Die Einbeziehung von Moral in Entscheidungskalküle


Seminararbeit, 2003

19 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über kalkulierte Moral
2.1. Der Unterschied zwischen „self interest“ und „interest in one´s own self“
2.2. Der moralische Raum
2.2.1. Das Selbst im moralischen Raum
2.2.2. Rationalkalkulierende Verhaltenstypen im moralischen Raum
2.2.3. Rationalkalküle und der moralische Raum

3. Eine andere Betrachtung des Eigeninteresses
3.1. Eigeninteresse als anthropologisches Axiom der Handlungstheorie
3.2. Eigeninteresse als axiologische Prämisse in der Moralphilosophie

4. Wirtschaft und Moral – wie passt das zusammen?
4.1. Der Bayessche Konsequentialismus
4.2. Vier Entscheidungstypen
4.2.1. Instrumenteller Moralist
4.2.2. Verzichtmoralist
4.2.3. Moralischer Regelfolger
4.2.4. Moralischer und ökonomischer Satisfizierer

5. Persönliche Stellungnahme

1. Einleitung

„Heute denkt doch jeder nur noch an sich selbst!“, „Die Wirtschaftsbosse da oben, das sind doch alles eiskalte Typen, die haben doch keinen Anstand!“, „Für Geld würden die Wirtschaftsleute doch über Leichen gehen!“, „Alles, was heutzutage zählt, ist das Geld. Werte haben die doch alle nicht mehr!“

Solche und ähnliche Sätze begegnen einem jeden Tag. Das ökonomische Gesellschaftsfeld ist immer noch und immer wieder den stärksten Anfeindungen ausgesetzt, was das Fehlen von Werten, Moral, Anstand, oder wie immer man es nennen mag, anbelangt.

Doch sind die, die solche Thesen vertreten, denn selbst frei von jeglichem eigennützigen, unmoralischen oder anstandslosen Verhalten? Ist es überhaupt möglich, als ein Individuum in einer Gesellschaft nicht an sein eigenes Wohl zu denken? Und ab wann ist das „An-sich-selbst-denken“ unmoralisch?

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage nach Moral in ökonomischen Kontexten.

Im ersten Teil wird auf der Grundlage eines Textes von Guy Kirsch der Unterschied zwischen dem „self interest“ und dem „interest in one´s own self“ erörtert und Kirschs Konzept des moralischen Raums vorgestellt.

Der zweite Teil zeigt eine andere Perspektive auf das Phänomen des Eigeninteresses auf. Ausgehend von einem Text von Christine Chwaszcza wird das Eigeninteresse einmal als anthropologisches Axiom der Handlungstheorie und einmal als axiologische Prämisse der Moralphilosophie beleuchtet.

Im vorletzten Kapitel werden die vier von Karl Reinhard Lohmann beschriebenen vom Bayesschen-Konsequentialismus-Modell ausgehenden Entscheidungstypen vorgestellt.

Das letzte und abschließende Kapitel besteht aus einer persönlichen Stellungnahme zu den dargestellten Positionen und Konzepten.

2. Über kalkulierte Moral

2.1. Der Unterschied zwischen „self interest“ und „interest in one´s own self“

In seinem Aufsatz „Das Kalkül der Moral“ geht Guy Kirsch von der Frage aus, ob Individuen ihr Handeln an moralischen Kriterien orientieren können, obwohl sie rationale Überlegungen anstellen. Zu diesem Zweck wird zunächst unterschieden in die Begriffe „self interest“ und „interest in one´s own self“.

Hierzu argumentiert Kirsch, dass Menschen moralische Bewertungen einer Handlung mit in ein rationales Kalkül über den Nutzen einer Handlung einbeziehen. Daraus folgt, dass moralisches Handeln nicht an nicht-rationale Handlungsentscheidungen gebunden ist. Der rational kalkulierende und seinen Vorteil suchende Mensch ist also nicht automatisch unmoralisch. Moral stellt sich daher als ein in Kalküle einzubeziehender Wert dar, „um dessentwillen es sich lohnt, mehr oder weniger auf die Befriedigung von self interests zu verzichten.“ (Kirsch, 1997, in: Lohmann/Priddat, 1997: 51f)

Der self interest ist demnach das Interesse eines Individuums an der Maximierung seines persönlichen Nutzens. Demgegenüber steht das Interesse jedes Individuums am eigenen Selbst. Der Mensch hat nicht nur ein Interesse daran, was er haben möchte, er möchte auch etwas sein: Dies ist der interest in one´s own self. Der self interest zielt also auf die Befriedigung von Besitzwünschen externer Güter. Der interest in one´s own self dagegen zielt auf die Stärkung innerer Strukturen.

2.3. Der moralische Raum

2.3.1. Das Selbst im moralischen Raum

Kirsch greift nun auf das Konzept des „moral space“ zurück, das Charles Taylor entwickelt hat. Taylor beschäftigte sich mit der Definition und Ausbildung des Selbst beim Menschen. Er argumentiert, dass Individuen ihr Selbst in einem fiktiven Raum bestimmen. Dieser Raum hat verschiedene Dimensionen, die mit positiven oder negativen Vorzeichen belegt sind. Das Selbst wird in diesen positiven oder negativen Dimensionen definiert und beschrieben. Umgangssprachlich können diese Dimensionen als „gut“ oder „schlecht“ bewertet beschrieben werden. Um dieses Konzept auf die Diskussion von Moral anwenden zu können, muss Moral in Dimensionen von „gut“ und „schlecht“ definiert werden.

Kirsch argumentiert weiter, dass der moral space nur ein gesellschaftlicher Raum sein kann, da ein Individuum die Dimensionen eines solchen Raumes nicht allein bestimmen kann. Kirsch schreibt: „Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, kann er sich nur in der Interaktion mit anderen definieren. […] Welche Dimensionen dieser Raum in einer konkreten Situation aufweist, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Interaktion.“ (Kirsch, 1997, in: Lohmann/Priddat, 1997: 53)

Aus dieser Annahme folgt, dass der moral space in verschiedenen Gesellschaften in der gleichen Situation (zum gleichen Zeitpunkt) verschieden bewertete Dimensionen aufweisen kann.

Kirsch verdeutlicht dann an einem Beispiel, dass im moral space die Eigen- und die Fremddefinition des Selbst (interest in one´s own self und self interest) eine große Rolle spielen. Wird ein bestimmtes Verhalten x in der Gesellschaft generell „schlecht“ bewertet, ist es im Sinne des self interest dieses Verhalten nicht zu praktizieren, weil es zu negativen Fremdbewertungen kommen könnte, oder weil dieses Verhalten sogar strafbar ist.

Ist das Individuum davon überzeugt, dass das Verhalten x generell „schlecht“ ist, auch wenn es in der Gesellschaft (noch) nicht so bewertet wird, so wird dieser Mensch das Verhalten ebenfalls nicht praktizieren, weil dann das eigene moralische „Selbst-Bild“ gefährdet würde.

2.3.2. Rationalkalkulierende Verhaltenstypen im moralischen Raum

Ein moralischer Raum wird also immer durch negative und positive Dimensionen bestimmt. Kirsch entwirft nun am Beispiel des Umweltbewusstseins verschiedene Verhaltenstypen, die rational kalkulieren und zu verschiedenen Einstellungen bezüglich eines Themas (in diesem Fall des Umweltbewusstseins) oder einer Situation kommen.

Schaubild 1 zeigt einen gesellschaftlich festgelegten moralischen Raum. Am Nullpunkt schlägt ein „gutes“ Verhalten in ein „schlechtes“ Verhalten um. Die Kurven bezeichnen verschiedene Verhaltensweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaubild 1

Die Kurve A bezeichnet eine Person mit einem indifferenten Verhalten gegenüber einem Thema. Im Falle des Umweltbewusstseins besitzt diese Person kein Umweltbewusstsein. Kurve B bezeichnet eine Person mit einem negativen Bewusstsein gegenüber der Umwelt. Um Kostenaufwand zu sparen, wird ein negativ bewertetes Verhalten in Kauf genommen. Kurve C steht für eine Person mit positivem Umweltbewusstsein. Hier werden Kosten in Kauf genommen, um ein im moralischen Raum „gut“ bewertetes Verhalten praktizieren zu können. Die Kurven B und C lassen sich beliebig rechts bzw. links des Nullpunkts verschieben.

Die Person mit einem Verhalten, das sich mit Kurve D beschreiben lässt, betitelt Kirsch als „verhaltensfixierten Rigoristen“ (Kirsch, 1997, in: Lohmann/Priddat, 1997: 58). Diese Person hält starr und strikt an einem Verhalten (d) fest, gleich, wie die Höhe der Kosten dieses Verhaltens sich gestaltet. Der „Vorteil“ diesen Typs ist, dass die Person nicht bei jeder Entscheidung ein neues Entscheidungskalkül unter Einbeziehung der Dimensionen des moral space anstellen muss.

Demgegenüber steht der Typus des „anreizfixierten Opportunisten“ (Kirsch, 1997, in: Lohmann/Priddat, 1997: 58), dessen Verhaltenskurve im Schaubild mit E bezeichnet ist. Diese Person ändert ihr Verhalten bezüglich eines Themas am flexibelsten von allen. Sie ist praktisch zu allem bereit, sofern sie davon einen Nutzen einer bestimmten Höhe (e) hat. Das Verhalten unterliegt keinen Abwägungen moralischer Natur, die die Dimensionen des moral space berücksichtigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Einbeziehung von Moral in Entscheidungskalküle
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Seminar Markt und Moral
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V20985
ISBN (eBook)
9783638247122
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einbeziehung, Moral, Entscheidungskalküle, Seminar, Markt
Arbeit zitieren
Julia L. Modenbach (Autor), 2003, Die Einbeziehung von Moral in Entscheidungskalküle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20985

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