übergangszeitraum von
Studiumsende und Eintritt in das Berufsleben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des Be-
wusstseins für die Ziele im Arbeits- und Privatbereich, um unser Leben nach dem Studium
selbstbestimmt fortsetzten zu können. Ich glaube für meinen Studienkurs und mich sprechen
zu können wenn ich sage: Unser aller Ziel ist der Aufbau einer zufriedenstellenden Lebensba-
sis ­ und noch nie zuvor standen die Chance zur aktiven, zielbewussten Beeinflussung des
Lebensverlaufs in individuell gewünschte Richtungen besser als jetzt. Die auf individueller
Ebene entstehende Frage dabei ist: Wie gewichte ich das Verhältnis von Arbeit und freier Zeit,
damit eine zufriedenstellende Balance zwischen diesen beiden lebensbestimmenden Bereichen
zustande kommt?
In dieser Thesis möchte ich daher den Selbsterkenntnisstand bzgl. des aktuellen und
antizipierten Verhältnisses von Arbeitszeit zu Freizeit bei Studenten der DHBW Ravensburg
in der Übergangsphase von Studiumsende und Berufsleben beschreiben. Es gilt die Frage zu
klären, wie sich die Studenten ihre WLB im bald beginnenden Berufslebens vorstellen.
Die Inhalte der theoriegeleiteten Kapitel betrachten gemäß der Forschungsfrage dabei
schrittweise zunehmend die WLB als eine individuell-persönlich zu klärende Fragestellung.
Befasst sich Kapitel 1 mit der Vorstellung der WLB-Bestandteile, so versteht Kapitel 2 die
WLB zunehmend als ein auf individueller Ebene wirkendes Lebensmodell. Kapitel 3 befasst
sich ausschließlich mit der WLB-Wirkung im Menschen an sich. Jedes Kapitel ist dabei durch
einen engen Bezug zur Thematik der ,,Arbeit" geprägt. Der theoretischen Betrachtung folgt

7
die praktische Studie meiner Thesis in Kapitel 4: Interviews mit Studenten der DHWB Ra-
vensburg mit dem Ziel der Beschreibung ihres Verständnisses und ihrer Antizipation der
WLB im Übergangszeitraum von Studiumsende und Berufseinstieg.
Für das weitere Verständnis der Thesis möchte ich an dieser Stelle auf eine Eigenheit
des dualen Studiums hinweisen. Es zeichnet sich durch einen alle drei Monate stattfindenden
Wechsel von Studiums- und Arbeitsphasen zwischen dem Hochschulstandort in Ravensburg
und den in anderen deutschen Städten befindlichen Standorten der Ausbildungsbetriebe aus.
Ein Semester gliedert sich also in eine dreimonatige Theorie- und eine anschließende, drei-
monatige Praxisphase. Die Regelstudienzeit beträgt sechs Semester und endet mit Erhalt des
Titels Bachelor of Arts (B.A.).
1. Die Arbeit und das Leben ­ Elemente der Work-Life-Balance
Work-Life-Balance ist das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben im menschlichen Da-
sein. Augenscheinlich bildet ,,Leben" dabei den Gegenpol zu ,,Arbeit", denn im Kompositum
,,Work-Life-Balance" wird die ,,Arbeit" dem ,,Leben" gegenübergestellt. Verstärken wir den
Kontrast der Begriffe durch Verneinung, so erhalten wir zwei paradoxe Zustände: Wortwört-
lich genommen ist der Mensch entweder
1.
nicht lebendig, aber er arbeitet
oder
2.
lebendig, aber er arbeitet nicht
Dieser Kontrast soll die dem System der WLB inneliegenden Spannung verdeutlichen: Situa-
tion 1 beschreibt ein sehr negatives Verständnis der Arbeit als die Abwesenheit von Leben ­
einem von Menschen in aller Regel sehr geschätzten Zustand. Dem nicht lebendigen Arbeiter
aus Situation 1 steht in Situation 2 zwar ein lebendiger Menschen gegenüber, doch wir stellen
uns die Frage, wie dieser sein Leben ­ wenn nicht durch Arbeit ­ bestreitet.
Mediator zwischen diesen beiden Extrema ist die ,,Balance" ­ ein Verhältnis von Ar-
beit zu Leben, das die Konnotation des Fragilen, aber auch die Möglichkeit der Beeinflussung
beinhaltet. Um die Funktionsweise der WLB zu verstehen, sollen in diesem Kapitel die Be-
standteile des Systems ausführlicher betrachtet werden. Die Herausforderung dabei liegt im
Umgang mit der Allgemeingültigkeit der Begriffe: so selbstverständlich wir uns der Wörter
,,Arbeit" und ,,Leben" bedienen, so schwer sind sie zu charakterisieren. Lassen Sie mich die
Grundproblematik kurz umreißen:

8
Das gesellschaftliche Verständnis von ,,Arbeit" schwankt - abhängig vom historischen Kon-
text seiner Betrachtung. Der Begriff ,,Leben" im Zusammenhang mit WLB ist ungleich
schwerer zu fassen. In der Literatur und in der praktischen Diskussion über die WLB zeigt
sich, dass der Begriff ,,Leben" keinen Antagonisten zur ,,Arbeit" darstellt. Vielmehr ist ,,Le-
ben" als Synonym für ,,frei zu Verfügung stehende Zeit" zu verstehen. Tatsächlich müsste es
statt ,,Work-Life-Balance" also ,,Work-Free-Time-Balance" heißen. Dies ist gleichzusetzen
mit ,,freie Zeit", im Folgenden vereinfacht ,,Freizeit" bzw. ,,Lebenszeit". Ob so etwas für den
Menschen existiert ist eine oft diskutierte Frage auf dem Gebiet der WLB und wird daher
ebenfalls Gegenstand der Ausführung in diesem Kapitel sein.
Aufgrund der facettenreichen und individuell unterschiedlichen Antizipation von
WLB verzichte ich auf eine finale Definition dieses Begriffs. Vielmehr gebe ich im Verlauf
der Thesis einen Überblick über ihre Interpretationsansätze und Determinanten. Der Begriff
,,Balance" soll in dieser Thesis als das vom Individuum angestrebte Verhältnis zwischen ,,Ar-
beit" und ,,Freizeit" verstanden werden. Ob ,,Balance" herrscht, hängt vom individuellen Ver-
ständnis der WLB und der Faktoren, die auf das bzw. im Individuum wirken, ab. Deswegen
enthält diese Thesis keine abschließende Definition des Wortes ,,Balance". Um dennoch zur
Klärung des Begriffs beizutragen, werden in den folgend vorgestellten WLB-Ansätzen die
jeweils entsprechenden Verständnisse von ,,Balance" erklärt.
Bevor ich mit den detaillierten Ausführungen beginne gilt dieser Absatz der Struktur-
erklärung des ersten Kapitels. Die Herausforderung bei der Klärung der Begriffe ,,Arbeit" und
,,Freizeit" im Kontext der WLB liegen in ihrer sich bedingenden Gegenseitigkeit: Über ,,Frei-
zeit" kann man erst durch die Kontrastierung zur ,,Arbeit" reden, denn sie ergibt sich als Re-
aktion auf ,,Arbeit. ,,Arbeit" hingegen ist ein für sich selbstständig stehender Begriff. Auf
Grund dieses Zusammenhangs habe ich mich für eine aufbauende, schrittweise Herleitung der
begriffe ,,Arbeit" und ,,Freizeit" entschieden: Unterkapitel 1.1 befasst sich mit dem Wesen
und dem Sinn von ,,Arbeit". Als Bindeglied zwischen ,,Arbeit" und der Frage nach Sinn und
Wesen der ,,Freizeit" in Unterkapitel 1.3 dient die Beschreibung der Wahrnehmung der Be-
griffe ,,Arbeit" und ,,Freizeit" im Verlauf der Menschheitsgeschichte in Unterkapitel 1.2. Erst
durch diese schrittweise Einführung der ,,Freizeit" über ihre Geschichte verstehen wir ihre
enge Verbindung zum Themenfeld der ,,Arbeit", die wiederum maßgeblich für die Antizipati-
on von ,,Freizeit" ist.

9
1.1 Arbeit ­ Wesen und Zweck
Der begriffliche Ursprung des uns heute bekannten Wortes ,,Arbeit" liegt im Althochdeut-
schen ,,Arabeit" und stand damals für eine mühe- bzw. plagevolle Tätigkeit (vgl. Klimpel et.
al, 2006, S.21). Nach Klaus Zernack (2003, S.96) leitet sich dieser Begriff wiederum vom
indogermanischen Wort ,,orbhos" ab, aus dem sich in slawischen Sprachen das Wort ,,rabota"
(Arbeiter) gebildet hat und dessen Bedeutung auch uns klar wird, wenn wir an den Begriff des
Roboters denken. Manfred Füllsack (2009, S.9) verweist zusätzlich auf lateinische Wort-
stämme in anderen europäischen Sprachen. So ist im Englischen das Wort ,,Labour" auf das
Wort ,,laborare" für ,,schwanken unter Last" und im Französischen das Wort ,,travailler", ab-
geleitet von ,,Tripalium" für ,,Joch", zu finden.
Zum Zweck von Arbeit äußert sich der Philosoph und Politologe Herbert Marcuse
(1990, S.21): Sie ist Reaktion auf den in der Welt herrschenden Mangel und wird im Men-
schen als Drang nach Behebung des selbigen empfunden. Diese Auffassung gleicht der in
Bezug zum Begriff des ,,Wirtschaftens" genannten Sichtweise von ,,Arbeit" als Behebung der
Knappheit von Gütern. Sozialwissenschaftler Manfred Füllsack (2009, S.8) versteht die Man-
gelbeseitigung als Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durch Interaktion mit
der Umwelt, die der Mensch dabei nach seinem Willen verändert. Diese Beschreibung zeigt
ein weiteres Charakteristikum menschlicher Arbeit auf: Sie ist, im Vergleich zur tierischen
Arbeit, eine geplante Tätigkeit, die überwiegend unter bewusstem Einsatz von Verstand und
Willen geschieht (vgl. Block, 1977, S.82). Durch die Denkanstrengung im Vorfeld der Hand-
lung erhält ,,Arbeit" nach Rohrlich (1984, S.30) den Stellenwert einer Geisteshaltung, die
durch ihre Ausführung in der Verwirklichung des Menschen mündet (vgl. Nell-Breuning,
1985, S.18). Dadurch entsteht ein verbesserter Status Quo der Güterbasis für nachfolgende
Generationen. Folgegenerationen können sich nun ihrerseits um die Beseitigung bis dato un-
bekannter Bedürfnisse, resultierend aus den erarbeiteten Errungenschaften vorheriger Genera-
tionen, kümmern (vgl. Füllsack, 2009, S.10f). Wir dürfen sogar sagen: Arbeit schafft Arbeit -
eine Art ,,self-fullfilling prophecy".
Bert Rürup (1994, S.35), Wirtschaftsweiser und Berater ehemaliger Bundesregier-
ungen, differenziert den Begriff der Arbeit über ihren Tauschcharakter: ,,Von Erwerbsarbeit
sollte man sprechen, wenn diese Tätigkeit gegen ein Entgelt stattfindet". Erwerbsarbeit ist für
den heutigen Menschen von großer Wichtigkeit, stellt sie doch die Quelle des existenz-
sichernden Geldeinkommens dar (vgl. Hildebrandt et al, 2000, S.31). Darüber hinaus weist ihr
Fink (1994, S.102) eine sinnstiftende Funktion zu: Sie ist, neben der Familie, eine ,,Achse der
Lebensführung" und dient der Orientierung im Leben des heutigen Menschen. Eine Charakte-

10
risierung von Arbeit durch Entgelt empfindet Nell-Breuning (1985, S.18) zu einseitig. Beson-
ders im großen und daher wichtigen, aber gleichzeitig fließenden Übergang von Freizeit und
Arbeit stellt diese Art der Beschreibung eine zu starke Einengung dar. Gerhard Scherhorn
(2000, S.350) stimmt zu und erweitert den Begriff der Arbeit um Tätigkeiten mit Arbeitscha-
rakter aber ohne Bezahlung und nennt diese: ,,informelle Arbeit". Absolut allumfassend und
sehr plakativ bringt es Voß (1991, S.241) auf den Punkt: ,,Alles kann zur Arbeit werden.".
Dass sich die Rolle von ,,Arbeit" im Verlauf der Menschheitsgeschichte stets gewan-
delt hat, wurde eingangs bereits erwähnt. Konkret dazu schreibt der Arbeitswissenschaftler
und Psychologe Frederick Herzberg (2008, S.122) in seinem Standardwerk ,,The Motivation
to Work":
,,The important difference between primitive man and modern man is [...] in the potentiality
for individual growth. In primitive societies there is relatively little opportunity for the indi-
vidual [...] to develop his unique modes of behaviour".
War das Leben des Menschen in früherer Zeit mit Arbeit ge- und somit erfüllt, hat der heute
lebende Mensch viel mehr und andere Möglichkeiten, sein eigenes Verhalten zu formen und
sich selbst zu entwickeln. Der Trend zur Wahrnehmung von Arbeit als Möglichkeit der
Selbstverwirklichung stellt heute einen der treibenden Faktoren um die Diskussion über die
WLB dar (vgl. Tepperwein, 2004, S.34). Den Ursprung dieses Verständnisses finden wir in
einer gesamtgesellschaftlichen Strömung, mit der Tendenz zur Individualisierung des Lebens
(vgl. Unterkapitel 2.2), die sich auch im Anspruchsverhalten gegenüber der Arbeit nieder-
schlägt (vgl. Asgodom, 2002a, S.46). Der Mensch will zufrieden Leben, auch während der
Arbeitszeit. Zufriedenheit wiederum resultiert nach Niethammer (1994, S.110) beim persönli-
chen Empfinden von Sinn. Sinnvolle Arbeit zeichnet sich dabei durch die Kongruenz von
persönlichen Zielen mit Arbeitszielen, das als ausgeglichen empfundenen Verhältnis von Ar-
beitsaufwand und Arbeitsertrag sowie die Erfahrung von Selbstwirksamkeit aus.
Wir erkennen: Das Verständnis von Arbeit hat sich im Verlauf der Geschichte umge-
kehrt: Arbeit wird nicht mehr als Last empfunden, sie bringt bzw. soll Freude machen. In Ex-
tremfällen kann Arbeit sogar zu einer eigenen Welt (vgl. Müller,1992, S.17) werden, in der
der moderne Mensch Schutz und Zuflucht vor den Pflichten des Privatlebens findet (vgl.
Behnke et al. 2002, S.158). Überspitzt formuliert stelle ich die Frage, wozu der Mensch noch
Freizeit will, wenn die Arbeitszeit eine solch zufriedenstellende Funktion im Leben erfüllt.
Dass dem Verständnis von Arbeit als einzig sinnstiftende Institution im Leben auch eine Ge-
fahr innewohnt zeigt Peter Koslowski (1994, S.120f) auf. Bei der Definition des eigenen We-
sens über die geleistete Arbeit können sich Fehler oder Ärger am Arbeitsplatz schnell zu einer

11
Sinn- und Persönlichkeitskrise ausweiten. Betroffene werden ,,sich selbst zur Frage" (vgl.
Straub, 2005, S.21)
Die im vorherigen Absatz beschriebene Kehrtwende des Verständnisses von Arbeit als
Plage hin zu Arbeit als Quell von Freude ist also das Ergebnis jahrhunderte langer gesell-
schaftlicher Entwicklungen. Jede größere und somit differenzierbare Epoche der Mensch-
heitsgeschichte bildet einen Punkt auf dem Weg zum heutigen Wahrnehmungsbild der Arbeit.
Wie diese Schritte im Einzelnen aussahen, beschreibt das folgende Unterkapitel 1.2. Entspre-
chend der einleitenden Beschreibung hebe ich im Folgenden die Trennung von ,,Arbeit" und
,,Freizeit" bei der Erklärung der historischen Geschehnisse wegen ihrer engen, gegenseitigen
Determination auf und leite somit über das Unterkapitel 1.2 zum Begriff der ,,Freizeit" in Un-
terkapitel 1.3 über.
1.2 Arbeit und Freizeit in der Geschichte des Menschen ­ untrennbar verzahnt?
Ich behaupte, dass Anerkennung in unserer heutigen Gesellschaft von der persönlichen Fä-
higkeit der Leistungserbringung abhängt. Leistung ist gefragt, Faulheit gilt als verpönt, nicht
umsonst heißt es: ,,Ohne Fleiß keinen Preis" (vgl. Straub, 2005, S.7f) Doch dem war nicht
immer so! Die selbe Quelle berichtet von Zeiten, in denen Müßiggang und Gelassenheit hoch
angesehen waren: So verurteilte Thomas von Aquin einst die in seinen Augen übertriebene
Arbeitslust als Trägheit, den im menschlichen Herzen angelegten göttlichen Gedanken zu
entwickeln (ebenda, S.10).
Wie es zu dieser grundverschiedenen Veränderung der Rolle von Arbeit kommen
konnte, beschreibt Rürup (1994, S.38) in seinem Modell der inhaltlichen und zeitlichen Ebe-
nen. Dieses besagt, dass Arbeit inhaltlich von menschlichen Bedürfnissen, der bis dato ent-
wickelten Technologie und gesellschaftliche Normen, zeitlich wiederum von der Dauer und
der Verteilung der Arbeit auf Zeiteinheiten wie Stunde, Tag, Monat und Jahr abhängig ist.
Dass die Bedeutung von ,,Arbeit" im Leben des Menschen in Abhängigkeit ihrer zeitlichen
Lage in der Geschichte schwankt, betont auch Mauss (2009, S.14; zit. n. Füllsack): Entgegen
der uns heute bekannten aber künstlichen (vgl. Hildebrandt et al., 2000, S.27) Spaltung der
Lebenszeit in sich gegenüberstehende Blöcke von Arbeit und Freizeit waren beide Aspekte in
früheren Zeiten eng miteinander verwoben. Über ihren ökonomischen Zweck hinaus erfüllte
Arbeit soziale, religiöse und moralische Aufgaben. Um das Wissen über die Entwicklung von
Arbeit und Freizeit weiter zu vertiefen, betrachte ich nun die Rolle dieser Aspekte im Verlauf
der menschlichen Entwicklung.

12
1.2.1 Antike bis Mittelalter
Manfred Füllsack (2009, S.14) beschreibt Arbeit zu menschlichen Urzeiten als den einzigen
Weg zur Sicherung des Überlebens in einer, im Vergleich zu heute, wesentlich lebensfeind-
licheren Umwelt. Das Ziel der Selbstversorgung zur Sicherung des Überlebens war Antrieb
genug für jegliche Art von Anstrengung, wie z.B. die Jagd. Die Zeitwahrnehmung selbst war
an natürliche Rhythmen wie Tag und Nacht, Sommer und Winter gebunden (vgl. Geißler,
2005, S.18). Eine Trennung der Lebenszeit in Arbeit und Freizeit gab es nicht. Statt dessen,
begründet in der unterschiedlichen Physis der Geschlechter, herrschte strenge Arbeitsteilung
zwischen Mann und Frau. (vgl. Meyer, 2003, S.12)
Im antiken Griechenland galt körperliche Arbeit als eine minderwertige Tätigkeit. Sie
musste durch Sklaven verrichtet werden, die dadurch der Oberschicht ein Leben frei von kör-
perlicher Arbeit ermöglichten (vgl. Straub, 2005, S.29). Ausgestattet mit ,,Logos", der Ver-
nunft, hatte dieser Personenkreis nun Zeit seine Aufgabe in der Gesellschaft zu erfüllen: Die
Diskussion und Muße in der Polis über gesellschaftliche und politische Fragestellungen (vgl.
Prahl, 2002, S.89). Einige Jahrhunderte später in Rom: Muße und Vernunft, ,,Otium" und
,,Ratio", waren Voraussetzung für die Übernahme eines politischen Amtes. Gleichzeitig ­ und
das war neu ­ war die Muße auch die Privatangelegenheit des denkenden Bürgers in seiner
freien Zeit. Körperliche Arbeit ­ ,,Negotium", war die Verneinung der Muße und wurde, wie
in Griechenland, durch Sklaven verrichtet. Ähnlich wie in Athen lebte die arbeitende Bevöl-
kerung in Rom während ihrer arbeitsfreien Zeit nicht strikt separiert von den Bürgern. Teilha-
be am kulturellen Leben und dessen Errungenschaften wie Thermen oder Theater war bedingt
gestattet - nicht zuletzt auch um des sozialen Friedens willen.
Jahrhunderte später zog mit dem christlichen Glauben eine gänzlich andere Interpreta-
tion von Arbeit in das Bewusstsein der Menschen ein: Macht ging von der katholischen Kir-
che aus. Die Losung ,,ora et labora", ,,bete und arbeite" prägte das Leben im Sinne Gottes, der
laut Bibel die Welt in sechs Tagen erschuf, um am siebten Tag zu ruhen (vgl. Rürup, 1994,
S.36). Gottgefällig und sittlich leben bedeutete, diesem Grundsatz nachzueifern. ,,Frey zeyt"
existierte, doch sie bezeichnete nicht etwa arbeitsfreie Zeit sondern die Friedenspflicht zu
Marktzeiten (vgl. Prahl, 2002, S.93). Der Lebensrhythmus war vom klerikalen Rhythmus des
Kirchenjahres geprägt, kürzere Zeiträume wie Tag und Stunde orientierten sich nach wie vor
am Sonnenauf- und Untergang und nur seltener an den wenig verfügbaren Uhren an Rathäu-
sern oder Kirchtürmen. Wohnort und Arbeitsplatz der bäuerlichen Bevölkerung fielen in ei-
nem Punkt zusammen, eine Trennung des Lebens in Arbeit und freie Zeit gab es nicht (vgl.
Roth et al., 2006, S.17; zit.n. Maurer, 1992). Die damalige Tagesarbeitszeit war gemeinhin

13
geringer als man heute vermuten mag. Sie belief sich auf ca. 6 Stunden pro Tag, bei 90 bis
115 Feiertagen im Jahr. Den Höhepunkt des mittelalterlichen Arbeitseifers bildete die theolo-
gische Bewegung des Calvinismus. Diese verstand Arbeit und wirtschaftlichen Erfolg nicht
als von Gott auferlegtes Mühsal, sondern als Beweis für die Erwählung (Prädestination) durch
Gott (vgl. Prahl, 2002, S.94)
1.2.2 Industrielle Revolution bis Nationalsozialismus
Mit der um das 18. Jahrhundert herum beginnenden Industrialisierung kommt es zu ein-
schneidenden Veränderungen für die arbeitende Bevölkerung (vgl. Opaschowski, 2006, S.30).
Statt Arbeit in einer natürlichen Umgebung zu vollbringen, ist diese nun in Fabriken zu ver-
richten. In ihnen wird der natürliche Arbeitstakt mit Hilfe von künstlicher Beleuchtung und
Stechuhr aufgehoben, standardisiert und kontrolliert (vgl. Rürup, 1994, S.37). Die Entwick-
lung dieser künstlichen Arbeitswelten läutet den Beginn der räumlichen, inhaltlichen - und
auf Grund der tayloristischen Arbeitsteilung auch bewusstseinsmäßigen - Trennung der Le-
benszeit in eine Arbeits- und Nichtarbeitszeit ein. Es reift die kapitalistische Erkenntnis: Zeit
ist Geld. Karl Marx wird diesen Umstand später als ,,Entfremdung", also das Zerbrechen der
Beziehung zwischen Mensch und Arbeit, bezeichnen. Die Entfremdung ist zugleich der Keim
der ,,sozialen Frage", ausgelöst durch die extremen sozialen Missstände wie Kinderarbeit oder
die große Arbeitslast von bis zu 16 Stunden pro Tag (vgl. Friedel-Howe, 1981, S.27).
Ab dem 19. Jahrhundert findet eine Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen
Lage der Arbeiter statt. Sie beginnen ihre Interessen gegenüber den Arbeitgebern durch Bil-
dung von Gewerkschaften zu formulieren und durchzusetzen. Mit dem Aufkeimen der Büro-
kratie entsteht eine neue Mittelschicht in der Gesellschaft, deren Arbeitszeiten streng reguliert
und im Vergleich zu vielen Fabrikarbeitern, rückläufig ist. Ihnen steht sogar eine neue Kate-
gorie der Zeit zur Verfügung: Urlaub (vgl. Prahl, 2002, S.100f). Diese, sich auf viele Arbeit-
nehmer ausbreitende Entwicklung führt, wie schon im alten Rom, zu der Frage, was mit der
freien Zeit der Arbeiter gemacht werden sollte: War es der Wunsch der Gewerkschaften ihre
Mitglieder in der arbeitsfreien Zeit durch kollektive Arbeiterbildung zu mündigen Bürgern zu
machen, stand am Ende dieser Diskussion die persönliche Frage nach dem ,,richtigen"
Verbringen der arbeitsfreien Zeit, um sich von den Strapazen der Werksarbeit zu erholen.
Dies ist der Beginn der Individualisierung der Freizeit, die ihre Blüte in den goldenen Zwan-
zigern hatte und mit der Rekollektivierung und Indoktrinierung durch die Nationalsozialisten,
ihrer zahlreichen Organisationen und im Krieg, ihr vorläufiges Ende findet.

14
1.2.3 Seit 1945
Die Nachkriegszeit ist in der BRD von gegenläufigen Bestrebungen um die Arbeit geprägt.
Zum einen gibt es Bemühungen um Arbeitszeitreduktion und mehr Urlaub. Beispielhaft dafür
nennt Bernhard Wild (1992, S.117) die bis heute bekannte Forderung nach einem arbeitsfrei-
en Wochenende: ,,Samstags gehört Vati mir". Andererseits wurden zu Zeiten des Wirt-
schaftswunders und der Vollbeschäftigung mehr Arbeitskräfte denn je benötigt (vgl. Altmann,
2004, S.47). Schlussendlich wurde die damalige arbeitsfreie Zeit hauptsächlich zur Erholung
von der Arbeit genutzt. Die verfügbare Nichtarbeitszeit, also Freizeit, stieg über die 70er Jah-
re hinweg stetig an, um schließlich in den 1990er Jahren größer als die zu arbeitende Zeit zu
werden. Gründe dafür sieht Opaschowski (2006, S.34f) in der wachsenden Gleichberechti-
gung von ,,Arbeit" und ,,Freizeit" und dem Anspruch an die Arbeit auch Spaß machen zu
müssen.
Gänzlich anders entwickelte sich das Verhältnis von Mensch und Arbeit in der DDR.
Im, auf den Lehren von Marx und Engels aufbauenden, Arbeiter- und Bauernstaat existierte
keine Freizeit. Sie galt aus Sicht des real existierenden Kommunismus als kapitalistische Lü-
ge, die dem Menschen seine Entfremdung von der Arbeit und somit seine Unfreiheit, ver-
heimlichen sollte. (vgl. von Saldern, 1998, S.256f). Der sozialistischen Denkweise entspre-
chend sollte sich der Mensch im Kollektiv in schöpferischer und einheitlicher Weise betätigen
und verwirklichen. Individuelle Beschäftigung war zum einen nicht gern gesehen (vgl. Bau-
erkämper, 2005, S.20) und zum anderen wegen Mangels an Freizeitalternativen außerhalb der
von der Partei organisierten Strukturen kaum möglich (vgl. Prahl, 2002, S.113).
Heute ist die in den 20er Jahre losgetretene Diskussion der ,,Democratic Leisure" ­
mehr freier Zeit dank gestiegener Produktivität (vgl. Scherhorn et al, 2000, S.348) ­ teilweise
beendet. Wir leben in einer Überflussgesellschaft und ein Großteil heutiger Arbeit geschieht
in einer 36 Stundenwoche. Bei, dank tariflicher Regelungen, sechs Wochen Jahresurlaub (vgl.
Schünemann, 2006, S.328) geht es einem Großteil der arbeitenden Bevölkerung augenschein-
lich gut. Gleichzeitig befindet sich diese lebensordnende Regelung in einem Auflösungspro-
zess, denn die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse ist seit der Jahrtausendwende rückläufig
(vgl. Eichhorst et al., 2009, S.7). Parallel hält der Trend zur Vermischung von Arbeit und
Freizeit an.
Wie eingangs erklärt, diente dieses Unterkapitel der überleitenden Erklärung vom Be-
griff der ,,Arbeit" hin zum Begriff der ,,Freizeit". Entsprechend folgt nun Unterkapitel 1.3 mit
Erklärungen zum Begriff der ,,Freizeit".

15
1.3 Freizeit ­ Wesen und Zweck
,,Freizeit" ­ ein scheinbar selbsterklärender Begriff ist ohne sein Kontrastmittel ,,Arbeit" in
Bezug auf die WLB nicht erklärbar. Zur Einordnung der ,,Freizeit" bedienen wir uns daher
der historischen Entwicklung der ,,Arbeit". Wie in Unterkapitel 1.2 beschrieben, war Arbeit
integrativer Bestandteil des Lebens, bis zu Beginn der Industrialisierung eine räumliche und
zeitliche Trennung die Lebenszeit des Menschen zweiteilte. Als Folge dieser Trennung leitet
sich nach Voß (1991, S.24f) der Karl Marx'sche Ansatz der ,,Dichotomie" der Lebensführung
ab. Nach Marx' Verständnis zerfalle das Leben des arbeitenden Menschen zum einen in die
unfreie Arbeits- und die private Freizeit. Zum anderen sei der Arbeiter in der Freizeit auf die
Reproduktion seiner Arbeitskraft angewiesen, ohne die er wiederum während der Arbeitszeit
keine Leistung erbringen könne.
Von der dichotomen Idee der Beeinflussung der Freizeit durch die Arbeit ist auch der
Soziologe Jürgen Habermaß (1997, S.224) geprägt. Freizeit bilde in ihrem komplementären
Verhältnis zur Arbeit den regenerativen Aspekt des Lebens. Diese Ansicht ist noch stark vom
Eindruck der physischen Belastung durch die Arbeit geprägt. In Hinblick auf die zunehmende
Entwicklung des sekundären und tertiären Arbeitssektors weist Habermaß aber auf zwei wei-
tere Freizeitformen hin: Zum einen ist Freizeit eine Kompensationszeit, eine Reaktion auf
abspannende und sinnleere Tätigkeiten. In der Freizeit entsteht nach Habermaß dadurch ein
höchst engagiertes Wesen, das ganz in seiner Alternativtätigkeit, die nichts mit der Arbeit zu
tun hat, aufgeht. Zum anderen gibt es den suspendierenden Effekt der Freizeit. In diesem Fall
sucht der Mensch Ersatzbefriedigung durch Fortführung der selben oder ähnlichen Tätigkei-
ten wie während der Erwerbsarbeit. Dass eine Übertragung von Effekten der Arbeitswelt in
die Freizeit geschieht, erkennen wir heute im Begriff des Freizeitstress (vgl. Breidenbach,
2002, S.22). Trotz augenscheinlich mehr freier Zeit kann diese kaum genossen werden. Ein
möglicher Grund liegt im Entscheidungsdruck, der aus den Mengen von Freizeitangeboten
resultiert. Es gilt das ,,entspannendste" Produkt herauszusuchen, um die Freizeit möglichst
effizient zu verbringen ­ gemäß des Wahlspruchs der heutigen Gesellschaft: ,,Ja nichts ver-
passen" (vgl. Opaschowski, 2006, S.244).
Eine alternative Beschreibung von Freizeit liegt in der Beurteilung der Sinnhaftigkeit
einer Tätigkeit. Arbeitszeit erhält durch die während ihr ausgeführten Tätigkeiten Sinn und
Legitimation. Freizeit hingegen hat keine konkreten Tätigkeitsinhalte und erhält dadurch den
Charakter von ,,Restzeit" - einer ,,übrigen" Zeitmenge ohne Sinn (vgl. Thien, 2002, S.12).
Prahl (2002, S.134) bezeichnet Freizeit ebenfalls als Restzeit, verneint aber die Sinnleere die-
ser Zeit. Nach ihm ist Freizeit durch Negation ­ also das, was sie nicht ist ­ beschreibbar.

16
Diese ,,negative Freizeit" ergibt sich aus der Subtraktion von Tätigkeiten von der ­ im Gesam-
ten ­ verfügbaren Zeit. Das Gegenteil von negativer Freizeit bildet die positive Freizeit, in der
man frei für eine Tätigkeit ist.
Die Schwäche dieser grundsätzlichen Trennung beschreibt Kerstin Freier in der Un-
schärfe der Zuordnung von Tätigkeiten zum Arbeits- oder Nichtarbeitsfeld. So gibt es in der
Freizeit Tätigkeiten mit Arbeitscharakter, gleichzeitig aber auch private Tätigkeiten während
der Arbeitszeit (vgl. Freier, 2005, S.17). Welcher Kategorie eine Tätigkeit zugeordnet wird,
hängt von individuellen Entscheidungen ab. Unter Umständen ist eine klare Zuteilung von
Tätigkeiten in das Feld der Arbeit bzw. der Freizeit nicht möglich. Scherhorn (2000, S.352)
bezeichnet diese nicht eindeutig zuordnungsbare Tätigkeiten als ,,informelle Arbeit". Infor-
melle Arbeit hat zwar Notwendigkeitscharakter, wird aber nicht unbedingt, wie die Erwerbs-
arbeit, gegen Geld eingetauscht, sondern aus eigener Einsicht freiwillig geleistet. In solchen
Momenten bilden Arbeit und Freizeit keine Gegensätze. Der Mensch kann in der Arbeit frei
sein. Diese Idee greift auch Kramer (2002, S.171) auf und schlägt vor, dass der Begriff der
Freizeit durch dieses Verständnis sogar überflüssig werden könnte. Ähnliche Überlegungen
hegt Prahl (2002, S.133) mit der Begründung, dass die Rollen von Arbeit und Freizeit sich
zunehmend ähneln und eine Unterscheidung dadurch immer weniger möglich ist.
Den Dualismus zwischen Arbeit und Freizeit als Trennmittel zur Beschreibung von
Freizeit kritisieren auch Opaschowski und Pries (2008, S.428). Sie verstehen das Leben als
zusammenhängende Einheit aus einer Vielzahl von Segmenten wie Familie, Freunde, Um-
welt, das durch die künstliche Teilung in Freizeit und Arbeit nur unzureichend erklärt wird.
Ihr Lösungsansatz ist die Idee der Lebenszeit, die sich durch verschiedene Stufen der Disposi-
tionsfreiheit ­ des selber Verfügens über seine Arbeitskraft ­ charakterisiert.
1.4 Tacheles ­ Die Rolle von Arbeit und Freizeit in der Work-Life-Balance
In den letzten drei Unterkapiteln haben wir uns ausführlich mit den Bausteinen ,,Arbeit" und
,,Freizeit", ihrer Geschichte und ihrem Zusammenhang untereinander befasst. Der nun fol-
gende Absatz gilt der Synthese dieser Erkenntnisse zu einer verdichteten Aussage über die
Wechselwirkungen zwischen ,,Arbeit" und ,,Freizeit". Dies soll im weiteren Verlauf der The-
sis als Verständnisreferenz gelten.
Wie in Unterkaptitel 1.1 und 1.2 beschrieben vermischen sich die seit der industriellen
Revolution getrennten Lebensbereiche der Arbeit und der Freizeit wieder zunehmend. Aus
wirtschaftlich-gesellschaftlichen Gründen nimmt die Anzahl der Normalarbeitsverhältnisse
ab. Mit ihrem Rückgang gehen auch die strengen arbeitszeitlichen Regelungen, die die Trenn-

17
ung von Arbeit und Freizeit aufrecht erhalten haben, verloren. Gleichzeitig lässt der stetige
Drang nach Selbstverwirklichung und Zufriedenheit den heutigen Menschen versuchen, seine
Lebensziele sowohl während der Arbeit, als auch in der Freizeit, zu erfüllen. Mit der Ziel-
kongruenz in beiden Lebensbereichen und dem Verständnis des Lebens als eine Einheit mit
verschiedenen Lebensbereichen, schwindet die Trennung der Lebenszeit in ,,Arbeit" und
,,Freizeit". Die oft als ,,künstlich" kritisierte Trennlinie verliert somit zunehmend ihren Nut-
zen, sowohl für das Individuum, als auch für die Gesellschaft. Der Mensch als reflexives We-
sen reagiert dabei ambivalent:
Die Vermischung von Arbeit und Leben sehen die Einen als die Überwindung der tay-
loristischen Entfremdung (vgl. Ferchhoff, 1988, S.147) und somit als die Versöhnung des
Menschen mit der Arbeit. Die Reintegration von Arbeit als Teil des ,,Erlebens" des Lebens
stellt nach diesem Verständnis die Erfüllung der Forderung nach Selbsterleben und Sinn dar
(vgl. Fink, 1994, S.108). Demgegenüber fürchten Andere in der Aufhebung der Grenzen zwi-
schen Arbeit und Freizeit ­ der Entgrenzung ­ die neue Form der ,,Ausbeutung des Arbeiter",
einen Umstand, den ich in Unterkapitel 2.4 besonders betrachten werde.
Es wirkt paradox: Mehr als jede vorherige Generation vor uns können wir machen
,,was wir wollen". Und gerade die Möglichkeit der Selbsterfüllung erzeugt Unsicherheit. Zu
recht stellt Opaschowski (2006, S.23) die Frage, ob wir den Zugewinn an Freiheit durch Auf-
lösung strukturgebender Arbeitsmuster überhaupt aushalten. Nach fast 300 Jahren der Trenn-
ung von ,,Arbeit" und ,,Freizeit" scheint der Mensch ,,frei sein" zu lange nicht mehr geübt zu
haben. Auf einer Metaebene gesehen stellt diese Spannung zwischen ,,Arbeit" und ,,Freizeit"
uns selbst vor die Frage, wie viel Freiheit wie wir vertragen können, ohne durch den Verlust
der Arbeit als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Sicherheit unser Selbstbewusstsein zu
verlieren (vgl. Straub 2005, S.17).
Ziel dieses Kapitels war die Vorstellung der Bestandteile der WLB, um eine Basis für
das Verstehen der im Folgenden präsentierten Gesamtkonzepte der Work-Life-Balance zu
schaffen. Kapitel 2 befasst sich mit den Fragen, welche Verständnisansätze bezüglich der Ge-
samtkonstrukt WLB existieren, ob WLB Auslöser oder Konsequenz gesellschaftlicher Ent-
wicklungen ist und welche konkreten Maßnahmen zur Beeinflussung der WLB in einem be-
stehenden Arbeitsverhältnis angewendet werden können. Gemäß der Fragestellung der Thesis
ziehe ich verstärkt den einzelnen Menschen als WLB-nachfragenden Faktor in die im Folgen-
den betrachteten Aspekte mit ein.

18
2. Work-Life-Balance ­ universelles Konzept mit individuellen Konsequenzen
Nachdem wir in Kapitel 1 die Bestandteile der WLB kennengelernt haben, betrachten wir nun
,,Arbeit" und ,,Freizeit" in ihrem Zusammenwirken in der Gesamtkonstruktion der WLB. Da
Funktion und Relevanz verschiedener WLB-Ansätze inhomogen sind, sollen diese im folgen-
den Kapitel miteinander verglichen werden. Die WLB-Ansätze reichen vom allgemein be-
kannten Ansatz der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über eine ökonomische Sicht der
Verwertbarkeit der WLB zu Gunsten der Volkswirtschaft, bis hin zur Interpretation als selbst-
ständiges Lebenskonzept. In Unterkapitel 2.2 ergründen wir, worauf der menschliche Drang
nach WLB beruht und woher das große, quer durch die Gesellschaft reichende Interesse
stammt. Wie Unternehmen und Staat auf die Anspruchshaltung von Arbeitnehmern (im Fol-
genden: AN) gegenüber ,,Arbeit" und ,,Leben" eingehen, zeigt Unterkapitel 2.3 auf. Ob, und
wenn ja wie, mit Hilfe von WLB-Tools das Ziel der Balance erreicht werden kann, klärt Un-
terkapitel 2.4.
2.1 Work-Life-Balance ­ Facetten eines Konzepts
Die Grundlage der WLB liegt in Forschungen zur wechselseitigen Beeinflussung von ,,Ar-
beit" und ,,Familie" in den 1950er Jahren. Die Fragestellung befasste sich mit den möglichen
Rollenkonflikten des Individuums, wenn die Arbeit das Familienleben (work-to-family-
conflict) und andersherum das Familienleben die Arbeit beeinflusst (family-to-work-conflict).
So erklärt sich die noch heute oft anzutreffende, synonyme Nutzung von Begriffen wie Fami-
lienförderung oder ,,Work-Family-Balance" für WLB (vgl. Schobert, 2007, S.20; zit. n.
Greenhaus, J. H.; Singh, R., 2004, S.689ff).
Im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen, wie einsetzender Gleichberechtigung von
Mann und Frau seit den 1970er Jahren und dem Wunsch von AN nach mehr Freizeit, wurde
die Fragestellung der WLB über den Fokus der Familie hinaus erweitert. Nach Boegner
(2010, S.40) wurden WLB-Tools im US-amerikanischen Personalmanagement mit dem Ziel
höherer Produktivität, einer positiveren Einstellung der Mitarbeiter zu ihrer Arbeit und zur
Praktizierung von Chancengleichheit eingesetzt. Heute geht das Konzept der WLB über un-
ternehmerische Gleichstellungsstrategien und die Betrachtung von Beruf und Familie hinaus.
Ziel ist die Rücksichtnahme auf private Interessen aller Mitarbeitergruppen. Mitarbeiter bil-
den das wichtigste Gut einer Unternehmung und sind daher besonders schützenswert (vgl.
Klimpel et. al, 2006, S.22).
Die deutsche Politik stellt das mikro- und makroökonomische Potential der WLB im
Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen in den Vordergrund. Das Bundesministerium für

19
Familie, Senioren, Frauen und Jugend (im Folgenden: BMFSFJ) bezeichnet WLB in einer
Studie als ,,Motor für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilität". In der Ver-
öffentlichung heißt es:
,,Work-Life-Balance ist in erster Linie als ein Wirtschaftsthema zu verstehen. Die dreifache
Win-Situation durch Work-Life-Balance resultiert aus Vorteilen für die Unternehmen, für die
einzelnen Beschäftigten sowie einem gesamtgesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen
Nutzen [...]." (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2005, S.4)
Kerstin Freier (2005, S.12) erklärt WLB als einen Zusammenhang von Lebens- und Arbeits-
welt, in die das Individuum eingebunden ist. Das Ziel ist die Ausgewogenheit, die Balance
der Bereiche ,,Leben" und ,,Arbeit", um ein gesundes und sinnerfülltes Leben zu führen. Als
Faktoren der Balance nennt Freier die Rolle und Funktion einer Person in ihrer jeweiligen
Lebenswelt, die Gewichtung der jeweiligen Lebensbereiche, den Umgang mit Stress-
situationen, die Lebensphase des Individuums und die allgemeine Lebensweise. Zu vermei-
den sind langfristige Spannungen zwischen den Lebensbereichen, die sogenannten Dysba-
lancen. Sie führen zu physischen und psychischen Konflikten, eine Thematik, der ich mich in
Unterkapitel 3.5.2 widmen werde.
Michael Kastner (2010, S.3f) beschreibt, wie Freier, WLB als Balance aus Arbeit und
Privatleben, erweitert diese Verständnis im Laufe seiner Ausführung aber durch eine de-
tailliertere Sicht. Ordnet er eingangs dem Bereich der Arbeit die Wörter ,,Müssen" und ,,An-
strengung", der Privatzeit Begriffe wie ,,Dürfen oder ,,Akku aufladen" zu, löst er im Weiteren
die dichotome Schwarz-Weiß-Sicht der ,,bösen Arbeit" und ,,guten Freizeit" zu Gunsten eines
differenzierteren Verständnisses auf. Entgegen der klassischen Vorstellung der ,,Balance" als
Ausgleich von Arbeits- und Privatleben können beide Handlungsbereiche erholsame und be-
lastende Aktivitäten beinhalten. Es existieren ,,Akku ladende" Arbeit und ,,anstrengende Frei-
zeit". Die nächste Stufe der Differenzierung führt er wegen der Anforderungen der sogenann-
ten ,,neuen" Arbeits- und Privatwelt ein: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem ver-
schwinden, Flexibilisierungsbedarf und Unplanbarkeit der Zukunft fordern Selbstkontrolle,
immerwährendes Kompetenzmanagement und lebenslanges Lernen. Um in diesen verschärf-
ten Umweltbedingungen die WLB zu halten, schlägt er vor, statt von ,,Arbeit" und Leben" ab
jetzt allgemeiner von ,,Tätigkeiten" zu sprechen. Jeder Tätigkeit kann dabei je einer Eigen-
schaft der folgenden drei Wortpaare zugeordnet werden:
· investiv (Kraft zehrend) oder konsumptiv (Erfolgt genießen) und
· sinnvoll oder sinnlos und
· motivierend oder demotivierend

20
Zur Beibehaltung der persönlichen Balance sollte der Mensch nun eine persönliche Einteilung
von Tätigkeiten in ,,investiv" und ,,konsumptiv" vornehmen, um sich anschließend auf die
sinnvollen und motivierenden Tätigkeiten zu konzentrieren. Sinnlose oder demotivierende
Tätigkeiten sind zu vermeiden.
Nach Manfred Cassens (2003, S. 7) ist WLB der Einklang von Leben und Arbeit unter
besonderer Beachtung des Schlüsselaspekts ,,Gesundheit". Zur Veranschaulichung bedient er
sich des von ihm entwickelten ,,Weisheitenpentagramms". Es besteht aus den fünf Bereichen
Familie und Partnerschaft, Gesundheit und Religion, Anerkennung, Familie und Freunde und
Berufsleben. Balance herrscht bei ausgeglichenem Zusammenwirken dieser fünf Kräfte. Lo-
thar Seiwert stellt in populärwissenschaftlicher Form (1999, S.77) sein Modell der WLB als
Lebens- und Zeitmanagement-System vor. Sein Zeit-Balance-Modell besteht aus den vier
Bereichen Sinn, Kontakt, Familie und Arbeit. Seiwert betont dabei die innere Abhängigkeit
der Bereiche. Zur Erhaltung der Balance sei subjektives Zeitmanagement durch qualitative
Balance aller vier Lebensbereiche erforderlich. Die radikalste aber auch von der Dichotomie
etablierteste Interpretation der WLB ist die Forderung von Tom Hodginson (2007, S.348, zit.
n. Eric Gill), die Trennung von Arbeit und Leben als Grund für alle Lebensprobleme anzuse-
hen. Nur durch Aufhebung dieser Trennung ist das Ziel der WLB, ein konfliktfreies und zu-
friedenes Leben, zu erreichen.
Wie diesem Kapitel zu entnehmen war, hat sich die WLB seit ihrer Entstehung von ei-
ner studienbezogenen Fragestellung zu einer selbstständigen Lebenseinstellung weiterent-
wickelt. Ab dieser Stelle der Thesis möchte ich mich an dem von Freier beschriebenen Ver-
ständnis von WLB als Vereinbarkeit zwischen Lebens- und Arbeitswelt orientieren. Wegen
der facettenreichen Ausprägungen des Konstrukts ist es für mich aber unvermeidlich, bei Be-
darf auch auf einige der anderen hier vorgestellten WLB-Verständnisse erneut zurückzugrei-
fen. Mit dieser Festlegung im Hinterkopf betrachten wir im nächsten Kapitel: Warum hat sich
unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Vereinbarkeit von Berufs- und
Privatleben auseinandersetzt? Und warum tut sie dies auch heute noch?
2.2 Gesellschaftliche Prozesse ­ Motor oder Folge der Work-Life-Balance?
Trotz großer Mengen an Literatur zur WLB wird nur selten die Frage ihrem Ursprung gestellt.
Ein Großteil der Autoren beginnt beim Status Quo und leitet das Thema über Feststellung der
Zunahme individualistischer Tendenzen in der Gesellschaft ein. Woher diese rühren bleibt
offen. Dabei ist das Wissen um den Ursprung der WLB-Diskussion meiner Meinung nach

21
wichtig, um die Attraktivität der WLB zu verstehen und um ihre Wirkung auf den Menschen
erklärbar zu machen.
Als Einflussfaktoren auf die WLB nennt die Literatur (vgl. Klimpel et al., 2007, S.23)
Schlagwörter wie ,,Globalisierung", ,,technischer Fortschritt", ,,Wertewandel", ,,Emanzipation
und Gleichberechtigung", die stets eng mit dem Begriff ,,Individualisierung" in Verbindung
stehen. Nach meinem Verständnis handelt es sich bei diesen Phänomenen aber nicht exklusiv
um Einflussfaktoren, sondern auch um Auslöser. Zur Klärung der Frage nach Actio und Re-
actio bediene ich mich im Folgenden der zeitlichen Erscheinung der genannten Phänomene.
Den Beginn stellt die Globalisierung dar. Diese erfährt Beschleunigung durch technologi-
schen Fortschritt. Im Kielwasser von Globalisierung und technischem Fortschritt kommt es zu
einer Prioritätenveränderung im Individuum: Noch geprägt vom dichotomen Verständnis
(vgl. Unterkapitel 1.3) ändert sich die Anspruchshaltung gegenüber ,,Arbeit" und ,,Leben".
Aus ,,leben, um zu arbeiten" wird ,,arbeiten, um zu leben". Dadurch verlieren weitere traditio-
nelle Wertvorstellungen an Bedeutung. Sie werden durch einen individuellen Ziele- und Wer-
tekanon ersetzt. Individualisierungstendenzen bedürfen ab diesem Zeitpunkt nun keiner weite-
ren Rechtfertigung. Sie sind ihr eigener Grund geworden. So etabliert sich der Aspekt der
,,Individualisierung" von einer Konsequenz zum Grund ­ und beschleunigt damit seinerseits
wieder das Verschwimmen der Grenzen zwischen ,,Ursache" und ,,Wirkung" der im Folgen-
den beschriebenen Faktoren.
2.2.1 Globalisierung und Informationstechnologien
Der Begriff ,,Globalisierung" dient in der öffentlichen Diskussion oft als Schlagwort für Fra-
gen zu veränderten Rahmenbedingungen in der Wirtschafs- und Arbeitswelt. Auf Individual-
ebene fungiert sie oft als Projektionsfläche für diffuse Befürchtungen um die eigene berufli-
che Zukunft. In dieser Thesis distanziere ich mich von der negativen Konnotation des Be-
griffs und möchte ihn statt dessen an die wertneutrale Definition von Dietmar Brock (2008,
S.13) geknüpft wissen:
,,Globalisierung ist ein Prozessbegriff, der in soziologischer Hinsicht bei zwischengesell-
schaftlichen Beziehungen beginnt und einen Endpunkt mit einem weltumspannenden zwi-
schengesellschaftlichen Netzwerk erreicht".
Betrachtet man den Begriff in einem wirtschaftlichen Zusammenhang, ist die ,,globalisierte
Weltwirtschaft" das Ergebnis eines schon mehrere hundert Jahre andauernden Prozesses, des-
sen Beginn im einsetzenden interkontinentalen Handel des 15. Jahrhunderts zu sehen ist.
Nach Simon et al. (2003, S.232) ist Globalisierung mittlerweile ein vielfach komplexeres und
facettenreicheres Phänomen geworden: Es beschreibt die
Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Verständnis und Antizipation der Work-Life-Balance von Studenten der DHBW Ravensburg im Übergangszeitraum von Studiumsende und Berufseinstieg
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Ravensburg, früher: Berufsakademie Ravensburg
Autor
Jahr
2011
Seiten
100
Katalognummer
V204666
ISBN (eBook)
9783656307860
ISBN (Buch)
9783656311263
Dateigröße
5760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Work-Life-Balance, Arbeit, Work, Life, Balance, Geschichte der Arbeit, Freizeit, Globalisierung, Marketing, Sabbatical, Arbeit und Familie, WLB, Sinn, Flow, Maslow, Bedürfnispyramide, MCGregor, Herzberg, 2-Faktoren-Theorie, Stress, Coping, Leitfrageninterview, qualitative Forschung, quantitative Forschung
Arbeit zitieren
Tobias Stüttgen (Autor), 2011, Verständnis und Antizipation der Work-Life-Balance von Studenten der DHBW Ravensburg im Übergangszeitraum von Studiumsende und Berufseinstieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204666

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Verständnis und Antizipation der Work-Life-Balance von Studenten der DHBW Ravensburg im Übergangszeitraum von Studiumsende und Berufseinstieg



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden