Die Sehnsucht in der schwedischen Stadtprosa bei Strindberg


Magisterarbeit, 2012
133 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

(1) Einleitung

(2) Über die Sehnsucht
(2.1) Ein Versuch
(2.2) Die Sehnsucht als Weg
(2.2.1) 'Sehn-Sucht' oder 'Sehn-Suche'?
(2.2.2) Sehnsucht nach Vollkommenheit
(2.2.3) Der grundsätzliche Mangel
(2.2.4) Sehnsucht und Begehren
(2.3) Sehnsucht als Daseinsgrundlage
(2.3.1) Sehnsucht nach Lebendigkeit
(2.3.2) Motivation und Hoffnung
(2.4) Das Ich und das Fremde
(2.4.1) Verschmelzung und Glück
(2.4.2) 'Wahre' und 'falsche' Begierden
(2.5) Sehnsucht und Identität
(2.6) Von der regressiven Sehnsucht
(2.6.1) Erinnerung
(2.6.2) Sehnsucht nach der Vergangenheit
(2.6.3) Die „gefangene Sehnsucht“
(2.6.4) Melancholie
(2.6.5) Sehnsucht nach Heimat
(2.6.6) Heimweh und Sehnsucht nach Identität
(2.7) Die Freiheit innerhalb der Zeiten
(2.8) Zusammenfassung

(3) Ensam. Die Sehnsucht bei Strindberg
(3.1) Strindberg und sein Ich-Erzähler
(3.1.1) Zur Autobiografie
(3.1.2) Das Dichter-Ich
(3.2) Der Mangel
(3.2.1) Wurzellosigkeit
(3.2.2.) Soziale Zweifel
(3.2.3.) Die Sehnsucht im Modernismus
(3.2.4) Der irritierte Stadtmensch
(3.2.5) Die Erschütterung der Geschlechterrollen
(3.2.6) Die Erschütterung der Literatur
(3.3) Sehnsucht nach Identität
(3.3.1) Sehnsucht nach Heimat
(3.3.2) Sehnsucht nach der Mutter
(3.3.3) Sehnsucht nach dem Vater
(3.3.4) Sehnsucht nach Vollkommenheit
(3.3.5) Sehnsucht nach Harmonie
(3.3.6) Die Harmonie des Kunstwerks
(3.4) Abgrenzung
(3.4.1) Bedrohung durch das Fremde
(3.4.2) Narzissmus
(3.4.3) Die Unreinheit der Gesellschaft
(3.4.4) Das 'innere Fremde' und die Abjektion
(3.4.5) Interaktion hinterm Kokon
(3.5) Rückzug ins Innere
(3.5.1) Der einsame Schaffensprozess
(3.5.2) 'Interieur' und Kontemplation
(3.5.3) Rückzug in die Natur
(3.6) Zwiespalt
(3.6.1) Ökonomie der Einsamkeit
(3.7) Exterieur und Inspiration
(3.7.1) Der Spaziergänger
(3.7.2) Der Bastler
(3.7.3) Die Welt der Zeichen
(3.7.4) Vom Wandern im Text
(3.7.5) Das Streben nach dem reinen Klang
(3.7.6) Das religiöse Experiment
(3.8) Begehren
(3.9) Sehnsucht nach dem Vergangenen
(3.9.1) Erinnerung
(3.9.2) Melancholie
(3.10) 'Fern und einst'
(3.11) Der Weg im Text
(3.11.1) Der Roman als Therapie
(3.11.2) Ein Gleichgewicht zwischen Innen und Außen
(3.11.3) Eine Freiheit innerhalb der Zeiten
(3.11.4) Die Begrenzung von Raum und Zeit
(3.11.5) Der narrative Therapiefaktor Zeit
(3.12) Die ewige Sehnsucht
(3.13) Sehnsucht als Grundlage

(4) Fazit

(5) Anhang

(6) Literaturverzeichnis

(1) Einleitung

Sehnsucht zeigt sich in unserer Zeit als einer der essentiellsten Aspekte der menschlichen Psyche. Die sich stetig und enorm wandelnde Gesellschaft unterwirft das Individuum einer fortwährenden Hinterfragung seiner Persönlichkeit. Globalisierung und mangelnde feste Bezugspunkte sorgen für Irritationen.

Heimat sei 'in', stellte die Arte-Sendung Yourope im vergangenen Juli fest und widmete diesem Thema eine Sendung.[1] Die Sehnsucht nach einer überschaubaren, sicheren und vertrauten Umgebung ist groß, weil der Mangel das eigene Ich und die individuellen Identitäten angreift. Retro-Mode - Ich shoppe mir ein Ich zusammen, ein Artikel des deut­schen Wochenmagazins Spiegel über die sogenannte „Hipster-Bewegung“, die versucht sich Identität und Individualität in Form von modischen Accessoires zukaufen, beschreibt Katrin Kruse eine signifikante psychische Unsicherheit in der Gesellschaft: „So sehr vom Eigenen besessen ist nur ein Selbst, das sich schon abhanden gekommen ist. Oder nicht mehr kräftig an sich glauben kann“.[2] Der Spiegel befasst sich weiter in seinem Sonderheft Wissen in einer Ausgabe mit dem Thema Depression: „Das überforderte Ich“ scheint ein typischer Charakter der Zeit zu sein und sicher nicht nur aufgrund der neuen Volkskrank­heit 'Burnout'. Der moderne Mensch ist irritiert und überfordert von seiner mit Reizen überflutenden Außenwelt.[3]

„In einer von Mobilität und Migration geprägten Zeit, in deren schnellen Umbrü­chen der permanente Wandel das einzig Sichere scheint, kann Heimat nur in der eigenen Identität gefunden werden“, heißt es im Katalog der Berlinischen Galerie zu deren vergan­gener Ausstellung Neue Heimat mit Objekten Berliner Gegenwartskunst. Die präsentierten Arbeiten behandelten das Verhältnis des Menschen zu seinem Lebensraum und spiegelten den Versuch der schöpferischen Aneignung einer, in der gegenwärtigen globalisierten Welt Anfang des 21. Jahrhunderts zunehmend entfremdeten Umgebung.[4]

Doch diese extremen strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft sind nicht neu. Sie haben bereits vor mehr als 150 Jahren begonnen. Die Verstädterung, Technisie­rung der Welt, die rasche Beschleunigung müssen auf das Individuum eine noch stärkere Wirkung ausgeübt haben, als auf den Menschen von heute, der sich an die 'Schocks' des Wandels fast gewöhnt haben müsste und offenbar dennoch daran erkrankt. 1903 erschien der Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben des deutschen Soziologen und Philosophen Georg Simmel (1858-1918), in dem dieser von der gefühlsmäßigen 'Entwurzelung' des großstädtischen Individuums aufgrund einer Reizüberflutung spricht: „Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“.[5]

Der Protagonist in Strindbergs Roman Ensam aus dem Jahre 1903, ein alternder, mit selbst und seiner Profession hadernder Dichter zieht sich in einer tiefen Krise aus der sozialen Welt zurück.[6] Diese Schaffenskrise weist ähnliche Züge auf wie das Krankheits­bild, das die Psychologie heute als 'Burnout' bezeichnet: Als 'Burnout-Syndrom' wird ein „Zustand emotionaler Erschöpfung“ definiert, der eine „reduzierte[ ] Leistungsfähigkeit“ zur Folge habe. Der persönliche wie professionelle Erschöpfungszustand des Protagonisten lässt ihn nicht völlig die Hoffnung aufgeben: Seine Sehnsucht und sein professioneller Idealismus leben weiter und sorgen dafür, dass er letztendlich einen ganzen Roman zustan­de bringt. Doch wie die Figur Querry in Graham Greenes, die genannte Krankheit bezeich­nenden Roman A Burnt-Out Case, findet Strindbergs Dichter keinen wirklichen Gefallen mehr am Leben. Die Freude an leiblichen Genüssen ist ihm abhanden gekommen und der Zukunft blickt er ebenso freudlos entgegen: „Jag tog emot denna vår som ett faktum och utan stora förhoppningar. – Det är vår; alltså är det snart höst igen!“[7] Greenes Architekt Querry flieht vor der Sinnlosigkeit des Seins in den Kongo, Strindbergs Dichter zurück in seine Heimatstadt Stockholm und schließlich in die Einsamkeit.

Damit hat seine Geschichte bis heute Aktualität. Die moderne Welt erschüttert sämtliche Teile seiner Persönlichkeit: Als Stadtbewohner ist er überfordert durch die Ver­änderungen im Stadtbild: Die neue Elektrizität, Autos und öffentliche Verkehrsmittel zur Massenbeförderung, wie die Straßenbahn, sowie den Zustrom der Menschen aus den Randgebieten. Ebenso erweisen sich soziale und gesellschaftliche Strukturen als unzuver­lässig. Auch die Literatur erlebt, desillusioniert von Arthur Schopenhauers pessimistischer Haltung, „alles Leben [sei] Leiden“ sowie Friedrich Nietzsches nihilistischem Weltbild, eine krisenhafte Grundstimmung, die in der melancholischen Haltung der Figur, wie auch einem fragmentarischen Textbild selbst ihren Ausdruck findet. Ebenso und nicht zuletzt wird die männliche Identität mit dem Wandel der Geschlechterrollen durch die aufkommende Frauenbewegung in Frage gestellt. Die Hoffnung der Figur ist es, in der Ruhe der Isolation wieder an Ichstärke zu gewinnen.[8]

Die folgende Arbeit soll sich mit der gesellschaftlich und literarisch bedingten Ir­ritation einer Persönlichkeit und der damit aufkommenden Sehnsucht nach Identität und Vollkommenheit befassen. Besondere Beachtung findet die Fragestellung, inwieweit die Sehnsucht und das Begehren des Menschen zu dessen Ichentwicklung essentiell beitragen und notwendig mit dessen Existenz verknüpft sind. Es soll unterschieden werden zwischen 'gesunden' und 'ungesunden' Formen der Sehnsucht, die das Individuum entweder stärken oder eine Schwächung der Psyche bewirken. Das Ich schwankt stets zwischen dem Rück­zug in sein Inneres und der Konzentration nach Außen. Beides in einer Extremform zeigt sich in Strindbergs Figur als problematisch. Eine Lösung ist die psychische Balance zwi­schen beiden Tendenzen - nach Innen und nach Außen -, die in der Akzeptanz ihrer Ambi­valenz zu einer Stabilität und einer Bewältigung der Sehnsucht verhilft.

Da sich die Entwicklung der Figur auf psychischer wie auf künstlerischer Ebene vollzieht, werden neben der Bezugnahme auf die literaturwissenschaftliche Forschung er­gänzend die psychologischen und philosophischen Aspekte der Thematik behandelt. Zu­nächst soll der Begriff der 'Sehnsucht' theoretisch erklärt werden, bevor konkret Bezug auf den Roman genommen wird.

(2) Über die Sehnsucht

In this holy emptiness
I am yearning
Searching for my bitterness
Got me learning
[…]
When you came through that door
this was burning
[...]
I fear that you will leave me
is that forbidden feelings
I cry when you despise me
is that forbidden feelings
It hurts when you disgrace me
is that forbidden feelings
[…]
When you walk through that door
this will bleed[9]

singt Karolina Brobäck im Lied Tsunami Tears der schwedischen Band Canidas. Tsunami Tears ist einer von vielen 'Popsongs', der wenn auch einfach, jedoch recht treffend zusam­menfasst, was vermutlich den meisten Liedern, die von der Liebe, vom Verlassen werden und vom Streben nach dem Glück handeln, eigen ist: Sie handeln alle von Sehnsucht. Der sehnsüchtige 'Ich-Erzähler' des Liedes verspürt eine große Leere, Traurigkeit und Schmerz. Er hat den Eindruck, dass ihm etwas fehlt, um wieder glücklich sein zu können. Daraus entsteht in ihm eine unbestimmte Sehnsucht. Das Ich ist im Glauben, seinen Mangel durch ein außenstehendes Objekt - hier personifiziert durch einen anderen Menschen, ein Liebes­objekt - beheben zu können. Das Glück des Subjekts wird als von diesem Objekt abhängig verstanden und sein gesamtes Verlangen, Begehren und Streben richten sich darauf.

In der griechischen Mythologie ist Himeros der Gott der liebenden Sehnsucht, der bei Hesiod (um 700 vor Christus) gemeinsam mit Eros die neugeborene Aphrodite zum Olymp begleitet. Erstmalige Erwähnung findet er als Liebesverlangen in Homers Ilias.[10] Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wird die Sehnsucht eingangs als „schmach­tendes verlangen“, als „krankheit des schmerzlichen verlangens“ und als „liebesbegierde“ umschrieben.[11]

Jeder Mensch kennt Sehnsüchte: Nicht nur nach Liebe und nach Leidenschaft, auch nach Anerkennung und Geborgenheit, nach Gerechtigkeit, nach Heimat und nach der Kindheit, nach Lebendigkeit und nach dem Abenteuer oder auch die religiöse Sehnsucht nach Gott, Licht und Auferstehung. Gemeint ist immer der Wunsch nach etwas Abwesen­dem, möglicherweise Unerreichbaren:

Es ist ein letztlich unstillbares Verlangen nach einem Absoluten, einem „Ewigen“, nach etwas, das eigentlich zu groß für uns ist: Liebe, Schönheit, Freiheit, Ganzheit, Frieden, das ganz An­dere, das Unerreichbare, das Abwesende, Ferne, Heimat, Sehnsucht nach vergangenem Glück, das es vielleicht so gar nie gab... Eigentlich nach dem Unbenennbaren, das im Verlangen aber durchaus existent ist – und allemal viel größer ist als wir selbst.[12]

(2.1) Ein Versuch

Ihre Abhandlungen über die Sehnsucht nennen der Tiefenpsychologe Gerhard Danzer und der Theologe Fulbert Steffensky jeweils einen „Versuch“.[13]

Die Sehnsucht ist ein sozusagen 'unendliches Thema von der Unendlichkeit': Un­erschöpflich sind die Untersuchungen über das Suchen und Streben des Menschen in ei­nem endlosen Raum bisher unerreichter Möglichkeiten. Die Sehnsucht zeigt sich als einer der zentralsten Aspekte der menschlichen Psyche, der in allen Lebensbereichen auftritt, vielmehr eine grundlegende Funktion erfüllt. Mehr als ein 'Versuch' dies darzulegen kann auch das folgende Kapitel nicht leisten und ein Anspruch an Vollständigkeit nicht erhoben werden. Die theoretische Darstellung konzentriert sich vielmehr darauf, die Sehnsucht an­hand wissenschaftlicher und philosophischer Ideen und Beispiele zu einzelnen Charakteris­tiken, thematisch und nicht chronologisch, zu erläutern. Ziel ist nicht theoretische Einheit­lichkeit sondern der Überblick. Der Begriff 'Sehnsucht' wird von unterschiedlichen Blick­winkeln aus beleuchtet werden.

Vor allem die Philosophie hat sich seit ihren frühen Anfängen mit der Sehnsucht beschäftigt. Begonnen in der Antike gilt die Aufmerksamkeit dieser Darstellung einerseits Platons Symposium, in dem er sich mit den Begriffen der Liebe und des Begehrens ausein­andersetzt, sowie Epikurs Theorien über „natürliche“ und „nichtige“ Begierden.[14]

Erste einschneidende Auseinandersetzungen mit Sehnsucht und Begehren folgten in der Philosophie des Barock durch die Rationalisten Descartes und Spinoza, vor allem in Spinozas Ethik. Der Dichter und Philosoph Herder beschäftigte sich in der Weimarer Klas­sik in Liebe und Selbstheit mit Verlangen und Begehren; ebenso Vertreter des deutschen Idealismus, die Philosophen Fichte, Hegel, Schelling und Friedrich von Schlegel. Verbun­den mit der Idee von Fernweh, Unendlichkeit, Verheißung und Leidenschaft wurde die Sehnsucht in der deutschen Romantik zum zentralen Thema.[15]

Ende des 19. Jahrhunderts erwähnte Friedrich Nietzsche eine „Sehnsucht“ in sei­ner Theorie vom „Übermenschen“ und dem „Willen zur Macht“. Das Prinzip Hoffnung, das der marxistische Philosoph Ernst Bloch ein halbes Jahrhundert später formulierte, be­schreibt die Sehnsucht als Wunschtraum einer „konkreten Utopie“.[16]

Neben der philosophischen Betrachtung spielt die Besprechung in der Psychoana­lyse wie bei Freud, Adler und Lacan eine Rolle. Obwohl die Sehnsucht ja sozusagen in der menschliche Psyche 'verortet' ist, wurde der Begriff hier jedoch nur mehr am Rande behan­delt. Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud erwähnt den Terminus 'Sehnsucht' immerhin nebenbei als eine Form der Libido: In den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse definiert er Sehnsucht als eine seelische Erscheinung, die an die „Triebsub­limierung“ erinnere. Das heißt Sehnsucht entstehe, wenn der Mensch seine Libido nicht befriedigen könne und dennoch nicht in Form einer Neurose erkranke. In Hemmung, Sym­ptom und Angst schreibt Freud weiter, der Verlust eines Objektes werde umso schmerzhaf­ter und angstvoller erlebt, je intensiver das Objekt mit Sehnsucht besetzt sei. Als krankhaf­te Form der Sehnsucht kann außerdem die Melancholie gelten, der sich der Psychoanalyti­ker in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie gewidmet und die Sehnsucht so ins Feld wissenschaftlichen Interesses gerückt hat. Konkrete und detaillierte wissenschaftliche Un­tersuchungen seien jedoch Mangelware, fällt dem Kulturpsychologen Ernst Boesch auf.[17]

Es mag am Diffusen, dem schwer Greifbaren der Thematik und deren weiten Ver­zweigungen liegen, dass die Sehnsucht von der Psychologie nur selten ernsthaft bedacht wird. In erster Linie werde sie offenbar mit Gegenständen der Populärkultur wie kitschigen Liebesfilmen und trivialen Schlagern assoziiert, so Danzer. Die Thematisierung in der Romantik mag dazu die Grundlagen gelegt haben; so gilt deren Epoche doch immer wieder als Träger einer eher weltfremden Geisteshaltung, der es am 'Boden unter den Füßen' mangele. Sich zu sehnen scheint als nicht ernst zu nehmende 'Gefühlsduselei' keine wissenschaftliche Beachtung zu verdienen. Als weit verbreitet fällt dem Theologen Reinhold Stecher die Meinung auf, Sehnsucht sei „romantischer Kitsch, der nichts bringt“ und die Politologin Antje Schrupp stellt fest: „Sehnsucht zu haben – das klingt nach Verweichlichung, Abhängigkeit, lebensuntüchtiger Utopie“.[18] Der Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant hat die Sehnsucht vor etwa 250 Jahren ähnlich kritisiert: „[...] was auf leere wünsche und sehnsuchten nach unersteiglicher vollkommenheit hinausläuft“.[19]

Häufiger taucht in der Forschung hingegen der verwandte Begriff der Begierde auf. Durch dessen Konkretheit gestattet er im Gegensatz zur unbestimmten und vagen Sehnsucht offenbar eine leichtere Nachvollziehbarkeit.[20]

Die vorgestellten wissenschaftlichen 'Klassiker' in diesem Kapitel finden Gegen­überstellung mit den Entwürfen zeitgenössischer Autoren. Boesch beschreibt in seinem Buch Sehnsucht - Von der Suche nach Glück und Sinn zunächst ausführlich und gleichzei­tig überblicksartig das Wesen der Sehnsucht und bezieht sich anschließend fokussiert auf die Sehnsucht des Künstlers nach Identität und Vollkommenheit, Form, Inhalt, Schönheit und Sinn im eigenen Werk. Da dieses Thema in Strindbergs Roman zentral ist, wird auf Boeschs Ansatz wiederholt zurückgegriffen.

Überdies werden Beispiele zweier Anthologien der Gegenwart zitiert: Norbert Sommer hat in Von der Sehnsucht Autoren mit verschiedenen Hintergründen und Schwer­punkten dazu aufgefordert, ihre Gedanken über die Sehnsucht zu formulieren. Mit Sehn­sucht und Erinnerung hat die Tiefenpsychologin Christiane Neuen hingegen eine Samm­lung wissenschaftlicher Texte von Psychologen und Geisteswissenschaftlern herausgege­ben, die sich speziell damit auseinandersetzt, inwiefern Sehnsucht mit individueller Ver­gangenheit und Geschichte verbunden ist und wie der Mensch psychologisch betrachtet mit seiner persönlichen Erinnerung umgeht. Die Autoren verstehen die Sehnsucht hier als ein psychoanalytisches Potential zur Veränderung beziehungsweise als ein „Leitmotiv zu neuen Lebenswelten“, während gleichzeitig auf die Problematik einer Sehnsucht hingewie­sen wird, die zu sehr in der Vergangenheit verhaftet bleibt und die individuelle Entwicklung hemmen würde.

Die zentralen Gedanken, Gemeinsamkeiten und Antithesen der genannten Theore­tiker werden als ein 'roter Faden der Sehnsucht' im Folgenden zusammengefasst, um damit einen Dialog zwischen den verschiedenen Wissenschaftsbereichen und Autoren schaffen zu können, und die Sehnsucht in Strindbergs Roman erläutern zu können.

(2.2) Die Sehnsucht als Weg

Insbesondere soll sich die theoretische Darstellung mit der Frage befassen, ob es sich beim sehnsüchtigen Menschen tatsächlich um ein derart weltfremdes und lebensunfähiges We­sen handelt oder ob Sehnsucht nicht auch als eine positive 'Energie' verstanden werden kann. Die Sehnsucht zeigt sich als ein Drang oder Sog, der dem Menschen eine bestimmte Richtung weist und damit maßgebend dessen Lebensweg bestimmt.

(2.2.1) 'Sehn-Sucht' oder 'Sehn-Suche'?

Die etymologische Untersuchung des Begriffes verweist auf unterschiedliche Aspekte: Das Sehnen wird in Pfeifers Etymologischen Wörterbuch des Deutschen als „innig, schmerz­lich nach etw. oder jmdm. verlangen“ beschrieben und stütze sich auf das mittelhochdeut­sche 'senen': „Sich härmen, liebendes oder schmerzliches Verlangen tragen“. Dessen Her­kunft sei hingegen ungewiss. Führe man das mittelhochdeutsche Verb 'senen' dennoch auf das althochdeutsche 'senēn' mit der Bedeutung „schlaff sein“ zurück und setze als ur­sprünglichen Wurzelvokal ein 'i' voraus, so gewinne man Anschluss an die Wurzel 'ie': „*sēi-“, „*sē-“, auch „*sei-“ bedeuteten „entsenden, werfen, fallen lassen, säen“; oder auch in einer sekundären Bedeutung: „Kraftlos die Hand sinken lassen, nach-, loslassen, säu­men, spät, langsam, sich lang hinziehend, Abspannung, Ruhe, herabsinkend“.[21]

Das Adjektiv 'sehnlich', abstammend vom mittelhochdeutschen „sen(e)lich“, be­deute, gemäß Pfeifer, „begehrend, voller Verlangen“ zu sein. Ähnlich meine der Begriff 'Sehnsucht', entstammend dem mittelhochdeutschen 'sensuht', ein „inniges, schmerzliches Verlangen“, das ursprünglich, verglichen mit dem mittelhochdeutschen 'senesiech' - „krank vor schmerzlichem Verlangen“ - als peinigende, schmerzliche Krankheit vorgestellt wur­de.[22]

Demnach sind 'Verlangen' und 'Begehren' Synonyme der Sehnsucht. Abwesenheit und Entfernung zu ersehnten, verlangten, begehrten Objekt spielen dabei eine Rolle. Auch Liebe kann als Gefühlsregung enthalten sein. Die Sehnsucht trägt Aspekte der Kraftlosig­keit und der Langsamkeit, sowie des Schmerzes, der Sorge und Beunruhigung. In Form ei­nes 'Fallenlassens', wie Pfeifer die etymologische Bedeutung umreißt, kann Sehnsucht nicht nur Kraftlosigkeit, sondern auch einen Zustand der Ruhe bedeuten. Die Umschrei­bung des 'Entsendens' oder des 'Säens' beinhaltet eine positive und hoffnungsvolle Zu­kunftsorientierung: Der Philosoph Friedrich von Adelung (1768-1843) spricht davon, „mit sehnsucht auf etwas [zu] hoffen“[23] und der Dichter Johann Dusch (1725-1787) verspricht sich in der Befriedigung der Sehnsucht einen Trost: „meine augen sehen sehnsüchtig nach einem troste umher“.[24] Der Aufklärer Joachim Campe (1746-1818) schloss die Hoffnung hingegen überwiegend aus dem Empfinden der Sehnsucht aus: „e in hoher grad eines hefti­gen und oft schmerzlichen verlangens nach etwas, besonders wenn man keine hoffnung hat das verlangte zu erlangen, oder wenn die erlangung ungewisz, noch entfernt ist“.[25]

Betrachtet man außerdem die Wortzusammensetzung 'Sehn-Sucht', lässt sich eine Form der Abhängigkeit annehmen. Dies erinnert ebenfalls an Kraftlosigkeit und Krankheit. Eine leichte Abwandlung des Wortes ermöglicht hingegen die Interpretation einer hoff­nungsvollen '(Sehn)-Suche', die den Weg aus der Unzufriedenheit finden soll. Der Theolo­ge und Philosoph Friedrich Schleiermacher (1768-1834) betrachtet die Sehnsucht als Frage nach dem „Sinn für die Welt“ und den Ursprung der Religion. In der „Sehnsucht nach dem Unendlichen“ werde die Unendlichkeit Gottes erfahren. In der spätromantischen Dichtung Joseph von Eichendorffs (1788-1857) ist der Mensch ein Homo viator, ein sehnsüchtiger Reisender unterwegs auf der Suche durch die Welt zu einem ewigen Zuhause. Dies schließt die Hoffnung als Teilaspekt wieder mit in den Begriff ein.[26]

Wenn auch Wortentsprechungen wie das französische 'Nostalgie' oder das engli­sche 'Longing' auf einen eher regressiven kraftlosen Zustand verweisen, scheinen synony­me Umschreibungen in anderen Sprachen der Vorstellung des Suchens zu entsprechen: Beispielsweise im Lateinischen – 'desiderium' - im Französischen - 'désir ardent' – und im Englischen - 'ardent desire for' – verweisen auf den dringenden Wunsch, das Verlangen, das Begehren oder die Lust. Die schwedische Wortentsprechung – 'längtan' - assoziiert eine räumliche Ausdehnung, entstanden aus den Begriffen 'finna lång' und 'förlängas', und verweist auf etwas Entferntes. Auch das altdeutsche 'langên' - 'verlangen', 'gelüsten' - steckt im schwedischen Wort: 'Längtan' begehrt das Entfernte.[27]

Auch 'πόθος', die griechische Wortentsprechung von Sehnsucht, beziehe sich laut Platons Dialog Kratylos (um 399 vor Christus) stets auf etwas Abwesendes:

Auch das „Bestreben“ ist nicht schwer [zu erläutern]. Es hat von dem Herbeiströmen des Trie­bes den Namen, der „Trieb“ aber von dem Treiben und Heben der Seele. Ferner der „Reiz“ ist als der die Seele am stärksten ziehende Fluß so genannt worden. Denn weil er rege fließt und sich nach den Dingen hinzieht und so die Seele heftig anzieht vermöge dieses regen Fließens, von dieser Eigenschaft ist er „Reiz“ genannt worden. Die „Sehnsucht“ aber deutet durch ihren Namen an, daß sie nicht auf ein gegenwärtiges Fließendes und Bewegliches geht, sondern auf ein anderwärts Gesehenes und Gesuchtes, weshalb sie „Sehnsucht“ heißt, so daß das nämliche, wenn das zugegen ist, wonach jemand strebt, Reiz heißt, wenn es aber entfernt ist, alsdann Sehnsucht.[28]

Getrieben von seiner Sehnsucht richtet sich das Subjekt daher von Innen nach Au­ßen, dem Abwesenden, dem Unbekannten und Fremden entgegen. Es hat den Drang die Grenzen seines Inneren zu erweitern. Die Sehnsucht ist die Hoffnung und das 'Saatgut' menschlicher Potentiale, wie sich in der weiteren Ausführung zeigen wird.

(2.2.2) Sehnsucht nach Vollkommenheit

In Platons Symposium (um etwa 380 vor Christus) erscheint das personifizierte 'πόθος' als Sohn des Eros und als das Prinzip strebenden Begehrens, das sich auf das richtet, was man nicht besitzt. Sokrates erklärt hier verallgemeinernd, erstrebt werde nur, an was es fehle:

Würde wohl einer, wenn er groß ist, wünschen, groß zu sein, oder wenn er stark ist, stark? […] Denn wer es schon ist, wäre wohl dessen nicht bedürftig. […] Und dieser also und jeder ande­re, der ein Verlangen hat, verlangt das nicht zur Verfügung Stehende und nicht Vorhandene und das, was er nicht hat und was er selbst nicht ist und wessen er bedürftig ist – das ist es, worauf das Verlangen und die Liebe zielen?[29]

Die Sehnsucht wird jeweils durch die Wahrnehmung des meist unbestimmten Mangels im eigenen Dasein ausgelöst, der wie ein Vakuum ausgeglichen werden soll: „Sehnsucht ist das Empfinden eines Menschen, daß er sich selbst nicht genügt, daß er al­lein nicht das Ganze sein kann, vielmehr der Ergänzung durch eine andere Wirklichkeit be­darf“.[30] Diesem Mangel sei der Mensch jedoch laut Ernst Bloch (1885-1977) von Grund auf unterlegen: „Das erste, womit der Mensch immer schon konfrontiert wird, ist der Mangel; er hat nicht, was er haben müßte, um zufrieden zu sein. Schon das Neugeborene verspürt Hunger, drängt zu der Mutter Brust, um dem schmerzhaften Mangel abzuhelfen“.[31]

Für Aristoteles (um 384 bis 322 vor Christus), der Liebe im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon als eine Eigenschaft der Freundschaft und nicht-erotischen Beziehung defi­nierte, ist Vollkommenheit als das Heile und Ganze Voraussetzung für Schönheit und Lie­be: Ein Ganzes bestehe immer aus einer Einheit aus seinen einzelnen Teilen. In Hinblick auf deren Vorhandensein sei das Ganze entweder „verstümmelt“ oder „heil“ und vollendet. Epikur (um 341 bis etwa 270 vor Christus) begreift das gesamte Streben des Menschen als ausgerichtet auf Ruhe und Glück. Dies könne erreicht werden, wenn kein Mangel bezie­hungsweise die Abwesenheit von Lust mehr schmerze:

Denn eine gezielte Beobachtung dieser Tatsachen geht davon aus, dass jedes Wählen und Ab­lehnen auf die Gesundheit des Körpers und die Ungestörtheit der Seele gerichtet ist; denn dies ist das Ziel des glücklichen Lebens. Deswegen tun wir nämlich alles, damit wir weder Schmer­zen noch Angst haben. Aber wenn einem dies einmal zuteil wird, dann legt sich der ganze Sturm der Seele, weil sich das Lebewesen nicht auf die Suche nach etwas, was ihm noch fehlt, zu begeben und sich um etwas anderes zu bemühen braucht, mit dem erfüllt wird, was für die Seele und für den Körper gut ist. Denn nur dann haben wir ein Bedürfnis nach Lust, wenn wir durch die Abwesenheit von Lust Schmerz empfinden.[32]

Der Rationalist Benedictus de Spinoza (1632–1677) definiert Lustgewinn als den „Uebergang des Menschen von geringerer zu grösserer Vollkommenheit“. Sehnsucht sei die „Unlust, […] insofern sie sich auf die Abwesenheit dessen bezieht, was wir lieben, [...]“.[33] Dieser Mangel werde, gemäß der Philosophie des Idealisten Georg Hegel (1770-1831), im Liebeserleben, der Erfahrung von der „Unendlichkeit der Person aufgenommen zu sein in einer anderen Person“, relativiert und so eine „unendliche Sehnsucht“ gestillt:

Liebe heißt überhaupt das Bewußtsein meiner Einheit mit einem Anderen, so daß ich für mich nicht isoliert bin, sondern mein Selbstbewußtsein nur als Aufgebung meines Fürsichseins ge­winne und durch das Mich-Wissen, als der Einheit meiner mit dem Anderen und des Anderen mit mir.[34]

Der alleinstehende Mensch, der kein Liebeserleben kennt, sei losgelöst von einem unendli­chen Ganzen und daher unvollständig, so Hegel. „Schmerzhaft“ fühle er die „Entzweiung“: „Das erste Moment in der Liebe ist, daß ich keine selbstständige Person für mich sein will, und daß, wenn ich dies wäre, ich mich mangelhaft und unvollständig fühle“.[35]

Der Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler (1870-1937) diskutiert den Vollkommenheitsgedanken im Rahmen der Tiefenpsychologie: Die Sehnsucht des Men­schen diene hier dazu ein psychisches Minderwertigkeitsgefühl, entstanden durch einen an­geborenen organischen Mangel, zu kompensieren: „Immer aber baut sich sein Wollen und Denken über der Grundlage eines Gefühls der Minderwertigkeit auf“. Das Mangelbe­wusstsein werde zum „dauernden Antrieb in der Entwicklung seiner Psyche“. Thema ist hier jedoch nicht die Suche nach Glück, sondern überhaupt erst der „Kampf um Selbstbe­hauptung“ beziehungsweise Selbsterhaltung.[36]

(2.2.3) Der grundsätzliche Mangel

Erst das Beheben dieses vielseitig beschriebenen Mangels scheint dem Leben überhaupt Sinn zu versprechen. Da der Mensch jedoch niemals alles haben kann, folgt daraus dass die Sehnsucht nach 'Sehnsuchtslosigkeit' nicht endgültig zu stillen ist. Der Psychoanalytiker und Neuinterpret Freuds Jacques Lacan (1901-1981) spricht von einem grundsätzlichen Mangel beziehungsweise von einem mangelhaften Phallus, den die Frau zu kompensieren suche, indem sie sich dem Mann hingäbe. Er sei jedoch durch kein Objekt tatsächlich völ­lig zu befriedigen; immer bleibe ein Teil als Rest zurück. Hierauf führt Lacan die zumin­dest in der Phantasie unvermeidliche Untreue zurück.[37]

Niemals versiegt die Sehnsucht völlig. Selbst in großen Genussmomenten könne sie aufkommen, das Glück durstig nach noch mehr machen, so Boesch: „Das Streben nach dem immer perfekteren Vollkommenen scheint […] ohne Ende zu sein. Dem Wirklichen steht immer ein neues Mögliches entgegen“. Weil immer ein Großteil der Welt unbekannt bleibe und neue Hoffnungen wecke, neige der Mensch zur ständigen Unzufriedenheit.[38]

(2.2.4) Sehnsucht und Begehren

Mit dem Versuch das Defizit zu tilgen sind verschiedene Affekte beschäftigt, die alle eng, meist untrennbar mit dem Sehnen verknüpft sind und hier kurz differenziert werden müs­sen: Immer beinhaltet Sehnsucht einen Wunsch und äußert sich im Verlangen oder Begeh­ren eines Objektes beziehungsweise dem Bestreben sich dieses Objekt anzueignen. Um es mit den schwedischen Termini auszudrücken, werde also 'längtan' von 'det som saknas' be­ziehungsweise 'bristen' ausgelöst und solle durch 'begäret' oder 'önskan' kompensiert wer­den.

Häufig kommt es zu einer Verwechslung der Termini; der Affekt 'Begehren' wird gerne vertauscht mit dem Zustand der Sehnsucht. In Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben spricht Sigmund Freud (1856-1939) von der „Verdrängung“ einer „ungestillte[n] Sehnsucht“ des kleinen Hans nach seiner Mutter, wobei hier eigentlich von Verliebtheit und Begehren die Rede sein sollte. Sehnsucht bezieht sich nicht auf konkrete Objekte.[39]

Treffend hat Spinoza das Begehren als einen Drang beschrieben, der sich ganz be­wusst auf einen Gegenstand richtet. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) de­finiert es als „ein durch seinen Gegenstand bestimmtes Sehnen“ und zieht somit die Ver­bindung zwischen Sehnsucht und Begehren.[40] Der Aufklärer Immanuel Kant (1724-1804) markiert hingegen einen klaren Unterschied zwischen Sehnsucht und Begehren: „der leere wunsch, die zeit zwischen dem begehren und erwerben des begehrten vernichten zu kön­nen ist sehnsucht“.[41]

Sowohl Sehnsucht als auch Begehren beziehen sich auf einen Raum oder eine Zeit des Entfernten. Begehren kann körperlich oder auch geistig sein und beinhaltet stets eine Hoffnung und somit eine Orientierung an der Zukunft. Sehnsucht hingegen kann auch re­gressiv sein und zeigt sich diffuser: Selten weiß der Sehnsüchtige, wonach er sich eigent­lich sehnt, was ihm fehlt, was er sucht. Die begehrten Objekte der Sehnsucht seien meist nur indirekt mit dem Ersehnten verbunden, seien nur die Symbole der eigentlichen Erfül­lung, so Boesch. Als Attribute von Dingen und Situationen, die allgemein Glück verheißen, würden sie nur eine Annäherung an die ersehnte Vollkommenheit ermöglichen.[42]

Sehnsucht ist vor allem ideell, auch wenn sie an ein körperliches Begehren ge­knüpft ist: Der deutsche Philosoph Hermann Ulrici (1806-1884), ein Schüler wie Kritiker Hegels, erklärt, Sehnsucht erstrebe im Gegensatz zum Begehren allgemeinere Zustände wie Liebe und Geborgenheit, Wertvorstellungen und Gefühle, an denen es dem Menschen mangele:

Das Streben wird zur Begierde, wenn es behufs der Befriedigung irgend eines Triebes auf die Erlangung, Besitzergreifung, Verwendung oder Verwirklichung eines bestimmten Objekts ge­richtet ist. Wir streben nach Befriedigung des Hungers und Durstes, aber wir begehren nach Speise und Trank; […] wir sehnen uns nach Liebe und Theilnahme, aber wir begehren das Herz und die Hand dieses bestimmten Weibes. Ein Bedürfnis, ein Trieb, ein Streben kann daher wohl die Seele bewegen ohne daß sie sich bewußt ist, was sie bedarf und erstrebt; das Begeh­ren, Trachten, Wünschen ist notwendig stets mit der – wenn auch unklaren – Vorstellung des begehrten Objektes verbunden. Das Streben kann mithin erst zur Begierde werden, nachdem die Seele zur Kenntniß des zu seiner Befriedigung erforderlichen Objekts gelangt ist. Insofern ist die Vorstellung […] die Bedingung der Begierde.[43]

(2.3) Sehnsucht als Daseinsgrundlage

Trotz seines schemenhaften Charakters hat die vorhandene psychologische wie auch philo­sophische Forschung im Sehnen eine essentielle Grundlage der gesunden menschlichen Psyche erkannt. Die Sehnsucht sei „eine Eigenschaft der Seele selbst“ und ein „Urphäno­men im menschlichen Dasein, ein Konstituens von Menschsein“, so der Philosoph und Psychiater Hinderk Emrich.[44] Boesch nennt die Sehnsucht den „Grundzug allen Handelns“:

[…] das Sich-Sehnenkönnen ist ein 'funktionales Potential', also ein allgemeines, zielunabhän­giges Handlungsvermögen, so wie Wahrnehmen oder Erinnern, Träumen oder sich Freuen. Das sind grundlegende Modalitäten des Lebens und Erlebens, und dem Sich-Sehnenkönnen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu: Es eröffnet die Zukunft, genauer, die Dimension des Wer­dens. Denn es lässt Erfüllungen antizipieren und erhoffen, die unerlässlich sind für die Ent­wicklung des Selbst. […] Das Nicht-Verwirklichte, das Noch-Nicht-Erreichte weckt Hoffnun­gen, veranlasst Handlungsentwürfe, mobilisiert Energien. So mag das Andere zwar die unver­meidbaren Begrenzungen des Handelns schmerzlich spürbar machen, doch zugleich bereichert es unsere Vorstellungen von dem, was uns möglich ist – es ist ein Zielreservoir.[45]

Im übertragenen Sinne verschwindet so der Suchtaspekt der 'Sehn-Sucht' nicht völlig. Im Normalfall ist allerdings nicht von einer Schwächung des Individuums auszugehen, son­dern im Gegenteil von der Sehnsucht als Triebfeder des lebenden Subjekts. Es benötigt sie für seine Existenz und Weiterentwicklung. Sein Lebensweg folgt der Sehnsucht.

Schon der deutsche Mystiker und Theosoph Jacob Böhme (1575-1624) nahm an, die Wirkungskraft der Natur werde erst von der Sehnsucht zur Materie gemacht. Die ge­samte Natur baue auf dem Prinzip des Sehnens auf: Der „Ungrund“ sei das göttliche, uran­fängliche ewige Nichts allen Seins. Die Natur werde erst durch die in ihm befindliche po­tentielle Freiheit und den unbegründeten Willen geschaffen: „Darum so hat sich der ewi­ge freie Wille in Finsternis, Pein und Qual, sowohl auch durch die Finsternis in Feuer und Lichte, und in ein Freudenreich eingeführet, auf daß das Nichts in Etwas erkannt werde [...]“. Diese leidenschaftliche „finstere Begierde“, dieser „Hunger zum Etwas“ müsse zwangsläufig gestillt werden, „[...] denn das Nichts will nicht ein Nichts sein, und kann nicht ein Nichts sein“.[46]

Im deutschen Idealismus wird die Sehnsucht als Handlungsantrieb für den bereits existierenden Menschen verstanden. Fichte betont die schöpferische Kraft der „Sehnsucht nach dem Ewigen“ als einem „Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen“. Die Sehnsucht sei der Ursprung beziehungsweise „die innigste Wurzel al­les endlichen Daseyns“, das erst durch sie zum Leben erweckt würde.[47] Friedrich von Schlegel (1772-1829) beschreibt sie als „erste, stärkste und reinste Triebfeder des innern Menschen“, die, „ihre nie erlöschende Flamme immer reiner geläutert und stärker genährt, ihm den Weg zu einem höheren Daseyn voranleuchtet.“[48] Friedrich Schelling (1775-1854) nennt Sehnsucht einen Willen, der die „unergreifliche Basis der Realität“ schaffe:

Sie ist daher für sich betrachtet auch Wille; aber Wille, in dem kein Verstand ist, und darum auch nicht selbstständiger und vollkommener Wille, indem der Verstand eigentlich der Wille in dem Willen ist. Dennoch ist sie ein Willen des Verstandes, nämlich Sehnsucht und Begierde desselben; nicht ein bewußter, sondern ein ahnender Wille, dessen Ahndung der Verstand ist.[49]

(2.3.1) Sehnsucht nach Lebendigkeit

Der Rationalismus begreift die Sehnsucht nicht nur als Grundlage der menschlichen Exis­tenz sondern als deren selbsterhaltenden Teilaspekt: René Descartes (1596-1650) führt die Begierde auf die Lebensgeister zurück, die sich für die Zukunft ein zweckmäßiges, biswei­len abwesendes Gutes herbeiwünschen würden und erhalten wollten:

La passion du Désir est une agitation de l'ame, causée par les esprits, qui la dispose à vouloir pour l'avenir les choses qu'elle se represente etre convenables. Ainsi on ne desire pas seulement la présence du bien absent, mais aussi la conservation du present; & de plus l'absence du mal, tant de celuy qu'on a deja, que de celuy qu'on croit pouvoir recevoir au temps à venir.[50]

Spinoza nennt das Begehren als den ersten Grundaffekt und als eine essentielle, selbster­haltende Treibkraft im menschlichen Dasein beziehungsweise „die Wesenheit des Men­schen selbst“.[51]

Friedrich Nietzsche (1844-1900) widmet sich Ende des 19. Jahrhunderts in Also sprach Zarathustra im Unterkapitel Von der grossen Sehnsucht der „Sehnsucht zum Über­menschen“. Dieser könne zukünftig, seinen eigenen Anlage nach, frei und „nackt vor den Augen der Sonne“, kraftvoll und ohne einen Gott, ohne die Sündenidee lebend, sein eige­nes Schicksal gestalten. Der Adlerschen Individualpsychologie zufolge verfolge das Indivi­duum, zum Endzweck der eigenen Überlegenheit, einen sowohl organischen als auch psy­chischen Mangel in der eigenen Person auszugleichen. Sein Streben gründe sich auf einen „Wille[n] zur Macht“, um damit in erster Linie die eigene Selbsterhaltung garantieren zu können. Diesen beiden Beispielen zufolge hat sich die Sehnsucht in der Theorie über die Jahrhunderte hinweg vom lebensspendenden zum lebenserhaltenden Mechanismus und schließlich zum gestaltenden Moment von Utopie und Macht entwickelt.[52]

(2.3.2) Motivation und Hoffnung

Die Verbindung zwischen Sehnsucht und Utopie findet sich allerdings schon in der Dich­tung Heinrich Heines (1797-1856): „und die sterne grosz wie sonnen, schaun herab mit sehnsuchtsglut“[53] Die ersehnten Sterne bezeichnen das Unerreichbare.

Bei Ernst Bloch wird die Sehnsucht in Das Prinzip Hoffnung als „Streben“ und „Drängen“ begriffen, das, wenn auch vage und unbestimmt, gleichbedeutend mit Leben­digkeit sei: „Vom Daß des Drängens kommt kein Lebender los, so müde er auch davon ge­worden sein mag. Dieser Durst meldet sich stets und nennt sich nicht“. Das „Daß“ bezieht sich auf ein „Noch-Nicht-Sein“ der Gegenwart beziehungsweise ein „Sein“ in der Zukunft. Die Sehnsucht schaffe vor dem Hintergrund persönlicher Wertvorstellungen und Ideale konkrete Vorstellungen, Wünsche und den Willen zu einem besseren Leben in der Zukunft. Damit werde zumindest die Annäherung an derartige Utopien ermöglicht. Um als Antrieb zu wirken, muss eine Sehnsucht offenbar nicht zwangsläufig realistisch sein, jedoch zu­mindest den Anschein realer Möglichkeiten haben. Die Utopie selbst kann nicht erreicht werden.[54]

Es sind vielmehr die Wege zum Erreichbaren und noch zu Erreichenden, die den Sehnsüchtigen faszinieren. Indem die Sehnsucht der Gegenwart ihre Endgültigkeit nimmt, motiviert sie und schützt vor dem Stillstand, vor der Depression, vertreibt Fatalismus und Angst. Sie gibt Energie kleinere und konkretere Hoffnungen zu verwirklichen, regt die Kreativität an, verweist auf Potentiale und Möglichkeiten in immer neuen Lebensbereichen und unterstützt so in kleinen Schritten die Verwirklichung zentraler und unmittelbarer Le­bensthemen. Auf diese Weise stiftet die Sehnsucht dem Leben Sinn. Der Barocklyriker Paul Fleming (1609-1640) dichtet hierzu: „die sehn-sucht frembder sachen was wird sie dermahleins noch endlich aus dir machen“.[55]

(2.4) Das Ich und das Fremde

Üblicherweise – soweit die Sehnsucht gesund ist - bezieht sich die Begierde auf Objekte des Unbekannten und Fremden, denn nur dort ist Entwicklung möglich. Das bekannte eige­ne Umfeld stellt zwar eine große Vertrautheit und Sicherheit dar und ist unmittelbar zu­gänglich, durch seine Monotonie und seine Zwänge aber beschränkend. Spinoza geht dar­auf ein, wie die Sehnsucht durch Bewunderung des Fremden ausgelöst werden könne, das heißt durch „die Phantasievorstellung eines Gegenstandes, an welche der Geist desshalb gefesselt bleibt, weil diese besondere Phantasievorstellung keine Verbindung mit den übri­gen hat“.[56]

In der Romantik wird Novalis' (1772-1801) Bla ue Blume im Heinrich von Ofter­dingen zum Zeichen für diese Objekte, als Entsprechung für ein unerreichbares Ziel schwärmerischen Suchens, das in seinem aktuellen Zustand unbefriedigt ist und sich nach dem Anderen sehnt:

Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu erbli­cken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken.[57]

(2.4.1) Verschmelzung und Glück

Der Schriftsteller Otto Ludwig (1813-1865) schreibt von der Sehnsucht nach dem Einssein mit einer als fremd wahrgenommenen Außenwelt: „so nimm mir, allmacht, dieses sehn­suchtsbeben. mach mir zur heimat dieses irdsche land“.[58]

Ziel des sehnsüchtigen Strebens ist die eigene Vervollkommnung durch eine schrittweise Aneignung der Außenwelt. Die Grenzen der inneren Welt werden durch die Sehnsucht immer weiter in die Weite der äußeren Welt verschoben, das heißt die Wesens­verschiedenheit von Ich und Außenwelt sozusagen durch deren harmonische Verschmel­zung zu einem Vollkommenen weiter aufgelöst. Sehnsucht meint den Wunsch nach Frei­heit und Entgrenzung, eine permanente Erweiterung des eigenen Raumes, um das Andere für sich selbst möglich zu machen.

Die persönliche Vervollkommnung erlebt das Individuum als Glücksmoment. In­nen und Außen werden als völlig kongruent wahrgenommen; Diskrepanzen scheinen ihm aufgehoben. Es fühlt sich in der Welt angekommen. Im Liebesbegehren diene der geliebte Andere nicht alleine der persönlichen schlichten Bedürfnisbefriedigung, sondern verhelfe als Teil der Außenwelt zur Erfahrung einer idealen, heilen Ganzheit, eines Heimatempfin­dens, so die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast:

Im Begehren, in der Sehnsucht wird deutlich, dass der andere nie nur dazu da ist, unsere Be­dürfnisse zu befriedigen, das zwar auch, aber darüber hinaus wird durch den anderen Men­schen in der Liebe die Dimension des „Hohen“, des „Unsichtbaren“ erfahrbar. Die Sehnsucht, das Begehren, wird belebt von einem Absoluten her, von etwas, das wir mit Ganzheit, mit Hei­mat, mit Unsagbarem in Verbindung bringen können.[59]

Boesch geht auf die Bedeutung des Blickes im Alltagsleben für das Selbstwertge­fühl ein: Schauen und Betrachtetwerden verbänden als Handlungen die einzelnen Individu­en miteinander, manifestierten Zugehörigkeiten und kündigten die zukünftige Entwicklung einer Beziehung an. Der Mensch sei daher fortwährend - sehnsüchtig - bemüht, durch Schönheit, Witz, Charme oder Intelligenz wohlwollend gesehen zu werden und sich in sei­nem Selbst bestätigt zu sehen. Die Sehnsucht ziele darauf die Identität in der Einheit mit der Außenwelt zu schaffen.[60]

Dieses Streben beruht auch auf dem Bewusstsein des Individuums von den äuße­ren Umständen konkret abhängig zu sein. Deren Auswirkungen beschreibt Spinoza als au­ßerordentlich: „Die Kraft, durch welche der Mensch in seinem Daseyn beharrt, ist eine be­grenzte und wird von dem Vermögen äusserer Ursachen unendlich übertroffen“.[61] Um diese Kräfte kontrollieren zu können, ist der Mensch ständig um Harmonie zwischen sich und der Außenwelt bemüht. Eine Sehnsucht ins Unendliche würde dessen Extrem darstellen, um das gesamte Universum für sich überschaubar machen zu können.

Boesch spricht hierzu vom „Handlungsfeld“. Dieses umfasse den dem Subjekt of­fen stehenden Wirkungsbereich, in dem es ihm möglich sei, frei und eigenständig zu han­deln. Dieses Feld strebe es immer weiter auszudehnen, das heißt fremde Bereiche der Au­ßenwelt zu eigenen zu machen. Es versuche die Umwelt für sich räumlich, zeitlich und so­zial durchschaubar zu machen, um dieser damit die Bedrohlichkeit zu nehmen, die dortigen Orientierungsmöglichkeiten zu verbessern und die Interaktion mit anderen Individuen zu vereinfachen.[62]

Platon entwickelt im Symposium eine andere Erklärung für die Sehnsucht nach Einswerdung und Vervollkommnung. Der Mensch suche die Verbindung mit seinem pas­senden 'Gegenstück', von dem er in der Vergangenheit getrennt worden sei: Ursprünglich habe es zweigeschlechtliche Menschen mit zwei Gesichtern, vier Armen und vier Beinen gegeben. Weil die 'Androgynen' die Götter mit ihrer übermenschlichen Stärke herausfor­derten, habe der wütende Zeus sie in zwei Hälften geteilt. Seitdem sehne sich jedes Indivi­duum nach der erneuten Verschmelzung mit seiner verlorenen Hälfte. Die Sexualität werde hierbei zum Kompromiss:

Nachdem nun ihre Form auseinander geschnitten war, sehnte sich eine jede Hälfte nach der ihr zugehörigen (anderen Hälfte) und versuchte, mit ihr zusammenzukommen. Und indem sie sich mit den Armen umfassten und einander umschlangen, voller Begierde zusammenzuwachsen, starben sie infolge von Hunger und ihrer sonstigen Untätigkeit, weil sie nicht bereit waren, ir­gendetwas getrennt voneinander zu tun; […] Da aber ergriff Zeus Mitleid, und er schafft (den Menschen) einen neuen Ausweg und setzt ihre Geschlechtsteile an die Vorderseite; denn bis da­hin hatten sie diese auf der Rückseite und zeugten und gebaren nicht ineinander, sondern in die Erde wie die Zikaden. So verlegte er also ihre Geschlechtsteile nach vorne und schuf dadurch die Zeugung ineinander, durch das Männliche in dem Weiblichen, zu dem Zweck, dass in der Verbindung, wenn ein Mann auf eine Frau traf, sie einen Nachkommen zeugten und ein Nach­komme entstünde, damit aber (andererseits), wenn ein Mann einem Mann begegnete, es we­nigstens zu einer Befriedigung in ihrer Vereinigung käme, sie (danach) eine Pause machten, sich der Arbeit zuwendeten und sich um den sonstigen Lebensunterhalt kümmerten. Seit so lan­ger Zeit also ist das Liebesverlangen zueinander den Menschen eingepflanzt, führt die ur­sprüngliche Natur zusammen und versucht, eins aus zweien zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also das Bruchstück eines Menschen, da er aus einem Teil in zwei Teile zerschnitten ist wie die Schollen. So (also) sucht immer ein jeder das ihm zugehöri­ge Bruchstück.[63]

Der französische Schriftsteller, Philosoph und Semiotiker Roland Barthes (1915-1980) bezieht sich in seinen Fragmenten einer Sprache der Liebe auf den „Traum von der totalen Vereinigung mit dem geliebten Wesen“, der sich konkret körperlich erfüllen könne. Der Orgasmus während der Vereinigung zweier Liebender wird damit zum unmittelbaren geistigen wie körperlichen Glückserlebnis.[64]

Wenn sich das Individuum mit einem Geliebten zum Vollkommenen verbindet und dabei neues Leben zeugt, kann dies im Übrigen als eine Annäherung an die eigene Uns­terblichkeit gedacht werden. Platon spricht im Symposium vom Zeugen im Schönen im physischen wie geistigen Sinne. Indem der Mensch, mit dem Schönen verbunden, ein Kind oder ein Werk schaffe, das ihn selbst überdauere, könne er zumindest indirekt unsterblich und ewig sein:

Da die Liebe also immer dies ist, sagte sie, wie und auf welche (praktische) Weise soll man das Gute verfolgen, (so)dass die Bemühung und Anstrengung Liebe genannt wird? […] Dies näm­lich ist die Geburt im Schönen – sowohl im Körperlichen wie auch im Seelischen. […] Es ge­hen nämlich alle Menschen schwanger sowohl im Hinblick auf den Körper als auch auf die Seele, und wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, verlangt unsere Natur danach zu ge­bären. […] Diese Sache aber ist göttlich und wohnt dem sterblichen Lebewesen als Unsterbli­ches inne, die Zeugung und die Geburt. […] Göttin des Schicksals und der Geburtshilfe für die Geburt also ist die Schönheit. Wenn deshalb das Schwangere einem Schönen begegnet, wird es sanft und zerfließt vor Freude und bringt hervor und gebärt; [...].[65]

Auch die unmittelbare Eroberung eines unendlichen Raumes des nach dem Fremden Sehn­süchtigen, impliziert den Wunsch von der eigenen Endlichkeit erlöst zu werden.[66]

(2.4.2) 'Wahre' und 'falsche' Begierden

Die Sehnsucht äußert sich im Begehren äußerer Objekte; problematisch ist jedoch, dass zwischen tatsächlich nützlichen und nur scheinbar notwendigen Begierden unterschieden werden muss. Nicht jedes Begehren ist logisch mit der Sehnsucht verknüpft und kann den Mangel stillen. Durch die ungenügende Kenntnis des Fremden kann dieses mit überwie­gend imaginären Bildern besetzt werden, die zwar einerseits Ängste auslösen, jedoch gleichzeitig Idealisierung zulassen und Projektionsraum für eigene Wünsche bieten. Dem „Unvollkommenen des Alltags“ stehe im Unbekannten ein „Vollkommenes als Möglichkeit“ gegenüber, das dem Ich zu einer Art Wunsch-Identität verhelfen solle, so Boesch.[67]

Epikur spricht vom wahren und falschen Begehren beziehungsweise von natürli­cher und nichtiger oder künstlicher Begierde. Um zu Ruhe und Glück zu gelangen, müsse das Individuum den eigenen natürlichen Begierden folgen:

Zudem muß man bedenken, daß die Begierden teils natürlich, teils nichtig sind und daß die na­türlichen teils notwendig, teils nur natürlich sind; die notwendigen hinwiederum sind notwen­dig teils zur Glückseligkeit, teils zur Vermeidung körperlicher Störungen, teils für das Leben selbst.[68]

Die Vernunft solle dem Menschen bei der Problemlösung helfen, zu entscheiden, welche Begierden natürlich und notwendig, und welche sinnlos und auf Dauer schadhaft seien.[69]

Spinoza verweist in der Ethik darauf, dass der Mensch sich in seinen Entscheidun­gen zwar frei fühle, weil er seine eigenen Begierden und Wünsche kenne, doch eigentlich von ihm unbewussten Ursachen dieser Begierden geleitet würde. Den menschlichen Geist beschreibt er als äußerst komplex und „verworren“, denn die „Vorstellung, welche das for­male Seyn des menschlichen Geistes ausmacht, ist nicht einfach, sondern aus sehr vielen Vorstellungen zusammengesetzt“. Der Mensch trage unterschiedliche Intensionen in sich und habe kein klares Selbstbild. Daher sei für ihn unklar, welche Mittel dem Selbst dien­lich seien. „Wahr“ - und daher zu befolgen - sei eine Idee, die „in uns unbedingt oder ad­äquat und vollständig ist“, beziehungsweise „gut“ sei, was sicher Nutzen bringe, „böse“, was daran hindere das Gute zu erreichen.[70]

(2.5) Sehnsucht und Identität

Da die Außenwelt zum Leitfaden der individuellen Entwicklung wird, ist die Sehnsucht ausschlaggebend an der Ichbildung beteiligt. Mit dem „Handlungsfeld“ des Individuums in der Außenwelt sei ein „Handlungspotential“ verbunden, so Boesch. Dieses meine die per­sönliche Einschätzung der Fähigkeiten und Bereitschaften, Aufgaben von außen oder eige­ne Sollwerte zu erfüllen und bilde die Grundlage des Ichgefühls. Da das Handlungspotenti­al keine stabile Größe, kein Selbstwert sei, benötige es immer neue Bestätigungen, beson­ders durch die progressive Steigerung von „Sollwerten“. Der Mensch stelle sich in immer neuen Prüfungen immer neuen Sehnsüchten, um seine eigene Identität auszubilden. Die Außenwelt und ihre alternativen Wirklichkeiten würden so zum Entwicklungsfaktor des Ich:

Diese Zukunftsprojektionen sind von zentraler Bedeutung für das Handlungspotential: Nicht nur, daß sie dem Handeln Richtungen geben, sondern sie umschließen ja auch die Erfahrungen des Wünschens und Hoffens, des Planens, Vorausschauens, also imaginierende Handlungen, die wir oft lustvoll als Verstärkung unseres Handelnkönnens erleben, die aber auch, nicht min­der wichtig, das Ich zu einem Werdenden machen. So können erlebte Unzulänglichkeiten anti­zipierend kompensiert, ja gar in Erfolge verwandelt werden – die Zukunft enthält nicht selten das, was wir „eigentlich“ sind.[71]

Die Idee eines Handlungspotentials findet sich auch schon bei Spinoza: Die Inten­sion des Geistes sei die Vorstellung dessen, was das Tätigkeitsvermögen des Körpers ver­mehre oder fördere. Die Vorstellung und das Bewusstsein vom eigenen Handlungsvermö­gen würden den Menschen mit Lust erfüllen. Je nach der Größe seiner Macht sich vor äu­ßeren Gefahren zu schützen sei der Mensch wirklich und daher vollkommen. Daher sei er ehrgeizig darauf bedacht, dieses Vermögen ständig zu steigern.[72]

Johann Gottfried Herder (1744-1803) formuliert die These, das Ich erfahre sein Selbst erst in der Erfahrung mit der Außenwelt, erfülle dadurch sein Selbstbewusstsein und bilde sein Selbstverständnis durch die Begegnung und Interaktion mit dem Anderen:

Jede Begierde nach sinnlichem und geistigem Genuß, alles Verlangen der Freundschaft und Liebe dürstet nach Vereinigung mit dem Begehrten, weil es in ihm einen neuen süßen Genuß seiner eignen Wirklichkeit vorempfindet. Die Gottheit hat es weise und gut gemacht, daß wir unser Daseyn nicht in uns, sondern nur durch Reaction gleichsam in einem Gegenstande außer uns fühlen sollen, nach dem wir also streben, für den wir leben, in dem wir doppelt und viel­fach sind.[73]

Wenn das Subjekt sich vergeblich um ein konkretes Ziel bemüht habe, sei der Ver­zicht weniger enttäuschend als die Feststellung im eigenen Handlungspotential begrenzt zu sein, so Boesch. Auch in diesem Moment werde es sich seiner eigenen Sterblichkeit be­wusst. Daher versuche es typischerweise Bedrohliches nicht nur abzuwehren, sondern gleich völlig auszuschalten, „es nicht nur physisch zu zerstören, sondern in seinem Wesen zu vernichten; denn das Feindselige, existierte es auch nur symbolisch weiter, bliebe ein 'Anti-Ich', das uns immer noch grundsätzlich in Frage stellte“. Sei die Irritation durch das Fremde zu groß, werde es oftmals bekannten Kategorien zugeordnet, um einfach danach bewertet und behandelt werden zu können. So werde zwar die Distanz beibehalten, doch gleichzeitig die Unvertrautheit des Fremden gemildert.[74]

(2.6) Von der regressiven Sehnsucht

Der Sehnsüchtige schöpft jedoch nicht ausschließlich nur aus dem Anderen und der Zu­kunft. Die stereotypische, teilweise realitätsentbundene Sehnsucht der Vergangenheit und Erinnerung existiert ebenso. In der romantischen Literatur ist die Sehnsucht, wie bereits er­wähnt wurde, ein zentrales Thema. Sie zeichnet sich hier besonders durch ihre melancholi­sche Haltung und den Rückzug ins Innere aus. So formuliert Novalis, sein „geheimnißvol­le[r] Weg“ führe „n ach Innen“.[75]

(2.6.1) Erinnerung

Man kann sagen, dieses 'Innere' oder 'Eigene' umfasse speziell die persönliche Geschichte des Individuums von der Vergangenheit bis in den Zeitpunkt der Gegenwart. Wenn sich der sehnsüchtige Mensch speziell darauf konzentriert, führt ihn sein Weg der Identitätssuche immer wieder an Orte und Geschehnisse seiner Erinnerung.

Die Grundvorstellungen zu seinen Sehnsüchten entnehme der Mensch der eigenen Geschichte, so Kast. Hier entstehe eine mehr oder weniger gerichtete Sehnsucht, besonders unter dem Eindruck, dass etwas nicht ganz stimmig sei und stimmiger sein könne. Die Er­innerung stelle eine Art Auswahlverfahren essentieller Werte und Momente dar: „Was nicht gefühlsmäßig bedeutsam ist, wird nicht erinnert“, stellt die Psychoanalytikerin fest. Die Verbindung zu den gefühlten Emotionen sei die Verbindung zu den persönlichen Wurzeln und dem eigentlichen Selbst. Jeder Mensch bewahre sich daher einen Großteil seiner Erin­nerungen. Auch die italienische Philosophin Chiara Zamboni betrachtet das italienische Synonym für Sehnsucht – 'Nostalgia' - als einen Weg der Offenbarung: 'Desiderio' - Be­gierde und Wunsch - und die Sehnsucht seien Fähigkeiten der Seele qualitativ bedeutsame Momente wahrzunehmen, also allgemeine Werte und Maßstäbe wie eine Art Sinnesorgan jenseits aller Moralvorstellungen zu erkennen und erneut zu erstreben.[76]

(2.6.2) Sehnsucht nach der Vergangenheit

'Nostalgia' ist entstanden aus dem Griechischen 'Nóstos', der Rückkehr in die Heimat, und 'Algós', dem Schmerz. Der Duden zur Etymologie der deutschen Sprache definiert das deutsche Wort 'Nostalgie' wiederum als die „Sehnsucht nach Vergangenem, schwärmeri­sche Rückwendung zu einer früheren, in der Vorstellung verklärten Zeit; [krank machen­des] Heimweh“. Es geht zurück auf den Schweizer Mediziner Johannes Hofer, der im 17. Jahrhundert einen medizinischen Fachausdruck für das Heimweh einführen wollte. Das Synonym macht die allgemeine Vergangenheitsfokussierung der Sehnsucht deutlich.[77]

Durch ihre Bekanntheit habe die Vergangenheit einen größeren Einfluss auf das Individuum als die noch unbekannte Zukunft, schreibt Spinoza in seiner Ethik: „Der Affect gegen ein zufälliges Ding, von dem wir wissen, dass es gegenwärtig nicht vorhanden ist, ist unter übrigens gleichen Umständen schwächer als der Affect gegen ein vergangenes Ding“.[78] Durch die sichere Vertrautheit der Vergangenheit fühlt sich der Sehnsüchtige an­gezogen. Besonders wenn er die noch unbekannte Außenwelt unsicher und ängstlich be­trachtet. Die Vorstellung von etwas Vergangenem löse die gleichen Affekte der Lust und Unlust aus wie Gegenwärtiges, so Spinoza. Vielmehr rufe die positive, freudige Erinnerung an ein Objekt das Begehren dessen wach, beziehungsweise es „unter den gleichen Umstän­den zu besitzen, als da [das Individuum] sich zum erstenmal daran erfreute“.[79]

Freud beschreibt die menschlichen Triebe ebenfalls als eher konservativer Natur, das heißt dass sie den gegenwärtigen Zustand nicht nur bewahren wollten, sondern auch die Rückkehr in einen früheren Zustand erstreben würden. Wenn nun aus Trieben Gefühle und Empfindungen resultieren, müssten demnach auch diese eher erhaltender Natur sein. Folglich hat dies für die von den Gefühlen geleitete Sehnsucht ebenso zu gelten.[80]

(2.6.3) Die „gefangene Sehnsucht“

Diese Auseinandersetzung mit der regressiven Sehnsucht ist nicht unproblematisch. Kast spricht von einer „im Leiden gefangene[n] Sehnsucht“. Denn die eigene Geschichte liege in der Erinnerung oftmals nur idealisiert vor und habe niemals so vollkommen existiert. Auch könnten die ersehnten alten Glücksgefühle, durch das Begehren der damit verbunde­nen Objekte aus der Vergangenheit und deren Wiedererlangen nicht zwangsläufig erneut belebt werden. Durch die Bildung neuer Identifikationen und die Loslösung von alten wer­de die Verbindung des Objektes beziehungsweise des Erlebnisses zum jeweiligen Ge­fühl aufgelöst. Die Erinnerung könne keine tatsächliche Kongruenz zur Wirklichkeit ha­ben. Die Vergangenheit dürfe zwar Richtwert sein, könne jedoch nicht wiederholt wer­den.[81]

Die Sehnsucht zurück hat nur einen begrenzten Raum von Möglichkeiten. Das fortwährende Schwelgen im Vergangenen und das sehnsüchtige Schwärmen für etwas Ab­solutes würden den Menschen daran hindern, seine Gegenwart so zu gestalten, dass aus Er­innerung und Sehnsucht wieder Neues entstehen und er sich weiterentwickeln könne, führt Kast weiter aus. Psychologen sprechen daher bei der Sehnsucht nach der Kindheit als ei­nem „verlorenen Paradies“ und dem Wunsch nach der damaligen Wärme und Geborgen­heit von „infantiler Fixierung“.[82]

[...]


[1] In: Arte (Sender)/ Andreas Korn (Moderation): Youroupe: Sehnsucht nach Heimat? - Retour aux sources (Fernsehsendung). Erstausstrahlung: 03.07.2011.

[2] In: Katrin Kruse: Retro-Mode. Ich shoppe mir ein Ich zusammen. In: 'http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,782552,00.html'. 30.08.2011.

[3] Rudolf Augstein (Hg.): Das überforderte Ich. Stress – Burnout – Depression. In: Der Spiegel Wissen (1/2011).

[4] In: Ursula Prinz (Kuratorin): Neue Heimat. Berlin Contemporary ( 13.09.2007 – 07.01.2008).
In: 'http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen/rueckblick/2007/neue-heimat.html'. 08.09.2011.

[5] In: Georg Simmel. Die Großstädte und das Geistesleben. In: Theodor Petermann (Hg.): Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden (IX). Dresden, 1903. S.188.

[6] Strindberg: Ensam (1903). In: Ders. Sagor och Ensam. Samlade Skrifter (XXXVII) . Stockholm, 1916.

[7] In: Ebd. S.162.
Vgl.: Ebd. S.130.
Graham Greene: A Burnt-Out Case. London, 1960.
Willibald Pschyrembel (Hg.): Klinisches Wörterbuch Pschyrembel. Berlin, 2007. S.295.

[8] Vgl.: Sven Delblanc/ Lars Lönnroth (Hg.): Den svenska litteraturen (II: Genombrottstiden 1830-1920). Stockholm, 1999. S.398-400, 466.
Margot Fleischer: Schopenhauer als Kritiker der Kantischen Ethik. Eine kritische Dokumentation. Würzburg, 2003. S.61.
Göran Hägg: Den svenska litteraturhistorien. Stockholm, 1996. S.302, 374.

[9] In: Canidas: Tsunami Tears. In: Dies.: Golden (Plattenträger). Safe Sub Records. Göteborg. 2001.

[10] Vgl.: Homers Ilias, Dritter Gesang, Zeile 446: „Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen“. In: Johann Heinrich Voß (Hg.): Homers Ilias. Leipzig, 1896. S.50.
Hesiod: Theogonie. In: Albert von Schirnding (Hg.): Hesiod. Theogonie. Werke und Tage. Griechisch und deutsch. Darmstadt, 1991. S.20f.

[11] In: Jacob und Wilhelm Grimm (Hg.): Deutsches Wörterbuch (X,I: Seeleben-Sprechen). Leipzig, 1905. S.157.

[12] In: Verena Kast: Wurzeln und Flügel. In: Christiane Neuen (Hg.): Sehnsucht und Erinnerung. Leitmotive zu neuen Lebenswelten. Düsseldorf, 2006. S.18.
Vgl.: „Natürlich beinhaltet das Gefühl der Sehnsucht Distanz. […] Das Gefühl der Sehnsucht beinhaltet auch ein Gefühl der Entfremdung“. In: Elie Wiesel: Sehnsucht nach dem Zuhause. In: Norbert Sommer: Von der Sehnsucht: Entwürfe. Berlin, 1999. S.53f.

[13] Vgl.: Gerhard Danzer: Versuch über die Sehnsucht. In: Irmgard Fuchs (Hg.): Eros und Gefühl: Über den emotionalen Wesenskern des Menschen. Würzburg, 1998. S.179-203.
Fulbert Steffensky: Versuch über die Sehnsucht. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.10-15.

[14] Vgl.: Diogenes Laertius: Epikuros (X). In: Ders. Leben und Meinungen berühmter Philosophen (II). Berlin, 1955. S.282.
Thomas Paulsen/ Rudolf Rehn (Hg.): Platon. Symposium. Stuttgart, 2006.
Platons Phaidros setzt sich ebenfalls mit dem Thema der Liebe und der Freundschaft auseinander.
Vgl.: Platon: Phaidros. In: Gunter Eigler: Platon. Werke in acht Bänden (V). Darmstadt, 1981.

[15] Vgl.: Danzer: Versuch über die Sehnsucht. S.184.
Johann Gottfried Herder: Liebe und Selbstheit. Ein Nachtrag zum Briefe des Hr. Hemsterhuis über das Verlangen. In: Ders.: Zerstreute Blätter (I). Gotha, 1785. S.309-346.
Katja Löhr: Einleitung. In: Dies.: Sehnsucht als poetologisches Prinzip bei Joseph von Eichendorff. Würzburg, 2003. S.9.
Benedictus de Spinoza: Die Ethik mit geometrischer Methode begründet. In: Berthold Auerbach (Hg.): B. de Spinoza's Sämmtliche Werke (II). Stuttgart, 1871.

[16] Vgl.: Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Werkausgabe (V,I: Kapitel 1-32. ). Frankfurt am Main, 1985 (1959). S.49-52.
Ders: Zur Ontologie des Noch-Nicht-Seins. In: Hans-Heinz Holz: Ernst Bloch. Auswahl aus seinen Schriften. Frankfurt am Main, 1967. S.63.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra (I-IV) . München, 1988 (1883-1885). S.92, 146-149.

[17] Vgl.: Ernst Eduard Boesch: Sehnsucht. Von der Suche nach Glück und Sinn. Bern, 1998. S.13.
Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke ( XI). Frankfurt am Main, 1969 (1917). S.357.
Ders.: Hemmung, Symptom und Angst (1926). In: Ders.: Hysterie und Angst. Studienausgabe (VI). Frankfurt am Main, 1971. S.277.
Ders.: T rauer und Melancholie (1915). In: Ders.: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe (III). Frankfurt am Main, 1975. S.193-212.

[18] In: Reinhold Stecher: Sehnsucht als bewegende Kraft In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.22.
Antje Schrupp: Sehnsucht nach der Fremde und dem Abenteuer. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.16f.

[19] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.

[20] Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.12.
Danzer: Versuch über die Sehnsucht. S.179f.
Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.

[21] In: Wolfgang Pfeifer (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (M-Z). Berlin, 1993. S.1270.

[22] Vgl.: Ebd.

[23] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.

[24] In: Ebd.

[25] In: Ebd.

[26] Vgl.: Karlfried Gründer/ Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie (IX: Se-Sp). Basel, 1995. S.166.
Walther Killy (Hg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache (III). München, 1989. S.200.
Wolfgang Riedel: Homo natura. Literarische Anthropologie um 1900. Berlin/New York, 1996. S.58.
Friedrich Schleiermacher: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter den Verächtern. Berlin, 1806. S.38.
Sommer: Von der Sehnsucht. S.8f.

[27] Vgl.: Danzer: Versuch über die Sehnsucht. S.179.
Elof Hellquist: Svensk etymologisk ordbok (I) . Lund, 1957. S.608.

[28] In: Platon: Kratylos. In: Ursula Wolf (Hg.): Platon. Sämtliche Werke (III). Hamburg, 1994. S.62.
Vgl.: Gründer/ Ritter: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.165.

[29] In: Paulsen/ Rehn: Platon. Symposium. S.86-89.
Vgl.: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.165.

[30] In: Herbert Haag: Sehnsucht nach Gott? In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.42.
Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.84.

[31] In: Ernst Bloch: Zur Ontologie des Noch-Nicht-Seins. S.41.

[32] In: Rainer Nickel (Hg.): Epikur: Wege zum Glück. Düsseldorf/ Zürich, 2005. S.118f.
Vgl.: Rudolf Brandner: Aristoteles. Sein und Wissen. P hänomenologische Untersuchungen zur Grundlegung wesenslogischen Seinsverständnisses. Würzburg, 1997. S.96f.
Roman Eisele: Begehren nach dem Ganzen. Zur Kritik einer metaphysischen Deutung der Liebe. In: 'http://www.roman-eisele.de/phil/stuff/BegehrenNdG.pdf'. 25.06.2011. S.5.

[33] In: Spinoza: Ethik. S.116, 137.

[34] In: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Sämtliche Werke. Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden (VII) . Stuttgart, 1928. S.237f.

[35] In: Ebd. S.238
Heinrich Gustav Hotho (Hg.): Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Vorlesungen über die Ästhetik (I). Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Werke. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten (X). Berlin, 1835. S.178.
Johann Schulze (Hg.): Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Phänomenologie des Geistes. Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Werke. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten (II). Berlin, 1832. S.164.
Stadtarchiv Stuttgart (Hg.): Der Geist ist ein Knochen. Zur Aktualität von Hegels Ästhetik. Stuttgart, 1997. S.68.

[36] In: Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. Frankfurt am Main, 1972 (1912). S.38f, 43-45, 56.

[37] Vgl.: Hans-Dieter Gondek/ Roger Hofmann/ Hans-Martin Lohmann: Jacques Lacan - Wege zu seinem Werk. Stuttgart, 2001. S.29-33.

[38] In: Boesch: Sehnsucht. S.16, 25-32.
Vgl.: Steffensky: Versuch über die Sehnsucht. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.13.

[39] In: Sigmund Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Falldarstellung 'Der kleine Hans'.1995. Frankfurt am Main, 1980 (1909). S.32.

[40] In: Johann Gottlieb Fichte: Das System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Hamburg, 1995 (1798). S.124.
Vgl.: Spinoza: Die Ethik. S.97.

[41] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.

[42] Vgl.: Danzer: Versuch über die Sehnsucht. S.180.
Boesch: Sehnsucht. S.14, 19, 77.
Schrupp: Sehnsucht nach der Fremde und dem Abenteuer. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.18.
Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin, 1904. In: 'http://www.textlog.de/1334.html'. 25.6.2011.

[43] In: Hermann Ulrici: Leib und Seele. Grundzüge einer Psychologie des Menschen. In: Ders.: Gott und der Mensch (I). Leipzig, 1866. S.594.

[44] In: Hinderk Meiners Emrich: Sehnsucht und Erinnerung. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.45f.

[45] In: Boesch: Sehnsucht. S.17, 23, 26.

[46] Vgl.: Nikolai Berdjajew: Jakob Böhmes Lehre von Ungrund und Freiheit. In: 'http://www.borisogleb.de/boehme2.html'. 26.06.2011.

Zwar erschafft Strindbergs Protagonist nicht Natur und Universum. Doch im übertragenen Sinn ist auch sein Ich und die Dichtung ein 'Universum', das von ihm geschaffen und weiterentwickelt werden muss. Seine Sehnsucht ist der „Hunger zum Etwas“, das heißt der 'Hunger zum Kunstwerk', das mit seinem Ich symbiotisch verbunden ist.

[47] In: Johann Gottlieb Fichte (Hg.): Die Anweisung zum seligen Leben oder auch die Religionslehre (1806). In: Ders.: Zur Religionsphilosophie. Johann Gottlieb Fichte's sämmtliche Werke (V). Berlin 1845. S.407.

[48] In: Friedrich von Schlegel: Philosophie der Geschichte (II). Sämtliche Werke ( XIV). Wien, 1846. S.104.

[49] In: Sven Jürgensen: Freiheit in den Systemen Hegels und Schellings. Würzburg, 1997. S.126, 130.

[50] In: René Descartes: Die Leidenschaften der Seele. Hamburg, 1996. S.132.

[51] In: Spinoza: Die Ethik. S.136.

[52] Vgl.: Adler: Über den nervösen Charakter. S.44, 48, 55.
Nietzsche: Also sprach Zarathustra. S.92, 278-281.

[53] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.

[54] In: Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. S.49-52, 356f.
Vgl.: Danzer: Versuch über die Sehnsucht. S.194f.
Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.18.
Manfred Klein: Heimat als Manifestation des Noch-Nicht bei Ernst Bloch. München, 2007. S.124.
Steffensky: Versuch über die Sehnsucht. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.12.

[55] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.157.
Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.16, 201.
Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.21.
Sommer: Vorwort. In: Ders.: Von der Sehnsucht. S.7.
Steffensky: Versuch über die Sehnsucht. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.11.

[56] In: Spinoza: Die Ethik. S.137.

[57] In: Novalis: Heinrich von Ofterdingen (1802). In: Friedrich von Schlegel/ Ludwig Tieck (Hg.): Novalis Schriften. Wien, 1827. S.23.

[58] In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. S.158.

[59] In: Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.20.
Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.18f, 80, 130, 171.

[60] Vgl.: Ebd. S.112-121.

Auch Freud hat mit dem Modell des Psychischen Apparates, bestehend aus Ich, Es und Über-Ich eine Theorie für diese Abhängigkeit des Individuums von der Außenwelt gefunden:

„So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die ersten dieser Identifizierungen sich regelmäßig als besondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über-Ich dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich sich späterhin gegen solche Identifizierungseinflüsse resistenter verhalten mag. Das Über-Ich verdankt seine besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment, das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens, daß es die erste Identifizierung ist, die vorfiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich einführte.“ In: Sigmund Freud: Das Ich und das Es. In: Ders.: Jenseits des Lustprinzips und andere Arbeiten aus den Jahren 1920-1924. Gesammelte Werke (XIII). Frankfurt am Main, 1940. S.277.

Das Ich, der kritische Verstand der Persönlichkeit, schwankt zwischen dem Es, seinen innersten Triebbedürfnissen und dem Über-Ich, dem Einfluss der Außenwelt, den Moralvorstellungen, Geboten und Verboten. Während das Es Befriedigung will, fordert das Über-Ich die Anpassung nach Außen. Das Über-Ich macht es dem Ich möglich, sich sozialgerecht zu verhalten und damit eine Einheit mit der Außenwelt zu bilden. Ist es dem Ich nicht möglich, sich den Ansprüchen unterzuordnen, wird es mit Schuldgefühlen geplagt. Es hat also sozusagen das Verlangen, das Über-Ich nicht zu enttäuschen. Das Ich strebt demnach vor allem mit der Mutter, die das Über-Ich bedeutend mitgeprägt hat, eine ödipale Verbindung an.

[61] In: Spinoza: Die Ethik. S.156.

[62] Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.25, 33, 80.

[63] In: Paulsen/ Rehn: Platon. Symposium. S.54-61.

[64] In: Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt am Main, 1984 (1977). S.231.

[65] In: Paulsen/ Rehn: Platon. Symposium. S.106-109.

[66] Vgl.: Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.18.

[67] Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.30, 80f, 84, 96.
Steffensky: Versuch über die Sehnsucht. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.10f.

[68] In: Diogenes Laertius: Epikuros (X). In: Ders. Leben und Meinungen berühmter Philosophen (II). Berlin, 1955. S.282f.

[69] Vgl.: Nickel: Epikur. S.50, 118.

[70] In: Spinoza: Die Ethik. S.33, 56, 65, 67f, 80, 93f, 134, 153.

[71] In: Boesch: Sehnsucht. S.66.
Vgl.: Ebd. S.25, 27, 33, 80, 236f.

[72] Vgl.: Spinoza: Die Ethik. S.99f, 128, 146, 182, 200, 236.

[73] In: Herder: Liebe und Selbstheit. S.314.

[74] In: Boesch: Sehnsucht. S.20, 25-38, 88.

[75] In: Novalis: F ragmente vermischten Inhalts III: Moralische Ansichten. In: Friedrich von Schlegel/ Ludwig Tieck (Hg.): Novalis Schriften (II). Berlin, 1837. S.255.

[76] Vgl.: Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.7, 10-12, 22.
Schrupp: Sehnsucht nach der Fremde und dem Abenteuer. In: Sommer: Von der Sehnsucht. S.20f.

[77] Vgl.: Dr. Matthias Wermke (Hg.): Duden zur Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim, 2001. S.563.

[78] In: Spinoza: Die Ethik. S.162.

[79] In: Ebd. S.199.
Vgl.: Ebd. S.178.

[80] Vgl.: Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Psychologie des Unbewußten. S.246.

[81] Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.61.
Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.12, 23-26.

[82] Vgl.: Boesch: Sehnsucht. S.60f.
Kast: Wurzeln und Flügel. In: Neuen: Sehnsucht und Erinnerung. S.27.

Ende der Leseprobe aus 133 Seiten

Details

Titel
Die Sehnsucht in der schwedischen Stadtprosa bei Strindberg
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
133
Katalognummer
V207131
ISBN (eBook)
9783656344100
ISBN (Buch)
9783656344674
Dateigröße
1860 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sehnsucht, stadtprosa, strindberg
Arbeit zitieren
M.A. Maike Zazie Matern (Autor), 2012, Die Sehnsucht in der schwedischen Stadtprosa bei Strindberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207131

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