Rettung und Vernichtung in Kleists "Das Erdbeben in Chili"

Eine Erzähltextanalyse


Hausarbeit, 2011

10 Seiten, Note: 1,6

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Rettung und Vernichtung: Zufall oder Schicksal?

2. Josephe und Jeronimo: Irdisches Gesetz im Kontrast zur göttlichen Fügung

3. Das rettende Paradies und ihre neue Gesellschaft

4. Wiederherstellung der vorherigen Verhältnisse und die Katastrophe

5. Rettung und Vernichtung: Ein Ideal in Trümmern

6. Literaturverzeichnis

1. Rettung und Vernichtung: Zufall oder Schicksal?

Im Folgenden wird Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“, welche 1807 erstmals veröffentlicht wurde, hinsichtlich des Motivs von „Rettung und Vernichtung“ untersucht.

Die sich eigentlich widersprechenden Worte Rettung und Vernichtung sind während des gesamten Handlungsverlaufs stark vertreten und wirken oft paradox, da sie gemeinsam und nicht selten auch gleichzeitig auftreten. Dies zeigt, dass sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten sind; was für den einen Rettung, ist für den anderen Vernichtung. Ein passendes Beispiel hierfür ist das plötzliche Überleben der beiden Protagonisten Josephe und Jeronimo auf Grund des Erdbebens, wohingegen ein Teil der Stadtbevölkerung die Naturkatastrophe nicht überlebt. Dies ermöglicht nicht nur dem Leser unterschiedliche Auslegungen von Rettung und Vernichtung, sondern auch den Figuren selbst. Ihr Handeln und Denken ist ihrer Betrachtungsweise abhängig, was letztlich zur Katastrophe führt, und folglich ein wichtiger zu untersuchender Aspekt ist.

Desweiteren ist die Frage, welche Rolle die Kirche in Bezug auf Gesellschaft und deren Auslegung spielt, zu nennen. Ein Ineinander von Rettung und Vernichtung also stellt den Leser vor die Entscheidung, ob das Geschehen dem Zufall oder dem Wille Gottes zuzusprechen ist. Der Mensch sich in außergewöhnlichen Situationen befindend und sein darauf folgendes Handeln steht hierbei klar im Mittelpunkt. Reaktionen auf bestimmte Ereignisse bilden Ketten und das daraus entstehende Endprodukt erweist sich als Abbild der Realität, die vom Handeln der Menschen abhängt. Es werden verschiedenste Charaktere und Institutionen dargelegt, die zum Beispiel einer Selbstverwirklichung des jungen Paares bis zu Letzt im Wege stehen. Erst das Erdbeben ermöglicht einen Neuanfang und wirkt zunächst rettend. Somit sind auch gesellschaftskritische Aspekte von wichtiger Bedeutung.

Es gilt nun ein von Zufällen geschaffenes Konstrukt geprägt von Rettung und Vernichtung darzulegen und in seiner Wirkungsweise auf die Realität zu betrachten. Dabei dürfen gesellschaftliche, religiöse, soziale und speziell familiäre Gesichtspunkte nicht außer Acht gelassen werden, denn genau diese wirken miteinander und sind daher voneinander abhängig. Wobei sich besonders auf die kirchliche Institution konzentriert werden darf, da sie die Autorität der Stadtbewohner und als Gesetzgeber Auslöser des Unglücks der sich Liebenden ist.

2. Josephe und Jeronimo: Irdisches Gesetz im Kontrast zur göttlichen Fügung

Die Novelle beginnt mit der bevorstehenden Vernichtung beider Protagonisten, Josephe und Jeronimo. Josephe soll wegen ihrer nicht standesgemäßen Beziehung mit dem Lehrer Jeronimo und dem daraus hervorgegangenden Sohn Phillip hingerichtet werden. Da ihr Verhalten im vorherrschenden Glauben als Sünde gilt, wird sie der Gotteslästerung beschuldigt und bestraft. Das Todesurteil wird stellvertretend für Gott gefällt und verdeutlicht recht gut die vorherrschende Ordnungsgewalt. Gesellschaftlich gesehen ist die zuvor recht hochangesehene Josephe zur Außenseiterin geworden. Ihre Sünde scheint so fatal, dass ihr selbst der Verstoß aus der eigenen Familie nicht erspart bleibt. Unterstützt wird dies anhand der Beschreibung ihres Hinrichtungstages. Ihr Tod wird von den Stadtbewohnern umjubelt[1] und „die frommen Töchter der Stadt [laden] ihre Freundinnen ein“[2]. Es scheint fast, als handele sich um ein Spektakel. Diese Darstellung, die dem Leser doch recht makaber erscheint, ist eine Kritik an der Gesellschaft. Dem jungen Paar wurde eine Liebe verwehrt und aufgrund des unehelichen Kindes nun auch ihr Leben. Man stellt sich die Frage, wo Moral und Sittlichkeit zu finden sind, geschweige denn was aus der christlichen Nächstenliebe geworden ist. Denn eigentlich sollte der Mensch nicht töten. Im Laufe der Novelle zweifelt der Leser an die Richtigkeit der Kirche. Diese Zweifel ergeben sich aus der Beschreibung Josephens Flucht. Sie war den Orten und den Personen begegnet, die ihren Tod befürworteten. Das Kloster und der Gerichtshof standen in Flammen, der Palast des Vizekönigs schien zerstört und auch ihr Elternhaus liegt in Trümmern.[3] Selbst die Leiche des Erzbischofs „begegnete“[4] ihr. Unverkennbar ist hier das Paradoxe. Josephe überlebt ihre Hinrichtung Dank des Erdbebens. Die Menschen, die sie zum Tode verurteilten, hingegen werden vernichtet.

[...]


[1] Vgl.: Kleist, Heinrich von: Das Erdeben in Chili Die Marquise von O Die Verlobung in St. Domingo. Text und Kommentar. Tübingen 2009 (= Suhrkamp BasisBibliothek 93). S. 10.

[2] Ebd., S. 10.

[3] Vgl.: Ebd., S.14.

[4] Ebd., S. 14.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Rettung und Vernichtung in Kleists "Das Erdbeben in Chili"
Untertitel
Eine Erzähltextanalyse
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,6
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V205318
ISBN (eBook)
9783656317937
ISBN (Buch)
9783656319481
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rettung, vernichtung, kleists, erdbeben, chili, eine, erzähltextanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Rettung und Vernichtung in Kleists "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205318

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