Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht mit Erwachsenen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen

3. Einfachheit der KJL
3.1 Begriffserklärung
3.2 Verfahren der Vereinfachung
3.2.1 Basal-literarisches Prinzip
3.2.2 Formelhaftigkeit
3.2.3 Bildlichkeit
3.2.4 Stereotypen
3.3 Vielfältigkeit in Einfachheit

4. Lernziele der KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen
4.1 Spracherwerb
4.1.1 Lesen
4.1.2 Hören
4.1.3 Sprechen
4.1.4 Schreiben
4.2 Landeskunde
4.3 Literatur

5. Didaktische Hinweise
5.1 Handlungs- und produktionsorientierter Ansatz
5.2 Textauswahl

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Anhand einer seminarinternen Lehrwerkanalyse wird deutlich, dass sich Kinder- und Jugendliteratur in fast allen gängigen in Deutschland publizierten DaF-Lehrwerken finden lässt, auch in denjenigen, die sich in erster Linie an erwachsene Deutschlerner richten. Andererseits werden nur sehr wenige kinder- und jugendliterarische Texte in diesen Lehrwerken aufgenommen. Hier stellt sich die Frage, inwiefern erwachsene Deutschlerner von Kinder- und Jugendliteratur, die im Prinzip an Kinder und Jugendliche adressiert wird, beim Spracherwerb profitieren können. Mit dieser Frage beschäftigt sich die vorliegende Hausarbeit.

Seit den 1980er Jahren wird in Deutschland über das Thema Kinder- und Jugendliteratur in der Fremdsprachendidaktik kontinuierlich diskutiert (vgl. Kast 1985; Eder 2007, 2010). Der Einsatz von Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht ist heute durch zahlreiche Untersuchungen (vgl. Kast 1985, Eder 2007, O’Sullivan/Rösler 2002, 2010) gerechtfertigt. Jedoch wird die Zielgruppe der erwachsenen Deutschlerner selten berücksichtigt. So beklagt Eder (2010: 1581), dass es bislang kaum Aufarbeitungen der Kinder- und Jugendliteratur für erwachsene Lernende gebe.

In der vorliegenden Hausarbeit wird zuerst die Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht mit Erwachsenen definiert, indem sie von Ewers (2011) Begriffsdefinitionen der Kinder- und Jugendliteratur ausgehend auf ihre Zielgruppe eingegrenzt wird. Anschließend werden in Anlehnung an Lypps (1984, 1994/1995, 2000) Arbeit die Einfachheit als wesentliches Unterscheidungsmerkmal der Kinder- und Jugendliteratur von der Literatur für Erwachsene und ihre Realisierungsverfahren diskutiert. Im nachfolgenden Kapitel wird gezeigt, dass die von Kast (1985) thematisierten Lernziele der Kinder- und Jugendliteratur mithilfe deren Einfachheit auch im DaF-Unterricht mit Erwachsenen erreicht werden können. Nach der theoretischen Diskussion werden im letzten Kapitel des Hauptteils einige didaktische Hinweise für den Einsatz der Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht mit Erwachsenen gegeben.

Da sich die vorliegende Hausarbeit mit der Zielgruppe der erwachsenen Deutschlerner[1] beschäftigt, werden deren charakteristische Eigenschaften in der folgenden Diskussion stets berücksicht, dazu gehören: (1) Sie sind autonome Lerner und lernen sehr motiviert (vgl. Ewel 1993: 4); (2) „Sie lernen sehr viel stärker von der Einsicht gesteuert als jüngere Lerner, verlangen deshalb häufigere und umfassendere Erklärungen, erwarten kognitive Stützen ihres Lernens“ (Christ 1992: 120); (3) Sie bringen viele Vorwissen und Erfahrungen in den Unterricht ein, die ihre Interessen sowie die Art und Weise, wie die Fremdsprache erlernt wird, bestimmen (vgl. Ewel 1993: 4).

2. Definitionen

Es ist nicht einfach, den Begriff der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) exakt zu definieren. Fraglich ist z.B., ob literarische Texte, die nicht speziell für Kinder und Jugendliche verfasst wurden, jedoch an sie weitergeleitet und von ihnen häufig gelesen werden, z.B. ein Gedicht von Goethe, zur KJL gehören.

Um die KJL zu untersuchen, lehnt man sich in der fachlichen Literatur, sowohl in der Literaturwissenschaft (vgl. Lange 2000) als auch im Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (vgl. Eder 2007, 2010), an die Arbeit von Ewers (2000) an. Vor kurzem hat er im Handbuch Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart (Lange 2011) die Definitionen von KJL ausführlich diskutiert. Laut Ewers (2011: 3) handelt es sich bei der KJL ganz allgemein um einen Korpus von literarischen Werken. Es gebe allerdings mehrere Definitionen, die verschiedene Textkorpora eingrenzen. Ewers (ebd.: 4) hat hier zwei Hauptkorpora unterschieden: die intendierte Kinder- und Jugendlektüre zum einen und die faktische Kinder- und Jugendlektüre zum anderen. Während die zum ersteren Korpus gehörenden Texte von Kindern und Jugendlichen gelesen werden sollten, umfasst der letztere Korpus die von Kindern und Jugendlichen tatsächlich gelesenen Texte. Beide Korpora überlappen einander und klaffen in Randbereichen auseinander. Die Texte, die nur zur faktischen Kinder- und Jugendlektüre gehören, werden nicht als KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen betrachtet, da sie ursprünglich an die Erwachsenen adressiert sind.

Unter der intendierten Kinder- und Jugendlektüre hat Ewers (ebd.: 5ff.) vier Subkorpora voneinander abgegrenzt. (1) Beim ersten Subkorpus handelt es sich um die unveränderte Weiterleitung der allgemeinliterarischen Werke an Kinder und Jugendliteratur. Da diese literarischen Werke „in ihrer ursprünglichen Form keine Adressierung an Kinder und Jugendliche besessen“ haben - d.h., sie zunächst von Erwachsenen rezipiert werden -, wird der erste Subkorpus von der KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen ausgeschlossen. (2) Der zweite Subkorpus besteht ebenso aus unveränderten allgemeinliterarischen Werken. Im Unterschied zum ersten Subkorpus werden sie jedoch nicht bloß weitergeleitet, sondern in den Kinder- und Jugendbüchern bzw. –zeitschriften publiziert. Aus demselben Grund wird der zweite Subkorpus auch von der KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen ausgeschlossen. (3) Beim dritten Subkorpus handelt es sich um die Bearbeitung der allgemeinliterarischen Werke - d.h., die allgemeinliterarischen Texte werden an Kinder und Jugendliche adressiert, indem sie modifziert werden. Da dieser Textkorpus nicht an Erwachsene gerichtet ist, lässt er sich im DaF-Unterricht mit Erwachsenen als KJL ansehen. (4) Der vierte Subkorpus umfasst die ursprünglich für Kinder und Jugendliche verfassten literarischen Texte. Sie sind ohne Zweifel KJL, auch im DaF-Unterricht mit Erwachsenen.

Während die „Korpusbildung“ (ebd.: 3) der KJL im Sinne von Ewers eine Adressierung an Kinder und Jugendliche darstellt, handelt es sich bei der KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen um eine weitere Adressierung an die erwachsenen Deutschlerner, indem solche Texte ausgeschlossen werden, zu deren Adressaten die Erwachsenen ursprünglich gehören. Auf diese Weise wird ein neuer Korpus gebildet, zu dem nur die deutschsprachigen literarischen Werke gehören, die entweder speziell für Kinder und Jugendliche verfasst werden oder aus der Allgemeinliteratur durch Bearbeitung an die Kinder und Jugendlichen adressiert werden. Allerdings ist zu beachten, dass nicht alle zu diesem Korpus gehörenden Texte für DaF-Unterricht mit Erwachsenen geeignet sind. Nur wenn ihre Lernziele (s.u. im 4.Kapitel) im DaF-Unterricht mit Erwachsenen verwirklicht werden könnten, können sie eingesetzt und somit zur KJL im DaF-Unterricht mit Erwachsenen gezählt werden.

Im nächsten Kapitel wird gezeigt, dass die deutsche KJL seit den 1970er Jahren aufgrund ihrer Einfachheit besonders geeignet für DaF-Unterricht mit Erwachsenen ist[2].

3. Einfachheit der KJL

3.1 Begriffserklärung

KJL hat spezifische Merkmale, die sie von der Literatur für Erwachsene abgrenzt, wobei die Erwachsenen hier als muttersprachig gemeint werden. Nach Ehlers (2000: 27) ist KJL „durch folgende Merkmale charakterisiert: ... Sprache und Inhalte sind einfach und gut verständlich. ... Handlungsfolgen sind linear, ein- oder zweisträngig, nicht komplex. ... Erzählhaltung ist naiv“ (zitiert nach O’Sullivan/Rösler 2002a: 69).

Wenn die Erwachsenen allerdings durch die Eigenschaften von Fremdsprachenlernern geprägt werden, nähern sie sich den Kindern und Jugendlichen an, zumal sie sich ebenso wie jene mit dem Erwerb der Sprache beschäftigen. In diesem Zusammenhang betont Eder (2007: 289ff.) im DaF-Kontext die Einfachheit als Kategorie der Kinder- und Jugendliteratur - einen Begriff, der von Maria Lypp (1984, 1994/1995, 2000)[3] entwickelt wird.

Der Einsatz der einfachen KJL im DaF-Unterricht ist aber nicht problemlos. Es stellt sich z.B. oft die Frage, ob die kinder- und jugendliterarischen Texte für die Erwachsenen interessant oder zu kindlich sind. Hans Hunfeld sieht hier ein Dilemma: „Die Text müssen also sprachlich einfach, in ihrem Anspruch aber so hoch sein, dass sie den Leser intellektuell und emotional nicht unterfordern“ (Hunfeld 1990: 99, zitiert nach Eder 2007: 292). Nach Kast (1985: 26) ist die Diskrepanz zwischen Sprachkompetenz und Sachkompetenz auch problematisch:

„Sprachlich angemessene Texte sind oft nicht altersgemäß (die Sprache ist verständlich, der dargestellte Inhalt ist für jüngere Schüler geeignet), relevante Inhalte sind sprachlich zu anspruchsvoll formuliert (der Inhalt interessiert, die sprachlichen Voraussetzungen zu seinem Verständnis sind nicht gegeben).“

Im Folgenden wird gezeigt, dass KJL mit ihrer Einfachheit besonders geeignet ist, „um dem von Hans Hunfeld thematisierten Dilemma entgegenzuwirken“ (Eder 2007: 292).

Wie oben genannt wird KJL aufgrund ihrer leichteren Verständlichkeit im Vergleich zur Literatur für Erwachsene häufig als einfache Literatur angesehen. Jedoch sind der Bezugspunkt der Einfachheit von KJL nach Lypp (2000: 828) nicht die Rezeptionskompentenzen, da das Einfache einerseits aus Perspektive der Rezipienten eine reletive Größe sei, und anderserseits innerhalb der KJL vom Kinderlied bis hin zum Adoleszenzroman verschiedene Grade der Komplexität darstelle.

Im Sinne von Lypp (1994/1995: 43) versteht sich die Einfachheit als eine „Erscheinung der Komplexitätsreduzierung im literarischen System“. Von den textlichen Gegebenheiten bzw. den literarischen Strukturen ausgehend, diskutiert sie drei Erscheinungsformen der Komplexitätsreduzierung. (1) Die Literatur sei allgeimein komplexitätsreduzierend, da sie die Wirklichkeit in eine systematische Zeichenwelt verwandele. Hierbei handelt es sich um eine intermediale Komplexitätsreduzierung. (2) Unter verschiedenen literarischen Textsorten seien die einige einfacher als die anderen. Währen die letzteren versteckteren und subtileren Regeln folgen, werden die ersteren durch wenige, deutlich erkannbare Vorschriften und Verfahren geprägt. Hierbei handelt es sich um den Komplexitätsgrad je nach Textsorte. (3) Ein Text sei komplexitätsreduziert, wenn seine Struktur gezielt vereinfacht worden sei, ohne dass seine oberen, komplexen Ränge der literarischen Hierarchie verloren werden. Hierbei handelt es sich um eine Textsorteninterne Komplexitätsreduzierung.

Der Begriff des Einfachen trat in der Kinderliteraturtheorie auf, als die Formen der Kinderliteratur komplexer wurden, „indem sie sich der Literatur der Erwachsenen annäherte“(vgl. ebd.: 43f.). Hier ergibt es die Frage, „wie die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen hinsichtlich des Wissens-, Erfahrungs- und Sprachstandes literarisch überwunden werden könnte“(Lypp 2000: 829). Während die Differenz zwischen beiden Gruppen hinsichtlich des Wissens- und Erfahrungsstandes in der entwickelten Mediengesellschaft verschwunden zu sein scheint, „wo Kinder ebenso wie Erwachsene freien Zugang zu allen Botschaften haben, und damit virtuell an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben können“ (ebd.: 830), könnte die Differenz des Sprachstandes durch die Komplexitätsreduzierung überwunden werden. Aus diesem Grund sei vor allem die oben zuletzt genannte Erscheinungsform der literarischen Komplexitätsreduzierung im Zusammenhang mit KJL relevant, so Lypp (1994/1995: 44) und Eder (2007: 290). Darüber hinaus ist festzustellen, dass sich die KJL mit der Einfachheit von der Literatur für Erwachsene unterscheidet. Im Folgenden wird diskutiert, inwiefern die Einfachheit der KJL von den erwachsenen Deutschlernern genutzt werden könnte.

[...]


[1] Zum Faktor Lebensalter der Fremdsprachenlerner vgl. Christ (1992).

[2] Zu Kriterien der Textauswahl s.u. im 5.Kapitel

[3] In allen drei Texten von Lypp wird nur die Einfachheit der Kinderliteratur diskutiert. Eder hat diese Kategorie auf KJL ausgeweitet.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht mit Erwachsenen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Auslandsgermanistik / Deutsch als Fremd- und Zweitsprache)
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliteratur im fremdsprachlichen Deutschunterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V205537
ISBN (eBook)
9783656319573
ISBN (Buch)
9783656320500
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch als Fremdsprache, Kinder- und Jugendliteratur, Fremdsprachdidaktik
Arbeit zitieren
Tinghui Duan (Autor), 2012, Kinder- und Jugendliteratur im DaF-Unterricht mit Erwachsenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205537

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