Ammu Josephs „Making News. Women in Journalism” - Methodenkritische Analyse einer indischen Studie unter Einbezug der postfeministischen Theorie


Magisterarbeit, 2009
97 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Feminismus in Theorie und Praxis – Ein Überblick
2.1 Akademische feministische Debatten in den USA und Westeuropa –Gleichheits- vs. Differenzorientierte Ansätze
2.2 Transnationale Frauenbewegungen

3 Ammu Josephs „Making News“ und klassisch- feministische Konzeptionen
3.1 Biografische Aspekte
3.2 Einführung
3.3 Methode
3.4 Rhetorik
3.5 Weitere Kritikpunkte Josephs
3.6 Zusammenfassung meiner Methodenkritik

4 Die Postfeministische Kritik
4.1 Kritik schwarzer und lesbischer Frauen an klassischen Feminismen
4.2 Die Entstehung eines postfeministischen Ansatzes
4.3 Kritik am Postfeminismus
4.4 Anwendung der postfeministischen Kritik auf „Making News“ von Ammu Joseph

5 Meine Feldforschung
5.1 Einleitung
5.2 Methode und Gesprächspartner
5.3. Dichotomien, allgemeine Feststellungen
5.4 Andere Themen
5.5 Zusammenfassung

6 Schluss und Ausblick

7 Literatur
7.1 Verwendete Literatur
7.2 Weiterführende Literatur
7.3 Weitere Gesichtete Internetseiten

8 Interviewverzeichnis

1 Einleitung

“There are no advantages to being a women in this profession. There are only disadvantages. Never once have I been treated better because I am a woman. Nobody gives a damn” (Mustafa in Joseph 2005: 80).

Mit diesem Zitat einer indischen Journalistin eröffnet Ammu Joseph eines der Kapitel ihres Buches „Making News. Women in Journalism“ (2005). Dieses Zitat war es dann auch, das ich Journalistinnen in Bhopal/Indien während meiner Feldforschung gezeigt habe und auf dessen feministische Attitüde viele der Frauen mit Ablehnung oder Desinteresse reagierten. Diese Ablehnung hat meine Aufmerksamkeit geweckt, da Joseph mit ihrem Buch den Anspruch erhebt, die typischen Alltagserfahrungen indischer Journalistinnen aufzuzeigen und ihren Stimmen darin ein Forum zu geben. Ich wähle daher einen Zugang für meine Arbeit, der den typischen Prozess der Feststellung eines Phänomens und den Einbezug von Literatur, um sich dieses besser zu erklären, in gewisser Weise umkehrt. Vielmehr führt das Phänomen mich in dieser Arbeit dazu, einen zweiten Blick auf die verfügbare Literatur zu werfen, um mich mit deren Methodik tiefergehend auseinander zu setzen und nach möglichen Erklärungen für die eingangs erwähnte Ablehnung feministischer Attitüden im Kontext meines Forschungsfeldes zu suchen.

Während meiner Feldforschung zu Journalistinnen in Indien war das Buch „Making News“ von Ammu Joseph eines der wenigen, das sich explizit mit meinem Feld auseinandersetzt. Diese Arbeit beschäftigt sich daher in erster Linie mit dieser Studie, ihrer Einordnung in den feministischen Diskurs sowie der Vorstellung und Anwendung bestimmter postfeministischer Kritikpunkte an dieser. Meine Arbeit setzt sich aus vier Teilen zusammen. In einem ersten Teil möchte ich die feministische Debatte in ihren gleichheits- und differenzorientierten Ansätzen bis hin zur politischen Frauenbewegung der 70er Jahre darstellen um dann zu zeigen, inwieweit sich Ammu Joseph den dabei formulierten klassisch-feministischen Grundannahmen in ihrem Buch „Making News“ anschließt. Über den akademischen feministischen Diskurs hinaus, wurden seit dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche transnationale Frauenorganisationen gegründet, die sich auf die Suche nach gemeinsamen frauenrechtlichen Zielen begaben. Die Darstellung dieser transnationalen Ebene ist hilfreich, um nachzuvollziehen, wie bereits feministische Ideen der ersten Welle bestärkt durch den kolonialen Kontext hegemoniale, über den Westen[1] hinausreichende Kraft entwickelt haben. Über Ammu Josephs Buch lassen sich Parallelen zu beiden Ebenen, den akademischen westlichen Feminismen der 70er und der Organisationskultur einer transnationalen Frauenbewegung, die in ihren neuen Formen Verschmelzungen mit dem Entwicklungsdiskurs eingeht, herstellen. Die Analyse von „Making News“ bildet den zweiten Teil dieser Arbeit und beschäftigt sich in erster Linie mit den Methoden, die Joseph in der Auswertung ihrer Interviews, ihrer Quellenarbeit und Argumentation dabei anwendet und die sie wiederum zu bestimmten generalisierten Schlussfolgerungen führen. Die Kritik gilt dabei nicht den klassisch-feministischen Grundannahmen, sondern diesen Methoden Josephs, in der sie die Grundannahmen unkritisch und dekontextualisiert auf Indien überträgt und so vielmehr vorab gewonnenes feministisches Wissen repetitiv wiedergibt statt zu kulturspezifischen Erkenntnissen zu gelangen.

Der Postfeminismus beschäftigte sich wiederum kritisch mit dem generalisierenden und ethnozentristischen Modus klassisch-feministischer Diskurse hinsichtlich ihrer Definitionen von Frau und Unterdrückung. Ich werde im dritten Teil die Entstehung der postfeministischen Kritik, ihre Aussagen und akademische und/oder feministische Reaktionen auf diese darstellen, um auf die Komplexität der Debatte zu verweisen und so zu zeigen, dass auch der Postfeminismus kein endgültiges feministisches Programm darstellte. Seine Kritikpunkte sollen mir jedoch dazu dienen, Anhaltspunkte dafür zu finden, warum ich in meiner Feldforschung in der journalistischen Branche Indiens an weibliche Aussagen geraten bin, die über die in „Making News“ formulierten hinausgehen. Die Vorstellung meiner Feldforschung bildet den vierten und abschließenden Teil meiner Arbeit, da ich mich darin auch auf die Suche nach einem akteursbezogenen Blickwinkel begeben möchte, der Frauen, in diesem Fall indischen Journalistinnen, Raum geben kann, für sich selbst zu sprechen und nicht durch einen dominanten feministischen Diskurs überlagert zu werden.

2 Feminismus in Theorie und Praxis – Ein Überblick

In diesem Kapitel möchte ich die verschiedenen Strömungen in der westlichen (vor allem US-amerikanischen) Feminismusdebatte bis in die 70er Jahre darstellen, um Josephs Buch in diese einzuordnen. Meine Darstellung konzentriert sich dabei auf zwei Betrachtungswinkel: zum Einen auf die vor allem im akademischen Bereich stattfindende feministische Debatte in den USA, zum Anderen auf die europäischen und nordamerikanischen Versuche, nationenübergreifende feministische Organisationen mit einheitlichen Zielen aufzubauen.

2.1 Akademische feministische Debatten in den USA und Westeuropa –Gleichheits- vs. Differenzorientierte Ansätze

Die feministische Theoriebildung des 20. Jahrhunderts kann nach Sarah Lennox anhand der zentralen Begriffe Gleichheit und Differenz in zwei Strömungen unterteilt werden: Der klassische Gleichheitsfeminismus (humanistischer Feminismus) beschäftigte sich mit der Symmetrisierung von Geschlechterbeziehungen und dem Kampf gegen Hierarchisierungen (Lennox 1999: 563). Demgegenüber standen Modelle des Differenzfeminismus (kultureller Feminismus), die von einem grundsätzlichen Unterschied der Geschlechter bzw. einem Geschlechterdualismus, ausgingen, der nicht als Resultat gesellschaftlicher Sozialisation, sondern ,natürlich’ vorhanden ist (ebd.). Die Anwendung von John Lockes Freiheits- und Gleichheitsforderungen auf Frauen kann als früher gleichheitsfeministischer Ansatz des 17. Jahrhunderts beschrieben werden (Keitel 1999: 371). Jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnet Mary Wollstonecraft Frauen explizit als eine unterdrückte Gruppe und fordert Frauenrechte (Harms 1999: 553-58). Das feministische Engagement der Suffragetten[2] im späten 19. Jahrhundert hatte wiederum weitreichende Folgen und kann als die erste Welle einer internationalen Frauenbewegung bezeichnet werden (Code 2002: 208). Weiteres zentrales Werk der gleichheitsfeministischen Strömung war Simone de Beauvoir’s „Le deuxieme sexe“, das erstmalig zwischen einem biologischen Geschlecht (sex) und einem sozial konstruierten Geschlecht (gender) unterschied (Lennox 1999: 560). De Beauvoirs Empfehlung an Frauen, keine Kinder zu kriegen und sich statt dessen gesellschaftlich an Männern zu orientieren, wurde von den Differenzfeministinnen der späten 60er bis frühen 80er Jahre wiederum abgelehnt. Maßgeblich für den differenzfeministischen Ansatz waren Werke wie Luce Irigaray’s „Speculum d′autre femme“ (1974, Lennox 1999: 567) oder Mary Daly’s „GynEcology“ (1978, ebd.: 564ff.), die entgegen de Beauvoir forderten, dass Frauen sich ihrer natürlichen Fähigkeiten besinnen und diese in besonderen Räumen stärken sollten. Ziel dieser Debatte war wiederum die Schaffung weiblicher Räume zur freien Entfaltung dieser Fähigkeiten, wie das spezifische (und nicht männlich-abstrakte) Rechtsempfinden und Mitgefühl der Frau, ihre Fürsorge und gute Kommunikation. In diesen Räumen sollte das ‚verlorene Weibliche’ so wieder neu produziert und polarisiert werden (ebd.). Als praktische Umsetzung dieser Idee können der Aufbau von Frauenbuchläden, Frauencafés, feministische Bibliotheken, Frauengruppen, Frauenvereine und selbst die Disziplin der Women′s Studies verstanden werden (ebd.: 563). Ausprägungen des Differenzfeminismus im Verlauf der 70er und frühen 80er Jahre waren der ökologische Feminismus[3] sowie der verstärkte Rückgriff auch anderer feministischer Theorien auf die mystische und esotherische Polarisierung der weiblichen Natur gegen die männliche Vernunft. Die differenzfeministische Strömung wurde von Gleichheitsfeministinnen wiederum in ihrer Überbetonung biologischer Unterschiede kritisiert, da sie damit unfähig zu einer fundierten Gesellschaftskritik sei (ebd.: 564). In der zweiten Welle der auf Gleichheit fokussierten Frauenbewegung in den 70ern wurden biologistische Argumentationsmuster zur unterdrückten Frau daher abgelehnt und sich auf die Suche nach anderen Ursachen begeben (Barrett & Phillips 1992: 2). Die Tatsache der Unterdrückung war dabei selbst-evident, das heißt, sie wurde als vorausgesetzt angenommen und nicht mehr hinterfragt.

Es verstärkten sich infolgedessen nunmehr drei Ansätze bzw. grobe Ausrichtungen innerhalb der gleichheitsfeministischen Frauenbewegung, mit denen die Ursachen dieser Unterdrückung weitergehend untersucht wurden[4] (ebd.): Der erste war ein liberaler Ansatz, der das ‚sexuelle Vorurteil’ in den Mittelpunkt stellte und sich hauptsächlich auf die innerhalb der sozialen Struktur erlernten Erwartungshaltungen der Männer gegenüber den Frauen bezog. Der liberale Ansatz betont die Macht von Vorurteil, Irrationalität und Diskriminierung und beschäftigt sich vor allem mit der weiblichen Sozialisation, bei der kulturelle Traditionen durch Rollenzuschreibungen aufrechterhalten werden (Barrett & Phillips 1992: 3). Der liberale Feminismus trat für eine Gleichberechtigung der Frauen innerhalb des bestehenden politischen Rahmens, d.h. für Chancengleichheit in der demokratischen Gesellschaft, ein (Lennox 1999: 562). Ein zweiter Ansatz war der marxistisch/sozialistische, der die Ausbeutung und die unterdrückende Struktur des kapitalistischen Sozialsystems als Ursache für die schwache Position der Frau ansah (Barrett & Phillips 1992: ebd.). Ziel der marxistischen Feministinnen war es, das Verständnis von Frauenunterdrückung in eine marxistische Gesellschaftsanalyse und in die sozialistische bzw. sozialdemokratische Bewegung zu integrieren und so die Gesellschaft als Ganzes zu verändern (Lennox 1999: 562-3). Der dritte, radikale Ansatz sah die ‚typisch männliche’ frauenfeindliche Attitüde als Grund für die Unterdrückung der Frau an und ging vor allem Fragen der menschlichen Reproduktion, Sexualität und männlicher Gewalt innerhalb einer Gesellschaft nach (Barett & Philips ebd.). Die radikalen Feministinnen wollten ihre Argumente nicht mehr als weiteren Aspekt der Kritik einer marxistisch orientierten Theorie geltend machen, sondern sich gegen das als Patriarchat titulierte Herrschaftssystem im Allgemeinen wenden (Lennox 1999: 563). Barrett und Phillips beschreiben den Feminismus der 70er Jahre trotz seiner verschiedenen – liberalen, sozialistischen und radikalen – Ideen, als einen Konsens, da sich alle Stimmen sich darin einig waren, dass die Unterdrückung im/durch das System stattfindet und nicht biologisch bedingt ist (Barrett & Phillips 1999: ebd.). Die Autorinnen unterscheiden bei der Betrachtung der feministischen Ansätze somit zwischen einer innersystemischen Kritik, bei der Unterdrückung als soziale Konstruktion aufgefasst wird, und einer außersystemischen Kritik, bei der Unterdrückung auf biologische Voraussetzungen zurückgeführt wird (ebd.: 4). Während Barrett und Philipps feministische Ansätze stärker über die darin formulierten Unterdrückungsursachen definieren[5], konzentrieren sich die Begriffe Gleichheit und Differenz, die Sarah Lennox verwendet, stärker auf die in den Ansätzen formulierten Ziele für frauenpolitische Bewegungen[6].

2.2 Transnationale Frauenbewegungen

Die in den USA und in Europa gewonnenen feministischen Aussagen standen in konkreten historischen Momenten im dialektischen Prozess mit grenzübergreifenden Frauenbewegungen in der zunächst westlichen und schließlich auch postsozialistischen und -kolonialen Welt (Rupp 1997). Dazu gehören die bereits erwähnte Frauenrechtsbewegung des späten 19. bis frühen 20. Jahrhunderts[7], die in den 1960ern aufkommende Frauenbewegung der Neuen Linken[8] sowie in der seit 1975 stattfindende Formierung einer neuen transnationalen Form der Frauenbewegung mit den UN-Konferenzen als Wegsteinen (Wichterich 2000). Vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges strebten diese vom Westen ausgehenden transnationalen Frauenbewegungen nach einer feministischen Beteiligung auch südlicher und östlicher Frauen (Rupp ebd.). Auf diese Begegnungen zwischen Frauen verschiedener Kulturen im Rahmen eines sich globalisierenden Feminismus möchte ich im Folgenden genauer eingehen.

2.2.1 Die Anfänge – Konstruktion kollektiver weiblicher Identitäten

Leila J. Rupp[9] beschäftigt sich mit drei in Europa gegründeten Frauenorganisationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und bietet damit einen interessanten Einblick in die feministische Konferenzkultur dieser Zeit. Die Zusammensetzung der Frauen auf den Konferenzen beschreibt Rupp wie folgt: “[T]he international women’s movement was bourgeois and dominated by women of European origin, and we must understand why this was so and what consequences flowed from the nature of the movement” (Rupp 1997: 5). Auf der Suche nach Alternativen zu nationalen Diskursen, die - wie Rupp feststellt - transnationale Netzwerke nicht ausreichend beschreiben können, wendet die Autorin Benedict Andersons Begriff der „imagined community“[10] an (Rupp 1997: 6). Das allmähliche Entstehen von Frauennetzwerken beschreibt Rupp als Ausdruck eines steigenden Bedürfnisses vor allem westlicher Frauen sich mit anderen Frauen zu vereinigen und so ein über nationale Grenzen hinweg reichendes Zugehörigkeitsgefühl („sense of belonging“) zu erzeugen (ebd.). Sie zeigt, wie in diesem Prozess das Konzept der Schwesternschaft rhetorisch immer weiter gewachsen ist und erklärt Folgendes zur analytischen Aufgabe ihrer Arbeit: „Understanding how groups define ‘who we are’ provides the link necessary to explain how discontented constituencies mobilize for political action” (Rupp 1997: 7). Diese Suche nach dem „who we are“ setzt Rupp in einem späteren Kapitel in enge Verbindung mit einem Prozess des „who’s in, who’s out?“ – das heisst, der stete Appell an eine internationale Schwesternschaft war aufs Engste verbunden mit einem unterschwelligen Auswahlprozess, auf den ich nun genauer eingehen möchte (ebd.). Die kollektive Identität[11] und die Idee eines Bündnisses zwischen Frauen der Frauenorganisationen des 19./20. Jahrhunderts waren geprägt durch komplexe rassen-, klassen-, alters-, und religionsorientierte Inklusions- und Exklusionsprozesse, die unausgesprochene Grenzen am Rand der Bewegung zogen (ebd.: 10). Bei den Mitgliedern handelte es sich, so schreibt Rupp weiter, vor allem um Aristokratinnen, Angehörige der soliden gebildeten Mittelklasse und ‚berühmte’ Frauen Englands und Nordamerikas, die genug Geld und Freizeit zur Verfügung hatten, um auf Konferenzen zu reisen (ebd.: 52):

„Since members had to undertake lengthy and expensive travel to attend meetings, serve as officers, or participate in ongoing activities, only those with both, leisure and the independent means or with sufficient national or international stature to attract subsidies from organisations or individuals could take part” (ebd.: 53).

Auch die organisatorische Führungsriege der Frauenvereinigungen setzte sich vor allem aus Frauen aus den USA, England und weiteren Ländern des nördlichen und westlichen Europas zusammen (ebd.: 69) - es bestand ein exklusiver Anspruch auf das europäische Erbe und eine avantgardistische Selbstwahrnehmung. Neben der sprachlichen Barriere – Konferenzen wurden ausschließlich auf Englisch, Französisch oder Deutsch geführt – waren die Treffen für östliche und südliche Frauen zudem schwer erreichbar, da sie in fast allen Fällen in Europa oder in Nordamerika stattfanden (ebd.: 73). Darüber hinaus prägten, wie Rupp kritisch anmerkt, kulturelle Vorurteile bis hin zu rassistischen Annahmen die Attitüde der Mitglieder, durch die alle nicht-weißen Frauen in der Figur der unwissenden, verschleierten Fremden zusammengefasst wurden. Diese Annahmen rechtfertigten die ideologische Führerschaft der weißen Frau innerhalb der Organisationen (ebd.: 75). Rupp fasst zusammen:

“The image of the veiled, confined, and degraded woman of the ‘East’ provided a startling contrast to the ‘Western’ woman, also justifying her leadership in the international movement. The very contrasts of ‘West’ and ‘East,’ […] polarized the world in a way that […] obscured the much complex hierarchical rankings embodied in dominant assumptions about progress, civilization, and the emancipation of women” (Rupp 1997: 75).

In dem die Konferenzen ideologisch dominierenden Weltsystem bildeten west- und nordeuropäische Frauen sowie US-Amerikanerinnen damit den Kern, Frauen aus südlichem und östlichem Europa die Semiperipherie und Frauen aus dem Mittleren Osten, Asien und Afrika die Peripherie einer von ‚innen’ beginnenden feministischen Entwicklung (ebd.). Entgegen dem formulierten Ideal universaler Inklusivität, handelte es sich bei den Mitgliedern demnach um eine relativ homogene Gruppe elitärer europäischer und nordamerikanischer Frauen, die über anders-kulturelle Frauen resümierten - eine Geste, die später vor allem von Frauen aus den kolonisierten Ländern als „feministischer Orientalismus“[12] kritisiert wurde (ebd.). Deutlich wird diese orientalistische Schaffung eines „mysterious Eastern ‘other’” (ebd.) in Aussagen wie dieser, die Rupp aus einem Begrüßungstext für neue Mitglieder zitiert:

„[E]ven Arab women with European educations have just begun to set their feet on the long path of experiences, on which the women of Western civilisation – and of course the European and American Jewesses of higher standing in Palestine – have been progressing for ages” (ebd.: 59).

Zudem wurden Opferdiskurse über Kannibalismus, sexuelle Sklaverei und den Verkauf von Frauen der „primitiven Rasse“ (ebd.) geführt. Die zusätzliche ‚Bürde der weißen Frau’[13] war in diesen Diskursen die, neben der eigenen patriarchalen Unterdrückung die Last der Frauen der Dritten Welt schultern zu müssen. Rupp verweist auf die imperialistische Geste, die als Konsequenz dieser Weltsicht entstand „Such a vision placed women of European origin in the lead, offering a hand to their more oppressed sisters” (Rupp 1997: 75). Auch die Tendenz westlicher Feministinnen, sich in eigene feministische Räume zurückzuziehen, wurde in der postfeministischen Aufarbeitung der Geschichte weißer Feminismen auf unhinterfragte Rasse- und Klasseprivilegien zurückgeführt (Lennox 1999: 565). Über den Ausschluss von Frauen aus nicht-westlichen Kontexten hinaus, wurden durch interne Machtprozesse, wie Rupp anhand von Konferenzberichten zeigt, christliche, teilweise sogar anti-semitische Ideen zu bestimmenden Faktoren der Organisationen. Die religiösen Vorstellungen richteten sich vor allem gegen das Judentum, aber auch gegen andere Religionen, wie den Islam: „[A] pervasive characterization of Islamic societies as backward and particularly degrading to women” (Rupp 1997: 58). Der Narrativ der Entwicklung und die Rede von der westlichen Zivilisation als Vorbild für östliche Kulturen war, so zeigt Rupp mit ihren Ausführungen, grundlegender Bestandteil in der Rhetorik früher internationaler Frauenorganisationen und setzt sich nach Amhua Sakar in heutigen feministischen Diskursen fort (Sakar 2004)[14].

2.2.2 Neuorientierung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg fand innerhalb zahlreicher feministischer Bewegungen eine Neuorientierung mit dem Anspruch statt, Frauen außerhalb der (rassisch, klassisch, ethnisch etc.) gesetzten Grenzen einzubeziehen. Die Organisationen versuchten in dieser Zeit gegen imperialistische Tendenzen innerhalb der Bewegung anzukämpfen und so auf die stärker werdenden Kritiken von Frauen aus den Kolonialstaaten zu reagieren. Für deren Einbindung in den feministischen Diskurs und um zu zeigen, dass offensichtliche rassistische und ethnozentristische Grundannahmen überwunden waren, wurde das Konzept der „Schwesternschaft“ immer bedeutender (Rupp 1997). Den Beginn dieses Sprechens über eine grenzübergreifende Schwesternschaft aller Frauen, setzt Rupp an das Ende des 19. Jahrhunderts, sie zitiert wie 1899 eine Gruppe holländischer Frauen andere Mitglieder begrüßt: „[T]he moment in which all Women ought to join hands and hearts and say of one accord: sense may separate us or mountains divide us, but our souls know no barriers” (ebd.: 82). Die hauptsächliche Abgrenzung, die mit dem Schwesternbegriff stattfand, war nicht mehr die rassische, klassenmäßige, kulturelle, sondern die geschlechtliche. Die gemeinsamen Erfahrungen, die vor und auch nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben wurden, waren das Potential für Mutterschaft, die Gefahr der Vergewaltigung während Kriegszeiten und die systematische Benachteiligung durch Männer (ebd.: 83). Da die Lebensbedingungen für Frauen sich mit der zunehmenden Industrialisierung des Westens jedoch sehr unterschiedlich entwickelten, wurde dieser Kampf um Gemeinsamkeit immer krampfhafter. Umstritten waren Kriterien wie die domestische Rolle der Frau (die sich mit dem Einstieg vieler westlicher Frauen ins Berufsleben veränderte), ihrem Fehlen in politischen Machtbereichen (was nicht alle Frauen im Netzwerk als kritikwürdig empfanden) und ihrer politischen Unterdrückung (die zu eng an historisch-politische Faktoren gebunden war, als dass sie hätte für alle gültig sein können) (Rupp 1997: 88). So wurde eine Rolle der Frau außerhalb der Politik von einigen Mitgliedern der Bewegung auch positiv als das Bewahren von politischer Neutralität gewertet. Die nun recht allgemeine Feststellung, dass Frauen spezielle Qualitäten teilen und damit verbundene Verpflichtungen für die Zukunft der Welt haben, war die letzte verbliebene, um das Konzept der Schwesternschaft zu rechtfertigen (ebd.: 89). Verbunden mit jener Schwesternschaft war die implizite Annahme von Gleichheit der patriarchalen Unterdrückung zwischen den Frauen der Kolonialmächte und den Frauen in den Kolonien im Moment ihrer Begegnung. Eine solche Annahme übersieht nach Ella Shohat drei wesentliche Aspekte: 1. waren im Moment der Begegnung, des „encounters“, nicht alle Kolonisierten heteromaskulinistischen Ideologien untergeordnet, 2. spielte der Kolonialismus eine große Rolle im Anregen zu oder Aufbau von indigenen patriarchalen Strukturen und heterosexuellen Codes unter kolonialer Macht und 3. halfen auch Frauen aus den Kolonialmächten trotz ihrer ‚eigenen Unterdrückung’ diese Systeme aufrechtzuerhalten (Shohat 1998: 22). Folgt man Shohats Kritik, können transnationale feministische Diskurse in ihrer generalisierten Aussage nicht auf die komplexen Beziehungen zwischen Ex-Kolonialmächten und den postkolonialen Ländern eingehen. Rupp fasst wie folgt zusammen: „On the whole, the strong consensus on women’s difference from men in experience and values is striking. The ‘sisterhood’ of which women spoke – however problematic in reality – rested on this belief in fundamental gender difference” (Rupp 1997: 101). Mit dem Verschwinden rassischer, klassen- und altersmäßiger sowie religiöser und sprachlicher Barrieren in eher unterschwellige Bereiche, verstärkten sich demnach die definitorischen Probleme der internationalen Frauenbewegungen. Diese Krise ließ sich nur durch die Überbetonung von Gender bzw. der Mann-/Frau-Dichotomie beantworten (ebd.). Feminismus als Begriff wurde jedoch von den Mitgliedern der drei von Leila Rupp beschriebenen Organisationen des späten 19./ beginnenden 20. Jahrhunderts bereits vermieden bzw. versucht, Feminismus als Label stärker zu differenzieren. Der auf internationaler Ebene ausgetragene Feminismus war vor allem mit der Schaffung gleicher Rechte verbunden[15] und grenzte sich als „feminism in the widest“ von einem „feminism in the highest sense“, sprich als gemäßigter von einem extremistischen Feminismus, ab (ebd.: 130).

Ich möchte im nächsten Teil aufzeigen, inwieweit sich diese Organisationskultur im Zuge der US-dominierten Frauenbewegung der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zwar nicht in ihrer Grundannahme der Unterdrückung der Frau, jedoch in ihren Strategien und ihrer Struktur weitergehend veränderte. Dabei werde ich auf bestimmte Charakteristiken aufmerksam machen, die die Begegnung zwischen Frauen der Ersten und der Dritten Welt im Diskursrahmen dieser globalisierten Feminismen kennzeichnen. Eine solche Darstellung halte ich für sinnvoll, da Ammu Joseph als eine der vielen Akteurinnen dieses globalen frauenrechtlich-feministischen Diskurses auftritt und ihr Buch „Making News“ so auch in einem über den indischen Kontext hinausreichenden Bezugsrahmen betrachtet werden kann.

2.2.3 Transnationale Frauenbewegungen seit 1975

Christa Wichterich liefert mit ihrem Text „Strategische Verschwisterung, multiple Feminismen und die Glokalisierung von Frauenbewegungen“ (2000) einen der seltenen Beiträge zur analytischen Beschreibung transnationaler feministischer Netzwerke im Globalisierungskontext. Zusammenfassend schreibt sie:

„Nicht die Konstruktion eines politischen Handlungssubjekts auf Basis einer homogenen Geschlechtsidentität bestimmt internationale Frauenbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sondern ein Geflecht großer und kleiner Koalitionen, transnational vernetzte, synergetische Handlungsstränge, dezentrale, komplementäre Aktionen und strategische Allianzen lokaler, nationaler und internationaler Frauenorganisationen entlang multipler feministischer Interessen und Positionen“ (Wichterich 2000: 281).

Vor allem den Text von Wichterich möchte ich dafür nutzen, den Prozess der verstärkten Formierung einer neuen transnationalen Form der Frauenbewegung seit 1975 darzustellen, der mit den UN-Konferenzen als Wegsteinen und unter Einfluss von Globalisierungsprozessen stattfand. Anfang der 70er erklärte die UN das Jahr 1975 zum Internationalen Jahr der Frau und vollzog damit einen symbolischen politischen Akt um öffentlich auf zwei Tendenzen zu reagieren: 1. die Suche nach Lösungskonzepten und Akteuren zur Bewältigung von Armut und anderen globalen strukturellen Problemen und 2. den stärker werdenden Handlungsdruck, unter den die westliche Frauenbewegung die UN-Institutionen setzte (ebd.: 257). Drei große UN-Konferenzen (Mexiko 1975, Kopenhagen 1980, Nairobi 1985[16]) wurden daraufhin zum politischen Handlungsfeld neuer transnationaler Frauenbewegungen. Auf der ersten Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko und dem parallel stattfindenden Treffen der Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) wurden konfliktreiche Prozesse der Orientierung zwischen Frauengruppen verschiedener Kulturen ausgetragen (Wichterich 2000: 257). Im Gegensatz zu den Gleichheitsfeminismen liberaler und sozialistischer Couleur handelte es sich bei den NRO um autonome zivilgesellschaftliche Bewegungen, die jede Bindung an politische Institutionen, an Staat, Parteien, Gewerkschaften und Verbände ablehnten. Erneut traten auf den Konferenzen von 1975 euro-amerikanische Feministinnen mit einem Führungsanspruch auf, den sie diesmal daraus ableiteten, dass sie in ihren neuen Frauenbewegungen eine kollektive Geschlechtsidentität konstruiert hatten (ebd.). Dieser Anspruch stieß auf allgemeine Ablehnung und vor allem darin kritisiert, dass die dabei formulierten primären alltäglichen Unterdrückungs- und Gewalterfahrungen nicht auf einer universell gültigen, sondern auf einer ethnozentrischen Kritik an patriarchalen Strukturen basierten[17]. Der universalistische Repräsentationsanspruch der autonomen Feministinnen der NRO und auch der Gleichheitsfeministinnen des Nordens wurde von Frauen aus dem Süden abgeblockt und diesem ein differenz- und kulturpolitischer Feminismus entgegengesetzt, der auf das soziale und materielle Überleben konzentriert war. Diesen Konflikt bezeichnet Wichterich als unversöhnlichen “Schwesternstreit” (ebd.: 258). 1980 brachen in Kopenhagen diese bereits in Mexiko deutlich gewordenen Gegensätze zwischen den Frauenbewegungen schließlich aus. Bezeichnend dafür war die Ablehnung, mit der Afrikanerinnen auf die von US-amerikanischen Feministinnen eingeleitete Thematisierung von Genitalverstümmelung reagierten. Sie begründeten ihre Reaktion zum Einen damit, dass zunächst Weltwirtschaftsordnung und Imperialismus thematisiert werden sollten, zum Anderen mit dem Postulat der Nicht-Einmischung in ihre frauenpolitische Souveränität (ebd.).

Die dennoch wachsende Verständigungsbereitschaft zog erst in Nairobi Konsequenzen nach sich. Mit dem Slogan „Uns eint mehr, als uns trennt” wurde Solidarisierungs- und Bündniswille signalisiert und erstmalig in der Geschichte internationaler Frauenbewegungen der Großteil der Debatten durch Frauen aus dem Süden bestimmt (ebd.: 259). Das Süd-Netzwerk DAWN[18] gab mit dem Empowerment-Konzept eine strategische Perspektive vor, bei der die Selbstorganisierung von Frauen auf allen politischen Ebenen in den Mittelpunkt gestellt wurde. Ein neues Bewusstsein über die kollektive Stärke der Frauenbewegungen sollte dabei vor allem durch transnationale Vernetzung und transkulturelle Verständigung erreicht werden (Wichterich 2000: 259). Während zu Beginn der transnationalen Frauenbewegungen Differenzen unter Frauen und Unterschiede ihrer bewegungs- und institutionenpolitischen Ansätze im Vordergrund standen, fand Ende der 80er Jahre eine Solidarisierung und der Aufbau von Allianzen und Netzwerken statt. Diese Entwicklung beschreibt Wichterich als gegenläufig zu der vieler nationaler Frauenbewegungen, die im selben Zeitraum eher durch Fragmentierung gekennzeichnet waren und sich in Partikularinteressen und –kämpfe aufspalteten[19] (ebd.). Weiträumige Protestbewegungen auf nationaler Ebene der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre waren durch eher kleinteilige Projektbewegungen, die themen- und akteurinnenspezifisch arbeiten, abgelöst worden (ebd.: 270). Die Anfang der 90er entstehende neue internationale Frauenbewegung, die sich um die UN-Konferenzen konstituierte, versteht Wichterich als einen politischen Handlungszusammenhang, der sich strategisch auf die Beeinflussung institutionalisierter Politik konzentrierte (ebd.). Auch wenn das politische Ziel nach wie vor dem vor Jahrhunderten formulierten - der Überwindung der Ausgrenzung der Frau aus der politischen Arena - entsprach, waren einerseits die Strategie zur Erreichung dessen, andererseits die Möglichkeiten und Bedingungen in einer ‚globalisierten’ Welt andere (ebd.: 276). Die neuen Methoden waren: Partizipationsansprüche bei der Aushandlung globaler Regularien hinsichtlich Umwelt-, Sozial- und Entwicklungsproblemen zu entwickeln; Lobbying als zentrale Taktik beim Einzug in die Institutionenpolitik; die Strategie des Mainstreaming, d.h. Frauenthemen aus der reinen Frauennische herauszubefördern und zugleich in jedes politische Ressort eine Frauenperspektive einzubringen (ebd.: 270, 261). Nationalstaaten wurden dabei zunächst als patriarchale Institutionen abgelehnt, das Konzept der “good governance” und staatlicher Rechenschaftlichkeit jedoch in der Frauenbewegung übernommen (Wichterich 2000: 261). Später wechselte die Frauenbewegung in ihrer Tendenz zu einer Kooperation mit den Staaten zur Umsetzung ihrer Ziele und versuchte, sich als kollektive Akteurin auf Grundlage der Kategorie Geschlecht zu positionieren ohne aber als eine Single-Issue-Bewegung aufzutreten (ebd.: 262). Nach Wichterich konnten die stattfindenden Integrationsprozesse nur gelingen, da sich ‚im Sog der Globalisierung’ Alltagswelten und Problemlagen von Frauen einander angeglichen hätten[20] und mit dem Begriff der Schwesternschaft nun eher strategische Taktiken als eine gemeinsame Identität zwischen allen Frauen gesucht wurden (Wichterich 2000: 262). Die beiden Säulen, auf denen nach Wichterich die Verschwisterung ruhte, waren gemeinsame Sorgen und gemeinsame Strategien: ökologische Themen in ihrer Globalität, Remoralisierung von Politik und Ökonomie, Menschenrechte – nicht aber allein die geschlechtliche Identität (ebd.: 261). Vor allem das Menschenrechts-/Frauenrechtskonzept diente sozusagen als eine normative Leitplanke, die den Anschluss von Frauenpolitik an die UN-Politik ermöglichte und Frauen verschiedener Bewegungen und Organisationen „einende ethische Referenzpunkte“ vorgab (ebd.: 263). Verschiedene Gewalterfahrungen von Frauen wurden dabei als „ungemein starkes Bindeglied und kulturübergreifendes Solidarisierungsvehikel“ konstruiert und damit scheinbar auch die kulturellen Unterschiede und politischen Differenzen zwischen Frauen überbrückt. Wichterich betont zudem, dass es nur auf diese Weise möglich wurde, Unrecht an Frauen und ihren Opferstatus zu thematisieren und sie gleichzeitig als Rechtssubjekte in aktiver Überwindung ihrer Opferrolle darzustellen[21] (ebd.). Die politischen Methoden waren des Weiteren: Bildung von strategischen Knotenpunkten; Informationsvermittlung und -austausch per E-mail; Publikation und Skandalisierung von exemplarischen Einzelfällen nach dem Muster von amnesty international; Nutzung vorhandener internationaler Instrumente wie der „Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung von Frauen“ und das Agieren von Frauengruppen als Watch-Dogs und Korrektiv der Regierungen (ebd: 264). Wichterich beschreibt die transnationale Charakteristik dieser ‚neuen’ Frauenbewegungen wie folgt: „(Das) Spannungsfeld zwischen dem Supranationalen und dem Lokalen [...] zeigt, dass unter Globalisierungsbedingungen transnationale, den Nationalstaaten übergeordnete normative Regelwerke und Politikprogrammatiken als Referenzsysteme an Bedeutung gewinnen“ (ebd.: 265). An anderer Stelle beschreibt Wichterich die transnationalen Frauenbewegungen der 90er Jahre als „Töchter der Globalisierung“, da sie sich auf der Grundlage der weltweiten Angleichung von Lebenswelten, Problemlagen und Zielen von Frauen organisieren. Netzwerke werden dabei als die der Globalisierung adäquate Organisationsform betrachtet und bilden nach Wichterich das Knochengerüst der internationalen Frauenbewegungen (Wichterich 2000: 266-67). Mit der Politisierung des Zusammenhangs von Reproduktion, Gesundheit und Ernährung im Rahmen des Menschenrechtskonzepts, dem Kampf für reproduktive Rechte und gegen Gentechnologie in der Reproduktionsmedizin, Land- und Viehwirtschaft, verfolgen diese Feminismen eine Mehr-Ebenen-Strategie (ebd.: 273). Durch diese Strategie verbinden sich persönliche Betroffenheit und Alltagspraxis mit einer breiten Öffentlichkeit und werden in politischen Aushandlungen auf unterschiedlichen Ebenen ausgetragen. Dieser Prozess wird durch globalisierte Kommunikations- und Informationstechnologien (E-mail und Internet etc.) zum Einen „beschleunigt“, zum Anderen werde mit diesen Technologien virtuelle Bewegungen und Handlungsfelder erst geschaffen (ebd.: 273).

2.2.4 Kritik an institutionenpolitischen und strukturellen Beschaffenheiten transnationaler Feminismen

Wichterich kritisiert in Anlehnung an Roswitha Scholz jedoch, dass in dieser „pluralistischen Harmonie multipler und hybrider Feminismen [...] konstruktive Streits über Hegemonien und Gegensätze ebenso wie handlungsorientierte Konsens- und Strategiebildungen für die Zukunft zu kurz“ kamen (ebd.: 267). Die Vernetzung, so schreibt Wichterich, entspräche eher einem „In-Verbindung-Stehen“, einem „oberflächlichen Aktivismus“ und „recht inhaltsleeren Selbstzweck“ (ebd.). Desweiteren befinden sich die meisten Knotenpunkte der internationalen Frauenvernetzung (z.B. der WEDO[22]) in den USA, nur wenige in Ländern des Südens und kein einziger im Osten, womit sich die neuen Gravitationszentren in der Kontinuität des alten Nord-Süd-Gefälles formieren (ebd.: 268). G.C. Spivak[23] kommt zu noch schärferen Formulierungen. Bei der neuen institutionenorientierten professionellen Elite der Frauenbewegung handle es sich um “feministische Apparatschiks, die die Organisation von Konferenzen mit Aktivismus schlechthin verwechseln“ und „keinerlei Verbindung zur Basis, vor allem der in den Ländern des Südens“ hätten (Spivak in ebd.: 268). Zudem kritisierte Spivak die Weltfrauenkonferenz in Peking als “globales Theater”, das die tiefe transnationale Uneinigkeit verschleiere, eine gigantische Arbeitszeit- und Geldverschwendung sei und zudem eine „Rekodierung der Frau“ im Interesse des Nordens mit sich brächte (Wichterich 2000: 269-70). Die Anliegen und Probleme aus südlicher Perspektive werden nach Spivak vernachlässigt und der feministische Widerstand so zu einer wachsenden Verelendung geführt. Mit ihrer postkolonialen Hegemoniekritik kündigte Spivak die Schwesternschaft auf: “I am not a sister” (ebd.: 270). Wichterich statiert wiederum, dass sich im Konferenzmarathon der WEDO (im Rahmen der UN-Konferenzen) gezeigt hätte, dass vor allem ältere Aktivistinnen „konferenzmüde“ seien und hinterfragt nun, ob Energieeinsatz und politische Wirkung überhaupt im Verhältnis zueinander stünden (ebd.). Auch viele NRO-Frauen stellten Ähnliches für sich fest und kündigten einen Rückzug aus der globalen Politik und eine Rückkehr zum Lokalen an. Wichterich lässt zudem einen Generationenkonflikt anklingen: Das Personal der Frauen-NROs besteht zu einem Teil aus charismatischen Alt-Feministinnen der Gründerinnengeneration (ebd.: 271). Diesen stehen junge engagierte Frauen gegenüber, für die die NRO- und Projektarbeit vor allem ein Qualifikations- und Berufsfeld ist. Wichterich zieht folgendes Fazit: „Empörung und Emphase der ergrauten Feministinnen haben sich erschöpft und sind bei jüngeren Frauen durch Professionalisierung und Institutionalisierung versachlicht und verdampft“ (ebd.). Die junge Elite schaffe in ihren Veranstaltungen und Konferenzen einen Karriere-Feminismus, dessen Anliegen vor allem die Förderung Hochqualifizierter und der Aufstieg von Frauen in Führungspositionen sei und damit ein Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz. Durch die Außenfinanzierung würde dieses Spannungsfeld eher noch mehr aufgeladen als entspannt (ebd.: 273).

Neben ihrer Kritik an institutionenpolitischen und strukturellen Beschaffenheiten, hinterfragen dekonstruktivistische und postmoderne Ansätze des akademischen Feminismus grundsätzlich die Identitätskonstruktionen transnationaler Feminismen. Postkoloniale Ansätze richten sich wiederum gegen hegemonistische und homogenisierende Identitätszuschreibungen gegenüber Frauen anderer Kulturen, ihre Handlungsfelder liegen eher im Symbolischen, der Sprache und der kulturellen Subversion (ebd.: 274). Bevor ich mich eingehender mit diesen postmodernen Formen der Kritik auseinandersetze und teilweise deren Argumente in meiner Kritik anwende, möchte ich Ammu Josephs Buch „Making News. Women in Journalism” (2005) vorstellen, analysieren und in die feministische Debatte einordnen.

3 Ammu Josephs „Making News“ und klassisch- feministische Konzeptionen

3.1 Biografische Aspekte

Da in Ammu Josephs Buch „Making News“, wie ich zeigen werde, Parallelen zu Grundannahmen des US-amerikanischen Feminismus der 70er Jahre zu erkennen sind, helfen Einblicke in Josephs Biografie, diese Parallelen auch auf in dieser Zeit entstandene feministische Netzwerke zurückzuführen.

Wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, waren die Mitt-70er eine Zeit in der von den Vereinten Nationen verstärkt Vernetzungen zwischen Frauen gefördert wurden und so zahlreiche transnationale feministische Organisationen gegründet und institutionalisiert wurden. Der Boom der feministischen Bewegung in den USA zog zudem nicht nur weltweite Aufmerksamkeit, sondern auch die Gründung zahlreicher Magazine, Vereine und der Erreichung von Rechtsveränderungen nach sich[24]. Ammu Joseph ging in dieser Hochphase der westlichen frauenpolitischen Aktion 1976 für zwei Jahre nach New York, um ihren Master in Kommunikation an der Syracuse Universität zu absolvieren und fand, so heißt es in einem autobiografischen Artikel, ihre „wahre Inspiration“ beim Frauen-Magazin „Ms.“[25] (Bennett 2008). Sie lernte die Redakteurinnen von Ms. kennen und, so Joseph weiter, kam auch persönlich ins Gespräch mit den Gründerinnen Gloria Steinem[26], Suzanne Levine and Patricia Carbine. Im Gegensatz zu den ihr bekannten indischen Frauenzeitschriften und deren Beschäftigung mit trivialen Themen, wie Kochen, Mode und Erziehung, wäre Joseph beim Ms.-Magazin „echten“ feministischen Themen begegnet (ebd.). 1977 – mittlerweile nach Indien zurückgekehrt - versuchte Joseph schließlich, unterstützt durch eine allgemeine Stimmung der Veränderung in der Nach-Notstands-Phase, zunehmend feministische Themen in ihre redaktionelle Arbeit einzubringen (Bennett 2008). Joseph begann in dieser Zeit für das Frauenmagazin „Eve’s Weekly“, für das sie bereits vor ihrem US-Aufenthalt redaktionell tätig war, zu arbeiten. Sie schreibt bezüglich ihres beruflichen Neustarts in Indien: “When I got back to India and rejoined the magazine, I was full of ideas about what could and should be done to reorient it in keeping with the times” (ebd.). Nach vierjähriger Beschäftigung beim „Eve’s Weekly“ beschliesst Joseph, sich ausschließlich auf ihr Kind und dessen Erziehung zu konzentrieren und kündigt, um später in den Beruf zurückzukehren. Sie schreibt später zwei Bücher, beteiligt sich an weiteren indischen Publikationen als Co-Autorin und gründet im Zuge der Recherchen für „Making News“ das Network of Women in Media, India (NWMI) mit dem Ziel eine gemeinsame Plattform für Journalistinnen Indiens zu schaffen (ebd.). Das NWMI entstand im Zuge einer Reihe regionaler Workshops auf einer von Voices[27] organisierten nationalen Frauenkonferenz in Unterstützung der UNESCO als „nicht-hierarchische, informale indische Organisation“ mit folgenden Zielen: „to consolidate, support and strengthen women in media; to promote media awareness / critique; to promote professionalism, ethics and social responsibility in journalism; to share information and resources“[28]. Joseph hält über die Zeit in Indien die in den 70ern entstandenen Bekanntschaften mit amerikanischen Frauenrechtlerinnen aufrecht, veröffentlicht E-Mail-Interviews mit Gloria Steinem und lädt die „Ms“-Gründerin schließlich zum fünften Jahrestreffen des NWMI nach Indien ein[29]. Neben ihrer journalistischen Arbeit beteiligt sich Joseph mit Wort- und Schriftbeiträgen an nationalen und internationalen Konferenzen und der Literaturproduktion von sowohl Regierungs- als auch Nichtregierungsorganisationen. Diese Organisationen befassen sich zusammengefasst mit der Rolle von Frauen in Medien, Prozessen von Demokratie und Entwicklung sowie dem Umweltschutz. Sie veröffentlicht von ihrem Wohnsitz Bangalore auch Artikel in den genannten Themenbereichen in Foren, diskutiert in Blogs oder agiert anderweitig auf diversen Internetseiten[30].

Diese wenigen biografischen Daten sollten hier zum Einen der Einführung des Buches, zum Anderen aber auch dazu dienen, die am Ende von 2.2.2 angedeuteten Verbindungen zwischen Ammu Joseph, dem NWMI und transnationalen feministischen Organisationen herzustellen. Zudem lässt sich so ihr Engagement in feministischen Diskursen auch auf jene persönliche ‚Inspiration’ zurückzuführen, die sie in den USA der 70er erfuhr. Joseph agiert auf transnationalen feministischen Plattformen, wie sie Wichterich beschreibt und die sich durch bestimmte Charakteristiken, wie dem Herausstellen eines über Nationalstaaten hinausreichenden politischen Handlungszusammenhangs, kennzeichnen lassen. Josephs Aussage, in den USA auf echte feministische Themen gestoßen zu sein und ihr Bestreben, sich nach ihrer Rückkehr dafür einzusetzen, Indien mit der Zeit zu halten, möchte ich bereits gesondert hervorheben. Diese deuten meines Erachtens auf bestimmte, aus anderen Kontexten bekannte Vorstellungen über einen Verlauf von Entwicklung in Fort- und Rückschrittlichkeit, von Vergangenheit und Gegenwart, von West und Ost und stellen die generalisierenden Tendenzen der Schwesternschaft-Rhetorik in Frage. Ich möchte jedoch die Darstellung des Buches voranstellen, bevor ich auf diese Aspekte näher eingehe, um der hier stattfindenden Kritik zunächst Material und Argumente zur Verfügung zu stellen.

3.2 Einführung

„Making News. Women in Journalism“ ist nach “Whose News? The Media and Women’s Issues” Josephs zweites Buch und wurde 2000 erstmalig publiziert; 2005 folgte die paperback-Ausgabe, die auch mir vorlag. Diese unterscheidet sich von der ersten Auflage durch ein neues Vorwort von der Journalistin Nirmala Lakshman, eine überarbeitete Einleitung von Joseph sowie neue „annexures“. „Making News. Women in Journalism“ basiert auf Interviews, die Ammu Joseph in Vorbereitung auf das Buch mit etwa 200 Journalistinnen der indischen Presse geführt hat (Joseph 2005: xxxviii) und der Auswertung von 35 Fragebögen, die Joseph an die Frauen gesandt, die sie persönlich nicht erreichen konnte[31]. In der Einleitung beschreibt Nirmala Lakshman „Making News” als „material that illuminates the current situation of women in print media across the country“ (ebd.: x) und “path-breaking in its collection of facts and perspectives” (Joseph 2005: xxxviii). Im Einband finden sich Beschreibungen wie “Until recently, finding information on women in the Indian media was a Herculean task. Not any longer, thanks to Women in Journalism. Making News [is] the first-of-its-kind collective voice of Indian women” und “[t]he book is excellent as an synoptic view of the dilemmas which confront women in media” (Joseph 2005). „Making News“ setzt sich aus zahlreichen aneinandergefügten Interviewzitaten, Zahlen und zusammenfassenden Aussagen aus Statistiken sowie weiteren international publizierten Büchern zum Thema Frauen und Medien zusammen. Die wenigen Textstücke der Autorin dienen vor allem der Einführung des Themas und den Überleitungen zwischen den einzelnen Elementen. Sie verleihen dem gesamten Buch einen Patchwork-Charakter, der Joseph auf den ersten Blick in den Hintergrund rücken lässt.[32] Dem in einzelne Kapitel unterteiltem Hauptteil des Buches folgt neben Literaturverweisen und Stichwortverzeichnis eine mit dem Titel „Building A Network“ angehangene Übersicht, in welchem Joseph den Entstehungsprozess des NWMI beschreibt und auf die zugehörige Internetseite verweist (ebd.: 370-9). Es folgt eine Liste der Journalistinnen, die sie in dem Buch direkt oder indirekt zitiert sowie eine ausführlichere Beschreibung der biografischen und beruflichen Aspekte von Frauen, die mit dem Chameli Devi Jain Award, einem jährlichen Preis für herausragende Journalistinnen, ausgezeichnet wurden (ebd.: 380-7).

[...]


[1] Ich werde die Begriffe „westlich“, „östlich“, „Osten“, „Westen“, „südlich“ etc. lediglich aufgrund der textlichen Erscheinungsbildes hier nicht gesondert hervorheben. Das bedeutet nicht, dass ich diese unkritisch betrachte.

[2] Suffragetten: Im 19.Jh. nach dem Frauenwahlrecht strebende Frauen in vielen europäischen Ländern und den USA. Nach der industriellen Revolution und den folgenden sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts schufen zunächst in Frankreich, dann in England die Voraussetzungen für eine Frauenrechtsbewegung. Die Suffragettenbewegung beeinflusste die Internationale Frauenbewegung mit ihren Zielen und Aktionsformen. "Suffrage" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „das Parlament wählen zu dürfen“. Vgl. Code 2002: 208.

[3] Darin wurde die Nähe der Frau zur Natur betont und ihre schützenden und lebensspendenden Eigenschaften hervorgehoben und der Naturschutz damit zum speziell weiblichen Auftrag erklärt. Die Naturzerstörung wurde im Gegenzug als besonderes Produkt einer männlichen Rationalität angenommen, die es zu bekämpfen galt. Vgl. Mies & Shiva 1993.

[4] Die Ideen dieser gleichheitsorientierten Ansätze sind, wie dargestellt, wesentlich älter. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden sie durch die politische Frauenbewegung (vor allem in den USA) jedoch verstärkt popularisiert.

[5] Die Kernfrage hier lautet: Wie entsteht laut der jeweiligen feministischen Theorie Unterdrückung?

[6] Die Kernfrage hier lautet: Welcher Zustand soll in der jeweiligen feministischen Theorie erreicht werden?

[7] Gesetzte Ziele dieser „ersten Welle“ der Frauenbewegungen waren dabei die Erreichung grundsätzlicher politischer und bürgerlicher Rechte der Frauen, wie z. B. das Frauenwahlrecht, das Recht auf Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung für Frauen. Die first wave wurde v.a. von bürgerlichen oder kirchlichen Frauen Europas und Nordamerikas getragen. Erst um die Jahrhundertwende gewannen Sozialistinnen und Protagonistinnen aus der Arbeiterinnenbewegung an Bedeutung. Vgl. Code 2002: xxii.

[8] Diese „zweite Welle“ der Frauenbewegung war eine Kritik an der Diskriminierung von Frauen, besonders Müttern und wird oft als Teil der neuen sozialen Bewegungen verstanden. Als neue soziale Bewegungen werden die gesellschaftlichen Strömungen und Gruppierungen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die auf eine Reform der als starr empfundenen gesellschaftlichen Normen und Prozesse zielten und diese außerhalb des etablierten Parteien- und Institutionssystems umzusetzen versuchten. Den sozialistischen Feministinnen ging es neben den Bürgerrechten insbesondere um eine Verbesserung der realen Lebensumstände von Unterschichtsfrauen. Vgl. Code 2002: 208ff.

[9] Leila Rupp ist feministische Historikerin an der „University of California“ in Santa Barbara, vgl. Rupp 1997.

[10] Benedict Anderson bezeichnet mit „imagined communities“ politische Gemeinschaften, die in Vorstellung ihrer Mitglieder als begrenzte und souveräne Einheiten ‚vorgestellt’ werden. Diese Gemeinschaften sind auch vorgestellt, da die, die sich ihnen zugehörig fühlen, sich weder kennen, noch voneinander gehört haben müssen. Vgl. Anderson 1991 [1983].

[11] Rupp bezieht sich dabei auf die Definition von V. Taylor und N. Whittier, vgl. Rupp 1997: 7.

[12] Der Begriff Orientalismus wurde von Edward Said in seinem 1978 erschienenen Werk „Orientalism“ geprägt und bezeichnet den eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des Vorderen Orients bzw. die arabische Welt als irrational, bedrohlich, vertrauensunwürdig, anti-westlich, unehrlich und prototypisch. Dieses Denken drücke ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Orient aus und sei ein Teil der modernen politischen und intellektuellen Kultur unserer Gegenwart. Es stelle sich als ein Diskurs dar, in dem der „aufgeklärte Westen“ den „mysteriösen Orient“ gleichermaßen verhandele wie beherrsche und zeichne sich durch die ungebrochene Tradition einer tief sitzenden Feindseligkeit gegenüber dem Islam aus. Saids Thesen, in denen er sich auf das Diskurskonzept von Michel Foucault stützt, haben seither für heftige Kontroversen gesorgt. Hier wird seine Orientalismus-Kritik auf die feministische Theorie angewandt. Vgl. Said 2003 [1978], Code 2002: 407-8.

[13] Die Metapher der Bürde werde ich in meiner Untersuchung der rhetorischen Bilder von „Making News“ (3.4) aufgreifen, um so zu zeigen, wie sich Josephs in ihren Formulierungen Assoziationen mit bekannten klassisch-feministischen Ansätzen herstellt. Vgl. Kapitel 3.4., 36ff.

[14] Vgl. Sakar in ihren Ausführungen zur ‚Kulturellen Anderen’, Kapitel 4.2.2., 55ff.

[15] Rechtsgleichheit war wesentliches Element vor allem gleichheitsorientierter feministischer Ansätze, vgl. einführende Gegenüberstellung in 2.1., 4ff.

[16] Auf die vierte Weltfrauenkonferenz zehn Jahre später 1995 in Beijing geht Wichterich nicht ein.

[17] Diese Ablehnung ethnozentristischer Diskurse westlicher Feministinnen enthält bereits Aspekte einer postfeministischen Kritik innerhalb der frauenpolitischen Bewegung, die in den 80ern schließlich auf akademischer Ebene theoretisiert wurde, vgl. Kapitel 4, 43.

[18] DAWN (“Development Alternatives with Women for a New Era”) ist ein Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen aus dem ökonomischen Süden, die Beiträge zu feministischer Forschung und Analyse die sich in den Bereichen Umwelt, ökonomische Gerechtigkeit, Geschlechtergleichheit und Demokratie engagieren. Vgl. Dawn 2008.

[19] Exemplarisch für diese Aufspaltungen seien benannt: die Rassismus- und Anti-Semitismuskritik in autonomen westlichen Frauenbewegungen; der Ausstieg von Muslim und Dalit-Frauen aus der Frauenbewegung der hegemonialen Hindu-Kultur in Indien; die Distanzierung von Indigenas und schwarzen Frauen gegenüber weißen und mestizischen Frauenbewegungen in Lateinamerika; eine allgemeine Abgrenzung von Lesben gegen die heterosexuelle Dominanzkultur in westlichen Ländern. Vgl. Wichterich 2000: 259.

[20] Folgt man der Idee der „Glokalisierung“ müssen bei der Betrachtung von Prozessen, die Wichterich hier als „Angleichung von Lebenswelten“ (sprich der Übertragung der Globalisierungsidee auf den soziokulturellen Kontext) beschreibt, stets auch Prozesse der Lokalisierung berücksichtigt werden. Der Begriff „Glokalisierung“ wurde unter anderem von Robertson (1998) und Baumann (1996) aufgegriffen und neu geprägt. Globalisierung und Lokalisierung werden in diesem Neologismus verwendet um darauf aufmerksam zu machen, dass die beiden Prozesse nicht als Gegensätze zu verstehen sind, sondern sich gegenseitig ergänzen und einander bedingen. Wichterichs ‚Angleichung’ übersieht in ihrer absoluten Formulierung damit Prozesse auch der Entfremdung von Lebenswelten.

[21] Diese Aussage Wichterichs ist, zumindest für Ammu Josephs „Making News“, zu hinterfragen, da darin, wie ich zeigen werde, gerade durch die Thematisierung einer Opferrolle erst eine bestimmte Form der Zuordnung stattfindet, die nicht zwingend der ‚natürlichen’ Positionierung von Frauen entspricht. Ich werde diesen Aspekt besonders bei der Vorstellung meiner Felddaten deutlich machen, vgl. Kapitel 5, 15ff..

[22] WEDO steht für “Women‘s Environment and Development Organisation”.

[23] Gayatri Spivak ist eine dekonstruktivistische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und arbeitet in den USA zusammen mit postkolonialen Historikern im Bereich der “subaltern studies” und führt vor allem Studien über indische Unterdrückte durch. Vgl. Code 2002: 460.

[24] vgl. Wolbrecht 2002.

[25] Diese biografischen Informationen stammen, wenn nicht anders gekennzeichnet, aus einem Interview-basierten Artikel über Ammu Joseph anlässlich ihrer Wahl zur Journalistin des Monats von Carline Bennett. Vgl. Bennett 2008.

Ammu Joseph gibt an wenigen Stellen in Making News auch selbst Verweise auf diese Lebensstationen, eine ausführlichere Biografie als diese waren nicht zu finden, auch meine Versuche, mit der Autorin Kontakt aufzunehmen, blieben leider unbeantwortet.

[26] Steinem war eine führende Aktivistin der US-amerikanischen Frauenbewegung, das 1972 unter anderem von ihr gegründete Magazin „Ms.“ war das erste nationale, von Frauen geführte Frauenmagazin. Nach dem College-Abschluss erhielt sie 1956 ein zweijähriges Stipendium für ein Studium in Indien. In den späten 60ern erregte sie nationale Aufmerksamkeit als eine der Führerinnen der Frauenbefreiungs-Bewegung, deren Bedeutung allmählich wuchs. 1971 trat sie neben Bella Abzug, Shirley Chisholm und Betty Friedan dem “National Women's Political Caucus” bei, der das Ziel hatte, die Frauenbeteiligung bei der Wahl 1972 zu erhöhen. Steinem schrieb und publizierte folgende Bücher: “Outrageous Acts and Everyday Rebellions” (1983), “Marilyn: Norma Jean” (1986), “Revolution From Within: A Book of Self-Esteem” (1992). Vgl. Code 2002: 463.

[27] Voices ist eine 1994 gegründete Nichtregierungsorganisation in Bangalore mit dem Ziel der weiteren Demokratisierung der indischen Medien, vgl. The Communication Initative Network 2002.

[28] Vgl. Network of Women in Media 2008a.

[29] Vgl. Network of Women in Media 2008b.

[30] Zu den Seiten auf denen Artikel Josephs in Regelmäßigkeit erscheinen, gehören: youngfeminists.worldpress.com; www.wimnonline.org (women in media and news); www.iwtc.org (international women’s tribune center); www.womenaction.org (women’s feature service); www.infochangeindia.org; www.wworld.org (womensworld).

Ammu Joseph engagiert sich in vielen medialen und thematischen Bereichen, es lassen sich etliche ihrer Beiträge im Internet finden. Exemplarisch seien genannt: Diverse Interviews von Joseph zu „Women and Media Issues“ (vgl. Joseph 2004), Artikel in Online-Magazinen, z.B. in „Media And Development“ der christlichen WACC (vgl. Women in Media and News 2008), Moderationen und Beiträge auf Konferenzen, z.B. auf der „Second National Bioethics Conference“ (vgl. Indian Journal of Medical Ethics 2008) und viele weitere Beiträge, Interviews, Texte, Teilnahme an Podiumsdiskussionen, die ich nicht im Einzelnen auflisten möchte. Die genannten Internetseiten sollen lediglich die Zusammenhänge zwischen Diskursen zu Medien, Demokratie, Umwelt und Entwicklung deutlich machen und zeigen, dass wie rege sich Joseph an diesen beteiligt. Wichtig und ‚neu’ dabei ist auch, wenn man die Ausführungen Wichterichs einbezieht, dass diese Diskurse vor allem auf digitaler Ebene stattfinden und dadurch noch vielzähligere Verbindungen und Verschmelzungen miteinander eingehen (Wichterich 2000).

[31] Einige Journalistinnen arbeiten als journalistische Korrespondentinnen außerhalb Indiens (ebd.).

[32] In 3.3.3 werde ich in der Teilanalyse eines Kapitels deutlich machen, wie Joseph durch ihre Anordnungen und Zusammenfassungen dennoch entscheidenden Einfluss auf die finalen Statements ausübt und die Gesamtsaussage des Buches beeinflusst.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Ammu Josephs „Making News. Women in Journalism” - Methodenkritische Analyse einer indischen Studie unter Einbezug der postfeministischen Theorie
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Ethnologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
97
Katalognummer
V207448
ISBN (eBook)
9783656347590
ISBN (Buch)
9783656348382
Dateigröße
880 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ammu, josephs, making, news, women, journalism”, methodenkritische, analyse, studie, einbezug, theorie
Arbeit zitieren
Stefanie Mauksch (Autor), 2009, Ammu Josephs „Making News. Women in Journalism” - Methodenkritische Analyse einer indischen Studie unter Einbezug der postfeministischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207448

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