"The Sense of an Ending" von Julian Barnes: Ansätze zu einer hermeneutischen Lektüre


Essay, 2013

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Abstract

Im folgenden Essay sollen Ansätze zu einer hermeneutischen Lektüre von Julian Barnes‘ Roman The Sense of an Ending (2011) vorgestellt werden. Die Annäherung an das Werk setzt nicht direkt mit einer Textanalyse ein, sondern wird in drei Schritten erfolgen: I. Vor dem Text, II. Im Text, III. Um den Text.[1] Ziel ist es, die Haltung gegenüber einem Text schon in der Wahl desselben anzusiedeln, um sie anschließend in der konkreten Analyse zu belegen und mit dem Kontext abzurunden.

I. Vor dem Text

Der Weg zu einem bestimmten literarischen Werk wird in der Regel schlicht für gegeben hin­genommen, sei er durch eine Literaturliste vorgeschrieben oder durch vermeintlich puren Zu­fall angeregt – der Aspekt der Wahl eines Buches gilt ganz klar als nebensächlich. An und für sich, so kann man/frau die Behauptung wagen, kein großer Verlust für eine nachfolgende Textanalyse und noch weniger Verlust für eine „Freizeitlektüre“, die keine weiterreichende Rezeption nach sich zieht. Aber doch beginnt die Haltung gegenüber einem Text bereits vor der eigentlichen Lektüre und, dass jene ohne Folgen bleibt, wage ich zu bezweifeln. Ich spre­che hier nicht ausschließlich von einem positiven oder negativen Gefühl, das eine/n vom Buchdeckel an begleiten mag, sondern von einer Ignoranz gegenüber der Reflexion eines sol­chen Gefühls.

Julian Barnes hat sich in einem Interview über den Weg eines Buches zum Leser, zur Leserin geäußert: „In an ideal world, readers would come to your books through some mysterious system of traction, some sixth sense.”[2] Diese Aussage scheint zwar auf den ersten Blick mehr ein Bauchgefühl als eine Reflexion zu thematisieren, wenn aber beachtet wird, dass Barnes erstens von einer idealen Welt ausgeht, und zweitens im Konjunktiv von den Auswirkungen dieser nicht existenten Utopie spricht, dann dürfte klar sein, dass dies wohl kaum als Befür­wortung eines unerklärlich mysteriös anmutenden, gefühlsmäßigen Umgangs mit Literatur gelten kann. Der Weg zu einem Werk mag oft wie ein glücklicher Zufall erscheinen, doch bei näherer Betrachtung wird man/frau erkennen, dass ein gewisses individuelles Vorwissen bzw. Vorverständnis dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Beispielsweise kam mir die Wahl von Julian Barnes‘ The Sense of an Ending relativ willkürlich vor und nach begonnener Lektüre habe ich mir gewissermaßen zu meinem „Glücksgriff“ gratuliert. Es lässt sich aber leicht beweisen, dass mein Griff weit weniger mit Glück zu tun hatte, als es auf mich den An­schein machte.

Schon die pragmatischen Kriterien, welche in der Lehrveranstaltung vorgegeben wurden, nämlich dass das Werk nicht allzu lang und zudem relativ aktuell sein sollte, schränkten die Wahl ein. Hier könnte eingewandt werden, dass diese Kriterien wenig bis nichts mit meinem individuellen Vorwissen zu tun haben. Ja und Nein. Ja, in Bezug auf diese zwei konkreten Kriterien. Nein, da, wenn der Blick etwas geweitet wird, ich ja nicht ganz zufällig in diesem Kurs sitze, sondern mein Studium im Allgemeinen wie auch meinen Semesterplan im Speziellen bis zu einem gewissen Grad selbst gestalte. Zudem setzt ein literaturwissenschaft­lich orientiertes Studium in der Regel schon ein gewisses Niveau der zu behandelnden Literatur voraus.[3]

Noch stärker mit dem individuellen Vorwissen hängen naturgemäß die persönlichen Kriterien für die Wahl des Buches zusammen, die da wären:

Fokussierung auf englischsprachige Literatur, da ich nach der Matura ein Jahr in England ge­lebt habe und folglich die Sprache gut beherrsche. Außerdem hatte ich bisher im Studium nicht oft die Gelegenheit mich näher mit englischsprachigen Werken zu beschäftigen, wes­halb ich die Möglichkeit nun sofort ergriffen habe.

Das Cover mit der großen Pusteblume, die vom Winde zerpflückt wird, hat mich erstens an in persönliches Sommerspaziergangs-Erlebnis erinnert, und es kommt zweitens in seiner Ästhetik meiner Vorliebe für etwas unscharfe, farblich gedämpfte Photographien mit einge­schwärzten Rändern nahe.

Fotos erinnern uns an etwas, das einmal war, eine konkrete Situation, die sich so nie mehr wiederholen wird, und doch scheinen sie den Anspruch zu erheben, uns in vergangene Episo­den unseres Lebens zurückzuversetzen. Eine Unschärfe im Bild kann daran gemahnen, dass es sich „nur“ um eine verzerrte Kopie einer früheren Realität handelt. Die Bildästhetik des Covers korrespondiert, so betrachtet, stark mit dem Inhalt des Romans, in dem ebenfalls un­zuverlässige Erinnerungen auftauchen.

Auch der Titel, den ich für mich als „Gespür für ein Ende bzw. für etwas Endendes“ übersetzt habe, hat meine Wahl beeinflusst. Dieses Gefühl scheint mir ein ständiger Lebensbegleiter zu sein. Dauernd endet etwas, damit wiederum etwas Neues beginnen kann. So nah wie in die­sem Satz liegen Ende und Anfang jedoch oft nicht beisammen. Es schiebt sich meist eine lange Phase der Unsicherheit davor, dazwischen und danach ein, sodass eine Art Endzeit- oder, etwas weniger dramatisch, Abschlussbewusstsein weit länger präsent ist als das tatsäch­liche zu Ende gehen von etwas.

Zu guter Letzt gab die Thematik, welche aus dem Klappentext, jeder Rezension oder Zu­sammenfassung als eine sich stark mit der Unzuverlässigkeit von Erinnerung beschäftigende ersichtlich ist, den Ausschlag. Ich habe mich seit jeher für die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung interessiert, mich in Zusammenhang mit Sigmund Freud auch schon etwas mit dem komplexen Prozess des Erinnerns beschäftigt. Zudem besuche ich dieses Se­mester eine Vorlesung zum Thema Zeit und Erinnerung im modernen Roman bei Univ.-Prof. Dr. Achim Hölter.

Was ich mit dieser Ausführung mehr und minder persönlicher Auswahlkriterien für The Sense of an Ending bezwecken wollte, ist eine Beweisführung gegen die scheinbare Zufälligkeit in der Lektürewahl. Die Reflexion und Objektivierung von Gefühlen stellt eine Haltung dar, die im Weiteren für die Textanalyse, in der es darum geht, „dass wir begreifen, was uns ergreift“[4], von großer Wichtigkeit ist.

II. Im Text

Noch vor dem aktiven Begreifen, das in einer Textanalyse für gewöhnlich angestrebt wird, tritt das Ergriffenwerden ein, welches ich als Grundvoraussetzung für eine tiefergehende Analyse betrachte. Es gibt keinen schwierigeren Start für die Auseinandersetzung mit einem Werk als einen phlegmatischen. Solange ein Buch jedoch gehasst und/oder geliebt werden kann, zum mindesten in irgendeine Richtung interessiert, wird genug Ansporn zu seiner De­struktion vorhanden sein, die für ein Sinn-Verständnis der Konstruktion unentbehrlich scheint.

In der Hermeneutik werden verschiedene Ebenen des Verstehens unterschieden, die dabei helfen können, sich die Annäherung an ein literarisches Werk plastischer vorzustellen[5]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der ersten Lektüre wird sich vor allem ein psychologisches Verstehen einstellen. Relativ schnell sucht der Leser, die Leserin in der Regel nach einer Identifikationsmöglichkeit mit einer der Figuren bzw. mit dem Erzähler.

In The Sense of an Ending gäbe es theoretisch die Möglichkeit, sich mehr mit der Jugend oder mit dem Alter zu identifizieren, wobei ich mich die Vermutung anzustellen getraue, dass der Roman für sehr junge LeserInnen wahrscheinlich weniger zu bieten hat. Die Sicht Tonys auf seine Jugend[6] ist stets schon durch den Blick des sich erinnernden Alten bestimmt, weswegen eine Identifikation mit dem Erzähler schwieriger sein dürfte, wenn sich die LeserInnen noch mitten in der mit einer gewissen Distanz behandelten Lebensphase der Jugend befinden.

[...]


[1] Zu dieser Dreiteilung meines Essays inspiriert wurde ich durch einen Vorschlag von Helmut Danner: Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik. Einführung in Hermeneutik, Phänomenologie und Dialektik. 3. Aufl. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 1994. S. 94/95.

[2] Scarlett Baron: Nothing To Be Frightened Of: An Interview with Julian Barnes. In: The Oxonian Review of books. Summer 2008: volume 7: issue 3. (http://www.oxonianreview.org/issues/7-3/baron.shtml).

[3] Damit will ich keineswegs bestreiten, dass es nicht auch sinnvoll und gerechtfertigt sein kann, sich wissenschaftlich mit Trivialliteratur auseinanderzusetzen; insbesondere, da die Grenzen zwischen niederer und höherer Literatur immer mehr zu verschwimmen scheinen. Aber die Wahrscheinlichkeit zu einem Werk mit gewissem literarisch-sprachlichen Anspruch zu greifen, wird doch im Allgemeinen etwas höher sein.

[4] Emil Staiger: Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters. Zürich: Atlantis 1939. S. 11.

[5] In Anlehnung an die Tabelle bei Helmut Danner: Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik. S. 46.

[6] Tonys Jugend, so wie er sie eingrenzt, umfasst im Roman in etwa die Zeitspanne von seinem 18. bis zu seinem 23. Lebensjahr.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"The Sense of an Ending" von Julian Barnes: Ansätze zu einer hermeneutischen Lektüre
Hochschule
Universität Wien  (Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
KO Theorie und Praxis der literarischen Hermeneutik
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V210221
ISBN (eBook)
9783656399926
ISBN (Buch)
9783656402046
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Julian Barnes, Hermeneutik, The Sense of an Ending, Literarische Hermeneutik, Gadamer, Psychologisches Verstehen, Sinn Verstehen, Elementares Verstehen, Höheres Verstehen, Storytelling
Arbeit zitieren
BA Sandra Folie (Autor), 2013, "The Sense of an Ending" von Julian Barnes: Ansätze zu einer hermeneutischen Lektüre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210221

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "The Sense of an Ending" von Julian Barnes: Ansätze zu einer hermeneutischen Lektüre



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden