Suizid im Jugendalter

Möglichkeiten und Grenzen der Schulsozialarbeit bei Suizidgefährdung


Bachelorarbeit, 2012

61 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Suizid
1.1 Definition
1.2 Zahlen und Fakten

2. Jugendalter und Suizid
2.1 Das Jugendalter
2.2 Peer Groups
2.3 Risikofaktoren für suizidale Entwicklungen im Jugendalter

3. Suizidtheorien
3.1 Das präsuizidale Syndrom nach Erwin Ringel
3.2 Die soziologische Theorie Emile Durkheims
3.3 Die ökonomische Theorie des Suizids

4. Die Schulsozialarbeit
4.1 Hintergründe und Motive der Einführung
4.2 Konzepte und Praxisformen
4.3 Rechtliche Grundlagen

5. Krisenintervention
5.1 Definition Krise und Krisenintervention
5.2 Ziele und Prinzipien der Krisenintervention
5.3 Kriseninterventionskonzept „BELLA“

6. Suizidverständnis von Professionellen der Schulsozialarbeit anhand Interviews
6.1 Auswertung der Interviews
6.2 Interpretationsteil und Vernetzung / Dateninterpretation

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

9. Quellen- und Abbildungsverzeichnis

10. Anhang

Abstract

Suizid wird heutzutage immer noch als Tabuthema angesehen, obwohl die Suizidrate von jüngeren- wie auch von älteren Menschen beträchtlich hoch ist und ein deutlicher Handlungsbedarf besteht (vgl. Bundesamt für Statistik, Wüest, 2009).

In dieser Arbeit werden die Möglichkeiten und Grenzen der Schulsozialarbeit bei Suizid im Jugendalter aufgezeigt, da diese zwei Bereiche in der Literatur noch wenig beleuchtet wurden, obwohl Suizid im Jugendalter eine entscheidende Problematik der Institution Schule bzw. der Schulsozialarbeit darstellt, wie in der Arbeit ersichtlich wird.

Im ersten Kapitel wird der Begriff Suizid definiert und die Suizidrate der Schweiz im internationalen Vergleich illustriert, um einen Gesamtüberblick über das Phänomen Suizid zu gewinnen. Das nächste Kapitel befasst sich mit den Entwicklungsaufgaben und suizidalen Tendenzen im Jugendalter, um mögliche Hintergründe suizidalen Verhaltens von Jugendlichen zu erkennen. Im dritten Kapitel werden Ansätze von Suizidtheorien aufgezeigt, welche mögliche Hintergründe, die zu suizidalen Handlungen führen können, beschreiben. Das folgende Kapitel definiert die Schulsozialarbeit im Bezug auf Auftrag, Ziele und Arbeitsfeld. Im nächsten Kapitel wird die Krisenintervention als mögliche Methode der Schulsozialarbeit bei der Bearbeitung von Suizid aufgezeigt. Das vorletzte Kapitel vergleicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede von drei Interviews von Experten und Expertinnen, welche alle seit mehreren Jahren in der Schulsozialarbeit tätig sind und bereits Erfahrungen mit suizidgefährdeten Jugendlichen gemacht haben und daher als Schlüsselpersonen für diese Arbeit gelten. Die Interviews fanden im Zeitraum von Juni bis August 2011 in den Büroräumlichkeiten der Schulsozialarbeitenden in unterschiedlichen Kantonen statt.

Die Arbeit zeigte auf, dass die Schulsozialarbeit direkt am Ort des Geschehen tätig ist und als Bindeglied alle Beteiligten bei Suizid einbeziehen kann, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Schulsozialarbeit, Schule, Eltern und externen Fachstellen. Das Gelingen der Schulsozialarbeit setzt weiter eine partnerschaftliche Beziehung von Sozialarbeit und Schule voraus, da Fachpersonen der Schulsozialarbeit mit einem anderen Blickwinkel und anderen Methoden Problemsituationen zu bewältigen versuchen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Schulsozialarbeit als niederschwellige Beratung die Möglichkeit hat Warnsignale von suizidgefährdeten Jugendlichen zu erkennen, sowie eine erste Einschätzung der Suizidgefährdung vorzunehmen. Jedoch kann sie bei akuter Suizidgefährdung den Jugendlichen nicht die Hilfestellung erweisen, welche benötigt wird, da die Schulsozialarbeit Schülerinnen und Schüler nicht 24 Stunden überwachen kann, durch ihr niederschwelliges Beratungsangebot.

Da ist es wichtig zu tragieren an verschiedene stationäre Einrichtungen, welche Schülerinnen und Schüler über 24 Stunden überwachen können. Die Schulsozialarbeit hat weiter nur beschränkt Zeit für Suizidprävention im Rahmen von Projekten, da sie sich schwerpunktmässig mehr mit Einzelfallarbeit befasst und daher Suizidprävention nur punktuell möglich ist. Die Kooperation zwischen der Schule und der Schulsozialarbeit trägt entscheidend dazu bei, in wie weit die Schulsozialarbeit das Schulgeschehen mitgestalten darf.

Wichtig für die Beratung von suizidgefährdeten Schüler und Schülerinnen ist für Schulsozialarbeitende vor allem die Beziehungsarbeit, die sorgfältige Risikoeinschätzung, sowie die sorgfältig geplanten Methoden, um Zeit zu gewinnen.

Die Vorgehensweisen der Schulsozialarbeitenden bei Suizidgefährdung gestalten sich unterschiedlich, wobei in allen Schulen zukünftig Richtlinien verfasst werden sollten, wie bei Suizid oder suizidalen Jugendlichen vorzugehen ist, um einerseits Zeit zu gewinnen und andererseits um Doppelspurigkeiten durch Zuständigkeitskollisionen zu vermeiden.

Suizid darf nicht länger als Tabu Thema gelten und sollte innerhalb der Gesellschaft vollkommen anerkannt werden, durch über die Schulsozialarbeit hinaus gehenden ärztlichen Angeboten für Jugendliche bei Suizid, die für Jugendliche attraktiv und mit ausgebildetem Personal ausgestattet sind sowie das Anstreben eines allgemein besserem Verständnis der Suizidproblematik innerhalb der ganzen Bevölkerung angestrebt werden.

Einleitung

Suizid ist in unserer modernen Gesellschaft immer noch ein Tabu Thema. Suizide sind Verhaltensweisen, die nur dem Menschen eigen sind. Bereits in der Bibel finden sich eine Reihe von Suiziden im Alten- als auch im Neuen Testament. Heutzutage wird Suizid als multifaktorielle Bedingtheit angesehen, welche psychische, soziologische, biologische, ökonomische wie auch spirituell-religiöse Aspekte beinhaltet. Diese Arbeit konzentriert sich hauptsächlich auf die psychischen- und soziologischen Aspekte des Suizids und geht bewusst nicht auf Jean Amérys Diskurs über den Freitod ein, da kaum jemand aus freiem Willen Suizid begeht, sondern immer von einer tieferliegenden Störung oder Krise im Leben eine Menschen auszugehen ist, da Suizid multifaktoriell bedingt ist. Trotz wachsenden materiellen Wohlstands entscheiden sich jüngere wie auch ältere Menschen sich das Leben zu nehmen. Obwohl die Suizidrate von älteren Menschen in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist, bleibt die Suizidrate von jüngeren Menschen beträchtlich hoch (vgl. Bundesamt für Statistik, Wüest, 2009). Die Schulsozialarbeit als neueren Bereich der Sozialen Arbeit an Schulen ist mit verschiedenen Problemen von Jugendlichen konfrontiert, wobei Suizid auch ein Problem der Schulsozialarbeit darstellt, jedoch kein typisches Thema der Schulsozialarbeit ist und noch wenig beleuchtet wurde. Deshalb soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, welche Möglichkeiten und Grenzen die Schulsozialarbeit bei Suizid im Jugendalter hat.

Im ersten Kapitel wird der Begriff Suizid definiert und die Suizidrate der Schweiz im internationalen Vergleich illustriert, um einen Gesamtüberblick über das Phänomen Suizid zu gewinnen. Das nächste Kapitel widmet sich den Entwicklungsaufgaben und suizidalen Tendenzen im Jugendalter, um mögliche Hintergründe suizidalen Verhaltens von Jugendlichen zu erkennen. Im dritten Kapitel werden verschiedene Modelle und Ansätze von Suizidtheorien aufgezeigt, welche mögliche Hintergründe, die zu suizidalen Handlungen führen können, beschreiben. Im folgenden Kapitel wird die Schulsozialarbeit definiert im Bezug auf Auftrag, Ziele und Arbeitsfeld. Im fünften Kapitel wird eine mögliche Methode der Schulsozialarbeit bei der Bearbeitung von Suizid aufgezeigt. Das vorletzte Kapitel vergleicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede von drei Experteninterviews, die zu den vorherigen Inhalten in Verbindung gesetzt werden.

Im Schlussteil werden die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit nochmals zusammengefasst, woraus Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen werden. Ebenfalls werden noch offen gebliebene Fragen formuliert.

1.Suizid

1.1 Definition

Um das Phänomen des Suizids besser zu verstehen, wird im Folgenden versucht den wertneutralen Begriff des Suizids näher zu erläutern:

Der Begriff Suizid stammt von den lateinischen Bezeichnungen „sui cidium“ (Selbsttötung) bzw. „sui caedere“ (sich töten) und wird seit 1177 als Begriff verwendet. Suizident oder Suizidant nennt man denjenigen, der eine Suizidhandlung unternimmt (vgl. Bronisch, 2007, S. 9).

Gemäss Bronisch (2007) beinhaltet suizidales Erleben und Verhalten drei verschiedene Formen: Suizidideen, Suizidversuche und Suizide (vgl. S. 12). Suizidideen beinhalten das Nachdenken über den Tod im Allgemeinen und den eigenen Tod, wie auch Todeswünsche. Suizidversuche beinhalten eine aktive Intention zur Beendigung des eigenen Lebens. Demzufolge ist der Suizid ein zum Tode führender Suizidversuch, der der Betroffene für sich selbst tut als letzten oder besten Ausweg aus einer für ihn unerträglichen Situation (vgl. Bronisch, 2007, S. 14).

Eine präzise Definition von suizidalen Verhaltensweisen stammt von Erwin Stengel (1964): „Eine auf einen kurzen Zeitraum begrenzte absichtliche Selbstschädigung, von der der Betreffende, der diese Handlung begeht, nicht wissen konnte, ob er sie überleben wird oder nicht“ ( Bronisch, 2007, S. 12).

Eine ähnliche Definition jedoch für „Selbstmord“ wurde bereits von Emile Durkheim (1983) verfasst: „ Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im Voraus kannte.“ (S. 27)

Nach Bronisch (2007) werden öfter Suizidversuche unternommen als Suizide geschehen. Bei der Anzahl der Suizide überwiegen Männer, bei der Gruppe der Suizidversuche die Frauen. Weiter kann ein „missglückter“ Suizidversuch zu einer positiven Wende im Leben des Betroffenen führen oder zu einem weiteren Suizidversuch (vgl. S.17).

Im Folgenden wird die Suizidrate der Schweiz im internationalen Vergleich analysiert, um einen Gesamtüberblick über die aktuelle Suizidproblematik zu gewinnen. Eine repräsentative Erfassung von Suiziden bzw. Suizidversuchen gestaltet sich äußerst schwierig, da jedes Land eine eigene Vertuschungsrate aufweist. Dennoch soll das nächste Kapitel helfen, soziale Tendenzen aufzuzeigen.

1.2 Zahlen und Fakten

Bei den folgenden Statistiken gilt es zu beachten, dass in Ländern, in denen Suizid moralisch stark verurteilt wird, die Dunkelziffer höher ist als in anderen Ländern. Die untenstehende Grafik zeigt die Suizidrate im internationalen Vergleich auf.

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. OECD-Gesundheitsdaten 2009-Version: November 2009)

Es fällt auf, dass die Suizidrate von 2007 noch nicht in allen Ländern veröffentlicht worden ist. In Italien, Portugal, Mexico und Griechenland fehlen die meisten Angaben. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass besonders katholische Länder den Suizid als Tabu Thema betrachten und daher auch keine Daten dazu veröffentlichen.

Die niedrigsten Suizidraten der letzten Jahre finden sich in Griechenland, Mexico und im Vereinigten Königreich. In Korea und Japan sind die Suizidraten besonders hoch. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass besonders in Korea und Japan der Leistungsdruck innerhalb der Gesellschaft sehr hoch ist und darum die meisten Menschen, die den Anforderungen der Gesellschaft nicht nachkommen, Suizid verüben.

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich eine relativ hohe Suizidrate wie auch Frankreich, Österreich, Schweden und Polen.

In der nächsten Grafik werden die Suizidraten der Schweiz von 2000 – 2008 nach Altersgruppe analysiert.

Abbildung 2: Suizidraten der Schweiz:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Bundesamt für Statistik BFS, Todesursachenstatistik, GESB Erwin K. Wüest, CH-2010 Neuchâtel - 01.07.2010, noch nicht veröffentlicht)

In der Schweiz findet sich eine sehr hohe Suizidrate bei den 50 – 54 Jährigen bzw. bei den plus 85 Jährigen. Die Suizidrate von den 15 – 19 Jährigen ist im Jahr 2008 nur leicht gesunken. Weiter ist ersichtlich, dass ab der Altersgruppe von 15 – 19 Jahren die Suizidrate des Jahres 2008 fast kontinuierlich steigt. Obwohl die jüngeren Menschen einen kleineren Teil der Suizidraten der letzten Jahre ausmachen, ist die Rate noch nicht signifikant gesunken und hält sich weiterhin verglichen mit den vorherigen Jahren recht hoch.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Suizidproblematik in der Schweiz durch alle Altersklassen hindurch zieht und Jugendliche immer noch stark davon betroffen sind. Daraus folgt, dass dringend Massnahmen notwendig sind, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Im nächsten Kapitel wird daher das Jugendalter, welches ein potentielles Suizidrisiko aufweist, mit ihren Entwicklungsaufgaben skizziert und mögliche Risiken im Jugendalter aufgezeigt.

2. Jugendalter und Suizid

2.1 Das Jugendalter

Das Jugendalter, verstanden als Lebensphase, wird allgemein definiert als Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus und beginnt mit dem Einsetzen der Pubertät. Es entstehen biologische, psychische und soziale Entwicklungsprozesse, die in sehr verdichteter Weise kumulieren.
Im Folgenden soll das Jugendalter anhand des Stufenmodells nach Erikson erläutert werden.
Nach Erikson durchläuft der Mensch innerhalb seiner Entwicklung spezifische Konflikte und Krisen, die auf jeder Stufe vom Säuglingsalter bis zum Erwachsenenalter zu bewältigen sind. Die Stufe der Adoleszenz soll folglich näher beschrieben werden. (vgl. Flammer, 2005, S. 85 ff.)

Die Stufe vom 12. - ca. 20. Lebensjahr ist gekennzeichnet durch folgendes Zitat: „Ich bin nicht, was ich sein sollte, ich bin nicht, was ich sein werde, aber ich bin nicht mehr, was ich war. “ (vgl. Flammer, 2005, S. 88 f.) Das Zitat veranschaulicht, wie in dieser Stufe die Identitätsproblematik im Vordergrund steht.

Die vorhergehenden Problematiken wie Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiß werden durch körperliche Veränderungen ergänzt. Daraus wachsen neue Ansprüche an sich selbst. Der Jugendliche sucht seine Identität in neuen sozialen Rollen wie in Peer Groups (Gleichaltrigen-Gruppen), politischer Tätigkeit, dichterischen Versuchen und eben der Berufsentscheidung. Wenn diese Identitätsfindung im Jugendalter scheitert, können später ewige Pubertät, Ruhelosigkeit oder voreilige Begeisterungsfähigkeit für große Veränderungen entstehen.

Im Jugendalter stellen sich bestimmte Entwicklungsaufgaben, die im Stufenmodell von Erikson bereits in der Stufe der Adoleszenz erwähnt wurden. Der amerikanische Pädagoge Robert Havighurst definiert Entwicklungsaufgaben folgendermaßen: „Eine Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt“ (Flammer und Alsaker, 2002, S. 56).

Entwicklungsaufgaben sind gekennzeichnet durch körperliche Entwicklung, kulturellen Druck, individuellen Wünschen und Werte (vgl. Dreher & Dreher 1985, S. 30). Folgende Entwicklungsaufgaben sind gegenwärtig für das Jugendalter zentral (vgl. Schäfers und Scherr, 2005, S. 78):

- Verhältnis zu körperlichen Veränderungen finden
- Umgang mit Sexualität lernen
- Identitätssuche über Identitätsmodelle und Identifikationsangebote
- Erweiterung und Differenzierung des Selbst- und Weltverständnisses durch Bildungsangebote, politische und religiöse Weltbilder und medial verbreitetes Wissen
- Umbau der sozialen Beziehungen durch Familienstrukturen, Gleichaltrigengruppen und Idealvorstellung über gelingende Liebesbeziehung
- Planung der Ausbildungs- und Berufsbiographie über Leitbilder schulischen und beruflichen Erfolgs.

Die Identitätsbildung, als zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters, widmet sich den Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Welche Ziele habe ich?
James E. Marcia unterscheidet 4 Identitätstypen (vgl. Flammer und Alsaker, 2002, S. 160 ff.). Diese sind anhand von Interviews mit Jugendlichen zu den Themen Berufswahl, politische, religiöse und sexuelle Werte bestimmt worden.
Jugendliche mit einer erarbeiteten Identität haben sich nach einer langen Periode der Identitätsfindung gewissen Werten verpflichtet und haben die Identitätskrise überwunden. Der Jugendliche ist stressresistent in Bezug auf intellektuelle Leistungen.

Jugendliche mit einer übernommenen Identität haben keine Explorationsperiode durchlaufen und haben beruflich, politisch oder weltanschaulich sich für keine persönliche Ausrichtung entschieden, sondern Werte von Familie oder Freunden einfach übernommen. Solche Jugendliche sind meistens unauffällig und fühlen sich wohl zu Hause.
Die kritische Identität von Jugendlichen ist gekennzeichnet durch eine aktive Identitätskrise bei der Zukunftsbeschäftigung und bei der Entscheidungsfindung.

Jugendliche sind in diesem Zustand des Moratoriums affektiv sehr engagiert, aber ambivalent in ihrer Berufsorientierung, gegenüber ihren Eltern und Freunden.
Jugendliche mit diffuser Identität können oder wollen sich für nichts entscheiden und sind eher desorientiert und haben keine ausgeprägten Interessen.

Weiter definiert Lothar Krappmann (1969) Identität als das Erleben des Sich-selbst-Gleichseins. Voraussetzung dafür ist eine realistische Selbstwahrnehmung und eine positiv gefärbte Selbstbewertung. Nur so können unterschiedliche situativen Anforderungen an das eigene Handeln bewältigt werden (vgl. Hurrelmann, 2006, S. 99).

Krappmann versteht Identität als koordinierende Instanz zweier Komponenten. Die „persönliche Identität“ umfasst die Kontinuität und Konsistenz des Selbsterlebens im Verlauf wechselnder lebensgeschichtlicher und biografischer Umstände, wobei die „soziale Identität“ auf die Kontinuität und Konsistenz des Selbsterlebens in Auseinandersetzung mit Anforderungen gesellschaftlicher Einrichtungen und Handlungsfelder zielt.

Einerseits muss sich der Jugendliche also den gesellschaftlichen Erwartungen anpassen, andererseits soll er sich gemäß der persönlichen Identität von anderen Menschen abheben und seinen eigenen Stil finden. Gleichzeitig wird von ihm gefordert, so zu sein wie alle anderen bzw. so zu sein wie niemand (vgl. Hurrelmann, 2006, S. 99). Der Jugendliche muss zwischen zwei Komponenten balancieren lernen, nur dann gelangt er gemäß Krappmann zu einer Ich-Identität.

Die Ich-Identität stellt allerdings keinen für alle Mal gelungenen Zustand dar, sondern erliegt ständig den Aushandlungsprozessen zwischen der äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur (vgl. Hurrelmann, 2006, S. 100).

Der Prozess der Identitätsfindung ist demzufolge eine Zeit des Experimentierens, um herauszufinden, was zu einem gehört, was die eigene Person ausmacht, worin man sich wiederfindet und womit man sich identifizieren kann.

2.2 Peer Groups

Die Entwicklung neuer und reiferer Beziehungen zu Gleichaltrigen (Peer Groups) gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Jugendlichen. Jugendliche verbleiben heutzutage viel länger im Bildungssystem als früher und verkehren bis ins junge Erwachsenenalter hauptsächlich mit Gleichaltrigen (vgl. Flammer und Alsaker, 2002, S. 194f).

Gleichaltrigenbeziehungen sind im Gegensatz zu den Elternbeziehungen in einem hohen Maß freiwillig. Jugendliche mit ähnlichen Bedürfnissen und Interessen schließen sich in Peer Groups zusammen, und bauen eine eigene kulturelle und soziale Welt auf .

Durch eigene Sprache, Kleidung und äußeren Attributen (Frisur, Schmuck, Körpermarkierungen) sichern sie sich einen eigenen Experimentierraum für die Selbstentfaltung. Weiter entwickeln sich in Peer Groups erste Liebesbeziehungen und Intimität. Gelingt es den Jugendlichen nicht, einen Platz in Gleichaltrigengruppen zu finden, kann dies zu mangelnder Beliebtheit führen und im Extremfall zu abweichendem Verhalten und Drogenkonsum. (vgl. Hurrelmann, 2006, S. 240 ff). In Peer Groups grenzen sich Jugendliche demonstrativ von der Welt der Eltern, Lehrer und Erwachsenen ab.

In Gleichaltrigengruppen lernen Jugendliche während des Aushandelns eines Konflikts Konfliktstrategien zu entwickeln und Situationen aus der Perspektive anderer zu sehen. Peer Groups unterstützen die Identitätsbildung durch die Unterscheidung von anderen Jugendlichen und die Definition der eigenen Person.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Jugendphase eine äußerst wichtige Phase für den zukünftigen Lebensverlauf darstellt. Die Identitätsfindung als wichtigste Entwicklungsaufgabe im Jugendalter kann sowohl von den Eltern wie auch von den Peergroups unterstützt wie auch gehemmt werden. Eltern wie auch Peer Groups stellen jedoch nach wie vor die wichtigsten Bezugspersonen im Jugendalter dar und können daher als Schutzfaktoren für Suizid gelten.

Da das Jugendalter auch gewisse Risiken beinhaltet, soll im nächsten Kapitel näher auf die Risiken im Jugendalter eingegangen werden, die zu suizidalen Entwicklungen im Jugendalter führen können.

2. 3 Risikofaktoren für suizidale Entwicklungen im Jugendalter

Im Folgenden werden mögliche Risikofaktoren in den Bereichen Familie, Schule und Freundschaftsbeziehungen aufgezeigt.

Die Bedeutung der Familie bzw. der Bezugspersonen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ist sehr groß. Die Familie ist für die meisten bis ins Jugendalter hinein und oft darüber hinaus der wichtigste Lebensbereich. Jedoch gibt es auch in Familien Streit und Konflikte, die zum täglichen Leben gehören und an sich keine Risikofaktoren für suizidale Entwicklungen darstellen. Jedoch können mehrere ungelöste Konflikte ein Risikofaktor für Suizid darstellen (vgl. Bründel, 2004, S. 60 f.)

Folgende Belastungsfaktoren existieren nach Mansel und Hurrelmann (1991) innerhalb der Familie:

- Störungen der Beziehungen zu den Eltern
- Konfliktdichte der familiären Interaktion
- Nicht realisierte Auszugswünsche
- Elterliche Sorge, dass die Jugendlichen die schulischen oder beruflichen Ziele nicht erreichen könnten
- Tod eines Elternteils und andere familiale Krisenereignisse wie Scheidung oder Trennung der Eltern (S.146)

Daraus wird deutlich, dass eine Häufung von Spannungen innerhalb der Familie das Suizidrisiko eines Jugendlichen erhöhen kann.

Die Schule als weiterer Risikofaktor stellt durch ihre institutionellen Bedingungen wie hohe Schülerzahlen, starke Klassenfrequenzen, überladene Stoffpläne und Lehrermangel einen krankmachenden Faktor für Schülerinnen und Schüler dar. Beispiele dafür sind Versagens- und Misserfolgserlebnisse bzw. Überforderungssituationen.

Dazu kommt, dass sich in den letzten Jahren die Bedeutung von guten Schulabschlüssen für Studienplätze und Lehrstellen grösser geworden ist (vgl. Bründel, 2004, S. 66f.). Durch den Mangel an Ausbildungsplätzen und fehlenden Lehrstellen erhöht sich der Druck auf Jugendliche, einen guten Schulabschluss zu erwerben.

Ein weiterer Risikofaktor innerhalb der Schule stellt das Phänomen des „Mobbings“ dar, das als feindselige Handlungen von Schülerinnen und Schülern untereinander verstanden wird über einen längeren Zeitraum hinweg. Mobbingformen beinhalten beispielsweise das Quälen, Verspotten, Ignorieren, Beschimpfen oder Bedrohen eines Schülers oder Schülergruppen.

Diese Art von Psychoterror kann bei Jugendlichen zu schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin zum Suizid führen. Freundschaftsbeziehungen innerhalb und außerhalb der Schule können auch ein Risikofaktor darstellen, wenn sie auseinandergehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Suizid im Jugendalter
Untertitel
Möglichkeiten und Grenzen der Schulsozialarbeit bei Suizidgefährdung
Hochschule
Fachhochschule St. Gallen
Note
1,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
61
Katalognummer
V209365
ISBN (eBook)
9783656383864
ISBN (Buch)
9783656384687
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Jugendliche, Schulsozialarbeit, Suizid, Entwicklung Schulsozialarbeit, Entwicklungsphase Identitätsfindung, Peer Group, Krisenintervention, Suizidtheorien, Leitfadeninterviews, BELLA-Konzept, Emile Durkheim, Erwin Ringel, Entwicklung der Schulsozialarbeit
Arbeit zitieren
Ornella Alfonso (Autor:in), 2012, Suizid im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209365

Kommentare

  • dipl. Ornella Alfonso am 6.3.2013

    Die Autorin beschreibt die Entwicklung der Schulsozialarbeit in der Schweiz sowie die Praxis der Schulsozialarbeit in der Schweiz. Es werden verschiedene Methoden aufgezeigt, wie suizidgefährdete Jugendliche von der Schulsozialarbeit unterstützt werden können, wie auch Grenzen aufgezeigt.
    Dieses Buch eignet sich vor allem für Personen, welche zukünftig in der Schulsozialarbeit tätig sein wollen, bzw. Personen, welche mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Die Leitfadeninterviews mit Fachpersonen aus der Schulsozialarbeit zeigen, welche Problemfelder in der Praxis bestehen sowie welche praktische Erfahrungen sie in ihrer Arbeit mit suizidgefährdeten Jugendlichen gehabt haben und wie sie sich Hilfe geholt haben.
    Fazit: Eine interessante, aktuelle Arbeit, rund um die Schulsozialarbeit und das Jugendalter, die zu lesen ist!

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