Die Konstitution der Geschlechter in Ida Hahn-Hahns Roman "Gräfin Faustine"


Hausarbeit, 2012

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt: Gräfin Faustine

3. Körper
3.1 Judith Butler zum Geschlecht
3.2 Konstruktion weiblicher und männlicher Körper im Roman

4. Performanz
4.1 Butlers Konzept der Performanz
4.2 Konstitution von Männlichkeit im Roman
4.3 Konstitution von Weiblichkeit im Roman

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gott“, rief Faustine, „wie komisch sind die Männer! ganz ernsthaft bilden sie sich ein, der liebe Gott habe unser Geschlecht geschaffen, um das ihre zu bedienen!“1 Mit dieser Aussage nimmt die weibliche Protagonistin Faustine Bezug auf die herrschende Geschlechterhierarchie, welche durch das Konzept Gott und durch das der Natur legitimiert wird. So tritt die Geschlechterhierarchie als eine natürliche Ordnung auf, welche mit der Zuordnung unterschiedlicher Eigenschaften und Aufgaben an die Geschlechter konform geht. Faustine zweifelt mit der Aussage die Natürlichkeit der Ordnung der Geschlechter an, provoziert innerhalb der ihr zugewiesenen Rolle und nimmt dadurch eine Sonderstellung in der erzählten Welt ein.

Gräfin Faustine ist wohl der bekannteste Roman Ida Hahn-Hahns, nicht zuletzt aufgrund der widerspruchsvollen Reaktionen und der Zuschreibung des Romans als einen Skandal. Trotz seiner kontroversen Diskussionen erfuhr der Roman überdurchschnittlich hohe Verkaufszahlen und wurde von 1848 an in acht Fremdsprachen übersetzt. Wenn man sich nun mit der Forschungsliteratur beschäftigt, fällt zunächst auf, dass der Roman auch auf internationales Interesse stößt. Im Vordergrund des Forschungsinteresses steht auf der einen Seite die Schriftstellerin selbst und die autobiographischen Einflüsse auf ihren Roman und auf der anderen Seite die Rezeption und die Wirkung des Romans.

Weiterhin spielt in der Forschungsliteratur die Frage nach der Emanzipation eine wesentliche Rolle. Mit dieser Frage setzten sich auch aktuell noch, unter anderem Traci S. O'Brien in ihrer Dissertation von 2006 Autonomy and subjugation: the dynamics of emancipation and race in the writings of precolonial German women authors oder Grazyna Szewczyck in ihrem Werk Gräfin Faustines Glück und ihr Ende: das Schicksal einer Einzelgängerin im Roman von Ida Hahn-Hahn von 2000, auseinander. Diese Werke untersuchen, ob und in wie fern Faustines Emanzipation gelingt oder scheitert und besonders auch die emotionale Entwicklung dieser Figur.

In der vorliegenden Seminararbeit mit dem Titel „Die Konstitution der Geschlechter in Ida Hahn-Hahns Roman Gräfin Faustine“ möchte ich analysieren, wie die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit innerhalb des Romans geschaffen werden und welche Rolle dem jeweiligen Geschlecht zugeordnet wird. Weiterhin steht auch im Interesse der Analyse, in wie weit die Protagonistin das in der erzählten Welt geschaffene Konzept von Weiblichkeit bestätigt und in wie weit sie davon abweicht.

Um das Konzept von Weiblichkeit und Männlichkeit herauszuarbeiten möchte ich mich dem Konzept von Performanz nach Judith Butler bedienen. Butler definiert Geschlechtsidentität als „eine Identität, die durch die stilisierte Wiederholung der Akte in der Zeit konstituiert bzw. im Außenraum instituiert wird.“2 Meine Seminararbeit soll anhand prägnanter Textstellen zeigen, wie im Fall des Romans Gräfin Faustine, die Figuren der erzählten Welt die Identitäten von Weiblichkeit und Männlichkeit durch ihre Akte strukturieren und konstituieren und wie die Darstellung ihrer Körper diese Identitäten reflektiert.

2. Inhalt: Gräfin Faustine

Der Roman Gräfin Faustine, welcher von Ida Hahn-Hahn verfasst und 1840 veröffentlicht wurde, erzählt von der weiblichen Figur Faustine, welche durch ihren Drang nach Selbstbestimmung und durch die Ablehnung der gesellschaftlichen Normen und Konventionen, eine ungewöhnliche Rolle in der erzählten Welt einnimmt. Faustine lehnt insbesondere die Bevormundung der Frau durch den Mann und eine konsequente Rollenzuweisung ab.

Zu Beginn der Handlung, die in Dresden stattfindet, wird Faustine als intelligente und autonome Frau eingeführt, die innerhalb ihres sozialen Umfeldes durch ihre Selbstbestimmtheit für Aufsehen sorgt, sich aber dennoch großer Akzeptanz und Beliebtheit erfreuen kann. Sie ist verwitwet und lebt in einem unverheirateten Verhältnis zu Andlau.

Zu einem späteren Zeitpunkt der Handlung erfährt der Leser, dass Faustine entgegen ihres Willens, aber auf den Wunsch ihrer Tante und den gesellschaftlichen Erwartungen hin, mit Graf Obernau verheiratet war. Während dieser unglücklichen Ehe verliebt sich Faustine in Andlau, mit welchem sie ein Verhältnis eingeht. Als Graf Obernau von diesem Verhältnis erfährt, tötet Obernau Andlau beinahe bei einem Kampf, die Ehe findet ein Ende und das Liebespaar kann nach Italien flüchten. Zwei Jahre später stirbt Graf Obernau und Faustine und Andlau nutzen die Möglichkeit nach Dresden zurückzukehren. Andlau akzeptiert Faustines entschlossene Ablehnung der Ehe.

Als Andlau aufgrund persönlicher Umstände für längere Zeit verreisen muss, verbringt Faustine viel Zeit mit Clemens von Walldorf, dessen Gesellschaft ihr besonders durch sein aufdringliches Verhalten bald höchst unangenehm wird. Jedoch verliebt sich Clemens unsterblich in Faustine und wählt nach mehrfacher Ablehnung den Freitod. Weiterhin begegnet Faustine während Andlaus Abwesenheit Mario Mengen, in den sie sich leidenschaftlich verliebt. Sie beendet ihre Beziehung zu Andlau nach reiflicher Überlegung und trotz der Angst darum, dass Andlau es nicht schafft diese Entscheidung zu verkraften, um eine Beziehung zu Mengen führen zu können. Trotz ihrer Zweifel schafft Mengen Faustine von einer Ehe zu überzeugen, die ihren Höhepunkt in der Geburt eines Kindes findet.

Allerdings findet Faustine in dieser Ehe keine Erfüllung und teilt Mengen nach einigen Jahren ihre Entscheidung mit, ihr Leben im Kloster zu verbringen, wo sie allerdings nach kurzer Zeit stirbt.

3. Körper

3.1 Judith Butler zum Geschlecht

Die US-amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der Geschlechterstudien. 1990 erschien ihr Werk Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. [deutsch 1991: Das Unbehagen der Geschlechter], welches als Butlers bekanntestes und auch einflussreichstes Buch gilt und zum Aushängeschild der Geschlechterforschung wurde. Darin tritt sie für einen „postmodernen, poststrukturalistischen Anti-Essentialismus“3 ein, welcher jegliches Denken, das Identitäten als grundlegend und natürlich existent begreift, ablehnt. Nach Butler beruht nicht nur die Geschlechtsidentität auf einem sozialen Konstrukt, vielmehr zweifelt sie auch die Natürlichkeit und die Unvermeidlichkeit des biologischen Geschlechts an.

Für die Analyse der Geschlechter in Ida Hahn-Hahns Gräfin Faustine soll zunächst Butlers Auffassung des Körpers im Vordergrund stehen. In den 1980er Jahren ist im Zuge der Frauenbewegung als Instrument der Kritik die Unterscheidung von Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender) entstanden, um die Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtsidentität zu lösen und und die Idee von der Biologie als Schicksal, anzufechten. Die Geschlechtsidentität erscheint nicht mehr als natürliche Gegebenheit, sondern wird als soziale Konstruktion interpretiert. Weiterhin wird der Körper zu einem teilnahmslosen Träger dieser Geschlechtsidentitäten.

Die Kategorien Geschlecht und Geschlechtsidentität setzen eine Dualität voraus, die zum Ausgangspunkt von Butlers Kritik und ihrer Theorie werden.4 Zunächst kritisiert Butler „die Annahme einer Binarität der Geschlechtsidentitäten“5 und weist stattdessen auf die Möglichkeit einer Vielzahl von verschiedenen Geschlechtsidentitäten hin, da zahlreiche Interpretationen des Geschlechts (sex) vorstellbar sind und so zahlreiche, unterschiedliche Geschlechtsidentitäten geschaffen werden können. Weiterhin stellt sie die Beständigkeit des Geschlechts (sex) in Frage und entwickelt die These, dass das Geschlecht (sex) ebenso konstruiert ist wie die Geschlechtsidentität. So heißt es in ihrem Werk „Der Körper wird als bloßes Instrument oder Medium dargestellt, das nur äußerlich mit einem Komplex kultureller Bedeutungen verbunden ist. Doch der Leib ist selbst eine Konstruktion.“6

Die vorherrschende Idee einer Natur und Kultur Dichotomie, die den Körper der Natur zuordnet und als passiven Träger einer kulturellen Einschreibung und Bedeutung versteht, wird von Judith Butler in Frage gestellt. Denn dieser Dualismus von Körper und Geist schafft eine Hierarchie, die den Körper eine untergeordnete Position verleiht und außerdem eine Hierarchisierung zwischen Mann und Frau schafft, weil dem Mann der Geist und der Frau der Körper zugeordnet wird.7

[...]


1 Hahn-Hahn, S. 49

2 Butler 1991, S. 206

3 Jensen 2005, S. 254

4 Vgl. Butler 1991, S. 22

5 Butler 1991, S. 23

6 Butler 1991, S. 26

7 Vgl. Butler 1991, S. 31

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Konstitution der Geschlechter in Ida Hahn-Hahns Roman "Gräfin Faustine"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Text und Kultur: „Frauenliteratur“ oder Nationalliteratur? Droste-Hülshoff und andere
Note
1,0
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V207825
ISBN (eBook)
9783656358060
ISBN (Buch)
9783656360223
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konstitution, geschlechter, hahn-hahns, roman, gräfin, faustine
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Die Konstitution der Geschlechter in Ida Hahn-Hahns Roman "Gräfin Faustine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207825

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