Das Gottesbild in den Gedichten "Der Kriegsgott" von Albert Ehrenstein und "Gott" von Karl Otten

Zwei expressionistische Gedichte im Diskursfeld (zweier) theologischer Thematiken


Seminararbeit, 2012
41 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Gedichtanalyse: Albert Ehrenstein: »Der Kriegsgott«
2.1.1. Text
2.1.2. Wirkung und Thematik
2.1.3. Textbeschreibung
2.1.3.1. Metrik und Rhythmus
2.1.3.2. Satzbau
2.1.3.3. Klanggestalt und Reim
2.1.3.4. Wortwahl und Schlüsselwörter
2.1.3.5. Formaler und gedanklicher Aufbau
2.1.3.6. Bildlichkeit
2.1.4. Interpretation und Deutung
2.1.4.1. »Totale metaphysische Heimatlosigkeit der menschlichen Existenz in der Moderne«: Supplikative Vergeblichkeit
2.1.4.2. Entindividualisierung und Peiorisierung
2.1.4.3. Die Gottheit als tierisch-wilder, mythisch-dämonisch-diabolischer und anthropomorpher Typus
2.1.4.4. Vergangenheit, Aktualität und zugleich Zukünftigkeit des absoluten Weltuntergangs
2.1.4.5. Weltuntergang vs. Apokalypse
2.1.4.6. Ende des Neuen und Alten zugleich
2.1.4.7. Gewaltdarstellung und »Groteske[r] Galgenhumor«
2.1.4.8. Verarbeitung der Erlebnisse im ersten Weltkrieg: »Universeller Weltschmerz«
2.1.4.9. Exkurs: Die Frage nach der Verantwortung Gottes angesichts des Leids in der Welt
2.2. Gedichtanalyse: Karl Otten: »Gott«
2.2.1. Text
2.2.2. Wirkung und Thematik
2.2.3. Textbeschreibung
2.2.3.1. Metrik und Rhythmus
2.2.3.2. Satzbau
2.2.3.3. Reim und Klanggestalt
2.2.3.4. Wortwahl und Schlüsselwörter
2.2.3.5. Formaler und gedanklicher Aufbau
2.2.3.6. Bildlichkeit
2.2.4. Interpretation und Deutung
2.2.4.1. Absolute Unfähigkeit des Menschen zur Gotteserkenntnis und -rede generell
2.2.4.2. Exkurs: Analoge Gottesrede. Das erkenntnistheoretisch-theologische ›Nicht-
sagen-Können‹
2.2.4.3. »Radikale Literarisierung der Ich-Dissoziation« und ureigentliche Unbedeutsamkeit des Menschen vor Gott
2.2.4.4. Neuschöpfung in der Gottesbegegnung. Der ›Neue Mensch‹
2.2.4.5. Gotteserkenntnis nur von Gott her: Erleuchtung
2.2.4.6. Gott und das Leid
2.3. Vergleich beider Gedichte hinsichtlich zweier theologischer Aspekte
2.3.1. Gottesbild
2.3.2. Theodizeefrage

3. Schluss

4. Bibliographie
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Viele expressionistische Texte literarisieren religiöse Motive und theologische Themen, teil- weise auch im Rückgriffe auf biblische Motiviken. U.a. durch die Wahrnehmung »des völligen Niedergangs aller menschlichen Beziehungen«[1] gerät »eine grundlegende geistig-religiöse Erneue- rung der westlichen Zivilisation«[2] in den Blick. Der Untergang der alten »entseelten und inhuma- nen Industriegesellschaft«[3] wird genauso thematisiert wie der utopisch-ideale neue Mensch, so- dass eine völlig neue humanere Gesellschaftsform ermöglicht wird bzw. werden soll. Interessant dabei ist, dass auf die oben erwähnten biblischen und theologischen Motive zurückgegriffen wird, obwohl diese gerade der alten, spießbürgerlichen Gesellschaft angehören, die so vehement litera- risch umgestaltet wird.

In vorliegender, auch interdisziplinär ausgerichteter Arbeit sollen zwei Gedichte näher analy- siert und schließlich verglichen werden, die zwei grundlegende Thematiken des Expressionismus bearbeiten: Die Rolle (eines/des) Gottes bei Weltende und Neuschaffung/-schöpfung des Men- schen. Auf diese beiden expressionistischen Motive wird im Verlauf der Analyse im Diskursfeld zweier wichtiger theologischer Themen eingegangen: Das Gottesbild bzw. die Rede von/über Gott und die Frage nach der Verantwortung Gottes angesichts des Leids in der Welt (Theodizee). Die Bearbeitung der beiden Gedichte erfolgt im Groben in zwei Schritten: Zuerst sollen die Gedichte einzeln analysiert werden, anschließend folgt der Vergleich auf der Basis der in der Ein- zelanalyse erhaltenen Deutungs- und Interpretationsergebnisse. Die Analyse der Einzelgedichte ist grundsätzlich immer gleich aufgebaut: (1) Zuerst werden die Wirkung und die Thematik des Textes nach dem ersten Lesen kurz dargelegt und eine erste, spontane Deutung auf der Grundla- ge dieser ersten Lektüre versucht. Im Verlauf der Einzelanalysen bzw. des abschließenden Ge- samtvergleiches zeigt sich dann, inwiefern diese ersten, spontanen Deutungsversuche zugetroffen haben. (2) In einem zweiten Analyseschritt folgt die Beschreibung des Textes hinsichtlich Metrik und Rhythmus, Satzbau, Klanggestalt, Wortwahl und Schlüsselwörter, Bildlichkeit sowie forma- lem und gedanklichem Aufbau. Deskription und Interpretation sollen – nach Möglichkeit – strikt getrennt werden. (3) Dieser zweite Analyseschritt bildet die deskriptive ›Rohdatenbasis‹ (mit je-

weiliger Wirkung) für die sich nun anschließende Interpretation und Deutung des Einzeltextes.

Abschließend folgt der oben bereits erwähnte Vergleich der beiden Gedichte hinsichtlich der Themen bzw. Motive ›Gottesbild‹ und ›Theodizeeproblematik‹.

2. Hauptteil

2.1. Gedichtanalyse: Albert Ehrenstein: »Der Kriegsgott«

2.1.1. Text

1 »Heiter rieselt ein Wasser,
2 abendlich blutet das Feld,
3 aber aufreckend das wildbewachsene Tierhaupt,
4 den Menschen feind,
5 zerschmettere ich, Ares,
6 zerkrachend schwaches Kinn und Nase,
7 Kirchtürme abdrehend vor Wut,
8 euere Erde.
9 Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört. 10 Nicht hintersinnet ihr dies:
11 ein kleiner Unterteufel herrscht auf der Erde, 12 es dient ihm Unvernunft und Tollwut.
13 Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte. 14 Der ich der alten Burgen Wanketore
15 auf meine Dämonsschultern lud, 16 ich schütte aus die dürre Kriegszeit, 17 steck‘ Europa in den Kriegssack.
18 Rot umblühet euer Blut 19 meinen Schlächterarm,
20 wie freut mich der Anblick! 21 Der Feind flammt auf
22 regenbitterer Nacht,
23 Geschosse zerhacken euere Frauen, 24 auf den Boden
25 verstreut sind die Hoden 26 euerer Söhne
27 wie die Körner von Gurken.
28 Unabwendbar eueren Kinderhänden 29 rührt eure Massen der Tod.
30 Blut gebt ihr für Kot, 31 Reichtum für Not,
32 schon speien die Wölfe 33 nach meinen Festen,
34 euer Aas muß sie übermästen. 35 Bleibt noch ein Rest
36 nach Ruhr und Pest?
37 Aufheult in mir die Lust, 38 euch gänzlich zu beenden!«

2.1.2. Wirkung und Thematik

Der Text wirkt beim ersten Lesen beängstigend auf den Leser: Das lyrische Ich, der Kriegs- gott Ares, droht der Welt mit vorwegnehmender Grausamkeit ihr baldiges Ende an. Der Leser erfährt einen Anflug von Vergeblichkeit und Ekel über die Grausamkeiten, die sich der Kriegs- gott für die Menschen ausgedacht hat. Man scheint gleichsam den Schmerz der Betroffenen mit- fühlen zu können, im Chaos mit unterzugehen. Es handelt sich um ein Szenario, das niemand wirklich miterleben möchte. Und doch hat man als Leser angesichts des Titels »Kriegsgott« das Gefühl, als ob der Text auf realen Erfahrungen einer Generation beruht, die den Grausamkeiten des Krieges in der Tat gegenüberstand.

2.1.3. Textbeschreibung

2.1.3.1. Metrik und Rhythmus

Auffallend bei der metrischen Analyse des Textes ist, dass das Gedicht – sieht man einmal da- von ab, dass öfters zwischen Trochäen (zum Teil mit Auftakt) und Daktylen gewechselt wird (zum Teil auch innerhalb der Verse) – eine relativ regelmäßige Metrik aufweist. Denn die Lyrik des Expressionismus weist hinsichtlich ihrer metrischen Gestaltung die »denkbar größte Diversi- fikation«[4] auf. Manche Dichter lassen sogar »alle konventionellen Regeln, weil sie als unerträgli- cher Zwang und als einschnürende Ketten der abgenutzten bürgerlichen Poesie empfunden wer- den, hinter sich und fassen ihre lyrischen Texte in freien Rhythmen ab«[5]. Im vorliegenden Text sind aber Wechsel in der Metrik eher sparsam eingesetzt. Im Folgenden ist die rein metrische Analyse des Textes zu finden. Die betonten Silben sind dabei unterstrichen, unbetonte nicht kenntlich gemacht:

1 »Heiter rieselt ein Wasser,
2 abendlich blutet das Feld,
3 aber aufreckend das wildbewachsene Tierhaupt,
4 den Menschen feind,
5 zerschmettere ich, Ares,
6 zerkrachend schwaches Kinn und Nase,
7 Kirchtürme abdrehend vor Wut,
8 euere Erde.
9 Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört.
10 Nicht hintersinnet ihr dies:

11 ein kleiner Unterteufel herrscht auf der Erde, 12 es dient ihm Unvernunft und Tollwut.
13 Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte. 14 Der ich der alten Burgen Wanketore
15 auf meine Dämonsschultern lud, 16 ich schütte aus die dürre Kriegszeit, 17 steck‘ Europa in den Kriegssack.
18 Rot umblühet euer Blut 19 meinen Schlächterarm,
20 wie freut mich der Anblick! 21 Der Feind flammt auf
22 regenbitterer Nacht,
23 Geschosse zerhacken euere Frauen, 24 auf den Boden
25 verstreut sind die Hoden 26 euerer Söhne
27 wie die Körner von Gurken.
28 Unabwendbar eueren Kinderhänden 29 rührt eure Massen der Tod.
30 Blut gebt ihr für Kot, 31 Reichtum für Not,
32 schon speien die Wölfe 33 nach meinen Festen,
34 euer Aas muß sie übermästen. 35 Bleibt noch ein Rest
36 nach Ruhr und Pest?
37 Aufheult in mir die Lust, 38 euch gänzlich zu beenden!«

Größere Auffälligkeiten, sind lediglich an folgenden Stellen zu finden: Die Verse 1 und 2 folgen mit ihrer daktylischen Struktur eher traditionellen metrischen Mustern. Die verwandten Begriffe[6] (Vers 1: »heiter«, »rieseln«, »Wasser«; Vers 2: »abendlich«, »Feld«) verstärken diesen Verdacht. Während diese beiden Verse mit jeweils betonter Silbe beginnen, unterbricht Vers 3 diesen Duk- tus, indem er mit unbetonter Silbe beginnt und insgesamt eine unregelmäßige metrische Struktur aufweist. Diese metrischen Unregelmäßigkeiten passen sehr gut zum »aufreckend« und »wildbe- wachsen« und betonen den auch inhaltlichen Einschnitt. In Vers 5 treffen zwei betonte Silben aufeinander (»ich«, »Ares«), was – zusätzlich zum Komma – zu einer Zäsur führt, die zum ersten und einzigen Mal explizit sagt und betont, wer oder was das lyrische Ich ist, nämlich »Ares«, ein aus der antiken Mythologie bekannter Kriegsgott. Die trochäische Struktur in Vers 6 (mit Auf- takt) suggeriert nach Vers 5 (mit Zäsur) beinahe etwas Tänzelndes sowie regelmäßig Hackendes und scheint so das »zerschmettere ich« (V. 5) fast hörbar zu realisieren. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Trochäus in Vers 13. Die kurze Struktur der Versfüße führt in dieser Regelmäßig- keit zum Eindruck, das lyrische Ich schreite festen Schrittes »um die Städte«, die »Menschenhäu- te« aufzuspannen. In Vers [7] folgt nach vier Versen mit Auftakt eine betonte erste Silbe. Die Be- tonung auf »Kirch(türme)« wird dadurch noch verstärkt. Eine weitere Auffälligkeit weist Vers 20

auf: Nachdem in den Versen 11-19 ausschließlich Trochäen (zum Teil mit Auftakt) verwendet worden sind, kommt in diesem Vers ein daktylischer Mitteltakt (»freut mich der«) zur Anwen- dung. Da ein Daktylus mit seiner dreisilbigen Struktur und der Betonung auf der ersten Silbe etwas an einen Walzer erinnert, suggeriert dieser Mitteltakt hier nach den zahlreichen Trochäen etwas ›Beschwingtes‹ und scheint eine metrische Realisierung der angesprochenen Freude zu sein. Während die Metrik – bis auf die obigen Anmerkungen – keine größeren Auffälligkeiten zeigt, weichen Rhythmus und Betonung an manchen Stellen von der Metrik ab und bewirken damit gezielte Betonungen. Auch wenn der Sprechrhythmus nicht vollständig objektiv nachvollziehbar ist und stets auch von der sprachlichen Interpretation des Lesers abhängt, soll im Folgenden die rhythmische Struktur (subjektiv durch den Verfasser) dargestellt werden. Normalbetonte Silben7 sind unterstrichen, stark betonte Silben bzw. Diskrepanzen zwischen Metrik und Rhythmus (und dadurch schon Betonungen) unterstrichen und fett markiert, unbetonte Silben sind wiederum

nicht markiert:

1 »Heiter rieselt ein Wasser,
2 abendlich blutet das Feld,
3 aber auf reckend das wildbewachsene Tierhaupt,
4 den Menschen feind,
5 zerschmettere ich, Ares,
6 zerkrachend schwaches Kinn und Nase,
7 Kirch türme abdrehend vor Wut,
8 euere Erde.
9 Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört. 10 Nicht hintersinnet ihr dies:
11 ein kleiner Unterteufel herrscht auf der Erde, 12 es dient ihm Unvernunft und Tollwut.
13 Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte. 14 Der ich der alten Burgen Wanketore
15 auf meine Dämonsschultern lud, 16 ich schütte aus die dürre Kriegszeit, 17 steck‘ Europa in den Kriegssack.
18 Rot umblühet euer Blut 19 meinen Schlächter arm,
20 wie freut mich der Anblick! 21 Der Feind flammt auf
22 regenbitterer Nacht,
23 Geschosse zerhacken euere Frauen, 24 auf den Boden
25 verstreut sind die Hoden 26 euerer Söhne
27 wie die Körner von Gurken.
28 Un abwendbar eueren Kinderhänden 29 rührt eure Massen der Tod.
30 Blut gebt ihr für Kot, 31 Reichtum für Not,
32 schon speien die Wölfe
33 nach meinen Festen,
34 euer Aas muß sie über mästen. 35 Bleibt noch ein Rest
36 nach Ruhr und Pest?
37 Auf heult in mir die Lust, 38 euch gänz lich zu beenden!«

Nachdem die Verse 3-6 mit einem Auftakt bzw. einer unbetonten Silbe begonnen haben, durchbricht Vers 7 diese Logik und setzt eine Betonung auf den Anfang »Kirch(türme)«. Dies wurde bei der metrischen Analyse bereits angesprochen. Der Leser wird damit besonders auf diese erste Silbe hingewiesen. Der rein metrischen Struktur in Vers 9 folgend dürfte das Wort

»nicht« eigentlich nicht betont sein, sondern davor »der« und danach »hört«. Der Sprechrhythmus (auch dem Textsinn entsprechend) fordert hier jedoch gleichsam eine ›ametrische‹ Betonung auf

»nicht«, was der Negierung zusätzliches Gewicht verleiht. Obwohl metrisch die erste Silbe des Wortes »meinen« in Vers 19 betont ist bzw. sein müsste, arbeitet der Sprechrhythmus direkt auf

»Schlächter(arm)« zu und fasst somit die beiden Silben in »meinen« beinahe als Auftakt auf, der die Gewichtung auf das zweite Wort legt. Die bei der metrischen Analyse von Vers 20 bereits angedeutete daktylische Struktur setzt zusammen mit dem Sprechrhythmus einen besonderen Akzent auf das Prädikat des Satzes »freut«. Während Vers 27 mit zwei unbetonten Silben (Auf- takt) beginnt, setzt Vers 28 mit einer betonten Silbe ein. Diese Unterbrechung der erwarteten metrischen Struktur hebt den Negationspartikel »Un-« in besonderer Weise hervor. Der Textsinn in Vers 34 betont das Präfix »über-« zusätzlich. Die Verse 35 und 36 beschleunigen den Sprechr- hythmus durch ihre Struktur, da sie gleichsam nahtlos ineinander übergehen und beinahe wie ein einziger Vers wirken. In einem ›rhythmischen Bogen‹ führt dies direkt zur ersten, stark betonten Silbe »auf-« in Vers 37. Sprechrhythmisch scheinen diese beiden letzten Verse der Höhepunkt des Endes des Gedichtes zu sein, da hier zugleich drei Betonungen gesetzt sind.

Die Kadenzen erscheinen insgesamt sehr unregelmäßig. Einige Verse werden jedoch über Ka- denz und Reim miteinander in Verbindung gebracht: »Boden« und »Hoden« (Verse 24 und 25);

»Tod«, Kot« und »Not« (Verse 29 bis 31) sowie »Rest« und »Pest« (Verse 35 und 36). Die diese Verse auch über den Reim korrespondieren, soll an jener Stelle[8] näher auf sie eingegangen wer- den.

2.1.3.2. Satzbau

Der erste Satz erstreckt sich über die Verse 1-8; er ist hauptsächlich parataktisch gebaut. Das eigentliche Objekt des zweiten Teils (Verse 5-8) »euere Erde« folgt erst am Schluss. Die Sätze der nachfolgenden Verse (Verse 9-13) sind eher einfach gebaut und erstrecken sich meist über nur eine Zeile. Die Sätze der restlichen Verse (Verse 13-38) verlaufen größtenteils über mehrere Ver- se. Besonders auffällig ist eines: Es werden durchgängig Parataxen verwandt, in jeder Verszeile findet sich ziemlich genau eine einzige Sinneinheit, ein Aspekt, selten auch nur ein Objekt bzw. Adverbiale (z.B. »auf den Boden« (Vers 24); »euere Söhne« (Vers 26)). Hypotaktisch wird die Syn- tax nur dann, wenn das lyrische Ich, d.h. der Kriegsgott Ares, sich selbst charakterisiert: »Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört.« (Vers 9); »Aufheult in mir die Lust, / euch gänzlich zu beenden.« (Verse 37-38)

2.1.3.3. Klanggestalt und Reim

Bei der klanglichen Auswahl der Begriffe fällt auf, dass eher Wörter mit ›hart‹ klingenden Konsonanten (stimmlose Plosive und Frikative) verwendet werden, z.B.: »Wasser« (Vers 1), »blu- tet…Feld« (Vers 2), »aufreckend…wildbewachsene Tierhaupt« (Vers 3), »Menschen feind« (Vers 4), »zerschmettere ich« (Vers 5), »zerkrachend schwaches Kinn« (Vers 6), »Kirchtürme…Wut« (Vers 7), »Lasset ab, den Gott zu rufen, der nicht hört« (Vers 9), »Nicht hintersinnet ihr dies« (Vers 10), »kleiner Unterteufel herrscht auf« (Vers 11), »dient…Unvernunft und Tollwut« (Vers 12), »Menschenhäute spannte ich an Stangen um die Städte« (Vers 13).

Die Vokalauswahl erfolgt nach dieser Logik: Bei Verben sind eher helle Vokale (e, i, ei, ü) verwendet, z.B.: »rieselt« (Vers 1), »zerschmettere« (Vers 5), »abdrehend« (Vers 7), »hintersinnet« (Vers 10), »herrscht« (Vers 11), »dient« (Vers 12), »schütte« (Vers 16), »steck‘« (Vers 17), »umblü-

het« (Vers 18), »freut« (Vers 20), »verstreut« (Vers 25), »rührt« (Vers 29), »gebt« (Vers 30), »spei- en« (Vers 32), »bleibt« (Vers 35); bei den Stammvokalen von Substantiven finden eher dunkle Vokale (a, o, ö, u, au) Verwendung, z.B.: »Wasser« (Vers 1), »Ares« (Vers 5), »Nase« (Vers 6),

»Tollwut« (Vers 12), »Stangen…Städte« (Vers 13), »Wanketore« (Vers 14) usw.

Der Anfang von Vers 3 ähnelt dem aus Vers 2 zunächst einmal. Beide beginnen mit »ab…«, was eine anaphorische Struktur suggeriert. Doch klanglich (und inhaltlich) folgt dann der scharfe Kontrast zu Vers 2. Es wurde bereits gezeigt, dass die metrische Struktur in Vers 6 etwas ›Tän- zelndes‹ hat.[9] Hinzu tritt außerdem eine Onomatopoesie durch die beiden Wörter »zerkrachend« und »schwaches«. Dies führt zu einer lautmalerischen Realisierung des ›Zerkrachens‹ oder ›Zer- schmetterns‹. Eine ähnliche Lautmalerei findet sich in Vers 13 durch die Frikative in »spannte«,

»Stangen« und »Städte«. Die Verse 16 und 17 häufen auffällig helle Vokale und geminieren das Wort »Krieg«, auftretend in zwei Komposita. Eine ähnliche Verdoppelung ist auch in den Versen 11 und 12 zu finden, hier allerdings mit dem Präfix »un-«.

Wie in Kapitel »2.1.3.1. Metrik und Rhythmus« bereits erwähnt, werden über Kadenz und Reim einige Verse in Beziehung zueinander gesetzt. Da endreimende Verse eher sparsam einge- setzt sind, fallen jene Verse, die solche Reime aufweisen, besonders auf. Auf drei Versgruppen soll dabei hingewiesen werden: Die Verse 24 und 25 (»Boden« und »Hoden«), 29 bis 31 (»Tod«,

»Kot« und »Not«) sowie 35 und 36 (»Rest« und »Pest«) werden miteinander in Verbindung ge- bracht. Auch hier findet wieder eine lautmalerische Realisierung statt: »Boden« und »Hoden« (Verse 24 und 25) enthalten einen langen Stammvokal und stimmhafte Plosive, was die angespro- chenen Weichteile akustisch deutlich macht. Bei den anderen beiden Versgruppen sind stimmlose Plosive und – im Fall der Verse 35 und 36 – kurze Stammvokale verwandt, was Härte suggeriert.

2.1.3.4. Wortwahl und Schlüsselwörter

Zunächst soll auf die Auswahl der Verben eingegangen werden: Es werden hauptsächlich dy- namische und aggressive Verben verwandt: »blutet« (Vers 2), »aufreckend« (Vers 3), »zerschmet- tere« (Vers 5), »zerkrachend« (Vers 6), »herrscht« (Vers 11), »spannte« (Vers 13), »lud« (Vers 5),

»steck‘« (Vers 17), »umblühet« (Vers 18), »flammt« (Vers 21), »zerhacken« (Vers 23), »verstreut«

(Vers 25), »rührt« (Vers 29), »gebt« (Vers 30), »speien« (Vers 32), »übermästen« (34), »aufheult« (Vers 37), »beenden« (Vers 38); einige davon stammen eher aus dem Wortfeld ›Ekel‹: »zerhacken« (Vers 23), »speien« (Vers 32), »übermästen« (Vers 34).

[...]


[1] Bogner: Einführung, 70.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 71.

[4] Bogner: Einführung, 73.

[5] Ebd.

[6] Siehe zur Analyse der Wortwahl Kapitel »2.1.3.4. Wortwahl und Schlüsselwörter«, S 10.

[7] Die ›Normalbetonung‹ meint hier dezidiert nicht die phonologische Akzentsetzung, sondern die Hauptbetonung in größeren Betonungseinheiten, die u.a. auch durch den Textsinn bestimmt werden.

[8] Siehe Kapitel »2.1.3.3. Klanggestalt und Reim«, S. 9.

[9] Siehe Kapitel »2.1.3.1. Metrik und Rhythmus, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Das Gottesbild in den Gedichten "Der Kriegsgott" von Albert Ehrenstein und "Gott" von Karl Otten
Untertitel
Zwei expressionistische Gedichte im Diskursfeld (zweier) theologischer Thematiken
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Expressionismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
41
Katalognummer
V209961
ISBN (eBook)
9783656378679
ISBN (Buch)
9783656379010
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bearbeitete Gedichte: - Albert Ehrenstein: »Der Kriegsgott« - Karl Otten: »Gott«
Schlagworte
Karl Otten: »Gott«, Albert Ehrenstein: »Der Kriegsgott«, Expressionismus, Theodizee, Gottesrede
Arbeit zitieren
Alexander Schmitt (Autor), 2012, Das Gottesbild in den Gedichten "Der Kriegsgott" von Albert Ehrenstein und "Gott" von Karl Otten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209961

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