Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag


Hausarbeit, 2012

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Über Jean-Jacques Rousseau

3. Zentrale Begriffe
3.1. Rousseaus Menschenbild
3.2. Der Freiheitsbegriff
3.3. Der Gemeinwille

4. Der Gesellschaftsvertrag
4.1. Das Zustandekommen des Gesellschaftsvertrag
4.2. Staatsziele
4.3. Der Souveränitätsbegriff
4.4. Souveränität und Repräsentation
4.5. Der Souverän
4.6. Der Begriff Republik
4.7. Das Idealbild der Republik
4.8. Das Standbein der Republik: Die Zivilreligion
4.9. Regierungsformen
4.10. Die Regierung
4.11. Der Geltungsanspruch der Gesetze

5. Zur Rezeption des Werkes

6. Die Aktualität des Gesellschaftsvertrages

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

1. Einführung

Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag[1] gehört bis heute zu den bedeutsamsten politischen und staatsrechtlichen Schriften – ein Werk der Staatsphilosophie der Neuzeit[2], über das auch noch Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung die Meinungen auseinandergehen, geschrieben von einem Autor wie er umstrittener wohl nicht sein könnte. Revolutionär war er für die einen, für die anderen ein Träumer und Romantiker.[3]

Rousseau war ein Vertragstheoretiker[4] und damit ein Vertreter des Kontraktualismus[5]. Bei der Vertragstheorie, die auch Lehre vom Gesellschaftsvertrag genannt wird, geht es um den Versuch, eine staatliche Ordnung moralisch und institutionell zu begründen. So war es auch Rousseaus Ziel, herauszufinden, „ob es in der bürgerlichen Ordnung irgendeine rechtmäßige und sichere Regel für das Regieren geben kann“[6]. Er hatte sich als Aufgabe gestellt,

„eine Form des Zusammenschlusses [zu finden], die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds [der Gesellschaft] verteidigt und schützt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor“[7].

Rousseaus Antwort darauf ist der Gesellschaftsvertrag, genau genommen der „Vertragsstaat“[8] bzw. der Staat. Darauf verweist auch der Titel seines Werkes, in dem die Rede von den Grundsätzen des Staatsrechts ist. Wie kann man den also Staat begründen? Wie soll er organisiert sein? Und welche Rolle spielt das Volk? Im Kern geht es um die Frage der Herrschaftslegitimation.[9] Diese begründet sich nicht aus der Natur (Naturrecht), sondern „Vereinbarungen […] [stellen die] Grundlage jeder rechtmäßigen Herrschaft unter Menschen“[10].

Um Rousseaus Werk zu verstehen, wird zu Beginn der Autor in Kürze vorgestellt. Danach werden Rousseaus Menschenbild vorgestellt und Begriffe eingeführt, die im Zusammenhang mit dem Gesellschaftsvertrag eine zentrale Rolle spielen (Freiheit, Gemeinwille). Im Hauptteil wird der Gesellschaftsvertrag in seinen Grundzügen vorgestellt. Den folgenden Aspekten wird dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt: Wie der Gesellschaftsvertrag zustande kommt, was Rousseau unter Staatszielen, Souveränität, Repräsentation und Souverän versteht. Weiterhin geht es um seine Vorstellungen über die Republik, Regierungsformen, die Regierung an sich und den Geltungsanspruch der Gesetze. Gegen Ende der Arbeit wird ein Blick auf die Rezeption des Werkes geworfen und dessen Aktualität auf die Probe gestellt, bis ein Fazit diese Arbeit schließt.

2. Über Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau wurde am 28. Juni 1712 in Genf geboren.[11] Sein gesamtes Wissen eignete er sich durch Selbststudium verschiedenster Fächer an. Aufgrund der Vielfalt der Materie kann man ihn als Universalgelehrten bezeichnen. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Rousseau hauptsächlich durch das Notenschreiben und -kopieren[12]. Im Zuge seines intensiven Studiums der Musik schrieb er zahlreiche Artikel über Fachbegriffe der Musikwissenschaft für die von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebene Encyclopédie, eines der Schlüsselwerke der französischen Aufklärung. Er lieferte dabei auch Artikel für den Bereich der Politik, z.B. formulierte er das Schlagwort „économie politique“ aus.[13] 1762 veröffentlichte er das in dieser Arbeit analysierte Traktat „Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts“, Rousseaus wohl bedeutendste politische Schrift[14]. Seine Abhandlung über den Gesellschaftsvertrag fiel alsbald allerdings unter die staatliche Zensur und wurde vom Erzbischof von Paris und Genf verboten.[15] So wurden seine Bücher erst in Paris öffentlich verbrannt, später auch in anderen Städten. Rousseau wurde zunächst aus Paris und schließlich auch aus seiner Heimatstadt Genf verbannt.[16] Die katholische Kirche empfand das Buch als Provokation und Gotteslästerung und begründete das Verbot damit, es verteufele die christliche Religion.[17] Dies hängt sicherlich mit Rousseaus Begriffsschöpfung der Zivilreligion zusammen, auf die an späterer Stelle noch ausführlicher eingegangen wird. Rousseau lebte und wirkte im 18. Jahrhundert zur Zeit der Aufklärung. Für diese Epoche ist er sehr bedeutend. Seine Schriften bildeten unter anderem das gedankliche Fundament, das zur Französischen Revolution führte.[18] Er galt als Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und hat auch aus diesem Blickwinkel heraus seine Philosophie begründet. Eine weitere Einstellung, die sein Schreiben maßgeblich beeinflusst hat, war seine Fortschrittsskepsis im Verlauf der Aufklärung, weswegen er oftmals als Konservativer bezeichnet wird.[19] Der schon zeitlebens bekannte Philosoph starb am 2. Juli 1778 in Ermenonville in der Nähe von Paris.[20]

3. Zentrale Begriffe

Bevor nun die Grundzüge des Gesellschaftsvertrages herausgearbeitet werden, sollen zentrale Begriffe erläutert werden, die die gedankliche Basis des Werkes bilden. Zuvorderst soll allerdings das Menschenbild Rousseaus in Kürze beschrieben werden, da dieses auch das Fundament für seine Konzeption des gesellschaftlichen Zustandes bildet. Im Anschluss daran geht es um die Begriffe Freiheit und Gemeinwille. Die Sicherung der Freiheit ist Rousseaus Antrieb für die Konstruktion des Gesellschaftsvertrages. Mit dem Gemeinwillen, der dem Kollektiv entspringt, begründet Rousseau das Entstehen des Staates.

3.1. Rousseaus Menschenbild

Im Gegensatz zu Thomas Hobbes geht Rousseau davon aus, dass der Naturmensch, der homme naturel, keine natürliche Neigung zum Bösen hat und somit von Natur aus gut ist. Es ist die Vergesellschaftung, die den Menschen schlecht oder böse werden lässt.[21] Diese laut Rousseau bedauerliche Entwicklung des menschlichen Wesens bezeichnet er als Depravierung des Menschen (Geschichte des Verfalls der guten Eigenschaften des Menschen).[22]

Rousseau zufolge hat der Mensch ein natürliches Bedürfnis nach Selbsterhaltung, das er als Selbstliebe bezeichnet (amour de soi).[23] Diese vormoralische, natürliche und daher unschuldige Selbstliebe verwandelt sich im Zivilisierungsprozess jedoch in eine gefährliche Leidenschaft, nämlich in eine amour propre, eine Selbstsucht, welche der Gemeinschaft schadet, da das Individuum versucht, sein Eigentum zu vermehren und gleichzeitig sein Ansehen in der Gesellschaft zu erhöhen.[24] Das Individuum trachtet daher nach ständiger „Selbststeigerung“[25]. Diese Entwicklungen sind ein „Charakteristikum einer individualistischen Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft“[26]. Durch diesen Prozess[27] kommt es zur Entfremdung des Menschen; ein Prozess, der durch Einkommensunterschiede Ungleichheit und Unfreiheit zu Tage fördert und letztlich den Nährboden für soziale Konflikte, Gewalt und Krieg bildet.[28] Hierbei kann man Parallelen zu den beiden Vertragstheoretikern Hobbes und Locke ziehen: Hobbes führte den Staat ein, um Sicherheit unter den Menschen zu schaffen und den Krieg eines jeden gegen jeden (bellum omnium contra omnes) zu beenden, während es Locke dabei auch wichtig war, den Privatbesitz, sprich das Eigentum, durch staatliche Verhältnisse zu schützen.[29]

Rousseau kritisiert den Vergesellschaftungsprozess und die damit einher gehenden Differenzierungsprozesse und hebt dabei die Vorzüge des vorgesellschaftlichen Zustandes hervor, in dem die Menschen noch völlig autark lebten.[30] Ihre Unabhängigkeit verloren sie erst durch das Entstehen von Eigentum. Den damit einhergehenden Verlust der Freiheit führt Rousseau ebenfalls auf das Aufkommen von Eigentum zurück.[31] Der Begriff des Eigentums ist dabei ausschlaggebend und kann soziale Spannungen hervorrufen. Eine gesellschaftliche Ordnung, in der beispielsweise wenige Reiche über viele Arme dominieren, kann Rousseau zufolge nur in einer despotischen Willkürherrschaft münden, was er zutiefst verurteilt.[32]

[...]


[1] Der Gesellschaftsvertrag wird in dieser Arbeit nach folgender Ausgabe zitiert: Rousseau, Jean-Jacques (2011): Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. In Zusammenarbeit mit Eva Pietzcker übersetzt und herausgegeben von Hans Brockard. Philipp Reclam jun., Stuttgart. Zitate und Verweise auf Zitate werden mit der Angabe des Buches durch eine römische Zahl (Rousseau nahm eine inhaltliche Aufteilung seines Werkes in drei sogenannte Bücher vor) und Kapitels unter einer arabischen Zahl angegeben, z.B. CS (contrat social) I, 1 steht dabei für Buch I, Kapitel 1. Dies ist eine gängige Zitierweise, das sich in zahlreicher Sekundärliteratur über Rousseau wiederfindet und sich aufgrund der Vielzahl von Ausgaben des Gesellschaftsvertrags als sinnvoll herausgestellt hat.

[2] Vgl. Schubert/ Klein 2011, Schlagwort: „Politische Ideengeschichte“.

[3] Vgl. Fetscher 1978: 14; Oberndörfer, Rosenzweig 2000: 305; Brockard 2011: 188.

[4] Rousseau reiht sich in die Riege wichtiger Vertragstheoretiker wie Thomas Hobbes und John Locke ein, deren Theorien im Verlauf dieser Arbeit gelegentlich zum Vergleich herangezogen werden. Weitere wichtige Vertragstheoretiker sind Immanuel Kant und John Rawls.

[5] Vgl. Kersting 2002: 11f.

[6] CS, Erstes Buch, Vorrede.

[7] CS I, 6.

[8] Kersting 2002: 12.

[9] Vgl. Kersting 2002: 15.

[10] CS I, 4.

[11] Vgl. Bevc 2007: 37, Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305.

[12] Vgl. Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305.

[13] Vgl. Kersting 2002: 14.

[14] Weitere wichtige Werke Roussaus sind seine „Economie politique“, seine Diskurse „Über Kunst und Wissenschaft“, „Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ sowie „Emile oder Über die Erziehung“, „La Nouvelle Héloïse“, sein „Projet de constitution pour la Corse“ sowie „Considérations sur le gouvernement de la Pologne“. Zu seinen letzten Veröffentlichungen zählen autobiografische Werke wie „Les confessions“, „Rousseau juge de Jean-Jacques“ und „Les rêveries du promeneur solitaire“, die alle posthum erschienen (vgl. Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305; Bevc 2007: 37; Brockard 2011: 196).

[15] Vgl. Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305; Brockard 2011: 200f.

[16] Vgl. Bevc 2007: 37.

[17] Vgl. Brockard 2011: 200f.

[18] Vgl. Doehring 2004: 83.

[19] Vgl. Fetscher 1978: 14; Herb 2007: 303; Kersting 2002: 11.

[20] Vgl. Bevc 2007: 37, Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305.

[21] Vgl. CS I, 4.

[22] Vgl. Oberndörfer, Rosenzweig 2000: 305.

[23] Vgl. Fetscher 1989: 3, Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 306.

[24] Vgl. Fetscher 1989: 7, 8, 9.

[25] Fetscher 1989: 9.

[26] Fetscher 1989: 10.

[27] Detailliert beschreibt Rousseau die Entwicklung vom Natur- zum zivilisierten Menschen in seinem Diskurs über die Ungleichheit (vgl. vgl. Bevc 2007: 38).

[28] Vgl. CS I, 4; Oberndörfer/ Rosenzweig 2000: 305, 306.

[29] Vgl. Doehring 2004: 82f.

[30] Aufgrund seiner Gesellschaftskritik und seiner Sehnsucht nach der Rückkehr zum Naturzustand wird Rousseau bis heute das Motto „Zurück zur Natur“ nachgesagt, welches er jedoch niemals in dieser Form geschrieben hat (vgl. Fetscher 1989: 10). Ganz im Gegenteil gibt es für ihn kein Zurück, da er davon ausgeht, dass der Mensch nicht in einem primitiven Zustand ohne Arbeitsteilung und Besitz zurückfällt (vgl. Brockard 2011: 198).

[31] Dazu schreibt Rousseau: „Es sind die Verhältnisse und nicht die Menschen, die den Krieg begründen, und da der Kriegszustand nicht aus einfachen persönlichen Verhältnissen hervorgehen kann, sondern nur aus Eigentumsverhältnissen, kann es Fehde oder Krieg Mann gegen Mann nicht geben, weder im Naturzustand, wo es kein bleibendes Eigentum gibt, noch im gesellschaftlichen Zustand, wo alles unter der Herrschaft der Gesetze steht“ (CS I, 4).

[32] Vgl. CS I, 4. Detailliert geht Rousseau auf den Despotismus, genau genommen die Diktatur, eingehender in CS IV, 6 ein.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Juristische und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Allgemeine Staatslehre
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V205970
ISBN (eBook)
9783656332640
ISBN (Buch)
9783656332756
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Jacques Rousseau, contrat social, Gesellschaftsvertrag, Staatsphilosophie
Arbeit zitieren
Julia Harrer (Autor), 2012, Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205970

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